Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Jam Sessions

GeschichteHumor, Freundschaft / P16 / Gen
Alastor Charlie Magne
29.12.2019
29.12.2019
2
12.584
7
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
29.12.2019 5.948
 
1. Kapitel



Folter hatte viele Gesichter.

Vor allem an diesem Ort; dem Schmelztiegel allen Abschaums, der jemals existiert hatte, war dies mehr als nur offensichtlich.

Die Hölle bot ihren Bewohnern eine Vielzahl an Möglichkeiten, ihrem grausamen Wahnsinn frönen zu können.

Wie sonst sollte man sich die Existenz von Spielshows erklären, in welchen die Teilnehmer nicht nur ihre Chance auf das Preisgeld verlieren konnten sondern auch einen hohen Anteil ihrer Extremitäten?

Revierkämpfe nach der jährlichen Säuberung wurden live übertragen und es gab stets eine rege Anteilnahme in den Wettbüros. Wer sich einen besonderen Namen machen wollte, arbeitete sogar mit einer der Engelswaffen vom Schwarzmarkt, um einen, ähem, dauerhaften Erfolg zu erzielen.

Oh, und ganz zu schweigen von den öffentlich zelebrierten Geißelungsfesten, bei denen die einfallsreichsten Fremd- sowie Selbstverstümmelungen ausgezeichnet wurden. Es gab ‚Künstler‘, die sich doch tatsächlich hiermit ihren Lebensunterhalt verdienten – es wuchs ja schließlich eh alles irgendwie, irgendwann wieder nach.

Und dann gab es da eben noch die kleinen, persönlichen Torturen, die man erleiden konnte, welche aber ganz sicher nicht minder grausam waren. Ganz im Gegenteil!

Es gab Momente, in denen selbst Charlie – die Tochter des hiesigen Herrschers – buchstäbliche Höllenquallen litt; so wie jetzt gerade, als sie um vier Uhr morgens auf dem Rücken in ihrem Bett lag, die Decke bis zur Nasenspitze hochzog und dabei dumpf ins Leere starrte, während ihr linkes Augenlid gefährlich zuckte.

Der Grund hierfür war eigentlich in einem Satz erklärt, aber auch komplizierter, als es zunächst den Anschein machte.

Nun; Charlie lag wach, weil es laut war.

Sehr laut.

Seit Stunden.

Und es handelte sich nicht um die erste Nacht, oh nein. Es war auch nicht die zweite.

Es war die dritte Nacht, in der sie nun schon nicht zur Ruhe kam, weil …

… im Zimmer am Ende des Gangs unmenschliche Laute zu hören waren, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließen und derart albtraumhafte Szenarien in ihrer Vorstellungskraft weckten, dass sie in ganz kurzen Momenten immer wieder froh darüber war, nicht spontan ins Land der Träume abzudriften, um ebenjene Dinge zu erleben.

Auch dieses Mal konnte man in einem Satz ganz gut erklären, wieso das so war.

Alastor wohnte darin.

Charlies selbsternannter Förderer hatte den Raum vor gut zwei Wochen ohne groß zu fragen in Beschlag genommen und zu seinem Eigentum erklärt. Das war an und für sich keine große Sache, vollkommen okay! Schließlich tat er ja sehr viel für sie. Da konnte man schon mal über ein paar Dinge hinwegsehen.

Es hatte sie nicht einmal gestört, dass er gerüchteweise wohl sogar einen halben Sumpf darin platziert hatte, wie auch immer er das anstellen konnte. Also … zumindest wenn das stimmte, was Angel zu Gesicht bekommen hatte, als er versuchte, gewisse Gegenstände unter Alastors Kopfkissen zu schmuggeln. Vielleicht waren das rückblickend aber auch Halluzinationen, zurückzuführen auf den akuten Sauerstoffmangel in seinem Gehirn, nachdem der Radiodämon ihn bei seinen höchst unanständigen Tätigkeiten erwischt hatte. Charlie hatte jedenfalls nicht vor, es nachzuprüfen.

Selbst die Sache mit den toten Hirschen war erträglich. Auch, dass sie manchmal noch nicht ganz tot waren, wenn er sie weiß der Himmel woher mitbrachte. Charlie wollte seine Essgewohnheiten nicht hinterfragen, weil es vermutlich für alle Beteiligten das beste war. Und wenn er schließlich doch mal kochte, war sein Hirschgulasch ja auch tatsächlich grandios.

Nein, nein; all das war nicht der ausschlaggebende Grund ihres Dilemmas.

Es lag eher daran, dass -

„Verfluchte Scheiße nochmal, Smiles! Lass endlich den Mist oder ich komm rüber und dann gibt es wirklich einen beschissenen Grund zum Schreien!“

Ja, auch Angel lag die dritte Nacht infolge wach und war dementsprechend geladen, wie er so quer durch die Wand plärrte, dass fast schon die Fensterscheiben klirrten.

Zunächst schien es beinahe wirklich so, als hätte sein Wutausbruch etwas gebracht. Stille setzte ein. Nur … wurde diese Hoffnung nach wenigen Sekunden auf grausame Weise zerstört, indem sich das Höllencrescendo in seiner Intensität und Geschwindigkeit einfach exorbitant steigerte – und Angel erneut einen Fluch ausstieß, den Charlie in all den Jahren, die sie nun schon lebte, noch niemals gehört hatte.

So langsam verstand sie wirklich, warum sich jeder vor Alastor in Acht nahm.

Auch wenn Charlie immer ganz gerne den bunten Regenbogen in jedem Wesen sah, so wusste sie doch eins ganz genau: Alastors Innerstes war bestenfalls eine dunkelgraue Regenwolke die sich vor den Regenbogen schob und er freute sich gerade wie ein Schneekönig darüber, jedem mit dem Gedudel penetrant auf die Nerven zu gehen.

Was genau er machte?

Er spielte ein Instrument.

Seine neueste Errungenschaft.

Um was es sich genau handelte, war irgendwie keinem so richtig klar; in der ersten Nacht hatte Charlie noch schwer vermutet, er würde ganz sicher magische, vom Aussterben bedrohte Tierarten zu Tode foltern. Oder so.

Man konnte sich die Töne in etwa genau so vorstellen, als wäre jemand auf die Idee gekommen, hunderte mit Helium gefütterte Kinderseelen gleichzeitig sehr laut und äußerst schief selbst komponierte Lieder zum Besten geben zu lassen. Rückwärts.

Als sie ihn am nächsten Tag höflich darum gebeten hatte, dass doch bitte niemand unter ihrer Obhut zu schaden kommen sollte und sie nicht geneigt war, Mord und Totschlag im Happy Hotel  zu dulden, hatte er nur abgewunken und erklärt, dass er von Zeit zu Zeit eben ganz gern Musik machte.

Vermutlich waren ihr daraufhin so ziemlich die Gesichtszüge entgleist und er hatte sie sprachlos stehen lassen.

Charlie erwartete nicht wirklich, dass er diese Töne selbst gut fand. Dafür war sein musikalisches Empfinden eigentlich viel zu gut ausgeprägt …

Alastor hatte einfach nur einen abartigen Sinn für Humor und genoss es eben sehr, sein Umfeld zu schikanieren.

Normalerweise, da war Charlie sich sicher, würde sie vermutlich selbst über dieses schreckliche Gequäke lachen. Vielleicht ihn sogar bitten, sie darin zu unterrichten – sofern man nicht einfach nur wirr auf den Tasten herum kloppte, bis sich jeder am liebsten mit einem Stift die Gehörgänge durchbohren wollte. Aber nach drei Nächten, in denen sie kaum ein Auge zugetan hatte, war ihr eher nach Weinen zumute. Oder wahlweise nach … sterben.


♪ ◙ ♪


„Wunderschönen guten Morgen, meine Lieben. Ich hoffe doch sehr, ihr hattet eine fantastische Nachtruhe!“, kam es gut gelaunt von Alastor, als sich die Bewohner des Hotels am nächsten Morgen halbtot Richtung Speisesaal geschleppt hatten, um sich wenigstens mit einem starken Kaffee flüssiges Leben einzuflößen.

Er selbst trudelte als letzter ein, stolzierte mit hinter dem Rücken verschränkten Armen um den Tisch herum und musterte jeden der Anwesenden mit dem süffisantesten Lächeln, zu dem er imstande war.

Während Husk seinen Kaffee mit dem unbekannten Inhalt einer grünen Flasche versetzte und so aussah, als würde man gut daran tun, ihn am besten überhaupt nicht anzusprechen, war Angel derart geladen, dass ihm beinahe Blitze aus den Augen zu schießen schienen - und Charlie neben ihm händeringend damit beschäftigt war, ihn zu beruhigen. Andernfalls würde er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Dinge tun, die er spätestens dann bereuen würde, wenn Alastors Retourkutsche kam. Und die kam immer. Minimum in doppelter Ausführung.

Vaggie saß zu ihrer Linken und murmelte ohne Unterlass unverständliche Worte – was mit Sicherheit gut so war.

Die kleine Niffty jedoch wirkte als einzige wie das blühende Leben, wuselte einem fleißigen Bienchen gleich zwischen ihnen herum und deckte in Windeseile weiterhin den Tisch.

„Ich bring den Pisser um“, knurrte Angel, leerte die erste Tasse Kaffee in einem Zug und griff dann hastig nach seinen Zigaretten. „Und niemand kann mich aufhalten!“

„Lass das, nicht am Tisch!“, tadelte Charlie ihn streng.

„Was, hä? Rauchen oder ihn abknallen?!“

„Beides!“ gab sie resigniert zurück und rieb sich die Stirn, wandte sich dann aber mit einem schüchtern-angespannten Lächeln an Alastor, der gerade hinter ihrem Stuhl vorbeischritt. „Ähem, wie schön, dass du mit uns frühstückst“, wollte sie einleiten, um eine halbwegs entspannte Atmosphäre zu schaffen, bereute dies aber relativ zügig, als er in ihr Sichtfeld trat und sie ihn genauer musterte.

Denn Alastor, der sich nun ihr gegenüber elegant niederließ, hatte Dinge im Gesicht, die man definitiv zum Frühstück noch nicht sehen musste … Selbst dann nicht, wenn man in der Hölle residierte.

Mit einer lapidaren Handbewegung winkte er nur ab und meinte amüsiert glucksend: „Oh, oh, nein, mein Liebes, ich habe bereits gegessen.“

Tja. Offensichtlich hatte er das wohl.

„Ah ja“, kam es gedehnt von Charlie zurück und sie setzte zu einem gekünstelten Lächeln an.

Als wäre es eine perfekt einstudierte Choreographie, kam Niffty wie aus dem Nichts, schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein und reichte ihm anschließend ein weißes Seidentuch, mit dem Alastor sich sehr stilvoll das Blut und … die anderen Dinge in Brockenform von den Mundwinkeln tupfte. Dann nippte er kurz an seinem Kaffee und summte gut gelaunt seine Lieblingsmelodie.

Er zog heute wirklich alle Register.

Vaggie, die wutentbrannt die Arme vor der Brust verschränkte, gab ihrer Freundin einen auffordernden Stoß mit dem rechten Ellenbogen und nickte dann mahnend in die Richtung ihrer grinsenden Nemesis.

Ja, Charlie war schon klar, dass sie früher oder später erneut ansprechen musste, was da jede Nacht vonstatten ging – nur war es eben nicht so leicht, einen der mächtigsten Dämonen der Hölle zu tadeln. Nicht mal, wenn man eine Prinzessin war und daher eigentlich im Rang über ihm stand. Das musste gut vorbereitet werden. Jedes Wort auf die Waagschale gelegt und -

„Grinsefresse, wenn du mich noch eine einzige verfickte Nacht um meinen wohlverdienten Schönheitsschlaf bringst, dann schwöre ich dir, probiere ich meine neue Spielesammlung definitiv in all ihrer Pracht an dir aus, darauf kannst du verflucht nochmal wetten!“

Na ja, oder man fiel eben salopp mit der Tür ins Haus wie Angel Dust.

Alastor hingegen überschlug nur die Beine, grinste wie ein besessenes Honigkuchenpferd und lehnte sich leicht vor. Ein unangenehmes Knistern hing in der Luft und dröhnte ganz schrecklich im Kopf. Was auch immer das für ein statisches Geräusch war, es ging auf jeden Fall von ihm aus. Jetzt sollte Charlie wohl unbedingt aufpassen, dass hier nichts eskalierte … Nicht schon so früh am Morgen.

„Okay, Jungs. Ich weiß, dass wir heute alle ein wenig überreizt sind“, sie warf einen flehentlichen Blick zu Angel, der sich mit zwei Paar verschränkten Armen zur Seite drehte und schmollte, „aber ich denke, wir sind doch alle erwachsen und können miteinander reden.“

„Scheiße noch eins“, knurrte zu aller Überraschung Husk am anderen Ende des Tisches und versetzte seinen Kaffee erneut mit einem Schuss seiner ‚Geheimzutat‘, „Ich lege echt keinen Wert darauf, den hinterhältigen Scheißkerl da irgendwie in Schutz zu nehmen, aber die Geräusche, die manchmal aus dem Zimmer der pinken Schlampe kommen, sind nicht besser, okay?“

„Oh, ich denke dabei eben nur an dich, Süßer.“

„Ich kotz’ gleich.“

Es reichte jetzt definitiv und vollkommen. Das wollte Charlie jetzt auch sagen. Ja. Das war der Plan. Jetzt gleich. Nur einen kleinen Moment noch, dann …

… kam ihre Freundin ihr zuvor. Hastig sprang Vaggie auf, schob dabei unwirsch den Stuhl hinter sich und knallte die Handflächen beherzt auf den Tisch. „Alastor“, fauchte sie wie eine wütende Katze.

„Ja, Liebling?“, kam es viel zu gut gelaunt zurück.

Ach je, fast befürchtete Charlie, dass aus den Ohren ihrer Freundin gleich heißer Dampf austreten würde …

Vaggie atmete mehrmals heftig durch, aber schien sich soweit unter Kontrolle zu haben, dass Charlie sie guten Gewissens die Sache handeln lassen konnte.

„Seit geschlagenen drei Tagen gehst du uns mit deinem nächtlichen Wahnsinn auf die Nerven. Wir haben genug von deinen dummen Scherzen, hörst du? Ich werde ganz sicher nicht weiterhin zusehen, wie du diesen Terror bis in die sprichwörtliche Ewigkeit fortführst.“

Alastor jedoch schien das alles nicht im mindesten zu kümmern. Er verzog nur spöttisch eine Braue und legte unter dem pfeifenden Nachhall eines imaginären Mikrophons den Kopf schief. „Tatsächlich?“, war die einzige Antwort, die er gab und sie hätte spöttischer nicht sein können.

„Al“, begann nun Charlie beschwichtigend einzulenken, „können wir uns vielleicht darauf einigen, dass du nicht mehr in der Nacht spielst? Oder zumindest nicht mehr so spät  in der Nacht? Oder zumindest -“

„Hör auf, ihm Zugeständnisse zu machen!“, keifte Vaggie ihre Freundin an. „Er wickelt dich nur wieder um den Finger!“

„Vaggie, hör mal, ich -“

„In Ordnung.“ Alle Blicke, wirklich ausnahmslos, wanderten zu Alastor, der nach seinen Worten nur gut gelaunt am schwarzen Kaffee nippte und dabei elegant den kleinen Finger abwinkelte.

Charlie war baff. „Wie jetzt?“

„Ich sagte, ist in Ordnung“, wiederholte er kurz und knapp.

„Oh. Okay. Danke.“ Nun, Charlie hatte immer schon gewusst, dass Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg war, aber das

Das war definitiv zu einfach“, flüsterte Vaggie skeptisch, doch war sie sich scheinbar selbst nicht so ganz sicher, was denn nun stimmte. Ein wenig kleinlaut setzte sie sich zurück auf ihren Stuhl, ließ aber dennoch Alastor keine Sekunde aus den Augen.

„Meine Freunde, wenn ihr mich nun entschuldigen würdet, ich habe noch ein wenig zu tun.“ Mit diesen Worten stand er auf, reichte Niffty kopftätschelnd seine Tasse und stolzierte von dannen.

Zurück blieben Husk, den das alles nicht kümmerte, Angel, der noch immer angesäuert eine Zigarette nach der nächsten paffte, sowie schließlich Vaggie und Charlie, die einen verwirrten Blick miteinander tauschten. Niffty hingegen … nun, sie machte, was sie am besten konnte: nämlich Ordnung.


♪ ◙ ♪


Irgendwie war es komisch.

Charlie konnte kaum schlau werden aus diesem sonderbaren Dämon, der sie seit ein paar Wochen bei ihren Bemühungen auf seine ganz eigene Art und Weise unterstützte.

Alastors Ja konnte ein Nein bedeuten, sein Nein ein Ja; sein Lächeln ließ so ziemlich jede Möglichkeit der Interpretation zu.

Dieser Mann war ihr einfach ein Rätsel. Und so sympathisch er ihr auch entgegen des allerersten Anscheins nach mittlerweile doch geworden war, so wenig konnte sie ihm auch vertrauen.

Wenngleich die Hälfte aller Höllenbewohner – oder noch mehr – sie nicht ernst nahm, war sie kein naives Dummerchen … Das übersahen manche nur einfach gern. Nein; ihr war durchaus klar, wen sie sich da ins Hotel geholt hatte.
Oder vielmehr: Wer sich eigenmächtig einquartierte, ohne ihr eine Wahl zu lassen.

Trotzdem wollte sie ihn nicht missen. Vaggies Begeisterung für Alastor hielt sich zwar mehr als in Grenzen, aber selbst sie musste zugeben, dass er das Hotel extrem schnell und effektiv einer Schönheitsbehandlung unterzogen hatte. Gut; es war offensichtlich, dass er Hirsche und ominöse Voodoosymbolik besonders anziehend zu finden schien und daher beinahe alles im Gebäude neuerdings irgendwo diesen besonderen Schriftzug trug, aber alles in allem war dies durchaus hilfreich gewesen, um neue Gäste aufzunehmen.

Oder besser… um überhaupt den Köder auszulegen. Denn besagte Gäste … blieben bisher noch aus.

Leider hatte Angels Exzess vor wenigen Wochen durchaus Schlagzeilen gemacht; und aus Charlie dahingehend eine absolute Witzfigur. Teilweise wurde sie sogar mitten aus dem Nichts auf der Straße ausgelacht … Zumindest solange, bis Vaggie ihren Speer zückte und wahlweise diesen oder scharfe Worte schleuderte.

Wenn Charlie mit einem der anderen Bewohner darüber sprechen wollte, stieß sie meist auf taube Ohren. Angel wollte davon natürlich nichts hören, weil er Schuld daran trug. Husk war ohnehin so ziemlich alles egal, solange er genug Alkohol hinter seinem Tresen hatte, Niffty fand auch ohne weitere Besucher genug zu tun um dauerhaft hin- und herzuwuseln und Vaggie … Nun, die war damit beschäftigt, alle anderen – insbesondere den Radiodämon - im Auge zu behalten.

Und Alastor selbst? Der hatte sich mit kryptischen, ausweichenden Antworten immer aus der Verantwortung gezogen.

Sie wollte eigentlich ihre gesamte Strategie überdenken, aber ganz im Ernst: Wenn man so gestresst und übermüdet war, dass einen das Atmen schon überforderte, wie sollte man dann richtig für die Zukunft planen?

Jetzt lag sie die vierte Nacht wach, obwohl es gerade im Moment wundervoll still war, und konnte trotzdem nicht schlafen, weil sie so sehr mit ihrer Grübelei beschäftigt war.

Diesen gesamten Tag über hatte sie mit Vaggie darüber spekuliert, wie sie ihre Reputation wieder würde herstellen können. Klar, es hatte geholfen, einen der mächtigsten und gefürchtetsten Dämonen der Hölle auf ihrer Seite zu haben … Aber scheinbar wussten manche Bewohner derjüngeren Generation nicht mal mehr wirklich, wer Alastor war  - und waren demnach nur mäßig interessiert. Und jene anderen, die genau wussten, wer er war, lebten schon so lange hier, dass sie in ihrem Handeln zu eingefahren waren, um sich richtig für ihre Worte zu erwärmen.

Nein … auf diesem Wege würde sie nichts erreichen können.

Aber es gab sicher eine Lösung. Es gab immer eine Lösung. Man musste … sie nur finden. Und jetzt musste sie erst einmal … schlafen.

Dann würde sie morgen … mit Alastor … sprechen. Und er … würde ihr zuhören müssen. Ganz bestimmt … würde das schon gut werden … morgen … früh …

… wenn … wenn sie … ausgeschlafen … hatte …



Ob Stunden, Minuten oder nur wenige Sekunden vergangen waren, welche sie im Land der Träume hatte verbringen dürfen, konnte sie im ersten Moment ihres Erwachens nicht nachvollziehen. Oh je, sie konnte sich ja nicht einmal wirklich an ihren eigenen Namen erinnern!

Sie stand beinahe senkrecht im Bett, als sie von vertraut diabolischen Tönen ins Hier und Jetzt katapultiert worden war.

Soviel also zu seinem Versprechen …!

Was genug war, war genug.

Selbst ihr riss irgendwann einmal der Geduldsfaden und nachdem sie bereits die ersten ziemlich erfinderischen und äußerst obszönen Schimpftiraden aus Angels Zimmer vernehmen konnte, war es jetzt wohl wirklich an der Zeit, mit ihrem neuen Förderer ein ernstes Wörtchen zu reden – zumindest, wenn ihr nicht das Herz in die Hose rutschen würde bei dem Versuch, den berüchtigten Radiodämon zu tadeln.

Na schön, spukte es durch Charlies Kopf, du schaffst das. Du bist eine Prinzessin. Und außerdem gehört dir dieses Hotel. Und was er da treibt ist eindeutig Ruhestörung.

Also, krabbelte sie vorsichtig aus dem Bett, um Vaggie, die zu ihrem Glück noch halb im Schlaf versunken war, nicht vollständig zu wecken; dann warf sie sich anschließend kurzerhand ihren Morgenmantel über und torkelte benommen Richtung Gang.

Oh Himmel; je näher sie sich an der Wand entlangtastend dem Zimmer Alastors näherte, desto grotesker klang das, was er da drinnen fabrizierte.

Wenn sich nicht bereits aufgrund des akuten Schlafmangels alles ohnehin schon in ihrem Kopf drehen würde, wäre dieser infernalische Lärm eindeutig dazu in der Lage, dies ohne große Mühe zu bewerkstelligen.

Direkt vor der braunen Eichentür angekommen, schwand ihr ein kleines bisschen der Mut. Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe herum und warf einen unsicheren Blick über die Schulter, um im Notfall den Fluchtweg zu überprüfen. Nun, sie musste das einfach so sehen: Was sollte er schon mit ihr anstellen können außer ewig andauernde Höllenqualen unter Zuhilfenahme dieser komischen Tentakel – oder was auch immer er sonst noch an schauerlichen Perversionen heraufbeschwören konnte.  … Vermutlich eine Menge …

Sie schluckte geräuschvoll und klopfte, mit dezent schwitzigen Händen – dreimal gegen das Holz.

Klopf, klopf, klopf.

Und dann war Stille.

Nun, nicht ganz, denn sie konnte ganz deutlich ein Geräusch hinter der Tür vernehmen, das ansatzweise wie das Getrappel von Hufen klang. Oder war auch das nur dem Schlafmangel geschuldet?

Wie auch immer; jedenfalls stockte ihr der Atem, als sich wenige Sekunden darauf die Tür langsam öffnete.

„Oh, äh, hallo Alastor.“ Nervös zog sie den Kopf ein wenig ein und tippte die Zeigefinger gegeneinander.

„Hm?“, gab dieser nur gedehnt zurück, während er breit grinsend auf eine weitere Erklärung wartete.

Charlie räusperte sich. „Erinnerst du dich an unser Gespräch heute Morgen?“

Alastor tippte sich mit gespielter Unwissenheit mehrmals gegen die Lippen und tat so, als wäre ihm alles entfallen. „Hm, ich fürchte, meine Liebe, du musst mir das näher erläutern. Wärst du so reizend?“

Dieser Kerl hatte wirklich Nerven …

„Ich habe dich gebeten“, begann sie daraufhin im geduldigsten Tonfall, zu dem sie noch imstande war, „dass du nachts keine Musikinstrumente mehr spielst.“

„Und?“

„Und … du hast zugestimmt.“

„Ja?“

„Ja. Und du hast gerade gespielt.“

„Goldrichtig, Kindchen.“

„Aber du wolltest das lassen!“

„Ist das so?“

Irgendwie drehte sich dieses Gespräch im Kreis.

„Alastor, es ist mein Ernst: Ich bitte dich wirklich sehr darum, die Hausordnung zu befolgen.“

„Sonst was?“ Die Worte des Dämons wurden untermalt vom schrillen Geräusch eines übersteuerten Mikrophons. „Verweist du mich sonst des Hotels und der Arbeit, für die ich bleiben kann, ‚solange ich es wünsche‘?“

„Äh ...“ Hilfesuchend blickte sie zur Seite und machte eine gedankliche Notiz, in welcher sie mehrfach farbig unterstrich, sich niemals auf eine Diskussion mit diesem Mann einzulassen. Man konnte nur verlieren.

Nachdem ihr Gedanke verflogen war, hatte Charlie als weitere Reaktion seinerseits mit so ziemlich allem gerechnet. Damit, dass er ihr mit einem amüsierten Glucksen den Kopf tätschelte und anschließend in die Wange kniff, wohl aber eher weniger. Doch genau darauf fiel seine Wahl – danach ließ er sie dümmlich blinzelnd stehen, machte auf dem Absatz kehrt und wuselte unter dem Lachen eines imaginären Publikums zurück in sein Zimmer. Die Tür ließ er dabei verdächtig weit offenstehen.

Wie jetzt?

Unschlüssig rieb sie sich die Hände vor der Brust, konnte aber kurz darauf ihre Neugier nicht wirklich bremsen. Sie war nicht mehr in diesem Zimmer gewesen, seit er es in Beschlag genommen hatte. …

Und das kam hier definitiv einer Aufforderung gleich!

„Oh, ich werde das bereuen“, murmelte Charlie zu sich selbst, tippelte dann aber auf leisen Sohlen durch den Rahmen und schloss sachte die Tür hinter sich.

Und kam nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Eine derart surreale Vermischung zweier Welten die gegensätzlicher nicht sein konnten, hatte sie noch niemals gesehen. Und hey, sie war in der Hölle aufgewachsen – hier wimmelte es geradezu von Orten, deren Existenz man selbst dann noch bezweifelte, wenn man sich mitten darin befand.

Während die linke Hälfte des Raums einem prunkvollen Saal entsprach und in seiner gesamten Ästhetik mehr als passend für Alastors altmodischen, wenngleich äußerst charmanten Stil der 30er Jahre war, hatte die rechte Seite augenscheinlich nichts,  aber auch wirklich gar nichts mit ihm zu tun. Und wenn doch, wollte sie es gar nicht so genau wissen.

Die Gerüchte stimmten.

Da war ein Sumpf. Ein ziemlich matschiger.

Mitsamt Alligator. Oh. Zwei Alligatoren.

„Äh ...“, setzte sie mit erhobenem Zeigefinger an, besann sich aber mitten im Satz eines besseren und blickte verzweifelt zurück zur Tür.

„Darling, die beiden sind ganz sicher nicht das Gefährlichste in diesem Zimmer“, kam es amüsiert von Alastor, der im angenehmeren Teil des Raums vor einem mehr als merkwürdigen Ding Platz genommen hatte.

„Ich wage das nicht zu bezweifeln“, gab sie mit einem verlegenen Lächeln zurück, näherte sich dann aber neugierig ihrem Gesprächspartner, und jegliche Anspannung wich bald schon einer merkwürdigen Faszination. „Alastor, ist dies etwa das Ding, das du jede Nacht spielst?“

Selbstgefällig grinsend stützte er seinen linken Arm auf das ‚Musikinstrument‘ und nickte. „Ja, aber sicherlich. Eine Sonderanfertigung. Jemand hat mir noch einen kleinen Gefallen geschuldet, weißt du? Oh, als ich das erste Mal seine Melodien hörte, war es um mich geschehen.“ Ein paar theatralische Handbewegungen später lugte er aus halb geschlossenen Lidern zu Charlie und grinste in seiner typisch undeutbaren Manier.

Dieses sonderbare Gerät umkreisend beäugte Charlie es aus allen Blickwinkeln. …

Zunächst wirkte es mit seinen Tasten und Bedienfeldern wie eine Art elektrische Orgel – wären nicht anstatt der Pfeifen fünf nach oben hin versetzte Reihen mit kleinen, merkwürdigen Pelzkugeln angebracht. Besagte Pelzkugeln hatten kugelrunde Augen, einen Schnabel … und gaben diese verstörenden Geräusche von sich, die allen Bewohnern Nacht um Nacht den Schlaf geraubt hatten.

„Was ...“, begann sie irritiert, aber Alastor beantwortete ihre Frage schneller, als Charlie sie hatte stellen können.

„Eine Furby-Orgel. Sind die kleinen Schätze nicht bezaubernd?“

„Die sind nicht lebendig, hoffe ich?“

„Ahaha! Nein. Vermute ich. Ich bin mir selbst manchmal nicht ganz so sicher“, gab er grinsend unter vorgehaltener Hand zurück und richtete sich dann sein Monokel.

Warum hatte sie nur gefragt. Warum hatte sie nur gefragt. Warum hatte sie nur -

„Liebes, möchtest du es auch einmal versuchen?“ Alastor machte auf seiner Bank ein wenig Platz und klopfte rechts neben sich auffordernd auf das Holz.

Nun … Ja. Eigentlich wollte Charlie das wirklich! Es sah unglaublich interessant aus, irgendwie. Und in den letzten Wochen war ihr durchaus aufgefallen, dass sie ständig wegen desselben Blödsinns zu lachen anfingen … Also hätte sie hier vermutlich den Spaß ihres Lebens. Doch sie zögerte. Himmel, sie war eigentlich hergekommen, um ihn genau vom Gegenteil zu überzeugen! Da konnte sie sich nicht schon wieder mal von ihm und seinem verfluchten Charme einwickeln lassen. Was würde Vaggie nur denken, wenn sie ständig nachgäbe?! Charlie war doch eigentlich die Arbeitgeberin hier!

Alastor hingegen legte nur amüsiert den Kopf zur Seite und meinte heiter: „Ich habe gehört, du spielst ganz hervorragend Klavier. Dann ist das hier doch perfekt für dich.“

Hin- und hergerissen tapste sie auf der Stelle und drehte sich beinahe vor Anspannung im Kreis. Sie wollte dieses abartige Ding wirklich unbedingt ausprobieren...! Irgendwie waren diese kleinen Pelztierchen ja auch unglaublich niedlich. „Also schön“, begann sie zaghaft, „aber nur ein paar Minuten.“

„Sicher, Darling. Nur ein, zwei kleine Minuten und ich schicke dich schnurstracks zurück ins Bettchen.“

Und ehe Charlie sich versah, hatte sie neben ihm Platz genommen und ließ sich jeden Regler und jede Taste erklären; wie diese kleinen Pelztierchen darauf reagieren würden und auf welche Art sie das alles irgendwie in Einklang bringen konnte.

Denn ja: Wenn man die Sache ernst nahm, klang dieses Instrument auf eine äußerst bizarre Art und Weise ansprechend. Alastor hatte es wohl nur die letzten Nächte nicht so genau genommen und wirklich ausschließlich versucht, absolutes musikalisches Chaos zu verbreiten. Eigentlich … spielte er das Ding sogar richtig gut, wenn man sich mal an den Klang gewöhnt hatte.

Unnötig zu sagen, dass ihre Augen vor Begeisterung funkelten, als sie es schaffte, eine halbwegs harmonische Melodie aus dem Stegreif zu spielen.

Nachdem Alastor ihr anerkennend applaudiert hatte, klopfte – oder besser hämmerte – es gegen die Tür, dass die Wände wackelten, und ein zutiefst erboster Angel Dust warf dort draußen Schimpfworte herum, dass Charlie schon allein von deren Klang die Ohren zu glühen begannen.

Doch sie wechselte nur einen schockierten Blick mit Alastor, ehe sie beide in schallendes Gelächter ausbrachen und einfach ein wenig lauter zu spielen begannen.

Alles in allem wurden aus den ‚ein bis zwei Minuten‘ insgesamt zwei Stunden, aber Charlie bereute keinen Augenblick davon, als sie müde, doch äußerst zufrieden zurück in ihr Zimmer schlich.


♪ ◙ ♪


Man musste wahrlich kein Hellseher sein um zu ahnen, dass der nächste Morgen für niemanden der Beteiligten – außer Alastor – sonderlich amüsant war.

Und ja; Charlie verschlief ganz fürchterlich.

Halb betäubt taumelte sie – noch im Schlafanzug – die Treppe hinab und rieb sich die Augen …

… Nur um einen Herzschlag später am Eingang des Speisesaals an den Schultern gepackt und unwirsch geschüttelt zu werden.

„Wo zum Henker hast du heute Nacht gesteckt? Ich hab mir wirklich Sorgen gemacht!“, fauchte Vaggie, zog sie dann aber in eine ungestüme Umarmung.

„Guten Morgen“, nuschelte Charlie und meinte im Anschluss: „Alles okay. Ich bin nur hoffnungslos übermüdet.“

„Kannst du dir auch nur im Ansatz vorstellen, wie geladen die anderen sind?“ Ihre Freundin stemmte die Hände in die Hüften und klopfte mit dem Fuß ungeduldig auf den Boden.

Sich verlegen räuspernd warf Charlie einen hastigen Blick zu ihrem Personal. „Wieso?“, begann sie mit einem gekünstelten Lächeln, „die wirken nicht anders als sonst auch.“

Vaggie zog sie am Arm weiter zu besagtem Personal.

„Erzähl ihm das mal. Angel hätte heute Nacht fast Selbstmord begangen, indem er versuchen wollte, Alastor umzubringen.“

„Ach ja?“, kicherte Charlie gestellt und bleckte die Zähne. „So was aber auch, warum denn, Angel?“

„Ich bring den Ficker um. Ich schwör’s! Wie soll ich arbeiten wenn ich die ganze Nacht nicht pennen kann? Was meint ihr, wie begeistert Val ist, wenn ich einschlafe, während fünf Kerle mich -“

„Danke, Angel.“ Vaggie verzog nur die Augen zu kleinen Schlitzen und wandte sich wieder an ihre Freundin. „Dieser Geistesgestörte macht sich absichtlich einen Spaß daraus, uns zu quälen.“

Die Schuldgefühle spülten Charlie fast hinfort. „Oh, ja. Du meinst, weil er heute Nacht wieder gespielt hat.“

„Natürlich meine ich das deshalb. Also noch einmal meine Frage: Wo warst du währenddessen, Charlie?“

Japp, Vaggie kannte die Antwort darauf definitiv bereits und wollte die Bestätigung ihrer These nur noch mal aus ihrem Mund hören.

Ob Alastors nachfolgendes, spontanes Materialisieren exakt hinter Charlie gut oder schlecht für sie war, konnte sie im ersten Moment nicht klar festlegen. Zunächst war hervorragend, dass sie diese heikle Frage noch ein paar weitere Sekunden hinausschieben konnte …

… Doch bei Alastors Aussage stockte nicht nur ihr der Atem.

„Guten Morgen, mein Schatz. Ich danke dir wirklich für diese reizende letzte Nacht und ich denke, wir sollten das ganz bald wiederholen, nicht wahr?“ Summend tänzelte er an ihr vorbei und ließ sich wie immer von Niffty bedienen.

Wie eine kaputte Marionette wandte Charlie den Kopf zu ihren Freunden.

Angel Dust hatte bei Alastors Wortwahl vor Schock seinen Kaffee quer über den Tisch gespuckt und prustete wild. Husk zog ein Gesicht, das ungefähr so viel aussagte wie „Scheiße, ich bin zu alt für diesen Mist“, Niffty machte sich irgendwelche komischen Notizen in eines ihrer Hefte … und Vaggie … Nun, ihr linkes Auge zuckte derart bedrohlich, dass Charlie sich zunächst an ein Morsegerät erinnert fühlte.

„Halt, Moment, bevor ihr voreilige Schlüsse zieht ...“, begann die Prinzessin hektisch.

„Jetzt weiß ich auch, warum die Geräusche immer so beschissen laut sind! Die müssen das ‚Geknalle‘ überdecken, hm? Und mein Angebot hast du damals ausgeschlagen, Smiles!“, quäkte Angel begeistert über den Tisch an Alastor gewandt, der allerdings nur ein irritiertes und verständnisloses Lächeln zurückwarf.

Vaggie funkelte dafür streng zu ihrer Freundin. „Du hast dich von ihm und seinem Schwachsinn einwickeln lassen?“

„Es tut mir leid, Vaggie! Es sah so interessant aus! Und außerdem hab ich so was noch nie gemacht ...“

Tränen lachend schlug Angel auf den Tisch. „,Interessant? Noch nie gemacht‘? Scheiße, Süße! Weißt du, die sehen nach ein paar Malen immer ähnlich aus. Und du kannst mir glauben, ich hab’ schon so viele davon gesehen und in der Hand gehabt, ich hab aufgehört zu zählen.“

„Angel, ich bezweifle, dass wir von denselben Dingen reden“, fauchte Vaggie erbost, knallte ihre Hand gegen die Stirn und wandte sich dann abschließend an Alastor, der das gesamte Chaos köstlich fand. „Du hörst jetzt auf, sie mit deinem Unfug zu beeinflussen! Bist du nur hier, um sie von ihrer Arbeit abzulenken?! Du wolltest ihr doch angeblich helfen!“

Alastor schlürfte nur lautstark seinen Kaffee und starrte herausfordernd zurück. „Liebes, es gibt für alles seine Zeit. Hin und wieder muss man auch den eher trivialen Dingen des Lebens frönen dürfen. Selbst wenn es sich um drei Uhr morgens handelt.“

„Du elender ...“

„Okay, es tut mir ehrlich leid!“, jammerte Charlie daraufhin betreten und sprang wie ein Hampelmann durch die Luft, um alle Blicke auf sich zu ziehen. „Ab heute Nacht ist Ruhe – ganz sicher!“

„Wieso, hat er sein Pulver bereits bei Nacht vier schon verschossen?! Amateur!“

„Angel, halt jetzt den Mund!“

Charlie ignorierte das Gerangel zwischen Vaggie und ihrem ersten ‚Patienten‘. Flehentlich blickte sie nur zu Alastor, der die Mundwinkel süffisant nach oben zog.


♪ ◙ ♪


Das Frühstück an sich verbreitete eher die Stimmung einer Henkersmahlzeit. Charlie bereute gerade zutiefst, dass sie auf diesen „gemeinsamen Start in den Tag“, wie sie es nannte, von Anfang an bestanden hatte.

Sie stocherte unglücklich in ihrem Rührei und musste sich die ganze Zeit dumme Witze von Angel Dust anhören, der spontan wieder bester Laune war.

Ihre Freundin schien unglaublich enttäuscht von ihr zu sein. Auch wenn sie es nicht sagte, spürte sie es.

Nachdem die Runde sich aufzulösen begann, blieb Charlie lieber ein wenig im Hintergrund, quiekte aber wie ein panisches Meerschweinchen, als Alastor ihr sachte die Hand auf die Schultern legte und sich zu ihr beugte.

„Es war übrigens mein voller Ernst. Wir sollten das durchaus in angemessenem Rahmen wiederholen. Hättest du heute Abend bereits etwas vor oder dürfte ich deine Zeit erneut in Anspruch nehmen?“

Hastig sog sie Luft zwischen den Zähnen ein und warf einen vorsichtigen Blick zu Vaggie, die aber gerade noch mit Abräumen beschäftigt zu sein schien.

„Alastor, ich hatte echt Spaß, aber wir sollten den anderen nicht so sehr auf die Nerven gehen ...“ Betrübt blickte sie zu Boden. „Ich habe ein ziemlich schlechtes Gewissen wegen der Sache.“

Während wie aus dem Nichts ein Geräusch ertönte, als hätte sie in einer Spielshow eine falsche Antwort gegeben, winkte Alastor lachend ab und meinte: „Aber nein, ich spreche von etwas weitaus Erquicklicherem! Ich wollte dich eigentlich heute Abend ganz fein ausführen.“

Wie jetzt?

„Äh …?“

„Oh es gibt einen Ort, der dir mit Sicherheit gefallen würde, Liebes. Hin und wieder verbringe ich dort ein paar freie Stunden. Also?“

Sie riskierte einen weiteren nervösen Blick zu ihrer Freundin.

„Dein Wachhund kann gerne mitkommen, wenngleich ich nicht davon ausgehen würde, dass dieser Ort auf Anklang bei ihr stoßen wird. Ihr fehlt die … Ästhetik.“

„Das würde bedeuten, dass wir heute Nacht nicht hier sind – und du also auch ganz sicher keine Furby-Orgel zum Spielen zur Verfügung hast?“

„Ha ha ha! So ist es wohl.“

„Okay! Abgemacht.“

„Sehr schön. Heute Abend, sagen wir … zwanzig Uhr? Dann kannst du noch ein wenig Schlaf nachholen, nicht wahr?“ Er schmunzelte.

„Wie du willst.“

Sie hoffte nur inständig, das nicht zu bereuen.


♪ ◙ ♪



„Du weißt, dass du das nicht musst.“

„Ich weiß, Vaggie.“

„Und ich hoffe auch, du weißt, dass du das eigentlich nicht solltest.“

„Mh-hm.“

Die beiden jungen Frauen waren in Charlies Schlafzimmer und diese hatte ihrer Freundin gebeichtet, wie ihre Pläne für den Abend aussehen würden.

Vaggie ließ sich kurzerhand erschöpft auf das Bett fallen und legte den Arm quer übers Gesicht. „Mir ist durchaus bewusst, dass du das so siehst, als würdest du die Heldin spielen und dich für unsere Nachtruhe opfern“, begann sie, blickte dann aber auf und musterte Charlie ernst, „Doch dir muss klar sein, wieso er hier ist.“

Charlie, die gerade vor ihrem Schminktisch saß und ihre Haare nach oben steckte, warf durch den Spiegel einen Blick zu ihrer Freundin und zwang sich zu einem milden Lächeln. „Auch das ist mir klar, Vaggie. Aber ganz ehrlich: Was soll schon passieren? Es gibt nichts, was er nicht hier auch schon tun könnte, wenn er wirklich Übles im Sinn hätte.“

„Ich weiß ja nicht so recht. Mir ist einfach nicht wohl bei dem Gedanken, dass du mit ihm allein in der Stadt unterwegs bist und ich nicht mal weiß, wohin er dich bringt. Ich traue ihm kein Stück. Du siehst doch, was er die letzte Zeit abgezogen hat!“

Charlie seufzte verständnisvoll und wandte sich nun zu ihr um. „Weißt du, was ich glaube? Also, wieso er sich so benommen hat.“

Vaggie verzog die Mundwinkel und meinte nur trocken: „Weil er ein sadistischer, narzisstischer und soziopathischer Bastard ist?“

„Nein! Wobei, ja. Vielleicht doch. Aber eigentlich glaube ich“, führte Charlie weiter aus, „dass ihm schrecklich langweilig ist. Und … er sich vielleicht ein wenig einsam fühlt. Und nach Gesellschaft sehnt.“

Zunächst starrte Vaggie sie erst ungläubig an. Dann prustete sie skeptisch und gab zurück: „Im Ernst? Das glaubst du? Du fällst schon wieder auf seine Masche rein, Charlie!“ Aber scheinbar war sie irgendwie gerührt von der liebevollen Ader ihrer Freundin, denn diese Art von Lächeln schenkte sie ihr nur, wenn sie wirklich stolz auf sie war.

Mit einem Schmunzeln nickte die Prinzessin nur und griff sich ihren Platinschmuck.

„Du bist dir wirklich sicher, dass ich nicht mitkommen soll?“ Dieses Mal war Vaggies Tonfall wieder ernster.

„Absolut. Genieß bitte ein wenig Ruhe und Frieden.“ Charlie stand auf, setzte sich zu ihrer Freundin und umarmte sie liebevoll. „Vergiss nicht, ich bin groß genug, um auf mich selbst aufzupassen.“ Und mit einem Zwinkern gab sie ihr einen Kuss auf die Wange.

Anschließend machte sie sich auf, um ihren Begleiter abzupassen.


―――✎ ✎ ✎―――


Aloha! Ich habe schon wieder Schwachsinn verbrochen, es tut mir leid! Aber mit dem Veröffentlichen dieser Geisteskrankheit werde ich die Einführung der Kategorie beantragen.  ♥
Hoffentlich wirkt der Humor für andere ein wenig spaßig und so, wie er bei mir im Kopf geklungen hat. Ich kann eigentlich nichts Lustiges schreiben :D"
An dieser Stelle muss ich einen Cut machen, weil die zunächst für 2k geplante Story sage und schreibe knapp 13k lang geworden ist. O_O"
Wenn mich spontan nicht der Schlag trifft, lade ich den Rest sehr zeitig hoch. Vielleicht sogar heute noch, wer weiß.

―――✎ ✎ ✎―――
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast