Neighbours

von Fofinha
GeschichteKrimi, Romanze / P16
Aaron "Hotch" Hotchner David Rossi Derek Morgan Jennifer "JJ" Jareau OC (Own Character) Penelope Garcia
28.12.2019
08.08.2020
25
54.729
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01.08.2020 2.275
 
Music: Alex & Sierra – Little do you know

Kate war müde, erschlagen von all den Gefühlen, die in den letzten Tagen eine Achterbahnfahrt in ihrem Inneren vorgenommen hatten. Gerade eben hatte sie alles aus sich herausgelassen, als hätte jemand ein Ventil aufgedreht. Aarons Anschuldigungen, die alles in ihr nur noch mehr aufwühlten und schließlich ihr Ausbruch, der immerhin dazu geführt hatte, dass sie sich alles von der Seele geschrien hatte. In seinen Armen zur Ruhe kommend, hatte sie realisiert, dass sie sich nichts vormachen konnte. Ihr Leben war mit seinem verstrickt, wie ein ungeordnetes Wollknäuel und ob sie sich anschrien, sich beistanden oder einfach nur zur Ruhe kamen, ihre Erschöpfung hielt sie nicht davon ab, Aaron zuzuhören, nun da er bereit war zu reden, ihr zu erzählen, was ihm geschehen war.
Immer noch hielt er ihre Hand fest, saß auf ihrem Couchtisch, der eigentlich ungeheuer unbequem sein musste. Bequemlichkeit war nebensächlich. Aufmerksam sah sie ihm in die Augen, die er just zu Boden richtete um nach Worten zu suchen.
„Jack’s Mom, Haley…sie…wir haben uns schon in der Highschool gekannt und sind im College das erste Mal ausgegangen. Als wir heirateten war ich gerade in die Staatsanwaltskanzlei aufgenommen worden.“, begann er offenbar am Anfang der Geschichte. Sie wagte es nicht ihn zu unterbrechen.
„Geregelte Arbeitszeiten, ein gesichertes Einkommen und doch war es für mich unbefriedigend die Täter erst nachdem sie gefasst wurden, zu verurteilen. Zu viele kamen ungeschoren davon, weil sie gar nicht erst gefasst wurden. So wechselte ich zum FBI, trat der BAU bei, wurde ein Profiler. Von da an, waren wir auf eine harte Probe gestellt. Du weißt, wie oft ich verreisen muss, um vor Ort die Täter zu überführen, damals war es nicht anders und keine besonders gute Grundlage, um Familienplanung zu betreiben. Aber Jack kam auf die Welt, war vom ersten Moment an, der Inhalt meines Lebens. Haley drängte mich zunehmend meinen Job bei der BAU gegen einen Bürojob einzutauschen. Zu Recht, denn ich ließ sie oft mit Jack alleine, bis sie schließlich nach einem Streit ihre Sachen packte, auszog und Jack mitnahm.“, er atmete zittrig aus und seine Finger, hielten ihre Hand nur noch schlaff fest. Sie umklammerte ihrerseits seine Hand und streichelte über seinen Handrücken.
„Ich konnte es ihr nicht verübeln, Jack konnte ich weiterhin sehen. Und dann…dann kam ein Fall in Boston. Der „Boston Reaper“ war auf einmal wieder aktiv. Zuvor war er einen Deal mit dem Police Chief Bostons eingegangen, der jedoch verstarb und ihm damit das Recht gab, wieder zu töten. Wir konnten ihn irgendwann identifizieren, aber er war zu klug um sich erwischen zu lassen und bot mir denselben Deal an. Er würde aufhören zu töten, wenn ich aufhöre ihn zu jagen.“
Kate schluckte, rieb sich mit ihrer freien Hand über die Augen und betrachtete Hotch. Er war vollkommen versunken, in seiner Erzählung, nicht fähig sie anzusehen und starrte auf ihre verschlungenen Finger.
„Ich ging den Deal nicht ein und kurze Zeit später…überraschte er mich in meinem Apartment, stach mich nieder, spielte mit meiner Hilflosigkeit und drohte mir, meine Familie umzubringen, weil ich den Deal nicht eingegangen war…also…ich musste dafür sorgen, dass Haley und Jack nichts geschah und so schickte ich sie in ein Zeugenschutzprogramm. Nicht einmal ich wusste, wo sie steckten. Monatelang habe ich weder Jack noch Haley gesehen. Wir setzten alles daran, George Foyet zu fassen und als wir kurz davor waren, offenbarte sich erst sein perfider Plan. Er hatte Haley und Jack ausfindig gemacht. Er hielt…er hielt sie im Haus fest und ich…ich war am Telefon, konnte Jack noch mitteilen, dass er sich verstecken solle und dann…dann…“, eine Träne stahl sich nun aus seinem Augenwinkel, rollte die glatt rasierte Wange hinab und tropfte schließlich auf seinen Ärmel.
„Er hat sie erschossen, während ich am Telefon war. Ich war zu spät gekommen, zu spät…ich konnte sie nicht retten und sie wusste nicht einmal, warum sie starb, nichts von dem Deal und nicht wer Foyet eigentlich war…ich war zu spät. Kam zu spät zum Haus und fand Haley tot auf. Sie war tot und ich habe sie nicht retten können.“, wiederholte er immer wieder. Es schien, als würde er dies selten aussprechen, aber oft denken. Er ließ ihre Hand los und verbarg sein Gesicht, sprang auf und räusperte sich leise. Ihr den Rücken zugedreht, sprach er weiter.
„Verstehst du? Mein Job bringt alle in Gefahr, die mir lieb sind. Ich komme diesen Monstern so nahe und treibe sie in die Enge. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eines dieser Monster versucht sich dafür zu rächen. Alle, die mir zu nahe kommen, geraten in die Schusslinie.“
Sie verstand nun. Sein gesamtes Verhalten war nun so eindeutig nachvollziehbar, als hätte jemand einen Vorhang zur Seite geschoben und alles im Dunkeln liegende erhellt. Er hatte seine Frau verloren wegen seines Jobs, weil ein perfider Serienmörder sein Spiel mit ihm getrieben hatte. Seine übervorsichtige Art, sein ungebremster Wunsch nach Schutz und Privatsphäre. Sein Zögern ihre Nähe zu suchen. All das ergab mit einem Mal Sinn und sie wünschte sich, dass sie schon früher davon erfahren hätte. Sie wäre anders mit ihm umgegangen und dennoch erinnerte sie sich auch an J.J.s Worte. Dass er sich in ein Schneckenhaus zurückgezogen hatte und nun nicht mehr wirklich am Leben teilnahm, sondern nur zusah. Vor lauter Angst andere in Gefahr zu bringen, war er zum teilnahmslosen Beobachter geworden. Er hatte Recht, er wusste genau, wie sie sich fühlen musste, schließlich hatte er noch viel Schlimmeres durchgemacht.
Erstarrt stand er immer noch mit dem Rücken zu ihr gedreht, mit gesunkenem Kopf und zu Fäusten geballten Händen. Langsam verließ sie ihren Platz auf dem Sofa, kam auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und zwang ihn mit sanftem Druck sich umzudrehen. Das mit grünen Strahlen durchzogenen Braun seiner Augen schimmerte hinter Tränen und seine Lippen waren nur noch ein gerader Strich.
„Aaron…“, hauchte sie, versuchte mit Nachdruck seine Finger aus der verkrampften Haltung zu lösen und lehnte sich an ihn. Er wirkte versteift, wollte sich nicht entspannen und erst nachdem sie ihre Arme um seinen Nacken geschlungen und seinen Kopf an ihre Schulter gepresst hatte, kam Leben in ihn.
„Es tut mir so leid, was dir passiert ist.“, mehr konnte sie nicht sagen. Alles andere wäre ihrer gemeinsamen Lage nicht gerecht geworden. Wieder standen sie dort, in einer Umarmung vertieft und es kam ihr beinahe schon surreal vor, dass sie all ihre Traumata an einem Tag innerhalb weniger Augenblicke ausgepackt hatten.
„Danke, dass du es mir erzählt hast.“, traute sie sich nach einer Weile, die Stille der Vergebung um sie herum zu durchbrechen und strich über seine Haare. Sie konnte sich nicht erinnern das jemals getan zu haben. Seine sonst so adrett frisierten Haare waren sowieso schon ein wenig durcheinander von all dem Gefühlschaos. Etwas abrupt beendete er die Umarmung, räusperte sich leise und wischte sich über die müden Augen.
„Kate!“, seine Stimme war rauer als zuvor, er streichelte über ihre Wange, ließ seine Hand dort für einen Moment verweilen.
„Kate. Ich mag dich wirklich und…das mehr als eine Nachbarin oder eine Freundin.“, meinte er und sie glaubte sogar den Ansatz eines Schmunzelns zu sehen.
„Aber ich will dich nicht in Gefahr bringen. Mein Job bleibt mein Job. Er wird immer das Risiko mit sich führen, dass dir etwas zustoßen könnte. Nach allem, was dir widerfahren ist, will ich dich nicht gefährden. Du musst dir darüber im Klaren sein.“
Eigentlich wollte sie ihm sofort widersprechen, ihm sagen, dass man niemals alle Gefahren, die im Leben auf einen lauern könnten, aus dem Weg räumen könnte, um sich vollkommen sicher zu fühlen, aber sie verstand, was er ihr anbot. Bedenkzeit. Alles zu verarbeiten, was in kurzer Zeit geschehen war und zu entscheiden, ob sie ein Teil davon werden könnte und sich alledem aussetzen oder nun gehen und alles hinter sich lassen wollte.  
„Okay.“, nickte sie und ihre Hand fand seine. „Ich muss darüber nachdenken, Aaron.“, fügte sie hinzu, tat einen Schritt zurück. Das warme Kribbeln auf ihrer Wange verblieb, das Verlangen hier und jetzt alle Barrieren hinter sich zu lassen, aber die Vernunft siegte.
„Ich muss jetzt auch gehen. Jessica kommt jeden Moment an, um Jack vorbeizubringen.“, löste er die emotionale Stimmung nun vollkommen und blickte auf seine Uhr
Sie lächelte zuversichtlich, als sie sich kurz zu ihrem Schlafzimmer wandte.
„Warte kurz.“
Der Karton mit den Akten lag neben ihrem Bett, auf dem noch ein paar dieser verteilt lagen. Sie fegte sie zusammen und hob ächzend den Karton hoch. Das Gewicht war wirklich erstaunlich, so wie Hotchs Blick, als sie ihm den Karton in die Arme drückte.
„Hier. Die kannst du dann morgen mit zur Arbeit nehmen.“, sie bugsierte ihn zur Tür, während er wenig begeistert die überfüllte Box entgegennahm.
„Kannst du nicht diesen Peter holen? Der würde die sicher herumtragen.“, witzelte er ironisch.
„Oh, das würde er sicher gerne. Er fand dich ziemlich heiß.“, grinste sie zwinkernd, als er verblüfft im Flur stehen blieb.
„Du meinst…er ist…?“
„Oh ja, das ist er…“, sie lachte über seine geschockte Miene. Ihre Ahnung, dass Aaron ein wenig eifersüchtig gewesen war, als sie mit Peter aufgekreuzt war, bestätigte sich nun.
„Grüß Jack von mir, ja? Und danke, für alles.“, zwar fiel es ihr schwer, die Tür zu schließen, doch sie winkte ihm noch einmal und schaffte es dann das schwere Holz ins Schloss fallen zu lassen. Tief durchatmend beschloss sie, dass nun die Zeit für einen Drink gekommen war.

Nach all den Offenbarungen des vergangenen Tages fühlte es sich seltsam an, einfach so zur Arbeit zu fahren und dort ihren Dienst zu verrichten. Die Patienten zu pflegen, den alltäglichen Gang im Krankenhaus, all das wirkte seltsam unbeschwert und so schaffte sie es seit langer Zeit wieder Freude an ihrer Arbeit zu empfinden. Sie lächelte fröhlich ihre Kollegen an, machte Witze und schaffte es sogar einige Patienten mit ihrer Freude anzustecken. Als wäre ein Knoten geplatzt. Loreen, die in letzter Zeit eher einen Bogen um sie gemacht hatte, wahrscheinlich weil Kates Fall immer noch zeitweise für Spekulationen im Krankenhaus sorgte, lud sie in der Krankenhauscafeteria auf einen Kaffee ein und plauderte über ihr Leben, ihre aussichtlosen Dates und lachte über Kates Vorschläge, sie solle sich doch einmal im Speeddating versuchen.
„So viele Idioten kann die Stadt gar nicht beherbergen, wenn da mein Beuteschema abgedeckt werden soll…“, grinste sie und trank einen Schluck Kaffee.
„Dann konzentriere dich doch erst mal auf dich. Meistens kommt der Richtige sowieso, wenn man es am wenigsten erwartet.“, gab sich Kate weise und zwinkerte über den Rand ihrer Tasse.
„Aha, da sprichst du wohl aus Erfahrung. Ist das vielleicht der Grund für deine gute Laune?“
Kate grinste verschwörerisch, zuckte aber nur mit den Schultern.
„Nicht wirklich aber…wer weiß. Ich bin noch unentschlossen.“
„Bei dir stehen sie doch sowieso Schlange. Du musst dich ja gar nicht entschließen.“, konterte Loreen. Kate fragte sich, weshalb das alle von ihr dachten. Natürlich hatte sie in den letzten Jahren Verehrer gehabt, aber wenige hatten den Mut gehabt sie wirklich auf ein Date zu fragen. Patienten, die ihre Pflege missverstanden hatten, würde sie sowieso niemals daten und nachdem der Stalker ihr das Leben schwer gemacht hatte, war sie sowieso nicht mehr empfänglich gewesen für Annäherungsversuche.
„Bei dir ist das sicher nicht anders. Ist da kein Netter dabei gewesen?“, lenkte sie den Fokus von sich ab und griff nach den Zuckerpäckchen. Ungeschickterweise warf sie dabei mit dem Ellenbogen ihre Kaffeetasse um, die über den Tisch rollte und dann auf dem Boden darunter zerschepperte.
„Oh Mist.“, gerade wollte sie sich hinhocken, um die Scherben aufzuheben.
„Lass nur, das macht sicher der Hausmeister…“, meinte Loreen kokett und schnippte mit den Fingern.
„Hey Hausmeister!“, rief sie über die Schulter. Dort hatte Oliver eben noch gestanden und den Boden gewischt. Nun näherte er sich hinter Kate und besah sich den Schaden.
„Wisch das mal auf, meine Freundin hier ist etwas tollpatschig.“, meinte Loreen. Kate, erstaunt über die herablassende Art von ihrer Kollegin, schüttelte den Kopf.
„Quatsch. Ich mach das schon.“, sie kniete sich auf den Boden und hob die Scherben behutsam aus der Lache Kaffee auf.
„Kate, das ist sein Job.“
„Loreen, lass mich doch einfach helfen. Du kannst ja dort entspannt sitzen bleiben.“, fauchte sie etwas ungehalten, sodass Loreen ihr einen irritierten Blick schenkte und mit zusammengezogenen Augenbrauen auf ihre Armbanduhr sah.
„Ich muss sowieso zurück in die Station, Mittagspause ist fast vorbei.“
Kaum, dass sie verschwunden war, hockte sich Oliver neben sie auf den Boden.
„Es tut mir leid. Sie meinte das sicher nicht so.“, lächelte Kate und suchte nach weiteren Scherben auf dem marmorierten PVC Boden.
„Schon gut, Kate.“, murmelte Oliver und hielt ihr einen Müllsack entgegen, damit sie die Scherben loswerden konnte.
„Du bist hier im Krankenhaus genauso wichtig, wie alle anderen.“, versuchte sie geradezubiegen, was Loreen vermasselt hatte.
„Danke, dass du das sagst. Du bist wirklich nicht wie die anderen.“
„Wir machen hier alle nur unsere Arbeit.“, sie lächelte Oliver kurz an und er hielt ihr seine Hand hin, als sie sich aufrichten wollte. Sie ergriff diese dankbar.
„Ich schaffe den Rest schon.“, er deutete grinsend auf den Mopp in seiner anderen Hand.
„Okay, entschuldige noch einmal.“, sie hob die Hand zum Abschied und drehte sich um.
„Bis Bald, Kate.“, rief er ihr hinterher und sie schmunzelte wieder. Wenn Loreen nicht so engstirnig wäre, würde sie merken, dass selbst auf ihrer Arbeit noch anständige Kerle herumliefen.
„Mach’s gut, Oliver.“, rief sie noch, verließ die Cafeteria und dachte darüber nach, in welchem Moment sie nicht mehr blind gewesen war wie Loreen und in Hotch einen anständigen Kerl gesehen hatte.
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