Verbundene Seelen

OneshotDrama, Romanze / P16 Slash
Amerika England
28.12.2019
28.12.2019
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„Du weißt, dass du mich nicht fangen kannst!“

Mit einem selbstischeren Grinsen drehte sich Arthur um und rannte die hölzernen Stufen der Terrasse hinunter. Er hörte Alfred empört rufen, doch keine zwei Sekunden später war der Jüngere ihm dicht auf den Fersen.

Die beiden waren nicht nur Nachbarn, sondern auch Klassenkameraden. Ständig prahlte Arthur damit, der beste Läufer des zweiten Jahrgangs zu sein. Genau das provozierte Alfred dazu, ihn von dem Gegenteil zu überzeugen. „Ich krieg dich!“

Lachend beschleunigte Arthur sein Tempo und sprang über den weiß gestrichenen Zaun, der zu Alfreds Garten führte. Für einen Moment hörte er, wie die Schritte hinter ihm abrupt endeten. Dann öffnete sich quietschend das Gartentor.
Alfred war weder der beste Läufer noch der beste Springer.

In einen leichten Trab übergehend kam Arthur bei dem Baumhaus an. Alfred stoppte einige Herzschläge später neben ihm und war im Gegensatz zu Arthur völlig außer Atem.
„Das ... Das war nicht fair. Du hattest Vorsprung!“, keuchte er.

Arthur zuckte bloß belustigt mit den Schultern und setzte einen Fuß auf die Hängeleiter. Geschickt hangelte er sich hoch, bis er in das Baumhaus trat. Alfred folgte ihm eifrig.

„Ich hab einen Regentropfen abgekriegt.“, stellte Alfred fest und ging sich mit dem Zeigefinger über die Stirn, um das Wasser wegzuwischen. Dann betrachtete er seine Fingerkuppe mit schief gelegtem Kopf.

Arthur wollte gerade etwas erwidern, als plötzlich ein lautes Donnern über sie herein brach und ihm stattdessen ein verschrecktes Quietschen entfloh.

Alfred musterte ihn mit großen Augen. Dann wurde sein Ausdruck sanft. „Hey, Artie. Du hast mir doch letztens erklärt, wie Gewitter funktionieren, nicht wahr? Davor brauchst du keine Angst zu haben.“

Arthur schüttelte aufgebracht den Kopf. „I-Ich hab keine Angst!“, stotterte er.

Alfred blinzelte einige Male. Dann rutschte er auf den Knien näher an seinen Freund heran und legte fast schon beschützerisch die Arme um ihn.

„Lass uns reingehen. Ich gebe dir eine Decke, kannst dir auch aussuchen, welche. Sogar die Star-Wars-Decke, wenn du magst! Und ich kann Mama fragen, ob sie dir Tee macht.“

Er spürte, wie Arthur hektisch nickte, das Gesicht ängstlich in den Knien vergraben.


➴ ➶ ➴


„Hey, Artie ... Bist du noch wach?“

Arthur blinzelte in die Dunkelheit hinein. Er lag auf einer Matratze auf dem Boden, dicht in eine Decke eingewickelt und sein Stoff-Einhorn an sich gepresst.

Leicht konnte er die Umrisse seines Freundes erkennen, der jetzt von seinem Bett hinunter kletterte. Hinter ihm leuchteten Wandsticker in Form von Planeten und Sternen.

Arthur gab einen zustimmenden Laut von sich. Er war kurz vor dem Einschlafen gewesen, doch jetzt fühlte er sich wieder hellwach.

„Ich hab totalen Hunger. Magst du mit mir in die Küche kommen?“

Schon kurz darauf stolperten die beiden Neunjährigen durch die finsteren Flure.
Alfred hatte Arthur bei der Hand gefasst und führte ihn durch die Dunkelheit, obwohl auch Arthur das Haus in und auswendig kannte.

In der Küche angekommen öffnete Alfred den Kühlschrank. Der Anblick ließ sofort sein ganzes Gesicht aufhellen. „Wir haben noch Kuchen vom vierten Juli!“, rief er begeistert.

„Shh!“, ermahnte Arthur ihn, gegen die Küchentheke gelehnt und sein Einhorn immer noch fest umklammert. Er hatte keine Lust darauf, von Alfreds Eltern erwischt zu werden. „Und wie kannst du mitten in der Nacht Kuchen essen?“

„Kuchen geht immer!“, entgegnete Alfred und griff prompt nach einer Gabel, bevor er sich wieder dem Kühlschrank zuwendete.

„... Isst du gerade wirklich aus dem Kühlschrank heraus?“, fragte Arthur in einem abfälligen Tonfall.

Alfred nickte stolz. „Alles andere wäre doch Verschwendung von Tellern!“

Arthur runzelte die Stirn. „Teller kann man waschen. Das da ist Stromverschwendung!“

Genau in dem Moment ging ein lautes Piepen los. Sowohl Alfred als auch Arthur brauchten einen Moment, um zu realisieren, dass das Geräusch von dem Kühlschrank kam.

„ALFRED? ARTHUR?“

Die Stimme seines Vaters ließ Alfreds Augen weit werden. Schnell schlug er die Tür des Kühlschranks zu, sodass dieser nur so wackelte. Die Kuchengabel fiel klirrend zu Boden.

„Schnell, verstecken!“

Und so kam es, dass die beiden Jungen in das angrenzende Wohnzimmer stürmten und sich hinter dem Sofa versteckten, in der Hoffnung, Alfreds Vater würde sie nicht finden.


➴ ➶ ➴


Arthur hatte die Nase in einem Buch vergraben, als Alfred von der Toilette zurückkam. Der Amerikaner ließ sich mit einem Seufzer auf Arthurs Bett fallen, das unter dem plötzlichen Gewicht aufstöhnte.

„Ich verstehe echt nicht, wie du immer so viel lesen kannst. Lass uns doch Fernsehen schauen.“, schlug Alfred vor.

Arthur schüttelte den Kopf, die Augen immer noch an die, Alfreds Meinung nach viel zu kleinen Buchstaben geheftet.

Alfred starrte an die Decke und versank in Gedanken. Normalerweise hätte er noch länger mit Arthur diskutiert, aber jetzt hatte er ein interessanteres Gesprächsthema gefunden.

„Wusstest du, dass Emily schon Körbchengröße B hat?“, fragte er.

Arthur schaute von seinem Buch auf und warf Alfred einen mahnenden Blick zu. „Hast du das etwa selbst erkannt?“, fragte er skeptisch.

Alfred schüttelte lachend den Kopf. „Nein. Ich hab die Mädchen darüber reden hören und Emily meinte, dass sie bald wahrscheinlich sogar einen C-BH braucht.“

Arthur rollte bloß mit den Augen.

Für eine Weile war es still und Arthur hatte sich eigentlich wieder dem Lesen zugewendet, als Alfred erneut zu sprechen anfing:

„Du, Artie ... Fasst du dich eigentlich manchmal da unten an?“

Das Buch klappte zu und Arthur gab einen aufgebrachten Laut von sich. „Über so etwas redet man nicht, Alfred!“ Der leichte, rötliche Schimmer, der sich auf seine Wangen gelegt hatte, entging Alfred nicht.

„Ich dachte, wir reden über alles.“, grinste Alfred amüsiert.

Arthur, der dazu erzogen worden war, für seine zwölf Jahre schon sehr höflich und distanzbewahrend zu sein, blickte verlegen zur Seite.

„Ja, ich habe mich berührt ... Mehrmals sogar.“, nuschelte er leise.

„Ganz ehrlich, wer nicht?“, lachte Alfred, um die Stimmung ein wenig aufzulockern. „Ich habe mitgekriegt, wie die Jungs aus unserer Klasse darüber gesprochen haben.“

Arthur runzelte die Stirn. Ihn überraschte es, was Alfred so alles im Gegensatz zu ihm mitkriegte. Arthur konzentrierte sich pausenlos auf den Unterricht und schrieb alle wichtigen Dinge mit. Bei Alfred war das eher weniger der Fall. Dafür erreichte er stetig mehr an Beliebtheit.

Arthur konnte nichts anderes tun, als zu hoffen, dass Alfred ihn nicht irgendwann langweilig finden würde.


➴ ➶ ➴


Neugierig näherte sich Alfred dem Schreibtisch. Arthur war eben nach draußen gegangen, um seinem Vater dabei zu helfen, die Einkäufe ins Haus zu tragen. Er hatte darauf bestanden, dass Alfred auf dem Zimmer blieb.

Wäre ihm dieses kleine Büchlein so wichtig gewesen, hätte er es doch nicht offen auf dem Schreibtisch liegen gelassen, oder?

Interessiert setzte sich Alfred auf den Drehstuhl und blätterte durch die Seiten.

Oben rechts waren jedes Mal die Daten eingetragen worden. Direkt daneben stand fein säuberlich Liebes Tagebuch geschrieben.

Alfred wusste, dass er das nicht tun sollte. Doch die Unwissenheit plagte ihn.

In letzter Zeit verhielt sich Arthur irgendwie merkwürdig, und er wollte der Sache auf den Grund gehen.

Also schlug er den neuesten Eintrag auf. Er stammte noch von heute Morgen, kurz bevor Alfred an seiner Tür geklingelt hatte.

Liebes Tagebuch,
Mittlerweile sind zwei Wochen seit meinem ersten Kuss vergangen und es kommt mir immer noch unwirklich vor. Wie schon in den anderen Einträgen erzählt, haben wir uns noch öfter geküsst. Auch mit Zunge, was sich anfangs seltsam angefühlt hat. Aber mittlerweile gefällt es mir irgendwie ...


Erster Kuss?! Davon hatte Arthur ihm überhaupt nichts erzählt. Wen er wohl geküsst hatte?

Alfred las den Eintrag nicht zu Ende und blätterte stattdessen ein paar Einträge vor. Gerade wollte er den Eintrag von vor zwei Wochen lesen, als die Zimmertür plötzlich aufging.

Vor Schreck ließ Alfred das Tagebuch fallen.

„Alfred? Dad fragt, was du essen möchtest.“, sagte Arthur, während er die Tür hinter sich schloss. Dann wendete er sich seinem Freund zu und brauchte natürlich nicht lange, um das Tagebuch zu entdecken.

„Alfred!“, rief Arthur wütend und steuerte sofort auf den anderen zu. Er bückte sich schnell, um das kleine Buch aufzuheben. „Du kannst doch nicht einfach da reinschauen! Wieviel hast du gelesen?“

Er klang nicht nur verletzt. Alfred erkannte an Arthurs grünen Augen auch, wie enttäuscht der Engländer war.

„I-Ich habe nicht darin gelesen!“, log Alfred schnell. „Ich habe es versehentlich vom Schreibtisch gestoßen!“

Er wollte nicht, dass Arthur schlecht von ihm dachte. Normalerweise hätte Alfred seine Privatsphäre nicht so verletzt, aber er hatte sich Sorgen um seinen besten Freund gemacht.

Arthur warf ihm einen finsteren Blick zu. „Ich hoffe für dich, dass du die Wahrheit sagst.“, drohte er.

Am liebsten wollte Alfred ihn nach diesem Mädchen ausfragen, das er geküsst hatte. Doch er wusste, dass er darüber nicht reden durfte. Also schwieg er.


➴ ➶ ➴


Alfred und Arthur saßen dicht aneinander gerückt an Alfreds Schreibtisch und hatten die Augen auf den alten Pc gerichtet.

Lautes Stöhnen erfüllte den Raum.

Alfred, der mittlerweile dreizehn war, runzelte irritiert die Stirn. „Wieso sind ihre Brüste so groß? Ist das normal?“

Arthur, der schon des Öfteren Pornos gesehen hatte, nickte langsam.

„Die Darstellerinnen lassen sich oft die Brüste vergrößern.“, erklärte er. „Sie denken, dass das schöner aussieht.“

Alfred schüttelte abgeneigt den Kopf. „Das sieht doch nicht mehr schön aus!“, protestierte er.

Es war das erste Mal, dass er ein Video dieser Art schaute. Er hatte den Vorschlag Arthur gemacht, der nach langer Diskussion schließlich eingewilligt hatte.

Arthur spürte derweil, wie sein Körper sich ungeheuer warm anfühlte. Er musste sich schnell auf etwas anderes konzentrieren, wenn er in keine peinliche Situation geraten wollte.

„Reicht das nicht, Alfred? Komm, lass uns nach draußen gehen.“, murmelte er nervös.

„Gleich, gleich! Sind doch nur noch fünf Minuten!“, entgegnete Alfred, während er sich das Fertig-Popcorn in den Mund schob, das er eben aus der Küche geholt hatte.

Das Stöhnen wurde lauter, begleitet von dem Klatschen von Haut auf Haut.

Arthur rutschte unruhig auf dem Stuhl herum und wendete den Blick von dem Bildschirm ab. Stattdessen fixierte er sich auf das große Regal an der gegenüberliegenden Wand, das bis zum Rand mit Comics, Videospielen und Fotobänden gefüllt war.

„Ich find die Frau irgendwie gar nicht heiss.“, gestand Alfred mit schief gelegtem Kopf.

„Den Mann etwa schon?“, scherzte Arthur freudlos. Er war viel zu angespannt, um jetzt auch nur zu lächeln.

Stattdessen war es Alfred, der lachte. Doch sagen tat er nichts.

Arthur war froh, als das Video schließlich endete.

Die beiden standen auf und zogen sich ihre Jacken über, bevor sie nach draußen gingen.

„Der Mann hatte echt einen super großen Penis.“, begann Alfred auf einmal.

Arthur sog warnend die Luft ein. Sie waren in der Öffentlichkeit und obwohl auf den Straßen des kleinen Ortes nie viel los war, bat Arthur um ein wenig mehr Diskretion.

Doch Alfred ließ sich nicht aufhalten.

„Glaubst du, meiner wird irgendwann auch so groß?“, grinste er schelmisch.

„Alfred!“


➴ ➶ ➴


„Du, Artie ...“

Der Tonfall gefiel Arthur kein bisschen. So gut, wie er Alfred kannte, wusste er, dass es zwei Situationen gab, in denen er auf diese Weise sprach: Entweder er hatte etwas angestellt oder er wollte Arthur zu etwas überzeugen.

„Was ist?“, seufzte Arthur, den Kopf gegen den Stamm in der Mitte des Baumhauses gelehnt.

Sie saßen immer noch oft hier. Das war ihr eigener Ort. Hier wurden schon viele Geheimnisse geteilt und Wünsche geäußert - fernab der Ohren ihrer Eltern. Man konnte dieses Baumhaus schon fast als magisch bezeichnen.

„Du hast Erfahrung mit Küssen, oder?“, fragte Alfred.

„Ich wusste es.“, grummelte Arthur. „Du hast damals mein Tagebuch gelesen!“

Alfred lächelte unschuldig vor sich hin. Doch auch ein wenig Verlegenheit konnte Arthur dem Jungen entnehmen.

„Nicht viel. Nur halt, dass du jemanden geküsst hast. Auch mit Zunge und so.“, erzählte Alfred. „Indianerehrenwort.“

Arthur verdrehte die Augen. Er konnte einfach nur hoffen, dass Alfred daraus gelernt hatte. „Jetzt sag schon, was du willst.“

Wie aufs Kommando war Alfred aufgesprungen und kam Arthur mit einem Mal sehr nah. Ihre Gesichter waren nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt. „Bring es mir bei.“, hauchte er fasziniert.

Arthurs Augen weiteten sich augenblicklich. „Nein, nein! Garantiert nicht!“, erwiderte er.

„Aber Artieee!“, begann Alfred zu quengeln.

Arthur hasste es, wenn er das tat.

„Wir sind doch die allerbesten Freunde! Das ist nur zur Übung, damit ich lerne, wie man richtig ein Mädchen küsst!“

Wenn er es so formulierte ...

Arthur gab mit einem aufgebrachten Laut nach. „In Ordnung. Aber nur zur Übung, klar?“, räumte er ein.

Mit diesen Worten beugte sich Arthur vor und presste seine Lippen auf Alfreds.

Es war ein seltsames Gefühl. Es fühlte sich ganz anders an als die Küsse, die Arthur vor einer Weile mit einer Klassenkameradin teilen durfte. Doch er beschloss, nichtsdestotrotz sein Gelerntes anzuwenden.

Er teilte Alfreds Lippen und verwickelte ihn in einen sanften Zungenkuss. Jetzt ergriff auch Alfred die Initiative, und küsste ihn etwas zu voreilig zurück.

Sofort löste sich Arthur von ihm. „Weniger Sabber.“, flüsterte er gegen Alfreds Lippen.

Der Amerikaner nickte eifrig und küsste ihn erneut. Er drückte seinen Freund so zurück, dass Arthur den Holzboden in seinem Rücken spürte.

Der Kuss wurde vertieft und Arthur entfloh ein leises Seufzen, als er bemerkte, wie sich Alfreds Hand unter sein Shirt schob. Doch er konnte sich im letzten Moment zurückhalten und griff nach Alfreds Handgelenk.

„Hände weg.“

Er hörte Alfred gegen sein Ohr lachen. Das Geräusch sorgte dafür, dass Arthur ein Schauer über den Rücken lief.

Alfred lehnte sich zurück und schaute mit funkelnden Augen auf Arthur herab. „Das müssen wir unbedingt nochmal machen.“, sagte er mit einem selbstgefälligen Grinsen. Er klang so überzeugt von sich.

Arthur hätte gerne zugestimmt. Doch wenn er ehrlich war, wusste er nicht, ob er sich bei weiteren Küssen auch noch so gut zügeln können würde.


➴ ➶ ➴


Erleichtert stöhnte Arthur auf, als er endlich den richtigen Schlüssel an seinem Bund fand.

„Leise sein.“, nuschelte er in die Dunkelheit hinein.

Er hörte Alfred hinter sich kichern. Dann öffnete sich die Haustür mit einem dumpfen Klicken.

Die beiden hatten getrunken. Ziemlich viel, um ehrlich zu sein. Es war Alfreds Idee gewesen.

Die leeren Flaschen hatte Arthur auf ein Feld geworfen. Er konnte bloß hoffen, dass seine Eltern nicht bemerken würden, dass etwas in ihrem Alkohol-Vorrat fehlte.

Die beiden betraten das Haus, Alfred immer noch vergnügt kichernd. Es war das erste Mal, dass er betrunken war - im Gegenteil zu Arthur. Da war es nicht verwunderlich, dass er alles irre witzig fand.

Arthur versuchte, die schwere Haustür so leise wie möglich wieder zu schließen. Doch seine Konzentration war am Ende, und so kam es, dass ein lautes Krachen durch das Haus drang.

Arthur wurde von hellem Licht geblendet und entdeckte kurz darauf auch schon seine Mutter, die oben an der Treppe stand.

„Arthur! Wo seid ihr gewesen? Wisst ihr, wieviel Uhr es sind?!“

Die Frage war rhetorisch gemeint.

Nichtsdestotrotz schob Alfred den Ärmel seines Pullovers hoch und kniff leicht die Augen zusammen, als er die Ziffern auf seiner Armbanduhr zu lesen versuchte. „Kurz nach eins ... Glaub ich.“

Er war bereits am lallen.

Mit einem Lächeln versuchte Arthur, die Situation zu überspielen. Er hatte seinen Eltern bereits des Öfteren vorspielen müssen, er hätte nichts getrunken.

„Tut uns leid, Mum. Wir ... Wir gehen schlafen, ja?“

Zum Ende hin überschlugen seine Worte sich ein wenig. Arthur verfluchte sich selbst dafür. Wieso wollte seine Zunge ihm nicht gehorchen?

Kopfschüttelnd wendete sich seine Mutter ab und machte sich auf den Weg zurück ins Bett.

„Okay, Al. Geh du schonmal in mein Zimmer. Ich ... Ich hol dir Bettzeug und was zum wechseln.“, flüsterte Arthur.

Wenig später lagen die beiden auch schon in Arthurs Bett, direkt nebeneinander. Es war sehr eng, aber es war ihnen nicht mehr gelungen, die Isomatte zu öffnen.

„Artie ... Mir ist schwindelig.“, seufzte Alfred. Ihm entfloh ein Hicksen.

Arthur gab bloß ein Grummeln von sich. Er war viel zu müde, um sich jetzt noch um irgendetwas zu kümmern.

„... Und übel auch ...“

Kaum hatte Alfred dieses Gefühl geäußert, beugte er sich über die Bettkante und übergab sich.

Arthur ließ ein aufgebrachtes Stöhnen hören. Ungelenk setzte er sich auf und streichelte Alfred über den Rücken, während ihm der beißende Gestank von Erbrochenem in die Nase stieg.

Arthur nahm sich vor, Alfred nie wieder irischen Whisky trinken zu lassen.


➴ ➶ ➴


„Schon wieder? Alfred, ehrlich? Wir waren für heute verabredet gewesen!“, fuhr Arthur ihn gereizt an.

Alfred lehnte sich gegen einen der blauen Spinde. „Entspann dich, Arthur. Dieses Training ist wirklich wichtig. Das nächste Spiel steht bald an.“, entgegnete er, seine Sporttasche schulternd.

Sie standen auf dem leeren Flur ihrer High School. Die meisten Schüler waren bereits nach Hause gegangen, doch Alfred bestand darauf, noch mit ein paar Jungen aus seinem Football-Team zu trainieren.

Seitdem er Quarterback geworden war, verbrachte Alfred viel Zeit mit Sport. Zu viel, wie Arthur fand.

„Du hast gar nichts anderes mehr im Kopf, Alfred! Merkst du nicht, wie diese Leute dich unter Druck setzen? Sie -”

Alfred unterbrach ihn prompt: „Arthur. Diese Leute sind meine Freunde. Sie brauchen mich. Dieses Spiel ist wirklich wichtig.“ Er seufzte und musterte Arthur innig. „Eigentlich müsstest gerade du das verstehen, denn du bleibst doch auch oft für den Schülerrat länger in der Schule.“

Arthur schüttelte den Kopf. „Das ist etwas komplett anderes!“, zischte er.

Alfred hob die Braue. „Liegt es daran, dass du neidisch bist? Weil ich jetzt beliebt bin und du nicht?“, bohrte er weiter.

Arthur verschränkte eingeschnappt die Arme.

„Im Gegensatz zu dir ist es mir egal, was andere über mich denken! Ich brauche kein Ansehen, um mich gut zu fühlen!“

Das war die halbe Wahrheit.

Jedem war aufgefallen, was Alfred für einen Wandel durchlebt hatte. Seitdem er mit Football begonnen hatte, war er ein ganzes Stück gewachsen, seine Stimme war tiefer geworden, sein Gesicht kantiger, und er hatte viel an Muskelmassen zugelegt.

Er war schon längst kein kleiner Junge mehr und sah wirklich gut aus. Das gefiel vor allem den Mädchen, und so hatte Alfred kurzerhand an viel Beliebtheit erlangt.

Jedes Wochenende wurde er von Oberstufenschülern zu Parties eingeladen, obwohl er nichtmal sechzehn war.

An sich hätte das alles Arthur nicht weiter gestört. Schließlich hatte er Alfred noch nie so glücklich gesehen. Doch all diese Bewunderer waren nichts als falsche Freunde, die Alfred für etwas liebten, was dieser gar nicht war.

„Ich verstehe einfach nicht, wieso du nur noch Zeit mit diesen Leuten verbringst, Alfred! Hast du vergessen, wer deine wahren Freunde sind?“, fuhr Arthur fort.

Alfred richtete sich wieder zu voller Größe auf. Es war fast schon etwas einschüchternd, dass er mittlerweile einen Kopf größer als Arthur war. Instinktiv machte der Engländer einen Schritt zurück.

„Wahre Freunde lassen dich eigene Entscheidungen treffen, gönnen, und sind nicht bei jeder kleinsten Sache eifersüchtig.“, knurrte Alfred.

Mit diesen Worten schob er sich an Arthur vorbei und machte sich auf den Weg zum Football-Field.

Arthur blieb zurück. Ein schuldbewusstes Gefühl machte sich in seiner Magengrube breit.

Er hatte nicht gewollt, dass es so ausging.


➴ ➶ ➴


Es war ein normaler Dienstagnachmittag, als Arthur es an der Tür klingeln hörte.

Er war alleine Zuhause, also lag es an ihm, seine Schulaufgaben für einen Moment außer Acht zu lassen und die Tür zu öffnen. Doch er hatte nicht damit gerechnet, Alfred zu sehen.

Seit ihrem Streit vor einem Monat hatten sie nicht mehr viel geredet. Alfred hatte das Football-Team zum Sieg geführt und war nun praktisch der Star der Schule. Was sollte er da noch von Arthur wollen?

„Hallo.“, sagte Arthur trocken und trat zur Seite, damit Alfred eintreten konnte.

Er hatte den Laptop auf Alfreds Arm gesehen. Vor einer Weile hatte Arthur ihn in Alfreds Obhut übergeben, damit dieser ein paar technische Fehler beheben konnte.

„Hey.“, begrüßte ihn Alfred und legte den Laptop auf dem Tisch ab. „Ich will nicht lange um den heissen Brei herumreden, Arthur. Bist du schwul?“

Arthur erstarrte augenblicklich. Woher konnte Alfred bitte wissen, dass Arthur auf Männer stand?

Er hatte mit niemandem darüber geredet. Nicht mit Alfred, nicht mit seinen Brüdern, nicht mit seinen Eltern. Es war absolut unmöglich, dass Alfred dahinter gekommen war.

„N-Nein ... Wie kommst du darauf?“, fragte er und runzelte irritiert die Stirn, darauf bedacht, sich seine Panik nicht anmerken zu lassen.

Alfred zuckte mit den Schultern und nickte in Richtung Laptop. „Hab deine Browser-History gesehen. Kein Wunder, dass du dir Viren einfängst.“

Arthur spürte, wie ihm heiss vor Scham wurde. Am liebsten wollte er jeden Moment im Erdboden versinken.

„Ich geh dann mal.“, murmelte Alfred, dem die Situation auch unangenehm zu sein schien. Er machte sich bereits auf den Weg zur Tür, als Arthur ihn plötzlich am Arm festhielt.

„Halt!“

Alfred drehte ihm den Kopf zu. „Hm?“

„Bitte ... Bitte verrate niemandem davon. Ich möchte nicht, dass jemand davon erfährt. Ich mache auch alles, was du willst.“, presste Arthur rasch hervor, den Blick nervös gesenkt.

Für einen Moment war es still.

Als Arthur aufschaute, realisierte er, wie sich ein Lächeln auf Alfreds Gesicht ausgebreitet hatte.

Er hatte dieses Lächeln wirklich vermisst.

„Mach dir keine Sorgen, Arthur.“, sagte Alfred. „Ich erzähle keinem davon. Versprochen.“

Wenn Arthur einer Person vertraute, dann war es nach wie vor Alfred.

„Vielen Dank.“, flüsterte er.

Seine Hand löste sich augenblicklich von dem weichen Stoff von Alfreds Pullover.

Wenige Sekunden später hörte er, wie die Haustür sich schloss.


➴ ➶ ➴


„Mach dir nicht so viele Gedanken darüber, Arthur.“, meinte Kiku, während er seine Lunchbox öffnete.

Ein kurzer Blick hinein verriet Arthur, dass Kiku wie so oft auch Reis und Gemüse dabei hatte. Der Japaner achtete auf eine ausgewogene und gesunde Ernährung.

„Das wäre einfacher, wenn ich sie nicht jede Pause sehen müsste.“, entgegnete Arthur bitter.

Sein Blick war auf den Tisch gerichtet, an dem das Football-Team saß; Alfred mittendrin.

Die Beziehung zwischen Alfred und Arthur hatte sich nicht gebessert. Stattdessen hatten sie sich nur noch mehr voneinander distanziert und das hatte dazu geführt, dass sie sich mit völlig anderen Leuten umgaben. Sie besaßen mittlerweile komplett verschiedene Freundeskreise.

Arthur sah zu, wie Alfred sich besonders innig mit einem anderen Jungen unterhielt. Er war genau wie jeder andere der Spieler groß und breit gebaut. Arthur hatte ihn schon oft zusammen mit Alfred gesehen.

Jetzt schaute Alfred auf und blickte in Arthurs Richtung. Er war am lachen. Auch der andere Junge betrachtete Arthur nun, ebenfalls breit am feixen.

Arthur spürte Wut in sich kochen. Es war nicht das erste Mal, dass Alfred und seine Freunde so in seine Richtung glotzten. Das konnte kein Zufall sein.

„Entschuldige mich kurz.“, sagte Arthur zu Kiku und stand auf.

Mit selbstsicheren Schritten ging er auf den Football-Tisch zu und blieb direkt davor stehen, die Hände auf die Tischplatte gestemmt.

„Na, Augenbraue?“, grölte einer der Jungen höhnisch.

Arthur ignorierte ihn gekonnt. „Dürfte ich mal mit Alfred reden?“, fragte er trocken.

Bevor die Spieler noch einen blöden Spruch drücken konnten, war Alfred aufgestanden. „Bis später, Jungs!“

Mit diesen Worten folgte Alfred Arthur schweigend über die Flure, bis sie bei einem Klassenraum ankamen, von dem Arthur wusste, dass er um diese Uhrzeit leer war.

Kaum hatte Arthur die Tür hinter sich geschlossen, begann er auch schon damit, Alfred anzufahren:

„Was ist los, Jones? Macht es dir und deinen Freunden so viel Spaß, euch über mich lustig zu machen?!“

Alfred legte den Kopf schief. „Komm schon, Arthur. Das war dieses eine Mal. Ich meine es nicht böse, wirklich nicht.“

„Ach ja? Gehört das etwa dazu, ein Football-Spieler zu sein? Sich über andere lustig zu machen und Leute zu schikanieren?!“, fuhr Arthur anklagend fort. Er war in völliger Rage.

„Hör auf, Arthur.“

„Du kannst mir gar nichts befehlen!“

„Halt die Klappe, oder ich -“

Alfred war knapp vor Arthur stehen geblieben.

Arthur spürte bereits die Wand in seinem Rücken, ließ sich ausnahmsweise jedoch nicht verunsichern. Stattdessen legte er den Kopf in den Nacken und blickte Alfred trotzig in die Augen.

„Was willst du tun, Jones?“

Da geschah alles plötzlich schnell.

Alfred machte einen weiteren Schritt vorwärts und drückte Arthur in einer schnellen Bewegung an den Schultern zurück, sodass dieser mit einem Mal komplett gegen die Wand gepresst war.

Überrascht japste Arthur nach Luft.

Da fasste Alfred ihn auf einmal bei den Wangen und senkte den Kopf, um ihre Lippen miteinander zu vereinen.

Obwohl es ein ziemlich unschuldiger Kuss war, war es offensichtlich, dass sich Alfred im Küssen gebessert hatte.

Arthur schob ihn nicht weg. Er war viel zu perplex, um dies zu tun.

Für einen Moment genoss er sogar das Gefühl von Alfreds Lippen, und wie sie sich gegen seine bewegten.

„Da ... Damit kommst du nicht davon!“, keuchte Arthur, als sie sich wieder voneinander lösten.

Alfreds Antwort war nichts als ein vielsagendes Grinsen.


➴ ➶ ➴


In der Nacht wurde Arthur von einem sich wiederholenden Klopfen geweckt.

Anfangs hatte er versucht, das Geräusch zu ignorieren, doch schließlich hatte es so an seinen Nerven gezerrt, dass er aufgestanden war.

Es kam vom Fenster.

Mit einem Blick auf die Uhr seufzte Arthur und reckte die Glieder, bevor er die Vorhänge beiseite schob.

Ihm entfloh ein erschreckter Laut und er taumelte einige Schritte rückwärts.

Nur durch die Glasscheibe getrennt stand vor ihm eine dunkle Gestalt.

„Artie! Komm schon, mach auf!“

Kurz darauf knallte das Fenster auch schon auf und traf Alfred dabei fast im Gesicht.

„Was fällt dir eigentlich ein?! Es sind drei Uhr morgens!“, beschwerte Arthur sich eindringlich.

Alfred hob entschuldigend beide Hände, doch sein Grinsen bewies, dass es ihm nicht aufrichtig leid tat. „Stehst du nicht auf so romantischen Kram?“

Arthur konnte beim besten Willen nicht die Romantik in dieser Situation erkennen.

Mit einem Ruck hatte Alfred sich durch das Fenster nach drinnen befördert.

Der Mond beleuchtete eine Hälfte seines Gesichts und ließ ihn unverschämt gut aussehen.

Arthur warf ihm einen beleidigten Blick zu. „Ich meine es ernst, Alfred. Wir haben morgen Schule!“

„Du hast doch sowieso den besten Durchschnitt der Stufe.“, lachte Alfred, stoppte dann jedoch abrupt. „... Im Gegensatz zu mir. Ich weiß echt nicht, ob ich das Schuljahr schaffe ...“

Arthur seufzte. „Ich gebe dir Nachhilfe, wenn du jetzt sofort verschwindest.“

„Kommt gar nicht infrage.“

Alfred hatte im Vorbeigehen Arthur geschnappt und mit aufs Bett gezogen.

Arthur japste überrascht, wehrte sich jedoch nicht, als er das weiche Bett unter sich wahrnahm und spürte, wie Alfreds Finger durch sein blondes Haar fuhren.

Für einen Moment überlegte Arthur sogar, ob er Alfred küssen sollte.

Innerhalb der letzten zwei Monate hatten sie sich mehrmals geküsst, ob nun auf dem leeren Schulflur, im Büro des Schülerrats oder draußen auf der Tribüne des Football-Fields.

Auch berührt hatten sie sich. Bisher waren es verstohlene Berührungen am Oberschenkel oder unterhalb des Rückens gewesen. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis das zu mehr heranwachsen würde.

Trotzdem hatten sie es nicht als nötig empfunden, ihre Beziehung zu kategorisieren.

Bis jetzt.

„Artie ... Willst du jetzt eigentlich mein Freund sein?“, flüsterte Alfred leise und rutschte ein Stück näher an ihn heran.

Arthur erwiderte seinen Blick mit großen grünen Augen.

Jahrelang hatte er sich ausgemalt, wie es wäre, mit Alfred F. Jones zusammen zu sein. Und jetzt, wo es tatsächlich so weit war, konnte er es einfach nicht glauben.

„Meinst ... Du das ernst?“, fragte er zögerlich.

Alfred nickte.

„Aber ich bin weder beliebt, noch sonderlich gutaussehend -“

„Du bist heiss.“, unterbrach Alfred ihn grinsend.

„Und du bist ein Idiot.“, lachte Arthur.

Für einen Moment hielt er nachdenklich inne und fixierte Alfreds Lippen.

Das entging Alfred nicht.

Sofort hob er den Kopf und küsste Arthur zärtlich. Arthur erwiderte und legte seine Hände an Alfreds breite Schultern.

Sie vertieften den Kuss, ließen ihn inniger werden, und waren beide schwer am atmen, als sie sich wieder voneinander lösten.

„Heißt das ja?“, hauchte Alfred gegen seine Lippen. Er klang ungewohnt ernst.

Arthur nickte kaum merklich.

„Ja.“


➴ ➶ ➴


Arthur hatte früh gemerkt, dass etwas nicht stimmte.

Als er von der Frühstückspause zurückgekommen war und seinen Spind aufgeschlossen hatte, war eine Mädchengruppe aus seiner Stufe in Kichern ausgebrochen. Schon eben hatte ihm ein Junge auf dem Flur neckisch zugegrinst.

Generell wurden Arthur an diesem Tag viele ungewöhnliche Blicke zugeworfen und gerade das ließ ihn skeptisch werden.

Arthur schloss sein dickes Englischbuch in den Spind ein und wollte sich wieder auf den Weg zum Unterricht machen.

Da legte sich plötzlich ein Paar großer Hände auf seine Hüften.

„Alfred!“, protestierte Arthur und drehte sich zu seinem Freund um, so sehr er auch das Gefühl von Alfreds Berührungen genoss. „Du bist doch echt ein ...!“

„Pass auf, was du sagst.“, ermahnte ihn Alfred grinsend.

Arthur kam nicht umhin zu lächeln.

Die letzten Monate mit Alfred waren eine ganz besondere Erfahrung in seinem Leben gewesen.

Anfangs hatte sich Arthur merkwürdig dabei gefühlt, auf diese völlig neue Weise zu Alfred zu stehen. Doch von Tag zu Tag fühlte sich Arthur wohler und merkte, wie gut diese Beziehung ihm tat - Auch, wenn seine Noten darunter litten.

„Du hast uns geoutet!“, protestierte Arthur, vielleicht ein wenig zu laut.

Ein passierender Schüler warf ihnen einen merkwürdigen Blick zu.

„Aber Artie! Ich habe jetzt zwei Monate die Klappe gehalten und ich musste einfach mit jemandem darüber reden und erstmal habe ich mit Matthew geredet, aber dann hat Francis das mitgekriegt und -“

„Ist schon gut, du Idiot.“, schmunzelte Arthur.

Alfred stoppte seinen Redefluss abrupt und erwiderte Arthurs Lächeln. Dann beugte er sich ein Stück weit zu ihm vor.

„Darf ich dich jetzt also auch auf dem Flur küssen? Vor allen?“, raunte er aufgeregt.

Arthur presste die Hand gegen Alfreds Wange und drückte den Kopf seines Freundes zur Seite. Dafür quittierte er ein gut hörbares Quengeln.

Es war Arthur unangenehm, dass so viel Aufmerksamkeit auf ihnen lag.

Zwar befanden sich nur relativ wenige Schüler auf dem Flur, doch alle Augen waren auf die zwei gerichtet.

„Ich glaube nicht, dass du dir das verdient hast.“

„Nur einen Kuss!“, beharrte Alfred.

Arthur hatte sich von dem Spind abgestoßen und überquerte den Flur, Alfred dicht auf den Fersen.

„Komm schooon!“

Arthur machte auf dem Absatz kehrt und zog Alfred an dem Kragen seines Pullovers hinunter, um ihm einen kurzen Kuss aufzudrücken.

„Zufrieden?“, schnaubte er, konnte sich aber kein Grinsen verkneifen. Es war süß, wie anhänglich Alfred sein konnte.

„Ich werde dich vermissen, Artie.“

Kuss.

„Wir haben die fünfte Stunde gemeinsam.“

Noch ein Kuss.

„Es sind noch zwei Stunden bis dahin!“

Wieder ein Kuss.

„Du wirst es überleben, Schatz.“

Mit diesen Worten wurde Alfred sanft an den Schultern zurück geschoben. Er bekam einen letzten Kuss aufgedrückt, diesmal auf die Wange.

„Und wenn nicht?“

„Dann eben nicht!“


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„Alfred ... Alfred!“, presste Arthur zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Ein stechender Schmerz durchzog seine Mitte. Krampfhaft klammerte er sich an Alfreds nackten Schultern fest und hinterließ dabei rote Striemen.

„Du musst dich entspannen, Artie.“, hauchte Alfred, darauf bedacht, beruhigend zu klingen.

Doch auch ihm war seine Nervosität anzumerken.

„Du hast doch keine Ahnung, wie sehr das wehtut!“, zischte Arthur bedrohlich.

Es war nicht das erste Mal, dass er und Alfred intim wurden. Doch jetzt würden sie erstmalig richtigen Sex miteinander haben.

„Denk an was Schönes. Und, Moment ...“ Alfred nahm seine freie Hand und reichte Arthur ein Kissen. „Leg das unter deinen Kopf. Das soll helfen, hab ich online gelesen.“

Arthur war zu aufgebracht, um zu argumentieren. Stattdessen nahm er schweigend das Kissen entgegen und tat, wie Alfred gesagt hatte.

„Drei Finger reichen, oder?“, versicherte sich Alfred mit zittriger Stimme.

Arthur drehte den Kopf zur Seite und machte er einen zustimmenden Laut. Er spürte ein drückendes Gefühl in seiner Magengegend.

Wenn drei Finger bereits so schmerzten, wie sollte es bloß sein, wenn Alfred erst in ihm war?

„Okay.“

Alfred entzog die Finger wieder und Arthur kam nicht umhin, einen erleichterten Seufzer auszustoßen.

„Kondome? Gleitgel?“

Alfred schaute kurz suchend umher, bevor er die gefragten Sachen neben sich auf der Bettdecke fand. Schnell öffnete er die Packung, stülpte sich das Kondom über und öffnete die Tube Gleitgel.

Arthur beobachtete ihn dabei und stellte fest, dass er sich in seinem ganzen Leben noch nicht so zweigespalten gefühlt hatte.

Einerseits plagte ihn die Furcht vor dem anstehenden Schmerz. Andererseits wollte er nichts lieber, als endlich mit Alfred vereint zu sein.

Schon oft genug hatte er darüber fantasiert, wie es sein würde, Sex mit Alfred zu haben. In seinen Vorstellungen war dieser Akt von Leidenschaft und Lust geprägt gewesen. Aber die Realität sah anders aus.

Es tat weh. Sehr.

Arthur kniff die Augen zusammen und unterdrückte einen Aufschrei, während seine Fingernägel sich in Alfreds Haut bohrten. Doch er wollte nicht schwach wirken. Er wollte das Alfred nicht ruinieren.

Also presste Arthur ein lustvolles Stöhnen hervor. Nicht, weil ihm diese Situation in irgendeiner Weise gefiel, sondern einfach, weil er Alfred glücklich machen wollte.

Vielleicht machte es Alfred ein bisschen zu sehr glücklich.

„Terrorismus, Kotze, stinkende Umkleidekabinen, deutsche Politiker -“

„Was tust du da, Alfred?“

„ICH VERSUCHE NICHT ZU KOMMEN, VERDAMMT!“

Verzweifelt hielt Alfred Arthurs Beine umklammert. Bei dem Druck, den er auf die Haut ausübte, würden im Nachhinein mit Sicherheit einige blaue Flecken und Rötungen sichtbar sein.

„Beweg dich.“, keuchte Arthur.

Also bewegte sich Alfred. Es dauerte nicht lange, bis seine Atmung immer schwerer wurde. „Oh Gott, ich liebe dich ...“

Arthur hatte sich mittlerweile einigermaßen an den Schmerz gewöhnt und genoss es, Alfred so nah zu sein. Auch, wenn ihn die Lust nicht gepackt hatte, seufzte er immer wieder genüsslich gegen das Ohr seines Freundes.

Das ging so lange, bis Alfred plötzlich einen ganz bestimmten Punkt in ihm traf und Arthur vor Überraschung japste.

„Mach das nochmal.“

Alfred hob flatternd die Lider. Er nickte, hielt kurz inne und versuchte dann, die Stelle erneut zu finden. Nach einigen Sekunden gelang ihm das auch.

Arthurs lustvolles Stöhnen brachte Alfred über die Klippe. Wenig später folgte Arthur, durch die Hilfe von Alfreds Hand.

Rund eine Minute lagen die beiden nebeneinander und versuchten, ihre brüchigen Atem in den Griff zu kriegen.

Schließlich war es Alfred, der das Wort ergriff. Arthur erwartete ein begeistertes „Das war klasse!“ oder „Wahnsinn!“ von dem stets heiteren Amerikaner. Stattdessen sagte Alfred:

„Tut mir leid, dass es so kurz war.“

Arthur lächelte. „Ist okay.“, meinte er und drückte Alfred einen Kuss auf.

Jetzt schlich sich ein Grinsen auf Alfreds Lippen. „Noch eine Runde?“

Arthur rollte amüsiert mit den Augen. „Wenn du mir jetzt einen Tee machst.“


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Alfred war am lächeln.

Es war das freudlose und affektierte Lächeln, das er immer dann trug, wenn er nervös war und nicht wusste, wie er reagieren sollte.

„Na ja, also ... Zusammen sind wir jetzt seit fünf Monaten und -”

„Und wie lange nagelt dieser Ami dich schon?“, wurde Arthur von seinem ältesten Bruder unterbrochen.

„Allistor!“, rief seine Mutter empört und gab dem Rothaarigen einen warnenden Schlag auf die Finger.

Arthur seufzte.

Tief in sich hatte er gewusst, dass das Coming Out vor seiner Familie so verlaufen würde. An sich waren die Kirkland tolerant und akzeptierend, aber vor allem Arthurs Brüder konnten sehr beschützerisch werden.

„Ich finde das auch nicht gut, Mum. Unser Art ist viel zu jung für sowas.“, mischte sich Patrick ein.

„Auch, wenn es echt keine Überraschung ist, dass er schwul ist.“

„Was, wenn er bi ist? Oder pan? Oder trans? Genderfluid? Heutzutage gibt es alles.“, mischte sich Dylan ein.

„Was zur Hölle ist -“

„Es reicht!“, rief Arthur. Laut genug, um alle anderen am Tisch verstummen zu lassen.

„Ich wollte euch bloß sagen, dass ich Alfred liebe und mit ihm zusammen bin! Könnt ihr nicht einfach wie jede andere normale Familie sagen, dass das okay ist, und es dabei belassen?!“

Es war ihm unangenehm, dass seine Familie sich so verhielt, besonders vor Alfred.

Besagter Amerikaner saß immer noch angespannt an dem Esstisch. Sein Lächeln war keinen Zentimeter gewichen.

„Der Meinung bin ich auch.“, warf Arthurs Vater ein, seinen Tee umrührend und den Blick auf den Tagespropheten gerichtet.

„Wenigstens einer.“, murmelte Arthur bitter.

„Nein, Schatz. Ich sehe es genauso.“, stimmte seine Mutter zu. „Mir ist nichts wichtiger, als dich glücklich zu sehen. Und Alfred ist ein netter und verantwortungsbewusster junger Mann, der aus einer guten Familie kommt. Ihr kennt euch schon lange. Ihr vertraut euch.“

Arthur ließ ein ehrliches Lächeln blicken. „Danke, Mum.“

Jetzt meldete sich Alfred mit einem Räuspern zu Wort. „Dürfte ich ... Auch noch etwas sagen?“, fragte er ein wenig zögerlich. Bestätigendes Nicken.

„Ich wollte bloß klarmachen, dass ich gut mit Arthur umgehen werde. Ich werde auf ihn aufpassen und mich um ihn sorgen. Und ich werde nicht zulassen, dass irgendwer ihm etwas antut. Weil ich ihn sehr liebe.“, erzählte Alfred.

Er schaute in die Runde und wendete das Gesicht schließlich Arthur zu. „Mehr als alles andere.“

Arthur schluckte hart. Er spürte sein Herz bis zum Hals schlagen und hoffte, dass sein Blick genügend aussagte. Das Ringen nach Worten fiel ihm in diesem Moment nämlich schwer.

Arthurs Mutter lachte herzlich auf. „Aber Alfred!“, sagte sie, stand auf und zog den Nachbarsjungen in eine Umarmung. „Das hast du doch schon immer!“

Arthur hatte seine Augen nicht von Alfred gelassen. Es machte ihn verrückt, wie sehr er ihn liebte.

Und auch, wenn es für sie beide lange gedauert hatte, sich das einzugestehen, waren ihre Leben noch lang genug, um für die verlorene Zeit aufzukommen.


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„Siehst du den Mars? Den kann man diese Nacht besonders gut sehen.“, erzählte Alfred leise, den Kopf auf Arthurs Schulter gelegt.

Arthur kniff die Augen leicht zusammen. Er spürte, wie Alfred die Hand auf seine legte und das Teleskop vorsichtig in eine andere Richtung drehte.

„Siehst du?“, wisperte Alfred.

Arthur erschauderte aufgrund der angenehmen Stimme dicht neben seinem linken Ohr. Nie würde er gelangweilt von diesem Klang werden.

Alfred hatte ihn auf seinen Schoß gezogen und den Arm um ihn gelegt.

Dicht aneinander gepresst saßen sie auf dem dunkelblauen Teppich in Alfreds Zimmer und wechselten sich dabei ab, durch das Teleskop in den klaren Nachthimmel zu schauen.

Das Fenster war weit geöffnet und durchströmte das Zimmer mit kühler Luft. Auf Arthurs Armen hatte sich bereits eine schwache Gänsehaut gebildet.

Obwohl die Szenerie so idyllisch war, teilten die beiden das gleiche bedrückende Gefühl.

Schon morgen würde Arthur wegziehen, an das andere Ende des Landes. Dort würde er sein Studium absolvieren. Er würde in einem neuen Umfeld leben, neue Menschen kennenlernen, neue Freunde finden.

„Du wirst mich vergessen.“, brach es Alfred über die Lippen. Er bemerkte, wie Arthur unter ihm erstarrte.

„Werde ich nicht, du Trottel.“ Arthur ließ das Teleskop außer Acht und drehte den Kopf, um Alfred ins Gesicht zu blicken. „Ich liebe dich und wir werden uns immer noch oft sehen.“

„Ja, vielleicht einmal im Monat.“, kommentierte Alfred trotzig.

„Aber wir werden uns dafür umso mehr freuen und die Zeit nutzen.“, fuhr Arthur fort. Er platzierte seine Hand an Alfreds Wange und musterte seinen Freund liebevoll.

„Am Tag werden wir tolle Dinge unternehmen. Wir könnten ins Kino gehen, oder in den Zoo. Oder wenn du willst, auch ans Meer. Am Abend werden wir richtig schön essen gehen. Und in der Nacht ficken wir bis zum geht-nicht-mehr.“

Ein Lachen drang aus Alfreds Kehle. „Das klingt gut.“, grinste er.

Kurz darauf beugte er sich vor, um ihre Lippen zu einem Kuss zu vereinen.

„Es ist bloß so, dass ich dich sehr vermissen werde.“

„Ich dich doch auch.“, flüsterte Arthur gegen seine Lippen.

Ein weiteres Mal küssten sie sich, diesmal leidenschaftlicher. Arthur drehte sich komplett auf Alfreds Schoß um und zwischen den Küssen verloren die beiden immer mehr Kleidungsstücke.

Sie versuchten, den Gedanken an die unmittelbar bevorstehende Distanzierung so gut wie möglich zu verdrängen.


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Arthur schaute zu, wie die Spitze seiner Zigarette schwach in der Dunkelheit glühte. Träge legte er den Kopf in den Nacken und pustete den Rauch aus.

Seine Augen hingen an der gegenüberliegenden Hausfassade. Dort reihten sich die altmodischen Balkone aneinander und die Nacht wurde von den Lichtern aus den großen Fenstern erleuchtet.

Manche Vorhänge waren zugezogen, andere weit geöffnet. Menschen lachten. Sie aßen. Sie küssten sich. Und sie alle realisierten nicht, dass Arthur sie beobachtete.

Schritte ließen die Holzdielen von Arthurs Apartment knarren. Er nahm einen weiteren Zug und lächelte zufrieden, als sich starke Arme von hinten um ihn legten.

„Das Zeug bringt dich um, weißt du.“, murmelte eine Stimme gegen sein Ohr.

Arthur stützte eine Hand auf dem Geländer des Balkons ab und lehnte den Kopf gegen Alfreds Schulter.

„Ich versuche ja, es nicht zur Gewohnheit werden zu lassen.“, murmelte er.

Das stimmte. Auch, wenn das Verlangen, nach einer guten Runde Sex zu rauchen, im Laufe der Zeit immer größer geworden war.

Alfred presste sich dichter von hinten gegen ihn und gähnte leise, fast schon unschuldig.

„Alfred.“, lachte Arthur. Bei dieser Nähe konnte er Alfreds gesamten Körper in seinem Rücken spüren. „Zieh dir wenigstens eine Hose an.“

„Du hast doch auch keine an.“

„Aber ich trage ein Hemd und du bist komplett nackt.“

„Ist doch eh dunkel.“, entgegnete Alfred stur. „Und ich habe dich vermisst.“

Arthur wusste nicht, was Letzteres mit ihrer Diskussion zu tun hatte, spürte aber augenblicklich, wie sich etwas in seinem Herzen regte.

Seufzend schnippte er die Zigarette in den Aschenbecher und sah zu, wie sie inmitten der anderen Nikotinleichen verglühte. „Ich dich auch.“

Es war zweieinhalb Monate her, dass sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Arthur war zu stark mit dem Studium und den Abschlussprüfungen beschäftigt gewesen. Tag und Nacht hatte er gepaukt.

Auch Alfred, der vor kurzem sein Studium begonnen hatte, war viel gefordert worden. Erst vorgestern hatte er es geschafft, den Flieger zu nehmen.

Elegant drehte sich Arthur in Alfreds Armen um, sodass sie sich in die Augen schauen konnten. Dann stellte er sich auf die Zehenspitzen und verwickelte Alfred in einen sanften Zungenkuss.

„Mhh.“, machte Alfred einen ablehnenden Laut. Er drehte widerwillig den Kopf zur Seite.

Arthur hob skeptisch eine Braue. „Was?“, fragte er entgeistert.

„Du stinkst nach Rauch!“, jammerte Alfred und schob seinen Freund an den Schultern zurück.

Arthur verdrehte genervt die Augen und schob sich an Alfred vorbei. „Alles klar.“, grummelte er.

Alfred drehte sich irritiert um. „Was machst du, Artie?“

„Gute Nacht, Alfred.“, kam die mürrische Antwort.

„Sekunde! Wollen wir nicht noch -“

„Schlaf gut.“

Enttäuscht schaute Alfred ihm hinterher und warf dann einen letzten Blick über die Schulter. Um die Straßenlampen tummelten sich zahlreiche Nachtschwärmer.

Er folgte Arthur zurück in die Wohnung.


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Alfred spürte Schwindel in sich aufkommen, während er sich um die eigene Achse drehte.

Sein Blickfeld war verschwommen. Er spürte den Wind in den Haaren und sah alles an sich vorbei rauschen.

„Alfred, komm runter, du -“

Abrupt stoppte Alfred. Dann fiel er Arthur jauchzend in die Arme.

„Endlich, Artie! ENDLICH!“

Euphorisch umarmte er seinen Freund und wollte ihn am liebsten gar nicht mehr loslassen.

„Du ... Erdrückst mich ...“, quetschte Arthur schwer atmend hervor.

„Oh, sorry.“, grinste Alfred entschuldigend. Dann ließ er Arthur los. „Aber kannst du dir das vorstellen? Unsere erste eigene Wohnung!“

Es kam Arthur surreal vor.

Mit geweiteten Augen schaute er sich in dem Raum um. Gerade standen sie in dem Wohnzimmer.

„Ich bin einfach so glücklich.“

Arthur betrachtete Alfred von der Seite. Auf den Lippen des Amerikaners hatte sich ein breites, begeistertes Lächeln mit ansteckender Wirkung ausgebreitet. Alfred so glücklich zu sehen löste ein wohltuendes Kribbeln in Arthurs Magengegend aus.

„Ich meine - Schau doch nur! Hier könnten wir das Sofa hinstellen! Und dort kommt der Fernseher hin! Ein Flachbildschirm, den wir an die Wand hängen!“, setzte Alfred seinen Redefluss fort. Wie ein Welpe tollte er umher und zeigte in scheinbar wahllose Richtungen in dem Raum.

„Und das Bett - Was für ein Bett willst du eigentlich?“, fragte Alfred plötzlich. Er war gestoppt und schaute Arthur erwartungsvoll an.

„Wie wäre es mit einem Boxspringbett?“, schlug Arthur nach kurzem Überlegen vor.

Sofort entfiel Alfred das Lächeln. „Kein Wasserbett?“, hakte er enttäuscht nach.

Arthur schüttelte augenblicklich den Kopf. „Nein, ganz sicher nicht! Kein Wasserbett! Bei den Wellen wird einem doch übel! Außerdem macht das immer Geräusche, selbst wenn man sich nur mal kurz dreht!“, protestierte er schockiert.

Alfred lachte warm auf. „Das war doch nur ein Scherz! Wasserbetten wären eh zu teuer. Und ich weiß doch, dass du Wasser nicht magst!“ Er legte einen Arm um Arthur und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.

Beruhigt atmete Arthur auf.

Für einen Moment genoss er Alfreds Wärme und schmiegte sich näher gegen seinen Körper. Das Gesicht an Alfreds Halsbeuge gedrückt zog er seinen Geruch ein.

Er erinnerte ihn daran, wie real das alles hier war. Dass Alfred wirklich hier war, und dass sie nicht mehr voneinander entfernt sein würden.

Die letzten Jahre waren eine Qual gewesen. Ihre Beziehung war auf einige Proben gestellt worden und es war schwer gewesen, zwischen den Prüfungen noch Zeit füreinander zu finden.

Doch sie hatten es gemeistert. Und wenn Arthur es rückblickend betrachtete, wusste er, dass es das wert gewesen war. Alfred war es wert gewesen.

„Also gehen wir zu IKEA?“, hakte Arthur nach.

Das Gefühl von Alfreds Hand, die über seinen Hinterkopf streichelte, brachte ihn zum lächeln.

„Jap. Ein Großeinkauf steht an! Und dann heißt es Möbel aufbauen.“, erzählte Alfred aufgeregt.

Arthur seufzte. Möbel aufbauen bedeutete immer Stress.

Aber er hatte das Gefühl, dass es zusammen mit Alfred erträglich werden würde.


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„Ich war echt lange nicht mehr hier.“, stellte Arthur nachdenklich fest.

Alfred nickte zustimmend und drehte den Kopf, um den Raum eingehend zu betrachten.

Sie befanden sich in seinem altem Zimmer. An diesem Morgen waren sie bei den Jones zu Besuch angekommen und auch, um den alten, teuren Ebenholzschrank der Familie abzuholen.

Arthur war immer von ihm fasziniert gewesen und hatte ihn sich insgeheim gewünscht. Also hatte Alfred sich mit seinen Eltern unterhalten und seinem Freund diesen Wunsch kurzerhand erfüllt.

Arthur öffnete das Fenster. Eine kühle Brise wehte ihnen entgegen und er schloss für einen Moment genießerisch die Augen. Dann blinzelte er gegen die Sonne an und sah hinaus in den Garten.

„Schau mal. Unser Baumhaus.“

Alfred trat an ihn heran und schaute ihm über die Schulter.

„Gehen wir runter.“, entschied er augenblicklich und fasste Arthur bei der Hand.

Zusammen liefen sie die Treppe hinunter. Alfred zog Arthur kraftvoll mit sich und sobald sie im Garten ankamen, waren sie bereits am Rennen.

Arthur riss sich von ihm los und überholte ihn mit flinken Beinen.

„Erster!“, rief er stolz, als er am Baum ankam. Dann brach er in Lachen aus.

„Du bist und bleibst der schnellste Läufer.“, grinste Alfred amüsiert und beugte sich vor, um ihre Lippen zu einem Kuss zu vereinen.

Arthurs grüne Augen funkelten ihn triumphierend an. Alfred strich ihm eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und erntete dafür ein herausforderndes Grinsen.

Kurzerhand hatte sich Arthur umgedreht und war die Hängeleiter hinauf geklettert. Oben angekommen brachen unzählige Erinnerungen auf ihn ein.

Zusammen mit Alfred hatte er einen großen Teil seiner Kindheit hier verbracht. Es schmerzte schon fast, wieder an diesem Ort zu sein.

Das Holz war mittlerweile morsch geworden. Arthur spürte es unter seinen Füßen knarren. Außerdem musste er den Kopf senken, um nicht an der Decke anzuschlagen.

Mittlerweile hatte Alfred es auch nach oben geschafft. „Ich hatte alles irgendwie viel größer in Erinnerung.“, lachte er freudlos.

Mit gerunzelter Stirn wendete sich Arthur ihm zu. Bis eben hatte er es noch zu verdrängen versucht, doch jetzt konnte er nicht mehr bestreiten, dass Alfred sehr ... nervös wirkte.

„Alles in Ordnung?“, fragte Arthur ihn besorgt.

Alfred stutzte. Dann nickte er rasch. „Ja! Klar!“, sagte er ein wenig zu schnell.

Arthur sah nicht überzeugt aus.

Alfred atmete tief durch. „Es ist bloß ... Na ja, das hier ist ein echt besonderer Ort. Ich habe in letzter Zeit viel an dieses Baumhaus gedacht, weil es uns beiden glaub ich echt eine Menge bedeutet. Hier haben wir viel erlebt. Ich kenne dich schon immer.“

Kurz hielt Alfred inne und zupfte an seinem Shirt herum. „Du bist irgendwie besser mit Worten als ich.“, gestand er dumpf. Dann holte er tief Luft und fuhr fort.

„Ich lerne dich mit jedem Tag besser kennen, will nie aufhören, zu lernen, will ... Arthur, willst du ...“

Arthurs Augen waren mit jedem Wort größer geworden. Schockiert machte er einen Schritt zurück, als Alfred vor ihm auf die Knie ging.

„Arthur Kirkland. Möchtest du mich heiraten?“

Arthurs Herz schlug wild gegen seine Brust und er hatte das Gefühl, zu ersticken. Er stand einige Sekunden wie versteinert da. Dann atmete er zittrig auf.

„Oh Gott, Alfred. Ja. Ja! Natürlich!“

Arthur ging ebenfalls in die Knie und fiel Alfred in die Arme. „Ich liebe dich, ich liebe dich!“

Sie küssten sich euphorisch und Alfred strich Arthur die Tränen von den nassen Wangen, nur, um ihn noch enger zu sich zu ziehen.

„Ich weiß gar nicht, womit ich dich verdient habe.“


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Arthur nieste und sorgte damit dafür, dass zahlreiche Schneeflocken in alle Himmelsrichtungen stoben.

Es war Weihnachten.

Arthur hatte noch eine Besorgung erledigt und mit Alfred ausgemacht, dass sie die Bescherung um eine Stunde verschieben mussten.

Er hatte Alfred versprochen, dass ihn das Geschenk dafür sehr freuen würde. Alfred war beleidigt gewesen, weil Arthur das Geschenk für ihn erst an diesem Tag kaufte. Doch Arthur war sich sicher, dass er seine Meinung noch ändern würde.

Mit seiner freien Hand richtete Arthur seinen Schal. Dann drückte er die Klingel.

„Hallooo?“, ertönte kurz darauf auch schon Alfreds Stimme durch die Sprechanlage. Er klang wie ein kleiner Junge, der gar nicht abwarten konnte, sein Weihnachtsgeschenk zu kriegen.

„Fröhliche Weihnachten, Schatz.“, entgegnete Arthur.

Er hörte ein vergnügtes Kichern. Dann schob er die Haustür auf.

Sobald Arthur im Treppenhaus war, legte er beide Hände um das Geschenk und versteckte es hinter seinem Rücken.

Langsam, darauf bedacht, keinen Schaden zu verursachen, ging er die steinernen Treppenstufen hinauf.

Oben ging die Wohnungstür auf. „Beeil dich, Artie!“, rief Alfred heiter.

Arthur rollte mit den Augen und machte keine Anstalten, sein Tempo zu beschleunigen. Schließlich war das Geschenk relativ schwer und er wollte es auf keinen Fall fallen lassen.

Oben angekommen strahlte ihm Alfred entgegen.

Der Amerikaner trug eine rote Weihnachtsmütze, die er in seinen alten Umzugsboxen gefunden hatte, und eine Kochschürze mit festlichem Motiv. In den Händen hielt er eine große rote Box, die mit einer goldenen Schleife verziert worden war.

„Mein Geschenk ist besser als deeeeiiiins.“, triezte er Arthur mit säuselnder Stimme.

„Ist es gar nicht.“, behauptete Arthur überzeugt.

„Wollen wir wetten?“

Arthur öffnete gerade den Mund, um zu antworten, als er von einem leisen Jaulen unterbrochen wurde.

„Oh mein Gott.“, brachte Alfred hervor. „Artie, hast du ehrlich -“

Arthurs Mundwinkel zuckten. Eigentlich hatte er noch wetten wollen. Stattdessen drehte sich jetzt langsam um die Achse, sodass er mit dem Rücken zu Alfred stand.

„ARTIE!“ Begeistert hob Alfred den jungen Welpen hoch und drückte ihn an sich.

„Eigentlich dachte ich, sein Name wäre Dusty.“, gestand Arthur und wendete sich wieder seinem Verlobten zu.

Zufrieden beobachtete er, wie Alfred den kleinen Labrador mit dem dunkelbraunen Fell an sich drückte und sich von ihm das Gesicht abschlecken ließ.

„Bist du mir nicht mehr böse, dass ich dein Geschenk erst heute abgeholt habe?“, erkundigte sich Arthur.

Alfred schüttelte den Kopf, die Augen immer noch nicht von Dusty abwendend. Völlig begeistert streichelte und knuddelte er ihn. Erst nach einigen Minuten ließ er den Welpen sinken und schloss Arthur in die Arme. „Das ist das beste Weihnachten, das ich je hatte.“

„Es hat doch noch gar nicht richtig angefangen.“, stellte Arthur amüsiert fest.

„Aber ich bin hier mit dir und diesem unglaublich süßen Hund. Und wir sind verlobt. Und, keine Ahnung, irgendwie ist das alles, was zählt.“


➴ ➶ ➴


Arthur war dabei, nervös Alfreds Hände zu kneten.

Unzählige Male hatte er sich diesen Augenblick ausgemalt und in letzter Zeit war ihm dadurch oft der Schlaf geraubt worden.

Der schönste Tag seines Lebens war nicht ganz so traumhaft, wie immer beschrieben. Stattdessen hatte er nämlich das Gefühl, vor Nervosität seine Zunge zu verschlucken.

Wenigstens war Alfred da.

So wie immer schon.

Er war gut gekleidet. Anzüge standen ihm einfach wunderbar.

Es raubte Arthur den Atem, dass so ein gut-aussehender, charmanter und beliebter Mann ihn tatsächlich heiraten wollte.

Und hier waren sie nun, vor dem Standesamt.
Alle engen Angehörigen waren versammelt. Die Kirklands und die Jones waren da, sowie Alfreds und Arthurs Freunde.

Es freute Arthur sehr, dass ihre Familien so eng miteinander verknüpft waren. Die Kirklands waren mit den Jones befreundet, seit sie in den gleichen Ort gezogen waren.

Arthur war immer bei Alfred willkommen gewesen. Alfred immer bei Arthur. Daran hatte sich nie etwas geändert.

Es war alles zu schön, um wahr zu sein.

„Alfred F. Jones.“, begann der Standesbeamte auf einmal. „Möchten Sie Arthur Kirkland zu Ihrem Mann nehmen? So antworten Sie bitte mit Ja.“

„Ja.“, sagte Alfred sofort. Er drehte den Kopf zur Seite und schenkte Arthur ein umwerfendes Lächeln. Arthur hatte das Gefühl, in diesen ozeanblauen Augen zu versinken.

„Arthur Kirkland.“

Arthur riss den Blick von Alfred los und schaute nach vorne. Seine Atmung hatte sich verflacht. Von jetzt an wurde es ernst.

„Möchten Sie Alfred F. Jones zu Ihrem Mann nehmen? So antworten auch Sie bitte mit Ja.“

Arthur schluckte hart. Dann nickte er entschieden.

„Ja.“, brachte er zittrig hervor.

„Dann dürfen Sie sich nun küssen.“

Alfred legte eine Hand an Arthurs Wange und blickte ihm entgegen. Seine Augen huschten verstohlen hinunter, um Arthurs Mund zu fixieren.

Arthur lachte leise gegen seine Lippen.

Dann hob er das Kinn und küsste Alfred innig.

Der Amerikaner erwiderte ohne zu zögern und legte seine freie Hand um Arthurs Taille.

Im Hintergrund klatschte jemand. Kurz darauf war der gesamte Saal mit eingestiegen. Beflügelt von dem Applaus schlang Arthur seine Arme um Alfreds Hals und vertiefte den Kuss.

Er wollte Alfred nicht mehr loslassen.

Und dank des heutigen Versprechens würde er das nie wieder müssen.
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