Das Leben von Geschichten

KurzgeschichteAllgemein / P12
28.12.2019
28.12.2019
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Wenn man ihnen in Gruppen begegnet, sind sie nicht gefährlich. Normalerweise gefangen auf weißen bis gelben Seiten, Buchdeckel an Buchdeckel gereiht, Regalreihe neben Regalreihe, in Räumen, die für sie geschaffen sind. Gebaut, um sie gefangen zu halten. Und hin und wieder entkommt ein ganzer Stoß von ihnen, mit dem Wind zieht er in die Welt. Meistens halten sich Geschichten aneinander fest, sie sind nicht gern allein. Aber manchmal ist eine wagemutig und neugierig und reißt sich los von der breiten Masse, macht sich allein auf Erkundungstour. Sie sucht ein neues Zuhause.

Wenn man ihnen in Gruppen begegnet, sind sie nicht gefährlich. Weil man sie nie ganz sieht, nie ganz aufnimmt. Wenn du dich in einem Tornado aus Geschichten befindest, können sich nur Bruchteile davon in deinen Kopf schleichen, dir Bilder schenken, Farbe, Worte, bis sie von anderen, unzusammenhängenden Bruchteilen abgelöst werden. Vielleicht bekommst du Kopfschmerzen davon, vielleicht fühlst du dich kurz neugierig oder angespannt, irritiert oder inspiriert, aber die Emotionen sind fliehend. Sie verändern dich nicht, auch wenn du dich für einen kurzen Moment anders fühlst.

Wenn man ihnen in Gruppen begegnet, sind sie nicht gefährlich. Aber wenn eine allein, eine einzelne Geschichte auf dich zukommt, vor allem, wenn es dunkel ist, vor allem, wenn du traurig bist, dann renn‘. Sie ist schon lange auf der Suche. Sie ist möglicherweise sogar schon eine Weile allein. Einsamkeit treibt sie beinahe in den Wahnsinn. Es bringt nichts, sich zu verstecken, sie spürt dich überall, sie spürt Interesse und Traurigkeit, Inspiration und Erschöpfung, Offenheit. Wenn sie glaubt, du kannst sie gut erzählen, ihr ein neues Leben schenken, wirst du keinen Ort finden, an dem du sicher bist, bis sie deine Gefühlsmuster verloren hat. Geschichten sind Jäger, aber auch sie werden irgendwann müde, und nach Stunden des Jagens ruhen sie und verlieren dabei deine Spur. Für den Moment bist du in Sicherheit. Aber Geschichten erinnern sich.

Du fragst dich vielleicht, warum ich so viel über sie weiß, warum ich dich vor ihnen warnen kann, obwohl viele sie für so harmlos halten. Geschichten jagen, ja, sie sorgen dafür, dass Menschen sich verlieren, dass sie anders werden, fremd, sie beeinflussen menschliches Fühlen und Handeln, menschliches Sein. Ich habe einen Freund an eine Geschichte verloren und seitdem jage ich sie. Ich habe viel über sie gelernt, über einzelne, einsame Geschichten, wie sie ticken, wie sie sich verändern, wie sie zerfallen, wenn sie zu lange allein sind. Ich habe gelernt, was sie fürchten. Aber ich konnte meinen Freund nicht retten. Aber wenn man Geschichten jagt, lernen sie auch, wie man denkt. Und Geschichten schätzen Ehrgeiz, sie schätzen Mut. Ich hätte damit rechnen sollen.

Ich habe mich selbst an eine Geschichte verloren und seitdem atme ich Worte. Ich bin nur am Leben, wenn ich erzähle.
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