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Chaos

von Varjo
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Anthony J. Crowley Beelzebub Erzengel Gabriel Erzengel Michael Erziraphael Uriel
28.12.2019
23.05.2020
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23.05.2020 2.115
 
„Ich bin mir sicher, wenn du ihn fragst, wird dir Aziraphale liebend gerne erläutern, warum Disziplin, Kameradschaftlichkeit und unbedingte Gleichheit in einer Militäreinheit so unabdinglich sind. Eine Einheit muss denken und sich bewegen wie ein einzelnes Lebewesen. Jeder Soldat muss jedem anderen ohne zu zögern sein Dasein anvertrauen können. Erweist sich jemand als dieses Vertrauens nicht würdig – und dies willentlich und wissentlich – so hat er uns alle verraten, und nichts kann für ihn getan werden, sei er nun Offizier oder einfacher Rekrut, völlig unabhängig von persönlichen Banden“.
„Aber dies hier ist kein Schlachtfeld mehr“. Crowleys Stimme war rau und heiser. „Dinge haben sich geändert. Weiterentwickelt, sozusagen. Es gibt keinen Grund mehr, an diesen antiquierten Systemen zu hängen“.
Es ist in Ordnung, Emotionen zu haben, nicht immer nur schwarz-weiß zu sehen…
Und warum kümmerte es ihn überhaupt, welche Bullshit-Haltung Michael zu ihrer Unteroffizierin hatte? Oder zu… irgendetwas oder irgendjemandem?

„Es sind die Systeme, in denen ich gelernt habe, mich zu bewegen“. Michael klang nahezu wegwerfend.

„Und? Bist du zufrieden damit?“

Aziraphale blickte von seinen ineinandergekrampften Händen auf, die er all die Zeit angestarrt hatte. Was wollte ihm dieser kämpferische Unterton in der Stimme Crowleys bedeuten?

„Was willst du hören, Crowley? Warum stellst du mir all diese Fragen?“

Der Dämon machte einen durchaus hadernden Eindruck, als er weitersprach. „Hattest du niemals das Verlangen, etwas zu ändern? Vielleicht – etwas zu verbessern, dich anzupassen, weiterzubewegen, ich weiß ja nicht, mal was dazuzulernen? Den Horizont zu erweitern? Neue Erfahrungen zu machen? Ein bisschen mehr zu fühlen, aus dir selbst raus, und weniger nur nach Befehlen und Mustern von wo-auch-immer zu handeln? Ein wenig Zuneigung für eine zu zeigen, die dir nahe steht?“
Da war vielleicht ein Funken zu viel Energie in diesem letzten Satz…

„Was macht das für einen Unterschied?“ Michaels Braue zuckte in die Höhe, doch sie erschien weder erzürnt noch ungeduldig – nur milde erstaunt. „Es kommt mir nicht zu, zu bewerten, zu beurteilen oder zu ändern, was die Allmächtige als Natur einer Sache festgelegt hat. Dafür wurde ich geschaffen, und das werde ich nicht anzweifeln“.
„Du und deine Allmächtige…“, grummelte Crowley. Aziraphale packte seine Schulter – fest – um ihn zum Schweigen zu bringen, doch Michael schien den Einwand kaum mitbekommen zu haben.
„Ich bin nicht mehr und nicht weniger als die Dienerin der Schöpferin“, murmelte sie, als der Aufzug im Obergeschoss anlangte. „Mein Wille und meine Meinung sind unerheblich. Ich muss die Gegebenheiten hinnehmen und mit ihnen arbeiten, wie sie sind, nicht sie zu ändern streben, denn der Plan der Allmächtigen…“.
„Unergründlich, ich weiß“, brummte Crowley und wedelte abwehrend mit der Hand durch die Himmelsluft.

Michael streifte ihn noch mit einem merkwürdig komplexen, aber nach wie vor unlesbaren Blick, bevor sie den Aufzug verließ und das Trio in Richtung des abgemachten Treffpunktes leitete.

In dem Aufenthaltsraum, welchen Michael für die weitere Lagebesprechung ausgesucht hatte, erwarteten sie Uriel nebst dem lesenden und prüfenden Chamuel, Kushiel und Rogziel von den Engeln der Bestrafung, unruhig und deplatziert herumsitzend – auch Kollegen, die Aziraphale seit Ewigkeiten nicht getroffen hatte und bei deren Anblick ihm mulmig zumute wurde. Und – zu Aziraphales großer Überraschung – war da auch der so lange verschollene Erzengel Raphael, der sich angeregt mit einem jungenhaft wirkenden Engel unterhielt, der ihm selbst noch niemals begegnet war; die strahlende Berufskleidung der Engel schien vollkommen fehl am Platze an seinem unscheinbaren Körper. Würde man ihm eine dickwandige Brille aufsetzen, einen ausgewaschenen Pullover und weite Hosen überziehen, er würde in einem Computerraum niemandem auffallen.
Die Gespräche verebbten, als das Trio von ihrer Beschaffungsmission zurückkehrte. Alle Anwesenden wandten ihre Aufmerksamkeit, mehr oder minder respektvoll und interessiert, den Eintretenden zu. Raphaels Grinsen war so breit und kindlich fröhlich, dass sich Aziraphale peinlich berührt fühlte. War heute etwa der internationale Triff-totgeglaubte-alte-Verbündete-Tag?

„Azfiel!“, sah er sich vergnügt angesprochen, und er erstarrte, als Raphael, der sich in seinen Augen kaum verändert hatte, geschmeidig aufstand und auf ihn zulief, als wolle er ihn umarmen.
„Äh… Hallo“, war alles, was er mit einem ratlosen Lächeln erwidern konnte.
Allzu knapp vor ihm blieb der Erzengel stehen, dankenswerterweise die Arme unverrichteter Dinge sinken lassend. „Oder – man hat mir gesagt, du hast dich Aziraphale genannt nach unserem Zusammentreffen. Entschuldige bitte, es ist schwer, aus einer Gefängniszelle heraus auf dem Laufenden zu bleiben“. Der Heiler lachte. „Aziraphale, mein Freund, es ist so lange her, und ich bin unsagbar stolz auf dich. Ich habe aus meiner Zelle heraus gesehen, wie du, wie ihr euch vor der geplanten Apokalypse geschlagen habt. Ich habe euch auf dem Flugfeld beobachtet – und wie du Gabriel an seinem eigenen Unsinn hast ersticken lassen – absolut unbezahlbar!“
Der Erzengel lachte herzhaft. Aziraphale starrte sein Gegenüber bloß an und versuchte tapfer, ein Lächeln aufrecht zu erhalten. Er fühlte sich vollkommen überrumpelt und überfordert von Raphaels Enthusiasmus. Die Situation war bizarr: Aziraphale hatte fest angenommen und sich damit abgefunden, dass der Erzengel, der ihn in seinem Charakter und seinen Entscheidungen so stark beeinflusst hatte, verschwunden war, verloren ohne Chance auf Wiederkehr, und nun stand er hier und lachte ihm ins Gesicht, behauptete, stolz auf ihn und seine Taten zu sein… es schien ihm, als würde er die nächsten drei, vier Monate brauchen, um intellektuell und emotional zu verdauen, was sich in den letzten drei, vier Stunden um ihn her zugetragen hatte. „Ja, ähm, also… danke. Ich… ich habe nur versucht, zu tun, was richtig ist“.
Da war eine für einen Engel sehr ungewöhnliche Wärme in Raphaels Lächeln, als er auf Aziraphales Schulter klopfte, lobend, ermutigend, ein wenig herausfordernd. Da war nichts Einschüchterndes an ihm, doch sein Überschwang und seine unironische, auf Augenhöhe operierende Kameradschaftlichkeit wirkten irritierend auf den Buchhändler, dem derart im Himmel noch nicht begegnet war. „Ich weiß“, meinte der Heiler. „Und ich freue mich ungemein, dass es noch Engel geben darf, die so denken“.

„Was ist das für ein Clown?“, entfuhr es Crowley hinter ihm – und die Aufmerksamkeit Raphaels verlagerte sich. Für einmal war Aziraphale beinahe froh, dass sein Freund sich niemals ein Blatt vor den Mund nahm – in dieser Situation könnte jede Auflockerung und Ablenkung nur profitabel sein.
„Zufällig ist das der Erzengel Raphael“, meldete sich Uriel, die sich inzwischen mit ihrer Offizierin zu dem militärischen Zweig der Anwesenden gesellt hatte. „Ich an deiner Stelle würde mir noch einmal überlegen, ihn so zu betiteln“. Es klang nicht drohend – nur staubtrocken.
Vor ihnen auf dem Tisch lag, zusammengerollt und vibrierend mit der Kraft des Erzengels, der es besprochen haben musste, das Netz. Kushiel nahm es eben, tastend und stumm die Lippen bewegend, in Augenschein. Vermutlich, äußerte sie, müssten sie es von einem der Weisheits- oder Wissenschaftsengel begutachten lassen, um herauszufinden, welche Beschwörungen genau darauf lagen, wie man sie nutzen oder nach Bedarf umgehen oder brechen könnte.

„Ach Schwesterchen, deine Fürsorge rührt mich zu Tränen. Und du bist…?“, wandte sich der derart Vorgestellte freundlich an Crowley – der jedoch schnaubte bloß und wandte sich ab. „Ich meine, dich von damals zu erkennen – von der Revolution – auch, wenn du dich verändert hast, und wie gesagt, ich habe euch auf dem Flugfeld gesehen, aber wir wurden einander nie namentlich vorgestellt“.
„Crowley“, grunzte der Dämon.
„Anthony Crowley“, setzte Aziraphale hinzu und wusste selbst kaum, warum. Vermutlich einfach, weil es ihn beruhigte, zu reden, und weil er den unwiderstehlichen Impuls verspürte, Crowley und seine Freundschaft zu ihm vor jedem Engel zu verteidigen, der ihm begegnete. Er ertappte sich auch dabei, wie er die Hand hob, als würde er Crowley berühren wollen – vielleicht seine Schulter fassen oder nur sanft seinen Arm antippen. Nein, er hatte das Recht, dies zu tun – und seine Freundschaft war an den Dämon alles andere als verschwendet… „Er ist – wir sind befreundet. Er ist im Herzen eine gute Seele…“.

„Wirst du wohl…“, fauchte Crowley, doch Raphael kam ihm zuvor.

„Anthony Crowley also“. Auch für den Dämon war Erzengel Raphael offenbar ein Lächeln nicht zu schade; er verbeugte sich vor ihm, vollkommen ohne Spott. „Ich freue mich, dir endlich vorgestellt zu werden. Auch dir haben wir, wir als Lebewesen allgemein, so viel zu verdanken“.
„Ist das ‘ne Falle?“, raunte der Dämon, doch Raphael winkte ab. „Wo denkst du hin“, begann er, doch auch diesmal war es wieder Michael, die alle zu Ordnung und Räson rief und darauf hinwies, dass sie hier Arbeit zu tun hatten.

„Habt ihr das Höllenfeuer?“, eröffnete angespannt der Jungenhafte die Konferenz; Crowley sah ihn mit gehobener Braue an und hob den Koffer. „Fantastisch. Ich bin übrigens Mumiah. Freut mich, dich kennenzulernen. Hab mir nicht gedacht, jemals mit einem Dämon zusammenzuarbeiten, also, ihr wisst schon, weil… nicht, weil ich persönlich etwas gegen sie hätte…“ – der Junge lief knallrot an, als er dies sagte; dass er log, oder zumindest die Wahrheit etwas bog, war evident. Michael räusperte sich; mit einem raschen, beunruhigt wirkenden Seitenblick auf sie nahm Mumiah das Sprechen mit vermehrter Geschwindigkeit wieder auf: „Aber, weißt du, das ist ja auch egal, jetzt, wo wir alle hier sind… ja. Crowley, wir werden dich brauchen“.
„Logisch werdet ihr das“, entgegnete er, sich auf den Fersen zurücklehnend und vage in Mumiahs Richtung blickend. Uriel schien den Austausch zu überwachen; Michael starrte in die Entfernung. Aziraphale hatte sich neben ihr gesetzt; Raphael war zu Mumiah zurückgekehrt; der Dämon war vorsichtshalber auf den Beinen geblieben, den Koffer verwahrend zu den eigenen Füßen.
Der teenagerhafte Engel ließ sich nicht irritieren: „Och und ich, wir haben einige Bahnen feuerresistenten Stoffes von der Erde mitgenommen, aus dem sie dort Feuerwehranzüge und so etwas machen – ich erspare euch die chemischen und technischen Details. Aus dem Stoff werden wir Streifen schneiden und ein festes Seil drillen – Crowley, du musst hin und wieder einen Funken hineinsetzen. Nur einen Funken, damit es glüht, aber nicht gleich in Brand gerät – damit es mit der höllischen Macht durchsetzt ist, genug, um fest zu sein und vielleicht ein bisschen zu schmerzen, aber nicht zu vernichten, und damit man weiß, wenn man es bricht...“.
„Wir werden nicht viel Seil brauchen“, setzte Uriel hinzu, beinahe nachdenklich klingend, „nur genug, um Gabriels Handgelenke fassen zu können“.
„Ach, und ich dachte schon, ihr wollt, dass ich ihn fange wie mit einem Lasso“, murrte Crowley.
Diese Bemerkung stieß in der Runde auf grobes Unverständnis.
„Für Beelzebub können wir dies verwenden“, setzte Michael fort und legte die Hand auf das Netz. „Soll heißen, wenn sie sich von Worten und Schwertern, davon, eingekesselt zu sein, nicht beeindrucken lässt“.

Raphael verzerrte indigniert das Gesicht. „Ist das nicht ein bisschen heftig, Michael?“, fragte er nahezu vorwurfsvoll, „Ich meine, wir wollen sie ja nicht vernichten, und ich bin mir sicher, was auch immer für Beschwörungen auf diesem Netz liegen – sie könnten an Dämonenhaut ziemlichen Schaden anrichten. Und an den paar Schichten darunter“.
Michael zuckte die Schultern. „Man muss für alles vorbereitet und zu allem bereit sein“, behauptete sie.

Zum ersten Mal, seit er ihn kannte, und in den wenigen Momenten, in denen er sein Gesicht hatte sehen können, sah Aziraphale ein missmutiges Grimassieren über die Züge des Erzengels Raphael gleiten, bevor er sich zurücklehnte und verhalten die Arme verschränkte. Ihm war jene Ansicht deutlich zuwider – und doch bemühte er sich sichtlich, damit zu arbeiten. Aziraphale öffnete sanft den Mund, wie um etwas zu sagen, abzuwiegeln, alle Anwesenden zu beruhigen, aber ihm fiel nichts ein. Am Ende war er vermutlich einfach nur froh, dass nicht alle der Seinigen dem Regelwerk mehr Gehör schenkten als den Geschöpfen um sich her – oder gar sich selbst.

„Also, worauf warten wir noch?“. Kushiel. Ihre Stimme war dunkel, energisch und tatkräftig – eine Stimme, die sich wohl nicht sonderlich regelmäßigen Gebrauchs erfreute; ihr strenger Blick glitt rundum. „Ich schlage vor, ihr geht ans Werk, und die Offizierinnen, Chamuel, Rogziel und ich, und der neue Rekrut natürlich, wir widmen uns unserem Training“.
‚Der neue Rekrut‘. Es fühlte sich schleimig, ungut und irgendwie abwertend – entpersönlichend – an, derart bezeichnet zu werden. Doch mit einem Kontrollblick zu Crowley erhob sich Aziraphale dennoch.

Alles in Ordnung bei dir, Lieber?

Warum fragst du? Ist ja alles perfekt, wir sitzen hier im Himmel herum und haben uns voll und ganz der Gnade und dem Befehl einer gefühlskalten Eisstatue ausgeliefert.

Du weißt, dass es so nicht ist…

Ja, ich weiß. Lass es uns einfach hinter uns bringen.

Crowleys Nachgeben kam bei Aziraphale merkwürdig an. Er presste die Lippen zusammen und machte sich eine mentale Notiz; das würde er wohl später ansprechen müssen.
Für den Moment, da er sich herumwandte und den anderen Kriegern in die entfernte Ecke des Raums folgte (sie hatten sich entschlossen, den größten Pausenraum zu frequentieren und sowohl Training als auch Herstellung der Anti-Gabriel-Waffe dort zu behalten, damit die Erdgebundenen einander wenn nötig im Blick hatten und sich kein unnötiges Misstrauen bilden könnte), fragte er sich bloß, ob Michael vielleicht etwas zu seinen Gewissensbissen betreffend Lilith zu sagen haben würde.
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