Friendly Enemy

von kamajiz
GeschichteAllgemein / P12
28.12.2019
28.12.2019
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Gelangweilt sitze ich am Rande des Schulhofes der Kunugigaoka High School auf einer lackierten Holzbank und höre meiner besten Freundin Misa nur mit halbem Ohr zu. Ab und zu nicke ich und tue so, als würde mich ihre furchtbare Geschichte über ihre verwischte Wimperntusche, als sie gestern ein Treffen mit einem Jungen hatte, in den sie schon seit einiger Zeit verliebt ist, interessieren. Sie erzählt ständig solche Geschichten, deswegen ist es nichts Weltbewegendes mehr. Misa ist einfach das Klischee eines Mädchens, weshalb man ihr oft die Augen verdrehend zuhören kann und nichts dazu sagt.
Mein anderer bester Freund Matsuda lacht sie wie oft bloß aus, während er sein belegtes Brötchen isst und mir verstohlene Blicke zuwirft. Ich erwidere seinen Blick und hebe eine Augenbraue in die Höhe. Gedankenverloren streiche ich mir eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht und beobachte die vielen japanischen Jugendlichen, die entweder an unserer Bank vorbeilaufen, miteinander reden, Fußball spielen oder das machen, was Schüler halt in der Pause machen.
Ich als einzige Halb-Europäerin an dieser Schule, falle oft auf aufgrund meines Aussehens. Meine Mutter kommt ursprünglich aus Russland, mein Vater ist Japaner. Überraschenderweise haben die Gene meiner Mutter gesiegt, sodass ich eher wie eine Russin aussehe als eine Japanerin. Dennoch habe ich einen asiatischen Touch. Bei meiner Geburt konnte mein Vater meine Mutter überzeugen, mir einen japanischen Namen zu geben, statt einem russischen, wofür ich ihm schon immer dankbar war. Ich hätte keine Lust als Nastja oder Anfisa durch die Straßen zu schlendern. Kyo klingt um einiges schöner.

Aber um wieder zurück zu meiner besten Freundin zu kommen, die immer noch wie ein Wasserfall redet; zwar erzählt sie Matsuda und mir immer diese tragischen Geschichten, weil sie glaubt, dass sie uns mitreißen, aber mein Interesse hält sich in Grenzen, da sie in fünf Minuten sowieso eine andere Geschichte parat haben wird, die viel spannender ist als die mit der ruinierten Wimperntusche. Trotz ihrer langweiligen Geschichten habe ich Misa unglaublich lieb - genauso wie Matsuda. Wir sind seit dem Kindergarten unzertrennlich und haben uns geschworen, dass es auch immer so bleiben wird. Die beiden sind mir wirklich wichtiger als alles andere, aber momentan gibt es wesentlich Wichtigeres als Misas belanglose Mädchenprobleme. Wie zum Beispiel der Streit zwischen meiner Mutter und meinem Vater gestern. Die beiden haben sich am Telefon heftig gestritten und das, obwohl sie bereits geschieden sind und eigentlich gar keinen Grund hätten, sich zu streiten. Ich war fest überzeugt davon, dass Frieden in unser Haus einkehren wird, sobald mein Vater ausgezogen und die Scheidung abgeschlossen ist. In unserem Haus herrscht zwar Frieden, aber das bedeutet lediglich, dass der Krieg an einen anderen Ort verschoben wurde; nämlich ans Telefon. Meine Eltern kommunizieren nur noch über dieses elektronische Gerät und giften sich weiterhin über dieses an. Bei dem Streit gestern ging es um das noch zu bezahlende Geld meines Vaters, das er meiner Mutter schuldet. Er hatte bei seinem Auszug etwas Geld gebraucht, sodass er meine Mutter gebeten hat, ihm etwas zu leihen. Sie hat es ihm gegeben, natürlich erst, als mein männlicher Erzeuger ihr versichert hat jeden einzelnen Cent wieder zurückzuzahlen. Ich habe ihr gesagt, sie soll ihm nichts borgen, denn er wird es sowieso nicht zurückzahlen, daraufhin hat sie bloß weggeschaut und nichts mehr gesagt. Selbstverständlich hat sie nicht auf ihre 17-jährige Tochter gehört. Mir war von Anfang an klar, dass mein Vater ihr das Geld nicht geben wird, egal wie oft sie ihn darum bittet.

„Hey, Kyo, hörst du mir überhaupt zu?" Misa schaut mich entsetzt an und verschränkt die Arme vor ihrer Brust. Ihre vollen Lippen verziehen sich zu einem Schmollmund und sie schaut mich böse und beleidigt an. „Nein, hat sie nicht. Bei deiner unglaublich spannenden und schlimmen Geschichte ist das wirklich taktlos, Kyo. Wie konntest du nur?" Matsuda schaut mich ironisch an und muss lachen, wobei sich seine Grübchen an den Mundwinkeln zeigen. Misa knufft ihn in die Seite und schaut mich wieder an. „Tut mir leid, aber nein", antworte ich wahrheitsgemäß und streiche mir eine Haarsträhne hinter das Ohr, während ich mich in einen Schneidersitz setze und den schwarzen Rock meiner Schuluniform begutachte, bedacht darauf die Blicke meiner zwei besten Freunden zu meiden. Etwas beschämt fühle ich mich trotzdem.
„Ist alles in Ordnung? Du siehst schon den ganzen Tag über so abwesend aus." Matsuda steckt sich den letzten Bissen seines Brötchens in den Mund und schaut mich erwartungsvoll und besorgt an. Ich zucke bloß mit den Schultern. „Liegt höchstwahrscheinlich daran, dass ich kaum geschlafen habe. Oka-san und Oto-san haben sich wieder gestritten. Er hat ihr das Geld immer noch nicht zurückgezahlt." Ich fange an mit den Schnürsenkeln meiner Stiefel zu spielen und schaue meine zwei besten Freunde an, während ich ihnen von meinen Eltern und deren Probleme erzähle. „Das Geld, das dein Vater sich bei seinem Auszug geborgt hat? Das war doch schon vor Monaten!" Matsuda stimmt Misa zu und nickt. „Dieser Mistkerl."
„Ich hoffe, dass er das ganze Geld wieder hergeben wird, sonst muss ich selbst etwas unternehmen, was für keinen der Beteiligten angenehm sein wird. Denn von allein wird das Geld bestimmt nicht zurückkommen."

Bevor meine zwei Freunde etwas sagen können, hören wir Nezumi „Hey!" rufen. Der hübsche Schwarzhaarige, der in unsere Klasse geht und mit dem wir uns ziemlich gut verstehen, kommt auf uns zu gerannt, während er grinst und mit dem Daumen zur Schule zeigt. „In der Aula gibt es gleich Milchshakes für den halben Preis, kommt ihr mit?" Matsuda und Misa schauen mich an und ich nicke lächelnd. „Geht ihr schon mal. Ich habe im Moment keine Lust auf einen Milchshake. Ich gehe gleich zum Englischraum."
„Sicher? Wir können gerne noch hierbleiben." Ich schüttle den Kopf. „Nein, müsst ihr nicht, wir reden nachher noch miteinander. Geht ruhig. Ich lese mir noch lieber die Vokabeln in Englisch durch, sonst kann ich die volle Punktzahl in dem Test vergessen." Sie nicken, während sie schmunzelnd ihre Augen verdrehen und aufstehen. „Du hast immer die volle Punktzahl, Kyo." Wir schauen uns noch kurz grinsend an, ehe die beiden mit Nezumi in Richtung Aula gehen und ein paar anderen aus unserer Stufe ebenfalls in diese Richtung gehen.
Die beiden haben recht: ich gehöre zu den wenigen an dieser Schule, die sehr gute Noten schreiben. Mir sind gute Noten sehr wichtig, da ich später an die beste Universität Kyotos gehen möchte. An dieser hat bereits mein Großvater studiert, der in Sachen Bildung ein großes Vorbild für mich ist. Er hat mir seit ich ein Kind bin, immer gesagt, dass ich ein sehr intelligentes und schlaues Mädchen bin, das es mal weit schaffen wird. Und genau deswegen möchte ich ihn nicht enttäuschen, genauso wenig meine Mutter und nur sehr gute Noten bekommen.

Ein paar Minuten später läutet die Schulklingel und signalisiert mir somit, dass die Pause vorbei ist und ich mich auf zu meinem Englischtest machen sollte. Ich verstaue mein Englischbuch in meinem Rucksack und hebe meine Tasche vom Boden auf. Ich stehe widerwillig auf und schultere diesen, ehe ich meinen Rock glattstreiche und meinen zu dem schwarzen Rock passenden schwarzen Pullover mit dem V-Ausschnitt zurechtzupfe. Der Pausenhof ist schon fast leer, bloß ein paar Schülern laufen noch hier herum. Allerdings sind diese alle mit sich selbst oder ihren Freunden beschäftigt. Aber auch diese verschwinden allmählich im Schulgebäude.
Ich will mich gerade in Bewegung setzen und es ihnen nachmachen, da bemerke ich aus dem Augenwinkel ein Buch, das einige Meter weiter weg im Gras liegt. Man kann es nur ganz schwer erkennen, so weit ist es von mir entfernt, aber so etwas Schwarzes im Gras zu sehen ist nicht ganz so schwer. Aber ich erinnere mich nicht, es vorher als Matsuda und Misa noch hier saßen gesehen zu haben. Vermutlich hat es einer der Jugendlichen, die auf dem Weg in ihre Klasse sind, hiergelassen. Aber wer lässt denn bitteschön ein solch auffälliges Schulbuch mitten im Gras liegen? Und seit wann haben wir Schulbücher mit schwarzen Umschlägen? Komisch.
Ich drehe mich in die Richtung des Buches, um es holen zu können und es beim Sekretariat abzugeben, da erscheint ein Junge und hebt es auf. Sofort bleibe ich skeptisch stehen. Ist er derjenige, der dieses Buch verloren hat? Nun gut, dann muss ich mich wenigstens nicht um das Abgeben beim Hausmeister kümmern. Ich zucke mit den Schultern und drehe mich um, da höre ich einen Schrei, der zwar nicht so laut, aber dennoch hörbar ist. Wieder drehe ich mich um, diesmal eher erschrocken und irritiert und sehe den Jungen panisch mit dem Buch in der Hand dastehen. Mit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund schaut er hoch in die Luft.
Ist das Light? Light Yagami?
Ich verenge meine Augen zu Schlitzen. Ich glaube er geht in meine Parallelklasse, aber gesprochen haben wir noch nicht so oft miteinander. Fast alle Mädchen auf der Schule stehen auf ihn, zu denen meine beste Freundin Misa und ich allerdings nicht gehören. Eigentlich ist er ein sehr ruhiger Typ, deshalb wirkt sein untypisches Verhalten etwas irritierend auf mich. Warum zum Teufel starrt er so entsetzt in den Himmel? War da etwa eine Biene, gegen die er allergisch ist? Oder fliegt da eine Atombombe? Ich schaue in die Richtung, in die er schaut, entdecke aber nichts, auch kein fliegendes Auto oder eine Atombombe, sodass ich mich wieder zu ihm wende. Was hat er denn?
Eigentlich sollte es mich ja nicht interessieren, schließlich kann es auch sein, dass dieser Light völlig irre ist und irgendwelche paranormalen Erscheinungen hat. Oder ihm ist eingefallen, dass er noch Hausaufgaben aufhatte. Aber da starrt man doch nicht völlig neben der Spur in die Luft, oder?
Eigentlich könnte ich mich von ihm abwenden und einfach in meine Klasse gehen, da ich sowieso schon zu spät bin, aber komischerweise lässt mich sein so geschockter Blick und seine sich selbst in Schutz nehmende Haltung nicht los, sodass ich ihn weiterhin mit dem Buch in der Hand beobachte. Zu meiner Verwunderung fängt er tatsächlich auch noch an mit sich selbst zu reden. Leider verstehe ich nicht, was er sagt, aber sicher ist, dass niemand in der Nähe ist, was meine Vermutung, dass er einen an der Klatsche hat, verstärkt. Wie können meine Klassenkameradinnen auf so einen Irren stehen?
Verständnislos runzle ich also meine Stirn und schüttle meinen Kopf. Ist er verrückt? Was anderes kann es nicht sein, schließlich steht er da und redet überzeugt mit der Luft. So als würde ... als würde etwas in der Luft schweben und sich mit ihm unterhalten. Hat er eine geheime Bindung zu Gott?
„Was ein Spinner", murmle ich, bevor ich meinen Kopf schüttle und endlich in Richtung des Eingangs gehe. Hin und wieder drehe ich mich zu Light Yagami um. Ich versuche ihn und diesen seltsamen Vorfall zu vergessen und mich auf meinen Test zu konzentrieren, aber irgendwie gehen mir dieser Junge und dieses schwarze Buch nicht aus dem Kopf. Ich kann mir einfach keinen Reim drauf machen, was diese merkwürdige Aktion bedeuten soll, was dieses Buch zu bedeuten hat und mit wem Light Yagami geredet hat.