Sieben Tage

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12 Slash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
27.12.2019
16.02.2020
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Es war dunkel. Ungewöhnlich dunkel. Klaas blinzelte und versuchte, die Umrisse seiner Umgebung zu erkennen, doch erkannte nichts als undurchdringliche Schwärze. Es musste noch mitten in der Nacht sein.
Joko lag dicht an ihn gekuschelt, einen Arm fest um seine Taille geschlungen. Klaas spürte die Wärme, die er durch das dünne T-Shirt ausstrahlte, spürte seinen gleichmäßigen Atem in seinen Haaren, und zufrieden grinsend lehnte er sich näher an den warmen Körper.
Er fühlte sich erstaunlich fit und wach, so als hätte er seit langem einmal wieder gründlich ausgeschlafen. Das konnte doch jetzt aber nicht nur an Joko liegen, oder? Irritiert über seinen eigenen Schlafrhythmus schloss Klaas die Augen und versuchte, noch einmal einzuschlafen, doch es war kaum mehr als ein leichter Dämmerschlaf, ehe er wieder aufschreckte, als Joko sich neben ihm bewegte. Klaas blieb still und lauschte den Bewegungen. Joko raschelte ein bisschen, dann war er wieder ruhig. Zumindest, bis ein leises, frustriertes Schnauben ertönte.
»Joko?«, flüsterte Klaas.
»Klaas? Du bist auch wach?«
»Mhm«, nuschelte Klaas und vergrub unwillkürlich das Gesicht ein bisschen mehr an Jokos Schulter. »Sieht so aus, oder?«
Joko grummelte und drückte seine Nase tiefer in Klaas’ Haare. »Kannst du auch nicht schlafen?«
»Nee, bin irgendwie total wach.« Klaas blinzelte mehrfach und versuchte, seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Vergeblich. »Sag mal, ist es hier irgendwie dunkler als sonst?«
Bisher hatten ihnen die Deckenleuchten auch nachts wenigstens ein sehr schwaches Dämmerlicht gespendet, doch jetzt konnte Klaas nicht einmal die Hand vor Augen erkennen, geschweige denn Joko. Das fand er tatsächlich ein wenig schade, denn er hätte gerne Jokos vom Schlafen unordentliche Haare und den verschlafenen, ruhigen Blick gesehen, wenn Joko noch zu müde war, um aufgeweckt und laut zu sein.
»Das dachte ich mir irgendwie auch schon«, gab Joko zurück und drehte sich etwas auf den Rücken, löste so seinen Klammergriff um Klaas ein wenig, sodass seine Hand locker auf Klaas’ Seite zu liegen kam. »Meinst du, die Lampen sind ausgefallen?«
Klaas blinzelte in die Richtung, in der er Jokos Gesicht vermutete, und verfluchte die Dunkelheit. »Das hätten die doch gemerkt«, gab er zurück.
»Außer –«, Joko stockte.
Klaas spürte, wie sich seine Hand einen Augenblick fester in sein Shirt krallte. »Außer das ist Absicht«, gab er zurück und setzte sich auf, sodass Jokos Hand ganz von seiner Hüfte rutschte.
»Klaas? Was machst du?«, wollte Joko wissen, als sich Klaas ganz von ihm löste und sich am Boden entlang in Richtung Tür vortastete.
Nur wenige Sekunden später hatte er das, was er gesucht, aber nicht zu finden gehofft hatte, in der Hand. »Diese Wichser.«
»Wieso, was ist?« Klaas konnte hören, wie Joko sich raschelnd aufsetzte.
»Hier liegt ’n Zettel.«
»So wie vorgestern oder wie?«
»Genau so. Also vermute ich mal. Die Genies haben wahrscheinlich nicht bedacht, dass wir nicht sehen können.«
»Vielleicht liegt da noch was«, mutmaßte Joko und Klaas hörte, dass nun auch er in seine Richtung kroch. Sie stießen gegeneinander und Klaas spürte, wie Joko neben ihm den Boden abtastete. »Ha!«, rief er nur wenig später triumphierend aus und einen Augenblick darauf flackerte ein Lichtkegel auf.
Klaas kniff die Augen gegen die unerwartete Helligkeit zusammen und schielte, eine Hand schützend vor den Augen, zu Joko, der triumphierend eine Taschenlampe in Händen hielt. Inklusive unordentlicher Haare und leicht verschlafenem Blick. Klaas lächelte.
»Hab sie!«, fügte Joko überflüssigerweise breit grinsend hinzu.
Klaas schüttelte nur den Kopf über so viel unverhältnismäßige Freude über eine einfache, noch dazu ziemlich alte Taschenlampe und reichte Joko schmunzelnd den Brief. »Na dann lies mal vor, du Held.«
Joko klemmte die Taschenlampe zwischen die Zähne, um den Umschlag aufzureißen. Als er schließlich den Zettel in den Händen hielt und ihn vorlas, war es keine große Überraschung mehr, was der Inhalt war.
Sie würden den ganzen letzten Tag in völliger Dunkelheit verbringen müssen. Die Taschenlampe durften sie dafür allerdings behalten, mit – wie man ihnen versichert hatte – Batterien, die nur noch für etwa fünfzehn Minuten reichen würden.
Ganz toll. Ganz große Klasse, wirklich. Wie sollte er Joko jetzt ansehen können? Hatte sich die Redaktion darüber mal Gedanken gemacht? Oder Thomas wenigstens, der hatte ja angeblich so viel zu sagen, und der wusste doch, was hier abging. Doch Mitleid oder gar schlechtes Gewissen war in ihrer Redaktion leider etwas, was man vielleicht ein paar Mal im Jahr an wichtigen Feiertagen zu Gesicht bekam.
»Ey Joko, mach mal die Taschenlampe aus«, verlangte Klaas, als er sah, dass Joko nach wie vor das beschriebene Papier anleuchtete. »Du hast doch gelesen, was da steht, die hält nicht lange.«
»Deine Arme sehen gruselig aus«, bemerkte Joko, überging Klaas’ Aufforderung einfach und leuchtete ihn stattdessen an. Klaas sah an sich herab. Noch immer waren Reste der Kugelschreiberstriche auf seiner Haut zu sehen, und im leicht flackernden Licht der Taschenlampe sahen die tatsächlich ein wenig seltsam aus.
Klaas nahm Joko die Taschenlampe aus der Hand und leuchtete seinerseits ihn an. »Du siehst normal aus«, stellte er beinahe ein wenig enttäuscht fest.
»Ja, weil ich im Gegensatz zu dir gestern Abend die Gelegenheit genutzt habe und mir das Zeug abgewaschen habe.« Er grinste vielsagend, und Klaas grinste genauso zurück.
»Ich frag mich, warum ich das nicht gemacht habe. Hatte sonst ja eigentlich nichts besonderes zu tun.«
»Ey!« Joko schlug ihm in halb ernster Entrüstung gegen den kugelschreiberbemalten Arm und nahm ihm die Taschenlampe wieder aus der Hand. »Ich bin besonders.«
»Ja, natürlich bist du das. Du bist ganz besonders, Joko.« Klaas überlegte einen Augenblick, dann begann er aufzuzählen. »Besonders blöd, besonders nervig, besonders dumm, besonders –«
»Arschloch.«
»... liebenswert.«
»Was?«
»Was?«
Joko blinzelte, und lächelte dann breit.
»Ja, da kannste wieder grinsen. Aber Hauptsache mich erstmal beleidigen«, moserte Klaas.
»Ich finde es ehrlich gesagt ja auch ein bisschen frech, dass ausgerechnet du jetzt von ›beleidigen‹ sprichst«, entgegnete Joko, schaltete mit einem Knipsen die Taschenlampe ab, und Klaas war kurz überfordert, weil er Joko nicht mehr sah.
Kurz darauf spürte er Jokos Hand in seinem Nacken, die ihn sanft aber bestimmt näher zog, und Klaas hielt die Luft an, doch es tat sich nichts. Ein, zwei, drei Sekunden verstrichen, während derer Klaas’ Augen instinktiv die Dunkelheit nach Jokos Gesicht absuchten, doch es war aussichtslos. »Joko? Die können uns trotzdem sehen, ne. Auch wenn es dunkel ist, die haben Nachtsichtkameras«, informierte er Joko leise, den ganzen Körper nach wie vor angespannt, in Erwartung auf das Folgende.
Doch Joko löste mit einem ergebenen Seufzen die Hand von Klaas’ Nacken, und Klaas hätte sich in diesem Moment selbst ohrfeigen können. Warum genau hatte er nochmal überhaupt etwas gesagt?
Frustriert lehnte er sich zurück an die Wand und schloss die Augen. Er wünschte sich ganz dringend aus diesem Raum heraus, zusammen mit Joko bitte. Hatte sich der Dreh in den vergangenen Tagen immer mehr ins Positive entwickelt, so war es jetzt irgendwie wieder unerwartet anstrengend geworden. Das ständige Aufpassen, was die Kameras sehen oder nicht sehen sollten, wo sie doch selbst noch nicht einmal so genau zu definieren wussten, was das war, das sie da vor fremden Augen versteckten. Was Klaas wusste, war nur, dass Joko und er Zeit brauchten, um das herauszufinden. Private Zeit. Unbeobachtete Zeit. Zeit hatten sie hier drinnen genügend. Kameras mit Nachtsicht leider auch.

Als ihre Tür aufging und sie für fünfzehn Minuten hinaus durften, teilte ihnen Thomas mit, dass sie den halben Tag verschlafen hatten. Es war zwölf durch. Die andauernde Dunkelheit hatte ihren Tag-Nacht-Rhythmus ziemlich durcheinander gebracht.
Die Augen zusammengekniffen gegen das so ungewohnt helle Tageslicht tastete Klaas sich mehr in Richtung Badezimmer, als dass er seinen Weg sah. Angekommen und vor dem Spiegel stehend, hatte er Jokos Waschbeutel bereits in der Hand, um ihn ihm rein routinemäßig vor die Tür zu stellen, als er zögerte. Er musterte sein Spiegelbild, das sich auf die Unterlippe gebissen hatte, schob Gedanken hin und her, und fasste einen Entschluss. Wenn sie herausfinden wollten, was das zwischen ihnen war, sollten sie es vielleicht auch darauf anlegen und die Schritte tun, die Dinge definieren würden. Mit diesem Gedanken stellte Klaas Jokos Beutel wieder dahin, wo er gewesen war, und ließ die Badezimmertür unverschlossen, als er sich seine Zahnbürste griff und unter die Dusche stieg.
Waren das in den vergangenen Tagen die seltenen Momente gewesen, in denen er für sich war, zur Ruhe kommen und nachdenken konnte, so konnte Klaas heute, gerade in dieser Situation, nicht ganz abschalten. Dafür war Joko zu präsent, in seinem Kopf sowieso, in letzter Zeit immer, aber jetzt auch ganz real nur zwei Meter entfernt im Badezimmer. Klaas beobachtete den Schatten, den er durch das gemusterte Milchglas der Duschwand vage erkennen konnte, und schüttelte über sich selbst den Kopf. Himmel, das war Joko. Joko, der ihn schon in weiß Gott welchen Situationen erlebt hatte, in Momenten gesehen hatte, die ihm vor jedem anderen Menschen unendlich peinlich gewesen wären. Das hier war wirklich nicht der Augenblick für falsche Aufregung oder Schüchternheit.
Und doch ließ sich sein Herzschlag nicht ganz auf ein Normalmaß beruhigen, behielt er Jokos Silhouette im Auge, während er versuchte, sich die Kugelschreiberfarbe von der Haut zu rubbeln, und eine unerklärliche Nervosität ergriff von ihm Besitz, als er die Dusche ausstellte und nach dem Handtuch griff, um sich abzutrocknen. Wahrscheinlich, überlegte Klaas, während er sich behelfsmäßig durch die nassen Haare fuhr, musste das so sein, wenn ihm das zwischen Joko und ihm wichtig war. Es bewies, dass es ihm nicht egal war, was hieraus werden würde. Nein, es war ihm alles andere als egal, und Joko hatte ihm doch in den vergangenen Tagen oft genug gezeigt, dass auch er nervös war, unsicher und in manchen Momenten sogar schüchtern. Joko ging es doch nicht anders, rief sich Klaas ins Gedächtnis, und er gab sich einen Ruck, wickelte sich das Handtuch um die Hüften und stieg aus der Dusche.
Joko stand wie erwartet am Waschbecken und suchte Klaas’ Blick durch den Spiegel, sobald er die Dusche aufgehen hörte. »Hast dir Zeit gelassen«, bemerkte er, doch seine Stimme war ohne jeglichen Vorwurf, sein Blick weich und aufmerksam. »Alles gut?«
Allein diese Worte von Joko verbrannten auch die letzten Zweifel restlos zu Asche. Klaas nickte, grinste.
Joko spiegelte es, wandte sich zu ihm um und war mit einem Schritt nahe an ihn herangetreten. Und als er Klaas küsste, war egal, dass der nur ein Handtuch trug, dass sie eigentlich nur wenig Zeit hatten, und dass jederzeit jemand hier reinplatzen konnte. Klaas hielt sich an Joko fest und schlang die Arme um seine Schultern, während er sich in den Kuss fallen ließ, der alle überflüssigen Gedanken auslöschte und ihm jegliches Zeitgefühl abhandenkommen ließ. Unkoordiniert stolperten sie nach hinten, bis Klaas atemlos an der gefliesten Badezimmerwand Halt fand, und Joko war sofort da, schob sich noch näher an ihn heran, und Klaas grinste, als er ihn so stürmisch gegen die Wand drückte.
»Was ist?«, wollte Joko in den Kuss nuschelnd wissen, und Klaas grinste nur noch mehr.
»Nichts.«
Das genügte Joko, und er küsste Klaas weiter, biss ihm spielerisch auf die Unterlippe, und grinste seinerseits, als Klaas leicht zusammenzuckte. Seine Hände lagen ruhig und beständig auf Klaas’ Hüften, so im Kontrast zu ihrem hitzigen Kuss, und es gab Klaas ein Gefühl von Halt und Sicherheit. Sie dehnten den Kuss zu einer kleinen Unendlichkeit aus, die Klaas trotzdem viel zu kurz vorkam, als sie sich atemlos voneinander lösten und Joko seine Stirn an Klaas’ lehnte. Jokos rechte Hand hielt Klaas’ Handtuch fest – er hatte gar nicht bemerkt, dass es sich gelöst hatte. Grinsend suchte er Jokos Blick, der ihn leicht verschleiert ansah. »Holy fuck, Klaas.«
Klaas biss sich verschmitzt auf die Lippen und legte den Kopf leicht schief. »Ja?«, wollte er wissen. »Irgendwas Bestimmtes, was du loswerden willst?«
Joko schüttelte leise lachend den Kopf und hob eine Hand, um in Klaas’ nasse Haare zu fahren. »Nein, nichts Bestimmtes. Nur allgemein ... du.«
Durchdringende Wärme durchflutete Klaas bei diesen Worten von Joko und er schloss unwillkürlich die Augen, weil es so kribbelnd intensiv war. Als er sie wieder öffnete, sah Joko ihn direkt an, den Blick weit und offen, und so ehrlich, dass Klaas nicht für eine Sekunde Zweifel hatte an dem Gesagten. »Du aber auch«, gab er beinahe flüsternd zurück, und zuckte zusammen, als ein lautes Geräusch aus einem der Nebenräume zu ihnen herüber drang.
Joko sah Klaas’ kurzen Blick zur Tür und schien seine Gedanken zu erraten. »Eigentlich könnten wir so lange hier bleiben, wie wir wollen. Denen ist das viel zu unangenehm, hier reinzuplatzen.«
Klaas grinste, verschränkte die Hände hinter Jokos Nacken, und ging in Gedanken ihre Mitarbeiter durch. Bei Jakob stimmte das sicher, und vielleicht auch bei Thomas. Aber sie hatten auch Leute mit weit niedrigeren Schmerzgrenzen in ihrer Redaktion. »Weißt du«, begann er, »die suchen sich dann jemanden, der da weniger Hemmungen oder Schamgefühl hat, so Frank zum Beispiel. Und den schicken sie uns dann rein.«
Joko zog die Stirn in Falten, schien einen Augenblick lang nachzudenken und ernsthaft abzuwägen. »Na schön«, gab er sich dann geschlagen und löste sich sichtlich widerwillig von Klaas.
Klaas vermisste sofort seine direkte Nähe, aber beobachtete still und grinsend, wie er stattdessen sein T-Shirt über den Kopf zog.
»Spanner ...«, murmelte Joko fast unhörbar, ohne ihn anzusehen, und Klaas hörte das Lächeln, obwohl Joko nicht einmal hersah, sondern immer noch mit dem Kopf in seinem Shirt steckte.
»Selber schuld«, gab Klaas zurück, »wenn du dich hier vor mir ausziehst.«
Joko tauchte wieder aus seinem T-Shirt auf und strich sich die zu lange Haarsträhne zurück, bevor Klaas auf die Idee kommen konnte, es selbst tun zu wollen. »Weil du ...?«
Klaas ahnte, worauf Joko hinauswollte, schon wieder, noch bevor er seinen Satz beendete. »Ja, meine Güte, weil ich auf dich steh, von mir aus.«
Joko grinste so breit, dass Klaas nur schmunzelnd den Kopf schüttelte und schon versucht war, zu fragen, ob er einen Krampf im Gesicht hatte, aber alle weiteren Worte blieben ihm im Hals stecken, als Joko vielsagend mit den Augenbrauen wackelte und mit laszivem Hüftschwung begann, seine Hose auszuziehen.
Klaas schlug sich in nur halb gespieltem Entsetzen die Hand vor die Augen und schämte sich stellvertretend für Joko. Eines hatte sich nicht geändert: Egal, welches Gefühl Joko in ihm auslöste, Fremdscham lag noch immer nie weit entfernt davon.

Es war faszinierend, welche Wirkung die Dunkelheit auf das menschliche Bewusstsein haben konnte. Obwohl sie wirklich lange geschlafen hatten, hätte Klaas sich, als sie wieder in ihrem Zimmer waren und sämtliches Licht wieder ausgelöscht war, eigentlich direkt wieder hinlegen können. Es war keine Müdigkeit, keine wirkliche, eher eine Art träger Schläfrigkeit. So wie an einem faulen Wochenende, an dem man nichts zu tun hatte, und irgendwie nicht aus dem Bett kam. Klaas hatte die meiste Zeit die Augen zu – so ließ sich die Dunkelheit am besten aushalten –, und das tat auch sein Übriges.
Jokos Daumen zog beruhigende Kreise auf seiner Schulter, während Klaas sich auf einem Teil des Schlafsacks ausgestreckt hatte, den Kopf in Jokos Schoß liegend. Sie hatten es ausprobiert, wirklich, doch in dieser völligen Dunkelheit zusätzlich auf jeglichen Körperkontakt zu verzichten, fühlte sich auf eine seltsame Art unerwartet unangenehm und einfach falsch an.
Klaas spürte der leichten Schwere Jokos Hand nach, lauschte seinem gleichmäßigen Atem, und hatte wirklich das Gefühl, so direkt wieder einschlafen zu können. Aber sein Körper war zu wach dafür, und irgendwie war Klaas auch dankbar darum, denn so konnte er die ganze entspannte Stimmung mitnehmen, die sich zwischen ihnen ausgebreitet hatte und dicht wie die Dunkelheit, aber greifbarer, um sie lag. Sie redeten nicht viel, die meiste Zeit war es ganz ruhig, während sie still die Anwesenheit des anderen genossen. Wenn sie schon Publikum hatten und nicht allzu offensichtlich sein sollten, dann wollte Klaas wenigstens so seine Zeit mit Joko verbringen.
Und die Redaktion ließ sie machen. Ließ ihnen Zeit, und das nun schon seit ein paar Stunden. Sie wurden nicht gestört, und Klaas war ihrem Team dankbar dafür, auch wenn es diesmal vielleicht wirklich nur der Tatsache geschuldet war, dass sie einfach essen gegangen waren und Joko und Klaas vergessen hatten.
Es fühlte sich seltsam geschützt an – ihre kleine Welt, begrenzt von vier Wänden und umhüllt von dichter Schwärze. Ein Kokon aus Atem, Wärme und Zweisamkeit. Und inmitten von all dem Joko als einziger Fixpunkt. Es machte Klaas nichts aus. Es maß dem, was sie zwischen sich hatten, eine Bedeutung bei, die Klaas mochte. Oder vielleicht war diese größere Bedeutung eigentlich immer da, vielleicht schon immer gewesen, und wurde erst jetzt in dieser Situation spürbar, greifbar.
Keine Ablenkung. Reduziert auf fühlen, hören, riechen. Er nahm alles an Joko, nahm Joko irgendwie intensiver wahr, ganz deutlich, und er hatte das Gefühl, nie zuvor die Anwesenheit eines Menschen so sehr gespürt zu haben. Und Klaas war sich sicher, dass, wenn es bis hierhin noch nicht geschehen wäre, genau jetzt der Zeitpunkt gewesen wäre, an dem ihre Zweisamkeit auf eine andere, eine tiefere Ebene abgerutscht wäre. Und ja, wenn er ehrlich war, war das auch jetzt ein Moment, in dem sich irgendetwas veränderte. In dem Klaas etwas bewusst wurde, eine Erkenntnis klar aus der Dunkelheit hervortrat, die vorhin unter unbeholfenen Sprüchen nur mehr schlecht als recht verborgen geblieben war. Das hier, das fühlte sich nicht nach nur »auf Joko stehen« an. Es fühlte sich wichtiger an, bedeutender.
»Joko?«, begann Klaas, wusste sich nicht anders zu helfen, brauchte dieses eine Mal Gewissheit. »Das hört aber nicht wieder auf, oder? Sobald wir hier wieder raus sind?«
Klaas spürte, wie Joko seine Schulter etwas fester drückte, mit den Fingern in seinen Nacken fuhr und damit abermals Wärme und Gänsehaut zugleich auslöste. »Wo denkst du hin, Klaas?«
Klaas lächelte in die Dunkelheit und wünschte, er könnte Jokos Gesicht sehen. »Na dann ist ja gut.« Wenn er ehrlich war, hatte er auch nichts anderes erwartet. Aber es tat gut, es von Joko zu hören, mit so einer Selbstverständlichkeit, dass er gar nicht dazu kam, sich andere Gedanken zu machen. Das hier, das war nicht nur hier drin. Das war zwischen ihnen, zwischen Joko und ihm, und es würde auch noch da sein, wenn sie diesen Raum verließen.
Klaas schloss wieder die Augen, ließ die Gedanken abschweifen, einen Tag, eine Woche in die Zukunft, und fand Ungewissheit vor. Er wusste nicht, was passieren würde, hatte keine Vorstellung davon, wie das mit ihnen weiter gehen würde. Aber vor allem war da Joko, immer, in jeder von Klaas’ Unterbewusstsein mehr oder weniger realistisch zusammengeschusterten Zukunftsvision, und damit waren sie allesamt okay.
Er hatte das Gefühl, dass sie sich mit jeder Minute, die verstrich, näher waren, eine tiefere Verbundenheit entstand, und er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich das wieder ändern sollte. Und das musste er zum Glück auch nicht, denn Joko versicherte ihm, ob ausgesprochen vorhin, aber auch ganz ohne jedes Wort, allein durch seine Anwesenheit, und mit allem, was er tat, und wie er Klaas gegenüber war, dass das nicht passieren würde.
Es war in gewisser Weise wie immer zwischen ihnen, kam ihm ganz sicher und vertraut vor, und doch irgendwie anders. Neu, tiefer gehend, und aufregender war es, dieses Etwas zwischen ihnen. Es schaffte es, innerhalb von Sekunden seinen Puls auf ein ungesundes Maß zu beschleunigen und ein Kribbeln durch seinen ganzen Körper zu jagen, und war gleichzeitig in der Lage, ihn genauso wieder zu herunterzufahren, seinen Körper ganz ruhig werden und seinen Kopf abschalten zu lassen. Und genau dieser Wirkung von Jokos Anwesenheit ergab sich Klaas, indem er wieder die Augen schloss, Gedanken Gedanken sein ließ und sich von Jokos so deutlich wahrnehmbarer Präsenz einhüllen ließ, wie es nicht einmal die Dunkelheit schaffte.

Klaas öffnete leicht benommen die Augen, als Jokos Hand aus seinen Haaren verschwand. Er schien doch ein wenig weggedämmert zu sein. »Was’ los?«, wollte er wissen, tastete automatisch wieder nach Jokos Hand und griff ins Leere.
»Ich glaube, ich hab etwas gehört«, entgegnete Joko.
Klaas hielt stirnrunzelnd inne, und tatsächlich war nur wenig später wieder ein Geräusch zu hören, diesmal sehr deutlich, als ihre Tür aufgeschlossen wurde. Klaas setzte sich automatisch auf, hielt sich dabei an Jokos Schulter fest, um nicht die Orientierung zu verlieren, und kniff blinzelnd die Augen zusammen, als ein heller Lichtstrahl in ihr Zimmer fiel. »Boah, ey ...«
Die Helligkeit dauerte nicht lange an, nur ein paar Sekunden, und Klaas konnte nicht wirklich viel erkennen, nur eine verschwommene Bewegung, gefolgt von einem Geräusch, als etwas in ihr Zimmer geworfen wurde. Etwas vielteiliges. Klaas hörte mehrere Teile auf dem Parkett aufkommen, spürte etwas Kleines seine Hand berühren, und unwillkürlich zog er sie vom Boden weg. Doch ehe einer von ihnen die Gelegenheit hatte, genauer auszumachen, was genau da gerade den Weg in ihr Zimmer gefunden hatte, verschwand der Lichtstrahl auch schon wieder. Die Tür wurde geschlossen, und einen Augenblick später waren Klaas und Joko wieder alleine mit ihrer Dunkelheit. Und dem undefinierten Etwas auf dem Boden.
»Was ist das?«, fragte Joko sofort.
»Ich würde mich mal ganz weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, es hat etwas mit unserer nächsten Aufgabe zu tun«, gab Klaas zurück und ließ Jokos Schulter los, um nach der Taschenlampe zu suchen.
Als der Lichtkegel flackernd aufleuchtete, fiel Klaas erst einmal gar nichts auf. Auf den ersten Blick sah alles wie immer aus, und automatisch wanderte sein Blick zu Joko, den er nach Stunden im Dunkeln endlich wieder sehen konnte. Auch Joko sah ihn an, und ein leichtes Grinsen schob sich auf seine Lippen, als er die Hand ausstreckte und über Klaas’ Haare am Hinterkopf fuhr, die offenbar unordentlich abstanden.
»Also, zeig mal«, wollte er wissen und stupste auffordernd Klaas’ Ellbogen seiner linken Hand an, in der er die Taschenlampe hielt. »Was ist das für’n Zeug?«
»Weiß nicht.« Klaas leuchtete suchend den Boden ab und hob ein kleines Holzstück auf. Es hatte die Form eines ›L‹, und als er ratlos zu Joko blickte, hielt der ein ebensolches Stück in der Hand.
»Sieht nach so einem Geduldspiel aus«, mutmaßte er.
»Dann müssen hier noch mehr von diesen Teilen sein«, schlussfolgerte Klaas, doch ehe sie den Boden nach weiteren Holzstücken absuchen konnte, wurden sie von der Regie unterbrochen. Ja, es sei ein Geduldspiel. Nein, sie durften die Taschenlampe dafür nicht benutzen, um es zu lösen. Und nein, entgegen des Namens des Spiels hatte die Redaktion keine Geduld mit Klaas und Joko und setzte ihnen ein Limit von zehn Minuten.
Es war wieder so dunkel wie zuvor, während sie sich über den Boden tasteten, um alle Holzteile zu finden.
»Woher sollen wir denn wissen, wann wir alle haben?«, fragte Joko.
»Wenn wir keine mehr finden«, entgegnete Klaas. »Jetzt mach hin. Ich hab vier.«
»Ich auch.« Joko tastete sich Klaas Arm entlang und drückte ihm die Holzstücke in die Hand. »Sind die bei dir auch alle gleich?«
Klaas nickte, ehe ihm aufging, dass Joko das nicht sehen konnte. »Ja«, fügte er also hinzu und legte die Einzelteile zwischen ihnen auf den Boden ab. »So. Das sollten alle sein. Hilf mir mal, Joko. Das wird doch bestimmt ein Würfel, oder?«
»Keine Ahnung, ich konnte die Dinger noch nie.«
»Mann ey, Joko. Da braucht man einmal dein Fachwissen –«
»Sowas hab ich nicht«, erwiderte Joko sofort, und Klaas musste lachen.
»Okay, du Anti-Genie, dann denk wenigstens mit. Wir müssen das Ganze irgendwie symmetrisch aufbauen. Wir haben acht Einzelteile.« Klaas begann, die ersten vier Holzstücke anzuordnen.
Joko hingegen machte keine Anstalten, ihn dabei zu unterstützen. »Wie kommst du darauf, dass ich Fachwissen zu Geduldspielen aus Holz habe?«, wollte er stattdessen wissen.
»Weil du dich mit sinnlosen Zeitbeschäftigungen auskennst.«
»Bitte?«
»Ja, ist doch so. Du daddelst ständig irgendwelche Handyspiele, und du hattest auch mal diese Phase mit dem Zauberwürfel, weißte nicht mehr?«
»Jah, das war aber auch mehr so ne Angewohnheit. Das konnte ich eigentlich auch nie richtig.«
Dafür hatte er sich aber erstaunlich lange damit beschäftigt. Es hatte diese Zeit gegeben, da hatte man Joko in jeder freien Minute mit diesem Zauberwürfel gesehen, den er irgendwo in der Redaktion aufgetrieben und einem ihrer Mitarbeiter entwendet hatte. Und irgendwie hatte er einen Narren daran gefressen. Ständig hatte er an dem bunten Teil gedreht, erfolglos natürlich, doch wo Klaas das Ding längst in die Ecke gepfeffert hätte, da hatte Joko nicht den Spaß daran verloren. Im Gegenteil schien er nur noch entschlossener, den Würfel zu lösen.
Irgendwann hatte es Klaas schon vom Zusehen genervt, aber insgeheim hatte er Joko irgendwie auch ein bisschen dafür bewundert. Für diese Ausdauer, wie er mit fast kindlichem Eifer immer weiter drehte, die Stirn vor Konzentration kraus gezogen, scheinbar fest entschlossen, diesen blöden Würfel, der irgendwie immer ein bisschen schlauer war als man selbst, zu lösen. Ja, Klaas hatte ihm vielleicht einmal etwas länger dabei zugesehen, als er nichts besseres zu tun gehabt hatte.
»Ich hab diesen Zauberwürfel zwar nie ansatzweise fertig gekriegt, aber ich schätze mal, das wird ein Würfel, ja. Was anderes wäre nicht schaffbar in der Zeit.«
»Wär aber auch nicht das erste Mal, bei unserer Redaktion«, entgegnete Klaas.
Joko lachte leise. »Okay. Stimmt auch wieder. Ich bin trotzdem für den Würfel.«
»Gut. Dann macht mein Ansatz Sinn.«
Eine Minute knobelte Klaas still weiter, und Joko ließ ihn machen, bis er sich neben ihm bewegte und man ein Holzteil auf Parkett fallen hörte.
»Oh.«
»Was war das, Joko?«
Man hörte ein Rascheln, tastende Hände auf dem Boden, dann wurde er schüchtern von Joko angestupst. »Ich hab noch eins gefunden. Lag auf meiner Hose, sorry.«
Klaas nahm frustriert die Hände von seinem halb fertigen Bauwerk. »Na toll. Aber acht Teile hat doch gepasst!«
»Warum nicht neun?«, wollte Joko wissen.
»Weil der Würfel eine gerade Anzahl an Seiten hat. Warum sollte dann die Anzahl an Teilen ungerade sein?«
»Aber drei mal drei ist neun. Und ein Würfel ist dreidimensional.«
Klaas öffnete den Mund, ließ sich Jokos Worte durch den Kopf gehen. Das machte Sinn. Machte das Sinn?
»Sachma’, du willst auch unbedingt den Ruf als der Schlaue von uns an dich reißen, oder?«
»Und überlasse dir dafür gern das Feld des Schönen«, entgegnete Joko leichthin.
Klaas grinste, Wärme in der Brust, und dachte an vorhin, an das Bild, das Joko abgab, im schwachen Licht der Taschenlampe, mit grauem Pulli und etwas zu langen Haaren, ausgeschlafen und grinsend, und kam insgeheim zu dem Schluss, dass es dann wohl zu Verwechslungen kommen würde, wenn die Rolle des Schönen allein Klaas zugeschrieben wurde.
»Okay, Schlauer von Joko und Klaas«, begann er stattdessen. »Hilf mir mal, wie soll ich das anordnen?«
Wenig später lagen Jokos Hände an seinen, tasteten nach den Holzbausteinen, und waren so behutsam dabei, dass Klaas die Warnung, gefälligst aufzupassen, nichts umzuwerfen, die ihm schon auf der Zunge lag, hinunterschluckte.
Gemeinsam und mit viel Fingerspitzengefühl legten sie die Steine aneinander, und Klaas war so konzentriert bei der Sache, dass er erst realisierte, dass Joko näher gekommen war, als seine Haare ziemlich penetrant seine Wange kitzelten.
»Joko. Was wird das?«, wollte Klaas leise und mit leicht warnendem Unterton wissen. »Das hier ist für die Maz, ne?«
»Ich weiß«, gab Joko ebenso leise zurück, aber brachte keinen Abstand zwischen sie, im Gegenteil, und Klaas konnte sein Grinsen förmlich vor sich sehen, als Joko fortfuhr: »Aber das Wichtige spielt sich gerade bei unseren Händen ab. Das filmen die. Alles, was darüber passiert, wird man nie sehen. Wir können uns küssen, wenn wir wollen.«
Klaas musste unwillkürlich lachen ob dieser Logik von Joko, zog aber nicht zurück, als dieser noch näher kam, sondern lehnte sich ihm leicht entgegen, bis Jokos Lippen, zugegebenermaßen etwas verschätzt, seinen Mundwinkel trafen. Leise auflachend korrigierten sie ihre Position, und Klaas konnte nicht anders als in den Kuss zu grinsen, beim Gedanken daran, dass man später in der Maz an dieser Stelle nur ihre Hände sehen würde und niemand eine Ahnung haben würde, was sonst noch passierte.
»Du bist unmöglich«, schloss Klaas mit leiser Stimme, als Joko sich von ihm löste und noch einmal neckend mit der Nase gegen seine Wange stupste. »Wir haben ein Zeitlimit, Joko.«
Natürlich waren sie kein Stück weiter gekommen mit ihrem Würfel. »Und wenn schon«, murmelte Joko und drückte seine Wange gegen Klaas’ Haare. »Ich brauch den Gegenstand nicht. Du bist hier. Das reicht mir.«
Klaas schloss lächelnd die Augen, gerührt von Jokos Worten, die ein warmes Kribbeln auslösten, und lehnte seinen Kopf leicht gegen Jokos. »Okay. Aber stell dir mal vor, wir bekommen eine Minibar.«
Joko lachte leise auf, und Klaas spürte den Luftzug in den Haaren. »Klaas, als ob.«
»Was? Könnte doch sein.«
»Ja, könnte. Aber das ist immer noch unsere Redaktion.«
»Na schön, hast recht«, gab Klaas nach. »Aber lass trotzdem versuchen, den Würfel hinzukriegen, okay? Ich brauch das jetzt für mein Selbstwertgefühl.«
»Ach, so nennst du das? Ich dachte, das wäre bei dir schon pure Arroganz.«
Klaas stieß Joko empört, aber sanft gegen die Brust. »Arschloch.«
»Lieb dich auch, Hase.«
Klaas stockte kurz ob der zweideutigen Bedeutung dieser Worte, der Joko sich offensichtlich nicht bewusst war, und schob den Gedanken ganz weit weg. Fürs Erste. Das war jetzt nicht die Zeit dafür. Sie wollten den zehnten Schritt nicht vor dem zweiten und dritten machen, und für den Moment war Klaas völlig okay mit Zuneigung und vielleicht ein bisschen mehr verschossen sein, als er es sich selbst eingestehen wollte.

Zehn Minuten waren mehr als ausreichend gewesen, wenn man bedachte, dass Joko und Klaas zwischenzeitlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt gewesen waren. Trotzdem hatten sie es, auch entgegen Klaas’ Erwartungen, tatsächlich geschafft, innerhalb des Zeitlimits den Würfel richtig zusammenzusetzen. Als Belohnung hatten sie eine Kerze erhalten, und seitdem wurde ihr Zimmer von einem kleinen, aber warmen Schein erhellt.
Übervorsichtig schirmte Klaas die kleine Flamme vor etwaigen Luftzügen ab, während Joko aufstand, um den Schlafsack bequemer hinzulegen. Dafür, dass sie morgens so lange geschlafen hatten, breitete sich nun eine erstaunlich müde Stimmung aus, nicht zuletzt durch das flackernde Kerzenlicht, das eine gemütliche, einhüllende Atmosphäre erzeugte. Ein angenehmer Kontrast zu der den ganzen Tag über vorherrschenden drückenden Dunkelheit.
Die folgenden Aufgaben wurden ihnen nun in kürzeren Abständen gestellt, da man sie den Großteil des Tages bereits damit in Ruhe gelassen hatte und nun Drehmaterial nachholen wollte. So waren sie bis zum Abend gut beschäftigt, Joko verspielte sich seine Chance auf neue Batterien für die Taschenlampe, indem er es nicht durch den Laserstrahlenparcour schaffte, der ihnen in ihrem ohnehin beengten Raum unter großen Schwierigkeiten aufgebaut worden war, aber das war nicht weiter schlimm. Sie hatten die Kerze, und deren Licht war ohnehin viel angenehmer. Dafür schaffte Klaas es, eine letzte Aufgabe für sich zu entscheiden, deren Preis den Titel ›Musik‹ trug.
Nachdem der Dreh vollständig abgebaut war, fiel die Tür wieder zu, und Klaas und Joko wechselten einen fragenden Blick. Würde Klaas Kopfhörer bekommen? Doch noch ehe sie diskutieren konnten, knackte es in den Lautsprechern, und Klaas verzog kurz das Gesicht ob des unangenehmen Geräusches. Im nächsten Moment lief der erste Song an, der Klaas bekannt vorkam, und er grinste Joko an.
Es war, wie sie feststellten, offenbar die Playlist, die immer im Studio vor der Show gespielt wurde. Das machte auch Sinn, denn dass ihre Redaktion ihnen für diesen Anlass eine eigene Playlist zusammenstellte, war wohl zu viel verlangt. Doch Klaas wollte sich nicht beschweren. Die Lieder waren gut, und einen Großteil davon verband Klaas tatsächlich mit irgendwelchen Erlebnissen mit ihrer Redaktion, und damit mit Joko.
So war die Stimmung beinahe ein wenig nostalgisch, als ihnen um Punkt neunzehn Uhr die Tür aufgeschlossen wurde und sie hinausgelassen wurden. Klaas betrachtete kopfschüttelnd das Team vor den Monitoren, das sich noch mit den letzten Klängen von Wonderwall in den Armen lag, und schüttelte lachend den Kopf, als man ihn hinzu ziehen wollte. »Sorry, Thomas, keine Zeit.«
»Klaas«, hielt ihn Jakob auf, noch ehe er hastig aus dem Zimmer schlüpfen konnte, um Joko Gesellschaft beim Zähneputzen zu leisten. Auf Klaas’ fragenden Blick hin fuhr Jakob grinsend fort. »Wir haben mitgerechnet. Ihr habt auf eurem Spendenkonto gerade die fünfzigtausend Euro geknackt.«
»Hundertfünfzig Stunden, Klaas«, fügte Thomas hinzu und grinste. »So lange hat es glaub ich noch keiner mit einem von euch ausgehalten.«
Klaas erwiderte das Grinsen, machte sich nun endgültig auf den Weg in Richtung Badezimmer, und konnte nicht umhin, verdammt stolz auf sich und Joko zu sein.

»Hundertfünfzig Stunden«, wiederholte Klaas wenig später, als sie wieder nebeneinander auf dem Boden saßen, Nudeln vom Asiaten aßen und beide unbewusst ihren Blick auf die Kerzenflamme vor ihnen geheftet hatten. »Hätt’ste gedacht, dass wir das schaffen?«
»Davor auf keinen Fall«, gab Joko ehrlich zu. »Nach den ersten zwei Tagen, da wurd mir irgendwie klar, dass das gut funktioniert, das mit uns.« Auf Klaas’ vielsagendes Grinsen hin verdrehte er leicht die Augen, erwiderte es jedoch, als er fortfuhr. »Dass wir gut klarkommen mein ich. Miteinander. Ganz ... allgemein.«
»Und ganz speziell auch.«
Joko lachte. »Ja. Das auch, seit – wann eigentlich?«
»Weiß nicht. Paar Tage vielleicht.«
»Wow, so konkret gleich, Klaas«, kommentierte Joko trocken.
»Ja was denn?«, entgegnete Klaas, schob die leere Nudelbox von sich und verschränkte defensiv die Arme vor der Brust. »Das hat sich eben irgendwie so entwickelt. Ich kann da keinen genauen Zeitpunkt ausmachen, wo ich sagen würde, da hab ich mich in Winti verknallt.«
»Nicht?«
»Du etwa?«
Joko zögerte, schien noch einmal in sich zu gehen, ehe er langsam antwortete: »Als du mir da vor drei Tagen die Hände gewärmt hast, da hab ich glaub ich das erste Mal was gemerkt.«
Klaas erinnerte sich leicht errötend an den Moment zurück. Krass, das war erst drei Tage her. Klaas kam es wie eine halbe Ewigkeit vor, so viel war seither zwischen ihnen passiert und hatte sich verändert. »Drei Tage«, wiederholte er murmelnd.
»Die Zeit vergeht irgendwie anders hier drin, oder?«, erwiderte Joko, schien seine Gedanken zu erraten oder selbst zu teilen.
Klaas nickte zustimmend. »Letzter Tag jetzt, ne«, stellte er dann leise fest.
»Krass«, kommentierte Joko. »Dann haben wir jetzt nur noch gute vier Stunden. Dann sind wir frei.« Er grinste Klaas an.
Klaas spiegelte es, und war sich diesmal sicher, dass Joko genau wusste, worauf sich dieses ›frei‹ alles bezog.
»Nein.«
Klaas zuckte zusammen, als völlig unerwartet von oben durch die Lautsprecher eine Stimme ertönte. »Was?«
»Nein, ihr dürft heute noch nicht wieder raus. Auch nicht um null Uhr.«
»Bitte was?«
»Das war so aber nicht abgesprochen!«
»Jungs«, fuhr ihnen Thomas ruhig, aber bestimmt dazwischen. »Sieben Tage bedeutet sieben Tage. Ganze Tage. Nicht sechseinhalb. Tag eins hat für euch um zwölf angefangen. Ergo: Ihr habt noch einen halben Tag vor euch.«
Joko warf Klaas einen gleichermaßen frustrierten wie hilflosen Blick zu, als wolle er ihn auffordern: Mach was. Doch im Grunde musste Klaas Thomas recht geben – der Dreh war nunmal über sieben ganze Tage angesetzt. Und gegen den Drehplan konnte nicht einmal Klaas argumentieren.
Resignierend gab er also klein bei und ließ sich gegen eine der Wände sinken. »Eine Nacht werden wir schon noch überleben«, sagte er leise zu Joko.
»Ja, du Jungspund vielleicht«, entgegnete Joko leicht schmollend. »Meine alten Knochen halten diesen Boden nicht noch ne Nacht aus.«
Klaas betrachtete den wehleidigen Joko einen Augenblick lang amüsiert, dann rutschte er ein Stück näher. »Na komm, Opa. Du musst ja nicht unbedingt schlafen.« Und etwas leiser fügte er hinzu: »Wir kriegen die Nacht bestimmt auch anders rum. Das heißt ... nur, wenn du das in deinem Alter noch packst – durchzumachen.«
»Du Arsch«, kommentierte Joko Klaas’ Stichelei, kam jedoch ebenfalls ein Stück näher, und dann legte sich ein verschmitztes Grinsen auf seine Züge. »Aber erst, wenn die in der Regie schlafen, okay?«

Die kommenden Stunden verbrachten sie auf dem Schlafsack liegend, einander gegenüber und leise redend, bis die Kerze herunterbrannte und ausging, und danach bis die Taschenlampe, die sie stattdessen ganz unromantisch aufstellten, den Geist aufgab.
Irgendwann merkte Klaas, wie ihm langsam die Augen zufielen, und wurde promt leicht von Joko angestupst, als er nichts mehr sagte. »Hey, Klaasi. Nicht einschlafen. Im Ernst, du verpasst was, wenn du jetzt wegpennst.«
»Ja?« Klaas hob in sanftem Spott die Augenbrauen, und obwohl Joko das nicht sehen konnte, war Klaas sich sicher, dass er es deutlich aus seiner Stimme heraushören konnte. »Tu ich das?«
Und Joko enttäuschte ihn nicht. »Absolut«, bestätigte er murmelnd, und im nächsten Augenblick lag er nicht mehr dicht neben Klaas, sondern noch dichter halb auf ihm.
Klaas brach unwillkürlich in ein verschlafenes Giggeln aus und schlang reflexartig den freien Arm um Jokos Schulter. Dann hob er den Kopf mit dem Ziel, Joko zu küssen, doch spürte nur sacht Haare an seiner Wange kitzeln. »Joko? Ey, hallo, hier bin ich.«
Dann war Joko da, seine Lippen an Klaas’ Kieferknochen, und wenn Joko das nicht so geplant hatte und sich nur verschätzt hatte, überspielte er das ziemlich gut, während er sich an Klaas’ Kiefer entlangküsste bis zu seinen Lippen.
»Glückwunsch, gefunden«, nuschelte Klaas ihm noch entgegen und konzentrierte sich dann ganz auf ihren Kuss, während Joko ganz über ihn kletterte, zunächst noch etwas auf seine Unterarme gestützt, bis Klaas ihn näher zu sich herab zog. Er genoss das Gefühl von Joko überall, und hatte nur noch vage die Ahnung im Hinterkopf, dass irgendjemand das hier sehen würde, und sei es nur irgendein Mitarbeiter aus dem Schnitt, der später das Material sichten würde. Es hätte ihm im Moment egaler nicht sein können. Filmmaterial war eliminierbar, Mitarbeiter bestechlich. Und, mit Verlaub, Joko küsste zu gut, als dass die popeligen vier Nachtsichtkameras für Klaas noch ernsthaft einen Grund dargestellt hätten, es sein zu lassen. Wenn dem so gewesen wäre, hätte das alles hier wohl kaum passieren können, und wahrscheinlich waren es da tatsächlich all die Jahre, die er mit Joko vor etlichen Kameras verbracht hatte, die jetzt dafür sorgten, dass sie diesen gegenüber eine so geringe Hemmschwelle hatten und sie, trotz Kameras, das zwischen ihnen geschehen hatten lassen.
Er verschwendete im Augenblick nicht einmal einen Gedanken an den kommenden Tag, daran, dass dann der Dreh tatsächlich und endgültig beendet sein würde. Für den Moment war es nur Joko, den er wahrnahm, auf den er fixiert war, mit allen Sinnen, okay, fast allen, aber das machte keinen Unterschied, denn Klaas hatte die Augen  zu.
Da war kein beengter Raum mehr, kein viel zu unbequemer Boden, kein viel zu dünner Schlafsack, der das nicht wirklich besser machte. Da war nur Joko, Joko, Joko.
Nur Joko.

* * * * *


Ich glaube es fast selbst nicht, aber: das war Tag 7. Der letzte Tag, und damit auch das letzte Kapitel. Am Wochenende kommt noch ein kleiner Epilog und dann ist diese Geschichte hier fertig.
Bis dahin wünsche ich euch ein schönes Wochenende!
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