Die Welten zwischen uns

von qhanqibe2
KurzgeschichteAllgemein / P12 Slash
Nobuchika Ginoza Shinya Kōgami
27.12.2019
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Seit jeher heißt es in Liebesfilmen und Romanen, dass die, die sich zu Anfang hassen, einander am Ende lieben - sprich was sich liebt, das neckt sich. Aber gilt das eigentlich auch für einen unterkühlten, sarkastischen Vollstrecker und einen genervten Inspektor vom AÖS, die sich kaum in die Augen sehen können, ohne einen inneren Kampf auszufechten? Nun, dass sei mal so dahin gestellt, am Besten überzeugt man sich selbst:
»Was nimmst du dir eigentlich raus, du verdammter Hund!«
Nobuchika Ginoza funkelte den Vollstrecker vor ihm böse an, was durch die Dunkelheit der kleinen Gasse kaum bemerkbar war. Seine Stimme hallte laut von den Steinmauern der Geschäfte um ihnen herum wieder und ein süßlicher Geruch nach Gebäck wehte südlich von einem Café heraus her - obwohl das Gebiet vom Amt gesperrt war, schien jemand dort noch zu backen, um vier Uhr morgens.  
»Wie kannst du einfach loslaufen und den Kerl niedermetzeln?! Wenigstens den Dominator hättest du benutzen können! Wie - ich frage dich - soll ich das in meinem Bericht erklären, hm?!«
»Jetzt reg dich mal nicht so auf, da kriegt man ja Kopfschmerzen«, verteidigte sich Kogami und wendete den Blick ab, während er sich eine Ziggarrette anzündete. Dem bewusstlosen Vergewaltiger auf dem Boden und der in der Ecke kauernden, weinenden Frau, die zudem kaum etwas anhatte, würdigte keiner von ihnen eines Blickes - viel zu vertieft waren sie in ihre kleine Zankerei.
»Fang nicht schon wieder an zu qualmen, überleg dir mal lieber, wie du das wieder gut machst! Die Direktorin wird mich …«
»Genau, Gino, sie wird dich dafür verantwortllich machen. Ich hab damit dann nichts mehr zutun.«
Der Vollstrecker ließ die halb herunter gebrannte Ziggarrette auf den Boden fallen und trat sie mit dem Schuh aus, bevor er sich langsam Richtung des Transporters drehte, mit dem er und die anderen her gekommen waren - von hier aus war sein ferner Standpunkt allerdings nur zu erahnen.
»Vergiss nicht, dass du das Herrchen bist und ich der Hund - wenn du wolltest, dass ich auf dich höre, hättest du mich eben besser erziehen müssen.«
Ginoza knirschte erboßt mit den Zähnen, verkniff sich dabei aber ein bissiges Kommentar; im Grunde hatte Kogami nämlich gar nicht mal so Unrecht - es verwirrte den Inspektor immer noch ein wenig, seinem ehemaligen Kindheitsfreund höhergestellt zu sein und er wusste partout nicht, wie er jenem richtige Anweisungen geben sollte - es sei denn, sie wurden laut und stritten, dann wusste er sich zur Abwechslung mal zu verhalten.
»Reiß bloss die Klappe nicht auf!«, schrie er dem Vollstrecker, der schon ein Stückchen vorausgegangen war, hinterher und ballte etwas frustriert die Hände zu Fäusten - er war wohl wirklich kein guter Boss für jenen, schon gar nicht jetzt.
»Wenn du damals auch nur halb so blöd gewesen wärst, wäre es nie so weit gekommen!«
Er unterdrückte das Aufkommen einiger Tränen und trat wütend nach Kogamis zurückgelassener Ziggarrette.
»Dieser verdammte Idiot!«, fluchte er nochmal leise, ehe er sich der Frau in der Ecke zu wandte; sie hatte blondes, langes Haar, einen schmächtigen, aber schönen Körperbau und ihre braunen Augen waren vom ganzen Weinen schon ganz rot. Seufzend zog Ginoza seinen Dominater und richtete ihn auf die hellhäutige Schönheit; Kriminalkoeffizient über zweihundert, tönte es sofort in seinem Kopf. Vollstreckungsmodus: Lethal Eliminator. Bitte visieren Sie das Ziel an und beseitigen Sie es. Seufzend brachte er sich in Stellung - die Augen der Frau waren vor Angst geweitet und ein ersticktes, letztes Schluchzen entfuhr ihr, als er den Abzug betätigte.

»Wissen Sie, mein Vetrauen zu Ihnen ist wirklich groß - weshalb sonst sollte ich Ihnen auch die Leitung von Einheit eins übertragen haben.«
Direktorin Kasei hatte ihren Kopf elegant auf den Händen abgestützt und sah den unteren etwas geringschätzig, aber erwartend an.
»Ich dachte wirklich, Sie wären der Richtige für diesen Posten und habe Sie trotz mangelnder Erfahrung dorthin befördert.«
Ihre rot geschminkten Lippen sackten deutlich wieder nach unten und ihr Blick wurde ernst.
»Aber nun bin ich wirklich unzufrieden. Ich habe das Gefühl, Sie sind mit Ihrer Arbeit maßlos überfordert - die Vollstrecker tanzen Ihnen auf der Nase herum. Wenn das so weiter geht, muss ich Sie leider …«
»Das wird nicht nötig sein!«, fuhr Gino dazwischen und sprang auf, setzte sich dann aber verhalten wieder hin.
»Ich weiß, es geht Ihnen bei dieser Beurteilung speziell um den Konflikt zwischen mir und Shinya Kogami. Deshalb bin ich erpicht darauf, eine Lösung zu finden, damit unser zukünftiges Arbeitsverhalten nicht mehr gestöhrt sein wird.«
»Ihre Reaktion überrascht mich wirklich kein bisschen.«
Kanei setzte einen zufriedenen, wissenden Blick auf und nickte dem Inspektor leicht zu.
»Und ich bin ebenso der Meinung, Ihnen noch eine Chance zu gewähren - vergessen Sie niemals, dass ich große Stücke auf Sie halte, mein Lieber.«
Wohl eher ging es ihr darum, dass keine schmutzigen Geheimnisse des Amts nach draußen getragen wurden, dachte Ginoza darauf etwas grimmig, sprach den Gedanken aber nicht laut aus, sondern bedankte sich schlicht und verließ dann das Büro.

»Na, wie lief es bei der Alten?«, begrüßte Kogami ihn, als Ginoza etwas zerknirscht durch die Tür trat; außer den beiden, war weit und breit niemand zu sehen, wahrscheinlich hatten sich die anderen noch für ein paar Stunden zurück in ihre Betten verkrochen, um den Schlaf, den sie dank diesem Fall verpasst hatten, gründlich nachzuholen. Gino hätte eigentlich auch nichts lieber als das getan, gäbe es jetzt nicht noch so viel zutun; er musste sich nicht nur einen halbwegs wahren, plausiblen Bericht für heute aus den Fingern saugen, er musste sich auch den Kopf darüber zerbrechen, wie er sein Verhältnis zu Kogami grundlegend ändern konnte. Aber warum war der überhaupt noch hier?, kam es ihm da in den Sinn, doch er fragte nicht, setzte sich nur stumm an seinen Platz.
»Hey, ignorier mich nicht.«
Kogami drehte den Bürostuhl, auf dem er Platz genommen hatte, in Ginos Richtung und fixierte jenen mit einem tadelnden Blick.
»Was ist jetzt, schmeißt sie dich etwa raus?«
Der Inspektor seufzte und funkelte ihn bloß wütend an.
»Das ist alles nur deine Schuld, verdammt! Wenn sich nicht bald was ändert, bin ich meinen Posten so gut wie los!«
Kogami stand auf und stellte sich mit dem Rücken heran an den Schreibtisch , weshalb der Inspektor seine große, kräftige Rückansicht bewundern konnte - im Gegensatz zu ihm war er selbst wirklich zierlich und klein …
»Was«, holte Kogami ihn mit leicht brüchiger Stimme aus Gedanken, »wenn das aber genau das ist, was ich will?«
Schweigen. Der Inspektor konnte nicht sprechen, seinen Gegenüber nur fassungslos anstarren, wie ein fremdes Wesen, was jener jetzt auch war - der Shinya Kogami, den er kannte, würde ihm nie seinen Posten nehmen. Nie würde er ihm wehtun wollen, nie würde er ihn verletzen. Aber wer war dann dieser Mann, der jetzt vor ihm stand? Der sich ihm ständig widersetzte und Stück für Stück sein Leben zerstörte? Wo war der Kogami, den er liebte?
»Ich will dich in den Abgrund ziehen Gino, so tief das du nie wieder hoch kommst.«
Kogami drehte sich um und beugte sich über den Schreibtisch, so dass Gino in seine kalten, grauen Augen sah - doch selbst in ihnen war dieser kleine Hauch Traurigkeit erkennbar, der den Vollstrecker maßlos zu quälen schien.
»Denn wenn du da erstmal ankommst, werden wir endlich zusammen sein. Für immer. Und dann lass ich dich nie mehr los.«
Die Kehle des Inspektors fühlte sich trocken an, Schweiß rann seinen Nacken hinab und er spürte seinen schnellen Herzschlag; Kogami hatte recht. So wie es jetzt war, würden sie nicht zusammenkommen. Sie würden niemals glücklich sein, alle beide. Denn diese Welten zwischen ihnen würden nie verschwinden. Sie wären beide allein, für immer. Wenn das so weiter geht, hörte er da plötzlich wieder Kaneis Stimme in sich. Dann werde ich sie … Und plötzlich wusste er genau, was zutun war. Es war, als hätte die Welt sich ihm endlich offenbart und er wusste zwar, dass er diese Entscheidung und den Preis, den er für sie zahlte, bereuen würde, doch ebenso war ihm klar, dass das nun das einzig richtige war.
»Also gut«, hauchte er mit einem Lächeln in Kogamis Richtung - zwei Tränen rollten ihm über die Wange, während sein Gesicht sich dem des Vollstreckers weiter näherte, bis er jenem schließlich zärtlich über das gequälte Gesicht strich.
»Dann zieh mich hinab, so weit du kannst.«
Mit einem Anflug von Verlangen packte der Vollstrecker ihn und drückte seine Lippen auf die des Inspektors - und all die Welten, die diese zwei Liebenden von einander getrennt hatten, zerfielen zu Staub.