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Wanderjahr

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
26.12.2019
07.06.2020
7
14.870
 
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Dieses Kapitel
1 Review
 
 
07.06.2020 1.474
 
Entschuldigt bitte, dass ich euch so lange habe warten lassen. Ich wusste, wie das Kapitel werden sollte, doch es wollte einfach nicht flutschen. Nun ist es fertig und ich wünsche viel Spaß beim Lesen.

Disclaimer: ich verdiene kein Geld mit Tonio & Julia.


Tonio hatte seine Koffer gepackt. Morgen stand die Heimreise mit dem Nachtzug an. Nur noch sein Wanderrucksack mit Sachen für ein paar Tage und sein Fahrrad hatte er behalten, den Rest hatte er voraus geschickt. Zum letzten Mal verließ er seine Stube, gab seinen Schlüssel beim Hausmeister ab und trat an die frische Luft. Das alles fiel ihm leicht. Dann radelte Tonio zu Julia, bei der er bis morgen bleiben würde. Das war sehr schwer für ihn, war es doch die letzte Zeit, die er mit ihr verbringen würde. Trotzdem hoffte er, dass es schöne Stunden sein würden, denn er wollte Julia und diese wundervollen Tage für immer in seinem Herzen bewahren und jede Sekunde mit ihr genießen.

Warum er trotz allem in sein altes Leben zurück kehrte, wusste er nicht. Darüber hatte er in der letzten Zeit viel nachgedacht und war sich sicher, dass es Angst war. Glücklicherweise hatte Julia ihn nicht danach gefragt und auch er selbst hatte es nicht zur Sprache gebracht. Wenn sie die richtige Antwort auf seine Gedanken hatte, konnte er sich vorstellen, alles über den Haufen zu werfen und sein Leben neu zu planen. Aber er war sich nicht sicher, ob die Vorstellung reichte, schließlich hatten sie sich nie im wahren Leben behauptet. Alles, was sie hatten, war ein Leben und eine Liebe in Julias vier Wänden, was zugegebenermaßen wunderschön war, aber es hatte der Realität noch nicht Stand halten müssen.

Tonio war später dran als geplant. Er war überrascht, dass sie vor dem Haus auf ihn wartete, dabei strahlte sie über das ganze Gesicht. Am liebsten wollte er sie umarmen und küssen, aber das konnte er nicht.

"Hey", sagte er stattdessen und legte all seine Gefühle in dieses eine Wort.
"Hi", antwortete sie. Tonio wollte mit ihr hochgehen, doch sie hielt ihn auf. "Ich habe eine Überraschung." Fragend schaute er sie an. "Ich möchte einmal mit dir alles. Einschlafen, aufwachen und alles dazwischen. Dieses eine Mal möchte ich mich nicht verstecken." Überrascht und enttäuscht schaute Tonio sie an, schließlich wusste sie genau, dass das nicht ging. "Es gibt ein kleines Hotel etwas weiter außerhalb von Berlin direkt am Wasser. Ich habe ein Zimmer gebucht und ein Auto gemietet. Wir können spazieren gehen, vielleicht zusammen essen. Lass mich einmal mit dir zusammen sein wie ein richtiges Paar." Tonio fühlte sich überrumpelt. Damit hatte er nicht gerechnet und wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Eigentlich wollte er das auch, aber er hatte Angst. So viel ging ihm durch den Kopf, als er einfach auf seinen Bauch hörte und nickte. Daraufhin machte Julia ein freudiges Geräusch, mehr zeigte sie nicht. Tonio wollte sie in den Arm schließen, sie durch die Gegend wirbeln und einfach mal sein, wie er sich fühlte. Doch er riss sich zusammen, schloss sein Rad an der gewohnten Stelle an und folgte ihr.

Julia lenkte ihn zum Auto und setzte sich hinters Steuer. Sobald er auf dem Beifahrersitz saß, legte er seine Hand auf ihr Bein. Daraufhin schaute sie ihn für einen langen Augenblick an. Beide sagten sie kein Wort. Der Moment brauchte keine Sprache, alles konnte er in ihrem Gesicht ablesen. Tonio liebte Julia und wollte es in die Welt hinaus schreien. Allein für diese Idee liebte er sie noch ein Stückchen mehr, auch wenn es seiner ersten Reaktion vor wenigen Minuten komplett widersprach. Julia brachte Seiten in ihn zum Vorschein, die er nicht kannte.

Schweigend fuhr Julia dem Ziel entgegen. Währenddessen schwankte Tonio zwischen Vorfreude und Abschiedsschmerz. Dabei fragte er sich, wie sehr er Julia vermissen konnte. Die ganze Zeit über lag seine Hand auf ihrem Bein. Es kam ihm so vor, als wollte er sich an ihr festhalten. Er war überrascht, dass sie ebenfalls so schweigsam war. Über die letzten Wochen hatte er festgestellt, dass sie seine Emotionen gut wahrnahm und auch oft ansprach, wenn etwas im Raum stand. Tonio konnte sich nicht vorstellen, dass sie nichts zu sagen hatte. Trotz der Stille verging die Fahrt wie im Flug und sie erreichten das Hotel. Es war sehr idyllisch gelegen, wie Julia vorausgesagt hatte, auch wenn der Ortskern nur wenige Minuten entfernt war. Julia parkte den Wagen

"Das ist schön hier", sagte Tonio, nachdem er auch ausgestiegen und zu ihr gegangen war.
"Ja", antwortete sie.

Dann tat Tonio etwas, dass er sich sonst niemals getraut hätte. Er beugte sich zu ihr, strich eine ihrer Locken zurück und küsste sie auf den Mund. Für den Moment war es ihm egal, dass jemand ihn sehen konnte. Dann nahm er ihre Hand. Ein leichtes Zucken vernahm er, ehe sie seine Hand ein wenig fester ergriff. Gemeinsam gingen sie zur Rezeption und regelten den Papierkram. Schließlich bezogen sie ihr Zimmer. Als die Tür ins Schloss gefallen war, stellte Tonio ihr Gepäck ab, dann wandte er sich Julia zu und legte seine Hände an ihre Wangen.

"Ich liebe dich, Julia", sagte er. Jede Silbe kam von Herzen. In dem Moment war er von Glückseligkeit erfüllt. Daraufhin füllten sich ihre Augen mit Tränen - schöne Tränen, denn sie lächelte dabei wie ein Engel. Sanft bewegte er seine Finger und wischte die Träne, die ihre Wange herunterkullerte, weg. Julia schmiegte ihre Wange an seine Hand.
"Ich liebe dich auch." Nachdem sie geendet hatte, küsste sie ihn, was zu einer Umarmung wurde. Auch Tonio legte seine Arme um sie. Ganz fest hielten sie sich, fast schon zu fest. "Ich will nicht, dass du gehst, aber ich weiß, dass du es musst", nuschelte sie in seine Schulter. Daraufhin umarmte er sie noch fester, noch enger. Nichts und niemand passte zwischen ihnen. Tonio wollte nicht, dass der Moment endete, aber er sagte nichts. Stattdessen küsste er sie wieder innig und intensiv. Er wollte sie spüren, wollte den Moment spüren. Tonio wollte mit jeder Faser seines Körpers fühlen.

Später, nachdem sie sich frisch gemacht hatten, gingen sie am See spazieren. Hand in Hand. Für Tonio fühlte es sich ungewohnt, aber wunderschön an. Er hatte sich nie erträumt, so offen seine Liebe zeigen zu können. Es fühlte sich gut an, Tonio fühlte sich gut. Die ganze Zeit über schaute er Julia immer wieder an. Liebe war ein großes Gefühl, dass er, bevor er Julia kannte, nicht benennen konnte. Ab und an trafen sich ihre Blicke, da sie auch ihn anschaute. Dann küssten sie sich - zärtlich oder leidenschaftlich.

"Ich weiß nicht, wie ich weiter machen soll, wenn du weg bist", begann Julia irgendwann. Tonio stoppte daraufhin und wandte sich zu ihr, doch sie hielt ihren Blick auf den Weg geheftet. "Dein Weg ist dir bestimmt, das ist wahrscheinlich gut, aber es zerreißt mich. Ich will dich, ich brauche dich." Mit ihrer freien Hand wischte sie sich durchs Gesicht. Tonio beobachtete sie dabei die ganze Zeit. Dann drehte sie sich zu ihm und kaute auf ihrer Unterlippe. "Mit solch starken Gefühlen habe ich nicht gerechnet, als ich dich kennen gelernt habe." In Tonios Hals hatte sich ein schwerer, großer Kloß gebildet. Er war nicht in der Lage, etwas zu sagen. Alles, was sie in letzter Zeit elegant umschifft hatten, kam plötzlich zu Tage. Er schloss die Distanz und küsste sie wieder und wieder. Auf keinen Fall wollte er jetzt über seine Gedanken sprechen, er wollte sie nicht laut aussprechen.

Nach einer Weile lösten sie sich voneinander und gingen den restlichen Weg schweigend. Tonio konzentrierte sich auf den Weg, er schaute nicht mehr zu Julia. Stattdessen hing er seinen Gedanken nach, denn das waren seine letzten Stunden mit ihr. Den Kontakt zu Julia konnte er nicht aufrecht erhalten, wenn er wieder Zuhause war, denn sie war seine Achillesferse.

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"Wir hätten uns einen Teller Spaghetti teilen müssen", sagte Julia abends lachend, als sie sich im Hotelzimmer eine bestellte Pizza teilten, woraufhin er sie verständnislos ansah, denn er wusste nicht, worauf sie hinauswollte. "Susi und Strolch?" Schmunzelnd schaute sie ihn an. "Mein Lieblingsfilm aus Kindertagen."

Während sie ihm lebhaft von dem Film erzählte, genoss er den Moment. Es war so leicht, mit ihr zusammen zu sein, egal ob hier oder in ihrer Wohnung. Tonio nahm ihre Hand und strich sanft mit dem Daumen über ihre Fingerkuppen. Diese kleinen Geste der Zuneigung kostete ihn keine Überwindung und sagte in seinen Augen alles, was er fühlte. Daraufhin unterbrach Julia ihren kleinen Vortrag und schaute ihn ganz eindringlich an und er erwiderte den Blick. Die Pizza war völlig vergessen. Innerhalb weniger Sekunden entledigten sie sich der Kleider, die sie trugen, und liebten sich. Anschließend schliefen sie aneinander gekuschelt ein.
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