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Wanderjahr

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
26.12.2019
07.06.2020
7
14.870
 
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Dieses Kapitel
1 Review
 
19.04.2020 1.929
 
Ich habe die Altersgrenze hochgesetzt, da ich mir nicht sicher bin, ob P12 ausreichend ist. Erwartet nicht zu viel, es ist nur zur Sicherheit. Viel Spaß beim Lesen.

Disclaimer: Tonio und Julia gehört mir nicht.

Ein Monat verging, in dem sich Tonio und Julia beinahe täglich sahen. Meistens trafen sie sich in ihrer Wohnung, aber gelegentlich suchten sie sich auch Verstecke auf dem Campus oder gingen ins Kino. Wenn sie das taten, gaben sie sich als Freunde aus nicht als Paar. Sie lernten sich besser kennen, erzählten sich aus ihren Leben, von ihren Familien oder einfach nur von ihrem Tag. Obwohl alles nahezu perfekt war, kamen Übernachtungen nicht in Frage. Den letzten Schritt waren sie noch nicht gegangen, auch wenn nicht viel dazu fehlte.

Obwohl es sich so gut anfühlte, kämpfte Tonio oft mit seinem schlechten Gewissen. Er war ein Heuchler und hatte den Zölibat schon vor der Priesterweihe gebrochen. Doch er konnte nichts dagegen tun, denn wenn er mit Julia zusammen war, vergaß er alles und nichts war mehr wichtig. Darüber hatte er mit niemanden gesprochen, auch nicht mit Julia. Das lag nicht an ihr, denn sie hatte schon mehr als einmal danach gefragt. Tonio wusste einfach nicht, wie es weiter gehen sollte.

Sobald er das Priesterseminar betrat, war er wieder der Seminarist und Student wie die Wochen zuvor. Tonio erledigte jede Aufgabe, die man ihm übertrug, meistens sogar mehr als er musste. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass man ihm ansah, wie glücklich er war und dass es nicht mit seiner Ausbildung zusammenhing. Angesprochen hatte Tonio noch niemand darauf. Darüber war er auch sehr froh, denn er wusste nicht, was er sagen würde. Er war kein guter Lügner und er wollte auch niemand etwas vorspielen, auch wenn er das schon seit Monaten tat. Wenn Tonio seine reguläre Ausbildung am Berliner Priesterseminar machen würde, wüsste er nicht, ob er sie noch fortsetzen würde. Da er jedoch in wenigen Wochen nach München zurückkehrte, ließ er es geschehen.

Eine erneute offizielle Beichte zog Tonio nicht in Betracht. Wieso sollte er auch, denn er war bereit, jederzeit wieder zu sündigen. Doch abends, wenn er für sich war, betete er ausgiebig und gestand alle seine Sünden. Trotz Julia hatte er seinen Glauben nicht verloren oder aufgegeben. Sie verstand auch, dass er sonntags in die Messe ging und vor den Mahlzeiten ein kurzes Gebet sprach. Darüber war Tonio froh, denn obwohl sie auch katholisch erzogen, aber nicht in ihrem Glauben verankert war, konnte er mit ihr über all diese Kleinigkeiten reden.

Generell überraschte ihn immer wieder, wie sehr sie auf einer Wellenlänge waren. So kam es mittlerweile schon oft vor, dass sie gleichzeitig dasselbe dachten oder sagten. Es schien fast so, als ob sie schon Jahre zusammen waren. Das faszinierte Tonio, denn das war ein Leben, das er so noch nicht kannte.

An diesem Tag hatten sie sich nach der Uni verabredet. Tonio war immer wieder froh, wie wenig er sich für seine Zeit in Berlin vorgenommen hatte. So hatte er ganz viel Zeit für Julia. Er fuhr direkt zu ihr und klingelte. Nur Sekunden später summte die Tür und Tonio ging rasch zu ihr hoch. Die Tür war angelehnt und Tonio betrat den Flur.

"Ich bin in der Küche, Hase", rief sie, während er seine Schuhe auszog. Dann ging er zu ihr und fand sie am Herd vor.
"Hi", begrüßte er sie und sie drehte sich um. Sofort ließ sie den Kochlöffel fallen und küsste ihn.
"Ich habe dich vermisst", entgegnete Julia.
"Dabei haben wir uns doch erst gestern gesehen, Juli", antwortete er prompt.
"Ich vermisse dich aber in jeder Sekunde, die du nicht bei mir bist." Tonio konnte nicht widerstehen und küsste sie gleich noch einmal, dieses mal inniger.
"Was machst du da?", fragte er schließlich, denn eigentlich war er für die Mahlzeiten zuständig.
"Papa hat mir ein Paket mit den neuen Essigsorten, gelingsicheren Rezept und Zutaten geschickt. Er gibt die Hoffnung nicht auf." Julia lachte und deutete auf den geöffneten Karton. Tonio schaute hinein und sah viele Leckereien. "Aber das hier sieht nicht so aus, wie auf dem Rezept, das er geschickt hat." Daraufhin schaute er in den Topf und war erschrocken über das Ergebnis, gleichzeitig auch amüsiert, dass sie es versuchte hatte. Sanft nahm Tonio ihr den Kochlöffel aus der Hand und küsste sie innig, dabei schob er sie sacht beiseite. "Danke, du bist meine Rettung." Ihre Aussage bestätigte sie mit einem Kuss.
"Gerne." Er lächelte ihr zu und widmete sich dann dem Essen. Julia wiederum räumte die restlichen Lebensmittel weg und deckte schließlich den Tisch. Anschließend kehrte sie zu Tonio zurück und lehnte sich bei ihm an.
"Das sieht schon viel besser aus", stellte sie fest.
"Dabei habe ich noch gar nichts gemacht, außer das Rezept zu lesen", erwiderte er lächelnd.
"Da siehst du mal, was für verborgene Talente du hast." Beide lachten und vergaßen für einen Moment das Essen, denn Küssen war in dem Moment so viel wichtiger. "Brauchst du mich noch?", fragte sie dann mit der Stimme, der Tonio nichts abschlagen konnte. Daher schüttelte er den Kopf. Nach einem weiteren Kuss auf die Wange ging sie weg und kehrte kurz darauf mit Büchern und Laptop zurück. Tonio beobachtete sie, wie sie sich ausbreitete.
"Was musst du machen?", fragte Tonio neugierig, während er die nächsten Zutaten einrührte.
"Hausarbeit zur Trauerbewältigung bei Jugendlichen." Noch während Julia sprach, vertiefte sie sich in ihre Bücher. Plötzlich schaute sie auf. "Wie wurde dir geholfen?" Es war klar, dass sie auf den Tod seiner Mutter anspielte, hatte er ihr doch erst kürzlich von ihr erzählt. Für einen Moment überlegte er, ehe er sich zu ihr drehte.
"Hm... Papa hatte selbst so sehr mit dem Verlust zu tun, dass er mir nicht helfen konnte. Er war immer da und hat für mich gesorgt, aber..." Tonio unterbrach sich selber, denn sein Vater war noch immer nicht über den Tod seiner Frau hinweg gekommen. Sie war die Liebe seines Lebens gewesen und nach wie vor ging er jeden Tag ans Grab. Tonio selber hatte das gut verarbeitet, auch wenn sie ihm nach wie vor oft fehlte, gerade wenn er eine weibliche Sicht brauchte. Wieder dachte er daran, dass er so gerne mit ihr über Julia und die ganze vertrackte Situation reden würde, aber das ging nicht. "Der Pfarrer unserer Gemeinde hat mir sehr geholfen. Ich war damals schon in der Kirche aktiv. Er hatte ein offenes Ohr für mich und meine Sorgen, begleitete mich, egal ob ich weinen, reden oder nur still sein wollte. Unser Pfarrer war nicht modern, aber er war ein guter Seelsorger. Damals reifte in mir auch der Entschluss, in diese Richtung zu gehen. Er ist mein Vorbild gewesen."

Zuletzt wandte er sich von Julia ab, hatte er doch für einen Moment seine Emotionen nicht im Griff. Tonio hatte ihr viel erzählt, aber eine Träne hatte er in ihrer Gegenwart noch nicht vergossen. Keine Sekunde war vergangen, als Julia bei ihm war und ihn in den Arm nahm. Es faszinierte ihn, wie sehr sie ihn nach dieser kurzen Zeit kannte. Wieder einmal kam ihm das Wort Seelenverwandte in den Sinn und noch etwas anderes. Sanft löste er sich von ihr, nahm ihr Gesicht in seine Hände und schaute sie an.

"Julia Schindel, ich liebe dich." Seine Worte waren aufrichtig und er war davon überzeugt. In ihrem Gesicht spiegelten sich in dem Moment so viele Emotionen wieder: Überraschung, Freude, Glück. Tonio konnte sie nicht alle deuten.
"Ich liebe dich auch, Tonio", erwiderte sie nur, ehe sie die Distanz schloss und ihn hemmungslos küsste.

Obwohl seine Gedanken gerade Karussell fuhren, schaltete Tonio geistesgegenwärtig den Herd aus, ehe er sich weiter auf Julias Küsse einließ. Er setzte sich auf einen Stuhl und sie sich auf seinen Schoß. Er vergaß alles um sich herum, nahm wieder mal nur Julia wahr. Ihre Locken kitzelten, ihre Küsse erhitzen und ihr Duft umhüllten ihn. Dass seine Hände ein Eigenleben entwickelten und ihren Körper streichelte, ließ sie zu. Auch sie berührte ihn zärtlich, was ihn nur noch mehr erregte.

Nach einer Weile stand sie auf, ohne ihre Lippen von seinen zu lösen, und zog ihn in Richtung ihres Schlafzimmers. Willig folgte Tonio ihr. Dort angekommen küssten und berührten sie sich weiter. Sie trennten sich nur, um sich gegenseitig ihrer Kleidungsstücke zu entledigen. Schließlich standen sie nackt voreinander. Daraufhin zog Julia ihn auf ihr Bett, wo sie ihr Spiel fortsetzten. Für Tonio fühlte sich in diesem Moment alles richtig an. Er wollte Julia für immer in seinen Arm wissen.

Tonio liebkoste jeden Zentimeter ihres Körpers, ließ sich Zeit, wollte jedes Geräusch von ihr in sich aufnehmen. Auch Julia blieb nicht untätig, so dass auch er in den Genuss von gefühlten tausend Berührungen kam. Beide waren sichtlich erregt von ihrem Spiel. Irgendwann zwischendurch, Tonio nahm es nur am Rande wahr, öffnete Julia die Schublade ihre Nachtschränkchens und griff hinein. Dann löste sie sich leicht von Tonio und zeigte ihm das Kondom. In dem Augenblick musste er nicht nachdenken und küsste sie zur Bestätigung erneut und nahm es ihr aus der Hand.

Später war Julia eingeschlafen und Tonio lag neben ihr im Bett. Er hatte sich so viel vorgestellt, hatte auch in seiner Teenagerzeit mit seinen Kumpels für Jugendliche ungeeignete Filme gesehen. Doch er hatte sich keine Vorstellung gemacht, wie sehr viel näher ihn das Julia bringen würde. Er wusste nicht, wie es sich ohne Gefühle anfühlte, aber mit ihr war es einfach nur perfekt gewesen. Tonio war froh, diesen Augenblick mit ihr erlebt zu haben. Mit niemand anderen wollte er diese Erfahrung teilen.

Wäre Tonio nicht durch seine Ausbildung gebunden gewesen, er hätte sie auf der Stelle gefragt, ob sie seine Frau werden wollte. Keine Sekunde seines Lebens wollte er ohne Julia sein, keinen Moment mehr mit Nichtigkeiten vergeuden. Tonio wollte nur noch sein, wer er sein wollte, nicht wer er werden würde. In diesem Augenblick war er bereit, seinen geplanten Lebensweg für Julia und sich aufzugeben. Der Gedanke fühlte sich gut und richtig an, gleichzeitig dachte er darüber nach, wie es sein würde, wenn er diesen geschützten Raum verließ und wieder in die Realität zurückkehrte, fühlte er dann immer noch so oder banden ihn dann die Ketten der katholischen Kirche.

Tonio brauchte einen klaren Kopf, um sich ernsthaft mit seinem weiteren Weg auseinander zu setzen. Daher stand er mit Rücksicht auf Julia ganz leise auf und ging ins Bad. Da er das Gesicht eines Heuchlers nicht sehen wollte, ignorierte er sein Spiegelbild und stieg direkt in die Dusche. Minutenlang ließ er das Wasser auf sich einprasseln und sortierte dabei seine Gedanken. Wenn er ehrlich zu sich war, musste er sich eingestehen, dass er jeden Tag ein bisschen mehr ein ganz normales Leben mit Julia führen wollte. Auf Versteckspielen hatte er keine Lust mehr. Andererseits studierte er gerne Theologie, auch hatte das Priesteramt nicht seinen Reiz verloren. Das einzige, was ihn von der Verbindung seines Lebens mit seiner Berufung abhielt, war der Zölibat. Den konnte er nicht umgehen, außer er machte es im Verborgenen, was er nicht auf Dauer konnte und wollte. Tonio wusste aber auch nicht, welche Alternative er hatte, schließlich war für ihn seit vielen Jahren glasklar, was er werden wollte. Sollte er seinen ganzen Lebensplan wegen Julia über den Haufen werfen, fragte er sich wieder und wieder. Aber er kam zu keinem Schluss, denn Julia unterbrach seine Grübeleien, als sie zu ihm in die Dusche trat.
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