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Wanderjahr

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
26.12.2019
07.06.2020
7
14.870
 
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15.04.2020 2.578
 
Disclaimer: Tonio & Julia gehört mir nicht.

Dies und das: Mich hat die Muse geküsst und das nächste Kapitel ist schon fertig. Mein Dank gilt dir, meine Erstleserin. Euch wünsche ich ich viel Spaß beim Lesen.

Wochen waren vergangen, ohne dass Tonio Julia gesehen oder gehört hatte. Das Priesterseminar hatte sehr viel Gut von seinem inneren Chaos, denn er war ein fleißiger Gast geworden. Er wohnte nicht mehr nur dort sondern lebte auch dort. Seit dem Tag der Beichte engagierte er sich so, wie es in München seine Pflicht war. Nur für die Arbeit im Jugendzentrum, für das Studium und seinen Sport verließ er das Seminar. Gegen den Zölibat hatte er nicht noch einmal verstoßen. Tonio war zum Muster-Seminaristen geworden.

Obwohl er den ganzen Tag beschäftigt war, fehlten ihm soziale Kontakte. Besonders vermisste Tonio seinen Vater, der für ihn trotz allem eine wichtige Bezugsperson war, und seine Freunde. Obwohl er in Berlin Bekanntschaften geschlossen hatte, war er einsam, es war er nicht sein Zuhause. Seitdem er Julia aus dem Weg ging, lenkte ihn nichts mehr ab. Daher hatte er seinen Aufenthalt auf ein halbes Jahr, ein statt der geplanten zwei Semester, verkürzt, von dem die ersten drei Monate beinahe vergangen waren.

An diesem Tag hatte Tonio drei Vorlesungen. Religion auf Lehramt war als erstes an der Reihe. Er setzte sich auf seinen üblichen Platz und bereitete sich vor. Dafür schaute er sich die Notizen vom letzten Mal an, währenddessen setzte sich jemand neben ihn. Kurz schaute er auf, um dann schlagartig alles zu vergessen und sich kerzengerade aufzurichten.

"Hi", begrüßte Julia ihn. Tonio wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Mit der Situation war er überfordert.
"Hallo", erwiderte er schließlich und vertiefte sich dann wieder in seine Notizen.
"Ich muss mit dir sprechen", ergriff sie wieder das Wort.
"Jetzt nicht", antwortete er forsch.

Zum Glück betrat in dem Moment der Professor den Raum und unterbrach das Gespräch, da er die Aufmerksamkeit des Raumes auf sich zog. Trotzdem folgte Tonio der Vorlesung keine Sekunde. Er war nur mit Julias Anwesenheit beschäftigt. Heimlich schielte er immer wieder zu ihr rüber und fragte sich, was sie wollte. Vermutlich war sie als Gasthörerin eingetragen, aber sie interessierte sich nicht für das Fach, das wusste er. Julia musste seinetwegen dort sein, deshalb war seine Ausgeglichenheit, an der er über die letzten Wochen gearbeitet hatte, dahin. Das Ende der Vorlesung konnte er nicht erwarten und doch versuchte er, dem Inhalt zu folgen, um seine Fassade aufrecht zu erhalten. Das brachte aber nichts, denn er nahm jede Bewegung war und spürte die ganze Zeit über ihre Präsenz. 90 Minuten war sie an seiner Seite und sofort wollte er sie wieder für immer dort wissen. Diese Gefühle waren menschlich und normal, aber für ihn verboten und daher eine Herausforderung.

Der Professor beendete die Vorlesung und Tonio packte seine Sachen zusammen. Er verließ seine Sitzreihe und Julia folgte ihm. Vor dem Hörsaal drehte er sich abrupt um, weshalb sie in ihn hinein rannte. Daraufhin trat sie einen Schritt zurück und schaute ihn mit ihren wundervollen Augen an. Erwartungsvoll erwiderte Tonio den Blick, denn er empfand es nicht als seine Aufgabe, das Gespräch zu eröffnen. Für einen Moment hielten sie nur Blickkontakt, dann öffnete sie den Mund, um ihn gleich darauf wieder zu schließen und dann doch zu reden.

"Tonio, ich kann das nicht, kann nicht so tun, als ob du mir nicht wichtig bist", begann sie schließlich. "Wir können Freunde sein. Wahre Freundschaft ist so schwer zu finden. Wenn du es zulässt, kannst du ein großartiger Freund sein." Wieder stoppte sie, als ob sie nach den richtigen Worten suchte. Tonio hielt die ganze Zeit den Blickkontakt. "Ich weiß nicht, was nach dem Clubbesuch passiert ist, aber ich weiß, dass ich mich sicher gefühlt habe. Vielleicht verstehe ich nicht immer, was in dir vorgeht, aber ich will versuchen eine Freundin zu sein, nicht mehr und nicht weniger. Wenn du mich lässt." Für einem weiteren Moment hielt sie inne und Tonio suchte nach einer passenden Antwort, fand aber keine. Zum Glück war Julia noch nicht fertig. "Ich weiß nicht, was am See über mich gekommen ist, aber das wird nicht mehr vorkommen. Das verspreche ich dir." Endgültig hörte sie auf zu reden und beide schwiegen sich an. Tonio war von ihrer Ansprache völlig überfordert, er hatte kein Antwort parat. In dem Moment wusste er gar nichts mehr, denn er wollte Julia nicht als Freund, unter keinen Umständen.
"Ich denke nicht, dass ich das kann", erwiderte er daher und unterbrach den Blickkontakt. "Ich brauche Abstand von dir", sprach er mehr zu seinen Füßen als zu ihr.
"Okay." Sie klang verletzt, deshalb schaute er sie wieder an und konnte es kaum aushalten, sie so zu sehen, aber er musste das beenden, bevor es Überhand nahm, bevor er sich in etwas verstrickte, was nicht gut war. "Bis dann", waren ihre letzten Worte, ehe sie sich umdrehte und davon ging. Tonio konnte nichts mehr sagen, sich nicht erklären. Das belastete ihn sehr, so hatte er sich nicht von ihr trennen wollen, auch wenn er sein Ziel erreicht hatte.

Tonio hatte noch zwei weitere Vorlesungen an diesem Tag, aber er hatte keine Lust darauf. Daher schwänzte er die und fuhr zurück ins Priesterseminar. Auch an dem Tag nahm er seine Pflichten ernst, war jedoch überhaupt nicht bei der Sache und machte Fehler. Ihm war klar, dass er Julia vor den Kopf gestoßen hatte, dass er sie sehr harsch abgewiesen hatte, dabei hatte Tonio sich nicht wirklich erklärt. Er war schlichtweg unfreundlich zu ihr gewesen. Das beschäftigte ihn sehr, denn das war nicht seine Art. Dazwischen mischten sich Gedanken, dass es so vielleicht besser war, aber die waren unbedeutend im Vergleich zu den anderen. Nach dem Abendessen hatte er ein dermaßen schlechtes Gewissen, dass er noch mal raus musste.

Mit dem Rad fuhr er ziellos durch die Straßen von Berlin. Tonio wollte seinen Kopf frei kriegen, wollte wieder auf den Status zurückkehren, den er noch am Morgen vor dem Treffen mit Julia hatte. Doch sein Kopf war wieder voll mit Gedanken über und an sie. Ihm wurde bewusst, dass er seine Gefühle nicht verarbeitet sondern einfach nur verdrängt hatte.

Seine Gedanken drehten sich im Kreis, aber unbewusst hatte er ein Ziel angesteuert, dass sein Kopf festgelegt hatte, denn plötzlich stand er vor Julias Haustür. In dem Augenblick wusste Tonio nicht, was richtig oder falsch war. Er wollte klingeln, aber noch konnte er auch einfach wieder wegfahren. Schließlich entschied er sich, sein Fahrrad anzuschließen. Das war ein erster Schritt. Danach stand er vor der Tür, auf deren Klingelschild nur die Nachnamen standen. Das nahm ihm die Entscheidung ab, da er den nicht kannte. Aber dann verließ jemand das Haus. Tonio nutzte die Gelegenheit und betrat es, trotz allem was dagegen sprach. Unschlüssig stand er einen Moment im Flur, ehe er zu ihrer Wohnung ging. Noch immer war Tonio sich nicht sicher, ob er das Richtige tat, aber er klingelte. Drinnen hörte er Julia an der Gegensprechanlage, Sekunden später öffnete sie die Tür.

Für einen Moment war er überwältigt, dann folgte er seinem Herzen und ging auf sie zu. Tonio zögerte kurz, als er ihr ganz nah war, und versuchte, ihren Blick zu deuten. Dann legte er seine Hände auf ihre Wangen, was sie widerstandslos zuließ, und schloss schließlich die letzte Lücke. Er widersetzte sich allem, woran er glaubte, und küsste sie von ganzem Herzen. Ihre Überraschung war im ersten Moment offensichtlich für ihn, doch nach wenigen Augenblicken war das wie weggewischt und sie schlang ihre Arme um seine Taille und zog ihn in die Wohnung. Kurz löste Julia sich von Tonio und gab der Tür einen Schubs, so dass sie ins Schloss fiel. Seine Hände wanderten an ihrem Körper herunter, bis sie auf ihrem Rücken lagen. Sie hatten kaum Zeit, Luft zu holen, geschweige denn ein Wort zu wechseln. Für Tonio gab es in diesem Moment auch nichts zu sagen, denn er wollte nur fühlen.

Nebenbei zog Julia ihn immer weiter und führte ihn in ihr Zimmer. Tonio hatte nicht die Gelegenheit, es in Augenschein zu nehmen, denn sie setzte sich auf ihr Bett und er folgte ihr. Mit den Händen begann sie, seinen Körper zu erkunden. Jede ihrer Berührung war wie ein kleiner Elektroschock, fuhr ihm durch Mark und Bein. So lebendig hatte er sich noch nie gefühlt. Auch er ließ seine Finger auf ihrem Körper wandern, wollte sie fühlen. Die Gefühle und die Lust, die ihn in diesem Moment übermannten, hatte er so noch nicht gespürt. Erst als sie sanft seine Jacke auszog und dann sein T-Shirt hochschob, hielt er einen Moment inne und schaute sie an. Julia hielt dem Blick stand und lächelte, ließ aber ihre Finger wieder sinken. Schließlich setzte sie sich ein Stück zurück und schaute ihn an.

"Ich dachte...", begann sie, wurde aber von Tonio unterbrochen, indem er ihr den Finger auf die Lippen legte.
"Ich will es", sagte Tonio nur, der jegliche Vernunft beiseite schob und sein Shirt selber auszog.

Dann schloss er die Distanz zu ihr, drückte sie sanft aufs Bett, während er sich auf dem Ellenbogen aufstützte und so über ihr war. Schließlich küsste er sie wieder und sie begegnete seinen Lippen willig. Mit seiner freien Hand fuhr er nun über ihren Arm und ergriff ihre Hand. Gleichzeitig nutzte sie ihre freie Hand und glitt mit ihren Fingern über seinen nackten Oberkörper. Dieses Mal ließ er es widerstandslos zu. Er spürte, wie sich seine Härchen bei der Berührung aufstellten und ein wohliger Schauer ihm über den Rücken lief. Sanft streichelte sie über seine Haut, während sie sich weiterhin leidenschaftlich küssten. Dadurch wurde auch Tonio mutiger und löste die Verbindung ihrer Hände, um seine Hand auf ihren bloßen Bauch zu legen und diesen sanft zu streicheln. Tonio war glücklich, wie lange nicht mehr. Es fühlte sich gut und richtig an, seine innere Stimme, die ihn daran erinnerte, dass das falsch und verboten war, ignorierte er komplett. Er wollte nur weiter machen und sie auf diese Art und Weise kennenlernen.

Nach einer ganzen Weile lagen sie aneinander gekuschelt unter der Bettdecke. Bislang hatten sie kaum ein Wort gewechselt, aber Tonio wusste, dass sie darüber reden mussten. Ihm kam es noch immer wie ein Traum vor. Obwohl er den Abend und seine Taten nicht bereute, hörte er das erste Mal wieder die Stimme seiner Vernunft, die er gleich wieder ausblendete. Stattdessen betrachtete er eingehend Julia, die absolut entspannt dalag und ihn anlächelte.

"Das hier kann nur ein Traum sein", sagte sie irgendwann.
"Nein, das ist die Realität", erwiderte Tonio schließlich. "Eine traumhaft schöne Realität." Darauf reagierte sie nicht, stattdessen legte Julia ihre Hand auf seine Hüfte und strich leicht über seine Haut. Er musste lachen, war das doch die kitzelige Stelle an seinem Körper, die sie zuvor entdeckt hatte.
"Warum?", fragte sie kurz, ohne Tonios Antwort abzuwarten. "Du wolltest Abstand." Er nahm ihre freie Hand und verschränkte seine Finger mit ihren, was er zu gerne tat, dabei schaute er sie an.
"Ich brauchte Abstand, um das hier nicht mit dir zu tun, aber unser Treffen gestern hat mir gezeigt, dass ich meine Gefühle nur verdränge und mich nicht mit ihnen auseinandersetze. Du hast mir schon am ersten Abend den Kopf verdreht, Julia. Da hast du mich das erste Mal geküsst und ich habe es genossen. Bevor ich dich kannte, war mir mein Weg so klar und jetzt verstoße ich jedes Mal, wenn ich dich sehe, gegen die Regeln. Jede Sekunde, die ich mit dir verbringe, hadere ich mit mir und meiner Entscheidung. Ich weiß nicht mehr was richtig oder falsch ist, aber ich weiß, dass es sich gut anfühlt, wenn ich mit dir zusammen bin", endete er schließlich. Nach wie vor waren ihre Hände miteinander verbunden und auch den Blickkontakt hielten beide. Tonio konnte nicht deuten, was sie dachte, doch sie zeigte es ihm, als sie ihn zu sich zog und erneut küsste. Es war nicht so stürmisch wie zuvor, es war eine Bestätigung. Langsam löste sie sich von ihm.
"Ich war so nervös und dann warst du da. Du hast mir sofort gefallen und ich wusste, dass es nie was wird. Jetzt bist du hier und..." Dieses Mal war es Tonio, der die Distanz schloss und wieder die Verbindung suchte und sie unterbrach.

Das reichte für beide, um dort weiter zu machen, wo sie aufgehört hatten. Die wichtigen Dinge waren geklärt, alles andere konnte in diesem Moment warten. Tonio befand sich in einer Blase, in der die ganze Welt unwirklich war. So verging eine ganze Weile, in der sie sich wieder küssten, berührten und noch ein Stück besser kennen lernten. So hatte er sich noch nie gefühlt, auch nicht bei den Mädchen, mit denen er vor seinem Eintritt ins Priesterseminar zusammen war. Julia war für ihn etwas ganz Besonderes, das hatte er schon früh erkannt und es bestätigte sich in jeder Sekunde, die er mit ihr verbrachte.

Als er morgens aufwachte, lag sie noch immer oder wieder in seinem Arm, wenn auch ihre braunen, vom Schlaf zerzausten Locken ihr Gesicht verbargen. Vorsichtig schob Tonio die Locken beiseite und betrachtete sie. Für einen kurzen Moment dachte er an das Priesterseminar, schob diese Gedanken jedoch rasch beiseite. Solange er bei Julia war, wollte er das Hier und Jetzt genießen. Später hatte er noch genug Zeit, um alles zu zerdenken. Trotzdem musste er langsam zurück, löste sich daher vorsichtig von ihr und ging ins Bad, um sich frisch zu machen.

Für einen kurzen Moment ließ er seine Gedanken zu und dachte darüber nach, was er getan hatte. Er hatte sein Versprechen gegenüber Gott gebrochen, auch wenn er nicht den ganzen Weg mit ihr gegangen war. Doch gleichzeitig war Tonio sich sicher, dass er das, ohne mit der Wimper zu zucken, machen würde. Alles, was er in den vergangenen Stunden getan hatte, fühlte sich richtig an und er hatte nicht den Ansatz eines schlechten Gewissens. Das erschreckte ihn.

Als Tonio das Bad verließ, begrüßte ihn der Duft von frisch gebrühtem Kaffee. Er ging in die Küche, wo Julia mit angezogenen Beinen auf einem Sruhl saß. In den Händen hielt sie einen Becher, aus dem Dampf aufstieg. Tonio grinste, hatte er doch das Bild vor sich, wie sie versuchte, Kaffee zu kochen.

"Was?", fragte Julia schließlich, doch Tonio schüttelte nur den Kopf.
"Das erzähle ich dir nicht", antwortete er noch immer schmunzelnd. Dann nahm er sich selber einen Becher und setzte sich ihr gegenüber hin. Tonio musste ein Thema ansprechen, über das er nicht reden wollte, daher suchte er lange nach den richtigen Worten und trank lieber erst mal von seinem Kaffee. "Wir können uns nicht treffen", begann er schließlich und sah sofort wieder Unsicherheit in Julias Blick aufflackern, die sie sogleich verbarg. "Also in der Öffentlichkeit. Aber ich möchte dich wiedersehen." Tonio hielt inne. "Natürlich nur, wenn du auch willst", ergänzte er noch. Daraufhin nahm sie seine Hand.
"Ich will nichts anderes", erwiderte sie.

Obwohl das alles ganz neu war, war er davon überzeugt, dass so sein Leben aussehen sollte. Mit ihr aufstehen, Kaffee trinken und zur Arbeit gehen, abends dann das ganze andersherum. Für die Kirche und ihre Regeln war in dem Moment kein Platz mehr, aber es war ganz viel Zeit für sie da.
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