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Wanderjahr

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
26.12.2019
07.06.2020
7
14.870
 
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03.04.2020 1.564
 
Disclaimer: Tonio & Julia gehört mir nicht.

Völlig verwirrt fuhr Tonio ziellos durch Berlin. Er fragte sich, was das sollte, warum sie ihn immer herausforderte, warum er nicht standhalten konnte. Ob das noch immer Neugierde oder wirkliches Interesse war, konnte er nicht deuten. Trotz allem wünschte er sich letzteres, auch wenn das möglicherweise Konsequenzen nach sich zog. Tonio wusste nicht, wo er hin wollte, wer ihm zuhören würde. An dem Tag konnte er nichts mehr machen, außer in Grübeleien zu versinken und das Gespräch mit Gott zu suchen. Daher machte Tonio sich auf dem Heimweg.

Im Priesterseminar angekommen ging er in die Seminarkirche und betete. Wie lange er dort saß, wusste Tonio nicht. Anschließend zog er sich in sein Zimmer zurück. Auf dem Weg dorthin ging er jedem Kontakt aus dem Weg, nickte nur oder grüßte, wenn er jemand traf. Wieder hing er seinen Gedanken nach und kam nicht weiter. Gleichzeitig fühlte er sie noch auf seinen Lippen. Dieser Kuss war so anders als der an ihrem ersten gemeinsamen Abend, er war bewusst von beiden Seiten gewollt, so kam es ihm zumindest vor. Tonio wollte diesen Kuss, er wollte sie spüren, auch wenn er dann sofort seinen Fehler eingesehen hatte. Sein Abgang war nicht in Ordnung, aber er hatte keinen anderen Weg gesehen.

Als er schließlich im Bett lag, fand er noch immer keine Ruhe. Das war ihm schon vorher klar gewesen. Erneut betete Tonio zu Gott, der wieder keine Antwort für ihn hatte. Doch etwas anderes regte sich im Bett, als er für sich alleine war. Bilder von Julia erschienen wieder vor seinem inneren Auge: ihr Gesicht ganz nah, ihr perfekter Körper, als sie aus dem Wasser kam. Sie weckte in ihm Begehren, denen er nicht nachgeben durfte, doch wer sollte es herausfinden. Daher machte Tonio etwas, dass er seit dem Eintritt ins Priesterseminar nicht mehr getan hatte, und verschaffte sich Erleichterung. Währenddessen sah er Julia vor sich, wie sie lachte, wie sie strahlte, so wie er sie kannte. Nachdem er sich frisch gemacht hatte, legte er sich erneut zur Ruhe. Doch dieses Mal hielt ihn das Vibrieren seines Mobiltelefons vom Grübeln ab.

"Es war wirklich ein schöner Nachmittag. Ich wollte nichts ruinieren und dich auch nicht verwirren. Ich weiß nicht, was da über mich gekommen ist. Es tut mir so unendlich leid, dass ich dich in diese Situation gebracht habe. Obwohl ich dich kaum kenne, bist du mir sehr wichtig. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, Tonio."

Nachdem er die Nachricht gelesen hatte, legte er sein Mobiltelefon wieder weg. Tonio wusste nicht, was und ob er darauf antworten sollte. An Schlafen war nun gar nicht mehr zu denken. So lag er später noch immer wach in seinem Bett. Immer wieder öffnete er die SMS und las die Zeilen. Krampfhaft überlegte er, was er darauf antworten sollte, ob er überhaupt antworten sollte. Tonio kam zu keinem Ergebnis. Schließlich schaltete er das Handy aus und stand wieder auf. Rasch zog er sich wieder an und ging erneut in die Kirche. Den Rest der Nacht verbrachte er im Zwiegespräch mit Gott.

Am nächsten Morgen war Tonio müde und nicht weiter gekommen, aber er hatte sich entschlossen, die Uni ausfallen zu lassen und stattdessen zur Beichte zu gehen. Mit der S-Bahn fuhr er nach Potsdam. Zwar unterlag jeder Priester dem Beichtgeheimnis, doch manchmal hatten die Wände Ohren und Geheimnisse verbreiteten sich schneller als einem lieb. So hatte er sich eine Kirche und einen Pfarrer ausgesucht, die kein nennenswertes Verhältnis zum Seminar hatten.

Als er die Kirche betrat, suchte sich Tonio eine ruhige Ecke und setzte sich zum stillen Gebet in eine Bank. Er wollte noch einmal in sich gehen und zur Ruhe kommen. Nach einer Weile stand er wieder auf und ging zum Beichtstuhl, der frei war. Er betrat ihn und kniete nieder. Wie üblich machte der Pfarrer das Kreuzzekchen, Tonio tat es ihm nach.

"Gelobt sei Jesus Christus", sprach der Pfarrer schließlich.
"In Ewigkeit. Amen." antwortete er. Der Pfarrer sagte nun nichts mehr. Den Ablauf kannte Tonio auswendig und er sollte nun etwas über sich erzählen. Alles, was er erzählte, unterlag dem Beichtgeheimnis. Das Wissen darum gab ihm Sicherheit. "Ich bin Gast im Priesterseminar und verbringe mein drittes Studienjahr in Berlin." Mehr musste und wollte er nicht preisgeben. Der Pfarrer schwieg. "Ich möchte in Demut und Reue meine Sünden bekennen." Danach hielt er für einen Moment inne und dachte darüber nach, wie er es vortragen sollte. "Ich habe eine Frau geküsst, obwohl es mir verboten ist. Sie bringt mich dazu, an meinem Weg zu zweifeln, an mir zu zweifeln. In mir entstehen Gefühle, die ich nicht deuten kann und will. Zudem habe ich meine Gelüste befriedigt, nachdem ich mit ihr Zeit verbracht habe. Die Situation überfordert mich, denn mein Weg war mir schon seit sehr langer Zeit klar und mein Leben geplant. Ich will Priester werden. Aber kann ich den Weg fortsetzen, wenn sie mich daran zweifeln lässt?", fragte er in die Stille hinein und wusste, dass er darauf keine Antwort erhalten würde. "Dies sind alle meine Sünden. Sie tun mir leid. Mein Jesus, ich bitte um Barmherzigkeit." Tonio endete schließlich seine kurze Beichte. Mehr war nicht zu sagen, denn er war bis auf das große Thema Julia ein guter Katholik.
"Gefühle können wir nicht unterdrücken, doch es ist die Frage, wie wir mit ihnen umgehen und ob wir ihnen nachgeben", gab ihm der Pfarrer mit auf dem Weg. "Dein Fleisch ist schwach geworden, doch du bereust und hast deinen Fehler erkannt. Das ist ein guter Schritt. Bleibe deinem Weg treu und lass dich nicht wieder in Versuchung führen." Nun hielt der Pfarrer einen Moment inne, ehe er Tonio von seinen Sünden lossprach. "Gott, der allmächtige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und uns den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden. Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden. So spreche ich dich los - von all deinen Sünden: Im Namen das Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Im letzten Satz machten beide das Kreuzzeichen. Die Beichte war beendet.

Nachdem Tonio den Beichtstuhl verlassen hatte, ging es ihm besser, er fühlte sich leichter als zuvor. Julia und die Gedanken an sie waren nicht gelöscht, aber er war seine Schuld losgeworden. Obwohl er gerade Reue gezeigt hatte, musste er sich eingestehen, dass er den Kuss nicht bereute. Tonio wollte es, er wollte es so sehr, schließlich hätte er ihr auch einfach auch ausweichen können und die Sache wäre erledigt gewesen. Doch das hatte er nicht getan, er hatte den Moment genutzt. Vor allem war ihm auch klar geworden, dass er Julia eine Antwort schuldig war.

Er ging in einen Park und suchte sich einen ruhigen Platz auf einer Bank in der Sonne. Dann holte Tonio sein Mobiltelefon aus der Tasche und schaltete es das erste Mal seit vergangener Nacht wieder ein. Es war keine weitere Nachricht gekommen, er hatte auch nicht damit gerechnet. Für eine Weile saß er dort, nahm die Geräusche um sich herum wahr und horchte ganz besonders in sich selbst hinein. Als Tonio sich in einem fast meditativen Zustand befand, dachte er über die zu schreibenden Worte nach, die er schließlich tippte.

"Zum Tango gehören immer noch zwei, Julia. Mir tut es nicht leid, denn ich wollte es doch irgendwie auch. Ja, es war ein schöner Tag und ich würde liebend gerne viele weitere mit dir verbringen, doch ich weiß nicht, ob ich das tun soll, denn ich bin mir meiner selbst nicht sicher. Entschuldige, dass ich dich in mein Chaos gezogen habe und verzeih mir, dass ich auf Abstand gehen muss."

Mehrmals las Tonio die Zeilen, bevor er sie sendete. Als das erledigt war, fühlte er sich um einiges leicher. Er hatte dem ganzen ein Ende gesetzt, hatte sich entschieden. Das fühlte sich gut und richtig an. So gestärkt machte er sich auf den Rückweg.

In der Bahn suchte Tonio sich einen Platz und bemerkte sofort das junge Paar ihm gegenüber. Die beiden erinnerten ihn, wie sie da saßen, sofort an die Bahnfahrt am ersten Abend mit Julia. Sofort wandte er seinen Blick ab, aber gefühlt befand er sich in einem Pärchen-Waggon, denn überall sah er Paare. Dass es auch nur Frau und Mann sein könnten, zog sein Kopf nicht in Betracht. Tonio fragte sich, ob das ein Zeichen oder nur seine Psyche war. Wahrscheinlich war es letzteres, doch er hoffte auf eine Intervention Gottes, der ihm den rechten und doch so falschen Weg zeigen wollte.

Schlagartig war seine Entschlossenheit und Leichtigkeit wieder dahin. Tonio wollte Julia, er wollte sie ganz. Das konnte er nicht leugnen. Die Frage war, was er bereit war, für sie aufzugeben. Noch immer fühlte er ihre zarten Lippen auf seinen und war neugierig, wie sich ihre bloße Haut anfühlte, wenn er seine Finger über ihre Haut gleiten ließ. Wenn er die Augen schloss, sah er nur Julia vor sich. Kein anderes Bild fand mehr den Weg in seinen Geist. Das machte ihn traurig, denn, auch wenn er sich kein Bild von Gott machte, so war er sonst allgegenwärtig. Mit aller Macht konzentrierte er sich auf die Welt außerhalb der Bahn, lenkte sich ab. Tonio wollte nicht mehr denken, suchte den Ausschalter für seinen Kopf und fand doch keinen.
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