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Wanderjahr

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
26.12.2019
07.06.2020
7
14.870
 
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03.02.2020 1.453
 
Disclainer: Tonio und Julia gehört mir immer noch nicht.

In den nächsten Tagen dachte er noch oft an Julia und den gemeinsam verbrachten Abend zurück. Sie bestimmte seine Gedanken. Obwohl er ihr nicht den Raum in seinem Kopf lassen wollte, so hatte er es doch nicht wirklich im Griff. Tonio war sich sicher, dass sie seine letzte große Prüfung auf dem Weg zum Priester gewesen war, und er hatte auch diese Aufgabe gemeistert. Sein Glauben hatte ihm die Sicherheit gegeben. Warum er die gebraucht hatte, wusste er nicht, denn er sah Julia nicht wieder, schließlich war Berlin keine kleine Stadt.

Glücklicherweise musste er in den Tagen nach dem Club-Besuch nicht in den Jugendtreff, denn er hatte keine Lust auf Piet zu treffen, zu dem er den Kontakt nach dem unnötigen Blind-Date bis auf das Notwendige abgebrochen hatte. Sein Verhalten war in Tonios Augen völlig inakzeptabel gewesen. Nicht jeder in seinem Umfeld verstand, warum er Priester werden wollte, aber jeder hatte seine Entscheidung angenommen. Bisher war ihm noch nie ein Date aufgedrängt worden, auch wenn er zugegebenermaßen mit Julia einen faszinierenden Menschen getroffen hatte, die er einerseits wiedersehen wollte, aber andererseits genau davor Angst hatte. Sie brachte seine Welt ins Wanken und war gleichzeitig seine Herausforderung.

Um den Besuch der Universität kam Tonio leider nicht herum und so saß er in einer Vorlesung über den didaktischen Ansatz im Umgang mit den verschiedenen Religionen. Pädagogik hatte er sich ausgesucht und es interessierte ihn sehr, doch gerade dieses Thema war einfach nur uninteressant. Arbeiten in der Ökumene gehörte einfach dazu, in diesem Punkt empfand er sich als sehr aufgeschlossen. Was der Dozent am Pult erzählte war aber nur die trockene und langweilige Theorie, die er nicht brauchte. Daher schweiften er in Gedanken immer wieder ab und landeten bei Julia, die ihm trotz allem nicht aus dem Kopf ging.

Tonio war froh, als die Vorlesung ihr Ende fand und er in die Mensa konnte, denn sein Magen hatte schon die letzten Minuten vermehrt geknurrt und sogar die Gedanken an Julia vertrieben. Außerdem musste er auch das erste Mal wieder in den Jugendtreff, so dass er nicht so viel Zeit hatte. Er stellte sich in der Schlange an und studierte das Angebot. Schnell entschied er sich für den vegetarischen Gemüseauflauf. Dabei entdeckte er weiter vorne in der Reihe Julia. Die Überraschung war groß. Er trat aus der Reihe heraus und ging zu ihr. Sein Mittagessen hatte er völlig vergessen.

"Wie geht es dir, Julia?", sprach er sie an und erntete einen verwirrten Blick, auf den er sich keinen Reim machen konnte.
"Toni...?!", kam dann schließlich zögerlich.
"Nee, Tonio." Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
"Stimmt! Sorry." Julia schaute ihn an und ihr Blick zog ihn sofort wieder in ihren Bann, weshalb er nicht antwortete. Gleichzeitig bewegte sich die Schlange und auch sie weiter. Ohne zu zögern, folgte Tonio ihr. Woraufhin Julia ihn wieder anschaute. "Willst du auch was essen?", fragte sie ihn, nachdem sie sich einen Augenblick nur im Rhythmus der anderen vorwärts bewegten.
"Eigentlich schon."
"Zweimal den vegetarischen Auflauf bitte", bestellte Julia schließlich, als sie an der Reihe war. "Ich hoffe, das ist in Ordnung?" Daraufhin nickte Tonio nur.

Während sie die Mahlzeiten bezahlte, holte Tonio Besteck sowie Servietten und folgte ihr zu einem Tisch in einer kleinen Nische. Dort saßen sie etwas geschützt vom Trubel der Mensa. Schweigend aßen sie ihre Mahlzeiten. Zwischendurch schaute Tonio sie immer wieder an, gelegentlich trafen sich ihre Blicke. Ihm war bewusst, dass sie ihn musterte, aber er sagte nichts. Nach dem Essen blieben sie sitzen. Julia räusperte sich schließlich.

"Es ist mir ein bisschen peinlich, aber ich erinnere mich nicht wirklich an unser Zusammentreffen. Nicht mal deinen Namen habe ich mir richtig gemerkt." Sie lächelte entschuldigend. Er erwiderte das Lächeln, sagte aber nichts. "Ich war so neugierig, einen angehenden Priester kennenzulernen. Kurz vorher war ich plötzlich mega aufgeregt und habe dann offensichtlich zu viel getrunken. Meine Nerven hat das aber nicht beruhigt. Ich hoffe, ich bin dir nicht zu nahe getreten. Manchmal gehen die Pferde mit mir durch." Die ganze Zeit über schaute sie ihm in die Augen. Gleichzeitig suchte Tonio nach einer passenden Antwort.
"Dein Verhalten war vollkommen in Ordnung. Ich hatte einen schönen Abend, auch wenn ich nicht mit dir gerechnet habe."

Wieder schlich sich ein Lächeln in sein Gesicht. So gerne er wollte, er konnte es nicht verbergen, denn er dachte an die mit ihr verbrachten Stunden und ließ sie Revue passieren. Auch sie sagte nichts sondern schaute ihn nur an. So saßen sie eine ganze Weile da. Es war eine sehr entspannte Atmosphäre, obwohl sie sich in der Mensa befanden. Tonio wurde noch im Jugendtreff erwartet, aber das ignorierte er in dem Moment komplett. Ob sie noch Vorlesungen hatte, wusste er nicht. In dem Moment war ihm das alles einfach egal, was er nicht verstand, denn er war ein pflichtbewusster Mensch.

Nach einiger Zeit löste Julia den Blick und begann, das dreckige Geschirr auf das Tablett zu stellen, dabei sagte sie noch immer nichts. Währenddessen gönnte sich Tonio einen weiteren Moment, um sie eingehend zu betrachten. Beim ersten Zusammentreffen mit ihr hatte er ihr helfen wollen, auch wenn seine Gedanken dabei durcheinander gekommen waren. In diesem Augenblick nahm er sich die Zeit, sie in ihrer gewöhnlichen, nicht von Alkohol verstärkten Art wahrzunehmen. Sie war noch immer wunderschön und ihre Art gefiel ihm auch. Beeindruckend war jedoch, dass Stille ihn in ihrer Gegenwart nicht störte. Tonio war von ihr gefesselt, dabei wusste er nichts von ihr. Das faszinierte und schockierte ihn gleichzeitig.

"Ich habe gleich noch eine Vorlesung zum Thema Diagnostik, daher muss ich los." Noch während Julia sprach, holte sie einen Block aus der Tasche und kritzelte eine Nummer drauf. "Wenn du mal wieder Lust auf Mittag hast, sag Bescheid." Tonio nahm den Zettel entgegen und faltete ihn sorgfältig, ehe er ihn einsteckte.
"Das werde ich." Daraufhin stand sie auf. "Vielleicht erzählst du mir dann auch, was wirklich passiert ist." Darauf erwiderte Tonio nichts. Stattdessen stand er auch auf und nahm das Tablett. "Bis bald", verabschiedete Julia sie sich, drehte sich um und ging los.
"Bis zum nächsten Mal", erwiderte er noch, woraufhin sie sich noch einmal umdrehte und ihn anlächelte.

***

Tonio machte sich auf den Weg ins Jugendzentrum, dort verbrachte er einen unproduktiven und unkonzentrierten Nachmittag. Er war froh, als er abends in das Priesterseminar zurückkehrte. Am Abendbrot und Abendgebet nahm er zwar Teil, war aber in Gedanken nicht bei der Sache. Das zeigte er auch deutlich, da er sich nicht am Gespräch beteiligte. Für Tonio war das ein ungewöhnliches Verhalten, das war ihm klar. Er wusste nicht, wo seine Begegnungen mit Julia hinführten, er wusste nur, dass sie nicht richtig waren, auch wenn sie sich so richtig anfühlten. Wieder war sie so präsent in seinem Kopf, obwohl er eigentlich nur sein inneres Gleichgewicht wieder haben wollte.

Das blieb auch so, bis er später auf seinem Bett saß und nichts mehr hatte, um sich abzulenken. Da nahm Tonio seinen Mut zusammen und schob seine Gedanken ganz weit weg, ehe er nach seinem Handy und ihren Zettel griff. Sorgfältig tippte er ihre Nummer ein und speicherte sie. Das Blatt legte er dann in die Schublade seines Schreibtisches, bevor er sich wieder auf sein Bett setzte. Die Ellenbogen hatte er auf seine Knie gestützt, während er auf das Display starrte. Krampfhaft überlegte er, ob er Julia schreiben sollte oder nicht. Immer wieder öffnete er eine neue SMS und verlor dann doch den Mut. Tonio dachte dabei aber eher an einen Sieg der Vernunft. Nach zwei Stunden - es war kurz vor Mitternacht - öffnete Tonio erneut das SMS-Menü und tippte.

"Nun hast du auch meine Nummer! Tonio"

Dann legte er das Mobiltelefon zur Seite. Trotzdem gab sein Kopf keine Ruhe. Mit einem Mal hinterfragte Tonio seinen Aufenthalt in Berlin. Ihm war klar, dass er auch in München einen Menschen treffen konnte, der sein Leben in den Grundfesten erschütterte, aber dort war er so sehr in sein Leben gebunden, dass er nicht so schnell in eine Situation wie die aktuelle kommen würde. Nun war in seiner Misere gefangen. So gerne wollte er Julia wiedersehen und gleichzeitig auch nicht. Es war ein Zwiespalt, der ihn an seiner Berufung zweifeln ließ. Das Pingen seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken und er griff sofort danach.

"Ich war mir nicht sicher, ob du schreiben würdest."

Was Tonio darauf antworten sollte, wusste er nicht. Aus dem Grund reagierte er gar nicht darauf und legte das Handy gleich wieder zur Seite.
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