Wanderjahr

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Julia Schindel Tonio Niederegger
26.12.2019
03.02.2020
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Disclaimer: Tonio und Julia gehört mir nicht.

Wanderjahr

Tonio war erst seit ein paar Wochen in Berlin. Es war sein 3. Studienjahr, das er in einer fremden Stadt verbringen musste. Bewusst hatte er sich für Berlin entschieden, das so anders als das beschauliche und überschaubare München war. Auch hier lebte er im Priesterseminar, hatte aber nicht die gleichen Verpflichtungen wie in München. Seine Ausbildung pausierte. Dieses Jahr wollte er ausschließlich für persönlichkeitsbildende Erfahrungen nutzen, wie es vorgesehen war. Tonio setzte sein Studium auch in Berlin fort, allerdings hatte er sich nur in zwei Fächer eingetragen, die für sein Studium notwendig waren. Bewusst hatte er sich dafür entschieden, sich fortzubilden und seinen Horizont zu erweitern. Daher besuchte Tonio zwei Vorlesungen für Lehramtsstudenten, die Religion unterrichten wollten. Er war der festen Meinung, dass er das gut im Gemeindeleben nutzen konnte. Eigentlich interessierte er sich auch für Psychologie, das wurde aber nicht gerne als zusätzliches Fach gesehen, stattdessen war Philosophie ein gern gesehener Teil der Ausbildung. Tonio hatte sich auch dafür eingeschrieben. Aber mit fünf Studienfächern und den dazugehörigen Nacharbeiten war sein Jahr nicht ausgefüllt.

Durch den Regens des Berliner Priesterseminars war er auf einen ökumenischen Jugentreff aufmerksam gemacht geworden, der immer motivierte Aushilfen suchte. Dort war er sofort willkommen und wurde von Piet eingearbeitet, der dort ein soziales Jahr leistete und mit dem sich Tonio auf Anhieb verstand. Piet war Berliner und kannte sich deshalb gut aus. In der Freizeit zeigte er Tonio Berlin, insbesondere die besten Radstrecken teilte er mit ihm. Piet war es auch, der ihn zu einem Clubbesuch überredete. Solche Freizeitaktivitäten waren nicht gerne gesehen, denn das war eine Einladung, den Zölibat zu brechen. Glücklicherweise wollte Tonio nur erwünschte persönliche Erfahrungen machen. Er machte sich keine Sorgen, denn er stand fest zu seiner Berufung und seinem Glauben. Nichts konnte ihn von seiner Ausbildung zum Priester abbringen.

Also machte Tonio sich nach dem abendlichen Gebet auf den Weg. In München hätte sein Ausgang zu vielen Fragen geführt, da merkte er schon, dass das Priesterseminar in Berlin liberaler und offener war. Trotzdem wusste er, dass sein Verhalten unter Beobachtung stand. Tonio selbst hatte schon erlebt, wie Mitlernende sich wegen ihres Verhaltens rechtfertigen und auch den eingeschlagenen Weg abbrechen mussten. Um gar nicht erst solche Gerüchte entstehen zu lassen, hatte er sich vorgenommen, nicht allzu lange zu bleiben und ging auch nur Piet zuliebe hin.

Ausnahmsweise fuhr er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anstatt seinem Rennrad, denn die Gegend war trotz des angesagten Clubs nicht die beste. Schon in der Bahn fielen Tonio zwei junge Frauen auf, die im gleichen Alter wie er waren. Beide hatten schon etwas getrunken, das war deutlich wahrzunehmen, und nippten auch regelmäßig an einer Flasche Sekt. Sie schienen Freundinnen zu sein, zumindest redeten sie so miteinander, vielleicht war das aber auch dem Alkohol geschuldet. Tonio kümmerte sich nicht weiter um sie, denn es ging ihn nichts an. Die beiden stiegen mit ihm aus, brauchten aber recht lange dafür, so dass die Bahn beinahe wieder die Tür geschlossen hatte, als sie endlich auf dem Bahnsteig standen. Dabei kicherten sie übertrieben. Tonios hatte das Bedürfnis, auf die beiden aufzupassen. Daher wollte er die Frauen nicht ganz alleine lassen, aber ihnen zu folgen, vermittelte auch einen falschen Eindruck von ihm. Praktischerweise liefen sie in die selbe Richtung wie er, so dass er sie die ganze Zeit im Blick hatte. In Sichtweite des Clubs hielt er Ausschau nach Piet, den er am Eingang erblickte. Sofort kam er auf ihn zu.

"Hey Tonio, hast du gleich unsere Dates mitgenommen? Das ist Mona." Er streckte seine Hand nach der Schwarzhaarigen aus, die sie ergriff und sich an ihn heranziehen ließ. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, küssten sie sich viel zu sehr und viel zu öffentlich. Derweil war Tonio überrascht, denn er hatte nicht gewusst, dass Piet ein Date hatte, geschweige denn eines für ihn organisiert hatte. Irritiert schaute er zu Monas Begleitung und sagte nichts.
"Hi, ich bin Julia", sagte sie schließlich. "Die beiden werden uns jetzt für den Rest des Abends ignorieren", ergänzte sie lachend.
"Ach so.... Hi", erwiderte Tonio, während das Paar schon zum Eingang ging, so dass die beiden zurück blieben. Er hatte wenig Erfahrung mit Frauen und war plötzlich sehr schüchtern, was auch daran lag, dass er nicht mit dieser Situation gerechnet hatte. "Tonio.... bin ich."
"Das habe ich mir gedacht", sagte Julia und lachte etwas zu laut. "Lass uns rein. Wir hängen sonst hinterher."

Gemeinsam gingen sie zum Eingang. Tonio zahlte für sich den Eintritt. Er hätte sie auch eingeladen, aber er wollte keinen falschen Eindruck erwecken. Wahrscheinlich machte er sich viel zu viele Gedanken, aber für ihn war die Außenwirkung wichtig. Gleichzeitig fragte er sich auch, warum Piet ihm ein Date organisiert hatte, schließlich wusste er ganz genau, dass er Priester werden wollte. Julia gab ihm aber nicht die Möglichkeit, lange nachzudenken, denn sie führte ihn zielstrebig zur Bar. Beide bestellten. Seine Cola kam zuerst, dann ihr bunter, nach Alkohol riechende Cocktail. Noch bevor er trinken konnte, nahm sie seine Hand und zog ihn zu einer kleinen Sitzecke. Auf dem Weg nippte sie schon an ihrem Getränk. Schließlich setzten sie sich. Die Bässe wummerten in seinen Ohren.

"Bist du aufgeregt?", fragte Julia ihn und kam ihm dabei ganz nah, damit er sie verstehen konnte.
"Ich wusste nicht, dass du hier sein wirst", antwortete er überlegt und blieb ihr für die Unterhaltung ganz nah.
"Mona ist eine Kommilitonin von mir und hat offensichtlich mehr als ein Date mit Piet. Sie sollte eine Begleitung für seinen im Zölibat lebenden Kumpel mitnehmen. Das hat mich neugierig gemacht", erklärte sie offen, dabei fragte sich Tonio, was Piet damit bewirken wollte. "Lebst du wirklich enthaltsam? Ich meine so gar nichts... niemals?", fragte sie dann direkt.
"Ja", antwortete er, ohne zu zögern.
"Aber du hast schon mal...?" Julias Neugierde mochte er, denn normalerweise sprach ihn niemand direkt auf seinen Lebensstil an, eher hatten Fremde Vorurteile, trotzdem war die Frage sehr persönlich, zu persönlich für seinen Geschmack.
"Was machst du?", fragte er daher, anstatt zu antworten. Das funktionierte.
"Psychologie-Studium. Ich will Therapeutin werden. Mich fasziniert das Verhalten der Menschen." Einen Moment schaute sie ihn an, dann nahm sie einen Schluck. "Deswegen bin ich auch so neugierig und frage wahrscheinlich unangemessene Fragen, aber ich habe noch nie jemand getroffen, der freiwillig auf körperliche Nähe verzichtet." Darauf erwiderte Tonio nichts, denn er war fasziniert wie gut sie sich selbst wahrnahm und seine Gefühle, ihn aber auch hinterfragte. Ihre Berufswahl schien die richtige zu sein.

Julia zog wieder an ihrem Strohhalm, währenddessen trank auch Tonio einen Schluck und dachte über das Gesagte nach. Sicherlich war er verknallt gewesen, hatte auch seine Erfahrungen mit Mädchen gemacht, aber den letzten Schritt hatte er nie gemacht, vor allem nachdem er sich für seinen Berufung entschieden hatte. Das musste Julia aber nicht wissen, schließlich kannte er sie kaum. Deshalb saßen sie eine Weile schweigend zusammen. Ihr Fuß wippte im Takt der Musik, während sie ihr Glas leerte. Tonio beobachtete sie dabei, denn irgendwas hatte sie an sich, was ihn in ihren Bann zog. Als sie unvermittelt aufstand und nach seiner Hand griff, holte sie ihn aus seinen Grübeleien. Wortlos zog sie ihn mit zur Tanzfläche. Tonio folgte ihr widerstandslos. Warum er das machte, wusste er nicht.

Gemeinsam bewegten sie sich im Rhythmus der Musik. Sie tanzte sehr nah an ihm, während er versuchte, den Abstand zu wahren, was sie ihm schwer machte. Daher kehrte er nach einer Weile zum Tisch zurück, der tatsächlich noch frei war. Aus der Ferne betrachtete er Julia weiterhin, die nun alleine über die Tanzfläche wirbelte. Ihre Locken schwangen im Takt der Musik. Sie wirkte so unbeschwert, etwas das ihm oftmals fehlte. Nach einer Weile verschwand sie aus seinem Blickfeld. Da er Piet und Mona seit seiner Ankunft nicht mehr gesehen hatte, wollte er die Chance nutzen und gehen. Gerade als er aufstand, kehrte Julia mit einer Cola für ihn und einem neuen Cocktail für sich zurück.

"Du kannst noch nicht gehen", sagte sie sehr laut, damit er sie über die Musik verstehen konnte. "Das lass' ich nicht zu. Die musst du noch mit mir trinken, sonst muss ich alleine hier bleiben. Das kannst du mir nicht antun." Julia lächelte ihn an und er konnte nicht nein sagen. Daher nahm er das Getränk entgegen, während sie sich wieder zu ihm setzte. "Wieso willst du Priester werden? Warum nimmst du es auf dich, deine eigenen Bedürfnisse zu leugnen?" Wieder war da diese Art zu bohren, die ihm gefiel und gleichermaßen Angst machte.
"Ich habe mich lange damit auseinandergesetzt und hinterfragt, ob es das Richtige für mich ist oder nicht. Es fühlt sich gut an." Um sich unterhalten zu können, waren sie sich wieder sehr nah. In diesem Moment legte sie ihm die Hand auf die Brust, wo sein Herz schlug. Die Berührung war ihm unangenehm, weil sie viel zu vertraut war, schließlich kannte er sie kaum. Geichzeitig fühlte es sich so vertraut an, als ob sie nie anders miteinander umgegangen waren.
"Schlägt dein Herz so sehr für Gott und deinen Glauben?", fragte sie dann unvermittelt. Tonio nickte nur, sagen konnte er in dem Moment nichts.

Daraufhin ließ sie von ihm ab und setzte sich wieder hin. Doch er war sich plötzlich nicht mehr so sicher, denn als sie ihm so nah war, schlug sein Herz doch einen Schlag schneller. Ob das an ihrer Berührung, der Nähe oder am Reiz des Verbotenen lag, wusste er nicht. Zu schnell leerte sie ihr Getränk und sorgte auch gleich für Nachschub, während er noch mit seiner Cola beschäftigt war. Über seine Gefühle machte er sich schlagartig keine Gedanken mehr, denn sie rückte in den Vordergrund, denn sie trank viel und zu schnell, aber er hatte kein Recht, sie darauf hinzuweisen. Trotzdem fasste er den Entschluss, mit ihr zu gehen, so weit sie es zuließ. Tonio wollte sicher sein, dass es ihr gut ging.

Wieder unterbrach sie seinen Gedanken und nahm seine Hand. Wie schon zuvor zog sie ihn nochmal zur Tanzfläche. Tonio merkte ihr deutlich Probleme mit dem Gleichgewicht an, daher lief er neben ihr und stützte sie leicht. Dieses Mal ließ Julia ihm den Raum, den er benötigte. Während er ihre Nähe suchte, um sie stützen zu können. Es war deutlich wahrzunehmen, dass seine Signale Julia irritierten, aber sie sagte nichts.

Es dauerte nicht lange, dass er sie aufrecht hielt. Für Außenstehende wirkte es so, als ob sie ganz eng umschlungen tanzten, was nicht zur Musik passte. Tonio war klar, dass sie nach Hause musste. Langsam löste er sich von ihr und legte ihr den Arm um die Hüfte, um sie weiterhin zu stützen. An der Garderobe reichte sie ihm wortlos ihre Marke, die er zusammen mit seiner abgab. Dann schlüpfte Tonio erst selbst in seine Jacke, ehe er ihr half.

Langsam und bedächtig führte Tonio sie zur S-Bahn. Wieder dachte er über die Außenwirkung nach, denn sie sahen wahrscheinlich eher wie ein Paar als mehr oder weniger Unbekannte aus. Ihm war es egal, Julia brauchte Hilfe und weder Mona noch Piet hatte er noch einmal gesehen. Tonio konnte sie nicht guten Gewissens alleine gehen lassen, denn er wusste nicht, ob und wie sie ankommen würde. Dass sie kein Wort mehr sagte, beunruhigte ihn nicht. Wahrscheinlich war Julia einfach nur müde. Trotzdem war er froh, als sie endlich in der S-Bahn saßen und sie ihm ihre Adresse genannt hatte.

Er merkte, wie sie sich sofort bei ihm anlehnte und relativ schnell leise schnarchte. Tonio musste schmunzeln und fragte sich, ob es so war, wenn man ein Paar war. Im nüchternen Zustand würde sie ihm nicht so nah kommen, da war er sich relativ sicher. Normalerweise würde er Julia auch nicht so nah an sich heran lassen, aber sie hatte etwas an sich, dass er nicht benennen konnte. Wenn sie ihn jetzt noch einmal nach seinen Erfahrungen fragen würde, würde er ihr Rede und Antwort stehen. Vorsichtig bewegte er sich, damit er sie genau ansehen konnte. Julia war wunderschön, egal ob im wachen oder schlafenden Zustand. Dass er daran einen Gedanken verschwendete, brachte ihn in Teufelsküche und das war Tonio vollkommen klar. Die Ansage ihrer Haltestelle riss ihn aus seinen Grübeleien. Vorsichtig weckte er sie. Widerwillig richtete sie sich daraufhin auf und stieg mit ihm aus. Dann erklärte sie ihm den weiteren Weg.

"Du könntest ein Axtmörder sein, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich an deiner Seite in Sicherheit bin. Eigentlich nehme ich keine Typen am ersten Abend mit zu mir. Du bist eine Ausnahme." Julia kicherte und auch er musste lächeln. "Aber von dir geht ja keine Gefahr aus, du darfst ja eh nicht. Andersrum glaube ich nicht, dass alle Priester sich an die Vorgabe der Kirche halten, natürlich nur inoffiziell." In dem Moment wurde ihr offensichtlich bewusst, was sie gesagt hatte, denn sie schlug sich die freie Hand vor den Mund, ehe sie sich Tonio anschaute. "Nicht dass ich dir unterstelle, dass du mit irgendwelchen Frauen schläfst, obwohl du enthaltsam leben sollst", ergänzte sie und schaute ihn an.
"Es ist okay." Tonio lächelte sie an, irgendwie war ihr Verhalten süß und wieder so ehrlich. "Seitdem ich mich für den Beruf entschieden habe, muss ich mit Vorbehalten leben", erklärte er, während er weiterging. "Mein Vater versteht mich nicht, aber er respektiert und unterstützt mich." Tonio wusste nicht, warum er ihr das in diesem Zusammenhang erzählte.
"Da vorne wohne ich." Sie deutete auf ein unscheinbares Gebäude und beendete damit das tiefgründige Gespräch.
"Okay."

Schweigend gingen sie die letzten Meter bis zur Haustür, dann wollte sie aufschließen, aber es gelang ihr nicht. Tonio half ihr erneut und sie schenkte ihm dafür noch eines ihrer herzlichen Lächeln. Schließlich brachte er Julia noch bis zu ihrer Wohnungstür und unterstützte sie noch ein letztes Mal. Bevor er auf dem Absatz kehrt machte, nahm sie seine Hand und zog ihn in die Wohnung. Tonio wusste nicht, warum er ihr folgte und nicht ging, was ihm sein Gewissen sagte. Zwar war er fest in seinem Glauben, aber Julia hatte einen Einfluss auf ihn, den er nicht beschreiben konnte.

"Wir trinken jetzt einen Kaffee oder was anderes, was ich hinkriege", ergänzte sie und werkelte an der Maschine herum, aber die Handgriffe waren ungelenk, was Tonio schnell bemerkte.
"Ich mach das schon", sagte Tonio und füllte Pulver sowie Wasser in die Maschine. Als die Maschine durchlief, setzte sich Julia plump auf einen Stuhl. "Zieh deine Jacke aus. Hände waschen musst du auch noch." Daraufhin lachte sie laut.
"Du hörst dich an wie meine Mutter." Da lachte auch Tonio. "Aber du hast Recht." Langsam erhob sie sich und ging ans Waschbecken. Nachdem sie fertig war, ließ sie ihre Jacke fallen, die Tonio sogleich aufhob und über ihre Stuhllehne hing. Seine eigene hing er über den anderen Stuhl.
"Becher?", fragte er dann, woraufhin sie grob in die Richtung von zwei Schränken zeigt. Er holte einen raus. "Milch? Zucker?"
"Schwarz wie meine Seele", erwiderte sie lachend. "Aber kannst du dir nehmen, wenn du willst. Deine Seele sollte aber nicht so schwarz sein." Lachend schüttelte Tonio den Kopf.
"Ich muss ins Priesterseminar", erwiderte er ruhig.
"Stimmt... das hatte ich vergessen." Für einen Moment schwieg sie und Tonio nutzte die Gelegenheit, um ihr Kaffee einzuschenken. Als er die Tasse vor Julia hinstellte, nahm sie seine Hand. "Danke."
"Kein Problem." Er lächelte sie an, als er ihr die Hand entzog. "Hast du alles, was du brauchst?", fragte er, denn er wollte sich auf den Weg machen. Doch Julia schüttelte den Kopf, woraufhin er sie fragend anschaute. Langsam stand sie auf und ging um den Tisch herum, der zwischen ihnen stand, doch sie stolperte. Glücklicherweise war er wieder ihr rettender Engel und fing sie auf.
"Ich habe nicht damit gerechnet, heute in deinen Armen zu landen", sagte sie lachend, als Tonio ihr wieder auf die Beine half. Doch er sagte nichts zu ihr. "Entschuldige, das klang schon wieder falsch... doppeldeutig."
"Es ist..." Mehr konnte er nicht sagen, denn plötzlich und völlig unerwartet waren ihre Lippen auf seinen, als sie vor ihm stand. Für den Bruchteil einer Sekunde genoss er den Moment, dann schob Tonio sie sachte aber bestimmt von sich. "Das geht nicht."
"Ich weiß, aber ich wollte es versuchen." Julia suchte seinen Blick und schaute ihn mit ernstem Blick an. "Es tut mir leid." Dann ging sie zurück zu ihrem Platz. "Geh jetzt bitte", sagte sie schließlich und schaute ihn dabei kaum an. Natürlich tat er genau das und verließ die Wohnung, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

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Der Abend hatte länger gedauert, als Tonio geplant hatte. Es war spät geworden, schon seit Stunden wollte er zurück im Priesterseminar sein. Nun stand er an der Station und wartete auf die nächste S-Bahn, die um diese Uhrzeit nur noch im 30-Minuten-Takt fuhr. Natürlich hatte er die letzte Bahn knapp verpasst.

Julia hatte mit ihrer Art einen Bereich in ihm aufgeweckt, der kein Teil mehr sein durfte. An nur einem Abend hatte sie es geschafft, sein Leben auf den Kopf zu stellen. Damit hatte er nicht gerechnet, als er sich verabredet hatte. Im Grunde konnte er Piet die Schuld an der Misere geben. Ohne ihn wäre es nie soweit gekommen. Gleichzeitig fragte er sich, was das mit ihr war. Tonio fühlte sich ihr verbunden und er glaubte, dass sie es auch gespürt hatte. Anders konnte er sich nicht erklären, warum sie versucht hatte, ihn zu küssen. Vielleicht war es auch nur wieder die Neugierde und der Alkohol gewesen, die sie dazu getrieben hatte, ihn zu testen.

Trotzdem fühlte er sie noch auf seinen Lippen, ebenso auch den leichten Geschmack von Alkohol. Tonio fragte sich, wie ein Abend und ein Mensch seine Welt auf den Kopf stellen konnte. Diese Gedanken begleiteten ihn den ganzen Heimweg. Gleichzeitig schlich sich das ungute Gefühl in sein Bewusstsein, dass Piet ein Kumpel für Sport war, er aber nicht mehr mit ihm teilen wollte. Durch das Blind-Date fühlte er sich verraten, vielleicht hatte ihn seine Menschenkenntnis auch im Stich gelassen.

Die Ankunft der S-Bahn riss ihn für einen Moment aus seinen Gedanken. Als er in der menschenleeren Bahn saß, fing sein Kopf wieder an, Purzelbäume zu schlagen. Vielleicht hätte er schauen sollen, wohin es führte, als Julia ihn küsste. Gleichzeitig hätte er die Situation niemals ausgenutzt, das war ihm klar. Trotzdem fragte er sich, ob er den letzten Schritt gehen sollte, bevor er sich für immer an die Kirche band, um die Ungewissheit zu beenden. Aber dafür musste alles passen, denn ohne Gefühle war es nur die Befriedigung eines Bedürfnisses. Er konnte nur mutmaßen, aber mit Gefühlen fühlte es sich wahrscheinlich ganz anders an.
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