Luftschlösser mit Betonmauern

von Tschuh
OneshotDrama / P12
OC (Own Character)
26.12.2019
26.12.2019
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ACHTUNG!
Diese Geschichte ist eine Fanfiction zur Fanfiction ›L - The Prequel to Death Note‹ von BreakMySoul! (Die übrigens extrem gut ist, also lest sie gefälligst! Bitte. :-D) Sie enthält gravierende Spoiler für ebengenannte Geschichte und handelt von den dort auftretenden OCs, inklusive dem (hier definierten) Readercharakter, die allesamt NICHT mir gehören! Ich habe sie mir nur ausgeliehen, weil ich sie verdammt nice finde!

Wenn ihr Prequel (noch) nicht bis zum Ende gelesen habt und euch nicht spoilern lassen wollt, dann dreht am besten sofort wieder um und holt das nach!

Wenn ihr kein Problem damit habt, gespoilert zu werden oder es schon gelesen habt: viel Spaß!







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l u f t s c h l ö s s e r   m i t   b e t o n m a u e r n


»Sie haben fünfzehn Minuten«, teilte der breitschultrige, uniformierte Mann mir mit trockener Stimme mit und bedachte mich mit einem beschwörenden Blick. Weder er, noch ich durfte mir hier irgendwelche Fehler erlauben und das wussten wir beide. Schließlich war ich nicht zum Spaß hier.
  Ich nickte. Erst auf diese Bestätigung hin öffnete er die schwere Stahltür vor mir, welche sich daraufhin mit einem qualvollen Ächzen öffnete, und ließ mich passieren. Eine Gänsehaut breitete sich in meinem Nacken aus, als die Unterseite der Tür über den Betonboden schrammte wie Fingernägel über eine Schiefertafel. Ich schloss die Augen und atmete tief ein.
  Unwillkürlich fasste die Hand in meiner Jackentasche den Umschlag, der sich darin befand, etwas fester. Das Papier knisterte verheißungsvoll zwischen meinen Fingern. Aus irgendeinem Grund nahm ich das Rascheln mit einer solchen Intensität wahr, als befände es sich direkt neben meinem Ohr. Immer wieder hatte ich mir selbst klarmachen müssen, dass es letztendlich meine eigene Entscheidung gewesen war, hierherzukommen. Gegen den Willen von Ryuzaki, musste man dazu sagen. Er verstand nicht, wieso ich nicht einfach damit abschließen und mein Leben weiterleben konnte, so wie er es tat. Insgeheim wusste ich zwar, dass es ihm bei weitem nicht so leicht fiel, wie er mir weismachen wollte, doch das hatte ich bisher lieber für mich behalten. Inzwischen waren gut sechs Monate vergangen, seit wir endlich aus diesem Albtraum aufgewacht waren. Doch es gab eine Sache, die mir einfach keine Ruhe lassen wollte. Nur noch ein letzter Besuch, mehr nicht, hatte ich zu Ryuzaki gesagt. Mehr Zeit brauchte ich nicht. Er hatte nur die Stirn gerunzelt und nachdenklich seinen Blick abgewandt, doch aufgehalten hatte er mich nicht. Er wusste genauso gut wie ich, dass ich mich nicht davon hätte abbringen lassen.
  Ich war froh, jetzt hier zu sein. Auch wenn ich mich in gewisser Weise … vielleicht auch ein wenig davor fürchtete, was mich erwarten würde. Ich öffnete meine Augen wieder und trat entschlossenen Schrittes in den Raum hinein.

  Genesis sah anders aus, als ich ihn in Erinnerung hatte, auch wenn er sich äußerlich kaum verändert hatte. Statt der üblichen Lederkleidung, in der ich ihn ansonsten stets angetroffen hatte, trug er nun dieselbe, in einem unansehnlichen Orangeton gehaltene Gefängniskleidung wie all die anderen Insassen, auf die ich auf meinem Weg hierher ein paar flüchtige Blicke hatte erhaschen können. Seine Haaren schienen ein Stück gewachsen zu sein, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, waren fettig, ungekämmt und lieblos zu einem Zopf zusammengebunden worden, der schlaff auf seiner Schulter lag wie ein totes Wiesel. Das einstige Silber war nur noch an den Spitzen zu erkennen, matt und glanzlos war es geworden, wie rostiges Metall, das einer dringenden Politur bedurfte. Auch wenn ich nicht wirklich daran glaubte, dass diese noch etwas ausrichten würde.
  Und seine Augen … der Blick, mit dem er mich bedachte, als er mich erkannte, fühlte sich an, als hätte jemand meine Eingeweide in einen Schraubstock gespannt und würde nun versuchen, alles aus ihnen herauszuquetschen, was es herauszuquetschen gab. Mit einem Mal fühlte ich mich hier furchtbar fehl am Platz. Vielleicht hätte ich nicht kommen sollen. Ich war mit Sicherheit die letzte Person, die Genesis im Augenblick sehen wollte. Na ja … oder zumindest die zweitletzte.
  Er saß an einem Tisch in der Mitte des Raumes, beide Hände mit Handschellen zusammengekettet und vor seiner Brust gefaltet, als wollte er gleich mit mir über Gott sprechen oder ein Vorstellungsgespräch beginnen. Zwei Wärter mit steinernen Gesichtern und Kreuzen wie Ochsen standen hinter ihm an der Wand, um meinen Besuch zu überwachen. Nicht, dass sie Genesis für besonders gefährlich oder gar ausbruchsgefährdet hielten, es war eine reine Sicherheitsmaßnahme. In meiner Laufbahn als FBI-Agentin hatte ich schon so einige Gefängnisbesuche gemacht, die Prozedur war mir also alles andere als fremd. Doch dieser hier war anders als die anderen. Und das hatte ich von Anfang an gewusst.
  »Was wollen Sie von mir?«
  Unweigerlich stellten sich sämtliche Härchen in meinem Nacken auf, als ich seine Stimme hörte. Er klang … verärgert. Aber dann wieder so resigniert. Es war offensichtlich, dass er nicht sonderlich erbaut über meine Anwesendheit war, doch es klang so, als hätte er sich bereits damit abgefunden, noch bevor er seine Frage zu Ende gestellt hatte. Ich schob den Stuhl, der vor dem Tisch stand, ein Stück zurück und nahm darauf Platz. Nun konnte er meinen Blicken nicht mehr ausweichen – genauso wenig wie ich seinen.
  »Ich bin gekommen, um mit Ihnen zu reden.«
  Genesis schnaubte. »Reden? Worüber denn?« Er beugte sich nach vorn und verengte die Augen zu Schlitzen, um mich besser erkennen zu können. Die Wärter hinter ihm verfolgten jede seiner Regungen. Tiefe Schatten waren unter seinen Lidern zu sehen, ein eindeutiges Zeichen von akuter Schlaflosigkeit, das ich seit meinem ersten Treffen mit Ryuzaki nur allzu gut kannte – in vielerlei Hinsicht. Blass schien Genesis’ Gesicht, ja beinahe kränklich, und seine linke Wange wirkte, jetzt, wo ich genauer hinsah, leicht bläulich verfärbt und geschwollen. Er war erst seit sechs Monaten hier und schon dabei, sich Feinde zu machen? Keine wirklich kluge Idee, wenn man bedachte, wie lange er hier noch sitzen würde.
  »Wollen Sie mir eine Predigt halten? An mein Gewissen appellieren? Mir erklären, warum Gewalt nie eine Lösung ist und für wie bedauerlich Sie es halten, dass ich meinen brillanten Geist und meine einzigartigen Talente an so etwas Flüchtiges und Unehrenhaftes wie Rache verschwenden musste?« Ein heiseres Lachen entkam seiner Kehle, doch es klang in keinster Weise erheitert. »Ich fürchte, dafür ist es jetzt zu spät. Die steinerweichende Rede, die Sie vor Gericht gehalten haben, war bereits Folter genug, bitte verschonen Sie mich mit weiteren Anekdoten über Gerechtigkeit und das Gute im Menschen.«
  »Nichts dergleichen«, erwiderte ich trocken und deutlich sicherer, als ich mich fühlte. Ich hatte keine Angst vor ihn, und das lag nicht bloß an den Handschellen und den beiden Gefängniswärtern, die unmittelbar hinter ihm standen und jedes unserer Worte mithörten.
  In den vergangenen Wochen hatte ich oft über Genesis und die Hölle, durch die er Ryuzaki und mich geschickt hatte, nachgedacht. Noch immer wachte ich mitten in der Nacht oft schweißgebadet auf und das grauenvolle Bild von Ryuzaki, der mit schmerzverzerrter Miene, die Lippen zu einem stummen Schrei geöffnet und von zahlreichen Schnittwunden übersät im Abwasserkanal an die Wand gekettet war, verblasste nur ganz langsam wieder vor meinem inneren Auge. Den modrigen Gestank von abgestandenem Wasser und Exkrementen bildete ich mir ein, wenn ich nach dem Mittagessen in der Küche stand und Geschirr spülte. Ich begann plötzlich am ganzen Körper zu zittern und bekam keine Luft mehr. In meinem Hals bildete sich ein dicker Kloß und die Narbe an meinem rechten Handgelenk begann zu pochen, wenn ich daran zurückdachte. Ohne darüber nachzudenken ballte ich meine Hand zur Faust und biss die Zähne zusammen.
  »Nichts dergleichen?«, wiederholte Genesis mit schleppender Stimme und lehnte sich langsam wieder in seinem Stuhl zurück. »Was wollen Sie dann von mir? Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen. Und um ehrlich zu sein hatte ich gehofft, die Beziehung zu Ihnen nach allem, was geschehen ist, nun endgültig beenden zu können.«
  Ein bitterer Geschmack begann sich auf meiner Zunge auszubreiten, als er das Wort ›Beziehung‹ aussprach. Und das war auch ihm nicht entgangen. Ein flüchtiges Lächeln huschte über seine blassen, aufgesprungenen Lippen. Es schien ihn regelrecht zu amüsieren, dass ich mich unwohl fühlte. Schließlich war es die einzige Art von Kontrolle, die er in dieser Situation über mich ausüben konnte.
  »Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass es nicht in meiner Absicht lag, Sie zu verletzen«, fuhr Genesis zu meiner Überraschung mit deutlich sanfterer Stimme fort. Aus irgendeinem Grund konnte ich nicht so richtig ausmachen, wie viel Aufrichtigkeit in diesem Moment tatsächlich in seinen Worten lag. »Aber die Umstände haben mich leider dazu gezwungen. Ich bedauere zutiefst, was damals in der Lagerhalle passiert ist. Und im Keller.« Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte erneut etwas in seinen Augen auf, doch es war so schnell wieder verschwunden, dass ich nicht erkennen konnte, um was genau es sich dabei handelte. »Wenn Sie sich so etwas wie eine Entschuldigung von mir erhofft haben, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Denn ich bereue rein gar nichts
  »Ich erwarte keine Entschuldigung. Auch wenn es sicherlich angemessen wäre.« Meine Mundwinkel zuckten auf, doch ich schaffte es nicht, mich zu einem Lächeln durchzuringen. Meine eisern antrainierte Schlagfertigkeit, auf die ich mich in solchen Situationen normalerweise immer verlassen konnte, ließ heute ziemlich zu wünschen übrig. Genesis’ Gegenwart drückte auf meine Brust wie ein schweres Eisengewicht und erschwerte mir das Atmen, seine verächtlichen Blicke verpesteten meine Gedanken und schnürten mir mit jeder weiteren Minute immer mehr die Kehle zu. Was war denn bloß los mit mir?! Ich hatte nun wirklich schon weitaus Schlimmeres erlebt als dieses Gespräch! Doch das, was dieser Mann mir angetan hatte … nein, was er Ryuzaki angetan hatte, das Wissen darum trübte meinen Verstand und ließ mich Dinge fühlen, die eine ehemalige FBI-Agentin niemals fühlen durfte, wenn sie einen Schwerverbrecher im Gefängnis besuchte; Unsicherheit. Furcht. Und eine unbeschreibliche Wut.

  »Ich glaube, ich habe etwas, was Ihnen gehört.«
  Seine Augenbrauen hoben sich überrascht, als ich die Worte aussprach. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn jedoch gleich darauf wieder, und sog stattdessen scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. Er wusste genau, wovon ich sprach.
  Langsam, fast wie in Zeitlupe, griff ich in meine Jackentasche, zog den Brief heraus und legte ihn behutsam vor ihm auf dem Tisch ab, als bestünde er aus hauchdünnem Seidenpapier. Das Entsetzen in Genesis’ Augen, als er die fein geschwungenen, dunkelblauen Tintenbuchstaben auf dem Umschlag erblickte, entriss ihm mit einem Mal sämtliche Kontrolle, die er bis gerade eben noch über die Situation gehabt zu haben geglaubt hatte. Und ich konnte wieder aufatmen. Mit zitternden Fingern strich er über das raue, leicht gelbstichige Papier, das nun so viele Wochen, nein, Monate in meiner Jackentasche verbracht hatte, so weit weg von seinem Empfänger und doch zum Greifen nah.
  »Sie … Sie hatten ihn die ganze Zeit über.« Seine Stimme klang plötzlich so schwach und zerbrechlich, dass ich um ein Haar Mitleid mit ihm gehabt hätte, wenn ich mich nicht rechtzeitig wieder gefangen und mich daran erinnert hätte, was er getan hatte. Ich nickte steif.
  »Es hat sich … nicht richtig angefühlt, ihn weiterhin behalten zu wollen. Er war für Sie bestimmt. Für niemanden sonst.«
  Es war nicht zu übersehen, dass Genesis innerlich kochte, dass er am liebsten aufgesprungen und mir wie ein hungriger Wolf an die Kehle gesprungen wäre, dafür, dass ich es gewagt hatte, Jessicas Brief an mich zu nehmen, der ihm mehr alles andere bedeutete, doch … er tat es nicht. Was wohl nicht zuletzt daran lag, dass ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Hände gebunden waren.
  Sein Schweigen traf mich so unerwartet, dass ich einen Moment lang sogar befürchtete, er hätte sich soeben in seiner Rage die Zunge abgebissen. Statt seiner Wut jedoch in irgendeiner Art und Weise Ausdruck zu verleihen, wie es wohl jeder normale Mensch in einer solchen Situation getan hätte, starrte er den Umschlag bloß weiterhin völlig verklärt an, als handelte es sich dabei um den sagenumwobenen heiligen Gral. Wie einen kostbaren Schatz hob er ihn vom Tisch auf und fuhr zärtlich mit dem Daumen über die leicht zerknitterte Lasche, wie um zu prüfen, ob der Brief auch wirklich echt, und nicht zuvor in einem heimtückischen Versuch, ihn zu täuschen, heimlich von mir ausgetauscht worden war. Seine Erleichterung darüber, ihn endlich wieder in Händen halten zu dürfen, überwog jede andere Gefühlsregung, die er im Augenblick verspüren musste, ganz egal, wie stark sie auch sein mochte. Mit einem Mal schien ihm vollkommen egal zu sein, dass ich hier war. Und ich erinnerte mich wieder daran, wieso ich überhaupt erst hergekommen war.
  Genesis war ein gefährlicher, hochintelligenter und unberechenbarer Mann, er war ein Mörder und was er Ryuzaki angetan hatte, würde ich ihm niemals verzeihen können – doch er war auch krank. Alleingelassen und verraten von denjenigen, die er geliebt und denen er vertraut hatte. Das Waisenhaus … seine leiblichen Eltern … und seine beste Freundin. Ich hatte den Brief gelesen. Jessicas letzte Worte an ihn waren der Auslöser für all das gewesen, was L vor einem halben Jahr hatte durchmachen müssen und was Genesis am Ende hierhergebracht hatte; ins Gefängnis. Wo er mit großer Wahrscheinlichkeit den Rest seines Lebens verbringen würde. Er konnte eigentlich von Glück reden, dass er überhaupt noch am Leben war. Mit Schaudern erinnerte ich mich plötzlich an die Worte, die er zu mir gesprochen hatte, bevor er mich damals völlig zugedröhnt und mit aufgeschnittenen Pulsadern im Keller zurückgelassen hatte.

  »Du brauchst keine Angst zu haben. Du wirst nicht allein sterben. Wenn du gehst, gehe ich mit dir. Und dann werde ich Jessica endlich wiedersehen.«

  Genesis war mehr als bereit dazu gewesen, sich das Leben zu nehmen, wenn er keinen anderen Ausweg mehr gesehen hätte. Und nun war er hier. Ich brauchte mir nichts vorzumachen. Er würde niemals über all das hinwegkommen, L vergessen und ein normales Leben führen. Dafür war es längst zu spät. Doch jetzt … hatte er wenigstens die Erinnerung an Jessica zurück.
  Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich nicht vielleicht doch einen Fehler gemacht hatte, als ich ihm dem Brief zurückgegeben hatte. Vielleicht wäre es besser für ihn gewesen, wenn er stattdessen mit seiner Vergangenheit abschließen und sie endlich gehen lassen würde, statt sich weiterhin wie ein Ertrinkender an die Worte zu klammern, die sie damals, vor Jahren, in einem Moment der blinden Verzweiflung niedergeschrieben hatte, ohne darüber nachzudenken, was sie für ihn bedeuten, was sie in ihm bewirken würden. Ein Wunsch, den zu erfüllen er nie in der Lage sein würde, ganz gleich, wie sehr er es auch versuchte. Aber ich konnte es einfach nicht über mich bringen, ihm dieses letzte Fünkchen Trost auch noch zu nehmen. Dieser Brief war alles, was ihm noch von ihr geblieben war. Er war alles, was er noch hatte.

  »Die Zeit ist um.«
  Ich blinzelte angestrengt, als die Stimme des Wärters mich aus meinen Gedanken riss und warf Genesis noch einen letzten Blick zu, bevor ich aufstand und den Stuhl zurück an den Tisch schob. Er erwiderte ihn nicht. Seine Aufmerksamkeit galt noch immer ausschließlich Jessica. So wie es schon immer gewesen war. Er hatte den Brief inzwischen aus dem Umschlag genommen und las ihre Abschiedsworte erneut. Unermessliche Schmerzen lagen auf seinen Zügen – Sehnsucht, Verachtung, Liebe … und Scham. Es war, als würde er sie ansehen, direkt in ihre Augen, die irgendwo zwischen den Zeilen zu ihm heraufschauten. Ob sie ihm wohl vergab?
  Ich wandte mich um und ging auf die Tür zu, in der derselbe breitschultrige, uniformierte Mann auf mich wartete, der mich auch hergebracht hatte. Ich erwartete keine Verabschiedung von Genesis. Meine Arbeit hier war getan. Ich fühlte mich auf einmal so viel leichter, als hätte der Brief, den ich in den vergangenen Monaten in meiner Jackentasche mit mir herumgeschleppt hatte, Tonnen gewogen. Und nun, so hatte ich das Gefühl, war auch ich endlich bereit dazu, loszulassen.
  Ich verließ den Raum, ohne dass Genesis noch ein einziges Wort an mich richtete. Wirklich sicher war ich mir nicht, weshalb mich das so nachdenklich stimmte. Das stählerne Tor fiel ins Schloss und meine Schritte hallten von den hohen Betonwänden wider wie die Gebetsgesänge in einer Kathedrale. Ich hatte genau das getan, wofür ich hergekommen war. Ich hatte es hinter mich gebracht. Niemand war verletzt worden und alles war in bester Ordnung. Und ich war mir ziemlich sicher, dass dies mein letztes Treffen mit Genesis gewesen war. Alles war in bester Ordnung. Unwillkürlich ließ ich die Hand in meine Tasche gleiten, doch der Brief war nicht mehr da. Meine Finger griffen ins Leere.

  Dankbar sog ich die frische Luft ein, die mich umgab, als ich endlich aus dem Gebäude trat. Es war vorbei. Das Spiel, oder wie immer er es auch genannt hatte, war endgültig vorbei. Ich war frei. Und dennoch … hatte ich irgendwie das Gefühl, dass auch ein Teil von mir zusammen mit Genesis in diesem Gefängnis zurückgeblieben war.


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AN: So, ähm … frohe Weihnachten, du Keks?! :-D Du kennst es ja nun inzwischen schon, aber ich wollte es mir nicht nehmen lassen, die Sache auch hochzuladen, obwohl es ja EIGENTLICH bis auf Ls Namen keinen Canon-Charakter beinhaltet … aber du kennst mich. Der Canon ist doof und langweilig, OCs sind eh viel besser! ;-D
Ich hatte ja einige Ideen zur Auswahl, zu denen ich dir etwas hätte schreiben können, und wenn ich ehrlich bin, dann ist mir die Wahl auch nicht wirklich leicht gefallen, aber … du weißt, ich liebe Genesis und ich war SEHR unzufrieden mit seinem Schicksal in Prequel, deshalb … tja. :^B Es kam, wie es kommen musste.

Ich hoffe mal, dass die Geschichte vielleicht auch ein paar anderen Leuten gefällt, die Prequel gelesen haben, falls sie irgendwann mal zufälligerweise hierauf stoßen. 8D Das Wichtigste ist aber, dass du es magst. <3
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