Bescherung für zwei

OneshotRomanze / P12 Slash
Ingo "Easy" Winter Richard "Ringo" Beckmann
26.12.2019
26.12.2019
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Ein festlich geschmücktes, lamettabehangenes Hallo-ho-ho in die Runde,

diese Fic ist ein bisschen aus der Not heraus entstanden, da ich bei einem anderen Projekt genau in der Mitte festhänge und es weder vor noch zurück geht. Um meine Kreativität wenigstens anderweitig in Gang bringen zu können, hatte ich auf Tumblr um kleine Prompts gebeten, und herausgekommen ist ein Mashup aus dem Vorschlag von Missringsy, dass Easy mit dem Einpacken von Geschenken so seine liebe Mühe hat, während Ringo die ganze Sache mit mathematischer Präzision angeht, und der Idee von Kiri, dass Ringo mit der derzeitigen Wohnsituation innerhalb der WG alles andere als zufrieden ist, weshalb er seine eigenen, weihnachtlichen Konsequenzen zieht.

Auf euch wartet locker-flockiger Festtagsfluff und ich hoffe, euch gefällt diese kleine Geschichte, denn mir hat das Schreiben sehr viel Spaß gemacht. :)

Einen schönen Restfeiertag wünscht euch
eure Lene

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Bescherung für zwei

Rrrrrrrrrritsch.

Easy sitzt nun schon eine ganze Weile am Küchentisch der WG, vor sich ein Sammelsurium aus Scheren, Rollen mit Klebeband, einer großzügigen Auswahl an Knäulen der unterschiedlichsten Geschenkbänder und einigen Rollen Geschenkpapier. Sogar einige Bögen mit metallisch schimmernden Aufklebern in Sternchenform liegen bereit. In diesem Augenblick schaut er jedoch betreten auf den Riss hinab, der sich in wildem Zickzack quer durch das bunt gemusterte Stück Papier in seinen Händen zieht. Ein Muskel über seinem rechten Auge beginnt arhythmisch zu zucken.

Dass handwerkliches Geschick nicht zu seinen Talenten zählt, wurde ihm bereits im zarten Alter von fünf Jahren mehr als deutlich signalisiert – die Erinnerung daran, wie eine seiner Kindergärtnerinnen vorwurfsvoll ein, zugegebener Weise leicht eckiges, Osterei aus Tonpapier in die Höhe gehalten und seiner Mutter mit anklagender Stimme mitgeteilt hatte, dass ihr Sohn nicht in der Lage sei, runde Formen auszuschneiden, hat sich bis heute in sein Gehirn eingebrannt.

Nun hat er die Kindergartenzeit schon eine ganze Weile hinter sich gelassen, doch mit Papier scheint er sich nach wie vor auf dem Kriegspfad zu befinden. Anders kann er sich den beachtlichen Haufen aus zerknittertem, gerissenem oder anderweitig zerstörtem Geschenkpapier nicht erklären, der sich zu seinen Füßen auf dem Boden türmt. Das Ding ist: Easy liebt Weihnachten, von ganzem Herzen. Er liebt kitschige Weihnachtslieder aus den 80ern, Kerzen, Lebkuchen – er braucht nur an ihnen zu riechen, um in schönen Kindheitserinnerungen zu versinken – und, sehr zum Leidwesen seines ihm angetrauten Ehemannes, beleuchtete Kopfbedeckungen. Easy würde sich Tee aus Lametta kochen, wenn er denn könnte. Selbst den Menschenmassen, die sich wie überdimensionale Würmer durch die Straßen der geschmückten Innenstadt schlängeln, kann er etwas Positives abgewinnen, wenn er am Ende des Tages mit Tüten voller Geschenke für seine Freunde nach Hause zurückkehrt.

Das Einpacken besagter Geschenke hat sich mit der Zeit jedoch zu einem Horror entwickelt, der Easy zumindest zeitweise die Lust auf Weihnachten vermiest, weshalb es für ihn quasi zur festlichen Tradition gehört, dass er dieses Drama bis zum Morgen des 24. Dezembers hinausschiebt. Das ändert jedoch nichts am Ergebnis ändert, und das sieht bestenfalls leicht unbeholfen aus. Im schlimmsten Fall – nun ja. Easy fügt das gerissene Stück Papier seufzend zu dem Haufen hinzu, der ihm nun schon bis zum Knöchel reicht. Er hätte vorsorglich noch zwei Rollen Geschenkpapier mehr kaufen sollen. Dabei befindet sich das Geschenk für Ringo – ein raffiniertes technisches Gadget für den ordnungsliebenden Geschäftsmann von Welt – in einem rechteckigen Karton, was bekanntlich die ideale Form zum Einpacken ist. Er hofft inständig, dass Ringo sich niemals etwas Rundes von ihm wünschen wird, denn in dem Fall würde ihn sein Verbrauch von Verpackungsmaterial wahrscheinlich in den Ruin treiben, und gerade ist er dabei, das nächste Stück quietschbunte Papier abzuwickeln, da öffnet und schließt sich in einiger Entfernung eine Tür. Easy muss nicht den Blick von seiner Arbeitsfläche heben, um zu wissen, wer sich da gerade schlaftrunken aus seinem Zimmer schält.

„Was“, fragt Tobias herzhaft gähnend und kratzt sich dabei genüsslich am Kopf, „wird das, wenn's fertig ist?“ Er wirft einen Blick auf das Schlachtfeld auf dem Küchentisch.

„Frag' doch nicht so blöd“, erwidert Easy freundlich, „das weißt du ganz genau.“ Er platziert den Karton mit Ringos Geschenk darin vorsichtig mittig auf dem Papier und greift erneut nach der großen Bastelschere. Neben ihm zieht Tobias mit einem zischenden Geräusch die Luft durch die Zähne.

„Sollten wir nicht lieber zuerst die Schillerallee evakuieren? Nur so als Sicherheitsmaßnahme.“

Easy setzt die Schere voller Entschlossenheit an. Er kennt diese kleinen Foppereien bereits in- und auswendig, und nach all den Jahren prallen sie an ihm ab wie Tischtennisbälle an einer mit Teflon beschichteten Bratpfanne. „Solltest du dir nicht lieber was Richtiges anziehen? Nur so als Sicherheitsmaßnahme.“

Tobias schaut an sich hinab. „Willst du mir damit etwa sagen, dass du was gegen meinen ganz persönlichen Beitrag zur Weihnachtsstimmung hast? Das ist aber nicht nett von dir.“ Er schlurft entspannt in Richtung Kaffeemaschine. Der Bommel der kleinen Weihnachtsmannmütze, die an der Front seiner denkbar knapp geschnittenen, leuchtend roten Unterhose festgenäht ist, baumelt dabei fröhlich vor sich hin.

„Mhm“, macht Easy, während seine Zungenspitze vor lauter Konzentration leicht zwischen seinen Lippen hervorschaut und er es tatsächlich schafft, ein erstaunlich gerades Stück Geschenkpapier abzuschneiden. Dann legt er die Schere zurück, betrachtet sein Werk zufrieden und fährt fort: „Und die Seniorin aus dem Haus gegenüber, die uns schon mal das Ordnungsamt auf den Hals gehetzt hat, weil du an Ostern unbedingt halbnackt vor dem Fenster rumhüpfen musstest, hat bestimmt schon den Finger auf der Wählscheibe.“

Tobias gießt sich seelenruhig einen Becher Kaffee ein. „Ach, die alte Schrulle. Wer den Kotzmeister in seiner Osterhasenhose nicht mag, der hat ihn in seiner Weihnachtshose erst recht nicht verdient.“ Er nimmt einen großen Schluck und dreht sich wieder zu Easy um. Der Bommel bommelt. „Aber das da“, meint er nickend in Richtung von Easys neuerlichem Einpackversuch, „wird nix. Das seh' ich von hier.“

Easy schnaubt. „Natürlich wird das was“, entgegnet er siegesgewiss und beginnt, die Ecken des Papiers über dem Karton einzuschlagen, „ich hab' diesmal extra mehr Papier genommen als bei den Malen vorh–“. Er stockt mitten im Wort, hält kurz inne, dreht dann den Karton, schlägt das Papier erneut ein. Er seufzt.

„Wird. Nix.“ Tobias lehnt sich an einen Küchenschrank und schwenkt den Kaffeebecher umher. „Warum lernst du eigentlich nicht draus und lässt dir alles im Geschäft einpacken? Das würde uns allen dieses alljährliche Drama ersparen.“

Easy wendet das Geschenk voller Trotz erneut und wickelt es mit Nachdruck ein, was allerdings nichts daran ändert, dass nach wie vor ein großer Teil des Kartons herausschaut. „Erstens, weil ich das hier im Internet bestellt habe, und zweitens, weil das einfach nicht das Gleiche ist. Jeder kann sich seine Sachen im Geschäft einpacken lassen.“

Tobias leert seinen Kaffeebecher und schmatzt selbstzufrieden. „Ja, und seine Geschenke aussehen lassen wie ein mittelmäßig gelungenes Bastelprojekt aus 'ner Waldorfschule, das kannst nur du.“

Easy atmet tief durch. Einen Moment lang bereut er den Umstand, dass er nicht allein mit seinem Ehemann wohnt. Hast du nicht eine Freundin, die du nerven kannst?“ Es überrascht ihn selbst, aber er kann eine gewisse Gereiztheit in der Stimme nicht unterdrücken. Vielleicht ist seine emotionale Teflonbeschichtung doch nicht so kratzfest, wie er immer dachte.

„Oh ja, die hab' ich“, nickt Tobias und seine Augen leuchten voller Begeisterung, „aber du kennst sie, sie schläft gern etwas länger, und deshalb bin ich –“

Der Rest seines Satzes geht wie auf Kommando in einem ohrenbetäubenden Gitarrensolo unter, das, einer giftigen Wolke gleich, durch die Ritzen von Tobias' und Viviens Zimmertür zu wabern scheint. Im Küchenschrank klirren ein paar Gläser im Takt vor sich hin.

„Ah, sie ist wach!“, ruft Tobias freudestrahlend über einen donnernden Schlagzeugwirbel hinweg, und Easy begreift mit kaltem Grauen, dass der Brauch, die gesamte Nachbarschaft unsanft mit unhörbar schlechter Musik zu wecken, hiermit innerhalb der Beziehung weitergegeben wurde. Sein längst erkalteter Kakao schlägt kleine Wellen in der Tasse, so kraftvoll sind die Druckwellen. Er schließt kurz die Augen, weiß er doch ganz genau, was gleich passieren wird, und zählt lautlos bis drei. Bei dreieinhalb poltern, wie erwartet, wütende Schritte die Treppe hinunter.

Easy öffnet ein Auge, gerade rechtzeitig, um aus dessen Winkel heraus einen schlaksigen Schemen schnurstracks und ohne anzuklopfen in jenem Zimmer verschwinden zu sehen, das früher ihres gewesen war. Die darauffolgende Stille ist geradezu unheimlich, doch ein empörtes „Hey!“ lässt nicht lange auf sich warten, und Ringo stapft, ein langes, schwarzes Kabel wie eine erlegte Schlange triumphierend in der Hand haltend, zurück aus dem Zimmer. „Ihr benehmt euch nicht nur wie Banausen, ihr haust auch so!“, ruft er über seine Schulter hinweg. Ihm folgt eine eine alles andere als amüsierte Vivien auf den Fersen; ihre Haare sind zu einem losen Knoten auf dem Kopf zusammengebunden und sie trägt eine graue Jogginghose, während auf ihrem übergroßen T-Shirt das Bild eines Rentierkopfes prangt, dessen Nase ein dicker, aufgenähter, roter Knubbel ist. Er passt auf verstörende Art und Weise verblüffend gut zu dem Bommel an Tobias' Unterhose.

„Gib' das Kabel zurück, du Vollarsch! Das war mein Lieblingslied!“ Sie stürmt auf Ringo zu und will ihm das Kabel ihrer Stereoanlage entreißen, doch sie stoppt abrupt, als der einfach seinen Arm in die Höhe reckt und das Kabel wie einen Köder hoch über ihr baumeln lässt. Einen Moment lang scheint sie tatsächlich einen Sprung in Betracht zu ziehen, überlegt es sich dann aber doch anders und zischt anstatt dessen: „Was kommst du überhaupt einfach so in unser Zimmer?“

Euer Zimmer?“ Ringos Gesicht bekommt einen dezent roten Touch, den Easy unter anderen Umständen durchaus ein bisschen heiß gefunden hätte. Er sieht, wie üblich, wie aus dem Ei gepellt aus, nur seine wild abstehende Stirnlocke verrät, dass er durch die Musik mitten in seinem gewohnten, morgendlichen Styling-Ritual unterbrochen wurde. Nicht gut. „Dass ich nicht lache.“ Er richtet sich zu seiner vollen, einschüchternden Größe auf. „Das ist eigentlich nach wie vor das Zimmer von Easy und mir, aber anstatt mal ein bisschen dankbar zu sein, weil wir es euch überlassen haben, macht ihr einen Saustall daraus und uns das Leben zur Hölle.“

„Reg dich mal nicht so künstlich auf, du Weihnachtsmuffel“, lässt Tobias verlauten, der sich bis dahin das Spektakel aus sicherer Entfernung amüsiert angesehen und sich in aller Seelenruhe eine neue Ladung Kaffee eingegossen hatte, „wir können nichts dafür, dass du ein alter Spießer bist, der das Leben nicht so in vollen Zügen genießen kann wie wir.“ Er prostet Vivien zu und erwidert Ringos wütenden Blick unbeeindruckt über den Rand seines Bechers hinweg, um dann einen sehr großen Schluck Kaffee provokativ schlürfend zu sich zu nehmen. Die Geste verfehlt ihre gewünschte Wirkung nicht: Ringos Gesichtsröte verdunkelt sich um zwei weitere Nuancen.

„Wenn du unter das Leben in vollen Zügen genießen verstehst, dass man vor lauter Pizzakartons den Boden nicht mehr sehen kann, dann bin ich gern ein alter Spießer.“ Ringos Blick wandert an seinem Halbbruder hinunter und bleibt schließlich, unvermeidlich, auf dem Bommel hängen. „Und bitte zieh' dir was an“, sagt er voller Abneigung gegenüber dem Anblick, der sich ihm bietet, „sonst klingelt wieder das Ordnungsamt bei uns Sturm.“

Easy fühlt sich währenddessen immer unwohler in seiner Haut. Er weiß nicht, was ihn in diesem Moment mehr deprimiert: Die Tatsache, dass er im Einpacken von Geschenken wohl immer eine absolute Niete bleiben wird, oder die allgemeine Atmosphäre. „Das hab' ich ihm vorhin auch schon gesagt“, kommentiert er dann Ringos Aufforderung, „aber er hört nicht drauf.“

Ringo wendet sich ihm derart verdutzt zu, als ob er die Anwesenheit seines Ehemannes zuvor vor lauter Ärger gar nicht richtig registriert hatte. Sein Mund steht kurz offen, als er das Durcheinander auf sich wirken lässt – dass er dabei auch den Karton mit dem für ihn bestimmten Geschenk bemerkt, fällt Easy allerdings erst viel zu spät auf; zwar breitet er reflexartig einen der verknickten Papierbögen darüber aus, doch das ändert natürlich rein gar nichts an dem Fakt, dass damit jede Überraschung verloren gegangen ist. Easy lässt die Schultern hängen, doch auch das scheint Ringo nicht wirklich aufzufallen.

„Dann solltest du deinem besten Freund vielleicht mal deutlicher mitteilen, dass du unsere Wohnsituation auch suboptimal findest, und nicht immer versuchen, es allen recht zu machen.“ Ringo stemmt die Hände in die schmalen Hüften, um seinem Missfallen noch mehr Ausdruck zu verleihen. Er sieht Easy erwartungsvoll an, so als ob es nun seine Aufgabe sei, ausgerechnet an Weihnachten sämtliche Konflikte zu bereinigen, die schon seit Monaten unterschwellig vor sich hin brodeln.

Easy weiß nicht, wie er darauf reagieren soll, und wahrscheinlich gibt es in dieser Situation sowieso keine passende Antwort. Er schaut fragend in die Runde: Vivien steht mit verschränkten Armen da, Tobias dreht leicht betreten seinen Kaffeebecher in den Händen, und Ringos Gesicht ist plötzlich komplett unlesbar – das unmissverständliche Anzeichen dafür, dass es gerade hinter seiner Stirn mächtig arbeitet. „Wisst ihr was“, sagt er dann, „mir reicht's.“ Er wirft das Kabel schwungvoll weg, sodass es vor Viviens nackten Füßen auf dem Boden landet, und geht mit weit ausholenden Schritten in Richtung Garderobe.

„Wo willst'n du jetzt hin? Schatz!“ Easy steht so schnell von seinem Stuhl auf, dass sich eine kleine Flut aus Geschenkpapierstücken in der halben Küche verteilt, doch Ringo schlüpft unbeirrt in seinen Mantel. „Wirst du sehen“, ist seine knappe und wenig aussagekräftige Antwort, die zudem beinahe im Knallen der Wohnungstür untergeht.

Easy sinkt zurück auf seinen Stuhl. Sein Herz klopft ihm bis zum Hals. So hatte er sich Weihnachten wirklich nicht vorgestellt.


* * *

16:00, Büdchen. Bitte Geschenk mitbringen.
11:13 ✔✔

Easys Blick wandert mehrmals zwischen der in der gewohnt pragmatisch formulierten Nachricht von Ringo erwähnten und der auf seinem Smartphone angezeigten Uhrzeit hin und her. Es ist 16:05, allerdings nur deshalb, weil er bereits seit geschlagenen zehn Minuten vor dem Büdchen steht und sich nicht entscheiden kann, was er tun soll. Eigentlich findet er sich gerade selbst ziemlich albern, schließlich ist es sein Büdchen und er kann in ihm ein und aus gehen, wie es ihm beliebt, aber dieser Weihnachtstag verläuft anders als alle anderen zuvor und so sehr Easy auch Abwechslung mag – er hat wirklich keinerlei Vorstellung davon, was sein Ehemann da bitte geplant haben könnte.

Das Büdchen liegt still in der schnell voranschreitenden Dunkelheit. Die Rollläden sind ordnungsgemäß hinuntergelassen, die Lichter gelöscht, die Tür verschlossen. Nichts deutet darauf hin, dass es innerhalb der letzten Stunden von irgendjemandem betreten wurde. Easy gibt ein unentschlossenes „Hm“ von sich und balanciert sein Geschenk für Ringo in der einen Hand, während er mit der anderen sein Handy wieder in seiner Manteltasche verschwinden lässt. Es ist nicht kalt, eigentlich sogar viel zu warm für diese Jahreszeit, doch so langsam wird ihm ein bisschen ungemütlich.

Vielleicht hätte er doch lieber in der WG bleiben und beim Vorbereiten des Abendessens helfen sollen, aber spätestens nach Ringos unerwartetem Abgang, den er ihm schon ein bisschen übel nimmt, war die Stimmung sowieso unterhalb des Gefrierpunktes gerutscht. Dabei lag Ringo ja richtig: Er versucht in der Tat, es allen recht zu machen, und am Ende weiß er selbst nicht mehr, was er eigentlich will. Easy will endlich Klarheit und greift gerade erneut in seine Tasche, um das soeben verstaute Telefon erneut herauszufischen und Ringo per Nachricht zu fragen, ob das alles doch nur ein schlechter Scherz war, da sieht er plötzlich durch die Schlitze des Rollladens hindurch etwas blinken.

Er macht einen Schritt auf sein Büdchen zu, die Augen zusammengekniffen. Nein, er bildet sich das nicht ein – Easy Winter erkennt bunte Lichterketten, wenn er sie sieht, und sein Verdacht bestätigt sich, als im nächsten Moment die Tür des Büdchens schwungvoll aufgestoßen wird und sich ein Kegel aus rhythmisch wechselnden Farben in die dunkelgraue Dezemberdämmerung ergießt.

„Kommst du jetzt endlich rein oder muss ich dich ein zweites Mal über die Schwelle tragen?“

Im Türrahmen lehnt Ringo, mit der ihm eigenen Lässigkeit eines Mannes, der eigentlich zu groß dafür ist, um nur ein Paar Ellenbogen und Kniegelenke zu haben. Auf seinem Kopf thront eine ebenfalls blinkende und zudem schief aufgesetzte Weihnachtsmannmütze, von deren Saum kleine Rentiere aus Plastik baumeln. Er grinst mit einer Mischung aus Zufriedenheit und Süffisanz, während hinter ihm die geballte Kraft von grob geschätzt fünfzehn verschiedenen Lichterketten funkelt und ihm dadurch einen regenbogenfarbenen Ganzkörperheiligenschein verleiht.

„Ähm.“ Easy vergisst einige Sekunden lang, seinen Mund zuzuklappen, denn aus dem Büdchen ertönt leise, aber unverkennbar genau jener schmalzige Weihnachts-Popsong, den er bereits seit seiner Kindheit abgöttisch liebt und von dem Ringo in der Vergangenheit nicht müde wurde zu verkünden, wie belanglos und nervig er doch sei. Sein Herz beginnt wild in seiner Brust zu pochen und es benötigt eine herausfordernd hochgezogene Augenbraue seitens seines Ehemannes, damit er sich endlich losreißen kann.

Angenehme Wärme schlägt ihm aus dem Büdchen entgegen, als Ringo zur Seite tritt und ihm Platz macht. Wie er es fertig gebracht hat, binnen dieser kurzen Zeit eine aufblasbare Luftmatratze zu organisieren und sie auf dem Boden hinter dem Verkaufstresen so mit Kissen und Decken auszustaffieren, dass sie eine komfortabel aussehende Sitzlandschaft ergibt, ist Easy ein Rätsel, aber noch mehr faszinieren ihn die langen, leuchtenden Kabelstränge, die sich kreuz und quer durch den engen Raum winden.

„Jetzt sag bloß nicht, dass du auf den letzten Drücker ein Elektronikgeschäft überfallen hast.“

Sein Blick wandert von den Lichterketten zu einer großen Schale mit Lebkuchen auf dem Verkaufstresen, während Ringo hinter ihm die Tür schließt. „Das war gar nicht nötig“, erklärt der und beginnt anschließend, Easy aus seinem Schal zu wickeln, „denn in den Kisten im Keller ist genug Weihnachtskram, um halb Köln damit auszustatten. Ich glaube, da unten hat seit zehn Jahren niemand mehr ausgemistet.“ Er faltet Easys Schal gewissenhaft zusammen und legt ihn beiseite. Dafür zaubert er wie aus dem Nichts eine zweite leuchtende und mit Rentieren dekorierte Mütze hervor, die er ihm mit liebevollem Nachdruck auf den Kopf setzt. „So.“ Er beugt sich ein Stückchen nach unten und drückt Easy einen kurzen, zärtlichen Kuss auf den Mund. „Frohe Weihnachten, mein Bärchen.“

Easy blinzelt verdattert und leckt sich über die Lippen. Dass er dabei Lebkuchen schmeckt, irritiert ihn zusätzlich, allerdings auf eine angenehme Art und Weise. Er ist mit der Gesamtsituation, so schön sie auch ist, aber definitiv ein bisschen überfordert. „Wer bist du, und was hast du mit meinem Ehemann gemacht? Du magst Weihnachten doch überhaupt nicht, und jetzt... das?“ Er macht eine ausladende Handbewegung. „Nachdem du vorhin einfach abgehauen bist?“

„Stimmt“, entgegnet Ringo mit einem lakonischen Schulterzucken, „ich kann mit Weihnachten im Allgemeinen nicht allzu viel anfangen, und die Chaoten in der WG haben mich richtig genervt. Aber ich mag dich.“ Nun ist es Easy, der eine Augenbraue hebt, und Ringo korrigiert sich mit einem dezenten Seufzen: „Ja, okay, ich liebe dich. Und du liebst Weihnachten, und deshalb finde ich Weihnachten vielleicht nicht mehr ganz so überflüssig wie früher.“

Easy schluckt. Im Hintergrund erklingt ein weiteres von ihm heiß geliebtes Weihnachtslied, und wenn er in diesem Moment mit den Tränen kämpfen muss, dann liegt das natürlich einzig und allein an der viel zu trockenen Luft im Büdchen. Insgeheim ist er dankbar dafür, dass er auf einmal von zwei großen, warmen Händen auf seinen Schultern und mit sanftem Nachdruck in Richtung der improvisierten Sitzecke navigiert wird.

Leider ist auch das generalüberholte Büdchen nicht wirklich dafür konzipiert, dass es sich zwei erwachsene Männer auf seinem Boden gemütlich machen können, doch mit etwas Geduld schaffen sie es, sich so auf der Luftmatratze zu positionieren, dass sie einander gegenüber sitzen, ohne sich dabei mit den Beinen in die Quere zu kommen.

„Möchtest du denn überhaupt noch dein Geschenk haben?“, fragt Easy zaghaft und rutscht leicht nervös auf der Matratze hin und her, das wild gemusterte Konstrukt auf seinem Schoß balancierend. Da Easy es mit dem Mut der Verzweiflung in mehrere Lagen Papier eingewickelt hat, ähnelt es optisch einer ziemlich bunten Zwiebel, die nur dank des waghalsigen Einsatzes einer halben Rolle Klebeband nicht in ihre einzelnen Schichten auseinanderfällt. „Weil du ja sowieso schon weißt, was drin ist. Und weil es... naja. So aussieht.“

Ringo sieht ihn eindringlich an – so eindringlich, dass Easy spürt, wie er errötet. Er ist froh über den Umstand, dass das inmitten all des bunten Lichts ungesehen untergehen dürfte. Dann zucken, kaum merklich, Ringos Mundwinkel. „Schatz“, sagt er, deutlich darum bemüht, dabei nicht belehrend zu klingen, was ihm allerdings nur halb gelingt, „ich hätte auch so gewusst, was drin ist. Ich habe mir nur die eine Sache von dir gewünscht.“

Dieser ernüchternd logischen Schlussfolgerung kann Easy nicht widersprechen. Er lässt sich von Ringo vorsichtig das Geschenk abnehmen, um es neben sich auf einem Kissen abzulegen. In der gleichen, fließenden Bewegung holt er unter besagtem Kissen etwas hervor und sagt: „Hier, für dich“, und gleich darauf hält Easy ein quadratisches, flaches Päckchen in den Händen. Es ist in edles, dunkelblaues Papier eingeschlagen, die Kanten so akkurat wie mit einem Lineal gezogen. Es sieht beinahe überirdisch schön aus, ebenso wie die dezente Schleife, die genau in der Mitte der Oberseite des Geschenks prangt. Zwei makellos geringelte, farblich passende Geschenkbandschlangen kräuseln sich unter ihr hervor und verleihen dem optischen Gesamteindruck den letzten Schliff.

„Hast du das von 'nem Roboter einpacken lassen?“

Easy ist von dem fast schon obszön perfekt gefaltete Papier fasziniert und kann seinen Neid über so viel Geschick nicht verbergen. Ringo schüttelt, natürlich, mit dem Kopf. Er fühlt sich, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, aber durchaus geschmeichelt. „Alles eine Sache der Berechnung“, erklärt er im Brustton der Überzeugung. „Es ist ganz einfach: Die optimale Geschenkpapierfläche entspricht der gesamten Oberfläche des Geschenks, die sich aus Höhe mal Breite mal zwei plus Höhe mal Tiefe mal zwei plus Breite mal Tiefe mal zwei ergibt. Als Zugabe für die Klebeflächen gibt man dann noch das Doppelte des Quadrats der kleinsten Seitenlänge hinzu.“

Easy starrt seinen Ehemann entgeistert an, was allerdings nicht daran liegt, dass die Lichterketten ihn abwechselnd in grünes, blaues, rotes und gelbes Licht tauchen und ihn ein bisschen aussehen lassen wie ein unverschämt attraktives Alien.

„Hä?“

Ringo starrt ebenso entgeistert zurück. „Easy, das ist Mathematik aus der sechsten Klasse.“ Seine rechte Augenbraue rutscht in die Höhe und er klingt derart ungläubig, als hätte Easy ihm gerade gestanden, dass er zum Frühstück gern kleine Katzen verspeist.

Easy schiebt seine Unterlippe vor. „Hab' da lieber Schlaf nachgeholt“, murmelt er defensiv. Eigentlich wartet er nur darauf, dass umgehend ein kleiner Vortrag darüber folgt, wie wichtig Bildung ist und dass es doch nicht angehen kann, dass er da solche Wissenslücken hat, aber Ringo betrachtet stattdessen das kunterbunte Päckchen neben sich. Seine Braue sinkt so schnell zurück auf ihre normale Höhe, wie sie zuvor gelupft wurde. Er fährt vorsichtig mit der Fingerspitze über die dicken Klebebandschichten und hat dabei ein Lächeln auf den Lippen, das guten Gewissens als verträumt beschrieben werden kann. „Wenn ich ehrlich bin“, sagt er mit einem Schmelz in der Stimme, der Easy, sofern er nicht bereits sitzen würde, definitiv in die Knie gezwungen hatte, „ist es perfekt, so wie es ist, und ich würde es nicht anders haben wollen.“

Das Büdchen verschwimmt vor Easys Augen erneut zu einer Ansammlung bunter, wie mit Wasserfarben gemalter Kleckse. „Danke“, flüstert er und legt so viele Emotionen wie nur möglich in seine Stimme, in der Hoffnung, dass Ringo versteht, wofür er sich da bedankt – für seine Aufmerksamkeit, sein Ideenreichtum und vor allem für seine Liebe, die das Büdchen bis in die kleinste Ecke hinein auszufüllen scheint.

Ringo antwortet darauf nicht, und das überrascht Easy ebenso wenig wie es ihn stört. Er erwartet das auch nicht, nicht mehr, denn mit der Zeit hat er gelernt, dass sie in mancher Hinsicht ihre eigenen Sprachen sprechen und sich dennoch instinktiv verstehen können. Ringo reagiert, wie üblich, auf seine ganz eigene Art: Er lehnt sich nach vorn, so weit, bis erst ihre Stirnen, dann ihre Nasenspitzen berühren. Um seine Augen herum graben sich feinste Lachfältchen in die dünne Haut. „Es ist wirklich ziemlich perfekt“, murmelt Easy und meint damit weder sein Geschenk noch das von Ringo; zumindest nicht das, welches er kurz zuvor überreicht bekommen hat.

Irgendwo in den Untiefen seines Kopfes formiert sich die Sorge darüber, wie lange sie hier bleiben können, in ihrem eigenen, kleinen Weihnachtsparadies mit seinen blinkenden Lichtern und der leisen Musik, bevor die ersten neugierigen Nachrichten mit bohrenden Fragen nach ihrem Verbleib auf ihren Telefonen eintrudeln, doch ehe er etwas sagen kann, legen sich warme, weiche Lippen auf die seinen. Easys Lider schließen sich ganz automatisch. Da ist er wieder, der Geschmack von Lebkuchen. Das kleine Geschenk rutscht seitlich von seinem Schoß, als er nach Ringos Händen greift. Lange Finger umfassen liebevoll die seinen. Ihre Eheringe klacken kaum hörbar aneinander, und sie seufzen synchron in den Kuss hinein.

Der Rest der Welt kann warten.

~ fin ~

Author's notes:

* Dinge, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie mal in einer Fanfic unterbringen würde: Mein ganz persönliches Kindergartentrauma, bestehend aus meiner Wenigkeit, einer viel zu stumpfen Bastelschere und einer Betreuerin, die meine Mutter voller Empörung wissen ließ, dass ihre Tochter definitiv in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sei, weil ihre Ausschneideleistungen sehr zu wünschen übrig ließen. Aus mir ist dann leider wirklich nichts Anständiges geworden, aber ich fürchte, dass das nicht mit meinen mangelnden Bastelfähigkeiten zusammenhängt.

* Die Formel zum Berechnen der optimalen Geschenkpapiergröße gibt es wirklich: A = 2 (ab + ac + bc + c²). Schon bloße Ansammlungen von Zahlen verwirren mich zutiefst, und wenn dann noch Klammern und Buchstaben hinzukommen, sagt mein Gehirn zum Abschied leise Tschüss. Mein Profitipp: Einfach pro Geschenk eine ganze Rolle Papier nehmen. Oder eine Geschenktüte. Oder nur noch Gutscheine verschenken.

* Was sich Ringo und Easy geschenkt haben? Lasst eure Fantasie spielen. ;)
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