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Der goldene Schmetterling

von Annewo5
GeschichteÜbernatürlich, Tragödie / P12 / Gen
25.12.2019
25.12.2019
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706
 
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Er war ihr Betreuer auf der Arbeit. Als sie das erste mal von ihm erzählte, wusste ich bereits, dass der Fluch seine Wirkung gezeigt hatte. „Tristan ist so nett, Tristan ist so zuvorkommend.“
Der arme Kerl. Niemand wusste wie ihm geschah bis sie das erste Mal mit einem redete. Wenn diese hellbraunen Augen einen schief ansahen und das schiefe lächeln von süß zu frech und wieder zurück wechselte, welcher Kerl konnte sich ihr da entziehen?
Es dauerte eine Weile bis ich ihn kennenlernte. Besser finde ich es, wenn ich direkt dabei bin, aber das passiert nur ganz selten. Wir trafen uns mit ihm auf einem Frühlingsfest im Nachbardorf. Tristan hatte uns extra einen Tisch freigehalten. Er war mit einem Freund gekommen und sie mit mir. Das passte ja. Obwohl ich jedes Mal schon vorher wusste, wie der Abend enden würde, kam ich gerne mit. Es war immer lustig und sie mochte ich auch wirklich gerne. Als beste Freundin.
Kaum hatten wir uns an den Tisch gesetzt, schon ging es los: „Ganz schön lange habt ihr gebraucht. Haben deine kurzen Beine dich nicht schneller getragen?“, begann er sie zu necken.
Das ließ sie natürlich nicht auf sich sitzen. „Nein, der Herr hier neben mir,“ mit einem Kopfnicken deutete sie auf mich, „hat mal wieder ewig überlegt, ob er eine Jacke anziehen sollte, oder nicht.“
Ich zuckte nur mit den Schultern. „Sei immer auf alles vorbereitet.“
Genauso gut hätte ich erzählen können, dass mein Name Angela Merkel sei, denn Tristans Aufmerksamkeit galt nicht mehr mir. Falls sie denn jemals mir gegolten hatte.
Als ihr warmes lautes Lachen unseren Tisch und den daneben erschütterte, hatte Tristan schon diesen Blick aufgesetzt.
Es war immer wieder das gleiche. Ihre Augen fixierten sie voll und ganz. Sie nahmen einen beruhigten und amüsierten Ausdruck an. Man könnte sagen, voll und ganz glücklich. Ihre Körperhaltung hingegen versteifte sich. Die Schultern waren ganz ihr zugewendet, dennoch war der Rest des Körpers jederzeit bereit einzuschreiten, falls ihr was geschehen sollte. Ganz der Beschützerinstinkt. Das letzte und wichtigste Merkmal war der Mund. Dieser war nicht ganz geschlossen, aber auch nicht offen. Auf den Lippen lag den Männern immer ein leichtes Lächeln, ein süßes, das bereit war zu einem breiten Grinsen zu werden, sobald sie irgendetwas Lustiges sagen sollte.
Ja, so sahen sie alle aus, wenn der Fluch sie bereits erwischt hatte, wenn man sich in sie verliebt hatte.

Der Grund, warum ich dabei war, war einfach. Sie merkte gar nicht, was sie mit den Männern anstellte. So etwas Unschuldiges wie sie konnte auch nicht merken, welche Auswirkungen ihr Handeln hatte. Ihr wurde nur jedes Mal wieder die Bürde auferlegt den ganzen Männern, die ihr ihre tiefe und innige Liebe gestanden, einen Korb zu geben.
Ich fragte mich, ob das auch Bestandteil des Fluchs war. Noch nie hatte sie einen gewollt. Den Ersten, Carlo, den schon. Da dachte sie auch noch, dass es sich um Liebe handeln würde. Doch danach hatte sie sich nie wieder verliebt. Sie suchte einfach nur Freunde.
Als meine Schwester sie vor 5 Jahren mit zu uns brachte, erging es mir genauso wie allen anderen.
Auch bis zu dem schmerzhaften Punkt an dem sie mir sagte, dass wir nie ein Paar werden würden.
Ich war so wütend gewesen, doch da hatte meine Schwester mir erklärt, dass es nicht ihre Schuld sei. Wie jeder, der das zum ersten Mal von der Geschichte des Fluchs hörte, glaubte ich nichts davon. Mittlerweile zweifelte ich keine Sekunde mehr an dessen Existenz. Und mir war auch meine Rolle bewusst in diesem grausamen Spiel.

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass die Gruppe sich vom Tisch entfernt hatte. Als sie aber mit tränenverschmierten Augen angerannt kam, wusste ich, was passiert war.
„Alles in Ordnung?“, frage ich.
Sie schüttelte den Kopf und vergrub das Gesicht in meinem T-Shirt. Ich hatte es sowieso waschen wollen. Vorsichtig strich ich ihr über den Kopf und murmelte die selben Worte wie immer: „Das wird schon wieder.“
Das musste ich sagen, denn es war nicht nur an sie gerichtet. Es ging auch an mich, da mein eigenes Herz, wenn ihres in tausend Stücke zersprang, in eine Milliarde explodierte. Und die Zeit, die die beiden zum heilen brauchten, die Zeit hatte ich meinen Schatz für mich.
 
 
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