DYAD – Reylo

GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
Kylo Ren Rey
25.12.2019
15.02.2020
6
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P R O L O G U E :


Be With Me






Seid mit mir.

Über ihr erstrahlte der Nachthimmel im Lichterglanz einer längst verlorenen Hoffnung, als Rey sich zwang, ihre Augen zu schließen.

Der blaue Schimmer ihres Lichtschwerts, mit dem sie nur Momente zuvor den verhängnisvollen Schlag ausgeführt hatte, erlosch in derselben Sekunde und hinterließ den Aufgang vor dem Thron in lichtloser Schwärze.

„Seid mit mir“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang fremd, fern in ihren eigenen Ohren und sie schlang ihre Arme um ihren Oberkörper als könnte sie damit die gnadenlose Kälte bannen, die plötzlich von ihr Besitz ergriffen hatte.

Einer nach dem anderen verließ sie. Stimmen, die sie ihr gesamtes Leben lang gehört hatte, die sie wispernd und schützend umgeben hatten, jeden ihrer Schritte begleitet – die Geister sämtlicher Jedi, die vor ihr gelebt hatten – sie alle sickerten aus ihrem Körper heraus, widerstandslos, eilig, unzeremoniell.

„Seid mit mir.“

Noch konnte sie ihre Nähe spüren, die ihrer Freunde, ihrer Familie, tausende von Metern in der Atmosphäre über dem schmalen Lichtfang in der Mitte des Thronsaals.

Finn, Poe, Chewie. Der Widerstand, die zehntausenden, todesmutigen Zivilisten, die ihnen in letzter Sekunde zur Hilfe geeilt waren und ihre Mündungsfeuer mit unveränderter Wut, mit unveränderter Verbissenheit gegen die Buge der imperialen Sternenzerstörer richteten – Kanonenschiffe, die nun ihrem Befehl unterstanden.

Unter ihren geschlossenen Lidern wallten ihre Tränen auf und der raue, eiskalte Steinboden unter ihren Füßen umgab sie plötzlich von allen Seiten.

„Finn“, wimmerte sie, so, als ob er sie hören könnte. „Es tut mir so leid, Finn. Bitte.“

Er hatte an sie geglaubt.

Leia hatte an sie geglaubt.

„Verlasst mich nicht“, flehte sie. „Verlasst mich nicht. Seid mit mir.“

Rey spürte, wie ihr Innerstes sich klauend und beißend hervorkehrte, als die Kälte sich in ihre Knochen schlich, unter ihre Haut, in jede ihrer Poren. Es war, als habe sie sämtliches Sonnenlicht vergessen, das jemals auf ihr Gesicht geschienen hatte. Die Berührung von Sand zwischen ihren Fingern. Den Geruch von Salzwasser.

Von einer Sekunde auf die andere war sie der einzige Mensch in ihrem Kosmos aus Verzweiflung, ihr gesamtes bisherigen Leben schrumpfte zu einem einzigen Gedanken, der ihr in der nächsten Sekunde in einem verzweifelten Ausstoß von den Lippen fiel und sich im Dreck zerstreute. „Nein!“

Sie war Rey. Rey, Rey, Rey. Sie war eine Schrottsammlerin von Jakku, eine Widerstandskämpferin, Pilotin, eine Jedi. Und sie war… niemand.

Du hast keinen Platz in dieser Geschichte. Du kommst von nirgendwo. Du bist niemand. Aber… nicht für mich.

Die Worte waren im letzten Aufbäumen ihrer schwindenden Erinnerung aufgetaucht, deutlich und kristallklar, und Rey klammerte sich daran fest, riss sie mit aller Kraft an sich, setzte sie an ihre Lippen, als könnte sie damit den Durst ihrer schwindenden Selbstbestimmung löschen.

Keine Sekunde später sah sie ihn vor sich. Sein Gesicht, beleuchtet im spärlichen Licht ihrer Erinnerung und dennoch klarer als alles, das sie sonst in ihrem Leben als Rey von Jakku gekannt hatte. Sie sah ihn mit Maske, sah ihn ohne sie, mit seiner Narbe, mit unverletzten Gesicht, nassem Haar, staubigem Haar. In ihrer Erinnerung war er plötzlich das einzige Leuchtfeuer ihrer Identität und sie folgte dem Ruf, der von ihm ausging.

Da war etwas in ihrem tiefsten Inneren, das nicht einmal vom Verlust der Jedi oder ihrer Erinnerung angetastet worden war. Ein Haken, nein, ein Band, das sie nach vorne riss, auf ihn zu, und ihn genauso sehr zu ihr.

Er hätte sich am anderen Ende der Galaxie befinden können, oder zu ihren Füßen, Rey spürte ihn deutlicher als den Stein unter ihrem Rücken oder dessen Kälte auf ihrer Haut.

Ben Solo war hier. Ihre Höllenqual war die seine. Während sie sich auf dem Boden wand und die letzten Schutzwälle ihrer Selbstbestimmung mit allem verteidigte, das sie noch besaß, lehnte er atemlos und zusammengesunken an der Mauer des Thronsaals. Seine Hand rutschte über den Stein, als er mühsam versuchte, sich aufzurichten, während tausend weitere Messerstiche in den Teil seiner Selbst schlugen, den er ihr schon seit Monaten eingeräumt hatte.

Sein jeder Gedanke, seine jede intrinsische Motivation, war auf einen Punkt ausgerichtet – auf Rey, die nur wenige hundert Meter außerhalb seiner Reichweite auf dem Boden vor einem Thron lag, der ihrer beiden Geburtsrecht war.

Ich kann sie nicht verlieren.

Dass er sie liebte, war fast nebensächlich. Rey war die ausgestreckte Hand des Lichts gewesen, sie war seine Hoffnung in der erstickenden Dunkelheit dieser Angst, mit der er gelebt hatte, die Stimme seines Gewissens. Er liebte sie mehr als den ersten Atemzug, den er mit berstenden Lungen nach dem Hervorbrechen aus der Wasseroberfläche getan hatte, mehr als das Gefühl seines Lichtschwertes in seinen Händen, mehr als den Blick aus dem Fenster eines Sternenzerstörers in die Weiten des Weltalls.

Rey hatte ihr Leben ohne zu zögern zu einem Kollateral erklärt, bloß um seines zu reinzuwaschen und Ben würde dasselbe für sie tun, würde man ihn nur bitten, den Preis des Universums dafür zu bezahlen.

Nur wenige hundert Meter von ihr entfernt spürte er, wie sie langsam schwächer wurde. Sie hatte sich Zeit gekauft; sich und ihren Freunden, ihrer zweiten Familie beim Widerstand, die über ihnen von den unzerstörbaren Schiffen des Imperators abließen und, einer nach dem anderen, den Rückzug in den Hyperraum antraten.

Möge die Macht mit euch sein, flüsterte das letzte Bruchstück, das einmal Rey gewesen war, während die Schiffe über ihr verschwanden. Immer.

„Rey.“ Ben stolperte ein paar Schritte nach vorne, auf die Öffnung in der Mauer zu, durch die man den Thronsaal betrat. Der skandierende, gutturale Ruf der Zeugen in den Rängen über Rey schwoll zu einem ohrenbetäubenden, siegestrunkenen Jubel an und Ben wusste, dass er zu spät kam.

Als er sich zum Durchgang vorgekämpft hatte, war ihre weiß umrahmte Gestalt gerade dabei, die steilen Stufen vor dem Thron der Sith zu erklimmen, der sich im flackernden Licht der brennenden Schiffe über ihnen zu einem Palimpsest aus Gestein und Triumph zusammenfügte.

Sie drehte sich um, überblickte die gesamte Arena, die sich bis in die Unendlichkeit vor ihr zu erstrecken schien. Alles, was sie sah, gehörte ihr. Die Genugtuung brannte in ihren Adern und ließ das Feuer in Augen ockergelb auflodern. Zehntausende Stimmen aus verschiedenen Kehlen lagerten sich zu einem Loblied, einer Ode ihrer Größe zusammen und plötzlich fühlte sie sich überhaupt nicht mehr einsam.

Sie war Rey Palpatine. Imperatorin der Letzten Ordnung, Herrscherin über die Galaxie. Sie war nicht mehr niemand.

Sie war Darth Chryma.

Seid mit mir.
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