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Iola smiled

von Regulus
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Phineas Nigellus Black
25.12.2019
18.01.2020
5
7.117
4
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26.12.2019 1.749
 
Stonecomb Court, Northumberland

Nach dem toxischen Gemisch des Tropfenden Kessels hätte die klare, kalte Luft Northumberlands eine Wohltat sein sollen.

Sie war es nicht.

Frost biss in seinen Lungen. Phineas folgte dem Kratzen in seinem Rachen und hustete, kaum, dass die Apparation ihn aus ihrem Klammergriff entließ.

Das Husten machte es nicht besser.

Er atmete mehr kalte Luft. Eisiger Wind strich über seine Haut. Erst, als er nach seinem Schal griff und ihn sich tief ins Gesicht zog, wurde es langsam besser.

Während das Stechen zumindest unterhalb seiner Wangen nachließ und das Husten zu einem Krächzen verkam, spürte er, wie Feuchtigkeit durch die dicke Wolle seiner Hose drang und in seine Drachenlederschuhe sickerte.

Ein Blick nach unten bestätigte ihm, dass er inmitten einer Schneewehe appariert war.

Auf den zweiten Blick wirkte der Hügel, in dem er beinahe bis zu den Knien versank, merkwürdig gleichmäßig. Ein dünnes Muster zog sich über die Oberfläche, fast so, als seien es fein herausgearbeitete Schup-

Phineas stockte.

In seinem Augenwinkel konnte er eine Hexe ausmachen, den Zauberstab erhoben und komplett aus Schnee. Skeptisch drehte er sich um.

Keine Schneewehe, korrigierte er. Ein Norwegischer Stachelbuckel.

Er seufzte schwer. Behutsam zog er erst ein Bein aus dem Schnee, dann das andere. Deutlich weniger behutsam versetzte er dem Drachenschweif einen Tritt. Schnee knirschte unter seinem Schuh. Mühsam in Form gehexte, glitzernde Schneeschuppen stoben in alle Richtungen davon.

Die erhoffte Befriedigung blieb aus.

Wenn er den Blick auf den Hof richtete, konnte er weitere Skulpturen ausmachen. Schneekobolde. Schneeselkies. Schneeniffler. Dazwischen drei ziemlich schief aufgetürmte Schneemänner.

Phineas musste nicht fragen, wer seinen Innenhof in einen winterlichen Skulpturengarten verwandelt hatte. Weder Ursula noch seine Mutter hätten Interesse und Elan genug dafür gehabt und seine Söhne waren für solche Faxen noch zu jung. Nein. Das war die Handschrift von Eduardus’ Brut.

Seine Laune sank, wenn möglich, noch ein wenig tiefer.

Missmutig und immer noch mit einem Kratzen im Rachen, schritt er an dem Norwegischen Stachelbuckel und einem Troll vorbei. Nach dem Schneehauselfen, den er passierte, trat er nur nicht, weil er Victorias Gezeter nahezu hören konnte, wenn er sich den Tritt nur vorstellte. Ihre armen Kinder. So viel Mühe.

Die schweren Eichentüren glitten vor ihm auf und ein Schwall warmer Luft schwappte über ihn hinweg. Dieses Mal war es der Wärmezauber der Eingangshalle, der in seinem Rachen kratzte. Er hustete wieder.

Hinter ihm fielen die Türen wie von selbst ins Schloss. Nur ein leises Plopp! kündete davon, dass Sextus sich mitsamt einem goldenen Glasstern zurück an seine eigentliche Arbeit machte.

Die Eingangshalle empfing Phineas mit einer angemessenen Stille. Dicke Girlanden aus Stechpalmenzweigen woben sich vor den Wänden zu Sternschnuppen, Glocken und Eseln. Im Kronleuchter hingen Mistelzweige und das Licht dutzender schwebender Kerzen zeichnete warme Muster auf den Boden. Ein verheißungsvoller Geruch nach gebratener Gans und frischem Gebäck hing in der Luft.

Langsam kehrte die Wärme zurück in seine Finger.

Phineas hob die Hand und besah sich jeden einzelnen von ihnen.

“Garima.”

Die Stechpalmgirlanden verharrten in der Luft. Ursulas Kammerzofe, die er nur in seinem Augenwinkel sehen konnte, ließ die Arme sinken, doch die Zauberreifen an ihren Handgelenken taten nicht einen Laut. Sie trug den traditionellen Sari ihrer Heimat, dessen rote Seide im Kerzenlicht leuchtete. Sein Blick blieb an ihrer Taille hängen.

Natürlich wusste Phineas, was ihre Kleidung bedeutete - als hätte er nach dem Norwegischen Stachelbuckel noch einen weiteren Hinweis benötigt.

Er knirschte mit den Zähnen.

Es waren Gäste im Haus gewesen.

Dem Bratengeruch nach zu schließen, waren sie immer noch hier.

Garima drehte sich ihm zu und knickste. Über die Verwünschungen, die ihm schon halb auf der Zunge lagen, lächelte sie hinweg.

“Mylord Black! Es ist gut, Euch wohlbehalten wiederzusehen”, sprach sie, “doch sagt, ist diese Zornesfalte festgefroren?”

“Ist mein Großonkel zugegen?”

“Der Herr Eduardus Black, zusammen mit seiner Ehefrau und den drei Kindern, Mylord.”

Phineas schnalzte mit der Zunge.

“Dann wird sie es bald sein.”

Ihre Mundwinkel zuckten, doch er konnte den mahnenden Worten, die Garima auf der Zunge lagen, dabei zusehen, wie sie sich formten. Sie ignorierte sein Seufzen. Umsichtig trat sie auf ihn zu. Sie hob die Hand, zwei Finger ausgestreckt. Der Zauberreif an ihrem Handgelenk erstrahlte in einem flüchtigen Blau. Noch im gleichen Moment öffnete sich die oberste Schnalle seines Umhangs.

“Ich denke, Ihr seid zu streng, Mylord”, sagte sie schließlich, während sie sich mit routinierten Gesten den übrigen Verschlüssen widmete. “So laut und ungehorsam diese Kinder auch sein mögen, Ihnen wohnt ein gewisser Charme inne. Sie vermögen es sogar, Mylady zu erheitern. Sie ist mit ihnen sogar in den Hof gegangen.”

Phineas schloss die Augen.

“Sag mir, dass es ihre Kelpies sind.”

“Der Stachelbuckel, Mylord.”

Stachelbuckel...?

Oh bei Salazar Slytherin …

Er sah nicht, wie sich die letzte Schnalle löste, doch er spürte, wie sein Umhang sich öffnete und hörte, wie Garima an ihm vorbei trat. Flüchtig legten sich ihre Hände auf seine Schultern, gerade lang genug, um die Verspannungen durch den Stoff zu spüren.

Er sah auf und warf der unfertigen Stechpalmenkrippe an der Wand gegenüber einen ungnädigen Blick zu.

“Garima”, sagte er, während sie ihm dabei half, den rechten Ärmel auszuziehen. “So sehr ich deine Kunstfertigkeit auch bewundere: Wo ist Thomas?”

Dieser Frage folgte ein bedächtiges Schweigen, unterbrochen nur durch das Rascheln des Wollstoffs, während Phineas auch aus dem zweiten Ärmel schlüpfte.

“Die gnädige Witwe, Lady Katharina Black”, antwortete Garima schließlich, da hatte sie längst begonnen, den Mantel zusammenzulegen, “hat beschlossen, den Baum umzudekorieren.”

Der Baum. Natürlich.

“Und das involviert Thomas aus welchem Grund?”

“Jemand muss die Hauselfen anweisen.”

“Natürlich”, sagte er. Das Kratzen in seinem Rachen schien als dumpfes Pochen in seinen Kopf zu wandern. Der Baum. Der verdammte Baum.

“Warum dekoriert meine Mutter den Baum um?”, fragte er. “Ich weiß nicht einmal, warum es erforderlich war, einen aufzustellen.”

“Weil der Herr Minister einen hat, Mylord. Ganz im Sinne von Ihrer Majestät, Prinz Albert. Möge er in Frieden ruhen.” Noch während sie sprach, trat Garima zurück in sein Blickfeld, sein Umhang als ordentliches Bündel in ihren Armen. Unbekümmert fügte sie hinzu: “Außerdem könnt Ihr ihn verbrennen, sobald das Jahr vorüber ist.”

Den leichten Unterton in ihrer Stimme überhörte er nicht, doch er verzichtete, darauf einzugehen. Sollte sie sich eben vorstellen, wie er wie die Wichtel um den brennenden Baum hüpfte und dabei gackerte. Oder an welches fragwürdige Bild auch immer sie gerade dachte.

“Das werde ich”, sagte er stattdessen, “und ich werde es genießen.”

Sie kicherte leise.

“Dabei sind gerade Miss Ophelia Blacks Eiszauber wahrlich vorzüglich, Mylord.”

“Habe ich etwa mehr verpasst, als Schneeniffler in meinem Innenhof?”

“Ihr meint den Nundu im Garten, Mylord?”, fragte sie unschuldig. “Vielleicht.”

Bevor er die dringenden Fragen stellen konnte, die sich daraus ergaben, fügte sie hinzu: “Der junge Mister Phineas Black hat heute seine Magie gezeigt.”

“Oh!”, antwortete er erfreut. “Das freut mich zu hören. Selbst für einen Black ist das ungewöhnlich früh.”

“Das ist es, Mylord.”

Neugierig musterte er seine Dienerin. Dicke, schwarze Locken umrahmten ihr Gesicht. Weder sie noch ihr liebliches Lächeln täuschten über den Schalk in ihrem Blick hinweg.

“Garima.”

“Ich fürchte, er hat versucht, seinen Bruder mit einem von Mister Reubens Schneemännern zu erschlagen.”

Sie musste gesehen haben, wie ihm die Fassung entglitt, denn noch bevor er sich hätte empören können, hob sie beschwichtigend eine Hand. Die Zauberreifen, die sich um ihr Handgelenk wanden, klirrten ein einziges Mal. Das Bedürfnis, ins obere Stockwerk zu hasten, ließ nach. Statt sich abzuwenden, knirschte Phineas mit den Zähnen.

“Garima?”

“Es besteht kein Grund zur Sorge, Mylord”, erwiderte sie gelassen. “Es ist nichts geschehen, was ein einfacher Episkey und ein heißer Tee nicht hätten richten können. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass der junge Mister Sirius es darauf angelegt hat, den Zorn seines Bruders zu beschwören.”

Wenn seine Dienerin dachte, ihn damit besänftigen zu können … nein. Nein. Vielleicht hätte sie das in dem Jahr getan, als Ursula sie als ihre Kammerzofe mit nach Stonecomb Court gebracht hatte. Heute sicher nicht mehr.

Phineas zwang sich dazu, tief durchatmen.

“Hat er ihn mit Schnee beworfen?”

“Mit Tannenzapfen, fürchte ich. Dabei hat er gerufen, es seien haarige Herzen.”

“Erinnere mich daran, Eduardus zu verbieten, ihm noch einmal Märchen vorzulesen. Und seinen Töchtern auch.”

Garimas Mundwinkel zuckten.

“Jawohl, Mylord”, antwortete sie, doch es war die Pflicht, die aus ihr sprach, nicht die Ehrlichkeit.

“Meine Söhne sind zurück in ihrer Kinderstube? Ist Lizzie bei ihnen?”

“Nein. Mylady hat sie nach Hause geschickt, damit sie mit ihren Eltern feiern kann. Mylady ist selbst bei den Knaben.”

“Wenn Ursula bei den Kindern ist, wer beschäftigt die Gäste?”

“Eure Schwester, Mylord.”

“Iola?”

Einen Moment lang stellte er sich die Szene vor, Eduardus’ Brut am Piano Forte, seine Mutter vor dem Baum, Thomas anweisend, sein Großonkel selbst im Feuerschein des Kamins, Iola neben ihm und fixe Ideen über Wahlrecht, Minister Spawin und die neueste Technik der Muggel zwischen ihnen. Beinahe war es ihm, als klänge The Holly and the Ivy durch die geschlossene Türe bis in die Eingangshalle. Als hörte er das Geschwätz über Züge, sich bewegende Fotografien, Glühbirnen.

“Nein, Mylord. Miss Iola Black ist noch nicht zurück”, unterbrach Garima seine Gedanken und zum ersten Mal seit Wochen war er froh, dass er Iolas Anstellung als Schreibkraft im Zaubereiministerium gebilligt hatte.

“Miss Elladora Black ist heute Mittag mit dem Portschlüssel aus Amsterdam angereist, Mylord.”

Die Erleichterung verließ ihn mit einem erstickten Seufzer.

Oh Grundgütiger.

Elladora.

Phineas wünschte, er hätte im Tropfenden Kessel mehr als nur den Feuerwhisky zur Höflichkeit getrunken.

“Wo ist Mycroft? Weist er auch diese unglückseligen Elfen an, glitzernde Tannenzapfen von einem Zweig zum anderen zu hängen?”

“Mister Morris serviert den billigen Wein, Mylord.”

Phineas atmete auf. Wenigstens auf einen seiner Diener war Verlass. Er vertraute inständig darauf, dass der alte Butler diesen bulgarischen Sauvignon Blanc ausgewählt hatte. Oder, besser noch, diesen schrecklichen Fehlkauf aus dem deutschen Reich. Mainz? Meißen? Egal. Es blieb zu hoffen, dass es genügte, um Eduardus die Geschmackssinne gleich mitsamt seinem ungebührlichen Durst zu vertrocknen.

“Gut. Richte ihm aus, dass ich gedenke, dieses Dinner hinter mich zu bringen, noch bevor dieses vermaledeite Weinregal leer ist. Wir tafeln auf, sobald der Braten aus dem Ofen ist.”

“Jawohl, Mylord.”

“Und sag Thomas, er möge aufhören, mit den Elfen zu spielen. Der Braten trägt sich nicht von allein.”

Garima nickte.

“Soll ich Mylady Black benachrichtigen, Mylord?”

Phineas schüttelte den Kopf.

“Das wird nicht nötig sein.” Auffordernd streckte er die Hand aus. Garima gehorchte und überreichte ihm seinen Umhang. “Doch wenn dir ein Zauber einfällt, mit dem man einen Mann in einen Schneeniffler verwandeln kann…”



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Übrigens: Einen Stammbaum der Familie findet ihr hier.
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