Stummer Schrei

von Rudinsten
GeschichteAbenteuer / P18
Caesar Flickerman OC (Own Character)
24.12.2019
21.01.2020
6
9722
 
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Guten Abend meine lieben Leser,

heute mal richtig spät, aber trotz allem noch an einem Dienstag. ;D
Ich darf heute auch SilvereyeFireheart für ein Favo danken und der lieben Anne-Rose für meinen ersten Review auf dieser Seite.
Für alle, die das letzte Kapitel schon vor Donnerstag gelesen haben:
Schaut lieber noch mal rein, ich habe es ein bisschen geändert.
So! Und jetzt viel Spaß beim Lesen. ^^

~*~


Eine Fahrt mit einem der Gefährte der Friedenswächter, bei der mir speiübel geworden ist, und eine riesige Menschenmasse später, in der ich keinen Menschen kannte, stehen wir nun vor einem silbernen Zug. Er ist fast einen halben Kilometer lang und scheint auf den Gleisen zu schweben. Ich beäuge ihn misstrauisch. Wie geht das?
„Magnete, oder irgendwie so was“, antwortet Turmalin auf meinen fragenden Blick. Er steht schon mit einem Fuß auf der Treppe, die in das Innere des futuristischen Zuges führt. Seine Stimmung scheint seit der Menschenmenge stark gesunken zu sein. Sein älterer Bruder ist darunter gewesen. Mir ist schon früher aufgefallen, dass er und Opal keinen guten Draht zueinander haben, aber sie sind ja auch von Grund auf verschieden. Opal ist der absolute Sunnyboy. Er ist inzwischen einundzwanzig und arbeitet unter seinem Vater. Auch er ist immer freundlich zu mir, auch wenn wir nur wenig miteinander zu tun haben. Wohingegen sein jüngerer Bruder immer so tut, als hätte er auf nichts Lust. Natürlich weiß ich, dass er nur eine Maske trägt, die ihn schützen soll.
„Ist alles okay?“, möchte ich von ihm wissen. Es kommt mir so vor, als wäre unser Badboy hier, noch grimmiger als sonst.
„Alles in Ordnung“, entgegnet dieser und tritt die Stufen hoch. Seine schlechte Laune hinterlässt ein flaues Gefühl in meinem Magen. Irgendetwas muss zwischen den beiden vorgefallen sein. Ich habe ihn noch nie so schlecht gelaunt gesehen.
Vlavio, der die ganze Zeit hinter mir steht und aufgeregt mit dem Fuß tippt, wendet sich an mich und sagt: „Bist du bereit, Hübsche? Wir müssen ‪‪Morgen Mittag‬ im Kapitol ankommen!“ In seiner weichen Stimme liegt Eile, aber auch Verständnis. Auch er scheint zu wissen, dass ich Angst habe, unser Distrikt nicht mehr wieder zu sehen.
Ich nicke und steige jetzt ebenfalls die schmale Treppe ins Waggoninnere hinauf. Den Betreuer direkt hinter mir, schaffe ich es nicht mich noch einmal umzudrehen, um einen letzten Blick auf den Bahnsteig zu werfen. Mein Herz schmerzt, als ich spüre, wie sich der Zug in Bewegung setzt. Ich renne panisch an dem Prunk vorbei zu einem der großen Fenster. Draußen rauschen die einzelnen Weiden an uns vorbei, auf denen verschiedene Tierarten grasen. Distrikt 10 ist lange nicht so groß, wie Distrikt 9, geschweige denn Distrikt 11, und doch ist es eines der Größten in Panem. Damit nur gutes Fleisch im Kapitol ankommt, müssen die Tiere gut behandelt werden und dürfen fröhlich über die Weiden springen und das frische grüne Gras essen, während viele von den Bewohnern gerade so genug Platz und Nahrung haben, um zu überleben. So erkennt man leicht, was der Regierung wirklich wichtig ist. Ich bin froh, dass wenigstens die Tiere ein gutes Leben haben, bevor sie geschlachtet werden. Uns Kindern aus den Distrikten ist das nicht vergönnt.
„So, meine lieben Schützlinge. Nachdem ihr ja leider keinen Mentor habt, bin ich derjenige, der das alles mit euch machen muss“, reist Vlavio mich aus meinen Gedanken. „Was wollt ihr wissen?“
Turmalin dreht sich zu uns und grinst mal wieder. „Wo sind unsere Zimmer? Ich will mich mit warmem Wasser duschen!“
„Was habt ihr Distriktler nur immer mit eurem warmen Wasser?“, fragt der Mann. „Du bist bestimmt schon der Fünfte, der diese Frage stellt!“ Verzweifelt legt er seine Stirn in Falten. Wie soll ein Mensch, der mit so vielen heißen Duschen, wie er möchte, aufgewachsen ist, auch einen solch einfachen Wunsch verstehen. „Ich erkläre euch erst mal den Ablauf der nächsten Tage, dann dürft ihr euch frisch machen gehen, einverstanden?“ Wir nicken eifrig und er beginnt zu erzählen.
Ich hätte nicht gedacht, dass überhaupt irgendjemand eineinhalb Stunden ohne Pause reden kann! Jetzt weiß ich, dass es mindestens eine Person gibt. Vlavio hat ohne Punkt und Komma über die Festlichkeiten, wie er es nennt, geredet. Ich konnte dem Ganzen nur mit viel Konzentration folgen. Auch Turmalin schien schon nach wenigen Minuten ab geschalten zu haben. Ich würde es vor unserem Betreuer nicht zugeben, aber wir waren beide glücklich, als er uns endlich zu unseren Zimmern brachte. Nun liege ich hier auf dem riesigen, Rot bezogenen Bett, nachdem ich eine halbe Stunde unter der Dusche verbracht und alle Knöpfe darin ausprobiert habe. Der Letzte hat mich komplett trocken gepustet, mit angenehm warmer Luft. Es ist später Abend und nach all der Aufregung des Tages, bekomme ich langsam Hunger. Zwar würde ich lieber für immer in diesem wundervollen Bett liegen bleiben, aber mein knurrender Magen bringt mich dazu, aufzuspringen. Ich gehe zu der großen Kommode, die aus dunkel glänzenden Holz besteht, und hole aus dem obersten Fach eine, wie sollte es auch anders sein, rote Seidenbluse heraus. Die dazu passende schwarze Leinenhose ist ein Fach tiefer und ganz unten ist die Unterwäsche. Schnell ziehe ich mich an und schaue kurz in den Spiegel. Das dunkle Rot des Oberteils passt erstaunlich gut zu meinen Haaren, die in weichen Wellen über meine Schultern hängen. So gehe ich barfuß in die Richtung, in der ich das Essen vermute. Vlavio hatte tatsächlich vergessen, uns über die Waggons aufzuklären. Nur zwei Räume weiter finde ich einen Raum mit Kristalllüstern, einem gigantischen Esstisch, an dem unser Betreuer und der andere Tribut schon sitzen, und so lecker aussehenden Speisen, wie es vermutlich in ganz Distrikt 10 nicht gibt. Mit leuchtenden Augen sehe ich mich um.
„Wenn du dich nicht beeilst, isst der Kleine hier …“, dabei zeigt der Kapitoler auf sein Gegenüber, das gerade aufgehört hat, an seinem Stück Fleisch zu kauen. „… dir noch alles weg.“ Er klopft auf den Stuhl neben sich. „Komm her, Schätzchen. Iss dich satt!“
Ich schlendere um den langen Tisch herum und lasse mich neben Vlavio fallen. Ein dickflüssiges Giftgrün springt mir nahezu entgegen. Einzelne braune und violette Brocken schwimmen darin umher. Das Braune scheint Fleisch zu sein. Bei den lila Lebensmitteln, die mich stark an Vlavios Farbenfröhlichkeit erinnern, scheint es sich um Obst zu handeln, sicher bin ich mir dabei aber nicht. Ich sehe zwischen dem Essen und Turmalin hin und her, nicht sicher, ob es wirklich essbar ist. „Was ist das?“
Er zuckt nur mit den Schultern und schiebt sich einen weiteren, vollen Löffel in den Mund. Mich ignoriert er gekonnt, als ich ihn böse ansehe, weil er mir keine Antwort gibt. Er lässt sich nicht einmal dazu herab, unseren Betreuer für mich zu fragen. Das Grinsen auf seinem Gesicht beweist, dass er mich des Spaßes Willen so behandelt. Er versteht nicht, dass es für mich nicht witzig ist, wenn ich mich nicht verständigen kann.
Ich stehe vom Tisch auf, hebe meinen Zeigefinger, um zu erklären, dass ich in einer Minute wieder da bin und sprinte in mein Zimmer. Wo war er noch gleich? Vorhin, als ich aus dem Bad kam, habe ich einen Stift gesehen. Aber anscheinend wurde er weggeräumt. Ich sehe in alle Schubladen, aber finde nichts. Wütend stampfe ich mit dem Fuß auf. Was mache ich denn jetzt? Ich trete wieder auf den Gang und sehe mich verunsichert um.
Eine junge Frau in bunter Kleidung kommt an mir vorbei. Ihren Blick hält sie ehrfürchtig gesenkt. Sie ist vielleicht Anfang zwanzig, hat braunes, langes Haar, das zu einem strengen Zopf gebunden ist, und trägt weißes Make-up. Sie bleibt stehen, nachdem ich, fröhlich über mögliche Hilfe, in ihren Weg springe. Noch immer starrt sie auf den Boden.
Ich suche Blickkontakt und winke ihr lächelnd zu. Nachdem sie höflich und zugleich etwas verwirrt zurück genickt hat, mache ich eine Schreibbewegung in der Luft. So möchte ich ihr zeigen, dass ich Papier und Stift benötige. Ich komme mir immer sehr albern vor, wenn ich versuche mit meinen Mitmenschen, meine Art von verbalem Kontakt aufzunehmen. Eine andere Möglichkeit ist mir bislang jedoch auch noch nicht eingefallen.
Plötzlich sieht sie mich prüfend an. Sie schaut vorsichtig nach oben und starrt etwas in der oberen Ecke des Flurs an. Dann sieht sie wieder zu mir. In meiner Sprache meckert sie: „Bist du verrückt? Hier ohne deine Uniform herum zu laufen! Und dann kommst du auch noch aus dem Zimmer der Tributin, in ihrer Kleidung! Hast du das etwa geklaut? Du wirst wieder in die Kanalisation des Kapitols geschickt, wenn sie dich erwischen! Oder Schlimmeres! Geh und zieh dich wieder um, vielleicht hat es niemand bemerkt!“
Mir bleibt kurz der Mund offen stehen. „Du kannst Zeichensprache?“, frage ich verwirrt. Meine Gedanken fliegen wild durcheinander.
„Was soll der Blödsinn?“, fährt sie mich an. „Geh und zieh dich um!“
„Warum sollte ich? Ich wollte doch nur etwas zu schreiben! Um mich ohne Turmalin mit Vlavio zu unterhalten!“ Langsam werde ich sauer. Meine Bewegungen werden ausladender. „Wer bist du überhaupt?“
„Du hast dich nicht mit Vlavio zu unterhalten! Was sollte ein Avoxmädchen mit einem angesehenen Betreuer, wie Vlavio Writer, zu bereden haben?“, meckert sie ebenfalls wütend.
„Ein Was-Mädchen?“, wiederhole ich noch verwirrter als zuvor. „Ich bin Ruby Handerson, die 32. Tributin für Distrikt 10! Ich habe so einiges mit meinem Betreuer zu besprechen! Und ich sage ihm, dass du ganzschön unfreundlich zu mir warst!“ Ich schnaube verärgert und will mich schon zum Gehen wenden, da merke ich, dass mein Gegenüber kreidebleich geworden ist. Zögernd, aber immer noch ein bisschen angefressen frage ich: „Ist bei dir alles in Ordnung?“
Sie regt sich nicht, starrt mich einfach nur entsetzt an. Ein paar Sekunden vergehen, bis sie sich langsam wieder fängt. „Es tut mir unendlich leid, Madam!“, entschuldigt sie sich mit eifrig mit zitternden Fingern. „Ich wusste doch nicht … “ Sie stockt. „Bitte, sagen sie es Mr. Writer nicht! Ich werde ihnen sofort etwas zum Schreiben bringen! Verzeihen sie mir!“ Und ohne auf meine Antwort zu warten, verschwindet sie. Wie von tollwütigen Hunden gehetzt, rennt sie durch eine Tür, in ein anderes Abteil. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie barfuß war.
Ich habe noch nie jemanden aus dem Kapitol ohne Schuhe gesehen, bemerke ich perplex. Die Tatsache, dass das der Punkt ist, der mich stört, lässt mich kurz an meinem Geisteszustand zweifeln.
„Ruby!“, ertönt ein Quengeln hinter mir. „Komm zurück! Vlavio möchte mit uns beiden gemeinsam essen und hat mir verboten mehr zu nehmen, bis du auch einen Teller hattest!“
Ich schüttele meinen Kopf, um die Verwunderung über die Begegnung von eben loszuwerden, und drehe mich lächelnd um. „Wie kannst du nur so viel essen?“