24. Dezember

von -Kim-
OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P12
Farmer (weiblich) Sebastian
24.12.2019
24.12.2019
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Ja, was soll ich sagen. Es ist keines der neun Kapitel, die ich versprochen hatte. Irgendwie brauchte ich ein bisschen Abstand von meinem ursprünglichen Projekt und das ist, was dabei herausgekommen ist.
Auch wenn es kein Slash-Raiting hat, hoffe ich trotzdem, dass dir mein kleines Weihnachtsgeschenk gefällt.

In diesem Sinne,
Frohe Weihnachten Sam :) (und natürlich allen anderen Lesern dieser kleinen Geschichte.)



24. Dezember

„So, kleiner Mann, es wird Zeit für dich ins Bett zu gehen.“, verkündete Kent seinem jüngsten Spross und erhob sich vom festlich geschmückten Esstisch.

„Was? Warum schon jetzt, Papa?“, völlig fassungslos sah Vincent seinem Vater in die Augen. „Wir sind doch gerade erst fertig mit dem Essen geworden.“

„Es ist schon spät, Liebling.“, mischte sich Jodi in das Gespräch ein und lächelte ihrem Sohn liebevoll zu.

„Aber… liest du mir dann wenigstens noch eine Geschichte vor?“, fragte Vincent, „Die mit dem Drachen und der Burg!“ Noch bevor Kent die Chance hatte, seinem Sohn zu antworten, war dieser schon von seinem Stuhl gesprungen und auf dem Weg in sein Zimmer.

Kaum war Kent ihm hinterher gelaufen, rückte auch Sebastian mit seinem Stuhl ein Stück nach hinten. „Ich werd´ euch dann auch mal allein lassen. Vielen Dank für das Essen, Jodi.“

„Du willst schon gehen?“, fragte diese betont überrascht, während sie aufstand und den Topf mit den Resten des Festessens zurück auf den Herd stellte.

„Ja, vielleicht hattest du Recht und es ist besser, wenn ich mal nachsehe, wie es Lia geht.“, murmelte Sebastian leise.

Er machte eine kurze Pause. „Seit einem halben Jahr hab ich nichts mehr von ihr gehört.“

„Ich frag mich sowieso schon die ganze Zeit, warum du noch hier bist.“, kopfschüttelnd schob Sam sich eine Schokopraline in den Mund, „Ich würd das jedenfalls nicht so lange aushalten.“, gab er seinem besten Freund kauend zu verstehen.

Sebastian seufzte. „Das ist nicht so leicht. Eigentlich kann ich nicht einfach dort vorbei gehen. Schon gar nicht heute.“ Fast automatisch glitt seine Hand zu dem Papier, das Sam von der Praline übrig gelassen hatte. Mit kleinen, hektischen Drehbewegungen umspielten seine Finger das kleine Stück Papier, wohingegen seine Mine starr und sein Blick fast leer wirkte.

„Warum nicht?“ Ohne sich der Aufforderung bewusst zu sein, die in ihrer Gestik mitschwang, setzte sich Jodi direkt gegenüber von Sebastian hin.

„Es ist Weihnachten…“

„Eben!“, unterbrach Sam, der endlich nicht mehr am Kauen war,  seinen besten Freund. „Jetzt nimm deine Jacke und geh´ , bevor du es dir anders überlegst.“

„Aber was…“

„Nichts aber… als ob sie dich rausschmeißen würde, wenn du vor ihrer Tür stehst!“

„So sicher wäre ich mir da nicht…“

„Seb, verdammt!“

Ohne sich dagegen wehren zu können, schob Sam Sebastian in den Flur. Während dieser seine schwarze, von innen mit Fell ausgekleidete Stoffjacke überzog, schaute Sam durch die Glasscheiben der Haustür hinaus in die von Dunkelheit gezierte Schneelandschaft. „Die Gehwege sind noch nicht zugeschneit – also bist du sogar relativ schnell bei ihr. Egal, ob du über den Hof gehst oder nicht.“

„Ich werde ganz sicher nicht über den kompletten Hof laufen.“, entgegnete Sebastian nur, der für den Moment etwas mehr Mut geschöpft zu haben schien. „Dort ist mit Sicherheit alles zugeschneit.“

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Zusammengekauert hockte Lia auf dem Sofa vor dem knisternden Feuer des Kamins.

Müde lehnte sie ihren Kopf gegen die Wand, eingehüllt in eine flauschige, hellblaue Decke. Ihre Augen waren glasig, rot unterlaufen, und das Taschentuch, das sie in ihrer zitternden Hand hielt feucht und zerknüllt. In ihrem Kopf drehte sich alles, von Gedanken benebelt starrte sie in die lodernden, hellen Flammen des Feuers.

Die sonstige Stille im Raum war beruhigend und doch gleichzeitig erdrückend, bis ihr Magen sich erneut zu Wort meldete.

Sie hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Wie auch? Sie würde ja eh nichts hinunter bekommen. Abgesehen davon, hatte der Kühlschrank bis auf eine angefangene Packung Milch und einem kleinen Stück Butter nicht viel zu bieten.

Vielleicht Plätzchen? , dachte Lia und schlürfte mit ihren Hausschuhen in die kleine Küche ihres Hauses, um in einem der Hängeschränke nach weiteren Zutaten zu suchen.

Tatsächlich fanden sich dort noch Zucker und Mehl. Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass das Backen ihr Freude bereitete, allerdings ließ es die Zeit ein bisschen schneller verstreichen.

Nachdem das Blech im Ofen verschwunden war, kehrte Lia zu ihrem Sofa zurück. Immer noch müde strich sie sich eine türkise Strähne aus dem Gesicht und ließ ihren Kopf auf ein Kissen sinken. Das Backen war anstrengender als gedacht. Für einen Moment schloss sie die Augen, doch das Gefühl der Leere stieg wieder in ihr auf. Gerade als sie mit leichtem Druck ihren Unterkiefer gegen ihre Lippe drückte, klingelte es an der Tür.

Lia wollte den Namen nicht denken. Doch sie tat es trotzdem. Es ging nicht anders.

Sebastian.

Er konnte es nicht sein. Warum sollte er gerade heute bei ihr klingen, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt? Mit Sicherheit hatte er besseres zu tun.

Auf dem kurzen, kaum zehn Schritte langen Weg Richtung Tür schwankten ihre Gefühle zwischen Hoffnung und Angst.

Die Hoffnung, dass es tatsächlich Sebastian war, der vor ihrer Tür stand, führte unweigerlich dazu, dass auch Angst sich in ihr ausbreitete. Viel zu oft hatte sie in den vergangenen Monaten darüber nachgedacht wann sie sich wohl das nächste Mal sehen würden und wie sie dann reagierten. In ihrer Fantasie reichte es von verachtender Kälte bis hin zu einer fast normalen Unterhaltung.

Mit jedem Schritt spürte Lia, wie ihr Brustkorb sich mehr und mehr zusammenzog. Zittrig rang sie noch einmal nach Luft, bevor sie endlich die Tür öffnete.

„Hey, Lia.“ Tatsächlich war es Sebastian, der vor der zugeschneiten Treppe der Veranda stand. Ein schwarzer Wollschal umhüllt die Hälfte seines Gesichtes.

„Seb… was … ist was passiert?“, zaghaft trat Lia ein Stück hinter der Haustür hervor, sodass die Spitzen ihrer Hausschuhe leicht mit dem Schnee in Berührung kamen.

„Oh, nein ich…“, stockte er. Es war kaum zu übersehen, wie schwer ihm dieser Satz über die Lippen kam. „Ich wollte nur nachschauen wie es dir geht.“

Betreten schaute Lia auf den kleinen Haufen Schnee, der sich auf ihren Schuhen gebildet hatte.  „Es war schon mal besser.“, entgegnete sie ruhig, während sie krampfhaft versuchte nicht wieder zu Sebastian hochzuschauen. Vermutlich dachte sie, so zumindest einen Teil ihrer Gefühle verstecken zu können.

Er ging auf ihre Antwort nicht ein. Es war ohnehin kaum zu übersehen, dass es Lia nicht besonders gut ging. Sie war dünner geworden seit ihrer letzten Begegnung im Sommer. Überhaupt wirkte ihr Erscheinungsbild nicht so, als würde sie groß auf sich selbst Acht geben. Das schwarze Junimo- Shirt, das sie trug hatte mal ihm gehört.

„Feierst du nicht bei deiner Familie Weihnachten? Ich hab ehrlich gesagt nicht wirklich damit gerechnet dich hier zu sehen.“, fragte Sebastian nach einem Moment und fuhr sich dabei verlegen durch sein Haar.

„Ich wollte alleine sein. Jodi hat mich auch eingeladen, aber ich hab ihr abgesagt. Vermutlich würde ich ihr eh nur die Stimmung vermiesen.“, überlegte sie kurz, „Okay, ich hätte dort wahrscheinlich bessere Plätzchen bekommen, aber was soll´s… immerhin sind meine auch gleich fertig.“

„Du backst Plätzchen?“, fragte Sebastian ungläubig. Sein Blick fiel auf die Armbanduhr, die locker an seinem Armgelenk befestigt war. „Es ist kurz nach neun.“

„Und du stehst vor meiner Tür.“, antwortet Lia trocken.

Touché, dachte Sebastian und konnte sein darauf folgendes Lächeln nicht unterdrücken. Er kam allerdings nicht mehr dazu, seinen Gedanken mehr Worte zu verleihen, denn im selben Augenblick ertönte plötzlich der hohe, quietschende Schrei des Feuermelders aus dem Haus. Lias erschrockenes Gesicht fuhr sofort nach hinten. Ein Rauchschwall stieg ihr direkt entgegen.

Ohne zu zögern eilte Sebastian mit großen Schritten die Treppe der Veranda hoch an Lia vorbei zum dem qualmenden Herd. Während er seinen linken Ärmel gegen die Nase presste, um wenigstens ein bisschen Schutz vor dem austretenden Rauchschwall zu haben, griff seine andere Hand hektisch nach einem Topflappen und öffnete so den Ofen. Erleichtert aufatmend stellte Sebastian fest, dass die Plätzchen selbst noch kein Feuer gefangen hatten. Sie waren lediglich verkohlt.

Im Hintergrund hörte er Lias Stimme, doch der Feuermelder war zu laut, um zu verstehen was sie gesagt hatte. Suchend glitten seine Augen durch die Umgebung. Mit einem Ruf und einer schnellen Handbewegung deutete er seiner Exfreundin ihm den Stuhl aus der hinteren Ecke des Zimmers zu bringen.

Es waren nur ein paar geschickte Handgriffe nötig, um das schreiende Konstrukt zum Verstummen zu bringen.

Mit zitternden Händen bedeckte Lia ihr Gesicht. Sie schaffte es nicht noch länger das in ihr aufkommende Schluchzen zu unterdrücken.

„Hey, es ist doch alles gut.“, flüsterte Sebastian, der gerade von dem Stuhl gesprungen war. „Es ist doch gar nichts passiert.“ Vorsichtig, als hätte er Angst ihr wehzutun, wenn er sie berührte, nahm er Lia in den Arm.

„Alles gut?“, wiederholte sie ungläubig seine Worte. „Nichts ist gut Seb. Ich krieg´ es ja nicht mal hin Plätzchen zu backen.“ Ihre Worte zerflossen zu einem leisen Schluchzen, was Sebastian nur dazu brachte, sie fester an sich zu drücken. „Ist schon gut.“, hauchte er und hasste sich schon im nächsten Moment dafür. Er hätte wohl kaum etwas Unpassenderes sagen können.

Sam hatte Recht gehabt. Wieso hatte er nur so lange gewartet?

Lia konnte nur schwer einschätzen, wie lange die beiden so da standen, wie lange sie gebraucht hatte, um sich zu beruhigen. Sebastians Körperwärme war ungewohnt und doch irgendwie vertraut. Als sie den Duft seiner von Zigaretten-Qualm eingenommenen Jacke wahrnahm, musste sie unweigerlich husten. Sie würde sich wohl nie an diesen furchtbaren Geruch gewöhnen.

„Ich mach´ mal die Tür zu. Es wird langsam ganz schön kalt hier.“, murmelte Sebastian bevor er sich aus der Umarmung löste und eilig zur noch immer offenen Haustür ging. Lia entsorgte derweil die verbrannten Plätzchen und so kamen beide fast zeitgleich am khakigrünen Sofa an.

„Danke.“, flüsterte Lia und legte sich ihre hellblaue Decke über die Schultern. Sebastian fand neben ihr Platz.

„Ach was, nicht dafür.“

„Ich würde dir ja Plätzchen anbieten, aber die sind wohl leider aus, schätze ich.“

„Ich hab schon gegessen. Jodi hatte mich auch zu ihrem Essen eingeladen.“

„Warum bist du dann her gekommen?“

„Lia …ich … wir haben uns seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen und ich dachte einfach, dass …“, Sebastian seufzte, „Ich wollte einfach wissen wie es dir geht.“

Schnaubend sah Lia an sich herunter. „Es ist wohl kaum zu übersehen, wie es mir geht, oder?“ Der selbstironische Klang ihrer Stimme hatte beinahe eine überspitzende Wirkung auf ihre Aussage.

„Es tut mir leid.“, sagte Sebastian, mehr zu sich selbst als zu ihr und stützte seinen Kopf mithilfe seiner Hände auf den Knien ab.

„Was ändert das?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht will, dass es dir so schlecht geht.“

Lia schwieg. Sie konnte nicht abschätzen, ob dieses Treffen zu ihrem Wohlbefinden oder dem genauen Gegenteil beitrug.

Die Stille zwischen den beiden hielt eine Weile an. So lange, bis Sebastian einen Entschluss fasste. Ihm war bewusst, dass er einen beachtlichen Teil zu ihrem Allgemeinzustand beigetragen hatte. Und er konnte sie unmöglich so allein lassen.

„Du hast sicher Hunger, oder? Ich kann was zum Essen kochen, wenn du magst.“ Es fühlte sich komisch an, diese Worte zu sagen. Doch Essen würde Lia mit Sicherheit gut tun. Reden könnten sie später immer noch.

„Ich weiß nicht genau was noch da ist.“, antwortete sie abwesend. Ihr Blick war auf das immer kleiner werdende Feuer gerichtet.

Sebastian erhob sich und ging in die Küche. Nach einer guten halben Stunde kam er mit einem gefüllten Teller und einer Gabel zurück. „Ich hoffe du bist mit Omelett zufrieden. Viel mehr hattest du tatsächlich nicht da.“

Überrascht schaute Lia zu, als Sebastian ihr einen Teller reichte und sich neben ihr niederließ.

„Danke.“, murmelte sie leise und griff nach ihrer Gabel.

Während er darauf wartete, bis Lia ihre Portion fasst aufgegessen hatte, inspizierte er ein wenig das Wohnzimmer. Sie sollte zumindest etwas im Magen haben, für den Fall, dass das Gespräch sie zu sehr ablenken würde. Ihm war vorher noch nicht aufgefallen, dass von weihnachtlichen Dekorationen selbst die kleinste Spur fehlte. Vielmehr erinnerte ihn der Raum an sein eigenes, chaotisches Zimmer als er noch ein paar Jahre jünger gewesen war: überall lagen getragene Klamotten rum und halbleere Teller häuften sich neben leeren Plastikflaschen auf dem Fußboden.

„Also…“, schluckte Sebastian, „Was hast du so gemacht in den letzten Monaten?“

„Nichts…“ Sie zögerte für einen Moment. „Nichts Besonderes. Ich … war ein paar Mal bei Leah, hab´ mit ihr gemalt und geredet. Aber die meiste Zeit war ich hier, damit beschäftigt irgendwie von dem Sofa aufzustehen und nicht direkt nach dem

Frühstück wieder einzuschlafen.“

„Und … der Hof?“, erkundigte Sebastian sich zaghaft.

„Im Sommer konnte ich den Rest der Ernte noch verkaufen. Das Meiste hab´ ich aber aufgehoben. Im Herbst … hab ich mich um nichts gekümmert. Es ging einfach nicht. Wie gesagt ich war froh, wenn ich überhaupt aufstehen konnte.“

„Warst du wenigstens bei Harvey?“

Sie schüttelte nur mit dem Kopf. „Der hätte mir ja auch nicht bei der Hofarbeit helfen können.“

„Ach Lia…“, flüsterte er kaum hörbar.

„Naja…dir scheint es zumindest leichter gefallen zu sein als mir.“

„Nicht wirklich.“, kopfschüttelnd legte Sebastian seine Hände ineinander. „Am Anfang hab ich noch versucht mich durch programmieren abzulenken, danach hab ich all meine Comics vorgekramt und darin gelesen. Geholfen hat das aber auch nicht. Irgendwann hat Sam mir dann mein Handy weggenommen.“

„Also warst du oft bei ihm?“

„Die meiste Zeit, ja. Jodi hatte schon Angst, dass ich bei ihr einziehen könnte.“

„Als ob sie das groß stören würde.“ Ein leichtes Lächeln zeichnete sich auf Lias Lippen ab.

„Was würdest du jetzt am liebsten machen?“, fragte Sebastian schließlich. Vielleicht könnten sie beide etwas Ablenkung gebrauchen. So absurd das auch klang. Immerhin saßen sie hier nebeneinander.

„Ich weiß nicht.“, antwortete Lia und musterte dabei Sebastians nachdenkliche Miene. „Was schwebt dir vor?“, fragte sie vorsichtig.

„Wir könnten was zusammen schauen. Vielleicht finden wir ja eine neue Serie oder so. Oder wir zocken was, je nach dem was du noch hier hast.“

Kaum hatte Sebastian aufgehört zu sprechen, verzog sich Lias Gesicht zu einer schmerzerfüllten Miene.

„Hab ich was Falsches gesagt?“, fragte er unsicher.

„Nein“, schüttelte Lia den Kopf, „Es ist nur … ich verstehe es nicht. Ich meine … Warum bist du hier? Heute? Und warum bist du so verdammt lieb zu mir?“

„Lia, du solltest heute wirklich nicht alleine sein.“, brachte Sebastian ruhig hervor.

Enttäuscht streifte sie ihre hellblaue Decke von den Schultern. „Du hast also Mitleid mit mir?“ Seufzend ließ sie ihren Kopf in den Nacken fallen, um so die in ihr aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. „Das brauch ich nicht, Seb.“

„Lia…“ Verzweifelt suchte Sebastian nach den richtigen Worten. „So war das doch gar nicht gemeint.“

„Aber so hast du es gesagt.“ Die Weinerlichkeit in ihrer Stimme war kaum zu überhören.

„Ja verdammt!“, brach es aus Sebastian heraus, „Ja ich habe Schuldgefühle, mehr denn je seitdem ich an deiner Tür geklingelt hab.“ Er atmete schwer. „Und ich weiß, dass es schwachsinnig ist, jetzt auf einmal zu erwarten, dass ich dir helfen kann nur durch ein Omelette oder irgendeine Serie. Aber du bist mir einfach nicht egal, Lia.“

„Und das fällt dir jetzt ein?“, ihre Stimme bebte fast, als sie diese Worte sprach. „Ich meine, die letzten sechs Monate … Was dachtest du dir da? ´Oh, Lia ist mir so wichtig. Am besten, ich geh´ ihr mal komplett aus dem Weg?´“

„Ja!“, rief Sebastian inbrünstig, noch bevor er sich der Bedeutung seiner Wortwahl bewusst wurde. „Ich meine, nein…also ja … es…“, er schüttelte mit dem Kopf. „Ich dachte es wird leichter. Leichter, wenn wir uns nicht sehen – für dich, für mich. Aber es ist nicht besser geworden. Kein bisschen. Ich hab gehofft, dass es so ablaufen wird wie sonst auch: es wird wehtun, es wird dich an allem zweifeln lassen, aber irgendwann kommt dieser eine Tag an dem es nicht mehr ganz so dolle schmerzt und völlig egal wie schlimm die darauf folgenden Tage werden – dieser Tag ist der Anfang davon, dass es irgendwann wieder halbwegs normal wird. Doch bis jetzt kam der Tag noch nicht.“

Erneut bahnten Tränen sich den Weg über Lias Gesicht, diesmal zu schnell um sie zurückhalten zu können. Nervös biss sie auf ihrer Unterlippe herum, bevor sie antwortete. „Ehrlich gesagt, glaube ich nicht daran, dass es nochmal besser wird.“, flüsterte sie und sah Sebastian direkt in die Augen.

Das Leid und die Selbstironie, die sich darin wiederspiegelten, fügten ihm fast körperlichen Schmerz zu. Am liebsten hätte er sie einfach nur in den Arm genommen.

„Vielleicht …ist es ja leichter, wenn wir zusammen warten, bis es besser wird.“, murmelte er in die Stille, nachdem für eine Weile keiner von ihnen etwas gesagt hatte.

„Du meinst, so lange bis wir diese Diskussion hier beendet haben?“, fragte Lia und umhüllte sich wieder mit ihrer Decke.

Endlich war in Sebastians Mimik der Ansatz eines Lächelns zu sehen. Der schwerste Teil des Gesprächs war  – zumindest fürs Erste - überstanden. „Denkst du sie wird noch länger dauern?“

„Ich hätte jedenfalls nichts gegen eine Pause.“

„Schätze dann wird es wohl doch auf eine neue Serie hinaus laufen.“, verkündete Sebastian mit für ihn untypischer Selbstsicherheit.

Nun zwang auch Lia sich zu einem müden Lächeln. „Du bist furchtbar, weißt du das?“, fragte sie ihren Streitpartner, der schon die Fernbedienung in der Hand hielt, um das passende Programm zu suchen.

Schon kurz nachdem die Serie startete, konnte Lia ihr Gähnen nicht mehr zurückhalten. Auch das Feuer war mittlerweile soweit herunter gebrannt, dass es nur noch als kleine Lichtquelle neben dem Fernseher diente.

„Lia?“, fragte Sebastian, kurz nachdem die Anfangssequenz vorbei war und das Titelbild eingeblendet wurde. „Kann ich dich nochmal kurz in den Arm nehmen?“

Er wirkte unsicherer als vorhin. Verständlicherweise. Lia selbst war zu erschöpft, um diese Frage zu überdenken. Es war so viel passiert heute. Was machte da schon diese kleine Umarmung?

Und so sank sie ohne ein Wort zu hinterfragen mit bereits geschlossenen Augen in seine Arme. Der Geruch, der ihr diesmal in die Nase strömte, als sie ihren Kopf auf seiner Schulter ablegte, war eine Mischung aus dem Rauch der verbrannten Plätzchen und süßlichem Deodorant.

Nachdem beide sich wieder aus der Umarmung gelöst hatten, nahm jeder eine für sich bequemere Position ein.

Während Lia sich quer auf der gesamten Länge des Sofas hinlegte, hockte Sebastian, den Kopf an ein Kissen gelehnt,  sich in die hintere Ecke, sodass ihre Fußspitzen sich gelegentlich berührten.

Wie sich herausstellte, kannte Lia die Serie bereits. Es war die Verfilmung eines Spiels, das auch Sebastian nicht unbekannt war.

„Oh, die hab ich schon gesehen.“, erwähnte sie beiläufig nachdem die Serie schon ein paar Minuten lief und richtete ihr Kissen auf, um eine bessere Sicht auf den Bildschirm zu haben.

„Ist sie gut?“

Das darauf folgende Gespräch hatte fast den Anschein als würden zwei Freunde miteinander reden. Keine Ängste etwas Falsches zu sagen oder den anderen mit seinen nicht ganz so bedachten Worten zu verletzen, keine unterschwelligen Seitenhiebe oder Schuldzuweisungen.

Einfach nur ein Gespräch.

Doch mit der Zeit wurden Lias Antworten immer knapper und die Abstände, in denen sie miteinander sprachen immer größer. Seufzend strich Sebastian ein paar Strähnen aus seinem Gesicht. Hatte er doch etwas Falsches gesagt?

Behutsam beugte er sich nach vorne, sodass er nicht laut reden musste, um von ihr gehört zu werden. Ein paar seiner eben zurück gestrichenen Strähnen, fielen herab auf ihr Gesicht.

„Ist alles okay bei dir?“, hauchte er flüsternd, während seine Lippen fast ihren Kopf berührten.

„Ich bin nur müde.“, murmelte sie, kaum in der Lage die Augenlieder offen zu halten.

„Dann schlaf doch ein bisschen. Noch ist die Sonne nicht wieder aufgegangen.“„Ich will nicht.“

„Warum nicht?“

„Was mach ich, wenn du nicht mehr da bist, wenn ich aufwache?“

„Ich werde da sein.“

„Versprochen?“

„Versprochen.“
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