Nicht mehr nur in meinem Kopf.

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
23.12.2019
19.01.2020
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Genre: Tagebuch, Slice of Life, Angst, Schmerz, Mut, Leben, Mental Disorder, Mental Health
Anmerkung: Zweiter Brief der Challenge im Selbsthilfeforum, der im Dezember entstanden ist und den eigentlich zuerst geschrieben haben. Verwirrend, verzeiht.
Beta: Nicht korrekturgelesen, da ich im Moment zu angstbesetzt bin, dass einzufordern/anzufragen.



Heute beginnt mein Morgen.


Ich weiß nicht, ob es rechtens ist, dass ich mit dem zweiten Brief beginne ... aber ich muss, ich muss mit diesem Brief anfangen. Muss meinen Gedanken Luft machen, meinen Emotionen. Muss in diesen Tagen nach vorn schauen, nicht zurück.
Nach vorn.
Immer weiter und weiter und weiter.
Mit dem Wind rennen, den Wölfen den Mond anheulen und gegen die Wellen des Universums anschreien.
Immer weiter. Fallen, straucheln ... aufstehen, aufstehen, aufstehen.

Und dabei kann ich nicht einmal weit in die Zukunft blicken, aber ist 2020 nicht weit genug? Sind 4 Wochen manchmal nicht die Ewigkeit, die Leben rettet? Mein Herz rast, mein Kopf pocht; ja, die Mundwinkel zucken.

Hallo Leben; Zukunft.


Wir beide wissen, dass das letzte Jahr scheiße war; mehr als nur scheiße. Dass die letzten Jahre eigentlich nicht einmal als "Leben" betitelt werden können. Wann hat "Leben" aufgehört Leben zu sein? Ich weiß es nicht mehr und ich hasse es. Es macht mich wütend, lässt mich rasen. Lässt mich schreien und beißen. Kratzen und treten. Wenn ich an dich denke, 2020, so habe ich das Gefühl, jeden Moment an einem Zuckerschock zu sterben, abartig viel Karies zu bekommen. Mein Mund verklebt vor Zucker und die Augäpfel scheinen einfach aus ihren Höhlen zu kullern. Wer braucht schon Sauerstoff, wenn er herausgefallene Augäpfel und Kopfdurchzug haben kann? Pah!

Lass mich dir sagen, liebes Leben, das meine Zeit gekommen ist. Lass mich dir sagen, dass ich kein Spielball mehr sein möchte. Lass mich dir sagen, dass ich kämpfen kann, dass ich kämpfen werde. Ich habe Pläne, hast du gehört? Ich habe Träume und Ziele, habe so viel Liebe und Farbe, dass du mir nichts anhaben kannst.
Nicht die Dämonen in meinem Kopf, oder jene, die um mich herumschleichen. Ich weiß nicht, wie es passiert ist und vielleicht weiß ich es doch ... das erste Mal seit Jahren habe ich das Gefühl ... als wäre ich aufgewacht. Als hätte ich die Augen geöffnet. Schmetterlinge in meinem Bauch; Schreie, die meine Kehle emporkriechen. Ich habe eine Stimme, eine verdammt laute Stimme.
Ich kann mutig sein, werde mutig sein. Nicht noch ein Jahr werde ich mir nehmen lassen, nicht noch ein Jahr. Nein. Und ich werde dir ins Gesicht speien, dass ich mich nicht mehr in Ketten legen lasse, dass ich die ersten Schritte in Richtung Freiheit machen werde, vielleicht schon gemacht habe.

Es werden die Tage kommen, in denen ich nicht mehr nur mit Worten um die Wette laufe, sondern mein Körper wieder Kraft hat ... meine Füße den Asphalt und Waldboden hinter sich lassen. Springen. Rennen. Fliegen. Freiheit. Meinen Körper spüren, außer Atem kommen. Ich werde rennen, werde laufen ... mein Longboard hervorholen und mit L. um den See fahren. Ich werde lachen, auf die Fresse fliegen und mir einmal mehr fast alle Knochen brechen, da ich ein Körperklaus bin. Ich werde meine beschissene Regelblutung zurückbekommen, vor Krämpfen heulend im Bett liegen und mir von St. Suppe kochen lassen. Ich werde mit meinen besten Freunden an die Ostsee fahren, einmal mehr einen Schreiburlaub einlegen. Jeden Tag am Strand spazieren, abends Anime und Star Trek schauen, um sie dann mit Kpop zu beschallen und vor Euphorie nicht schlafen können.
Ich will nicht in eine verdammte Wohngruppe ziehen. Ich werde meine Festung verteidigen, werde um meine Freiheit kämpfen. Endlich mein BWL-Studium antreten, wieder arbeiten gehen. Atmen, atmen. Ich werde atmen. Verdammt, ich werde so viel atmen, du wirst dich wundern.

Babyschritte werde ich gehen und diese Babyschritte werden meine Babyschritte sein. Ich will nicht mehr aussehen wie eine ausgemergelte Leiche, ich will wieder in meine Kleider passen, mir neue kaufen können. Will auf die Leipziger Buchmesse gehen und das Wave-Gotik-Treffen zusammen mit meinen Liebsten unsicher machen. Meine Brieffreundin aus Italien treffen.

Ich habe Pläne, ich habe Träume. Ich will backen und kochen, die Küchen fremder Länder entdecken, mich auf Tumblr verlieren und eine Inspiration sein. Kreativ will ich schreiben, mich verwirklichen.
Babyschritte werde ich gehen. Babyhüpfer probieren und die Hand Richtung Sonne ausstrecken.

Da mag so viel scheiße passiert sein, die ich nicht ändern kann und das ist in Ordnung. Mein Schwert und Schild sind gezeichnet von Krieg, wundervoll bunte Narben im damals, im heute und im für immer. Ich bin hier. Jetzt. Damals. Dann.
In mir lebt ein Universum, ein Regenbogen ... ein Topf voll Gold.

Und ich drehe mich im Kreis, schreie alles aus mir heraus ... weine Tränen des Urknalls und stehe dem Drachen gegenüber.
Mein Lächeln wird ... die Blätter der Bäume in Zuckerwattenblau färben und die Ozeane in Kakao verwandeln.

2020... all das wird nicht in den nächsten 12 Monaten geschehen, aber Babyschritte sind Schritte. Ich werde sie gehen, ich werde kämpfen. Nicht aufgeben, habe Blut geleckt und die Flügel ausgebreitet. Zum Fliegenlernen gehört auch die ein oder andere Bruchlandung.



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