Complicated

OneshotHumor, Freundschaft / P12
Edgar Allan Poe Ranpo Edogawa
23.12.2019
23.12.2019
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[Frohe Fast-Weihnachten an alle, die es feiern, schönen 23. Dezember an alle, die es nicht tun, und besondere Grüße an Cold Blood :D
Die Ideen, die man mitten in der Nacht hat, sind ja meistens die besten. In diesem Sinne hoffe ich, dass euch diese Sammlung an ooc-ness gefällt. Das ist es, was herauskommt, wenn ich mich an Comedy versuche. Außerdem hat dieser Ship eindeutig mehr Aufmerksamkeit verdient.
Der erste, der das Noragami- Zitat findet, darf sich etwas wünschen. :D]

***


„Yosano! Yosanooo…“

Die in die Länge gezogene letzte Silbe, die den leidenden Tonfall noch unterstützen sollte, wurde durch ein Niesen unterbrochen, gefolgt von einem wimmernden Geräusch, das wohl nur Ranpo selbst richtig zuordnen konnte. Trotz des offensichtlichen Leidens ihres wertvollsten Mitglieds reagierte erst einmal keiner der anwesenden wehrhaften Detektive, nicht einmal die Angesprochene selbst.

Ranpo schniefte, was jedoch nur dazu führte, dass sein Kopf zu schmerzen begann und er wieder aufhörte. Dass er damit sogar die Aufmerksamkeit seiner Kollegin auf sich zog, war ein schwacher Trost. „Ich habe es dir schon gesagt“, erinnerte sie ihn im Vorbeigehen. „Ich kann dir leider nichts dagegen geben. Aber das ist nur eine Erkältung. Morgen wird es dir schon besser gehen.“

Statt einer richtigen Antwort machte Ranpo nur ein Geräusch wie ein verletztes Tier und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Ja, natürlich, das hatte er schon gewusst, immerhin war er ein Genie. Und Yosano erklärte es ihm zum vierten Mal in dieser Stunde, aber das hatte mit Sicherheit nichts damit zu tun. Er wollte nur nicht glauben, dass es nichts gab, was sie noch für ihn tun konnte. Würde seine beste Freundin ihn einfach so sterben lassen? Nur eine Erkältung… sicher, Yosano war Ärztin, aber sie konnte sich auch irren, oder? Ranpo war nicht ohne Grund der beste Detektiv in dieser Organisation, als ob er es da nicht spüren würde, wann es mit ihm zu Ende ging. Und das war ein solcher Zeitpunkt, das wusste er.

Dass er nichts sagte, lag daran, dass er die erste Stunde, die er heute bereits im Büro verbracht hatte, hauptsächlich damit verbracht hatte, eben das zu erklären. Was anfangs in Besorgnis und einer Untersuchung durch Yosano begonnen hatte, hatte sich schnell zu der Bitte, endlich ruhig zu sein, sie hätten schließlich eine ganze Menge Arbeit, gewandelt und hatte sogar in einer Mahnung von Fukuzawa geendet. Außerdem hatte Atsushi dann angeboten, mit ihm zum Einkaufen in die Stadt zu fahren, wenn er wieder gesund war (was auch der hauptsächliche Grund war, warum Ranpo nicht mehr beleidigt war). Dennoch hatte Atsushi seiner Meinung nach nicht eingesehen, dass er diese Krankheit vermutlich nicht überleben würde. Aber der Kleine war ja auch noch irgendwie neu und Fukuzawa hatte gesagt, sie sollten nett zu ihm sein, deshalb hatte Ranpo beschlossen, ihm wenigstens die Absicht gut anzurechnen.

„Ranpo.“ Die Stimme des Chefs holte ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück und er schaffte es sogar irgendwie, den Kopf in dessen Richtung zu drehen. Selbst Fukuzawa saß hinter etwas, das Ranpo vage als Akten zuordnete (er hatte keine Erfahrung mit diesem Papierkram, schließlich war er für weitaus wichtigere Dinge zuständig), sah von dort aus aber zu ihm hinüber. „Warum gehst du für heute nicht nach hause und ruhst dich aus?“

Ranpo zögerte. Wollte sein Chef sich in seinen letzten Stunden nicht mehr von ihm verabschieden? Aber gut, irgendwie konnte er das nachvollziehen, auch, wenn es ein bisschen wehtat.

Eine neue Welle an Kopfschmerzen nahm ihm die Entscheidung aber ab. Er wäre schließlich sowieso nicht derjenige, dem seine Fehlentscheidung später leid tun würde. „Danke.“ Er hatte gehofft, seine leidende Stimme würde Fukuzawa noch einmal zeigen, wie schlecht es um ihn stand, aber der nickte nur, bevor er sich wieder der Arbeit zuwandte.

Überhaupt schien keiner seiner Kollegen so richtig zu erkennen, dass sie ihn gerade vielleicht zum letzten Mal lebendig sahen. Die einzige Reaktion, die sich nicht auf ein „Gute Besserung“ beschränkte, kam von Dazai, der fast zeitgleich mit Ranpo aufsprang und mit etwas zu großer Begeisterung anbot, ihn zu begleiten. Und auch das nur einige Sekunden, bevor ihm Kunikidas Ideale an den Kopf flogen und kurz darauf auch dessen Faust, als Kunikida selbst aufstand, um sein Notizbuch zurückzuholen (wahrscheinlich wusste er so gut wie alle anderen im Raum, dass Dazai es ihm vermutlich nie zurückgegeben hätte), und damit hatte sich auch das erledigt. Also verließ Ranpo das Büro ganz allein, obwohl es ihn persönlich nicht gestört hätte, wäre Dazai mit ihm gekommen. Allein schon deshalb, weil er dann die Bahn hätte nehmen können.

Ganz so ruhig wurde es allerdings doch nicht im Büro der wehrhaften Detektive. Bereits nach wenigen Minuten relativ ungestörter Arbeit ertönte ein leises Klopfen an der Tür, gefolgt von einem bekannten, aber recht unerwarteten Gesicht. „Verzeihung, ich wollte fragen… ist Ranpo hier?“

***


Das musste sein Glückstag sein.

Poe lief schneller als gewöhnlich, was Karl mit einem unzufriedenen Grummeln bestrafte. Er vermerkte zwar in Gedanken, sich später bei seinem Haustier zu entschuldigen, wurde aber nicht langsamer. Dafür war er im Moment zu entschlossen, zu nervös- zu aufgeregt. Und das durfte er auch sein, fand Poe. Immerhin bot sich heute eine vielleicht einmalige Gelegenheit, und er würde sie nutzen.

Zugegeben, er hatte nicht viel Vertrauen in den Stapel Papier, den er in den Händen hielt und fest an sich presste, gehabt. Keiner seiner Krimis hatte bisher den ultimativen Test überstanden, Ranpo Edogawa noch nicht auf der ersten Seite das Ende zu verraten. Statistisch gesehen hatte es keinen Grund für ihn gegeben, seinem Rivalen auch dieses Manuskript zu zeigen. Es war mehr so ein Gefühl gewesen, das sich Poe selbst nicht hatte erklären können, aber jetzt verstand er. Es musste Schicksal gewesen sein, oder irgendeine höhere Macht.

Nein, er hatte nicht erwartet, dass dieser Krimi sich von seinen Vorgängern unterscheiden würde. Inzwischen hatte er es auch aufgegeben, die Schuld dafür allein bei sich selbst zu suchen. Gegen Ranpo kamen nicht nur seine detektivischen Fähigkeiten nicht an, sondern auch sein Talent als Autor. Aber der Meisterdetektiv war krank, und vielleicht würde es ihn ja ein bisschen ablenken… In jedem Fall sah Poe seine Chancen auf einen Sieg, sei es auch nur metaphorisch, steigen.

Ranpos Adresse kannte er; es war das mindeste, wie er fand, schließlich war er immer noch ein Detektiv und Ranpo sein Rivale-Schrägstrich-bester-Freund-Schrägstrich-wasauchimmer, auf jeden Fall hatte es Poe für notwendig empfunden, herauszufinden, wo er wohnte, sei es nur für Notfälle. Zu diesem Zeitpunkt hatte er zwar nicht gedacht, dass es sich auf diese Weise rentieren würde, aber das war eindeutig ein solcher Notfall.

Es dauerte keine fünf Minuten, bis er diese Adresse auch erreicht hatte und zu Karls Zufriedenheit endlich stehen blieb. Die Zeit, die er durch sein Tempo eingespart hatte, machte er leider allerdings wieder wett, als er einige Minuten nur überlegte, wie er wohl jetzt hineinkommen würde. Klingeln oder Klopfen? Nein, das wollte er nicht, schließlich war Ranpo krank, und selbst, wenn er aufstehen würde, um die Tür zu öffnen (was Poe an diesem Punkt bezweifelte), würde er, Poe, sich nur schlecht fühlen. Also, keine Option. Was waren seine Alternativen? Ein Fenster oder die Tür knacken oder aufbrechen? Der Gedanke gefiel ihm nicht, ganz abgesehen davon, dass es helllichter Tag war und er sich mitten in der Stadt befand. Vermutlich wäre er in wenigen Minuten verhaftet, und dass Ranpo ihn im Gefängnis besuchen würde, bezweifelte er.

Also verbrachte er eine Weile lang damit, vor der Tür auf und ab zu laufen wie ein Hund, der auf sein Herrchen wartete, bis ihm eine Idee kam. Eine dumme Idee natürlich, als ob Ranpo das tun würde, Krankheit hin oder her, und-

Poes Gedanken wurden durch einen Praxistest unterbrochen- einen positiven Praxistest, wohlgemerkt. Kurz tauschte er einen Blick mit Karl, der genauso überrascht aussah wie er selbst (oder vielleicht bildete er sich das auch nur ein). Offensichtlich hatte er seinen Rivalen unterschätzt mit der Annahme, dass dieser doch mit Sicherheit seine Tür abschließen würde. Poe selbst konnte seine eigenen Türen jedenfalls nicht verlassen, wenn er sich nicht dreimal versichert hatte, dass sie auch fest geschlossen waren. Kurz ertappte er sich dabei, wie er Ranpo um diesen Mut und dieses Vertrauen beneidete und sogar ein bisschen bewunderte, wobei er diesen Gedanken zur Seite schob, so schnell er konnte. Vielleicht war es ja auch nur die Krankheit, die Ranpo seine Vorsicht vergessen lassen hatte. Das wäre gut, denn somit stieg die Wahrscheinlichkeit, dass Poes Vorhaben erfolgreich sein würde.

Zögerlich betrat er schließlich die Wohnung und, als er sah, dass der Schlüssel innen im Schloss steckte, drehte er ihn herum, nachdem er die Tür geschlossen hatte. Sicher war sicher.

Sich immer wieder nach allen Seiten umsehend, schlich er weiter. Die Wohnung war nicht unbedingt groß, aber aufgeräumt. Es war eine ungewohnte Umgebung, aber nicht auf eine Art, die Poe nervös machen würde. Es war beinahe schon ganz schön, sich hier umzusehen, auch, wenn er immer noch irgendwie eingebrochen war. Viel Fläche zum Leben hatte Ranpo allerdings nicht, oder wenigstens war es weniger, als er erwartet hätte. Das war insofern positiv für ihn, dass es nicht lange dauerte, bis er fand, warum er eigentlich gekommen war. Der Anblick, der sich ihm bot, hätte Poe vermutlich überrascht, würde er seinen Rivalen nicht schon so gut kennen.

Ranpo lag auf dem Sofa. Den Kopf hatte er auf der Lehne abgestützt, eine Haltung, die ihm zwar einen besseren Überblick über die Wohnung ermöglichen zu schien, aber gleichzeitig ziemlich unbequem aussah. Ein unnötiges Opfer, wenn man bedachte, dass er eigentlich allein war. Außerdem schien er in mehrere Decken gewickelt, sodass sein äußerliches Erscheinungsbild am ehesten einer menschlichen Raupe glich.

Trotz seiner Liegeposition, die Poe als detektivische Gewohnheit deutete (was dazu führte, dass er sich ein bisschen schlecht fühlte- vielleicht sollte er das auch einmal versuchen?) schien Ranpo ihn nicht zu bemerken, als er vorsichtig das Zimmer betrat. Oder er ignorierte ihn einfach. Egal, welche dieser beiden Optionen zutraf, es irritierte und verunsicherte Poe ein wenig. Zwar wäre dieses Szenario vielleicht vorhersehbarer gewesen, wenn er ein besserer Detektiv wäre, aber er war es nicht und war jetzt nicht vorbereitet. Sollte er Ranpo ansprechen? Sich neben ihn setzen und warten, bis er bemerkt wurde? Oder einfach gehen und später wiederkommen?

Das kleine bisschen Vertrauen, das Poe in seinen Plan gehabt hatte, schwand dahin.

Nachdem er eine Weile (länger, als er zugeben wollte) nur mitten im Zimmer stand und überlegte, ohne sich wirklich konzentrieren zu können, entschied er sich schließlich für die erste Option. Der Gedanke an die möglicherweise einmalige Chance, die hier mit roter Nase vor ihm lag, war stark genug, um ihn davon abzuhalten, einfach aufzugeben. Es würde ja schließlich auch nicht lange dauern…

Ganz wohl fühlte Poe sich trotzdem nicht, als er langsam näher zum Sofa und der Raupe hinüber schlich, während er sein Manuskript an sich presste. „Ranpo-kun…?“ Seine Stimme würde wohl kaum laut genug sein, um den anderen aufzuwecken, aber eine höhere Lautstärke traute sich Poe nicht zu. Nicht in dieser Situation, jedenfalls.

Als er nur noch wenige Schritte vom Sofa entfernt war, zeigte sich allerdings dennoch eine Reaktion. Ranpo richtete sich schneller auf, als Poe in seinem gegenwärtigen Zustand von ihm erwartet hatte, die plötzliche Bewegung brachte ihn aus dem Konzept und er sprang zurück. Karl zischte.

Ranpo allerdings schien das nicht weiter zu stören, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Poe überhaupt hier war. „Oh.“ Seine Stimme klang ein wenig anders, als Poe es in Erinnerung hatte, wobei er sich eigentlich ziemlich sicher war, dass er diese Stimme nicht so einfach vergessen würde. Vermutlich lag es an der Krankheit. „Du bist spät dran.“

Poes Lippen wurden schmal, nicht aus Frustration oder Ärger, sondern einfach nur der Unsicherheit über seinen Plan, die mit jeder Minute, die er hier verbrachte, größer wurde. Vielleicht war das doch keine so gute Idee gewesen…? „D-du wusstest also… dass ich hier bin?“

Jetzt setzte sich Ranpo ganz auf und zog die Beine an den Körper, so gut es ihm mit den Decken möglich war. „Ich habe es schon gewusst, bevor du es wusstest“, murmelte er.

Das Papier raschelte, als Poe seine Finger fester darum schloss. Er hatte sich entschieden; das war eine schlechte Idee gewesen. Ganz schlechte Idee.

Er setze dazu an, etwas zu sagen, von dem er selbst nicht wusste, was es sein sollte, aber Ranpo kam ihm sowieso zuvor. „Um das abzukürzen, du, ein ehemaliges Mitglied der Gilde, das jetzt in seiner Freizeit nichts mehr zu tun hat, willst, dass ich deinen Krimi lese, weil du glaubst, dass ich nicht denken kann, weil ich krank bin.“ Das war nicht einmal eine Frage, was Poe irgendwie störte. Um fair zu sein hatte Ranpo aber seine Gedanken fast wortwörtlich wiedergegeben. Er sagte nichts darauf, nickte einfach nur.

Ranpo neigte langsam den Kopf und verzog dabei das Gesicht, als hätte er bei dieser Bewegung Schmerzen, aber noch während Poe überlegte, ob er ihm Hilfe oder ähnliches anbieten sollte, antwortete er. Wenn auch nicht ganz das, was Poe für angemessen empfunden hätte. „Mach mir Suppe.“

„W-was?“ Diesmal war es nur ein Schritt rückwärts, aber Karl schien auch diese Bewegung nicht zu gefallen. Der Haufen an Leckerlis, die Poe dem Waschbären nach diesem Tag schulden würde, wurde immer größer, aber im Moment musste sich Karl noch damit abfinden, dass es auf der Schulter seines Herrchens nicht ganz so gemütlich war wie sonst.

Im Gegensatz zu seinem Haustier schien Ranpo diese Reaktion allerdings nicht im Geringsten zu stören. Vielleicht hatte er ja auch damit gerechnet, Poe war sich nicht ganz sicher, wie er den bestimmten, mahnend-belehrenden Tonfall, in dem der Detektiv weiter sprach, deuten sollte, und ob dieser überhaupt irgendetwas zu bedeuten hatte oder einfach nur Ranpos normale Stimme war. Vermutlich traf sowieso letzteres zu. „Ich sehe mir deinen Krimi gerne an“, meinte er. „Aber dafür will ich, dass du mir Suppe machst. Du kannst doch kochen, oder?“

„Äh…“ Poe nickte, wobei er der Situation immer noch nicht ganz folgen konnte. Aber entweder bemerkte Ranpo das nicht, oder es war ihm egal.

„Gut.“ Das war alles. Keine weiteren Erklärungen, Forderungen, nichts. Ranpo legte sich einfach nur wieder hin und vergrub das Gesicht in der untersten Decke. Poe deutete dieses Verhalten als Startschuss.

Ohne noch Fragen zu stellen, verließ er das Zimmer wieder und kehrte in den Raum zurück, den er bei seinem Rundgang von zuvor als Küche ausgemacht hatte. Das alles war zwar etwas eigenartig, wenn man bedachte, dass der Auftrag von seiner persönlichen Nemesis kam, aber wenn er sich einfach vorstellte, dass er noch für die Gilde arbeitete, würde das schon werden. Hoffentlich.

Anders als der Rest der Wohnung den Eindruck vermittelt hatte, war die Küche ziemlich klein und unordentlich. Einen Topf zu finden war Poe noch möglich, das Wasser war auch kein Problem, aber ab diesem Punkt begannen die Komplikationen. Er hatte gedacht, es wäre schwer, so zu tun, als würde dieser Auftrag von der Gilde kommen, aber während seiner Zeit in dieser Organisation waren einige seiner Aufgaben sogar deutlich einfacher gewesen, als in dieser Küche zu kochen.

Es war nicht schwer zu erraten, dass Ranpo diese Küche selten wirklich benutzte. Sowohl Geschirr und Utensilien als auch Lebensmittel waren ohne jedes System in die Schubladen eingeordnet worden, sofern man dieses Suchspiel noch als „Ordnung“ bezeichnen konnte. Der Kühlschrank war fast leer, und außer Süßigkeiten und einigen Dosen konnte Poe nichts Essbares finden. Karl sprang von seiner Schulter hinunter und half bei der Suche, wenn auch vermutlich aus nicht ganz so selbstlosen Gründen. Dennoch wusste Poe spätestens zu dem Zeitpunkt, als die Nase eines hungrigen Waschbären nichts zu essen finden konnte, dass er direkt aufgeben konnte.

Aber was sollte er jetzt tun?

Fertigsuppe hatte er zwar tatsächlich gefunden, doch es widerstrebte ihm, einfach etwas davon zu nehmen. Dieses Instant-Zeug war nicht gesund, und Ranpo war immerhin krank… das bedeutete…

Resigniert ließ Poe die Schultern nach unten fallen. Es sah ganz so aus, als hätte er keine Wahl, dabei tat er das doch so ungern… es war einer der größten Vorzüge an der Gilde gewesen, dass er nicht mehr selbst hatte einkaufen gehen müssen, und auch jetzt vermied er es noch, so gut er konnte. Aber anscheinend blieb ihm nichts anderes übrig.

Mit einem leidenden Blick, der Ranpo Konkurrenz machte, setzte er einen protestierenden Karl wieder auf seine Schulter und verließ die Küche. Nach einem kleinen Abstecher ins Wohnzimmer, um noch einmal nach seinem Patienten zu sehen (der anscheinend eingeschlafen war), nahm er den Schlüssel, sperrte die Tür hinter sich ab (!) und machte sich auf den Weg.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis Poe mit einer Tüte und schwer traumatisiert wieder in Ranpos Küche stand. Das war der reinste Horror gewesen. Aber er hatte es geschafft, und ein bisschen stolz war Poe auf diese Leistung schon. Auch, wenn er sich doch irgendwie fragte, warum er sich das für Ranpo antat.

Wenigstens konnte er sich jetzt sicher sein, das schlimmste bereits hinter sich zu haben, als er langsam die erworbenen Zutaten in den Topf fallen ließ. Einige Wasserspritzer trafen dabei Karl, der sich leise fauchend hinter Poes Kopf versteckte, so gut es ihm möglich war.

Die Wartezeit verbrachte Poe abwechselnd in Küche und Wohnzimmer. Er wäre gerne länger bei Ranpo geblieben, aber sein Pflichtgefühl erlaubte es ihm nicht, den Topf länger als eine Minute allein zu lassen. Wenigstens wurde ihm so nicht langweilig.

Bei der Kochzeit verließ er sich auf das Internet, denn entgegen Ranpos Annahme konnte er nicht wirklich kochen. Ein Kochbuch in diesem Chaos zu finden, hatte er gar nicht erst versucht, deshalb lag der Erfolg dieser Mission nun bei einem Unbekannten, der sich selbst als „*A“ bezeichnete. Zwar gefiel Poe dieser Umstand nicht ganz, aber er hatte sich davon überzeugen können, dass das vermutlich die bessere Alternative dazu war, sich bei dieser Sache auf sein Gefühl zu verlassen.

Außerdem dauerte es so nicht ganz so lange, wie er eingeplant hatte- eine positive Entwicklung der Dinge, fand Poe. Auch wenn es ihm hier besser gefiel, als er erwartet hätte.

Als er schließlich mit der einzigen sauberen Schüssel, die finden hatte können, endgültig ins Wohnzimmer zurückkam, lag Ranpo auf dem Rücken und spielte irgendein Videospiel, das er aber sofort fallen ließ, als er Poe bemerkte.

„Hier…“ Poe hielt ihm die Schüssel hin und legte den Kopf schief, als Ranpo sich zwar aufsetzte, aber keine Anstalten machte, sie zu nehmen. Stattdessen steckte er die Arme wieder unter seine Decken und sah Poe erwartungsvoll an, als wäre es selbstverständlich, was dieser jetzt tun sollte.

Glücklicherweise schien Ranpo rasch zu begreifen, dass Poe mit dieser Situation überfordert war, und erlöste ihn. „Willst du mich nicht füttern? Ich bin krank.“

„Aber-“ Poe blinzelte und sah sich um, als würde er so eine passende Reaktion finden. „Du hast d-doch gerade noch-“

Ranpo unterbrach ihn, bevor er den Satz zu Ende bringen konnte. Seine Mundwinkel rutschten nach unten, mehr schmollend als traurig. „Soll ich mir deinen Krimi ansehen oder nicht?“

Mit aufeinander gepressten Lippen senkte Poe den Blick. Diese Situation war seltsam, mehr nicht, aber es war schließlich Ranpos Wunsch, nicht seiner. Er war nicht derjenige, der die Bedingungen stellte, schließlich wollte er etwas von Ranpo, nicht umgekehrt. Es würde ja niemanden wehtun…

Dennoch kam sich Poe etwas komisch vor, wie er so vor dem Sofa stand und einen in Decken gewickelten Ranpo mit der Suppe, die er selbst gemacht hatte, fütterte. Rivalität war wirklich eine seltsame Sache.

„Also gut.“ Ohne irgendein weiteres Wort zu verschwenden, war es erstaunlicherweise Ranpo, der, nachdem die Schüssel leer war, sofort zur Sache kam. Er legte sich wieder hin und deutete mit dem Kopf auf die Seiten, die neben Poe auf dem Boden lagen. „Lies es mir vor.“ Es war eine Forderung auf die gleiche Art wie die ersten beiden. Keine Erklärung, keine Rechtfertigung, nicht der Ansatz des Gedankens, dass Poe vielleicht widersprechen würde. Was, um fair zu sein, auch nachvollziehbar war.

Diesmal schien Poes Zögern allerdings wieder einen Effekt zu haben, denn er erhielt sogar eine Erklärung zu den Gedankengängen seines Rivalen. „Ich habe keine Lust auf deine Fähigkeit. Also entweder liest du mir vor, oder du kannst wieder gehen.“
Kurz gesagt hatte er also keine Wahl.

Schon wieder.

Seufzend setzte sich Poe vor dem Sofa im Schneidersitz auf den Boden, etwas nach vorne gebeugt und die Hände auf den Oberschenkeln abgestützt. Dann eben so. Das war immerhin besser als nichts.

Dass seine Stimme zitterte, konnte Poe nicht verhindern. Er versuchte es zwar nicht, aber er war sich sicher, dass es nicht funktioniert hätte. Schließlich war seine Aufregung ja auch mehr als gerechtfertigt. Auch, wenn er im Moment am ehesten einer halb toten Raupe glich, war dieser Mann, dem er gerade seinen Krimi vorlas, immer noch Ranpo Edogawa persönlich, und was auch immer an diesem Abend herauskommen würde, es wäre wichtig für Poe. Immerhin hatte er die Hoffnung, dieses Manuskript würde länger als eine halbe Minute unter dem Test eines Meisterdetektiven überleben, nicht aufgegeben. Noch nicht ganz jedenfalls. Ein kleines bisschen war von seiner anfänglichen Zuversicht noch da, und an diesem bisschen hielt er jetzt fest.

Aber mit jedem Wort, das über seine Lippen kam, wurde er etwas ruhiger. Vielleicht war es, weil Karl ihm die bisherigen Ereignisse des Tages anscheinend vergab und den Kopf auf seiner Schulter ablegte, während sein Schwanz nur noch langsam hin und her strich. Vielleicht aber auch deshalb, weil Seite um Seite verging und Ranpo immer noch nichts gesagt hatte.

Die Unsicherheit verwandelte sich langsam in ein aufgeregtes Glücksgefühl, als er bemerkte, dass sein Plan anscheinend tatsächlich aufgegangen war, und das wiederum wurde mit jeder Minute weniger. Seltsamerweise blieb aber auch das Misstrauen aus, das ihn spätestens nach der Hälfte des Krimis (ab diesem Punkt hätte Poe selbst auch schon gewusst, wer der Täter war) erreichen hätte sollen. Er machte sich keine Sorgen mehr darüber, ob Ranpo mit dem nächsten Satz schon den Ausgang kennen würde. Auf seltsame Weise war es beruhigend, einfach nur vorzulesen, ohne sich Gedanken über irgendetwas machen zu müssen.

Erst, nachdem er geendet hatte, verließ ihn dieses Gefühl wieder. Etwas ängstlich hob er den Blick von der letzten Seite seines Manuskripts und sah Ranpo an. Er wartete darauf, dass der ihm sagte, ab wann ihm das Ende klar gewesen war, aber das geschah nicht. Eigentlich geschah überhaupt nichts. Ranpo richtete sich nicht einmal auf und einen Moment lang war Poe sich nicht einmal sicher, ob der Detektiv überhaupt noch wach war. Und sollte er wirklich eingeschlafen sein, änderten sich dann die Spielregeln? Immerhin hätte er-

Poes Gedanken wurden von einem leisen Geräusch unterbrochen, von dem er sich nicht einmal sicher war, ob es von Ranpo oder Karl kam. Was ihn auf Ranpo schließen ließ, war die Tatsache, dass er vermutlich hätte zuordnen können, was es bedeuten sollte, wäre es sein Haustier gewesen. „Das war schön.“ Mehr sagte er nicht.

„Und…“ Kurz sah Poe zur Seite, nach etwas im Zimmer suchend, dass er ansehen konnte, nur, um seinem Rivalen bei dieser Frage nicht in die Augen sehen zu müssen. „Wusstest- ich meine… seit wann weißt du, wer es gewesen ist?“

Ranpo schob die Unterlippe nach vorne. Eine Geste, die Poe nicht ganz deuten konnte, aber er hatte sowieso Angst davor, was sie möglicherweise bedeuten würde. „Kleine Übung zum Schluss: Was denkst du?“ Er ließ sich wieder auf die Seite fallen und zog die oberste Decke, in die er gewickelt war, zu seinem Kinn nach oben. „Seit der ersten Seite. Wie immer.“

Jetzt brauchte Poe gar keine Entschuldigung mehr, um den Blickkontakt zu unterbrechen. Etwas enttäuscht senkte er den Blick auf das Papier in seinen Händen. Ja, eigentlich hätte er es wissen müssen, dass eine Krankheit Ranpos detektivisches Können nicht weiter beeinträchtigen würde. Nur… hoffen durfte man doch noch, oder?

Schon, antwortete eine Stimme in seinem Kopf. Nur wird man dann eben enttäuscht.

„Aber…“ Ranpo zog die Decke noch ein Stück höher. „Deine Suppe war gut.“ Dadurch, dass sein Mund jetzt verdeckt war, klang seine Stimme, die ohnehin schon ungewohnt leise war, noch gedämpfter. Aber in diesem Moment hätte er noch so undeutlich sprechen können, das hier hätte Poe mit Sicherheit verstanden.

Es war ein schwacher Trost. Eigentlich. Nur machte ihn diese Aussage aus irgendeinem Grund sehr viel glücklicher, als es sein sollte, und als er sich erklären konnte. Er hatte sein Ziel nicht erreicht, er hatte auf ganzer Linie versagt- wie bisher jedes Mal- und trotzdem hatte er aus irgendeinem Grund nicht das Gefühl, als wäre dieser Nachmittag komplette Zeitverschwendung gewesen.

Karl gähnte und streckte sich, wobei er seinem Herrchen versehentlich gegen die Wange kratzte. Eine Berührung, die Poe schließlich dazu veranlasste, wieder aufzustehen. Er hatte bekommen, was er gewollt hatte, es war Zeit, wieder zu gehen. Richtig?

„Mach die Tür dann zu“, murmelte Ranpo, ohne auch nur aufzusehen.

Poe unterdrückte ein Seufzen, wobei er selbst nicht ganz wusste, was nicht stimmte. Schließlich war es in seinem Sinne, diese Wohnung wieder zu verlassen, nachdem sowohl Ranpo als auch er bekommen hatte, was er wollte. Aber irgendwie hatte er scheinbar auf eine andere Reaktion gehofft… vielleicht nur eine richtige Verabschiedung, vielleicht aber auch etwas anderes…

Ohne dass er etwas dagegen tun konnte, zogen sich seine Mundwinkel ein Stück nach oben. Das war Ranpo, und das war gut so. Schließlich war das mit Sicherheit nicht ihre letzte Begegnung gewesen. „Und, Ranpo…“ Poe zögerte kurz, senkte den Blick auf sein Manuskript, bevor er sich noch einmal umdrehte. „Ich hätte meine Fähigkeit nicht benutzt.“

Poe wusste nicht, mit welcher Reaktion er gerechnet hatte, aber diese war es nicht gewesen. Ranpo hob ebenfalls doch noch einmal den Kopf, auf seinen Lippen lag ein kindliches und gleichzeitig wissendes Grinsen, das Poe bisher nur bei ihm gesehen hatte. „Ich weiß.“
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