Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

a wild storm

GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Gen
Arthur Morgan Colm O'Driscoll Dutch van der Linde Micah Bell
23.12.2019
10.05.2020
26
152.638
15
Alle Kapitel
29 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
23.12.2019 8.079
 
CHAPTER II - It's a hanging matter.

Horseshoe Overlook
Emma

Ich wurde von Vogelgesang geweckt und meine Knochen taten mir noch mehr weh. Wie lange hatte ich geschlafen? Ohne mein Handy fühlte ich mich komplett hilflos – es fungierte nicht nur als Tor zur Außenwelt, sondern oft genug auch als Zeitgeber. Ich besaß keinerlei Zeitgefühl mehr. Es kam mir vor, als wäre ich schon Jahre in diesem Zelt. Aufgrund der Helligkeit im Zelt schätzte ich, dass es Morgen sein musste, vielleicht sogar später Vormittag. In der Nacht hatte ich kaum die Hand vor Augen erkannt, doch jetzt zeichnete sich alles klar und deutlich ab. Die Sonne schien durch einen Spalt am Eingang ins Zelt hinein und es wurde deutlich wärmer. Langsam richtete ich mich auf und streckte mich. Mein Rücken knackte, als ich mich nach oben reckte. Draußen konnte ich die Stimmen der anderen Campbewohner hören, darunter auch Arthurs. Er war wieder zurück von seiner kleinen Sauftour mit Lenny.
Ich krabbelte auf allen Vieren näher zum Eingang und spähte durch den schmalen Spalt hinaus. Ich konnte nicht sehen, ob wirklich jemand Wache schob oder ob man mich doch alleine gelassen hatte. Vielleicht stand die Wache auch nur ein paar Schritte entfernt, um mir die Sicherheit zu vermitteln, ich wäre unbeobachtet. Was geschah wohl, wenn ich das Zelt öffnete? Sah ich dann in den Lauf einer Pistole? Ich schauderte. Waffen waren mir schon im realen Leben unheimlich. Ich hatte auch noch nie selbst eine in den Händen gehalten. In Games taten das die Figuren für mich.
Vorsichtig schob ich meinen Kopf aus dem Zelt und sah mich um. Es war wirklich niemand an meinem Schlafplatz stationiert. Alle gingen ihren täglichen Arbeiten nach oder schliefen. Niemand starrte in meine Richtung oder nahm auch nur Notiz von mir. Ich schob die Ärmel meines Pullovers über meine Ellenbogen und wagte mich noch weiter aus dem Zelt hinaus. Arthurs Stimme kam aus der Richtung von Pearsons Wagen. Es klang ganz so, als würde er mit Dutch sprechen. Vielleicht ging es um die bevorstehende Rettungsaktion bezüglich Micah. Die Unterkunft von Dutch und Molly stand leer. Molly konnte ich nirgends entdecken. Pearson stand zusammen mit Miss Grimshaw vor seinem Topf für das Mittagessen. Die anderen Frauen sah ich nicht. Hosea und Javier standen hinten bei den Pferden, mehr konnte ich nicht entdecken. Irgendwo hinter meinem Zelt schnarchte jemand.
Immer noch auf allen Vieren krabbelte ich komplett aus dem Zelt und saß nun im Schatten meiner Unterkunft. Niemand rief meinen Namen, rang mich zu Boden oder bedrohte mich mit einer Knarre. Mein Blick ging zurück zum Schlafplatz von Dutch. Wenn er mein Handy nicht bei sich hatte, dann bestimmt dort. Ich fixierte sein Zelt und lauschte den Geräuschen in meiner Umgebung. Niemand näherte sich mir oder dem Lagerzelt, vor dem ich hockte. Sollte ich abhauen? Oder nach meinem Handy suchen? Wie groß war die Chance, dass ich bei dem Versuch erwischt wurde? Die Sonne schien vom Himmel, es gab keine Möglichkeiten mich zu verstecken. Ich wäre wie ein Reh auf offenem Feld. Ruhig atmete ich tief durch. Vielleicht war ich ja auch schnell genug. Ich musste nur hinrennen, innehalten, wenn niemand kam alles durchsuchen und dann abhauen. Hatte ich eine andere Wahl? Wenn sie mich hätten töten wollen, wäre das sicher längst geschehen. Hoffte ich.
Ich wagte mich weiter vor, etwas aus dem Schatten des Lagerzelts. Niemand schien mich zu bemerken. Alle, die ich sehen konnte, waren beschäftigt. Dem Schnarchen nach schliefen einige Personen sogar noch. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, es hämmerte gegen meinen Brustkorb. Jetzt oder nie, sagte ich mir und sprang auf. Hektisch sprintete ich zur Unterkunft von Dutch. Immer noch rief niemand meinen Namen. Auf der anderen Seite angekommen, hockte ich mich neben sein Bett, machte mich so klein wie möglich. Und was jetzt? Wo sollte ich nachsehen? Viele Möglichkeiten gab es hier nicht. Neben dem Bett stand eine Truhe, die ich leise öffnete – nichts. Ich sah in eine Kiste – nichts. Ich sah sogar unter seiner Matratze nach – immer noch nichts. Vorsichtig ließ ich die Matratze wieder sinken.
„Reite nach Strawberry und hol Micah zurück.“, konnte ich Dutch sagen hören. Arthur antwortete, dass Micah das sicher nicht für ihn tun würde. Innerlich gab ich Arthur recht. Micah war ein Stück Dreck, aber davon ahnte ja noch keiner etwas. Es war merkwürdig die Zukunft der Menschen hier zu kennen, die mir teilweise sehr ans Herz gewachsen waren. Mit ein paar Tipps könnte ich ihnen sogar helfen. Ich schüttelte meinen Kopf, denn erst mal musste ich mir selbst helfen. Ich sah zu zwei großen Fässern, die hinter dem Zelt standen. Aus Spielerfahrung wusste ich, dass dort die Lagerkasse stand. Vielleicht war mein Handy ja da? Nur wäre ich vor der Kasse wieder für alle sichtbar. Ich drehte mich um. Noch könnte ich einfach zurück in mein Zelt huschen oder mich anderweitig verziehen. Doch dann entdeckte ich John Marston. Er stand direkt vor dem Lagerzelt, mit dem Rücken zu mir. Bitte sieh‘ nicht nach, flehte ich innerlich. Aber wenn er sich jetzt umdrehte, konnte er mich hier in Dutch‘ Zelt hocken sehen, neben seinem Bett. Also doch die Lagerkasse?
Ich schlich vorsichtig zur anderen Seite hinaus, erhob mich aus der hockenden Position und stand nun direkt vor der Geldkasse. Es war merkwürdig selbst davor zu stehen, sonst hatte ich es nur auf meinem LCD Fernseher beobachtet. Sachte öffnete ich die Kasse, darin befanden sich Geldbündel, Schmuck, wertvolle Taschenuhren und tatsächlich mein Handy. Es lag am Boden. Ich nahm es sofort an mich und versteckte es wieder in meiner Hosentasche. Zusätzlich nahm ich mir etwas Geld; wenn ich noch lange in diesem Albtraum gefangen war, brauchte ich es. Und die Jungs und Mädels kamen bestimmt schnell an Neues. Ich sah mich um. Rechts von mir mussten Arthur und Dutch sein. Ich konnte die beiden immer noch reden hören. Links von mir konnte ich gerade niemanden entdecken und geradeaus war keine Option, außer ich wollte vom Abhang springen und mir womöglich ein Bein brechen. „Ich verschwinde.“, flüsterte ich leise, um mir Mut zu machen. Schleichend machte ich ein paar Schritte nach links, wobei ich meine Umgebung fest im Auge behielt.
„Dutch!“, brüllte Marston. „Sie ist weg!“ Er hatte ins Zelt gesehen. Mein Herz schlug immer schneller und ich rannte los. Das war der Startschuss, den ich gebraucht hatte. Ich war mir immer noch nicht sicher, ob das hier eine riesige Dummheit war oder nicht. Ich rannte durchs Camp, sichtbar für jedermann und musste auf halben Weg zum Waldrand Uncle ausweichen, der schnarchend zwischen zwei Zelten lag. Aber jetzt war es nicht mehr weit. Die Bäume kamen immer näher. Ich musste einfach nur zwischen ihnen verschwinden, mich verstecken oder rennen, bis ich nicht mehr konnte. Just in diesem Moment stolperte ich. Mein linker Fuß knickte zur Seite weg und ich knallte frontal ins feuchte Gras.
„Nicht schon wieder!“, fluchte Arthur laut, während ich mich aufrappelte. Er setzte mir sofort nach, als ich weiter rannte. Die Ärmel meines Pullovers rutschten runter zu meinen Handgelenken. Mein Atem ging ungleichmäßig, hektisch. Jetzt bloß nicht an Schnappatmung sterben, dachte ich. Meine Beine trugen mich immer weiter, auch wenn ich bereits ein Ziehen in der linken Wade verspürte. Arthur war mir dicht auf den Fersen, als ich die Baumgrenze endlich erreichte.
Da zerschnitt ein lauter Knall die Luft. Erschrocken riss ich meine Arme hoch, um meinen Kopf zu schützen. „Das war ein Warnschuss!“, rief Arthur. Er hatte neben mir in einen Baum geschossen. Ein Loch in der Rinde diente mir als Warnung, stehen zu bleiben. „Ich will dich nicht erschießen!“ Ich riss mich aus meiner Starre, die mich sogar zum Anhalten gezwungen hatte und rannte weiter. „Mädchen, nein!“ Ein zweiter Schuss. Ich spürte die Hitze, als die Kugel meinen Kopf nur knapp verpasste. Hatte er schlecht gezielt oder war es ein zweiter Warnschuss? Egal. Ich blieb abrupt stehen, die Hände erhoben.
„Lass mich laufen!“, rief ich zurück. Arthur kam mit gezogener Waffe auf mich zu.
„Wo willst du denn hin, huh? Zum Sheriff nach Valentine?“ Er hatte mich erreicht und packte mich am Unterarm. Harsch zog er mich zu sich, wobei ich meine Balance verlor und hinfiel. Arthur hielt mich am Handgelenk gepackt, während er mit seiner anderen Hand immer noch mit seinem Revolver auf mich zielte. „Komm jetzt.“
„Nimm die Knarre runter!“ Arthur steckte das Ding wirklich weg.
„Und jetzt hoch mit dir.“ Er zog mich auf die Beine. „Was sollte das werden?“
„Arthur?!“ Hosea rannte auf uns zu, halb außer Atem. „Was machst du?“ Seine Hand ruhte an dem Holster seiner Waffe, bereit sie zu ziehen. Charles folgte ihm.
„Unser Gast wollte abhauen.“, antwortete Arthur. „Ich hab sie!“, rief er dann etwas lauter, vermutlich an die anderen im Camp gerichtet.
„Ich will nur nicht eingesperrt bei gefühlt 80 Grad in einem Zelt sitzen!“, sagte ich.
„Na klar…“
„Und da wolltest du sie erschießen?“, fragte Hosea
„Himmel… was? Nein!“ Er schüttelte schockiert über diese Frage seinen Kopf.
„Du hättest mich beinahe erwischt!“
„Wenn ich dich hätte treffen wollen, Missy, dann wärst du jetzt tot.“
Hosea runzelte seine Stirn. „Ich hätte auch keine Lust eingesperrt zu sein. Was hat sie uns denn getan? Außer, dass wir sie alle etwas unheimlich finden, Arthur.“
„Und was soll ich dagegen machen?“, fragte er Hosea direkt.
„Dutch hört auf dich!“, mischte ich mich ein. Dutch respektierte Arthur und auch so manche Sichtweise von ihm.
„Klar, ich überrede ihn, damit du wieder abhauen kannst und ich dir vermutlich noch deinen kanadischen Arsch retten muss.“ Arthur zog mich neben sich her zurück zum Camp.
Hosea lief links daneben, Charles auf der anderen Seite. „Versuchen kannst du es. Meine Unterstützung hättest du. Ich sehe es nicht gerne, wenn Frauen als Gefangene gehalten werden.“ Danke, Hosea! Er war auf meiner Seite und das fühlte sich gut an. Ich mochte ihn.
„Ja genau!“
„Still jetzt!“, zischte Arthur mich an und sah dann zu Hosea.
„Wenn man mich verschleppen und wie einen Gefangenen behandeln würde, würde ich auch alles versuchen, um wieder frei zu sein. Wäre es bei dir wirklich anders? Ich glaube kaum, dass sie uns im Schlaf umbringt.“, kam es plötzlich von Charles, der bisher sehr schweigsam nebenher gelaufen war.  Ich hörte Arthur seufzen.
„Okay… okay.“ Schnaufend änderte er die Richtung und steuerte auf Dutch zu, der bereits wartend neben der noch geöffneten Lagerkasse stand. Er sah aus wie mein Vater... Genau so hatte mein Dad immer geguckt, wenn ich als Kind etwas Dummes angestellt hatte und mir Ärger bevorstand. Es fehlte nur noch, dass er die Arme vor der Brust verschränkte.


Dutch

Diese Fremde hatte uns bestohlen. Ich nahm es ihr nicht einmal übel, dass sie ihre Chance gesehen und genutzt hatte; denn das zeugte von einem starken Überlebenswillen. Auch konnte ich darüber hinwegsehen, dass sie ihr Ding an sich genommen hatte, immerhin war es ihres. Doch sie hatte uns Geld aus der Kasse gestohlen. Geld, das wir dringend brauchten, um voranzukommen. Es war entscheidend für uns, überlebenswichtig in diesen harten Zeiten. Sie kam an Arthurs Seite auf mich zu und sah mich nicht einmal an. Ihr Blick war ausweichend, weil sie genau wusste, was sie getan hatte. Ein wenig erinnerte sie mich an ein Kind, das man bei einer bösen Tat erwischt hatte. Sie war noch so jung. Demonstrativ schloss ich die Lagerkasse kräftiger als eigentlich nötig und hielt ihr dann meine geöffnete Hand entgegen. „Na los, Mädchen. Gib uns zurück, was du gestohlen hast.“ Ich sah auf sie herab und erwartete Gegenwehr. Leere Floskeln, Lügengeschichten oder ein Flehen. Stattdessen griff sie in ihre Hosentasche und zog die Geldklammer hervor, die sie uns genommen hatte. Wortlos gab sie sie mir. „Wir behandeln dich wie einen Gast und du dankst es uns mit Diebstahl?“
„Wie einen Gast?“, da war der Trotz, den ich erwartet hatte. Und ja, natürlich war mir bewusst, dass sie hier nicht so lebte, wie sie es vermutlich gewohnt war. Meine Worte dienten als reine Provokation, aber auch, um meinen Unmut Luft zu machen. Bestehlen ließ ich mich nicht gerne. Dieses Geld war hart erarbeitet und sie hatte nichts dazu beigetragen. „Arthur hat mich hergeschleppt, gegen meinen Willen. Ich wurde gefesselt, bedroht, behandelt als wäre ich nichts und beinahe angeschossen. Jetzt sag nicht, das wäre alles zu meiner oder eurer Sicherheit passiert. Was habt ihr erwartet?!“ Sie warf ihre Hände in die Luft, sichtlich frustriert. Sie log nicht mit den Dingen, die sie sagte. Dennoch sah sie das große Ganze nicht, doch bevor ich etwas sagen konnte, sprach sie auch schon weiter. „Du hast doch immer so große Pläne, was jetzt?“ Ich runzelte meine Stirn. Es gab immer wieder Momente in denen sie so sprach, als würde sie uns kennen. Wirklich kennen. Vielleicht war das nur mein Empfinden, doch was wenn nicht? Was, wenn sie etwas verbarg? Wenn sie eine Gefahr für uns war? Oder uns jemand in eine Falle locken wollte?
„Wir haben dir doch zu essen gegeben oder? Und einen Platz zum Schlafen hattest du auch. Denkst du, Vertrauen bekommt man einfach so geschenkt? Vielleicht fängst du an uns die Wahrheit zu sagen, um dir Vertrauen zu verdienen. Du könntest damit anfangen, indem du mir dieses Ding wiedergibst.“ Dieses schwarze Ding, das sie Handy nannte, faszinierte mich. Ich verstand es nicht oder seinen genauen Zweck, dennoch machte es mich unglaublich neugierig. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und so ging es allen hier. Niemand hatte jemals so eine Apparatur gesehen.
„Es gehört mir! Du hast es mir gestohlen!“ Sie versuchte also den Spieß umzudrehen? Arthur beugte sich leicht zu ihr herunter.
„Ganz ruhig, Miss.“, hörte ich ihn sagen, als er eine Hand auf ihre Schulter legte. „Sie ist müde, Dutch.“ Müde waren wir alle. Die letzten Wochen waren hart gewesen. Wir hatten um unser überleben gekämpft, Menschen verloren und unser gesamtes Vermögen in Blackwater lassen müssen. Und jetzt wollte Arthur mir sagen, dass sie es gerade nicht leicht hatte? Ich sah ihn stirnrunzelnd an. Es kam mir so vor, als würde er in der letzten Zeit viel zu häufig meine Ideen und Entscheidungen hinterfragen. Das hatte bereits in Blackwater begonnen und es ging einfach immer weiter.
„Fällst du mir und meiner Entscheidung in den Rücken?“, fragte ich Arthur direkt. Er schüttelte seinen Kopf.
„Nein. Aber ich glaube nicht, dass von ihr irgendeine Gefahr ausgeht.“
„Sie hat uns bestohlen.“
„Wir sie doch auch, Dutch.“
Ich rieb mir angespannt das Kinn. „Was, Arthur, was sollen wir deiner Meinung nach mit ihr machen? Hm? Immerhin hast du sie zu uns gebracht. Ich habe nicht darum gebeten ein weiteres Maul stopfen zu müssen.“ Ich wollte sie nicht einfach so ziehen lassen und ich wusste, dass auch Arthur das nicht wollte. Er spürte, so wie ich, dass sie etwas vor uns verbarg. Ich spürte das einfach.
„Vielleicht behandeln wir sie nicht mehr wie eine Gefangene.“
„Ich kann arbeiten!“ Wir sahen sie beide an, als diese Worte ihren Mund verlassen hatten. „Ich kann euch helfen, wenn ihr mich schon nicht gehen lassen wollt.“ Das erste Mal seit dieser Unterhaltung sah sie mich direkt an. „Wenn du mir nicht vertraust, stell mich unter Beobachtung.“ Sie griff in ihre Hosentasche und zog dieses Handyding hervor. Mit ausgestreckter Hand hielt sie es mir entgegen, wie einen Beweis des Friedens. „Ich will nur nicht eingesperrt, bedroht oder gefesselt werden. Ich habe eh keinen anderen Ort, an den ich gehen könnte.“ War es vielleicht genau das, was sie wollte? Wollte sie bleiben, um uns zu unterwandern? Vielleicht war sie nur hier, um für die Pinkertons oder gar Colm Informationen zu beschaffen, wie man uns am besten schaden konnte. Oder war sie genau so verloren, wie wir?
Ich nahm das Handy entgegen und legte es zurück in die Kasse. Dann atmete ich tief durch. „Was sagst du dazu, Arthur? Passt dir das, huh?“ Mein Tonfall war angespannt. Aber das war ich auch und diese Anspannung wurde seit Blackwater einfach nicht weniger.
„Dutch, wir stehen alle hinter dir.“ Beschwichtigend hatte Arthur seine Hände gehoben. „Lass sie arbeiten. Eine helfende Hand schadet nicht.“
„Ich…“,meldete sie sich wieder zu Wort. „Ich könnte euch mit Micah helfen.“


Strawberry
Micah

Ich saß auf dem Boden meiner bettlosen Zelle, die ich mir mit einem anderen Typen teilen musste. Es stank nach Scheiße und Pisse, niemand hatte dieses Loch je auch nur ansatzweise sauber gehalten. Der Geruch von Angstschweiß hatte sich in das Mauerwerk dieses Kellers gefressen. Oben hörte ich wie der Sheriff sich mit jemandem unterhielt, während ich hier unten in fast kompletter Dunkelheit hockte. Der Galgen wartete auch mich und bisher war niemand – NIEMAND – aufgetaucht, um mich aus diesem Loch zu befreien. Vielleicht erzählte dieser Bengel Lenny auch allen, ich wäre verreckt? Oder Arthur brachte Dutch dazu mich hier zurück zu lassen. Dieser Bastard konnte mich noch nie leiden, aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn man mich fragt, gibt Dutch viel zu viel auf das Gerede von diesem Bauern. Bezeichnet ihn sogar als seinen Sohn... Dabei hatte ich doch mittlerweile mindestens genau so viel geleistet, wie der Viehtreiber. Schnaufend erhob ich mich vom Boden. Mein Gesicht fühlte sich geschwollen an, ich schmeckte immer noch mein eigenes Blut in meinem Mund. Ich musste hier raus. Ich wollte nicht am Galgen enden.  
Die Zelle hatte ein vergittertes Fenster zu Außenwelt. Ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um raus sehen zu können. Draußen dämmerte es bereits und die Straßen von Strawberry wurden zunehmend ruhiger. Irgendwo spielte jemand Musik, sicherlich der Saloon. Gegenüber vom Zellenfenster stand ein alter Dampfesel. Ich rüttelte an den Gitterstäben, was verdammt wenig brachte. Das Gitter saß bombenfest im Mauerwerk, ohne ein Hilfsmittel kam ich hier nicht raus. Es gab in dieser kleinen, verdreckten Zelle auch nichts, was hätte nützlich sein können. Außer ich wollte versuchen die Stäbe mit der Scheiße der vorangegangenen Todgeweihten einzureiben, um sie wegzuätzen. Ja, genau so war der Geruch. Ätzend, er stieß einem scharf in die Augen. Ich lachte leicht in mich hinein, denn es war natürlich kein Plan, der funktionieren würde. Aber mir gingen wirklich die Ideen aus. Jemand musste kommen, sonst würde ich im Morgengrauen am Strick baumeln. Wie ein Wahnsinniger rüttelte ich heftiger an den Stäben.
„Das bringt dir nichts.“, hörte ich meinen Zellengenossen noch halb trunken in seinen Bart nuscheln.
„Es hält mich davon ab dich umzubringen.“, zischte ich angespannt zurück, ohne mich nach ihm umzusehen. Ich konnte nicht kampflos mein Leben aufgeben. Irgendetwas musste ich doch tun können. Ich versuchte meinen Arm zwischen den Stäben durchzudrücken; vielleicht konnte ich ja außerhalb etwas greifen, was hilfreich war. Meine Hand passte zwischen den Stäben durch, doch ich kam nicht weiter als bis knapp zur Hälfte meines Unterarms. „Scheiße.“, fluchte ich und zog den Arm zurück. Oben öffnete sich eine Tür und ich hörte Stimmen. Aber ich konnte nichts verstehen, doch kurz darauf fiel wieder eine Tür ins Schloss.
Ich hörte Schritte, die sich näherten und versuchte etwas im Licht der Straßenlaterne zu erkennen. Es wurde immer dunkler draußen. „Arthur!?“ Ich konnte meinen eigenen Augen nicht trauen, als ich ihn sah. Er lief in die Gasse zwischen den beiden Gebäuden. „Arthur, hier!“ Ich winkte, aber ich sah an seinem Grinsen, das er mich schon längst entdeckt hatte.
„Oh, wen haben wir denn da?“ Arthur blieb vor dem Zellenfenster stehen, sah zu mir herab und wirkte wirklich sehr begeistert von dieser Szene.
„Hey, du musst mich hier raus holen. Die wollen mich hängen.“
„Ein Spektakel, das ich mir zu gerne ansehen würde.“ Ich biss mir auf die Zunge, um ihm keinen bissigen Kommentar an den Kopf zu werfen. Innerlich war er doch ein kleines Sensibelchen. Stattdessen seufzte ich angespannt auf.
„Hol mich hier einfach raus.“ Er war doch nicht einfach nur so hier. Dutch hatte ihn sicher geschickt, was hieß, dass Lenny vielleicht doch nicht so nutzlos war.
Arthur ging in die Hocke. „Unter eine Bedingung.“ Was jetzt?
„Die wäre?“, fragte ich ungeduldig.
„Du verrätst mir jetzt genau, wo das Haus von deinem ehemaligen Partner ist. Ich hole deinen Revolver und danach kümmere ich mich um dich und dein kleines Problem.“ Irritiert runzelte ich bei seinen Worten meine Stirn. Was zum Henker? Woher wusste er von Skinny und das der Typ meinen Revolver einkassiert hatte? Wie konnte er das wissen? Lenny hatte das doch gar nicht mehr mitbekommen, als hier in Strawberry die Hölle losgebrochen war. Der Bengel war eiskalt abgehauen und hatte mich hier zum Sterben zurück gelassen.
„Was?“
Er zündete sich eine Zigarette an. „Du hast mich genau verstanden, Micah. Ich kann natürlich auch wieder gehen und Dutch sagen, ich wäre zu spät gekommen.“ Er zuckte mit den Schultern.
„Das kannst du nicht machen!“
„Wer will mich aufhalten?“ Er hatte viel zu viel Spaß an dieser Sache. „Ich höre.“ Hatte ich wirklich irgendeine Wahl? Arthur konnte ich es zutrauen, dass er mich wirklich eiskalt zurückließ. Er gab zwar viel auf das Wort von Dutch, war ihm loyal ergeben wie ein Köter seinem Herrchen und dennoch wusste ich nicht, wie groß sein Hass auf mich war. Wir waren noch nie gut ausgekommen und bisher mussten wir das auch nicht. Doch gerade schien mein Leben von ihm und seiner Entscheidung abzuhängen. Ich konnte es entweder riskieren und dabei vielleicht am Galgen enden oder ihm in den Arsch kriechen. Das Risiko wollte ich nicht wirklich eingehen, weswegen ich ihm eine Beschreibung gab. Er schnipste die Zigarette weg, trat sie aus und ging ohne ein weiteres Wort los. Ich sah ihm nach und hoffte, dass er wiederkommen würde. Er war meine letzte Hoffnung, egal, wie bitter der Beigeschmack bei diesem Gedanken auch war. Ich konnte gerade nichts daran ändern und war gezwungen Arthur Morgan mein Vertrauen zu geben.


Horseshoe Overlook
Emma

Dutch saß auf einem Stuhl, ich neben ihm auf dem Boden. Er schwieg schon eine geraume Zeit und war mit seinen Gedanken vollkommen woanders. Ich fragte mich wirklich, was ihm so alles durch den Kopf schoss. Glaubte er mir und meinen Worten? Oder schmiedete er einen neuen, großartigen Plan? Ich musste tatsächlich schmunzeln bei diesem Gedanken. Arthur war kurz vor der Dämmerung aufgebrochen, um Micah aus seiner misslichen Lage zu befreien. Ein Teil von mir hasste es wirklich, dass ich diesem Mann half. Und der andere Teil hoffte einfach nur, dass Arthur meinen gutgemeinten Rat befolgte.
„Ich könnte euch mit Micah helfen.“, hatte ich voller Überzeugung gesagt. Ich musste einfach das Vertrauen der Gruppe gewinnen und wenn mir dies nur gelang, indem ich ihn vor dem Galgen bewahrte… dann war das ein Schritt den ich tun musste. Dutch hatte mich komplett entgeistert angeschaut.
„Was?“
„Ein Fenster zu seiner Zelle befindet sich auf der linken Seite des Gebäudes. Da kannst du mit ihm sprechen, Arthur. Der Sheriff wird dich nicht zu ihm lassen, versuch es erst gar nicht. Wenn du ihn gefunden hast, hast du im Grunde drei Optionen. Du kannst Dynamit benutzen oder den Dampfesel, der neben dem Gebäude steht…“
„Woher willst...“
Ich hatte Arthur nicht aussprechen lassen, sondern plapperte einfach weiter. „Oder du legst den Sheriff und die Deputys um. Dann kannst du dir den Zellenschlüssel schnappen und ihn so befreien – das wäre der leiseste Weg. Mehr Optionen bleiben dir nicht. Aber danach, danach musst du auf ihn Acht geben.“ Dutch hatte sich zunehmend in Schweigen gehüllt, während meiner Erklärungen. „Er wird durchdrehen. Und er wird zu einem ganz bestimmten Haus in Strawberry wollen, um an seinen Revolver zu kommen. Sein Ex-Partner lebt dort, mit seiner Frau. Hol den Revolver, sonst wird er sie beide abknallen.“
Dutch räusperte sich und riss mich damit aus meinen Gedanken. Ich sah zu ihm auf, doch er schien immer noch nicht sprechen zu wollen. Seufzend rupfte ich ein paar Grashalme aus dem Boden. Mittlerweile war es dunkel geworden. Die Lagerfeuer brannten und Javier spielte ruhig Gitarre. Ich hoffte so sehr, dass Arthur auf mich hörte. Dadurch konnte ich vielleicht Menschenleben retten, sie beide vor einer puren Eskalation bewahren. Wenn er klug war, besorgte er den Revolver bevor er Micah befreite. Und wenn er wirklich klug war, gab er diesem Idioten keine Waffe in die Hand, bevor sie aus Strawberry raus und in Sicherheit waren.
Neben Dutch stand eine Öllampe, die uns beiden Licht spendete. Die Nacht brachte eine angenehme Abkühlung. Ich fühlte mich dreckig und konnte mich selbst nicht mehr riechen. Es war ein leichter Trost, dass es in diesem Zeitalter durchaus normal war, nicht jeden Tag ein Bad zu nehmen. Aber das änderte nichts daran, dass ich mich gerade nach einem kühlen Bad sehnte. Ich wollte mir andere Sachen anziehen, die Beine hochlegen und irgendeinen Schund im Fernsehen schauen. Ja, sogar über Werbung würde ich mich freuen. All das würde mich von meinem jetzigen Dasein ablenken. „Eine Hexe also?“, brach Dutch sein Schweigen.
Ich sah wieder zu ihm. Nachdem ich Arthur eine ungefähre Karte gezeichnet hatte (sie ähnelte wohl eher der Zeichnung eines Kindes), hatten sie mich gefragt, wie ich das alles wissen konnte. Am ehesten konnte ich mein Wissen damit erklären, dass ich eine Wahrsagerin war. Die Zeiten der Hexenverbrennungen waren vorbei, daher hatte ich wenig Angst davor auf einem Scheiterhaufen zu enden. Und noch hatte mich keiner gelyncht, auch, wenn ich es Dutch angeboten hatte. „Arthur kann sich selbst von allem überzeugen und wenn er nicht zurückkehrt, kannst du mich erschießen, Dutch. Knall mich ab, wenn ich gelogen habe.“, hatte ich zu ihm gesagt und war mir nicht sicher gewesen, wie klug diese Worte waren. Doch ich hatte Vertrauen in die Fähigkeiten von Arthur. Dutch wandte mir seinen Blick zu, da ich ihm immer noch eine Antwort schuldete. „Keine Hexe, nein. Aber ich weiß nicht, wie ich es sonst beschreiben soll.“ Ich zuckte mit meinen Schultern.
„Mh.“ Er rieb sich nachdenklich den Nacken.
„Du glaubst mir kein Wort. Du denkst, ich will euch verraten und Arthur absichtlich in Gefahr bringen. Aber wie soll ich das von hier aus anstellen? Glaubst du ich bin Teil einer riesigen Verschwörung gegen euch?“ Ich stützte mich mit meinen Händen nach hinten ab. „Er ist da, er wird sich ein eigenes Bild machen und entweder kommt er zurück… oder du erschießt mich.“ Ich hoffte, dass weder Arthur noch Micah drauf gingen. Himmel, ich betete förmlich dafür, obwohl mir Micah so unsympathisch war wie Fußpilz.  
„Wenn du die Wahrheit sagst, darfst du bleiben und arbeiten. Wenn nicht, wird es mir ein Vergnügen sein.“ Ich schluckte schwer. Mein Leben hing von dem Erfolg oder Misserfolg Arthurs ab. Es lag nicht mehr in meinen eigenen Händen. Ich konnte nur warten und hoffen.
„Ich mache euch nichts vor.“ Ich sah zum Feuer und beobachtete Javier. Sein Blick ruhte immer noch auf mir, ich konnte es spüren. „Ich will nur nützlich für euch sein, solange ich hier bin.“ Vielleicht konnte ich ihnen helfen ein anderes Ende für die Gang zu schreiben, als die Ersteller von RDR2 selbst.
„Wie bist du hergekommen? Du musst dich doch an irgendetwas erinnern können.“
„Ich weiß es nicht.“ Ich seufzte. „Ich komme nicht von hier. Ich bin auf einer Wiese wachgeworden, Arthur hat mich gefunden und hergebracht. Aber wie ich auf diese Wiese mitten im Nirgendwo gekommen bin, weiß ich nicht.“ Ich schob die Ärmel meines Pullovers herunter.
„Wurdest du entführt?“
„Keine Ahnung.“ Ich konnte mich nur noch an das Gewitter erinnern, den peitschenden Regen, der gegen meine Scheiben trommelte, das Donnern, die Blitze, daran das der Fernseher begonnen hatte zu flackern und an ein helles, gleißendes Licht hinter meinen halb zugezogenen Vorhängen. Die Flammen des Lagerfeuers schienen zu Javiers Musik zu tanzen. Rauch stieg in den Nachthimmel auf und irgendwo hörte man den Ruf einer Eule. „Ich weiß es wirklich nicht.“
„Wir werden sehen, wie sich das alles für dich entwickelt, Miss.“  


Strawberry
Arthur

Die Karte, die Emma ihm gezeichnet hatte, war wirklich ein Witz. Die Kleine hatte wirklich keine Ahnung, wie man eine Karte anlegte. Die Beschreibung von Micah half mir da schon eher. Ich ließ ihn in seiner Zelle zurück - sollte er dort ruhig noch ein wenig schmoren – und begab mich zu dem Haus. Es lag hinter einer Brücke und die Fenster waren noch hell erleuchtet. Ich konnte einen Schatten am Fenster vorbei gehen sehen. Es wäre mir wirklich lieber gewesen, mich einfach hinein zu schleichen, während die Bewohner schliefen, um unnötige Aufmerksamkeit zu vermeiden. Ich blieb vor dem Haus stehen und sah mich um. Micah war ein verdammter Idiot und ich wusste nicht, weshalb Dutch so viel auf diesen Mann gab. Ich vertraute ihm nicht, vertraute ihm weniger als einer eingerollten Klapperschlange. Eine Klapperschlange warnte einen, bevor sie zustieß. Er nicht.
Ich musste schnell handeln, wenn ich in dieses Haus kommen wollte, ohne entdeckt zu werden. Glücklicherweise war gerade niemand in meiner unmittelbaren Nähe. Keine wachsamen Augen, die mich beobachteten. Ich zog mir mein Halstuch über den Mund, um einen Teil meines Gesichts zu verbergen, als ich mich der Tür näherte. Eine Hand hatte ich bereits an meinem Revolver, als ich kräftig anklopfte. Drinnen vernahm ich Schritte, die sich der Tür näherten. Schließlich öffnete sie sich und mir stand ein Mann gegenüber. Bevor der Fremde etwas sagen konnte, machte ich einen Schritt auf ihn zu, zog meine Waffe und drückte sie ihm gegen den Magen. „Ein Ton und du landest verblutend am Boden.“, drohte ich leise und drängte ihn dann ins Innere zurück.
„Was ist los?!“, hörte ich eine hysterische Frau.
„Es ist alles in Ordnung, Miss, solange Sie sich ruhig verhalten.“ Mit meiner freien Hand durchsuchte ich schnell seine Taschen, um sicher zu gehen, dass er nichts bei sich trug. Dann stieß ich ihn von mir, den Revolver immer noch auf ihn gerichtet.
„Was wollen Sie?“, fragte Skinny.
„Setzen.“ Die Frau gehorchte schnell und setzte sich an den runden Tisch. Er blieb stoisch stehen. „Ich sagte, setzen!“ Ich ging auf ihn zu und presste ihm den Lauf gegen die Stirn. „Wir wollen doch nicht, dass das hier ausartet.“
„Was wollen Sie in meinem Haus?“, fragte er ohne auf meine Drohung zu reagieren.
„Setz dich, Norman!“, bettelte die Frau.
„Hör auf die Lady.“ Ich zog den Hahn des Revolvers zurück. Skinny wich einen Schritt zurück, hob seine Hände und setzte sich langsam an den Tisch.
„Was jetzt, Cowboy?“, fragte Skinny und ich verstand, warum er sich mit Micah verstanden hatte. Er war mir auf Anhieb unsympathisch. Ich antwortete nicht, sondern schlug ihn mit dem Griff meines Revolvers gegen die Schläfe. Ein dumpfer Ton und sein Kopf knallte nach vorne auf den Tisch. Der Frau entwich ein kurzer Schrei, ehe sie sich die Hände fest auf den Mund presste.
„Oh nein…“ Ihre Augen waren weit aufgerissen. „Bitte… bitte tun Sie mir nichts.“, flehte sie.
„Verraten Sie mir, wo der Revolver von Micah Bell ist und Ihnen wird nichts geschehen.“ Skinny saß zusammen gesunken am Tisch, ein Rinnsal Blut lief an seiner Schläfe hinab, doch er atmete noch. Sie starrte mich an.
„Ich weiß nicht, wovon…“
„Skinny hier hat eine Waffe nachhause gebracht, die nicht ihm gehört. Wo ist sie?“, fragte ich und sah sie direkt an.
„Ich weiß von keiner Waffe.“
„Sind Sie sich sicher?“ Ich richtete den Lauf auf sie, der Hahn war immer noch gespannt. „Sind Sie sich so sicher, dass Sie Ihr Leben dafür riskieren würden?“
„Ich…“ Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen, schluchzte. Aber davon konnte ich mich nicht beeindrucken lassen. Zumal ich nicht wusste, wie lange Skinny bewusstlos blieb. „Vielleicht… vielleicht in der Kiste dort am Bett.“
„Die Kiste da?“ Sie nahm die Hände runter und sie nickte. „Gut.“ Ich ging zu der Frau, die sich ängstlich gegen die Rückenlehne des Stuhls presste.
„Bitte. Bitte tun Sie mir nichts.“
„Es ist alles in Ordnung, Miss.“ Ich ließ meinen Revolver sinken und griff nach ihrem Arm. „Aber ich kann Sie hier nicht sitzen lassen.“
„Was?“ Sie ließ sich von mir auf die Beine ziehen. „Was, was machen Sie jetzt mit mir? Ich hab Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Bitte…“
Ich führte sie zum Bett und spürte Gegenwehr. „Ich tue Ihnen nichts. Setzen Sie sich.“ Sie setzte sich zögernd. Tränen liefen über ihr Gesicht und ich ahnte, was sie dachte. Aber ich hatte nicht vor mich an ihr zu vergehen. Ich muss sie nur daran hindern jemanden zu alarmieren. Ich zog ein dünnes Seil hervor, mit welchem ich ihr die Hände zusammenband. Danach folgten die Fußgelenke. „Er wird Sie schon befreien, sobald er aufwacht.“
„Bitte.“
„Sssh.“ Ich ging zum bewusstlosen Skinny herüber und nahm ihm sein Halstuch ab, um es ihr in den Mund zu stecken. Erschrocken murmelte sie Dinge, die ich nicht mehr verstehen konnte. Ich brachte sie in eine liegende Position. Sie zappelte, wimmerte und versuchte sich zu befreien. „Bleiben Sie ruhig. Ich bin gleich weg, wenn ich habe, was mir gehört.“, versprach ich und widmete mich der Kiste. Darin befand sich etwas Schmuck, eine Pistole und tatsächlich Micahs Revolver mitsamt Holster. Ich nahm seine Habseligkeiten an mich und sah noch einmal zu der Frau. Mittlerweile lag sie still da und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ihr Atem ging schnell und sie versuchte immer noch etwas zu sagen, doch der Knebel erstickte alles im Keim. Ich sah von ihr zu Skinny, der immer noch mit dem Kopf auf der Tischplatte lag. „Alles wird gut.“, sagte ich noch, ehe ich zur Tür ging. Ich öffnete sie und verließ das Haus.
Jetzt war es an der Zeit Micah zu befreien, egal, wie sehr ich ihn verabscheute. Ich musste es zumindest versuchen und bisher hatte Emma die Wahrheit gesagt. Sie hatte bezüglich Skinny nicht gelogen, Micah war da, wo er sein sollte und auch sonst stimmte bisher alles. Ich konnte es nicht verstehen, aber gerade hatte ich nicht die Zeit es zu hinterfragen. Ob sie nun eine Hexe war oder nicht, spielte jetzt keine Rolle. Jetzt musste ich mir Gedanken darüber machen, wie ich Micah aus der Zelle und aus der Stadt bekam. Ich kehrte zum Gebäude des Sheriffs zurück, Micah winkte mir durch die Stäbe zu. Ich warf einen Blick zurück und als ich sicher war, dass niemand Notiz von mir nahm, ging ich zur Vordertür des Gebäudes. Ich wollte den leisen Weg wählen. Ich zog das Halstuch herunter und klopfte an, ehe ich eintrat.
„Was wollen Sie?“, kam es direkt von einem Mann, der hinter einem Schreibtisch saß. Vor sich lagen ein paar Papiere und seine Pistole griffbereit.
„Hallo Sir, ich habe gehört, dass Sie Micah Bell in Ihrer Obhut haben. Ich…“
„Es ist mir egal, wie hoch sein Kopfgeld ist, da wo Sie herkommen. Dieser Mann wird hier hängen, morgen früh. Sie können gerne zusehen, doch mitnehmen, werden Sie ihn nicht.“, mit diesen Worten schnitt der Sheriff mich ab. Er schien ja wirklich ein umgänglicher Mann zu sein. Sein Deputy stand neben ihm und grinste dümmlich.
„Okay.“ Ich wandte mich zum Gehen, nur um beim Umdrehen nach meinem Revolver zu greifen. Mit gezogener Waffe drehte ich mich wieder zurück und schoss dem werten Sheriff ein nettes Loch in die Brust. Der flog zurück, der Stuhl kippte um und er fiel zu Boden. Sein Deputy griff sofort nach seiner Waffe, doch ich konnte schneller schießen, als er ziehen. Mit der Hand am Holster fiel er zurück und landete leblos auf dem Boden. Schnell ging ich um den Schreibtisch herum, um dem Sheriff die Schlüssel abzunehmen. Ich durchsuchte seine Taschen, bis ich es klimpern hörte. Da knallte eine Patrone über meinem Kopf in die Wand. Ich duckte mich, versteckte mich hinter dem Schreibtisch und nahm die Schlüssel an mich. Weitere Schüsse trafen den Schreibtisch. Ich bleib in geduckter Haltung und wartete, bis eine Pause entstand. Die Pause, die man brauchte, um die Waffe nachzuladen. Die Pause, in der man sich nicht schützen konnte. Ich sah über den Schreibtisch hinweg. Hinten war eine Treppe, die vermutlich zum Keller und damit zu Micah führte. Dort stand ein weiterer Deputy, der gerade neue Kugeln in seine Waffe lud. Ich schoss, er schmiss sich auf den Boden und schoss ebenfalls, nachdem er die Kammer geschlossen hatte. Nur saß ich immer noch im Schutz des Schreibtisches. Eine weitere meiner Kugeln verfiel ihr Ziel nicht und drang in den Schädel des Deputys ein.
Danach hechtete ich hinter dem Schreibtisch hervor. Eilig nahm ich die Treppen und hoffte dort unten nicht noch weiteren Männern schutzlos in die Arme zu laufen. „Arthur!“, hörte ich Micah brüllen, als ich unten angekommen war. „Achtung!“ Eine weitere Kugel sauste durch die Luft und ich konnte ihr um Haaresbreite noch entgehen. Ich zielte in die Richtung, aus welcher der Schuss abgefeuert worden war und schoss. Zunächst blind, da ich versuchte mich zu orientieren. Hier unten gab es kaum Möglichkeiten mich schützend zu verstecken. Keine Kisten, keine abgehenden Räume, Tische, nichts. Und so duckte ich mich nur und schoss weiter. Ein Schmerz ging mir durch den rechten Oberarm. Es brannte, ich spürte das Blut an meinem Arm hinablaufen. Doch endlich hatte ich den Mann im Visier, der auf mich zielte. Ich feuerte mehrere Schüsse ab, traf seinen Oberschenkel und er schrie auf. Er ging zu Boden und verriss seinen nächsten Schuss, der neben mir in die Wand ging.
„Micah, hier!“ Ich griff nach seinem Revolver und warf ihn in die Nähe seiner Zelle. Vor der Zellentür blieb er liegen und Micah griff durch die Gitterstäbe hindurch. Er bekam die Waffe in die Hände und schoss dem Mann, der bereits blutend am Boden lag, in den Kopf. Ich sah nach meinem Arm, doch es schien nur ein Streifschuss zu sein. Für eine nähere Betrachtung war nicht die Zeit. Ich ging zu seiner Zelle, zog die Schlüssel hervor und schloss auf.
„Warum hat das so lange gedauert?“
„Willst du dich jetzt noch beschweren?“ Ich zog die Tür auf. „Komm, wir müssen abhauen.“
„Einen Moment noch.“ Ich sah ihn irritiert an, doch da wandte er sich um und erschoss den Mann, mit dem er sich diese Zelle geteilt hatte. „Jetzt können wir gehen.“ Er drängte sich mit einem Grinsen an mir vorbei und ich ahnte nichts Gutes. „Was ist? Festgewachsen?“ Er trabte die Stufen der Treppe hinauf und ich riss meinen Blick von der Leiche los. Schnell eilte ich ihm nach. Draußen hörten wir bereits Stimmengewirr. Diese Schießerei war nicht unbemerkt geblieben. Wir mussten verschwinden und das schnell, bevor der nächste feindliche Schuss uns niederstrecken konnte.


Horseshoe Overlook
Emma

Ich musste eingenickt sein, denn Dutch weckte mich, indem er mich an der Schulter berührte. Ich riss meine Augen auf in der Angst direkt in einen Lauf starren zu müssen. Hatte Arthur es nicht geschafft? Waren sie noch nicht zurück? Baumelte Micah bereits an einem Strick? Die ganze Anspannung, Verwirrung und Angst der letzten Stunden übermannte mich. Ich konnte schlicht und ergreifend nicht mehr. Gerade wollte ich nur zurück in mein Wohnzimmer, mein vertrautes Umfeld. Mein Jahr 2019. Ich wusste nicht, wie spät es war. Mittlerweile hatte ich wirklich jegliches Zeitgefühl verloren. Wenn das hier ein Traum war und da war ich mir mittlerweile nicht mehr so sicher, dann musste er doch jetzt bald enden. Ich sah Dutch an, der, nicht wie erwartet, mit einer Waffe auf mich zielte. „Du hast Glück.“, sagte er und ich richtete mich auf. Nach unser letzten Unterhaltung hatten wir schweigend nebeneinander gesessen, für Stunden. Hin und wieder hatte er mit anderen gesprochen, am hartnäckigsten war Molly gewesen. Sie hatte Zeit mit ihm verbringen wollen, doch ich war ihm wichtiger gewesen. Sie nahm es mir bestimmt übel.
„Sind sie zurück?“ Ich folgte seinem Blick und tatsächlich ritten Arthur und Micah gerade ins Camp. Hatten meine Worte die Handlung der Story so sehr beeinflusst, dass Micah sich jetzt doch nicht vor Dutch verschanzen wollte? Im Spiel hatte er sich doch nach einem Wortgefecht mit Arthur alleine aufgemacht. Doch jetzt stieg er von einem Pferd, sein Gesicht reichlich lädiert und Arthur fluchte vor sich hin, als er sein Pferd anband.
„Die verlorenen Söhne kehren zurück.“ Dutch stand von seinem Stuhl auf und ich erhob mich ebenfalls.
„Die kleine Miss lag richtig, Dutch. Der Idiot hat die halbe Stadt erschossen.“, sagte Arthur, der mit Micah auf uns zukam.
„Es war doch für einen guten Zweck, Morgan.“, kam es direkt von Micah zurück.
„Das war unnötiger Mist und das weißt du genauso gut, wie ich!“
„Jungs!“ Dutch hob beschwichtigend die Hände. „Wichtig ist, dass wir wieder alle zusammen sind. Und das ihr beide am Leben seid.“
„Genau meine Worte, Dutch. Aber das will unser Viehtreiber nicht verstehen.“, sagte Micah.
„Ach, halt doch den Mund.“, schnauzte Arthur angespannt zurück.
„Hat unser Gast die Wahrheit gesagt?“ Arthur nickte zustimmend. Dutch sah mich an und grinste plötzlich. Entweder sah er in mir jetzt… ach, ich wusste es doch auch nicht. Ein Goldesel war ich sicher nicht, es sei denn, er verlangte jetzt noch mehr solcher Vorhersagen. „Dann hast du Micah wirklich das Leben gerettet.“ Nun ja, in erster Linie hatte er sein Leben Arthur zu verdanken und nicht mir. Ich hatte einen groben Plan geliefert, ausgeführt hatte er alles.
„Lebensretterin?“ Micah hob seine Augenbrauen und musterte mich ausgiebig. Für meinen Geschmack etwas zu ausgiebig.
„Gern geschehen?“, kam es über meine Lippen. Doch ich war mir nicht sicher, ob ich mir wirklich darüber freuen konnte. Ich sah ihn an und dachte nur: Du Verräter. Er war wirklich eine Schlange. „Damit bin ich eine freie Frau?“, fragte ich an Dutch gewandt.
Er nickte langsam. „Für den Moment, ja. Und solltest du noch weitere Eingebungen haben, will ich davon erfahren.“ Okay, da war das, worauf ich gewartet hatte.
„Was ist hier los?“ Micah wirkte verwirrt. „Wer ist das?“
„Emma.“, stellte ich mich selbst knapp vor. Ich wollte nicht mehr als unbedingt nötig mit diesem Mann kommunizieren. „Ich habe nur nachgeholfen, damit Arthur dich befreien konnte. Die halbe Strafverfolgung habt ihr trotzdem erledigt?“
Arthur wandte sich zum Gehen. Er hatte scheinbar genug von diesem Wahnsinn, genug von Micah. Ich konnte es ihm nicht verübeln. „Wir mussten uns verteidigen, Schätzchen.“, antwortete Micah mir.
„Wegen dem Revolver?“
„Wer ist das?!“, fragte Micah.
„Das, Micah, ist unsere Wahrsagerin. Sie hat all das vorausgesehen.“ Dutch hatte einen Arm um meine Schulter gelegt, als wäre er plötzlich stolz auf mich. Dabei hatte er mir vor Stunden noch versprochen, mich umzulegen. Mir war diese Geste von ihm (und die Art, wie er mich vorstellte) unangenehm.
„Eine Wahrsagerin?“ Micah machte einen Schritt auf uns zu.
„In gewisser Weise.“, sagte ich.
„Arthur!“ Dutch rief ihn zurück. Er blieb stehen und wandte einen Blick über die Schulter hinweg. „Kümmerst du dich bitte darum, dass unser Gast einen Schlafplatz bekommt? Ich muss mit Micah sprechen.“ Dutch ließ seinen Arm von meiner Schulter sinken und stieß mich leicht in die Richtung von Arthur. Ich war dankbar gehen zu dürfen und schloss schnell zu Arthur auf, der bereits auf dem Weg zu seinem Bett gewesen war.
„Wie konntest du das alles wissen?“, fragte er.
„Es ist eine Gabe.“ Die Worte klangen in meinen Ohren sicherlich genau so lächerlich, wie in seinen. Doch gerade fühlte ich mich durch mein Adrenalin beflügelt. Ich musste keine Fesseln tragen, lag nicht geknebelt in irgendeiner Ecke und noch viel wichtiger, ich lebte. Niemand hatte mir eine Kugel zwischen die Augen gejagt. „Entschuldige.“, schob ich nach, als ich seinen Blick sah. „Ich kann es dir nicht erklären.“
„Das sagst du ständig.“
„Weil es so ist, Arthur. Ich kann es mir doch selbst nicht erklären, wie dann dir? Wenn es einfacher für euch ist, dann bin ich eben eine Wahrsagerin.“ Er blieb vor seiner Pritsche stehen und griff sich eine dicke Decke, die er daneben auf dem Boden ausrollte.
„Für heute kannst du hier schlafen. Morgen überlegen wir uns dann etwas anderes. Vielleicht kannst du bei den Frauen unterkommen.“ Er legte noch eine Decke hinzu, die zusammen gerollt war. Als er sich bückte, um auch diese auf den Boden zu legen, bemerkte ich seinen Arm. Er blutete.
„Scheiße! Du wurdest angeschossen!“, brach es aus mir heraus und ich griff nach seinem Handgelenk. Arthur zog seinen Arm weg.
„Ich kümmere mich darum. Ruh du dich einfach aus.“ Er deutete auf die Decken am Boden und setzte sich dann auf sein Bett.
„Lass mich dir doch helfen.“ Ich stand vor ihm, reichlich planlos. Ich war keine Krankenschwester, keine Ärztin oder gar Tierärztin. Mein Betätigungsfeld war eine Kinder- und Jugendeinrichtung, nett formuliert Wohngruppe, altbacken Kinderheim. Ich hatte keine Ahnung, wie man eine Wunde nähte oder sonst irgendwelche nützlichen Fähigkeiten. Doch ich wusste, dass man die Wunde desinfizieren sollte und Hochprozentigen hatten sie vielleicht hier. Wenn Reste von der Patrone in der Wunde waren, mussten sie entfernt werden. Ein bisschen Dr. House hatte auch ich gesehen… „Ich kann es mir doch zumindest ansehen.“
„Und dann?“
„Komm schon.“ Er seufzte leise in sich hinein und öffnete dann sein Hemd, um seinen Arm aus dem Ärmel zu ziehen, wobei er sein Gesicht verzog. Scharf sog er die Luft ein. Ich sah mir das Dilemma an. Das Blut machte es vermutlich schlimmer, als es wirklich war. Ich sah kein Einschussloch, keine Austrittswunde. „Ich brauche Wasser und…“ Tilly lief hinter mir entlang. „Tilly! Kannst du mir Wasser bringen und Alkohol?“, fragte ich sie und sie blieb verdutzt stehen. „Arthur ist verletzt, er wurde angeschossen.“ Tilly nickte, trotz der Irritation, die ihr ins Gesicht geschrieben stand und eilte los.
„Was hast du vor?“
„Ich werde die Wunde säubern, desinfizieren und dann verbinden.“, erklärte ich. Zumindest klang das nach etwas, was ein Arzt unter diesen Umständen tun würde. Ob es genäht werden musste oder nicht, wusste ich nicht.
„Was ist passiert?“, fragte plötzlich die Stimme von Miss Grimshaw.
„Nichts ist passiert, Miss Grimshaw.“, brummte Arthur.
„Ich kümmere mich darum.“, sagte ich.
„Ach?“
„Ja, es ist alles in Ordnung. Miss Jackson bringt mir bereits alles, was ich benötige.“ Sie sah mich prüfend an, verschränkte die Arme vor ihrer Brust und schien sich das Spektakel ansehen zu wollen.
Tilly kam zurück. Sie hatte eine kleine Schüssel mit Wasser gefüllt und trug eine Flasche in der Hand. Vermutlich der von mir bestellte Alkohol. „Hier.“ Sie reichte mir die Sachen und ich stellte beides auf den Boden vor Arthur.
„Kannst du mir dein Tuch geben?“, fragte ich ihn. Tilly und Miss Grimshaw beobachteten die Szene.
„Wofür?“
„Hab ich dir doch gesagt. Bitte, gib es mir.“ Er löste den Knoten und reichte mir sein schwarzes Halstuch. Ich machte es nass und wischte vorsichtig über die Wunde. Nach und nach entfernte ich das Blut, das teilweise schon getrocknet war. Sicherlich ein gutes Zeichen! Das Wasser in der Schüssel färbte sich schnell rot.
„Und du weißt wirklich, was du da machst?“, fragte er mich.
„Ja und nein.“ Aber sicher war mein Wissen fundierter, als das von 1899. Zumindest hoffte ich das. „Ich werde die Stelle jetzt desinfizieren.“ Ich öffnete die Flasche und der Geruch von Alkohol stieg mir in die Nase. Ja, das war ein Schwarzgebrannter. Eindeutig. Ich wrang sein Halstuch aus, ehe ich etwas von dem Alkohol darüber laufen ließ. „Könnte brennen.“ Nach diesen Worten bedeckte ich die Wunde mit dem Tuch, doch er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Doch ich sah, wie sich seine Kiefermuskulatur anspannte, als würde er die Zähne für einen kurzen Augenblick fest zusammenbeißen. „Okay.“ Ich sah mir mein bisheriges Werk an. Die Wunde war wirklich weniger schlimm, als es das Blut hatte vermuten lassen. Und sie schien auch nicht so tief zu sein, als das man sie hätte nähen müssen. Steristrips wären sicherlich gut gewesen, um die Wundränder etwas zu schließen. Aber die gab es noch nicht und eine Narbe mehr oder weniger tat Arthur sicher auch nicht weh. „Hast du noch so eines?“ Ich hielt das Tuch hoch.
„Hier.“ Tilly reichte mir ein Tuch, das sie um ihr Handgelenk getragen hatte. Dankend nickte ich ihr zu, ehe ich es einmal um seinen Arm band, um es dann zu verknoten.
„Das sollte reichen. Es darf sich nur nicht entzünden.“ Ich kam mir schon fast vor wie eine richtige Ärztin. Doch vielleicht traute ich den übrigen Campbewohnern auch nur zu wenig zu. Ich wusste nichts darüber, wie weit die Medizin bis jetzt entwickelt war. Nur, das es für vieles keine Heilungschancen gab und man bei schweren Verletzungen auch gerne schnell den Kürzeren zog.
Miss Grimshaw schien genug gesehen zu haben, denn sie wandte sich zum Gehen. „Kommen Sie, Miss Jackson.“, wandte sie sich dabei an Tilly, die mir noch ein Lächeln schenkte, ehe sie folgte. Ob sie jetzt direkt zu Dutch gingen, um von meiner kleinen Heldentat zu berichten? Ich sah ihnen noch nach, stand dabei immer noch neben Arthur, der sein Hemd nun komplett auszog. Ich sah beschämt zur Seite und setzte mich auf die Decke, die er am Boden für mich ausgebreitet hatte.
„Kein Danke?“, fragte ich ihn, während er sich ein anderes Hemd überstreifte. Eines, das weniger mit Blut befleckt war.
„Danke. Und jetzt ruh dich aus.“ Er schloss die letzten Knöpfe des Hemdes, ehe er sich auf sein Bett legte.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast