a wild storm

GeschichteAbenteuer, Drama / P18
Arthur Morgan Colm O'Driscoll Dutch van der Linde Micah Bell
23.12.2019
10.05.2020
26
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23.12.2019 4.547
 
a wild storm

CHAPTER I - Where am I?

Ich wurde von stechenden Kopfschmerzen geweckt. War ich bewusstlos? Ich öffnete meine Augen, kniff sie jedoch sofort wieder zu, als greller Sonnenschein mich blendete. Moment mal, Sonnenschein? Ich hatte doch eben noch auf meiner Couch gesessen, Cola getrunken und den Controller meiner PS4 in den Händen gehalten, um Red Dead Redemption 2 zu spielen. Draußen hatte ein verrückter und verdammt wilder Sturm getobt. Erschrocken richtete ich mich in eine sitzende Position auf, was meine Kopfschmerzen schlimmer werden ließ. Mir war schwindelig, alles drehte sich um mich herum. Ich blinzelte einige Male, bevor ich meine Umgebung wieder scharf und nicht mehr verschwommen wahrnehmen konnte.
Wo zur Hölle war ich und wie war ich hierhergekommen? Oder schlief ich? Die Umgebung kam mir so vertraut vor, als hätte ich diese grüne Wiese schon einmal gesehen. Weites, unberührtes Land erstreckte sich vor mir. Lediglich ein schmaler Trampelpfad zeugte von Zivilisation. Ich musste träumen, anders war das nicht zu erklären. Bestimmt war ich während des Spielens eingeschlafen – reichlich unvorstellbar, aber es erschien mir als einzig vernünftige Erklärung. Stöhnend erhob ich mich und klopfte mir den Staub von der dunkelblauen Jogginghose. Dann zupfte ich meinen schwarzen Pullover zurecht, der mir gerade viel zu warm war. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn und ich schob die Ärmel hoch. So einen merkwürdigen Traum hatte ich noch nie. Alles fühlte sich so verdammt real an.
Ich sah mich um. Grüne Wiesen, Berge in der Ferne, Bäume, Büsche und Vogelgesang. Ich blickte zum Pfad und beschloss zu ihm zu gehen, um ihm zu folgen, wohin auch immer. Was blieb mir anderes übrig? Mein Körper schien ja nicht aufwachen zu wollen. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und tippte auf den Display. Natürlich (wie sollte es auch anders sein) hatte ich absolut keinen Empfang, daher steckte ich es schnaufend wieder zurück in die Tasche. Ich sah mich weiter um und konnte ein Straßenschild entdecken. Na ja, es war kein richtiges Schild, wie man es heute an den Straßen stehen sah. Es war eher ein Wegweiser aus Holz, bestückt mit zwei Schildern, wie man es vielleicht noch von Wanderwegen kennt. Eines der Schilder zeigte nach links, das andere nach rechts. Ich ging auf den Wegweiser zu und blickte auf die verwitterte Schrift. Den Namen links konnte ich nicht mehr entziffern, rechts konnte ich noch deutlich „Valentine“ lesen. Valentine? Okay, ich musste träumen. Mein Unterbewusstsein baute all das, was ich aus dem Spiel kannte, in meinen Traum ein.
Plötzlich vernahm ich Geräusche. Es klang, als würde sich mir ein Pferd nähern. Instinktiv drehte ich mich in die Richtung, aus der ich das Tier vermutete. Und da war tatsächlich ein geschecktes Pferd mit einem Mann darauf. Die Sonne blendete so sehr, dass ich meine Augen mit einer Hand abschirmen musste, um mehr zu erkennen. Er ritt im Trab den Pfad entlang, direkt auf mich zu. Staub wirbelte hinter ihnen auf und seine Kleidung glich durch und durch der eines Cowboys aus dem wilden Westen. Er sah haargenau so aus, wie die Figuren aus dem Game. Ein nervöses Lachen entwich meinem Mund. Was war denn hier los?
Der Mann kam immer näher und verlangsamte das Tempo. Das Pferd ging in einen Schritt über, ehe das Tier neben mir zum Stehen kam. Der Mann mit Dreitagebart sah zu mir herunter, wobei die Krampe seines Cowboyhutes einen Schatten auf sein Gesicht warf. „Arthur Morgan?“, schoss sein Name über meine Lippen, bevor er auch nur irgendetwas zur Begrüßung sagen konnte. Er runzelte seine Stirn.
„Woher kennt du meinen Namen, Mädchen?“ Ein Mädchen war ich zwar nicht mehr, dennoch saß ich selbst mit 27 noch gern am Wochenende vor der Spielekonsole. Und momentan war ich dabei die zweite Runde von RDR2 zu spielen. Ich musste die Geschichte einfach noch einmal erleben, zu sehr waren mir die Charaktere ans Herz gewachsen, außerdem wollte ich dieses Mal einige Sachen anders machen, als beim ersten Durchgang.
„Ist das nicht offensichtlich?“, fragte ich. Realisierte Traum-Arthur, dass er in einem Spiel steckte?
„Wir sind uns nie begegnet, woher kennst du mich?“ Na, er realisierte es wohl eher nicht. Das Pferd schnaubte plötzlich und ich zuckte zusammen. So nah war ich so einem Tier in meinem Leben noch nie gewesen. Allein seine Größe schüchterte mich ein - auf dem Bildschirm waren sie nun wirklich erheblich kleiner. Ich war noch nie so der große Pferdenarr gewesen, den Part hatte meine Schwester übernommen.
„Deinem Steckbrief.“, log ich dann, um mich der scheinbaren Logik meines Traums zu beugen. Arthur wusste nicht, was hier vor sich ging. Er musterte mich ziemlich skeptisch und vor allem meine Art mich zu kleiden schien ihn zu verwirren. Kein Wunder – ich passte nicht in das Bild von 1899. Die Frauen trugen für gewöhnlich lange Kleider, Frauen in Hosen waren selten. Sie gab es auch, Sadie Adler zum Beispiel, aber sie waren nicht die Regel. Außerdem gab es noch keine Jogginghosen mit Adidas-Logo.
„Wo kommst du her?“
„Strawberry. Ich… ich habe mich verirrt.“ Es war der erste Ort, der mir einfiel. „Kannst du mir helfen?“
„Ich bin mir noch nicht sicher.“
„Wieso? Du bist doch eigentlich…“, ich brach den Satz ab und hielt inne, als ich sah, wie seine Augenbrauen etwas in die Höhe gingen. „Ähm, ich meine, du wirkst nicht so, als würdest du mich umbringen wollen.“
„Woher kennst du mich wirklich?“, fragte er deutlich energischer und schwang sich dabei elegant aus dem Ledersattel. Ich wich einen Schritt zurück, er war gut einen Kopf – wenn nicht sogar mehr – größer als ich und deutlich sportlicher gebaut. Kein kleines Männchen mehr auf dem TV-Bildschirm.
„Hab ich dir doch gesagt!“
„Ich glaube dir nicht. Wie heißt du?“
„Emma Hunter.“
„Und, Miss Hunter?“ Er war ungeduldig. Und mir entging nicht, dass er sich aufmerksam umsah, als suche er nach möglichen Komplizen meinerseits. Wen er da wohl im Sinn hatte? Die O’Driscolls vielleicht? Seine Hand ruhte am Holster seines Revolvers, allein diese Geste verunsicherte mich.
„I-ich… ich kann es dir nicht erklären.“ Konnte ich wirklich nicht. Die Hälfte der Begriffe würden ihm nichts sagen, wenn nicht sogar alle.
„Woher?“ Er machte einen großen Schritt auf mich zu. Verdammt war der groß… oder ich klein.
Beschwichtigend hob ich beide Hände. „Ich kann es dir nicht erklären.“, wiederholte ich. Arthur stand direkt vor mir, er roch leicht nach Zigaretten und harter Arbeit. Sein Blick war fordernd.
„Okay.“ Er griff nach meinem rechten Oberarm. „Du wirst es mir schon noch sagen.“ Er zog mich näher zu sich und in Richtung Pferd. Ich versuchte mich vergebens aus seinem Griff zu befreien. Der Druckschmerz fühlte sich so echt an, als würde er mich wirklich festhalten und ich es nicht nur träumen. Zumindest hoffte ich das immer noch. Was sollte das hier auch sonst sein?
„Das sollte ich besser nicht tun…“ Ich wusste viel mehr, als es ihm wahrscheinlich lieb war.  
„Dann wirst du mich begleiten. Vielleicht änderst du dann deine Meinung.“ Er zog mich noch näher zum Pferd, das mich schon so argwöhnisch anstarrte. Ich zerrte an meinem Arm, aber er war deutlich stärker als ich.
„Lass mich los!“ Es schmerzte, dass er mich so grob behandelte. Immerhin hatten wir doch schon so viele „gemeinsame“ Abenteuer bestritten. Als er mich an der Taille fassen wollte, um mich auf sein Pferd zu hieven, nutzte ich diesen Moment, um ihn kräftig zu schubsen. Meine Kraft reichte nicht aus, damit er umfiel, doch allemal um ihn zum Zurückweichen zu bringen. Ich nahm meine Beine in die Hand und rannte los, zurück über die Wiese. Bitte wach auf, flehte ich in Gedanken.
„Bleib stehen, Mädchen!“, rief er, aber ich dachte nicht daran. Ich lief weiter und weiter. Im Traum konnte man nicht sterben. Oder? Man wachte doch vorher auf? Plötzlich sauste etwas durch die Luft und schlang sich eng um meinen Oberkörper, sodass meine Arme an meinen Seiten fixiert wurden. Ein Ruck durchfuhr mich und ich wurde rücklings zu Boden gerissen. Mit meinem Hinterkopf knallte ich auf den Boden. Er hatte mich mit seinem Lasso gefangen, so, wie ich es im Spiel schon tausendfach getan hatte. Ich hatte sogar die Tastenkombination im Kopf.
Ich versuchte meine Arme unter dem Seil hervor zu ziehen, doch er zog daran und das Lasso saß mit einmal mal bombenfest. „Hör auf zu zappeln!“ Er versuchte meine Hand- und Fußgelenke zu fesseln, wobei er mich auf den Bauch drehte. „Ich will dich nicht bewusstlos schlagen müssen.“ Ich hielt inne. Geschlagen werden stand nicht auf meiner To-Do-Liste. Arthur fesselte mich und hob mich dann vom Boden hoch, als würde ich überhaupt nichts wiegen. Er warf mich über seine Schulter, ich stöhnte auf.
„Wohin bringst du mich?“ Aber ich bekam keine Antwort. Schweigend trug er mich zu seinem Pferd und lud mich auf dem Tier ab. Der Körper des Tieres war warm und es machte einen Schritt nach hinten, als es mich als neue Fracht bemerkte. Arthur beruhigte und streichelte es, ehe er selbst aufstieg.
„Los.“ Das Tier gehorchte und setzte sich in Bewegung. Doch ihm schien noch etwas aufzufallen. Er griff in seine Satteltasche, ohne das Pferd anhalten zu lassen und zog einen braunen Leinensack hervor, den er mir kurzerhand über den Kopf zog. Sicherlich damit ich nicht sehen konnte, wohin die Reise ging.
„Hey!“ Staub stieg mir in die Nase und ich nieste.
„Du brauchst nicht zu wissen, wohin die Reise geht.“ Das Pferd wurde schneller und ich ahnte bereits wohin es gehen sollte – Horseshoe Overlook. Dort hauste die Van der Linde Gang zurzeit, die Frage war nur, wie lange noch. Ich wollte ihm vor den Latz knallen, dass ich es wusste, doch entschied mich dagegen. Er misstraute mir eh schon, hielt mich vielleicht sogar für eine Gefahr. Wenn er jetzt noch erfuhr, dass ich den genauen Ort des Camps bereits kannte, würde sich sein Misstrauen nur noch verstärken.


Arthur

Wer war diese merkwürdige Frau, die da hinter mir auf dem Pferderücken baumelte und im Sekundentakt meinen Namen sagte? Ich hatte mich in Schweigen gehüllt, um mich nicht von meiner „Fracht“ einwickeln zu lassen. Wohl auch, weil ich mir noch nicht sicher war, ob es so eine kluge Idee war, sie ins Camp zu bringen. Aber irgendetwas stimmte nicht und konnte noch nicht sagen, woran das lag. Sie kannte mich, aber ich war mir sicher, dass ich ihr noch nie in meinem Leben begegnet war. Seit der Flucht aus Blackwater war mir kein Steckbrief mit meinem Gesicht aufgefallen und bisher benahmen wir uns alle so zivilisiert wie nur möglich; noch ein Grund mehr ihre Aussagen anzuzweifeln. „Arthur?“ Schon wieder. „Hey, wenn du nicht gerade vom Pferd gefallen bist, antworte!“ Hartnäckig war sie ja.
„Halt deinen Mund.“
„Die Fesseln tun weh!“
Ich lachte leicht in mich hinein. „Es soll kein gemütlicher Ausritt werden, Miss.“
„Kannst du sie bitte abmachen? Ich hau auch nicht nochmal ab.“
„Solange ich nicht weiß, wer du wirklich bist, bleibst du gefesselt. Jetzt sei still, bevor noch ein Knebel dazu kommt.“
„Ich werde dich wohl kaum KO schlagen!“ Sie zerrte an ihren Fesseln, zappelte und mein Pferd wurde unruhig. Es tänzelte ein paar Schritte zur Seite. Kurzerhand gab ich der Frau einen Klaps auf die Rückseite ihrer Oberschenkel.
„Hey, hör auf!“
„Dann mach sie lockerer!“, sagte sie.
„Weib, kannst du bitte endlich deinen Rand halten?“ Ich schnaufte genervt, sie ebenfalls. Selbst mein Pferd wirkte genervt, durch das zusätzliche Gewicht auf seinem Rücken.
„Das ist ein furchtbarer Traum.“, hörte ich sie leise murmeln und runzelte nachdenklich meine Stirn. Dachte sie, dass sie träumte? Ich war geneigt nachzufragen, doch entschied mich dagegen. Ich wollte die Ruhe genießen und sie nicht anstacheln, mir weiter mit den Fesseln in den Ohren zu liegen. Wir nahmen einen versteckten Weg, der vom Pfad abging. Bill stand etwas abseits des Camps, das Gewehr in den Händen und sah wachsam in alle Richtungen. Natürlich entdeckte er uns, ich grüßte ihn.
„Wen bringst du mit?“, fragte er, während ich langsam an ihm vorüber ritt.
„Ich weiß es noch nicht. Wo ist Dutch?“
„In seinem Zelt.“ Ich ritt zu den Anbindepfosten für die Pferde, stieg ab und kümmerte mich dann um die holde Maid. Ich hievte sie vom Rücken des Tieres, warf sie mir wieder über die Schulter und steuerte auf Dutch‘ Unterkunft zu. Auf halben Weg kam mir Miss Grimshaw entgegen.
„Mr. Morgan, seit wann entführen wir Menschen?“
„Hin und wieder, Miss Grimshaw.“
„Ein weiteres Maul, das wir stopfen müssen? In unserer derzeitigen Situation…“
„Arthur, was wird das?“, Dutch hatte Miss Grimshaw unterbrochen. Sie blieb mit verschränkten Armen stehen. „Alles in Ordnung, Miss Grimshaw. Ich kümmere mich um das hier.“ Sie nickte, wirkte dennoch nicht gerade begeistert und ging weiter ihres Weges. „Wer ist das?“
„Ich hab die Kleine ein paar Meilen von hier gefunden. Irgendwas stimmt nicht.“ Ich ließ Emma von meiner Schulter rutschen und sie landete auf dem Boden. Erst jetzt befreite ich sie auch von dem Sack über ihrem Kopf. „Sie kannte meinen Namen. Ich weiß nicht, ob sie noch mehr Dinge weiß, die uns vielleicht sogar gefährlich werden könnten. Sie schien auf den Weg nach Valentine gewesen zu sein.“
„Ich weiß gar nichts!“ Ich war geneigt ihr einen Klaps auf den Hinterkopf zu geben, beherrschte mich jedoch.
„Oh doch.“, sagte ich.
„Woher kommt sie?“, fragte Dutch.
„Sie sagt aus Strawberry. Aber ich bezweifle das.“ Sie sah nicht aus, als käme sie hier irgendwo aus der Gegend. Ihre Kleidung war merkwürdig und auch die Art, wie sie sprach… das passte nicht nach Valentine und ebenso wenig nach Strawberry.
„Ist sie bewaffnet?“
„Ich denke nicht.“
„Du hast sie nicht durchsucht?“, fragte Dutch.
Seufzend trat ich auf Emma zu und zerrte sie auf die Füße. Gründlich tastete ich erst ihren Oberkörper und schließlich ihren Unterkörper ab. Aus der linken Hosentasche zog ich dann schließlich ein schwarzes Ding. Die Vorderseite fühlte sich glatt an, beinahe wie Eis und die Rückseite hatte leicht Struktur, aber das Material oder der Nutzen dieses Dings war mir unbekannt. Ich hielt das dünne Ding in meinen Händen und reichte es Dutch entgegen, der seine Hand bereits ausgestreckt hatte. „Was ist das?“, fragte ich sie.
„Ein Handy.“ Ein was?
„Ein was?“ Dutch sprach meinen Gedanken aus.
„Macht mich frei und ich zeig’s euch.“ Dutch nickte mir zu und ich zerschnitt das Seil an ihren Handgelenken, damit sie ihre Arme benutzen konnte. Sie rieb sich die Handgelenke – vielleicht hatte ich das Seil doch zu stramm gezogen? Dutch reichte ihr das komische Ding, das sie Handy nannte und sie tippte auf die glatte Eisfläche auf der Vorderseite. Das Teil leuchtete in ihrer Hand auf, zeigte Zahlen und ein Foto.
„Was zum...?“, stieß ich aus. Sie tippte immer weiter mit ihren dünnen Fingern darauf herum. Es erschienen immer neue Bilder und auch Schrift konnte ich erkennen. So etwas hatte ich noch nie gesehen und Dutch‘ Gesichtsausdruck nach, er auch nicht.
„Das ist ein Gerät mit dem man mit anderen in Kontakt treten kann. Man kann ihnen schreiben, wie hier oder sie anrufen.“, erklärte sie langsam, was mir aber auch nicht half. „Vorausgesetzt man hat Empfang.“ Sie deutete auf ein kleines Zeichen, dass sich oben in der rechten Ecke befand. „Man kann auch Spiele damit spielen, Musik hören oder einen Film gucken.“ Wie im Theater, nur in Farbe, bewegten sich merkwürdige Figuren über den Bildschirm. Ich glaubte nicht wirklich an Hexerei, aber das kam meinem Verständnis von Magie wirklich nahe.
„Was?“, fragten Dutch und ich beinahe gleichzeitig. Dutch starrte wie gebannt auf das Ding, aus dem tatsächlich auch Musik kam. Na ja, wenn man es Musik nennen konnte.
„Du hast keine Ahnung, wovon ich spreche.“ Die Bilder verschwanden, das Ding wurde wieder komplett schwarz. Dutch nahm es ihr wieder ab, bevor sie es sich zurück in die Tasche stecken konnte und begutachtete es weiter. Ja, er roch sogar kurz daran. Ob es einen Geruch hatte? Er tippte mit seinen Fingern darauf herum, wie sie es auch getan hatte. Einmal leuchtete es sogar wieder auf und er hätte es beinahe fallen lassen, doch dann erlosch das Licht wieder.
„Woher kommst du?“, fragte ich.
„Ich… ich komme aus Toronto. Kanada.“ Kanada? Erst Strawberry und jetzt sprach sie von Kanada? „Ich habe keine Ahnung, wie ich hier gelandet bin.“
„Und woher kennst du Arthur?“
„Ich.. i-ich kenne nicht nur ihn.“ Erst jetzt verlor Dutch allmählich sein Interesse an dem Ding. Ich konnte es ihm nicht verübeln, denn ihre Worte wirkten auf mich wie eine versteckte Drohung.
„Warst du in Blackwater?“
„Du meinst ob ich anwesend war? Nein. Ich habe nur eure Steckbriefe gesehen.“ Aber dann musste sie doch in Blackwater oder Umgebung gewesen sein. In Kanada waren wir noch nie gewesen, soweit in den Norden hatte es uns noch nie getrieben. Weshalb sollten also dort unsere Steckbriefe aus Blackwater hängen? Das ergab alles keinen Sinn. „Bringt ihr mich jetzt um?“ Sie hatte Angst.
„Arthur.“ Dutch machte einen Fingerzeig und nahm mich zur Seite. „Ich will wissen, wo sie die Steckbriefe gesehen haben will. Irgendetwas ist faul an der Geschichte, die sie uns hier auftischen möchte.“ Ich nickte bestätigend und wandte mich wieder um, um sie auf die Beine zu zerren. „Steh auf!“ Als sie stand zerschnitt ich auch das Seil an ihren Fußgelenken. Sie gehorchte brav.
„Was passiert jetzt?“
„Du bleibst, bis wir wissen, was wir mit dir machen werden.“, antwortete Dutch ihr.


Emma

Arthur brachte mich zu einem abseits gelegenen Baum in der Nähe von Pearsons Wagen, um mich dort mit einem Seil zu fesseln. Ich lehnte am Baum, während er um mich herum ging und mich an den Baum band. Ich konnte die Rinde in meinem Rücken spüren und als er das Seil stramm zog, blieb mir kurz die Luft weg. „Das könnt ihr doch nicht ernsthaft machen!“
„Das ist nur zu deinem und unserem Besten.“, sagte er.
„Was soll ich euch denn antun? Glaubst du ich fliehe den ganzen Weg bis Valentine, ohne Pferd, um euch zu verraten?“
„Das wäre eine Möglichkeit.“ Er hatte einen Knoten gebunden und schien mit seinem Werk zufrieden zu sein. Bewegungsfreiraum hatte ich quasi überhaupt keinen mehr.
„Arthur, ich bin keine Gefahr. Du musst mir glauben!“ Zumindest er!
„Warum sollte ich dir glauben, Mädchen?“ Beinahe hätte ich gesagt, weil wir uns schon so lange kannten. Aber das war Unsinn, er kannte mich nicht. Er hatte mich noch nie zuvor gesehen oder gesprochen. Für ihn war ich eine vollkommen fremde Frau, die sich seltsam verhielt, kleidete und merkwürdige Gegenstände mit sich führte.
„Ich könnte euch von Nutzen sein! Ich kann euch helfen!“
„Wie?“ Er sah mich direkt an. „Du kannst gerade nicht einmal dir selbst helfen. Was könntest du uns schon bieten?“
„Arthur, bitte. Ich…“ Gott, wie sollte ich ihm das nur begreifbar machen? Ich kam mir vor, als würde ich einem Kindergartenkind das Leben erklären. Er kannte keine Videogames, ja nicht einmal einen Fernseher, denn das gab es alles noch nicht. Und so winkte er nur ab und entfernte sich von mir.
Ich blieb für etliche Stunden alleine und bekam keinerlei Beachtung geschenkt. Irgendwann ging die Sonne unter und es wurde kühler. Ich beobachtete das Treiben im Camp; Essen wurde vorbereitet, Holz gehackt, Pferde versorgt. Jeder hatte eine Aufgabe, der er nachging. Nur einer beobachtete mich und das war Dutch. Er saß vor seiner Unterkunft und doch kam er nicht. Niemand kam. Wollten sie mich hier verhungern lassen? Oder war das eine Methode, um meine Zunge zu lockern?
Immer wieder versuchte ich die Fesseln zu lockern. Ich versuchte mich zu bewegen, kämpfte gegen das Seil an und überlegte, ob ich auf mich aufmerksam machen sollte. Hin und wieder rief ich den Namen eines Gangmitglieds, wenn eines in der Nähe war. Aber dafür erntete ich nur merkwürdige Blicke. Selbst Dutch bewegte sich nicht. Was für eine Scheiße war das hier? Wieso wurde ich nicht einfach wach? Mir war nach heulen zu mute. Ich war müde, durstig, hungrig und hatte Angst. In der Ferne sah ich, wie Dutch sich mit Miss Grimshaw unterhielt.
Sie sprachen eine Weile und schließlich deutete er in meine Richtung. Was jetzt? Beschwerte die ältere Frau sich über den ungebetenen Gast im Camp? Immerhin gab es jetzt noch ein Maul mehr zu stopfen, aber vielleicht beschwerte sie sich ja auch darüber, dass sich eben niemand kümmerte. Oder darüber, wie man bisher mit mir umsprang? Ich wusste, dass sich die Gang in keiner einfachen Lage befand. Das Geld war knapp, ebenso die Vorräte. Alles befand sich am Anfang. Miss Grimshaw nickte schließlich und entfernte sich dann von ihm. „Miss Hunter.“ Sie blieb vor mir stehen. „Es gibt Essen. Auch für Sie.“ Sie lockerte den Knoten und konnte ihn schließlich öffnen. „Und das obwohl es kaum genug für uns alle gibt.“, fügte sie noch an, ehe ich befreit war. Jedoch machte ich keine Anstalten zu fliehen, denn ich hatte Bärenhunger. Mein Magen knurrte zustimmend.
„Hände nach vorne.“ Ich gehorchte und sie fesselte meine Handgelenke erneut, jedoch weitaus weniger fest, als Arthur. Miss Grimshaw hielt mich am Arm fest. „Mr. Morgan wird ein Auge auf Sie haben, nur für den Fall.“ Sie machte mit ihrer freien Hand eine ausschweifende Handbewegung, mit der ich nichts anfangen konnte. Für welchen Fall? Das ich jemanden umbrachte oder abhaute? Sicherlich eher letzteres. Sie führte mich zum Lagerfeuer, wo sie mir eine Schüssel mit Eintopf reichte.
„Danke.“
Miss Grimshaw antwortete mir nicht. Sie führte mich nur am Arm zu Arthur, der etwas abseits vom Feuer saß. „Mr. Morgan. Sie werden sich sicher gerne um die werte Lady kümmern, immerhin haben Sie sie angeschleppt.“ Arthur nickte stumm und deutete auf einen Baumstamm neben sich.
Ich folgte seinem Wink und setzte mich mit der Schüssel in beiden Händen. Wie sollte ich so bitte essen? Das Zeug trinken? Damit wäre der Löffel überflüssig, der in der Schüssel lag. „Kannst du das Seil abmachen?“, fragte ich und hob zur Demonstration meiner derzeitigen Lage die Arme an. „So kann ich nicht essen.“
„Eine falsche Bewegung und du landest komplett zugeschnürt am Boden.“ Er klang harsch, sah mich noch kurz prüfend an, ehe er mich erlöste. Wie oft war ich heute schon gefesselt gewesen? Eindeutig viel zu oft für meinen Geschmack. Meine Handgelenke brannten, ebenso meine Oberschenkel vom langen Stehen am Baum. Sitzen war eine Genugtuung.
„Danke.“
„Kein Problem, solange du es zu keinem machst.“ War das ein Schmunzeln auf seinem Gesicht?
Ich nahm den Löffel aus der Schüssel und probierte Pearsons berühmten Eintopf, der wirklich gut war. Erst jetzt wurde mir mein Hunger so richtig bewusst. Mit jedem Löffel löste sich die Anspannung in meinem Magen auf. Ich musste mich bremsen, um nicht alles sofort herunter zu schlingen. „Kriege ich mein Handy – das schwarze Ding – wieder?“
„Nein. Dutch hat Gefallen daran gefunden.“
„Na toll. Kann er es überhaupt bedienen?“
„Hm?“
„Was macht er damit?“
Arthur zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“ Ich schwieg, er musterte mich fortwährend.  „Du weißt nicht, wie du hier gelandet bist?“, fragte er.
„Nein.“ Ich schüttelte meinen Kopf. „Und selbst wenn, würdet ihr mir nicht glauben.“
„Versuchs doch mal.“
„Ich kann es dir nicht erklären. Ich verstehe es selbst nicht. Eben saß ich noch auf meiner Couch vor dem Fernseher und jetzt…“ Ich sah zu ihm auf und konnte die Fragezeichen auf seinem Gesicht deutlich sehen. Ich atmete tief durch. Geduld, ich musste geduldig sein. „Siehst du? Du verstehst es nicht.“
„Fernseher?“
„Das ist quasi wie…“ Ein Kino für Zuhause? Ich überlegte, wie ich es am besten formulieren konnte, damit er es verstand und ich nicht vollkommen verrückt wirkte. „Es sind Filmprojektoren. Du kannst Filme auf dieser Maschine sehen. Es steht bei einem Zuhause.“
„So etwas gibt es in Kanada?“ Jetzt noch nicht, wollte ich sagen, stattdessen nickte ich nur. Er wollte gerade eine neue Frage formulieren, da kam Lenny aufgeregt ins Camp geritten. Arthur wurde aufmerksam, ebenso die anderen. Schließlich stand er auf und rief Charles zu sich. „Du bleibst hier.“, sagte er zu mir. „Charles, hab ein Auge auf sie, ja?“ Charles nickte und ich verfolgte Arthur mit meinem Blick. Ich wusste bereits, weshalb Lenny so aufgebracht war. Ich wusste bereits, was passiert war, noch bevor er es laut aussprechen konnte. Micah saß im Gefängnis in Strawberry und sollte gehängt werden. Dutch gab Anweisungen an Arthur – ich wusste welche; er sollte Micah befreien – und Arthur sträubte sich zunächst. Doch am Ende nickte er mürrisch und wies Lenny an wieder auf sein Pferd zu steigen. Ich konnte die Szene noch vor meinem inneren Auge sehen; Arthur und Lenny im Saloon in Valentine, sturzbetrunken, Arthur auf der Suche nach Lenny, etliche Drinks mehr und ein Erwachen kurz vor Valentine.
„Was?“, fragte plötzlich Charles, den ich vollkommen ausgeblendet hatte. Er stand neben mir.
„Bitte?“
„Was ist los?“
„Gar nichts.“ Ich wandte meinen Blick ab und widmete mich schnell wieder dem Eintopf.

***

Nach dem Essen führte Charles mich zu einem Zelt, in dem es nur einige Kisten gab. Niemand schien es zum Schlafen zu nutzen, es war eher eine Art Lagerzelt, vollgestopft mit Dingen, die nicht nass werden durften oder sollten. Hoffentlich kein Sprengstoff, dachte ich, als Charles mich hinein führte. „Dein Quartier für die Nacht.“ Er griff nach einer Decke, die auf einer der Kisten lag und drückte sie mir in die Hand. Immerhin keine Fesseln mehr. „Es wird immer jemand vor deinem Zelt positioniert sein, falls du überlegst, wie du entkommen kannst.“ Er wandte sich zum Ausgang des Zeltes, hielt jedoch noch einmal inne. „Es tut mir Leid, dass die Umstände nicht anders für dich sind.“ Er ging hinaus.
Ich breitete die Decke auf dem Boden aus und als Charles das Zelt hinter sich geschlossen hatte, war es dunkel. Es dauerte eine Weile, ehe sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen konnten. Ich setzte mich im Schneidersitz auf die staubige Decke.
Was jetzt? Ich schob meine Ärmel hoch und ärgerte mich, dass ich darunter kein Top trug. Draußen war es zwar abgekühlt, doch hier im Zelt stand die Wärme des Tages; noch dazu war es stickig. Ob heute noch mal jemand nach mir sah? Ob wirklich die ganze Nacht jemand vor meinem Zelt Wache hielt? Ich zupfte am Kragen meines Pullovers. Was war nur hier los? Ich verstand es immer noch nicht. Es fühlte sich schon lange nicht mehr wie ein Traum an. Ich war mir fast sicher, dass ich nicht schlief. Aber was hieß das? Hatte ich eine Psychose? War ich tot? Oder doch wirklich hier in dieser Welt? Das ergab alles keinen Sinn und ich verspürte den Drang meine Mutter anzurufen. Etwas, was ich immer tat, wenn ich keinen Ausweg mehr wusste. Sie hatte immer so gute Ratschläge. Doch hätte sie auch einen für diese Situation? Konnte mir überhaupt jemand helfen? War ich hier gefangen? Ich brauchte unbedingt mein Handy; der Gedanke, dass es vermutlich nutzlos war, schob ich weit weg. Ich brauchte eine Aufgabe, ein Ziel, einfach etwas, woran ich mich klammern konnte, um nicht wahnsinnig zu werden. Doch vielleicht war ich das schon längst?
Ich legte mich auf die Seite und plötzlich tat mir einfach alles weh. Alles war schwer und steif. Ein tiefes Schluchzen entfuhr mir. Ich vermisste meine Wohnung, über die ich sonst so gerne fluchte, weil ständig etwas kaputt ging. Es war falsch, dass ich hier war. Ich gehörte nicht hierhin. Draußen hörte ich, wie sich Menschen unterhielten, lachten und hin und wieder ein Pferd. Ich zog meine Knie fast bis zum Kinn und schloss meine Augen. Der Tag sollte endlich enden und ich wollte auf meiner Couch aufwachen…
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