Ungebetene Gäste - Teil 3 [Türchen Nummer 23]

von Yessy
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12
El Silbador Luzi das L
23.12.2019
23.12.2019
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Hallo ihr Lieben!
Das hier ist der letzte Teil des kleinen Dramas um Elsi und Luzi. Teil 1 gibt es hier, Teil 2 hier. Da mein Adventskalenderbeitrag hiermit zu Ende geht wünsche ich euch schonmal frohe Weihnachten! Vielleicht liest man sich ja wieder mal :)
Yessy







„Geht’s wieder?“, fragte Elsi nach einiger Zeit, die sie dort umschlungen gestanden hatten. Luzi war ruhiger geworden und glich einem leblosen Körper, an Elsi gelehnt. Elsi löste Luzis Arme von ihm, schob ihn ein Stück von sich weg und ließ die Kälte zwischen sie. Luzi sah immer noch zu Boden.

„Sollen wir reingehen?“, fragte Elsi weiter und entlockte ihm damit ein Nicken.

Er legte ihm eine Hand zwischen die Schulterblätter und schob ihn sanft nach vorne. Die Wärme im Hausflur hieß sie willkommen. Unter seiner Winterjacke trug Luzi nur ein T-Shirt und trotz der warmen Innenräume hatten sich die Härchen aufgestellt.

Sie betraten Elsis altes Kinderzimmer und Elsi betätigte den Lichtschalter. Das grelle Licht schmerzte in den Augen. Sie würden jetzt noch nicht schlafen. Nicht, ehe Elsi nicht wusste, was mit seinem Freund los war.

Unaufgefordert setzte Luzi sich auf die Bettkante und nach wenigen Sekunden gesellte sich Elsi zu ihm. Ihre Körper waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, doch von Luzi schien keine Wärme auszugehen. Er knetete die Hände ineinander, den Kopf gesenkt und die Schultern in die Höhe gezogen. Eine Haltung, die ein gänzlich neues Bild von Luzi zeichnete.

„Es klingt bescheuert“, sagte Luzi leise.

„Sag es mir trotzdem und ich entscheide dann, ob es bescheuert ist oder nicht.“

Luzi schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, schimmerten seine Augen verdächtig. „Ich fühle mich einsam.“ Die Worte kamen wie zäher Karamell über seine Lippen. „Seit der Trennung von Sarah. Es ist… Ja.“

„Aber das ist bereits mehr als zwei Jahre her.“

„Mhm.“ Luzi atmete durch. Beim Ausatmen sackten seine Schultern ein klein wenig herab. Der Schutzwall begann zu bröckeln. „Ich habe nie geschafft, das zu kompensieren.“

Elsi hatte diese Zeit mitbekommen. Einige Konzerte lang hatte Luzi sich in seiner Koje verkrochen, war nur noch zu Pflichtterminen aufgetaucht und hatte sonst geschmollt. Irgendwann war er nachts in die obere Lounge des Nightliners gegangen, hatte provokant ein Bier auf den Tisch gestellt und sich zu den anderen gesetzt. Und ab da war alles wieder normal gewesen. „Ich dachte immer, das wäre schon lange kein Thema mehr.“

„Ich wollte nicht weiter den ganzen Tag nur schlecht drauf sein. Aber wenn ich ehrlich sein soll, ist damit alles auseinandergebrochen. Ich habe manchmal das Gefühl, kein eigenes Leben mehr zu haben. Da ist nur Saltatio Mortis. Nur Band.“

„Aber warum hast du nie etwas gesagt?“ Elsi kramte in seinen Gedanken. Bis auf die wenigen Wochen hatte Luzi sich nie etwas anmerken lassen. Der erste Einbruch von seiner Seite ist vor wenigen Tagen gewesen und dabei ist der Name Sarah nicht einmal gefallen. Elsi hatte nicht an sie gedacht.

„Weil man solche Dinge mit seinen Freunden bespricht und nicht mit den Arbeitskollegen oder würdest du etwa Alea deine Beziehungsprobleme vorheulen? Oder Frank? Oder Lasterbalk?“

Nein, dachte Elsi, sprach es aber nicht laut aus. Dir noch am ehesten, wenn überhaupt.

„Allerdings“, sagte Luzi, „ist mein Freundeskreis mit Sarah weggebrochen. Ist dieses Typische: Wir entscheiden uns jetzt für eine Seite. Am Anfang habe ich noch versucht, den Kontakt am Laufen zu halten, doch jedes Mal, wenn sie etwas machen wollten, hatte ich keine Zeit, weil ich mal wieder auf Tour war und wenn ich dann mal zu Hause war, konnten sie überraschenderweise nicht. Sie haben einfach nicht die Eier, mir zu sagen, dass sie keinen Bock mehr auf mich haben also habe ich irgendwann aufgehört, mich zu melden und seitdem habe ich nie wieder auch nur ein Lebenszeichen erhalten. Die Menschen, mit denen ich noch meine Zeit verbringe, sind Saltatio Mortis oder Leute, die irgendwas mit uns zu tun haben. Sonst ist da keiner mehr.“ Er atmete hörbar aus, dass es einem Seufzen glich.

Elsi wiederstand dem Drang, einen Arm um Luzi zu legen und ihn wie ein trauriges Kind an sich zu ziehen. Er wirkte getreten, geschlagen und dann auf der Straße im Regen zurückgelassen, alles gleichzeitig und Elsi fehlten die Worte. Was sollte er sagen? Was sagte man in solchen Situationen überhaupt? Zustimmen, dass Luzis alte Freunde Idioten seien? Das konnte Luzi sich denken. Luzi etwas Aufmunterndes entgegenwerfen, damit er zumindest beruhigt schlafen könne? Es würde nichts bringen. So wie Luzi aussah, brauchte das eine längere Zeit der Wiedergutmachung.

„Du bist zehn Jahre mit Sarah zusammen gewesen“, sagte er stattdessen. „Das muss ein ziemlich großes Loch hinterlassen haben.“

„Hast du doch eben gesehen.“

„Wenn du mal ausführlich darüber sprechen möchtest…“

Luzi winkte ab. „Lass gut sein, Mann. Ich habe da schon lange genug drüber sinniert und einfach keine Lust mehr, dem hinterher zu trauern.“

„Aber du tust es.“

„Ja, wenn ich daran erinnert werde, was ich nicht mehr habe. Bei meiner Familie fühle ich mich kaum noch wohl, Freunde existieren nicht und ihr habt alle euer eigenes Leben. Die schönsten Momente, die ich noch habe sind unsere gemeinsamen. Weißt du noch, wie angepisst ich war, als ihr auf dem PLWM vor einigen Wochen mal alle gesagt hattet, dass ihr keine wirkliche Lust hättet? Ihr habt mir damit das einzige vermiest, was ich noch hatte.“

„Und am Ende hattest du den gesamten Abend schlechte Laune.“

Luzi brummte zustimmend. „Ich habe mir ins eigene Knie geschossen.“

„Aber dein Zustand muss doch nicht so bleiben“, meinte Elsi. „Alea findet auch ständig neue Freunde und…“

„Alea“, unterbrach Luzi ihn, „findet ständig neue Bekannte, mit denen er auf irgendwelchen Veranstaltungen rumrennt. Ich gehe auch mit ihm auf Konzerte und so‘n Zeug, aber unter Freundschaft verstehe ich was anderes. Das geht tiefer.“

„Heißt nicht, dass man ab einem gewissen Punkt im Leben diese Bindung nicht mehr aufbauen kann, das zu denken ist schwachsinnig.“

„Ich bin es leid, Elsi. Ich weiß, ich könnte, aber ich habe einfach keine Lust mehr, bei Smalltalk zu starten, bis es dann irgendwann nach einem Jahr oder so eventuell eine sehr gute Freundschaft ist oder was auch immer. Ich will am liebsten jetzt eine Person vor die Nase gesetzt bekommen, von der ich sagen kann, dass ich ihr vertraue.“ Er stemmte sich hoch und ging um das Bett herum auf seine Seite.

Elsi drehte seinen Kopf zu ihm. „Hast du denn wirklich niemanden?“ Doch Luzi antwortete nicht mehr.

Mit wenigen, gehakten Bewegungen vergrub er sich unter seiner Bettdecke und blieb dann liegen, reglos. Heute würde kein Gespräch mehr zustande kommen. Kein zielführendes. Elsi seufzte in sich hinein, ob aus Frust oder Hilflosigkeit wusste er selbst nicht, stand ebenfalls aus und lief zum Lichtschalter. Dunkelheit umfing sie, dann war für den Rest der Nacht alles still.

---

„Jo man.“ Luzi erschien im Türrahmen zur Küche sein Handy in einer Hand, noch immer in Schlafklamotten.

Elsi sah von der Kaffeemaschine auf. „Morgen.“

„Mein Vermieter hat angerufen. Heute Mittag sollte alles geklärt sein. Du bist mich also spätestens heute Abend los.“

Was hatte Elsi von sich erwartet? Erleichterung? Am Ersten Tag Luzis Einnistung hätte er das noch verspürt, er hatte gar die Stunden bis zu seinem Auszug gezählt. Und nun? Nun starrte er auf die Anzeige seiner Kaffeemaschine, auf der noch immer die Entkalkungstaste fröhlich blinkte. Er ignorierte sie und drückte auf den Knopf für eine große Tasse. Eine starke Tasse. Das Tosen machte für wenige Sekunden jegliche Kommunikation unmöglich.

Doch selbst als alles wieder ruhig war, wusste er nicht, was er sagen sollte. Er sah auf. Luzi stand nicht mehr im Türrahmen.

Er wartete noch, bis sein Kaffee vollends in der Tasse ruhte, dann ging er mit der Tasse in der Hand zu seinem Gästezimmer. Luzis Zimmer.

Er hatte ohnehin nicht viel dabeigehabt und die wenigen Klamotten einmal bei Elsi gewaschen. Als Elsi vor den Türrahmen trat, fand er Luzi reglos vor. Auf dem Bett sitzend, der Rucksack vor ihm und in seiner Hand das Schlafshirt. Das Gleiche, dass er auch bei Elsis Eltern getragen hatte. Bei Elsis Ankunft sah er auf.

„Danke für die tollen Weihnachtstage“, meinte er. „Das habe ich noch nicht gesagt.“

„Ich kann nicht mehr zählen, wie oft du das meinen Eltern gesagt hast.“

„Ja, aber ich habe es nicht DIR gesagt. Ohne dich wäre das nie möglich gewesen.“

Elsis Mundwinkel zuckten. „Ich habe es gerne getan.“

„Es wäre nicht nötig gewesen und das weißt du.“

„Für gute Freunde macht man so etwas.“ Elsi betonte die Worte absichtlich und Luzi verstand. Er sah zurück auf das T-Shirt. Sein Brustkorb hob und senkte sich bei tiefen Atemzügen.

„Willst du hierbleiben?“, fragte Elsi schließlich und sprach damit das aus, was er bereits seit einigen Tagen dachte.

„Elsi…“

„Was? Platz habe ich und bis du deine Wohnung gekündigt hast, zahle ich auch weiterhin allein die Miete, das ist ja nicht das Problem. Wir haben in etwa denselben Schlafrhythmus, schleppen momentan beide keine Freundinnen an und selbst wenn, sind wir erwachsen genug uns nicht zu benehmen wie Teenager. Du bist alleine, ich bin alleine. Ich sehe keinen Grund, es nicht zu tun.“

Luzi legte das T-Shirt neben sich auf das Bett. „Ist das eine Mitleidsaktion?“

„Nein. Ein nettes Angebot, weil ich gemerkt habe, dass mit dir Depp das Leben viel lustiger ist. Deswegen.“ Er trat einige Schritte in das Zimmer hinein. Noch waren die Wände weiß und kahl, die Regale leer und der Schrank unbenutzt. Er wusste, wie Luzis Wohnung aussah und wie viel Krempel Luzi hatte. Irgendwie würden sie es schon unterkriegen, zur Not hatte er einen Keller.

„Meinst du das ernst?“ Luzi klang nicht überzeugt.

„Du weißt wie ich bin, wenn ich Witze mache. Sehe ich aktuell so aus?“

„Nein“, bestätigte Luzi leise.

„Also. Überleg es dir. Das Angebot steht.“ Elsi wollte noch etwas sagen, doch die Worte in seinem Kopf überschlugen sich zu einem dicken Klumpen schwarzer Buchstaben. Er drehte sich um und verließ das Zimmer. „Wirklich“, betonte er im Türrahmen, dann zog er die Tür hinter sich zu.

Mit dem Kaffee begab er sich zurück in das Wohnzimmer, ließ sich auf der Couch nieder und starrte auf die Tischplatte. Zu den ersten runden Kreisen der Bierflaschen waren mehrere gekommen. Er sollte ihn Putzen, ansonsten könnte er die Tischplatte bald als Kunstobjekt verkaufen. Von der Freundschaft zweier Männer. Er schnaubte belustigt. Wenn es denn noch mehrere Bierflaschen geben würde, oder würde Luzi das Angebot allein aus Stolz ablehnen? Elsi musste sich eingestehen, ihn nicht einschätzen zu können. Jahrelang hatte er geglaubt, Luzi gut zu kennen.

Ein Klopfen ließ ihn aufsehen. Luzi stand an den Türrahmen gelehnt, die Hände in die Taschen seiner Jogginghose geschoben. Sein Gesicht zeigte keine Regung. „Gerne. Ich ziehe gern hier ein.“

Elsi benötigte einige Sekunden, um das Gesagte zu verstehen. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „Das freut mich. Wirklich, Mann. Das ist toll.“

Luzi zuckte die Schultern, konnte aber ein Lächeln auf seinem Gesicht nicht verbergen. „Ich mach mir dann auch mal einen Kaffee.“ Doch anstatt zu gehen, ließ er seinen Blick durch das Wohnzimmer schweifen, als wolle er jede Facette des neuen Heims genau in sich aufnehmen. „Wo ist eigentlich dein Dudelsack hin?“

„Hm?“ Elsi sah auf. Dort, wo er seinen nervigen „Mitbewohner“ erwartet hatte, befand sich nichts, nur leere Regalfläche und dahinter die Tapete. „Ach so. Den. Den habe ich im Auto gelassen. Muss damit in die Werkstatt.“

Luzi schnaubte. „Dichten?“

„Ja. Ja, dichten.“

„Das kannst du bei meinen auch mal wieder machen. Ich drehe dabei immer wieder durch.“ Damit verschwand er im Flur in wohl in der Küche.

Elsi blieb nicht seelenruhig sitzen und wartete auf ihn. Er sprang auf, lief zum Regal und ließ testweise eine Hand über die leere Stelle gleiten. Er hatte ihn nicht im Auto gelassen, das hätte dieses Ungetüm von Instrument nie zugelassen, sondern wäre schlimmstenfalls in der Dusche wieder aufgetaucht. Oder in Luzis Bett. Oder sonst wo. Er hatte ihn genau hier wieder abgestellt und dabei flüsternd mit ihm gesprochen. Nun war hier nichts. Elsis Finger berührten ein Blatt Papier.

„Meine Mission ist erfüllt“, las er. Krakelige Handschrift, die sehr stark seiner eigenen Gleich. Mehr nicht. Keine weiteren Erläuterungen, der Zettel löste sich auch nicht in Luft auf. Er stand hier mit ihm, als hätte jemand für ihn eine Notiz hinterlassen. Jemand lebendes. Jemand, der wirklich sprechen und schreiben konnte.

Elsi unterdrückte ein Lachen, doch die gesamte Situation war zu absurd. Aus der Küche drang das Geräusch mahlender Bohnen. Sein neuer Mitbewohner braute sich einen Kaffee. Sein willkommener Mitbewohner. Der alte, der ungewollte, war spurlos verschwunden und einem gelben Zettelchen gewichen.

Er würde einen neuen Dudelsack brauchen.
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