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The Things We Do For Love

OneshotSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Alastor Charlie Magne
22.12.2019
22.12.2019
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The Things We Do For Love


Es war irritierend.

Dieser eine Gedanke pulsierte seit geraumer Zeit immer heftiger in Alastors Kopf.

Solange sie nicht anwesend war, konnte er ihn mühelos in einen der hintersten Winkel seines Gehirns verbannen; irgendwohin, von wo aus er keinen Schaden anrichtete. Wo er durch gekonnte Ignoranz verblassen und schließlich zerfallen würde. Wo kein Heranreifen möglich wäre.
Und damit einhergehend auch keine Weiterentwicklung in die Erkenntnis über eine lachhafte Tatsache, die aus ihm den größten Narren zwischen Himmel und Hölle machen würde.

Alastors stoische Leugnung klappte auch wie erwähnt bis zu einem gewissen Punkt ganz vortrefflich – und fiel genau dann kläglich wimmernd in sich zusammen, wenn sie den Raum betrat.

Sie, mit dem schier unerschöpflichen Vorrat an Freude sowie Zuversicht.

Mit ihrem Herzen aus Gold, das selbst dem schmutzigsten Sünder noch Liebe und Verständnis entgegenbringen konnte.

Dieses alberne, naive Mädchen, dessen unschuldiges Lächeln ganze Eisberge zum Schmelzen brachte.

Nun, sein kaltes Herz aus Eis jedenfalls hatte sie damit lichterloh in Flammen gesetzt.  

Oh herrje, es begann erneut in seinem Kopf ganz schrecklich zu rumoren …

Denn da war er wieder. Dieser abstruse Gedanke. Und er bettelte dieses Mal nicht nach Beachtung - er nahm sie sich einfach.

Heute musste Alastor es sich daher wohl endgültig eingestehen: Er war ihr hoffnungslos verfallen.


♪ ◙ ♪



Mit Bedacht schritt er die Stufen zum obersten Stockwerk des massiven Backsteingebäudes hinauf, in welchem er sich die letzten Stunden über mit jenen verschanzt hatte, die seit nun genau einem Jahr zu seinem Amüsement beitragen sollten.  

Die dicken Mauern würden sie alle von dem fernhalten, was dort draußen in wenigen Minuten beginnen würde.

Es war alle 365 Tage dasselbe Prozedere: Der Abschaum wurde auf Befehl des „Obersten“ ausgemustert. All die Tunichtgute, die es hier unten zu nichts gebracht hatten, waren diesem Massenmord schutzlos ausgeliefert und fielen wie die Fliegen unter den todbringenden Waffen der Engel. Jene, die sich einen zweifelhaften Ruf aufbauen konnten, bekamen die Möglichkeit, hinter schützenden Wänden auszuharren, bis all dies vorbei war.

Dieses Gebäude hier war schon lange im Besitz der Familie Magne und diente als ein Zeichen der Warnung an die Schlächter, die aus dem Himmel herabgestiegen waren, um alles zu massakrieren, was nicht schnell genug fliehen konnte. Jeder, der sich innerhalb dieser Mauern befand, war unantastbar. Denn mit Lucifer persönlich wollte sich niemand anlegen, sofern er halbwegs bei Verstand war.

So oft schon hatte Alastor das Gemetzel – teilweise hautnah - miterlebt und nicht ein einziges Mal wäre es ihm auch nur ansatzweise in den Sinn gekommen, so etwas Triviales wie Mitleid zu empfinden.
Was er anfangs spannend und äußerst unterhaltsam gefunden hatte, war nunmehr zu einem faden, lästigen Geschehnis verkommen, das er gelangweilt abwartete und dabei ungeduldig mit dem Fuß wippte. Schließlich wurde jede gute Show irgendwann eintönig, wenn sich nicht auch nur ein einziger Moment von jenen unterschied, denen man zuvor beigewohnt hatte.  

Diese Säuberung war eine Farce. Ein stupides Ausdünnen der Herde, deren Bestand bis zum nächsten Jahr wieder sprunghaft zunehmen würde. Vielleicht sogar stärker als zuvor? Gut möglich. Die Menschheit war eben gern und sehr erfolgreich schlecht, nicht wahr? Alastor selbst konnte nicht nur ein Lied davon singen; er war schließlich der beste Beweis dafür, zu welchem Wahnsinn eine einzelne Seele fähig sein konnte.

So wenig ihn das Schicksal dieser belanglosen Statisten auch interessierte; was dieses Massaker mit Charlie machte …  

Das störte ihn. Das wollte er nicht. Sie sollte ihr unschuldiges Lächeln nicht ablegen. Dieses naive Lächeln, weswegen er überhaupt erst auf sie aufmerksam geworden war. So rein, so voller Hoffnung.

Dass sie sich gerade hinter der schweren Holztür die Augen aus dem Kopf weinte, war leider keineswegs nur eine bloße Vermutung seinerseits und ganz und gar nicht nach Alastors Geschmack. Ihr Schluchzen, das sie mehr schlecht als recht unterdrücken konnte, erklang dumpf hinter den Wänden hervor und bohrte sich geradezu penetrant in seinen Gehörgang. Es … missfiel ihm.

Dieses Mädchen trug eine Seele in sich, die so viel älter und mächtiger als die seine war – und doch benahm es sich wie ein naives Kind. Man sollte doch meinen, Charlie hätte sich nach all den Jahren an die Grausamkeiten gewöhnen müssen, die sich in so wenigen Augenblicken zutragen würden. Zumindest ein kleines bisschen abstumpfen. Ha. Weit gefehlt.

Er konnte ahnen, was in ihr vorging. Natürlich war Alastor nicht unbedingt bekannt für Empathie und Nächstenliebe, aber er war genauso wenig ein Dummkopf. Er hatte sie schon lange durchschaut, besser kennenlernen können.

Es war nicht nur die Tatsache, dass ihr Volk in den Straßen zusammengetrieben und ermordet wurde; hier ging es um viel, viel mehr.

Sie sah sich als erbärmliche Versagerin.

Ein gesamtes Jahr war vergangen, seit sie ihre Bemühungen begonnen hatte.

Konnte sie binnen dieser Zeit etwas ändern? Nein. Nichts.

Natürlich, ein paar Gestalten waren im Hotel aufgeschlagen, aber niemand war unter Engelschören und gleißendem Licht in den Himmel aufgefahren. Die meisten wurden über kurz oder lang rückfällig; die Laster, welche sie auch immer abzulegen erhofft hatten, waren stets wieder stärker und verführten sie erneut zur Sünde.

Charlies Lösungen für derlei Entgleisungen waren – das musste er bei aller Sympathie zugeben – kindisch und naiv. Jeder hatte ihr davon abgeraten, ihr persönliches Regelwerk den Besuchern ihres Happy Hotels vorzutragen. Wollte die Prinzessin auf einen von ihnen hören? Leider nicht. Vermutlich wäre ihr dann einiges an Gelächter erspart geblieben … Die Liste beinhaltete so grandiose Dinge wie:

- Um 21 Uhr beginnt die Ausgehsperre. Keine Ausnahmen, auch nicht für Angel! … Insbesondere nicht für Angel!

- Übermäßig schmutziges Fluchen ist nicht erlaubt und wer es dennoch mehr als dreimal täglich tut, wirft eine Münze ins Fluchglas. (Ein umfunktioniertes Marmeladenglas, das eine Art Sparschwein ersetzen sollte. Das gesammelte Geld wollte sie eigentlich für gute Zwecke spenden, nur gab es eben keine Wohltätigkeitsorganisationen in der Hölle und irgendwann hatte sich einer der Gäste mit akuter Kleptomanie den Gegenstand einfach unter den Nagel gerissen.)

- Wenn sich jemand daneben benimmt, muss er einen Aufsatz darüber schreiben, wieso sein Handeln falsch war. 500 Worte aufwärts.

- Bei Streitereien zwischen zwei Gästen müssen sie, wenn beide sich nicht entschuldigen wollen, für mindestens 6 Stunden ein „Get-Along-Shirt“ tragen.

- Konstante Verfehlungen an ein- und demselben Tag führen dazu, dass  man ohne Abendessen ins Bett geschickt wird.



Das war natürlich nur ein kleiner Auszug dessen, was Charlie als Erziehungsmaßnahmen einführen wollte. Wie viele Lachtränen an jenem Tag vergossen worden waren, konnte wohl niemals gemessen werden; es waren aber jede Menge, so viel stand fest.

Nachdem er sich selbst genug über die Situation amüsiert hatte, half Alastor ein wenig nach, um diesen Einfaltspinseln klarzumachen, nach wessen Regeln gespielt wurde. Danach traute sich keiner mehr, Charlies Verhaltenskodex in Frage zu stellen. Zumindest nicht so lange er in Hörweite war.

… Oder nachts als Überraschung an der Decke über ihren Betten hing und ihnen seine eigene Vorstellung einer Gute-Nacht-Geschichte vortrug.

Doch langer Rede kurzer Sinn; keine von diesen erbärmlichen Seelen erhielt das Geschenk der Erlösung. Vollkommen egal, wie viel Herzblut Charlie in die Sache investiert hatte.

Sie alle gingen rasch wieder. Vermutlich kämen heute einige von ihnen unter den todbringenden Waffen der Engel um.

Natürlich würde das etwas Kostbares und Unwiederbringliches in ihr zerstören.


Seit Tagen hatte Alastor bemerkt, wie sie sich selbst unter Druck zu setzen begann. So blass und ausgemergelt hatte er sie nie zuvor gesehen. Sie aß nichts, sie schlief nicht.
Die tiefen Augenringe bezeugten zusätzlich, wie viele Nächte sie wachgelegen war, um vielleicht doch den rettenden Einfall zu haben, der ihr Volk in letzter Sekunde dem Blutvergießen entreißen könnte.


Alastor blieb am oberen Ende der Stufen stehen und räusperte sich mehrfach laut, bevor er sachte an die Tür klopfte. Zweifelsohne war diese lächerliche Barrikade alles andere als ein wirkliches Hindernis, aber sie so zu überfallen …?

Damals, vor einem Jahr, hatte er wie gerade eben zunächst artig gewartet und war nicht mit der buchstäblichen Tür ins Haus gefallen, obwohl nichts leichter gewesen wäre, als das Hotel ungefragt zu betreten. Denn der erste Eindruck war schließlich äußerst wichtig, wenn man einen neuen Schützling unter seine Fittiche nahm.

Zwar war er die ganze Zeit über ehrlich genug gewesen, um klarzustellen, was er von ihrem lächerlichen Traum hielt, aber sie war dennoch so blindlings in seine Falle getappt, dass es fast schon bemitleidenswert war. Ein paar charmante Worte hier, ein wenig selbstgefälliges Umdekorieren da, und schon konnte er sie so leicht für sich begeistern. Er hatte eben sofort bemerkt, mit welchen Mitteln er sie am besten würde bezirzen können. Sein Plan war auch fabulös aufgegangen. Das naive Prinzesschen war seinem Charme derart schnell erlegen wie kaum jemand zuvor – und er hatte sich nicht einmal richtig ins Zeug legen müssen.

Dass sie sogar unerwartet viele gemeinsame Vorlieben und einen ähnlichen Sinn für Humor besaßen, hatte Charlies Sympathie für Alastor nur noch schneller entfacht.

Doch auch wenn sie ihn bei seinen Gefälligkeiten so sehnsüchtig anblickte wie ein begeisterter Hundewelpe sein geliebtes Herrchen, war sie schlau genug gewesen, keinen Handel mit ihm einzugehen. Das hatte ihm durchaus imponiert. Den Mut zu haben, ihm stattdessen einen ‚Befehl‘ zu erteilen? Genial. Da musste man erst einmal drauf kommen! Auch wenn sie hier und da noch wie auf rohen Eiern um ihn herumgetanzt war, so hatte sie mittlerweile ihre Anspannung ihm gegenüber komplett abgelegt. Sie behandelte Alastor wie einen … Freund. Und es war kein schlechtes Gefühl …

Wann genau war es nur passiert, dass er tatsächlich so etwas Fremdartiges wie Zuneigung für sie entwickelt hatte? Solange er zurückdenken konnte, war dies – mal von seiner geliebten Mutter abgesehen - niemals geschehen. Nun, um nicht zu lügen …  Seine cremefarbene Perserkatze Colette, die er noch zu Lebzeiten besessen hatte, fehlte ihm schon ein wenig, aber das … das konnte nicht mal er mit seinem verdrehten Sinn für Humor mit der jetzigen Situation vergleichen. Sein Haustier war Charlie dann doch nicht.

Nein, nein. In der Regel teilte er die Leute in seinem Umfeld nämlich in verschiedene Nützlichkeits-Kategorien ein. Natürlich war Charlie gleich zu Beginn in der absolut wertvollsten gelandet; das verhätschelte Töchterchen des Obermotzes zu betören, das war doch wirklich eine wahrhaftige Meisterleistung!

Er hatte sich so viel ausgemalt; so viele Grausamkeiten, mit denen er ihr im weiteren Verlauf Steine in den Weg legen würde. Denn ja, das war doch sein ursprünglicher Plan gewesen. Sie von ihm abhängig zu machen, mit honigsüßen Worten einzulullen, ihr Vorhaben zunächst zu unterstützen, um …

… Um diese kleine, naive Prinzessin …

… Um sie endgültig und skrupellos …



„Ich möchte allein sein.“

Charlies brüchige Stimme riss ihn sogleich aus seinen dunklen Gedanken und katapultierte ihn in eine Gegenwart, die nicht gerade rosiger zu sein schien. Sie klang so am Boden zerstört, dass sich ein merkwürdiger Knoten in Alastors Brust bildete.

Es gab nicht viele Augenblicke in seinem Leben – und danach – in denen er sprachlos gewesen war. Als begnadeter Unterhalter der Massen konnte er stets zu einer amüsanten Aussage ansetzen.
Jetzt gerade allerdings? Da schien sich der schmerzhafte Knoten in seiner Brust zu verselbstständigen und schnürte ihm die Kehle zu.

Gemerkt hätte das natürlich niemand außer ihm selbst. Sein breites Grinsen verriet nichts von diesen sonderbaren Emotionen, die ihn gerade wie ein plötzlich einsetzendes Erdbeben zu erschüttern begannen. Fragend legte er den Kopf schief und klopfte, aus Mangel an passenden Worten, ein weiteres Mal.

„Vaggie“, kam es dieses Mal ein wenig entnervter zurück, „Ich weiß das ja echt total zu schätzen, aber ich hab dir doch gesagt, ich will jetzt lieber – Oh.“

Es schien ihr die Sprache kurzzeitig verschlagen zu haben, als Charlie schwungvoll die knarzende Tür aufriss und geradewegs zu ihm aufsah. Wenigstens schlug sie dieses Mal nicht gleich wieder den Eingang vor seiner Nase zu …  Der Blick den sie aufgesetzt hatte, konnte an Irritation allerdings durchaus seinesgleichen suchen. Nun, er war eben mitnichten dieses aggressive und penetrant misstrauische Mädel, das er so unglaublich gern zur Weißglut brachte. Aber dass sie so gar nicht auf den Gedanken kam, es könnte jemand anderer nach ihr sehen wollen …?

„Liebes, im obersten Stockwerk eines Turms eingesperrt zu sein, mag vielleicht für manch andere blonde Prinzessin durchaus passend anmuten, aber doch nicht für dich.“

Da sie wohl im Zeitraum des letzten Jahres verstanden hatte, dass man sich mit seiner Gegenwart besser einfach abfand und nicht sinnlos darüber echauffierte, machte sie ohne Umschweife den Weg frei. Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen trat Alastor zufrieden ein und musterte aufmerksam das Zimmer.

Die schweren, rot gemusterten Brokatvorhänge waren allesamt heruntergelassen und verdunkelten den Raum erheblich. Die einzige Lichtquelle bestand aus ein paar Kerzen, deren rotes Wachs schon quer über einen mittig platzierten Marmortisch zerflossen war. Im Hintergrund dudelte ein verstimmter Plattenspieler leise vor sich hin. Gute Güte, wollte sie etwa ihre Melancholie derart dramatisch ausleben? Er war definitiv in letzter Sekunde zu ihr geeilt.

„Äh, Alastor …?“, begann Charlie vorsichtig, während sie ihm nachfolgte, „Nicht, dass es mich stört, dass du da bist oder so … aber …  brauchst du was?“ Irritiert legte sie die Stirn in Falten und wusste spontan nicht so recht, wohin mit ihren Händen.

Ohne Umschweife durchquerte der Angesprochene den Raum und strich, am anderen Ende angekommen, mit der rechten Hand sachte über den Stoff, der die Sicht nach draußen versperrte. „Nun, ich nicht, dem Raum hier allerdings fehlt es eindeutig an Licht.“ Und mit einer ruckartigen Bewegung riss er die Vorhänge auseinander, welche die breite Fensterfront verdeckt hatten. Das rote Licht des Abendhimmels durchflutete sofort das Zimmer und der plötzliche Windhauch ließ die Kerzen erlöschen.

Mit einem Gesicht, das zwischen blankem Schock und tiefster Verärgerung hin- und herpendelte, stapfte Charlie hektisch zu ihm und meinte gestresst: „Alastor, was soll das? Mir ist jetzt wirklich nicht nach deinen Späßen zumute!“

„Spaß? Oh ho ho. Nein. Ich bin todernst. Nun, mehr tot, als ernst, aber wir wollen uns nicht in Kleinigkeiten der Ausdrucksweise verlieren, nicht wahr? Ha ha ha!“

Mit einem Klatschen schlug Charlie sich die Hand gegen die Stirn und atmete tief durch. „Hör mal, in wenigen Minuten geht es wieder los. Ich bin wirklich zu angespannt, um das“, sie fuchtelte dabei wirr in seine Richtung und bezog sich eindeutig auf seine schlechten Wortspiele, „jetzt mitzumachen.“ Kurz gab sie ein Geräusch von sich, das man wohl am ehesten mit einem Winseln vergleichen konnte, und fügte dann sehr leise hinzu: „Ich kann einfach nicht mehr dabei zusehen, wie -“

Als sie sich allerdings daraufhin selbst unterbrach und hilflos mit den Fingern durchs Haar fuhr, hatte Alastor genug Zeit, ihr Gesicht im Licht zu mustern. Herrje, wie viele Tränen hatte sie vergießen müssen, um so blutunterlaufene Augen zu bekommen? Wieder etwas, das ihn fürchterlich nervte. Und ihre sonst so rosigen Wangen waren blass und eingefallen. Es war nicht richtig.

Ein mildes Lächeln auf den Lippen tragend stand er vor ihr und überdachte seine Möglichkeiten.
Natürlich, er war gut darin, sie auf andere Gedanken zu bringen, wenn sie nur schmollte oder gelangweilt war. Das klappte mit albernen Witzen oder einer musikalischen Einlage in der Regel ganz gut. Aber ernsthafter Kummer? Belanglose Floskeln würden ihn hier auch nicht weiterbringen.

Er hatte mitnichten Erfahrung im Trösten. Ganz im Gegenteil; es erheiterte ihn doch sonst, wenn jemand solches Leid ertragen musste. Nur … bei ihr nicht mehr. Wie verworren das alles doch war …  

„Weißt du, was du jetzt wirklich gebrauchen könntest, meine Liebe, wäre ein ganzer Topf voll frischem, dampfendem Gumbo, das schnurstracks in deinen Magen wandert, als wären ihm Beine gewachsen. Es gibt da ein Rezept, oh ich schwöre dir, du bist im siebten Himmel,  wenn du -“

„Ich habe keinen Hunger. Und ich will ganz sicher gerade im Moment nichts von wegen ‚Himmel‘ hören, Al.“ Gequält schlang sie die eigenen Arme um sich selbst.

Irritiert legte er den Kopf schief, wobei ein Geräusch ertönte, das verdächtig nach dem Ausrichten eines Mikrophons klang. Dieses ganze Konzept von ‚Mitgefühl‘ und ‚Empathie‘ war so fürchterlich abstrus! Er war eindeutig mehr als nur verwirrt.

Je länger dieser Moment zwischen ihnen anhielt, desto hoffnungsloser wirkte Charlie. Sie schien in eine unbestimmte Ferne zu starren, trüben Gedanken nachhängend, die sicherlich alles andere als gesund für ihren Zustand waren.

„Darling?“, hakte er daraufhin vorsichtig nach und tat einen Schritt auf sie zu.

Charlie seufzte tief und strich sich das Haar hinter die Ohren. „Dad hatte wie immer recht. Ich bin eine Versagerin.“

Alastors darauf folgendes Lachen klang wie eine Mischung aus ehrlichem Bedauern und beschämtem Amüsement. „Oh, oh; welcher liebevolle Vater würde so etwas zu seiner Tochter sagen?“

„Meiner. Pass nur auf; beim nächsten Abendessen stelle ich euch einander vor. Dann könnt ihr zusammen herzhaft über mich lachen.“ Sie schürzte die Lippen und war eindeutig in einer ziemlich miserablen Laune gefangen, die zwischen Trauer, Selbstmitleid und störrischem Schmollen hin- und herschwankte wie ein Schiff bei hohem Seegang.

„Aber, aber.“ Er tätschelte ihr schmunzelnd den Kopf und meinte dann: „Jetzt zieh doch bitte nicht so eine Trauermiene. Das ist ganz fürchterlich anzusehen und schmerzt beinahe in den Augen. Nun, außerdem: Einfach so aufzugeben passt doch nicht zu dir, mein Schatz. Und solange du noch nicht aufgegeben hast, hast du auch noch nicht endgültig versagt, nicht wahr?“ Kurzerhand legte er den Arm um ihre Schultern und schob sie gegen ihren Willen neben sich den Fenstern entlang weiter Richtung Balkontür. „Sieh es einfach als eine Art dramatischen Höhepunkt am Ende des ersten Aktes, der notwendig ist, um den Protagonisten – in diesem Falle dich – im weiteren Verlauf der Geschichte wachsen zu lassen.“

Dass sie sich die ganze Zeit seines Monologs über mit Händen und Füßen gegen ihren unfreiwilligen Standortwechsel wehrte, ignorierte er meisterhaft und gab nur unter ausschweifenden Gesten des freien Arms weiterhin zu verstehen: „Gönne dir einen Moment der Ruhe, eine verdiente Pause; um dann gestärkt in den zweiten Akt zu starten; einem Phönix gleich aus der Asche aufzuerstehen!“ Mit einer dramatischen Handbewegung gen Himmel verharrte er und ließ seine Darbietung selbstzufrieden wirken. Geisterhafter Applaus ertönte im Hintergrund.

Charlie jedoch blickte nur skeptisch zu ihm hoch, kniff die Lider zusammen und murrte: „Fertig jetzt?“, während sie noch immer darauf wartete, seinem unnachgiebigen Griff zu entgehen.

Für einen kurzen Moment offenbarte sein süffisantes Grinsen die spitzen Zähne; dann nickte er einmal und ließ sie endlich los.

Hastig wich sie zurück, strich sich mit einem Seufzen die Kleidung zurecht und blickte zu Boden. „Vaggie hat mir mal gesagt, das Leben sei nun mal kein Musical, Alastor. Ich glaube so langsam, das stimmt leider.“

„Hm, es gibt doch noch genug andere Formen der dramaturgischen Selbstinszenierung.“

„Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob ich dir noch folgen kann ...“

Er kicherte kurz und blickte dann zum Balkon. „Würdest du mich für einen kleinen Moment nach draußen begleiten, meine Liebe?“

„Sicher nicht!“ Beinahe gehetzt starrte sie in den Himmel, als wären die ersten Anzeichen des bevorstehenden Unglücks bereits zu sehen.

„Oh, du solltest aber. Frische Luft wirkt Wunder für den Teint! Denn, verzeih mir, wenn ich das so frei heraus anspreche, aber du bist schrecklich blass um die Nase. Oh, da fällt mir spontan eine Geschichte ein, die sich lange vor meiner Geburt in Louisiana zugetragen haben soll und von einer weißen Geisterfrau handelt …“

Während er munter weiter plapperte, lugte er mit einem Auge immer wieder zu ihr. Hach, sie war so unglaublich bezaubernd, wenn sie sich in dieser ablehnenden Stimmung befand! Es war nur schade, dass es einen derart unschönen Grund dafür gab, der ihr wirklich ernsthaft zusetzte.

Alastor schob sachte die gläserne Balkontür auf und blickte anschließend auffordernd zu Charlie.

Sie wiederum schüttelte nur kurz den Kopf.

Doch wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, blieb Alastor so lange stur, bis er einen Erfolg verbuchen konnte. Unnachgiebig waren seine Augen auf sie gerichtet und er meinte im einnehmendsten Tonfall, den er aufbringen konnte: „Nun komm zu mir, ja?“

Sie wankte in ihrer Ablehnung, das spürte er. Da Alastor sich also auf dem richtigen Weg zu befinden schien, tat er einen Schritt in ihre Richtung und streckte die rechte Hand nach ihr aus.

Zunächst zögerte sie noch, aber lange konnte sie dem nicht mehr standhalten. Mit einem Seufzen erwiderte sie die Geste und flüsterte leidend: „Nur kurz, Al.“

„Aber sicher.“

Behutsam führte er sie nach draußen und bemerkte sogleich, dass sie wohl ganz fürchterliche Dinge mit diesem Ort verknüpfen musste.

Er hatte früher stets das bunte Feuerwerk bewundert, das als Zeichen der Entwarnung galt und nach dem jährlichen Massaker den Himmel farbenfroh erleuchtete. Es sollte den Verbliebenen Trost spenden und neue Hoffnung in ihnen entfachen. Nun, diese Gründe waren ihm natürlich einerlei, aber Alastor liebte Feuerwerk jeglicher Art. Die auf dem Mississippi reflektierten Lichter während des Karnevaltreibens waren eine seiner frühesten und schönsten Kindheitserinnerungen …

Er hatte sich immer gefragt, wer denn für dieses festliche Spektakel hier verantwortlich war … Mittlerweile wusste er es und sogleich überkam ihn ein Gefühl, das er nicht richtig zuordnen konnte.

Viele Jahre schon verweilte er nun an diesem Ort. Ebenso viele Jahre hatte er daher auch diese Lichter gebannt angestarrt. Und all diese Zeit über war Charlie hier oben gewesen, einsam, voll Trauer und Mitgefühl, und sandte mit jedem Licht ihren Wunsch gen Himmel, dass dieses Gemetzel bald enden möge.

Was war es, das ihn nun derart aufwühlte?

Ewig anmutende Augenblicke stand sie schweigend an seiner Seite, dann jedoch konnte Alastor vernehmen, wie sie mit gebrochener Stimme eine ihm merkwürdig vertraute Melodie summte, deren Ursprung ihm aber in jenem Moment nicht einfallen wollte.

Als er sich neugierig zu ihr wandte, zuckte sie kurz überrascht zusammen, als wäre ihr gar nicht aufgefallen, was sie da tat. Sie lächelte verlegen und spielte mit ihren Händen. Kurz darauf jedoch schlich sich wieder diese fürchterliche Anspannung auf ihr Gesicht und mit in Falten gelegter Stirn murmelte sie in die Ferne: „Es reicht einfach nicht.“

„Wie bitte?“

„All meine Mühe. Es reicht nicht, Alastor.“ Ihre Augen wurden glasig und flehentlich blickte sie zu ihm auf. „Was soll ich denn jetzt nur machen?“

„Oho, ich dachte, wir hätten das bereits geklärt? Du wirst tun, was du das gesamte Jahr über auch schon getan hast: Weiterhin versuchen, deinem kleinen Regenbogen hinterherzujagen.“

„Es klingt wieder so herablassend, wie du das sagst …“

„Ich meine es aber ganz ernst.“

Ihr Tonfall wurde energischer. „Und was soll es bringen? Es führt zu nichts!“

„Aber Darling; was hast du anderes erwartet?“ Eigentlich war seine Intention gewesen, die Frage sanfter klingen zu lassen, als sie letztendlich seinen Mund verlassen hatte. Ihm entging nicht, dass sie kurz zusammenzuckte.

„Ich weiß, du hast es die ganze Zeit über immer wieder gesagt“, begann sie und umklammerte das Geländer so stark, dass die Knöchel weiß hervortraten, „und ich Dummkopf wollte es nicht hören. Du meinst es ja nur gut mit deiner Ehrlichkeit … Aber ich wollte es so sehr! Ich wollte dir unbedingt beweisen, dass es geht.“

„Du musst mir gar nichts beweisen, Charlie.“

„… Ich möchte aber ...“, sagte sie so leise, dass er glaubte, sie nicht richtig verstanden zu haben.

„Wie war das?“

„Ach … Nichts.“

„Da du so verzweifelt versuchst, eine Lösung für dich zu finden … Dürfte ich dir noch einen weiteren Ratschlag erteilen?“

Sie fiel ein wenig in sich zusammen, rechnete wohl mit dem Schlimmsten; meinte aber dennoch: „Darfst du ...“

Er materialisierte sein Mikrophon und benutzte es als verlängerten Arm, um über das Geländer in die Straßen zu deuten, in denen noch immer waghalsige Passanten wie kleine Ameisen herum wuselten.

„Schau genau hin, Liebling. Er, und er, und auch sie. Genau wie die beiden dort hinten, siehst du? Jeder dieser kleinen Sünder dort unten weiß es zwar noch nicht, aber benötigt nichts dringender auf dieser Welt als deine Zuwendung.“

Überrascht blickte sie zwischen den genannten Dämonen und Alastor hin und her. Ihr Mund öffnete und schloss sich mehrmals, aber scheinbar fand sie nicht so wirklich die Worte, die sie suchte.

Unbeirrt sprach er weiter. „Du kannst natürlich nicht wissen, wer von ihnen den Morgen erleben wird, aber womöglich stehen einige von ihnen gleich daraufhin vor deinem Hotel und bitten dich darum, dass du sie zur Erlösung führst. Und für diese Seelen musst du stark sein.“ Er ließ das Mikrophon verschwinden und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Ich bin nach wie vor skeptisch, was das alles betrifft. Aber wenn du aufgibst, werden wir beide nie erfahren, ob es nicht doch eine Möglichkeit gegeben hätte, nicht wahr?“

Noch immer starrte sie ihn verwirrt an. Herrje, da fühlte er sich fast so, als hätte er etwas Ekelhaftes im Gesicht. War es denn so abwegig, dass er ihr nette Worte mit auf den Weg geben konnte?

Um das merkwürdige Schweigen zu unterbinden, legte er sein charmantestes Lächeln auf, beugte sich nah zu ihr und meinte spielerisch: „Du willst es weiterhin versuchen, das sehe ich dir doch an genau dieser Nasenspitze an.“ Er schnipste ihr kurz dagegen, was ihr tatsächlich ein kleines Lächeln entlocken konnte.

Na endlich. Sie wirkte ein bisschen versöhnter und nicht mehr in solch hohem Maße irritiert, dass es ihm selbst schon ein wenig komisch zumute geworden war.

Kurz wippte sie auf den Fußsohlen vor und zurück, stützte sich dann mit den Handflächen gegen das Geländer und blickte verträumt in die Ferne. „Alastor?“

„Hm?“

„Ich habe dir das nie gesagt“, begann sie zögerlich, „Aber ich bin dir sehr dankbar.“

Er wiederum winkte nur lapidar ab. „Du hast oft genug deinen Dank ausgesprochen, Liebchen. Für das Personal, das neue Mobiliar, den Kochunterricht  …“ Er zählte alles – zugegebenermaßen ein wenig selbstgefällig - an den Fingern auf.

Sie schmunzelte kurz bei Erwähnung ihres regelmäßigen gemeinsamen Zeitvertreibs in der Küche, schüttelte dann aber energisch den Kopf und murmelte: „Das alles meine ich gar nicht.“

Überrascht verzog er die rechte Braue und kam nicht umhin, sein Grinsen ein wenig auszuweiten. „Und was sonst, wenn nicht derlei Dinge?“

Mit einem tiefen Seufzen blickte die Prinzessin in den Himmel und erwiderte: „Ich … Nun … Dafür, dass du da warst, als es kein anderer war.“

Nachdenklich tippte Alastor sich mit dem rechten Zeigefinger gegen das Kinn und versuchte schlau aus ihren Worten zu werden. Dieses Mädchen war wirklich stets für eine Überraschung gut …

Ein letztes Mal fuhr sie sich mit dem Handrücken über das Gesicht, schniefte vielsagend und begann zu erläutern. „Vor genau einem Jahr, da war ich wirklich am tiefsten Punkt meines Lebens angelangt. Es war so aussichtslos! Ich wollte aufgeben, wie jetzt. Und ich war … einsam.“ Sie wurde leiser. „Obwohl ich Freunde hatte, habe ich mich in diesem einen Moment so verloren gefühlt. So allein! Macht das Sinn? Aber dann bist du aufgetaucht. Einfach so.“ Kichernd zuckte sie mit den Schultern. „Genau wie jetzt. Immer, wenn ich kurz davor bin, alles zu verlieren, bist du bei mir und wendest es doch noch irgendwie zum Guten.“

Was für eine Überraschung. So hatte er die Dinge tatsächlich noch nie betrachtet, aber wie immer war sein Timing tatsächlich perfekt gewesen. Oh, was wäre nur aus diesem Mädchen geworden, wenn er nicht …

… Wenn er nicht Gefallen an ihrem Enthusiasmus gefunden hätte?

Sie räusperte sich ein wenig verlegen und blickte ihm dann geradewegs ins Gesicht. „Also: Ich danke dir wirklich. Aus tiefstem Herzen.“

„Dann tu mir im Gegenzug auch einen Gefallen: Lass bitte endgültig das Gerede vom Aufhören.“

Sie schmunzelte. „Okay, Deal.“

Um sie ein wenig aufzuziehen, streckte er ihr die rechte Hand entgegen; umgeben von grünen Lichtblitzen, die verdächtig nach etwas aussahen, das sie wohl wissend bereits einmal abgelehnt hatte.

„Nicht so ein Deal, Al!“

Mit einem schallenden Lachen wirbelte Alastor herum und hatte sich mit einer schnellen Bewegung auf dem Geländer niedergelassen. Sein Blick fiel auf die Turmuhr, die nun bald zu dem verhängnisvollen Massaker einläuten würde. Die Zeiger schritten bedrohlich voran; es konnte sich nur noch um Sekunden handeln.

Und tatsächlich.

Der erste Glockenschlag zerriss die Stille und Alastor entging nicht, welches Beben den Körper seiner Begleiterin erzittern ließ.

Der zweite und dritte folgten sogleich; eisern blieb sie stehen, doch er konnte regelrecht spüren, welch Überwindung sie das kostete.

„Es geht los“, stellte sie gebrochen fest.

Da erinnerte er sich plötzlich daran, woher er die kleine Melodie kannte, die Charlie zuvor gesummt hatte. Ein Lied aus seiner Jugend, als er gerade einmal 18 geworden war. Wie lautete noch gleich der Text … Ach ja.

Charlie kämpfte erneut mit den Tränen.

Ein kleines bisschen Hoffnung, das war es, das sie jetzt brauchte …

Und zum ersten Mal erschuf seine teuflische Magie etwas, das schön und gut und unschuldig war. Eine Geste der aufrichtigen Zuneigung; nicht angetrieben von Mordlust oder der reinsten Form von Boshaftigkeit. Etwas, das aus Liebe und Mitgefühl geschah.

Das Zwitschern eines leuchtend blauen Vogels übertönte die einsetzenden Geräusche der vom Chaos gebeutelten Seelen auf den Straßen.

Charlie konnte zunächst ihren Augen nicht trauen, als das magische Wesen mit leuchtenden Schwingen durch die Luft wirbelte und dabei so aufgeregt zu singen begann, dass es den Eindruck erweckte, als wolle es ihr unbedingt etwas mitteilen. Vielleicht war aber auch genau dies das Ziel des Vögelchens; Alastors Magie war immer schon lebendig gewesen …

Das Tier tanzte über seiner Hand durch die Luft und auf Charlies Gesicht breitete sich ein sonderbares Lächeln aus. Sie wirkte so unendlich müde und erschöpft von alledem, aber als sie zaghaft nach dem blauen Licht griff und daraufhin die Resignation in ihren Augen einer tiefen Dankbarkeit wich, schwindelte es Alastor beinahe bei diesem Anblick. Vielleicht sollte er doch nicht so nah am Abgrund sitzen...  Ihn selbst überkam ein derart intensives Gefühl tiefster Ruhe und Zufriedenheit, dass sich das Lächeln, welches stets auf seinen Lippen lag, zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren echt anfühlte. Keine aufgesetzte Maske, um Schwächen zu verstecken oder Dominanz zu zeigen … Einfach nur, weil er glücklich war, ihr etwas Trost spenden zu können in einem Moment, der für sie die sprichwörtlich schlimmsten Höllenqualen bedeutete.

Einen kleinen Augenblick noch, dann würde er sie vorsichtig nach drinnen führen, weg von diesem um sich greifenden Chaos in den Straßen. Sie mit albernen Kalauern ablenken, vielleicht ein wenig mit ihr tanzen; womöglich Geschichten erzählen, die noch niemand sonst aus seinem Mund vernommen hatte. Nur um ein kleines bisschen Freude auf ihrem Gesicht zu sehen. Ein zaghaftes Lächeln. Wenn nötig, würde er das Jahr um Jahr wiederholen, bis in alle Ewigkeit.

Er kam damals hierher, um die Prinzessin scheitern zu sehen. Fallen. Verzweifeln.

Und nun blieb er, um sie aufzufangen. Ihr ehrliche Hoffnung zu spenden. Abzuschirmen von dem Elend, das sich ihrer Tag um Tag bemächtigen wollte.

Denn mit ihrer Herzensgüte, dieser unumstößlichen Liebe gegenüber dem Leben selbst …

… Da hatte sie unbewusst geschafft, was niemand sonst auch nur gewagt hätte: Etwas nach und nach in ihm zu wecken, von dem er nicht einmal wusste, dass es überhaupt existierte.

Oh, Alastor war wirklich ein Narr. Er, das pure Böse, war dem einzigen Wesen hoffnungslos verfallen, das hier unten aufgrund seiner Reinheit überhaupt nichts zu suchen hatte.

Natürlich würden seine Lippen versiegelt bleiben. Er hatte immer schon seine Geheimnisse vor ihr gehabt, das würde sich auch mit jener Erkenntnis nicht ändern.

Denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann wusste er ganz genau, dass er niemals etwas Schönes wie sie verdient hatte. Zu sündhaft waren seine Taten, um auch nur den Gedanken nach Vergebung fassen zu können, ohne seine Opfer damit zu verhöhnen.

Doch vielleicht wäre es einem Sünder wie ihm wenigstens gestattet, in ihrer Nähe zu bleiben? Mit seiner eigenen Boshaftigkeit alles Schlechte von ihr fernzuhalten, damit ihr Licht nicht erlöschen würde? Übel mit Übel zu bekämpfen?

Und Gott selbst könnte sein Zeuge sein; er würde seine eigene Existenz lieber schwinden sehen, als zuzulassen, wie diesem wunderbaren Geschöpf ein Leid geschah.

Ha ha. Wirklich sonderbar.

So richtig ändern könnte er sich allerdings nie. Dazu war viel zu viel Dunkelheit in ihm, die stetig pulsierend ihr Gift abgab. Er genoss nach wie vor zu sehr, ein Monster zu sein, auch wenn ein leises Flüstern in seinem Hinterkopf ihm einzusäuseln begann, dass er höchstselbst vermutlich ihr erster Erfolg werden könnte, wenn er sich nur genug anstrengte.

Aber sicherlich würden all die verlorenen Seelen, die er in die Verdammnis geschickt hatte, ihr lautstarkes Veto einlegen.

Doch für dieses Mädchen … Da wollte er wenigstens versuchen sich ein kleines bisschen zu bessern, auch wenn er wusste, wie grotesk lächerlich dieses Vorhaben war.

Ach, welch Ironie! Eine regelrechte Tragikomödie! Das Schicksal hatte wahrlich einen köstlichen Sinn für Humor.

Das nannte man also ‚Liebe‘, nicht wahr? Interessant. Oh, welch Dinge Alastor bereit war zu tun, nur um diese neu entdeckte Liebe zu beschützen …


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Dieses wunderschöne Bildlein  hat bei mir eingeschlagen wie eine Bombe und ich war sofort so inspiriert, dass ich UNBEDINGT ein wenig dazu schreiben musste! Ich liebe es bis zum Mond und zurück <3

Egal wie oft ich es ansehe, mein Herz macht einen Hüpfer und schlägt schneller. Immer wieder kam ich während des Schreibens darauf zurück, hab tief geseufzt und anschließend mit neuer Inspiration weiter getippt. XD

DANKE noch einmal, liebe Samanta G., dass ich es verwenden durfte. Das hat mich so glücklich gemacht und ich bin hierbei derart aufgegangen, wie es selten der Fall war ♥ Dieses Ship ist so angenehm und butterzart zu schreiben...  AAAH~ OTP!!! Auch wenn das hier verdammt lang geworden ist … Fast zu lang, würde ich sagen! Aber irgendwann haben die beiden einfach miteinander gesprochen und ich kam fast nicht mehr hinterher mit dem Tippen ;)

Ich weiß, dass Alastor höchstwahrscheinlich nicht ‚nur‘ asexuell, sondern sogar eher aromantisch ist, wenn man den Andeutungen seiner ‚Mama‘ glauben schenken darf. Aber das hält mich nicht davon ab, ein wenig zu träumen ;__;

Ich liebe diese kitschige Version seiner Entwicklung! Aber da ich auch nicht so ganz glaube, dass so viel Liebe und Sanftmut in ihm stecken, würde ich auch mal gerne die ganze Sache umdrehen. Darstellen, wie gefährlich es ist, sich mit ihm einzulassen. Wenn er jemanden überhaupt als ‚Freund‘ erachtet, dann ist das wohl eher eine komische Art von Spielzeug für ihn … Und mit seinem Spielzeug macht er, was er will.

Mal sehen, was ich noch verbreche, aber ganz ehrlich, Alastor zu schreiben macht so dolle Spaß >//< Ich bin zwar noch am Üben und arbeite nur Szenen auf, die wir bereits kennen … Aber meine Hoffnung ist es, ihn irgendwann in ‚neuen‘ Szenarien IC-haft darzustellen! :)

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