Kräuterbehandlung

von Reeney
GeschichteFreundschaft / P6
Gao Yingjie Qiao Yifan Wang Jiexi
22.12.2019
25.12.2019
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Weicao - 微草 - Tiny Herb
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Teil 1: Herbe Freundschaft


Drei Tage vor Weihnachten aßen Gao Yingjie und Qiao Yifan zusammen zu Abend. Yifan verschlang sein Essen als würde er erwarten, dass jede Sekunde jemand zu ihm kommen und ihm seinen Teller wegnehmen würde.
"Hast du heute noch etwas vor?", fragte Yingjie, der selbst mit aller Ruhe speiste.
Yifan sah kurz von seinem Teller zu dem Gleichaltrigen.
"Nein, nichts", antwortete er und aß eilig weiter.
Seit Jahren waren sie beste Freunde. Yingjie kannte den anderen gut genug, um zu erkennen, dass dieser ihm nicht die Wahrheit sagte. Das kam in den letzten Tagen ziemlich häufig vor. Yifan verhielt sich abweisend und selbst wenn sie so wie jetzt nebeneinander saßen, so spürte Yingjie, dass sein bester Freund in den Gedanken ganz wo anders war. Das war an sich nicht schlimm. Sie besaßen beide einen eher zurückhaltenden Charakter, selbst wenn zwischen ihnen Schweigen herrschte, lag ein angenehmes Gefühl der Unterstützung und Freundschaft in der bloßen Gesellschaft des anderen. So zumindest hatte das Yingjie bisher empfunden, jetzt jedoch empfand er die Stille zwischen ihnen erdrückend. Er hatte längst bemerkt, dass Yifan etwas vor ihm geheim hielt, was ihn unweigerlich an ihrer Freundschaft zweifeln ließ. Sah Yifan in ihm nicht mehr den guten Freund, dem er alles anvertrauen konnte?
Während Yingjie betrübt in seinem Essen herumstocherte, erhob sich Yifan von seinem Stuhl. Er griff sein Tablett und brachte gerade noch ein "Gute Nacht" hervor, ehe er bereits aus Yingjies Hörweite war. Dass das auch anders herum galt, stellte Yingjie fest, als er seinem besten Freund nachsah.
"Gute Nacht, Yifan ...", murmelte er trotzdem, während er beobachtete, wie Yifan sein Tablett aufräumte und dann in Windeseile den Saal verließ.
Seufzend drehte Yingjie den Kopf wieder nach vorne. Anstelle gleich wieder auf sein restliches Essen zu blicken, spähte er durch den Raum, den Speisesaal des Weicao-Vereinsgebäudes. Zu dieser Stunde konnte man hier eine Menge Kollegen antreffen. Yingjie sah einige, die sich in einem freundschaftlichen Verhältnis unterhielten. Dieser freundschaftliche Umgang mit Kollegen war etwas, dass ihm und seinem besten Freund fehlte.
Was Yingjie anbelangte, so lag das an seiner schüchternen Art. Es fiel ihm schwer, auf seine Kameraden offen zuzugehen. Zu seinem Glück reichte sein Können in Glory aus, um die Anerkennung seiner Kollegen zu erlangen, so dass sie auf ihn zugingen und ihn wie ein vollwertiges Teammitglied behandelten, selbst wenn das noch nicht die Freundschaft war, die sich Yingjie zu seinen Kollegen wünschte.
Yifan dagegen hatte nicht einmal dieses kleine Stück Glück. Woran das lag konnte Yingjie nicht sagen, er selbst hielt Yifan für einen sehr guten E-Sportler, mit dem er im Team bestens zusammenarbeiten konnte und dessen Verständnis für Strategien seinem Eigenen überlegen war. Das alles sahen ihre Kollegen nicht und das hatte zur Folge, dass sie auf Yifan herabsahen.
Yingjie hatte sich stets darum bemüht, für Yifan da zu sein. Er hatte mit ihm seine Freizeit verbracht, hatte mit ihm trainiert, doch womöglich war das nicht genug. Womöglich belastete der Umstand, wie unterschiedlich ihre Kollegen mit ihnen beiden umgingen Yifan viel stärker als Yingjie es wusste. Es erschien ihm nicht allzu fern hergeholt, dass Yifan nicht mehr ertragen konnte, wie sein guter Freund, der sich eigentlich nicht viel von ihm unterschied, in der Mannschaft willkommen geheißen wurde, während man ihn außenvorließ, dass Yifan darin einen Umstand sah, der Yingjie zu einem Hindernis in seiner Karriere machte. In so einem Fall wäre es nur allzu verständlich, würde Yifan in seinem gleichaltrigen Kollegen keinen guten Freund mehr sehen konnte.
Yingjie schluckte bitter. Wenn er so darüber nachdachte, konnte er Yifan gar keinen Vorwurf machen, dass dieser auf Distanz ging. Es schien ihm, seine Schuld zu sein, sollte Yifan seinen Alltag bei Weicao unerträglich finden.
"Wenn du Sorgen hast, solltest du besonders viel essen und es nicht bloß ansehen, selbst wenn dir der Appetit vergangen ist", ertönte eine ruhige Stimme.
Den Kopf dem Sprechenden entgegen hebend blinzelte Yingjie, um von seinen Gedanken zurück in die Gegenwart zu finden. Ihm gegenüber stand Wang Jiexi, sein Mannschaftskapitän, mit einem leeren Tablett in der Hand.
"Ah ...", kam es noch immer geistesabwesend von Yingjie.
Sein Blick wanderte wieder auf seinen Teller, dann nickte er und stach mit der Gabel in das Essen. Er fühlte sich schlecht, dass er dem Kapitän persönlich zur Last fiel, weil diesem seine Sorgen auffielen. Er fühlte sich noch viel schlechter, als ihm der Drang bewusst wurde, Jiexi um Rat zu bitten.
Erst einmal kaute er auf einem Bissen herum. Das Essen war längst kalt. Vor lauter Appetitlosigkeit schmeckte es Yingjie wirklich nicht, aber er wagte es nicht, entgegen den Worten des Kapitäns zu handeln, insbesondere weil dieser meistens Recht hatte. Eigentlich hatte Yingjie noch nicht erlebt, dass Jiexi einmal nicht Recht hatte.
"Worum willst du mich bitten, Klein Jie?", sprach die ruhige Stimme erneut, was Yingjie innerlich verkrampfen ließ.
Der Scharfblick Jiexis war ihm zutiefst unangenehm. Gleichzeitig war es erleichternd, dadurch nicht selbst das Gespräch suchen zu müssen.
Yingjie sah zu dem anderen, der sich nun ihm gegenüber am Tisch niederließ. Kaum dass sein Blick auf den des Älteren traf, fiel dieser sofort wieder nach unten. Manche mochten Jiexis Blick ausweichen, weil der Anblick seiner verschieden großen Augen verwirrend war, Yingjie jedoch wich dem Blick aus, weil er sich vor bestimmten Reaktionen in einer fremden Mimik fürchtete.
"Es geht um Yifan. Ich möchte, dass er sich in Weicao wohlfühlt und ... anerkannt wird", je weiter er sprach, umso mehr glichen seine Worte einem Gemurmel.
Warf er mit damit nicht auch Jiexi vor, auf Yifan herabzusehen?
"Die Anerkennung seiner Kollegen kann man nur durch eigene Leistung gewinnen", äußerte Jiexi.
Yingjie verstand, was der Ältere damit sagen wollte. Selbst wenn es der Mannschaftskapitän war, der Yifan vor allen anderen lobte, wenn sich dieses Lob auf etwas bezog, das ihre Kollegen nicht sehen oder nicht als etwas besonderes erkennen konnten, dann würde ein Lob Yifan keine Hilfe sein.
"Er ist gut. Er ist besser als ich es bin", erwiderte Yingjie ehrlich.
"Worin?", hakte Jiexi nach und dieses eine Wort ließ den Jüngeren irritiert zucken.
Yingjie konnte sich nicht vorstellen, dass der Mannschaftskapitän diese Frage wirklich stellen musste. Jedoch verlangte der Ältere keine Antwort, stattdessen fuhr er nach einer kurzen Pause fort.
"In Einzelkämpfen ist er der Schwächste im Team, um denselben Gegner zu schlagen braucht er wesentlich länger als jeder andere, selbst wenn er einen theoretischen Klassenvorteil hat. In Teamkämpfen kann er seine Fähigkeiten nicht einbringen, -"
"Aber ...!", fiel Yingjie Jiexi ins Wort, nur um gleich darauf durch einen eindringlichen Blick des Älteren sowie das Heben dessen Kinns wieder zu verstummen.
"Aber das liegt nicht an ihm? Die anderen geben ihm keine Chance und hören ihm nicht einmal zu? Mit dieser Denkweise tust du deinen Kollegen Unrecht, Klein Jie. Als ihr beide Teil des Teams geworden seid, wollten wir alle sehen, welche Art Unterstützung ihr für das Team sein könnt. Du hast diese Chance gleich genutzt und uns mit deinem Können eine Antwort gegeben, Yifan nicht. Deswegen hast du ihre Anerkennung, während sie noch auf eine Antwort von Yifan warten. Je länger er diese hinauszögert - und dazu zählt auch ein Fortschritt in seiner Leistung -, umso weniger erwarten sie, dass noch etwas von ihm kommt. Das verstehst du doch, oder?"
Zögernd nickte Yingjie.
"Jedenfalls gilt:  Solange er noch Teil des Teams ist, solange bietet ihm jeder Tag die Gelegenheit, eine gute Antwort nachzuliefern. Inzwischen muss er jedoch die Initiative selbst ergreifen, anstelle auf eine Aufforderung zu warten, Klein Jie."
Yingjie stocherte erneut in seinem Essen herum, bis er eine warme Hand auf seinem Haupt spürte. Er sah auf und blickte in die sanften Gesichtszüge Jiexis. Es war erleichternd, dass dieser so wirkte als würde er ihm die indirekten Unterstellungen nicht übelnehmen. Wahrscheinlich wusste der Ältere ohnehin, dass das nicht in Yingjies Absicht lag. Trotzdem konnte die warme Hand nicht die Schuldgefühle von dem jungen Profi-E-Sportler nehmen.
"Mir kommt eine Idee, wie wir es ihm vielleicht erleichtern können, diese Gelegenheiten wahrzunehmen, aber du musst verstehen, dass es nicht in unseren Händen liegt, ob er sie nutzen wird. Und ich möchte eine Gegenleistung von dir", fuhr Jiexi gelassen fort.
Im Blick des Jüngeren spiegelte sich sofort ein Strahl der Hoffnung wider.
"Was?", fragte Yingjie.
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