Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Phantasische Weihnachten

OneshotFantasy, Freundschaft / P6 / Gen
21.12.2019
21.12.2019
1
3.338
3
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
21.12.2019 3.338
 
Frohe Wintersonnenwende, ihr Lieben und schön, dass ihr hierher gefunden habt!
Müsste ich ein Lieblingsbuch auswählen, dann wäre es vermutlich die unendliche Geschichte. Ich finde Michael Endes Schreibstil so anregend für meine eigene Fantasie und mir kommen bei jedem Mal, wenn ich das Buch lese, neue Ideen zu neuen Geschichten, wenn es heißt "Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden..“
Besonders ins Herz geschlossen habe ich die vier Boten Blubb, Ückück, Pjörnrachzarck und Wúschwusul. So unterschiedlich die vier auch sind, so enge Freunde werden sie dennoch und ich wollte unbedingt wissen, wie ihre Geschichte weiter geht. Da ich noch nichts gefunden hab, hab ich also selbst versucht, sie zu schreiben.
Eine Besonderheit ist, dass es sich hier quasi um eine "Weihnachtsfolge" handelt. Die Handlung knüpft nicht an die Szenerie im Buch an, in der die kindliche Kaiserin einen neuen Namen sucht, sondern steht für sich, ist aber gleichzeitig natürlich eng verwoben mit der phantasischen Welt, die Michael Ende geschrieben hat. Viel Spaß beim Lesen und habt ein schönes und ruhiges Weihnachtsfest!
Das nachfolgende Zitat stammt von Michael Ende.


************



„Während der langen Wartezeit befreundeten sich die vier ungleichen Boten innig und blieben auch späterhin zusammen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden..“

.
.
.

Der sachte Schein des Tageslichts hatte das Irrlicht Blubb mit einer ungewohnten Forschheit an der Nase und somit aus dem Schlaf gekitzelt. Noch müde und doch zufrieden, wie es sich nach einer Nacht voll watteweicher Träume hält, räkelte sich das kleine Wesen träge und schoss dann urplötzlich mit einem leisen Jauchzer in die Luft, sodass es aussah, als würde ein kleines Feuerwerk gen Decke schnellen.
„Guten Morgen, mein lieber Freund Wúschwusul!“
Anmutig ließ sich das Irrlicht auf dem Rand eines mit dunkelgrünem Samt bezogenen, großen, runden Schlafkissens nieder.
„Huhu!“ Tönte es dumpf unter einem riesigen Haufen unzähliger Decken hervor, und nochmal „huhu!“
Sanft zog Blubb, eine nach der anderen, die vielen Decken von dem unförmigen Haufen fort, unter dem ein verwuschelter und unglücklich drein schauender Nachtalb zum Vorschein kam.
„Oh Wúschwusul, du schaust ja aus wie sieben Tage Regenwetter!“
„Es ist wegen meines Vetters, Nachtalb Fesibold, dem Fiesen!“ Klagte Wúschwusul prompt, „ Er kam mich letzte Nacht besuchen, um mir ins Gewissen zu reden, meiner Pflicht als richtigem Nachtalb endlich verantwortungsvoll nachzukommen. Ich soll mich nachts in die Träume der phantasischen Wesen schleichen und ihnen Alpträume in die Köpfe streuen, so wie echte Nachtmahren und Nachtalben das tun. Aber ich habe doch so furchtbare Angst vor diesen Bildern, huhu!“
Und er vergrub das Gesicht in seinen dunklen Tatzen und verfiel in eine jammervolle Klage. Mitfühlend tätschelte Blubb ihm die Schulter.
„Was macht unseren Freund denn so traurig?“ War nun eine Stimme aus einer anderen Ecke des Raumes zu hören und es war Ückück, der Winzling, der sich nun ebenfalls genüsslich reckte und streckte, um sich dann, eine über seine Schultern gelegte Decke hinter sich her ziehend wie ein Königsmantel, zu seinen beiden Freunden zu gesellen und Blubb erklärte ihm, weshalb Wúschwusul so verzweifelt klagte.
„Ach mein lieber Wúschwusul. Als Nachtalb, der Angst vor Albträumen hat, hast du es tatsächlich nicht leicht..“
Während auch Ückück nun seinen Freund zu trösten versuchte, ließ Blubb mit gerunzelter Stirn ihren Blick schweifen. Irgendetwas war heute anders.. das Licht, das sie geweckt und den Raum durch die halbtransparenten Seidenvorhänge in bläulich-silbernes Licht getaucht hatte, war heute heller gewesen als sonst, etwas Aufregendes und Neues hatte in ihm gelegen, als hätten die Lichtpartikel schon in aller früh einen elektrisierten Freudentanz durch die Luft vollführt.
Neugierig flog Blubb zu den bodenlangen Fenstern und zog mit einer entschlossenen Bewegung die Vorhänge auseinander. Das Bild, das sich vor ihr auftat, ließ ihr den Atem stocken.
„Wúschwusul! Ückück! Oh, schaut euch das an!“
„Huhu.“ Machte der Nachtalb nur und schlurfte mäßig begeistert durch den Raum zu Blubb ans Fenster, während Ückück schnell an Blubbs Seite eilte.
Und staunend standen die drei vor dem Fenster und blickten über die Stadt des Elfenbeinturms und das umliegende Labyrinth.
„Was ist das?“

Alles hatte sich über Nacht verwandelt.
Die gepflasterten Straßen der Kaiserstadt waren verschwunden unter einer weißen Schicht feiner Flocken, die nach wie vor leise und anmutig vom Himmel auf die Erde hinunter tanzten. Sämtliche Häuser, Bäume, Mäuerchen und auch so manch phantasisches Wesen war geschmückt mit vielen, winzigen, teils warmweißen, teils bunten Lichtern. Rote und goldene Bänder waren um Geländer und Straßenlaternen geschlungen und glitzerten im Schein der Kerzen, die auf den Fenstersimsen und vor den Haustüren standen. Von irgendwoher war Musik zu hören, die freudig und besinnlich klang.
Die drei konnten vor Staunen ihre Münder nicht schließen, da schob sich plötzlich ein riesiges, steiniges, lachendes Gesicht vor die Szenerie.
„Kommt raus, Freunde! Ihr glaubt nicht, was hier los ist!“ Rief Pjörnrachzarck, der Steinriese, gedämpft durch das Fenster und auffordernd klopfte er gegen die Scheibe, sicher mit sanfter Absicht, doch die drei machten flugs einen Satz zurück, als reine Vorsichtsmaßnahme, um nicht unter einem Scherbenhaufen begraben zu werden.

Als die drei sich zu Pjörnrachzarck auf die Straße gesellten, tat sich vor ihnen das volle Ausmaß dieses neuen, kuriosen Phänomens auf. Halb Phantasien schien sich hier auf den Straßen versammelt zu haben, die feierliche Musik vermischte sich mit aufgeregtem Rufen und Schnattern. Auf einem hölzernen Podest am Rande eines Marktplatzes stand eine kleine Maus; sie trug einen adretten, kleinen, bunten Frack und einen Zylinder, der ebenfalls mit blinkenden Lichtern geschmückt war und redete wild gestikulierend zu einer immer größer werdenden Masse Phantasier, die sich um das Holzpodest geschart hatten. Eben jener Maus sollte durch ihre einfallsreiche und phantasievolle Kleidung noch einmal viel Anerkennung und Achtung zuteil werden lassen, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.
Neugierig versuchten sich die vier Freunde nun möglichst unauffällig an den Rande der Gesellschaft zu stellen, was bei Pjörnrachzarcks Größe gar nicht so einfach war.
„Hört, hört!“ Rief die Maus nun. „In Phantasien geht viel ungeheuerliches vor sich, abends schläfst du ein, morgens wachst du auf und oben ist unten, unten oben und Nord, Ost, Süd und West benehmen sich wie toll und führen dich an der Nase herum.
Aber das hier,“ und die Maus drehte, die Hände in einer theatralischen Geste ausgebreitet, eine elegante Pirouette, „das hier ist einmalig, wunderhaft, zaubervoll und gänzlich ohne Namen. Wie ihr sehen könnt, sind unsere fleißigen, kleinen Stimmbolde voll und ganz damit beschäftigt, ein Wort für dieses Phänomen zu finden, doch bisher ohne Erfolg.“
Und die Maus hatte recht. Neben dem Podest tummelte sich ein Haufen kleiner Wesen; sie waren von bunter Farbe und wie runde Würfel und kugelten durcheinander und übereinander her. Auf ihren runden Körpern waren Buchstaben zu sehen, die in dem wilden Treiben wie Funken in die Luft sprühten und dort Wörter bildeten. Stimmbolde verbrachten ihren Lebtag damit, in Phantasien die Sprache zu verbreiten. Um neue Wörter zu lernen und gesund zu bleiben, ernähren sie sich ausschließlich von Buchstabensalat.
„Kuschelweiß, zauberlichten, zimtseelenfarben, Zuckertraumspinnstube.“
Diese und andere Wörter tanzten in die Luft und verharrten dort für einige Sekunden, bis die Stimmbolde einstimmig ungeduldig ihre Köpfe schüttelten und sich weiter kugelten.
Für einige Zeit schauten die umstehenden Phantasier dem bunten Treiben noch zu.

„Schaut!“ Flüsterte Blubb plötzlich aufgeregt und machte ihre drei Freunde auf die Gestalt aufmerksam, die sich ihnen mit behäbigen, schlurfenden Schritten näherte. Respektvoll wich die Menge zur Seite. Ganz unverkennbar war es einer der Frostmenschen, der auf sie zu kam. Seine Kutte war grau, wie dicke Wolken, sein Haar weißer als der Schnee, durch den er auf sie zugestapft kam, seine Augen stahlblau. Sein Blick war auf seine Hände gerichtet, die er vor seiner Brust zu einer Kugel geformt hatte, als würde er etwas in ihnen verstecken und sorgsam aufbewahren.
Als er vor den vier Freunden zum Stehen kam, hob er seinen Blick und verzog das Gesicht, sodass es vermutlich ein Lächeln sein sollte, doch fällt es den Frostmenschen schwer, ihre Mimik zu verändern, denn ihre Gesichtszüge sind wie eingefroren. Dann öffnete er seine Hände und zu fünft sahen sie staunend auf den funkelnden Eiskristall, der in den Handflächen des Frostmenschen ruhte und nicht schmolz, denn Frostmenschen können Eis und Schnee nicht zum schmelzen bringen; sie selbst sind aus Eis und Schnee gemacht.
Der Eiskristall strahlte und funkelte mit solch magischer Kraft, dass die Fünf nichts anderes tun konnten, als ihm zuzusehen. Dann-
„Huhu!“ Stieß Wúschwusul aufgeregt hervor. „Es zaubert Buchstaben!“
Und er hatte recht. Der Eiskristall hatte erst langsam, dann immer schneller werdend angefangen, sich um die eigene Achse zu drehen und es schien, als würden eisblaue Buchstaben aus seiner Mitte heraus wirbeln. Als wären es toll gewordene Fliegen, die er zu maßregeln versuchte, fing der Frostmensch die Buchstaben einen nach dem anderen mit der freien Hand auf. Dann öffnete er seine Faust.
„Símaril, der Spiegelsee.“ Las Pjörnrachzarck staunend vor und obgleich er nicht wusste, was es zu bedeuten hatte, klang es sehr wichtig und feierlich.
„Símaril, der Spiegelsee.“ Wiederholte Ückück mit einem Stirnrunzeln. „Ob der was mit dem Namen, den wir suchen, zu tun hat?“ Und sie sahen, wie die Augen des Frostmenschen aufblitzten.
„Das muss es wohl!“ Entgegnete Blubb. „Sicher hat er uns deshalb den Kristall gezeigt. Wir müssen zu Símaril, dem Spiegelsee und dort werden wir den Namen finden!“
„Huhu!“ Klagte Wúschwusul. „wo ist der Spiegelsee Símaril?“
Fragend blickten die vier zu dem Frostmenschen auf (beziehungsweise schaute Pjörnrachzarck auf ihn hinunter, denn er war als Steinriese freilich um einiges größer als der Frostmensch). Dieser nickte den vieren zu und hob die Hand, in welcher immer noch der Eiskristall ruhte. Als er seinen Arm vor sich hoch in die Luft gereckt hatte, begann der Eiskristall erneut, sich zu drehen, so schnell, dass er zu einem einzigen hellen Flirren wurde. Als er wieder zum Stillstand kam, hatten sich die Ecken und Kanten des Eiskristalls so geformt, dass sie gemeinsam eine Spitze bildeten, die in eine Richtung zeigte. Der Frostmensch senkte seinen Arm, sodass sie alle sehen konnten.
Inbrünstig nickte Pjörnrachzarck.
„Das ist eine eindeutige Angelegenheit!“
„Dann ist es also beschlossenen Sache“, meinte Blubb und ihre Augen glänzten vor Aufregung „wir vier werden uns auf die Reise begeben, um Símaril, den Spiegelsee und somit auch den richtigen Namen zu finden!“
„Huhu!“ Rief Wúschwusul beseelt „ein richtiges Abenteuer!“

Ohne weitere Umschweife machten sich die vier Freunde auf den Weg. Sie verließen die Straßen des Elfenbeinturms und das Labyrinth und reisten in die Richtung, die ihnen der Eiskristall gewiesen hatte. Ihr könnt euch denken, dass ihre Unternehmung niemals langweilig wurde, schließlich waren sie vier solch unterschiedliche Freunde und die Reise ging nicht ohne so manchen Streit von Statten, doch vor allem lernten die vier so manches voneinander und vor allem lernten sie, die Verschiedenheit der anderen anzunehmen und zu schätzen. Auf ihrer Reise erlebten sie so manches Abenteuer und schlossen Kameradschaft mit anderen Phantasiern. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.
Nach vielen, langen Tagen tat sich vor ihnen der langersehnte Anblick auf.

Eingebettet in die Ausläufer des großen Jadegebirges lag Símaril, der Spiegelsee, in einem kleinen Tal. Trotz leichter Brise regte sich die Oberfläche nicht, sondern verharrte glatt und unnachgiebig, silbrig und unergründlich. Auch hier hatte es geschneit, wenn auch nicht so stark wie in der Stadt des Elfenbeinturms. Vorsichtig begannen Wúschwusul, Ückück und Pjörnrachzarck den rutschigen Abstieg hinunter ins Tal, während Blubb bereits durch die Luft davon schoss und neugierig über die Oberfläche des Spiegelsees flitzte, den Blick hier und dort, aufmerksam auf der Suche nach ihrer Antwort. Als die drei das Ufer erreichten (Ückück schaute etwas verdrossen drein und Pjörnrachzarck sehr schuldbewusst, denn er hatte mit seiner enormen Masse zum Auslösen einiger Lawinen beigetragen und Ückück war unter einer von ihnen kurzzeitig begraben worden), schwirrte Blubb zu ihren Freunden, jedoch mit enttäuschtem Gesichtsausdruck.
„Der See spiegelt nichts! Nicht einmal das Jadegebirge oder mich selbst. Wie können wir wissen, dass es der richtige See ist?“
Doch Ückück schüttelte energisch den Kopf.
„Es ist die Richtung, die uns der Kristall gewiesen hat. Mein Winzlingsinstinkt sagt mir, dass wir richtig sind. Und schau, vor uns liegt das Jadegebirge. Es zu überqueren würde Jahre dauern, niemand kennt niemanden nicht, der es geschafft hätte, durch diese Berge zu reisen. Nein, das muss der Spiegelsee Símaril sein.“
„Und“, fügte Pjörnrachzarck mit seiner dunklen, grollenden Stimme hinzu „bedenke, dass es sich vermutlich um einen Zaubersee handelt. Und Zaubereien haben es so an sich, das nichts ist, wie es scheint und nichts scheint, wie es ist.“
Einsichtig und etwas zuversichtlicher nickte Blubb und zu viert fingen sie an, das umliegende Ufer zu erkunden. Seltene Gräser schienen hier den besten Ort zum Wachsen gefunden zu haben; lange Halme, filigran und silbrig-gläsern streckten sich der Sonne entgegen und schienen in anmutigen Bewegungen in der sanften Brise zu tanzen.
Plötzlich gab es ein lautes Platsch.
„Huuuhuuuu!“ tönte es erschrocken und die drei Freunde eilten zu der Stelle, von der Wúschwusuls Rufen kam.
„Da hat sich was bewegt und mich erschrocken und da habe ich dann das Gleichgewicht-“
Doch der Nachtalb unterbrach sich selbst und seine Augen wurden groß vor Staunen. Auch die anderen drei traten näher heran.
Das Wasser rund um Wúschwusul hatte urplötzlich angefangen, sich bunt zu färben, gedämpft, wie aus tiefer Ferne waren Stimmen, Lachen und Pferdewiehern zu hören, dann wieder ein heller Choral, Glockenklingeln und der Hammer eines Schmiedes.
„Ein Zaubersee, huhu!“ Murmelte Wúschwusul ganz entrückt und ließ seine Tatze durch das Wasser gleiten.
Da glänzten Blubbs Augen plötzlich vor Aufregung.
„Ich hab da so eine Idee! Kommt, Ückück, Pjörnrachzarck, wir stellen uns ins Wasser“- „was?!“- „hier, Wúschwusul, nimm meine Hand, ich helfe dir beim Aufstehen. So! Bildet einen Kreis. Und nun fassen wir uns bei den Händen. Schließt die Augen. Und dann denkt an das Gefühl, das euch gegeben wurde, als wir auf die verschneiten Straßen kamen, all die Lichter und die fröhlichen Wesen und die Musik, die vom Himmel kam!“
Beseelt kniff Wúschwusul die Augen zusammen und drückte Blubbs Hand so fest, dass sie vor Schmerz kurz quiekte. Etwas zögerlich kamen Pjörnrachzarck und Ückück der Anweisung nach.
So standen sie im seichten Wasser des Spiegelsees Símaril mit geschlossenen Augen, einander an den Händen gefasst und bei den Gedanken an die Stadt des Elfenbeinturms wurde ihnen ganz warm ums Herz.
Da merkten sie, wie das Wasser um sie herum anfing, zu vibrieren und sie hörten Stimmen und wieder Gelächter, Gesang und Glockenklingeln, knarzende Schritte im Schnee und das Schaben von Kufen auf dickem Eis. ein süßer Duft stieg in ihre Nasen, zuckerwarm und wohlig, dann herb und erdig und ein Gefühl stieg in ihnen auf, für das sie kein Wort hatten..
Da öffneten sie alle die Augen und in ihrer Mitte trieben aus der Tiefe Buchstaben an die Oberfläche und bildeten auf dort ein Wort.
Weihnachten.
Sie sahen sich an und lächelten. Ja. Dies war ohne Zweifel das richtige Wort.

So kamen sie zurück in die Stadt des Elfenbeinturms und dort wurden sie begrüßt von den aufgeregten Phantasiern und einem großen Empfangskomitee, welches augenscheinlich unter der Fuchtel der Maus stand. Diese huschte von rechts nach links und zwischen Beinen hin und her, kletterte flink an so manchem Komiteemitglied hoch, um ihm Anweisungen ins Ohr zu brüllen und ließ sich schlussendlich resigniert und außer Atem auf den Boden plumpsen.
„Meine Herren, meine Dame“, und die Maus zog mit einer großen Geste den großen Zylinder mit roten Pailetten von ihrem Kopf und verneigte sich leicht.
„Ich bedaure diesen höchst unwürdigen Empfang, es ist nicht meine Art, Helden wie Euch derart zu begrüßen, doch wenn man hier der einzige ist, der weiß, wie ein gebührlicher Empfang aussieht..“ Vorwurfsvoll schielte die Maus in Richtung Komitee und strich dann, fassungslos den Kopf schüttelnd, ihren tannengrünen Frack glatt an dessen Saum zahlreiche kleine, bunte Kugeln hingen und fröhlich funkelten.
„Ach, Herr Maus“, entgegnete Blubb gerührt „wir freuen uns, wieder hier zu sein und dieser Empfang ist mehr, als wir uns je hätten träumen lassen können.“
Die Maus errötete und knetete mit gesenktem Kopf und bescheidenem Lächeln ihren Hut.
„Aber mehr noch! Wir haben den Weg zu Símaril, dem Spiegelsee, gefunden und dort gab er uns Antwort auf die Frage nach diesem wundersamen Phänomen!“
Und nun waren alle ganz Ohr. Das Getuschel war erstorben, wortlos drängten die Phantasier um den besten Platz zum Zuhören, einige hatten ein langes Hörrohr ausgepackt und lauschten angestrengt.
„Was wir hier erleben“, und Ückück wies auf die Stadt, die festlich in der Abenddämmerung leuchtete „und was wir hier fühlen“ und er legte beide Hände vor sein Herz „das nennt man Weihnachten.“
Er ließ seine Worte wirken und ein andächtiges Raunen erhob sich in der Menge. Die vier Freunde sahen sich an und lächelten, denn sie ahnten, wie sich die Phantasier nun fühlten.
Weihnachten, das rief ein Gefühl hervor, das süßer war als Zuckerkuchen und wärmer als Kaminfeuer und die Augen der vielen unterschiedlichen Phantasier bekamen alle das gleiche Leuchten, das nicht vom Schein der vielen Lichter rührte.

„Mooooment!“ Rief da plötzlich die Maus laut und wedelte mit misstrauisch zusammen gekniffenen Augen mit ihrem Finger so nah vor Ückücks Nase herum, dass dieser vorsichtig einen Schritt zurück trat. Das Raunen erstarb und alle wandten ihren Blick der Maus zu.
„Ihr wollt mir weis machen, dass dieses Phänomen hier ein Gefühl ist? 24 Tage lang ward ihr unterwegs, jaja, ich habe es genauestens festgehalten und jeden Tag wartend verharrend abgehakt und nun ist es ein Gefühl? Was macht denn dieses Weihnachten? Was kann es? Wozu ist es gut? Wieso ist es da?“
Und abermals ließ sich die Maus auf den Boden plumpsen und streckte ihre Arme theatralisch gen Himmel.
Da lächelte Blubb und ließ sich neben der Maus auf dem Boden nieder.
„Weihnachten, das kommt aus unserem Herzen. Es ist die Antwort auf unser Suchen nach Frieden, nach Geborgenheit, nach Zuhausesein. Weihnachten brauchen wir nicht, um zu überleben, aber Weihnachten kann uns trotzdem nähren und uns Ruhe geben. Weihnachten ist da, um innezuhalten und Luft zu holen.“ Und sie nahm die Hand der Maus, welche immer noch über die Maßen enttäuscht und erschöpft wirkte von all der Aufregung. Etwas grummelig erwiderte sie Blubbs Blick, hörte dennoch aufmerksam zu.
„Weihnachten kommt nicht einfach so, Weihnachten machen wir selbst. Wir bringen Licht und wir kommen zusammen. Wir singen und tanzen und verbringen Zeit mit denen, die uns im Herzen sind. Wir verzeihen, auch uns selbst und wir spüren, dass wir zusammen gehören, wir alle, mit allen Unterschieden und Gemeinsamkeiten und das wollen wir feiern.“
„Oh.“ Machte die Maus da nur und nun war sie sich einigermaßen sicher, verstanden zu haben, was Weihnachten ist.
Dann rappelte sie sich auf, kletterte am erstaunten Pjörnrachzarck hinauf bis auf seinen Kopf und breitete dort in pathetischer Geste ihre Arme aus.
„Meine Damen und Herren, verehrte Mitphantasier! Unsere Helden“ und die Maus wies auf Wúschwusul, Ückück und Blubb und stampfte mit ihrem rechten Bein einmal fest auf Pjörnrachzarcks Kopf auf, doch dieser bemerkte das gar nicht, „sind zurück gekehrt. Und sie bringen die Botschaft des Spiegelsees Símaril. Darum lasst uns Weihnachten feiern, gemeinsam, wie jeder es fühlt, zusammen, mit allen Unterschiedlichkeiten. Weihnachten heißt Frieden, Liebe und Licht für alle Wesen aller Welten. Welch fabulöse, gar weihnachtiöse Botschaft! Frohe Weihnachten!“
Und unter tosendem Beifall kletterte sie zurück auf den Boden. Von dort schaute sie zu den vier Freunden auf und lächelte sie mit tränenüberströmtem Gesicht an.
„Weihnachten lässt mein Herz größer werden, als mein kleiner Körper es erlaubt. Schaut, es dehnt meinen Mausebauch schon völlig aus!“
Und tatsächlich, seit ihrem Aufbruch zum Spiegelsee war die Maus augenscheinlich dicker geworden. Doch ob dies an ihrem gefüllten Herzen oder an Waldelfe Fayídes selbst gebackenen Plätzchen lag, das konnte natürlich niemand so genau sagen.
Die Waldelfe Fayíde übrigens, die unter einer besonders bunt geschmückten Straßenlaterne eine Bude aufgestellt hatte, in der sie frische Plätzchen buk und verteilte und die Maus, welche sowohl dem Rezept als auch der schönen Elfe ganz und gar verfallen war, waren fortan immer öfter zusammen anzutreffen und wenn es sich zunächst auch keiner der beiden eingestehen wollte, so verliebten sie sich doch ineinander.
Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden..
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast