Feinde des Friedens

von Godalming
GeschichteThriller, Fantasy / P16
21.12.2019
25.01.2020
2
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Ich nehme mir noch ein Stück von dem Apfelkuchen, der auf dem kleinen Tisch in der Mitte meines Zimmers liegt, bevor ich mich auf das Treffen mit meinem Kunden vorbereite. Vor einigen Tagen hatte sich ein Bote bei mir gemeldet, mit der Nachricht, dass ich für seinen Herren etwas besorgen sollte. Mir wurde auch ein Haufen Geld dafür versprochen. Es klang recht einfach: anscheinend hatte er herausgefunden, dass in einer Dwemerruine in Morrowind eine Schriftrolle mit einem besonderen Wert für meinen Auftraggeber versteckt lag. Für mich nicht ganz verständlich, denn (ich habe sie gestern einmal angeschaut) auf ihr stehen nur ein paar kryptische Dwemersymbole und kleine Zeichnungen, die keinen Sinn machen. Aber egal, viel Geld für wenig zu tun. Und es war tatsächlich einfach. Die Ruine habe ich schnell ausfindig gemacht und die Rolle auch schnell gefunden. An den Dwemermaschinen bin ich gut vorbeigekommen, auch wenn sie ganz schön widerspenstig waren. Jetzt gibt es eine Dwemerruine im westlichen Morrowind, die nicht mehr ganz so aussieht, wie sie die Dwemer hinterlassen hatten. Egal. Vor einigen Stunden bin ich in Cheydinhal angekommen, wo heute Abend der Verkauf stattfinden soll. Ich habe mir hier in dem Gasthaus ein Zimmer genommen. Es ist nicht besonders groß, mit einem kleinen Bett in der Ecke und einem Tisch mit Stuhl. Eine Kiste zum Aufbewahren von Kleidung steht am Fußende des Bettes. Auf dem Bett liegt meine braune Lederrüstung. Auf die Rüstung habe ich meine Armbrust und den Köcher mit meinen Bolzen gelegt. An meinem Gürtel, der neben der restlichen Rüstung liegt, hängt noch mein Dolch und drei Wurfmessern. Er hat auch einen Halter für mein Schwert. Ich habe es abgemacht und auf den Gürtel gelegt. Es steckt in einer einfachen Scheide aus Holz. Es hat einen Griff aus geschwärztem Leder, einen silbernen breiten Knauf mit einem roten Edelstein auf der Unterseite, eine lange Parierstange und eine symmetrische, etwa einen halben Meter lange Stahlklinge mit einer dünnen Hohlkehle. Sie ist oben mit schwungvollen Mustern verziert. Das Schwert war ein Geschenk meines Bruders, deshalb hat es für mich eine besondere Bedeutung. Wir sind gemeinsam bei unseren Eltern in Hochfels aufgewachsen. Sie waren zwar beide Bretonen, aber meine blauen Augen und meine - für eine Bretonin - recht große Statur lassen darauf schließen, dass ich auch nordische Wurzeln habe. Auf dem Tisch stehen noch die Reste des Apfelkuchens, den ich vorhin gekauft und hier her gebracht habe. An dem esse ich schon den ganzen Nachmittag und es ist immer noch etwa die Hälfte übrig. Okay, genug gegessen, ich muss mich langsam beeilen. Die braune Leinenhose lasse ich an; über mein weißes Leinenhemd ziehe ich mir noch eine hellbraune dünne Lederjacke und schnüre sie bis oben zu. Wir haben bereits Herdfeuer, und es wird langsam etwas kühler außen. Meine hüftlangen dunkelbraunen Haare flechte ich zu einem Zopf. Als letztes schlüpfe ich in meine schwarzen Lederstiefel, die mir bis über die Waden gehen. Ich werfe einen Blick auf mein Bett, auf dem meine Rüstung mitsamt Waffen liegt. Es ist eigentlich nur ein ganz normaler Handel, so wie jedes Mal bisher. Gut, die Summe ist wirklich sehr hoch, aber eigentlich habe ich keinen Grund, dem Kunden zu misstrauen. Auch, dass ich ihn bisher noch nie gesehen habe, ist nichts ungewöhnliches. Ich zucke die Schultern. Sicher ist sicher und zu viele Waffen haben noch Niemandem geschadet. Also nehme ich eines der Wurfmesser und stopfe es mir in den rechten Stiefel. Ich richte mich auf und schaue nach unten. Man sieht es nicht. Gut. Probehalber fasse ich einmal nach unten. Schnell greifen kann ich es auch. Passt. Ich nehme noch den Rucksack mit der Dwemerrolle darin, der über dem Stuhl hängt und schon kann es losgehen.

Es hat die lezten Tage hier viel geregnet, deswegen ist der Boden matschig. Ich bin dem Weg aus Cheydinhal heraus ein Stück gefolgt, aber nun gehe ich durch den Wald im Süden. Ich bin jezt etwa eine halbe Stunde unterwegs. Der Treffpunkt ist noch ein kleines Stück entfernt, aber in ein paar Minuten bin ich da. Ich packe eine Karte des westlichen Cyrodiil aus, in der der Treffpunkt markiert ist. Die Karte hatte ich von dem Boten zusammen mit einem Zettel "Herdfeuer 21, Anbruch der Dunkelheit" bekommen. Ich schaue nach hinten. Die Kapelle von Arkay ist durch die Nadelbäume noch zu sehen, doch ich merke auch, dass es schon etwas dunkler wird. Ich habe schon ein leicht mulmiges Gefühl, in Zeiten wie diesen praktisch unbewaffnet in der Dämmerung durch einen Wald zu gehen. Immerhin ist der letzte große Krieg erst seit Kurzem vorbei und der Kontinent ist erst seit wenigen Jahren zu einem Kaiserreich unter Kaiser Tiber Septim vereint. Ich bin zwar erst Anfang der 3. Ära geboren, aber man merkt noch teils die Spannungen der ehemaligen Reiche untereinander. Rechts von mir ist eine Bergkette. Die Berge sind in der Karte eingezeichnet und ich habe seit meinem Aufbruch gezählt, an wie vielen ich vorbeigekommen bin. Es waren schon fünf und auf Höhe des sechsten Berges ist auf der Karte ein roter Kringel eingezeichnet. Nach ein paar Minuten, mittlerweile ist es schon sehr dunkel geworden, kann ich zwischen den Bäumen ein Lagerfeuer ausmachen. Ich kann auch schon eine Person daneben erkennen. Durchschnittlich groß, recht breit, eingehüllt in einen dunklen Umhang. Das wars aber auch schon. Sie steht mit der linken Seite zu mir und blickt wie es aussieht auf das Feuer. Ich nähere mich behutsam. Als ich nah genug bin, mache ich mich bemerkbar.
„Ganz schön auffällig, ein Feuer in der Dunkelheit.“
„Ganz schön leichtisinnig, sich Fremden in der Dunkelheit unbewaffnet zu nähern."
Wo er Recht hat, hat er Recht. Zumindest kann ich jetzt ein bisschen erkennen, wer mein Kunde ist. Er ist ein Nord, kaum größer als ich und sehr beleibt. Er hat einen dunkelblonden Dreitagebart und ein sehr kantiges breites Gesicht. Seine Kapuze hat er sich tief ins Gesicht gezogen, sodass ich seine Augen nicht richtig erkennen kann.
"Habt Ihr dabei, was ich wollte?"
"Ja, habe ich. Habt Ihr die Bezahlung dabei?"
"Zehntausend Goldmünzen? Was wollt Ihr damit anstellen?"
Er weicht meiner Frage aus. Das merke ich sofort. Mir wird etwas unbehaglich.
"Vielleicht setze ich mich zur Ruhe, kaufe mir ein Haus oder eine Farm. Und was habt Ihr mit dem Schmuckstück hier vor?"
Ich zeige auf den Rucksack. Der Nord schnaubt und redet jetzt schnell.
"Wisst Ihr, warum ich Euch beauftragt habe, mir die Rolle zu besorgen?"
Ich versuche meine Anspannung zu verbergen, indem ich mit den Schultern zucke.
"Weil Ihr keinen Besseren gefunden habt?"
"Weil man mir gesagt hat, dass Ihr keine Fragen stellt!"
"Ja, das auch, allerdings bin ich von meinen Kunden auch keine Fragen gewohnt. Das einzige, was mich gerade interessiert, ist mein Geld. Habt Ihr es dabei oder nicht?"
Ich versuche mit möglichst eindringlicher Stimme zu sprechen. Der Nord senkt seinen Kopf ein bisschen und murmelt etwas. Irgendetwas geht gerade gewaltig schief. Das sagt mir zumindest mein Bauchgefühl. Er schaut wieder zu mir auf, diesmal schaut er mir direkt in die Augen.
"Ihr könnt Euer Geld gerne haben, aber Ihr werdet nicht sehr lange Freunde daran haben."
Ich schaue ihn entgeistert an und seufze.
"Das darf doch nicht wahr sein. Habt Ihr eine Ahnung, wie viel Zeit und Mühe ich da reingesteckt habe?"
Ich versuche selbstbewusst zu klingen, während ich ihm in die Augen sehe, bereit, bei der kleinsten Bewegung zu reagieren.
"Oh, ich kann mir sehr gut vorstellen, wie viel Arbeit das war. Aber Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie wichtig diese Schriftrolle für mich ist. Und von unserer Begegnung hier darf niemand erfahren. Niemand!"
Das letzte Wort spuckt er richtig aus. Mein Herz rast. Mir ist klar, was jetzt kommt. Aber wie will er mich angreifen? Er hat doch keine Waffen hier. Zumindest keine sichtbaren. Vielleicht ist er Magier. Verdammt, ich kann Magier überhaupt nicht ausstehen. Man kann ihnen einfach nicht vertrauen, weil sie ihre 'Waffen' niemals niederlegen können. Fast immer, wenn ich bisher in besondere Schwierigkeiten gekommen bin, dann war ein Magier am Werk. Seine Augen zucken kurz rechts an mir vorbei. Es ist nur der Bruchteil einer Sekunde, aber er lässt bei mir alle Alarmglocken läuten. Ich mache einen Schritt nach hinten, um Abstand zu dem Nord zu bekommen, falls er mich angreifen will und schaue in die Richtung, in die er auch kurz geblickt hat. Vor einem Baum nahe des Lagerfeuers kann ich im Schatten tatsächlich eine dunkle Gestalt erkennen. Mehr auch nicht, denn das Einzige, was mich gerade interessiert, ist die Tatsache, dass ich in der Hand der Gestalt den Schatten eines Bogens erkennen kann, der gespannt und auf mich gerichtet ist. Ohne nachzudenken, greife ich mit einer schnellen Bewegung zu meinem Stiefel, ziehe die Klinge heraus und werfe sie in die Richtung der Gestalt. Einem lauten Fluchen nach zu urteilen, habe ich wohl etwas getroffen. Ich wende mich sofort wieder dem Nord zu, der gerade etwas aus seinem Umhang ziehen will, und trete ihm mit voller Wucht in den Bauch. Er taumelt zurück. Nichts wie weg hier! Ich laufe in irgendeine Richtung los in die Dunkelheit, bloß weg von meinen Angreifern. Zsssch. Ein Pfeil saust nah an meinem Kopf vorbei. Ich schlage einen Haken und werde schneller. An den Bäumen vorbei, rechts, links, rechts. Und schneller, immer schneller bis meine Beine wehtun. Habe ich meine Verfolger abgehängt? Wie lange bin ich überhaupt schon unterwegs? Kann ich nicht sagen. Es geht einfach weiter. Bumm. Aua. Ich liege am Boden, muss wohl gestolpert sein. Meine Beine schmerzen höllisch. Und meine Hände. Keine Zeit zum Jammern! Ich richte mich wieder auf und renne weiter. Da! Ein Licht! Ich komme zum Ende des Waldes. Ein Weg und eine Stadt! Perfekt. Erst kurz vor den Toren Cheydinhals werde ich langsamer und versuche mich wieder zu fassen. Meine Beine zittern, ich kann mich kaum noch auf ihnen halten. Mein Atem geht nosch sehr schnell und mein Herz rast. Meine Hände und Knie brennen von dem Sturz, vielleicht bluten sie auch. Aber das ist egal. Ich bin erstmal in Sicherheit. Die Stadt ist gut bewacht, ich kann viele Wachen an den Toren sehen. Keiner wird sich trauen, mich auf offener Straße anzugreifen.
Ich nicke den Wachen zu, als ich an ihnen vorbeikomme. Entweder sind sie sehr müde, oder sie sehen öfters mal Leute einfach so in ihre Stadt hineinspazieren, die von oben bis unten voll mit Matsch sind, denn keiner von ihnen schenkt mir besondere Aufmerksamkeit. Gut so, denn ich mag mir gerade keine Ausrede überlegen. Als ich das Gasthaus erreiche, hat sich mein Puls wieder halbwegs beruhigt. Ich trete ein und als ich am Wirt vorbeigehe und ihm freundlich zulächle, sieht er mich stirnrunzelnd an.
"Was habt Ihr denn gemacht, Lysara?"
Mein Name ist nicht Lysara. Nicht wirklich. Eigentlich heiße ich Relyn, aber ich benutze gegenüber Fremden immer wieder falsche Namen, um praktisch unsichtbar zu bleiben.
"Ein bisschen draußen gespielt.", gebe ich mit einem Lächeln zurück.
Er schaut mich immer noch an. Dann schüttelt er den Kopf und gibt sich wieder seinen Aufgaben hin. Um zu den Zimmern im Obergeschoss zu gelangen, muss man durch den Speisesaal, in dem mehrere kleinere Tische stehen. An fast jedem Tisch sitzen Leute, die Stimmung ist laut und ausgelassen. Ein typischer Abend, an dem sich die Frauen und Männer der Stadt am Ende des Tages treffen. Um das Feuer in der Mitte des Raumes stehen mehrere Menschen und Elfen mit Krügen in der Hand, die sich laut unterhalten. Aus einer Ecke kommt Musik. An mir huscht eine Kellnerin mit mehreren vollen Bierkrügen in den Händen vorbei, die sie einer Gruppe von Orcs gibt, welche daraufhin anstoßen. Ich will möglichst nicht auffallen, also bleibe ich etwas im Schatten versteckt. Ich gehe vorbei an ein paar Dunkelelfen, die schon ein paar Met zu viel getrunken haben und hitzig diskutieren, an einem Waldelf, der alleine an einem Tisch sitzt und gedankenversunken auf sein Essen starrt, und zwei Khajiiti-Frauen, die beide in die gleiche Richtung gucken und die ganze Zeit kichern.
Ich bin müde, und das einzige, woran ich noch denken kann, ist, mich endlich ins Bett zu legen und morgen darüber nachzudenken, wie ich weitermache. Mit müden Schritten gehe ich die Treppe hoch. Oben ist ein Flur mit mehreren Türen rechts und links. Mein Zimmer ist das dritte auf der rechten Seite. Kurz bevor ich an der Tür ankomme, werde ich wieder hellwach. Mein Instinkt sagt mir, dass etwas nicht stimmt. Ist das ein dreckiger Schuhabdruck vor meiner Tür? Ich war das sicher nicht. Plötzlich fühle ich mich auch noch beobachtet. Was ist hier los?
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