Little Scarlett

GeschichteDrama, Romanze / P18
20.12.2019
26.03.2020
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Brauche den ganzen Tag, um wach und funktionell zu werden. Scarlett heult immer noch wie ein kleines Mädchen, das sie ist. Hol ihn zurück, geh zu ihm, sag's ihm - tobt sie in mir. Mir fällt es schwer sie zu überhören.
Marten ist ein guter Mensch. Ihm ist passierte, was Scarlett passiert ist und ich kann ihn dafür nicht verurteilen, denn es war meine Schuld. Ich hätte es bei dem ersten Mal belassen sollen, habe ich doch genau gespürt wie empfänglich er ist. Er hätte wohl wirklich alles für mich aufgegeben, doch ich wollte es nicht, wies ihn zurück und Scarlett hasst mich nun dafür. Fühle mich zerrissen und unsicher wie nie und liege den ganzen Tag im Zimmer auf dem schmuddeligen Bett. Roland habe ich fast ganz vergessen. Überhaupt, wächst mir alles über den Kopf und ich sehne mich nach meinen endlosen Schienen durch das dunkle Land. doch Scarlett hält mich auf. Wie ein verzogenes Mädchen kreischt sie in mir: ich will aber ... jetzt ... sofort ... !
Betäube mich mit Drogen und Alkohol und wache einen Tag später mit dem gleichen Schmerz auf. Scarlett hat nicht geschlummert, im Gegenteil. Sie beginnt nun in mir zu wüten und zu drängen, so dass ich Beth anrufe und mit ihr plaudere. Ihr Russe hat sie gefickt und dann sitzen gelassen, heult sie mir ins Ohr und ich frage sie nur nach einer Adresse. Verwirrt fragend, verspricht sie mir, sich darum zu kümmern und mir zu sagen, was ich wissen will. Auf ihre vielen Fragen bekommt sie keine Antwort. Dafür lege ich dann einfach auf.
Scarlett drängt sich so weit vor, dass ich nur noch wenig Platz habe. Eine Hand immer am Handy, warte ich auf Beths Anruf, während ich mich straßentauglich herrichte. Bin schwach, was wohl an vielem liegt, hauptsächlich wohl aber an meinem eigenen Aufgeben.
Nehme heute Martens Farbe und kleide mich wie eine graue Maus. Was für ein Abstieg, wie damals, als mich Bird auflas. Wollte ich doch nie wieder in der Gosse landen und hätte nie gedacht, dass ein guter Mann wie Marten mich dahin zurück bringen könnte. Doch vermisse irgendwie die Traurigkeit und Empörung darüber.
Endlich meldet sich Beth und gibt mir eine Adresse. Nehme meinen asiatischen Flitzer und quäle mich durch die Stadt. Parke dann wieder ein wenig von besagter Adresse entfernt und bleibe dann im Wagen sitzen. Esse nicht, trinke nicht, rauche nicht. Warte nur. Warte auf Marten. Muss irgendwie eingeschlafen sein und wache auf, weil ich unglaublichen Durst habe. Die Sonne brennt heiß und mein Nacken tut weh. Richte mich schmerzend zurecht. War es Scarletts Intuition, die mich erwachen ließ? Marten kommt die Straße entlang gelaufen, doch nicht allein.
An seiner Hand läuft ein kleines Mädchen, vielleicht 4 oder 5 Jahre alt. So alt wie die kleine Scarlett als sie damals ins Kinderheim kam. Das kleine Mädchen sieht ihr zum Glück nicht ähnlich. Sie hat dunkle Haare, lange Zöpfe und die Augen ihres Papas. Scarlett will aus dem Auto und ihm sagen, wozu sie hier ist. Doch ich bleibe sitzen und kann keine Zelle meines Körpers dazu bringen sich zu bewegen. Offenbar hat er das Mädchen gerade aus dem Kindergarten abgeholt. Sie schwenkt eine rosa Tasche und lacht dabei. Marten lacht mit, doch sehe ich, wie abwesend sein Herz ist. Er tut mir leid. Es tut mir leid um die Kleine. Niemals hätte ich her kommen dürfen. Dazu habe ich kein Recht!
Sehe ihn noch ins Haus gehen und weiß, dass Scarlett ihn nie wieder sehen darf. Sie tobt und schreit und wütet. Sie tritt und schlägt mich und schließlich wird sie still. In mir ist es leer und kalt.
Fahre in die Stadt und beschreibe einem Fachmann mein Kellerschloss, was ich nicht mehr aufbekomme. Er schafft mir entsprechendes Material an. Nehme alles mit und werde mich durchprobieren. Komme mir dämlich vor mit einem riesen Brecheisen in ein winziges Auto zu steigen. Tue das aber und fahre zum Hafen.
Habe einen Plan. Werde Roland suchen und finden, ihm mein Geld vor die Füße werfen, Albert retten oder auch nicht und dann tun, was ich hätte schon vor vielen Jahren tun sollen. Mein Entschluss macht mich frei und leicht aber nicht glücklich. Nehme mein Handy und entblocke Martens Nummer und schreibe ihm eine Nachricht:
„Du warst ein braver und guter Soldat. Deine Königin schützt und liebt dich, grenzenlos durch Zeit und Raum! Vergiss sie nie.“
Scarlett ist immer noch ruhig und fast unsichtbar in mir. Ihr Herz ist in tausend Scherben zerbrochen, doch sie macht sich nicht die Mühe, sie einzusammeln. Braucht sie auch gar nicht. Morgen ist es zu spät.
Als der Abend seine Dunkelheit mitbringt gehe ich zum Eingang in die Kanalisation. Schaue mir das Schloss an und finde es offen vor. Ich kichere ein wenig irre und hole meine Taschenlampe und meine Reisetasche mit den Scheinchen.
Dann steige ich durch die stinkenden Tunnel. Wasser oder Schlimmeres plätschert und glibscht unter meinen Füßen. Widerliche Gerüche und ekelhafte Geräusche umschmeicheln meine Sinne. Habe mich ein wenig verschätzt und finde mich in einem großen Labyrinth von Gängen wieder. Plötzlich bin ich mir sehr sicher, dass ich mich hier unten einfach nur verlaufen werde, um anschließend zu verhungern und Futter für die Ratten zu werden. Tappe weiter und verabschiede mich von meinem Zug. Dann eben so. Aber Roland hätte ich schon noch gern in seine Eier getreten, bevor ich sterbe. Meine Füße treten jetzt auf trockenem Sand und es riecht nicht mehr ganz so übel. Schleiche weiter, obwohl sicher niemand anderes hier unten ist, außer Ratten und Scarlett.
Will gerade um eine Ecke leuchten, als sich eine große Hand auf meinen Mund presst und meinen leichten Körper mit sich zieht. Roland hat mich also gefunden!
„Was tust du blöde Schlampe hier unten?!“
Er klingt böse, unbeherrscht und unberechenbar.
„Ich bringe dir dein Geld. Entschuldige bitte, dass ich kürzlich nicht zu Hause war. Hatte einen wichtigen Termin in Rio.“
Lüge ich ihm dreist ins Gesicht und grinse unschuldig, während der Schreck meine Haut brüchig wie trockenes Papier gemacht hat. Seine Hand ist schnell und hart. Meine Wange glüht. Aber das macht auch nichts mehr. Wir stehen in einem kleinen Raum, deren Zweck sich mir nicht erschließt. Der Boden ist immerhin trocken und in der einen Ecke sehe ich eine alte Matratze und ein paar Habseligkeiten.
Roland reißt mir die Tasche aus der Hand und schaut hinein. Sein verkniffenes Gesicht hellt sich auf und mir ist das egal.
„Wo ist Albert?“
Frage ich und bin eigentlich nicht an einer Antwort interessiert. Offenbar ist er nämlich nicht hier.
„Der steht vor dir, du dummes Ding!“
Erwidert er so nebenher und beginnt sich durch die Scheine zu zählen.
Kann nichts antworten, mein Kopf ist absolut leer.
„Das Foto?“
Krächze ich und spüre, wie meine Knie nachgeben. Falle zu Boden und grabe meine Hände in den dreckigen Boden.
„War irgend so ein Junkie, der noch nicht mal gemerkt hat, dass ich ihn geknipst habe.“
Roland lacht durchtrieben und  mein Kopf fährt Karussell.
„Aber wie ... warum ... ich verstehe nicht ...ich ...?“
„Ach halt die Klappe Scarlett! Meine Geschichte, die ich dir erzählt habe, ist wahr. Bin irgendwie auf die schiefe Bahn geraten, weil ich auf der Straße gelebt habe. Nun habe ich ein paar kleinere Geldprobleme und verstecke mich hier unten, bis ich meine Gläubiger bezahlen kann. Das kann ich nun, dank dir. Wir sind also quitt. Ich habe damals dein Leben gerettet und nun rettest du meins.
Allerdings musste ich dich lange suchen. Wusste ja nicht, dass ich so einen Glücksgriff lande, weil du bei diesem alten Geldsack wohnst. Ich musste das einfach ausnutzen, wirst du sicher verstehen.“
Er klingt unbeteiligt und raschelt mit seinen Scheinen ohne mich anzusehen.
„Du bist mein Bruder ....?!“
Hauche ich, immer noch völlig fremd und kalt in meinem eigenen Körper.
Roland kniet sich zu mir runter und sein Gesicht ist direkt vor mir. Schaue in seine grünen Augen und sein, für einen kurzen Moment ehrliches und offenes Gesicht ... und erinnere mich an ihn.
„Albert? Ich habe dich geliebt, vergöttert, verehrt.“
Entwischen mir die Worte ohne meinen Willen. Zwar war ich noch klein, doch auch 5jährige haben eine Erinnerung und die kommt jetzt zurück. Zum Glück nicht die an meine Eltern oder an alles andere. Aber an Albert erinnere ich mich. Das war mein großer Bruder, der immer alles konnte. Er hatte immer alles im Griff und war ein fantastischer Fußballspieler. Albert war so hübsch und die Mädchen mochten ihn ausnahmslos und die kleine Scarlett war eifersüchtig auf alle. Was ist nur aus ihm geworden? Meine letzten Herzreste bluten und weinen laut in meiner Brust. Meine Finger berühren sein Gesicht und zu meinen Erstaunen sehe ich Reue und geschwisterliche Liebe in seinen Augen. Doch der Moment ist schnell vorbei.
Seine Augen und sein Gesicht werden hart und abweisend.
Wenig rücksichtsvoll zieht er mich wieder auf die Füße.
„Du wirst jetzt gehen und mich vergessen. Wir sind uns nie begegnet. Und Scarlett ...?“
Er schiebt mich wieder in den Gang und drückte mir meine Taschenlampe in die kalte Hand.
„Es tut mir leid, was ich dir angetan habe. Verzeih mir irgendwann dafür. Jetzt gehe zweimal links, dreimal rechts und nach dem langen Gang noch zweimal rechts. Dann bist du draußen.“
Ich wanke stumpf und ohne Abschiedsworte in die Finsternis. Ich habe keine Ahnung, wie ich zum Tor kam. Aber offensichtlich hatte Scarlett besser zugehört, als ich. Die Nacht ist schwül und mild, als ich mich zu erinnern versuche, wo mein Auto steht.
Habe kein Geld mehr, keinen Bruder, keine Liebe und kein Leben. An Bird habe ich die letzten Tage nie gedacht und beschließe, ihm nicht mal einen Abschiedssatz zu schicken. Dann steige ich in mein Auto und mache mich auf den Weg in mein Lieblingskaff am Rand der Welt.
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