Szenen einer Ehe

GeschichteDrama, Angst / P12
Alexandra Rietz Gerrit Grass Michael Naseband
19.12.2019
19.12.2019
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2.306
 
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19.12.2019 2.306
 
Diese Story ist uralt und ich habe sie beim Aufräumen einer alten Festplatte wiedergefunden. Zum Löschen oder nur für mich Archivieren war sie mir dann doch zu schade. Daher dachte ich, ich stell sie mal online, damit ihr sie lesen könnt.
Ich weiß, dass da noch Fehler drin sind, aber wieso soll ich die jetzt künstlich verändern. Damals habe ich halt noch Fehler gemacht, die ich heute nicht mehr machen würde. Und ich mag es zu sehen, dass ich mich verbessert habe.

Die Story spielt innerhalb der Serie. Die Charaktere sind nur Charakter und nicht die real existierenden Personen.
Geschrieben habe ich die Geschichte damals, um einfach ein wenig zum Denken anzuregen.

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Szenen einer Ehe

Die Sonne fiel durch das Fenster auf Alex Hinterkopf und Nacken. Die Strahlen wärmten ihre Haut und ihre Haare, doch von der Kommissarin ging eine innere Kälte aus, gegen die auch die Sonne nichts ausrichten konnte. Staubteilchen wirbelte hoch, als sie eine Akte schloss, sie neben sich legte und einen weiteren Hefter öffnete. Sie seufzte lautlos, ihre Finger glitten über die Tastatur, die Schmerzen in ihrem Handgelenk ignorierte sie. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm, die Daten stimmten. Gedankenverloren wischte sie sich mit dem Handrücken kurz über die Stirn.
"Zieh doch die Jacke aus, Alex", sagte Gerrit. Er saß auf der Couch und las Zeitung. Es gab nicht wirklich viel zu tun und die Aktenaufarbeitung schafften Michael und Alex gut allein.
"Nein", sagte sie und zog die dünne Stoffjacke ein wenig fester um ihren Körper. "Dann ist mir kalt."
Gerrit nickte ihr zu, zog die Schultern hoch und widmete sich wieder dem Sportteil, wo groß und breit über den Rauswurf von Jürgen Klinsmann beim FC Bayern berichtet wurde.
Alex Blick traf den von Michael. Sie lächelte ihm leicht zu und widmete sich dann wieder ihrer Arbeit. Allerdings nahm sie nicht ein Wort wahr, welches sie las. Ihr war heiß, aber die Jacke ausziehen konnte sie nicht. Denn dann würden wieder Fragen kommen und sie würde wieder lügen müssen. Und das konnte sie nicht gut. Sie fuhr sich mit den Fingern leicht über ihr Handgelenk, was gut von den langen Ärmeln verdeckt war. Durch den Stoff fühlte sie die Kälte und das Zittern ihrer Hand. Und sie fühlte die Schwellung, die sie seit heute morgen dort hatte.

Alex ertrug es nicht mehr. Die Demütigung, die Schmerzen und die Angst. Ihre Hände zitterten, der Kaffee in ihrer Tasse bildete kleine Wellen. Sie eine Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, die tief in ihr seit langer Zeit wuchs. "Ich werde am Wochenende mal zu meinem Vater fahren", sagte sie leise und beiläufig. Eigentlich hatte sie ja etwas anderes sagen wollen. Aber sie konnte nicht, die Angst vor ihm war einfach zu groß.
Die Zeitung raschelte hinter ihr. Wahrscheinlich sah er sie über den Rand hinweg an. Mit diesem Blick, den sie so fürchtete. "Wieso?" Seine Stimme klang lauernd.
"Nur so. Er hat mir eine SMS geschickt, warum ich mich so selten melde."
"Ich kann am Wochenende nicht." Jetzt klang die Stimme fast drohend.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, die Wellen in der Tasse wurden größer. "Dann fahre ich allein. Ist doch nicht so schlimm…" Im selben Moment zuckte sie zusammen.
Er hatte auf den Tisch geschlagen, dass man es zwei Stockwerke tiefer immer noch hatte hören müssen. "Du fährst sicher nicht allein. Willst ihm wohl erzählen, dass du es bei mir so schlecht hast, mm? Was für ein mieser Ehemann ich bin." Der Stuhl rutschte über den Boden, dann hörte sie seine Schritte, die sich ihr näherten. Er packte sie am Handgelenk und riss sie herum, die Tasse fiel auf den Boden. Sie sah, auf die Scherben und die Spritzer an den Möbeln. "Schau mich gefälligst an, wenn du mir sagst, dass du abhauen willst."
"Du tust mir weh", sagte sie und ging leicht in die Knie. Ihre Hand lief rot an, so fest presste er zu. "Bitte… Ich will doch gar nicht abhauen."
Er ließ ihre Hand los, schleuderte sie geradezu von sich, als wäre sie etwas Ekelhaftes was man besser nicht anfassen sollte. "Du fährst nicht, ist das klar?" Sie nickte hastig. "Gut." Damit ging er ins Badezimmer.

Die Tür ging auf, der Staatsanwalt kam herein. Kirkitadse erkundigte sich kurz über einen laufenden, wenn auch nicht sehr dringenden Fall und verschwand wieder. Der Mann war im Stress, wie immer und die Hitze zeigte ihm, dass er nicht mehr der Jüngste war. Michael stand auf und machte Kaffee. Er stellte Alex eine Tasse hin, reichte Gerrit eine weitere und setzte sich mit seiner wieder auf seinen Platz. Dann herrschte erneut Ruhe.
Alex erledigte den alten Banküberfall, schloss die Akte und packte sie auf die, die sie bereits fertig hatte. Ihr Blick fiel auf die Uhr. Es ging langsam auf Mittag zu, die Sonne hinter ihr war auch ein wenig weiter gewandert und brannte nicht mehr direkt in ihrem Nacken. Es war heiß im Büro, heiß in der Stadt. Die Menschen vermieden es, raus zu gehen und sie waren reizbar. Alle waren reizbar im Moment oder sie waren lethargisch und still. So still wie die drei Kommissare hier im Büro.
Langsam streckte sich die Kommissarin, zuckte aber im selben Moment zusammen. Ihr Blick huschte durch das Büro, doch weder Gerrit noch Michael hatten es gesehen. Gut. Die offizielle Version ihres Rippenbruchs lautete: gestolpert und auf die Sessellehne geknallt. Dass ihr Mann ihr vorher eine schallende Ohrfeige verpasst hatte, wusste niemand. Außer ihm und ihr. Zum Glück sah man nichts in ihrem Gesicht.
Ihre Gedanken glitten zurück zum Anfang ihrer Ehe. Die Hochzeit war so wunderschön gewesen. Ein Traum. Ihre Freunde und die Familien waren da. Alle hatten gelacht und getanzt. Ihr Mann hatte sie auf Händen getragen, sie mit Geschenken überhäuft. Alex war so glücklich und sie hatte an die Unvergänglichkeit dieses Glücks geglaubt. Doch irgendwann hatte sich etwas geändert. Wann und wie es begonnen hatte, wusste sie nicht mehr genau. Es war schleichend gewesen und sie hatte es nicht bemerkt. Aber sie konnte sich noch ganz genau an den Tag erinnern, als es ihr brutal vor Augen geführt worden war.

Sie hatte auf ihn gewartet. Das Essen war fertig, der Tisch war gedeckt, alles war perfekt für einen schönen Abend. Aber Unruhe schnürte ihr die Kehle zu, denn sie wusste, dass er eine miese Laune haben würde. In letzter Zeit hatte er die ständig. Die große Liebe war zwischen ihnen längst weg, Alltag herrschte und zusätzlich hatten sie beide momentan enormen Stress im Beruf. Schreien war der Hauptteil der Kommunikation zwischen ihnen gewesen, inzwischen herrschte Schweigen. Zwei Jahre heile Welt, ein Jahr ständiger Krach und jetzt…
Jetzt zuckte sie zusammen, als sie den Schlüssel hörte, der von draußen ins Schloss gesteckt wurde. Die Tür ging, er hängte die Jacke an die Garderobe. Dann kam er in die Küche. Sein Blick war finster. Kein 'Hallo', keine 'Wie geht es dir?'.
"Essen fertig?", fragte er stattdessen. Sie nickte. Er blickte in den Topf und schnupperte. "Naja. Kochen war ja nie deine Stärke."
Sie schluckte enttäuscht. Nach einer 10-Stunden-Schicht hatte sie noch zwei Stunden am Herd gestanden und für ihn gekocht und dann so ein Spruch. Doch sie wollte ihn nicht provozieren, also schwieg sie und tat ihm etwas auf.
"Du nicht?"
"Hab keinen Hunger." Zitternd wartete sie auf sein Urteil, als er einen Bissen nahm.
Es war vernichtend. "Willst du mich umbringen? Diesen Fraß kann doch keiner essen." Wütend stand er auf und warf ihr den Teller vor die Füße.
Sie schluckte erneut, spürte die Tränen in ihren Augen. "Ich habe mir solche Mühe gegeben…", hauchte sie leise.
"Nicht genug", erwiderte er und ging zur Tür.
"Dir kann man es einfach nicht mehr Recht machen."
Er blieb im Türrahmen stehen. "Halt den Mund." Seine Stimme klang leise und drohend.
Sie konnte sehen, wie er die Faust ballte und die Lippen aufeinander presste, als er sich zu ihr umdrehte. Aber sie konnte nicht mehr schweigen. In ihr hatte sich so viel angestaut, Kleinigkeiten anfangs, aber mittlerweile waren es Steine, die auf ihrer Seele lasteten. "Nein, ich halte nicht den Mund. Du benimmst dich mir gegenüber wie ein Schwein." Der Faustschlag gegen den Kiefer ließ sie taumeln und zu Boden stürzen. Ihre Hände glitten aus, sie fiel fast in den zerbrochenen Teller. Schluchzend lag sie auf dem Boden und fühlte das Blut, welches ihren Mundwinkel hinab lief. Auf dem Boden vermischte es sich mit der Soße. Langsam hob sie den Kopf und blickte in sein entsetztes Gesicht. Zitternd stand er über ihr, die Fäuste geballt, die Unterlippe zitterte. Seine Augen waren aufgerissen und er schwankte zwischen dem Drang erneut zuzuschlagen und dem Schock darüber, was er getan hatte.

Sie lehnte sich auf ihrem Bürostuhl zurück und nahm ihren Kaffee. Er war inzwischen kalt geworden. Wenn sie heute über die Situation von damals nachdachte, fragte sie sich, warum sie in diesem Moment nicht aufgestanden und gegangen war. Damals hätte sie es gekonnt, denn nach dem Schlag war er zum ersten Mal wieder richtig lieb zu ihr gewesen. Er hatte sie hochgehoben, sie verarztet und ins Bett gebracht. Er hatte die Küche geschrubbt und für sie gekocht. Tagelang hatte er sie umsorgt und gepflegt, sich unzählige Male entschuldigt und ihr geschworen, es nie wieder zu tun. Sie hatten stundenlang geredet und sich geschworen, ihre Ehe aufzupolieren. Sie wollten daran arbeiten, endlich alles besser machen.
Bei anderen Frauen hatte sie immer innerlich über deren Naivität gelacht, weil sie solchen Versprechen geglaubt hatten. Anderen Frauen hatte sie geraten, zu gehen. Aber sie selber war geblieben und sie hatte ihm geglaubt. Immer wieder hatte sie ihm geglaubt. Bis er sich irgendwann nicht mehr entschuldigt hatte.

Wo lag eigentlich das Problem in ihrer Ehe? Fühlte er sich ihr so unterlegen, dass er nur mit Gewalt sein Ego aufrecht erhalten konnte? Das war nicht möglich, er war genauso erfolgreich wie sie. War es der Altersunterschied? Eigentlich auch eher unwahrscheinlich, so groß war der nämlich nicht. Oder hatte er einfach Angst, sie zu verlieren? Das war in ihren Augen völliger Schwachsinn. Sie liebte ihn doch von ganzem Herzen. Auch jetzt noch, nach all den Schlägen im letzten Jahr. Nach all den Lügen, den sie den Kollegen hatte auftischen müssen für die Veilchen und Schrammen, den gebrochenen Arm und die angeknacksten Rippen. Sie wollte ihn nicht verlieren, wollte einfach nur, dass er wieder so wurde wie zu Beginn ihrer Ehe. Sie wusste nicht genau, warum er sich so verändert hatte und sie konnte nicht verstehen, dass sie ihn auch noch unterstützte, indem sie schwieg.
"Alex? Alles klar?" Gerrit tippte sie leicht an. Erst jetzt nahm sie wahr, dass sie nicht mehr im Büro, sondern mit ihrem Kollegen in der Kantine beim Essen saß. Die große Uhr zeigte zwei Uhr nachmittags an.
"Ja, alles klar." Sie lächelte leicht. Michael war nicht da, er hatte keinen Hunger gehabt. Und ihr ging es eigentlich genauso. Sie war nur mitgegangen, weil es hier unten kühler war als im Büro. Oder hoffte sie auf Hilfe bei ihrem Kollegen?
"Du bist ziemlich still geworden in den letzten Wochen und Monaten. Und dann die Verletzungen…" Gerrit schwankte. "Alles in Ordnung?"
"Jaja, alles okay. Uns geht es gut", versicherte sie schnell und lächelte. Er blickte sie zweifelnd an, nickte dann aber. Sie atmete erleichtert auf und gleichzeitig fühlte sie eine gewissen Enttäuschung. Er konnte ihr nicht helfen, weil er sich nicht gern in Privatangelegenheiten einmischte und weil er sie zu sehr respektierte, um ihr die Hilfe aufzuzwingen, die sie offensichtlich brauchte.
Also gingen sie nach einer Weile wieder schweigend nach oben ins Büro. Michael erkundigte sich, ob es irgendetwas Neues zu tun gab. Aber dem war nicht so, also würden sie auch noch die restlichen Stunden bis zum Feierabend mit schnöden, staubigen Akten verbringen.

Noch eine Stunde, eine halbe, zehn Minuten. Alex blickte nur noch auf die Uhr, denn gleich ging es wieder nach Hause. Alles in ihr sträubte sich dagegen. Aber gleichzeitig wusste sie auch, dass sie ihn verlieren würde, wenn sie nicht zu ihm ging. Und natürlich würde sie am Wochenende zu Hause bleiben. Eine Trennung würde endgültig sein. Wenn sie einen winzigen Schritt von ihm wegging, würde sie es schaffen, sich aufzuraffen und sich zu wehren. Aber es war dieser erste Schritt, den sie nicht gehen konnte. Zumindest nicht allein.
Michael erhob sich und ging zur Tür. Gerrit blickte Alex kurz an, wieder mit der Sorge in den Augen, die er in letzter Zeit ständig in sich trug und folgte dann seinem Freund nach draußen.
"Micha, warte mal."
Der hielt inne. "Ich muss mal… Hat das nicht eine Minute Zeit?"
"Ja… nein… nicht wirklich", stotterte der Kommissar.
"Okay. Worum geht es? Hast du ein Problem?" Fragend und ein wenig besorgt sah er Gerrit an. "Brauchst du Hilfe?"
"Ich nicht." Gerrit zögerte und blickte in Richtung der Bürotür. "Ich glaube Alex geht es nicht gut. Sie wirkt so deprimiert und traurig in letzter Zeit. Das musst du doch auch bemerkt haben."
"So… tut sie das?" Er verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Blick wurde distanzierter.
"Ja. Weißt du vielleicht, was los ist? Ich mache mir echt Sorgen um sie. Und du…"
Michael ging einen Schritt auf Gerrit zu und sah ihn ernst an. "Alex geht es gut, klar? Halt dich gefälligst von meiner Frau fern, sonst bist du derjenige, der ein Problem haben wird." Damit drehte er sich um und verschwand in Richtung der Toiletten.

Ende
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