I'm Not Made To Kiss'n'Run

GeschichteRomanze, Familie / P18
OC (Own Character) Sami Osala
19.12.2019
26.03.2020
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In den nächsten Tagen wird das Wetter zusehends herbstlich. So bleibt uns nichts anderes übrig,
als es uns drinnen gemütlich zu machen. Neben Film- und Spielnachmittagen und -abenden nutzen
Sami und die Jungs noch einmal so richtig den Pool und auch zu einem Saunagang können Jannik
und mein Mann Marcel noch überreden. Am vorletzten Tag von dessen Zeit hier in Espoo nimmt
Sami die beiden sogar mit zum Boxtraining. Vorher vergewissert er sich aber mehrmals bei mir, ob
das auch okay sei, mich schon wieder mit den Zwillingen alleine zu lassen.
     „Ich komm schon klar“, sage ich, „Wenn wir die beiden erst noch zusammen abfertigen, ehe ihr
losfahrt, schlafen sie ja.“
     Damit ist Sami beruhigt. So machen wir es dann auch. Nachdem wir die Tür vom Mumin-
Zimmer hinter uns geschlossen haben, wo Onni und Finja nun ihr Nachmittagsschläfchen halten
sollen, machen sich meine drei Männer direkt auf den Weg. Jannik ist aufgeregt und findet es
richtig spannend, gleich boxen zu lernen. Marcel ist eher etwas skeptisch. Es ist nicht so wirklich
sein Sport. Aber dennoch springt auch er gutgelaunt die Kellertreppe hinunter in die Garage.
     Kaum, dass der GLK rückwärts aus der Hofeinfahrt rausgerollt ist, habe ich das Laptop auf dem
Tisch stehen. Während es hochfährt, mache ich mir einen Kaffee. Und dann kann meine
Schreibsession auch schon beginnen. Ich liebe meine pflegeleichten Babys, die oben in ihrem
Zimmer friedlich schlafen. Wahrscheinlich habe ich dieses Gemütlichkeitsgen allen meinen Kindern
vererbt, denn auch Marcel und Jannik waren in dieser Beziehung absolut problemlos. Ich erinnere
mich nur daran, dass sie mit dem Fläschchen ein wenig speziell waren. Während ich dem einen oft
einen winzigen Schuss Olivenöl hineinmischen musste und das Pulver immer nur in Fencheltee
aufgelöst habe, musste ich uns beim anderen durch sämtliche Sorten Babynahrung testen, weil er
auf alles gespuckt hatte. Lächelnd in diese Überlegungen vertieft trinke ich meinen Kaffee aus.
Dann stelle ich die Tasse und auch meine Erinnerungen ab und mache mich über die Tastatur her.
Begleitet vom Klackern der Tasten landen meine Gedanken und Ideen Zeile um Zeile auf dem
Bildschirm. Ich habe keinen bestimmten Plan von meiner Geschichte, sondern schreibe einfach
drauflos. Da es ja ein klein wenig autobiographisch ist, kann ich mich dabei aus dem bunten Topf
meiner Vergangenheit bedienen. Dinge, die ich mit Sami zusammen erlebt habe, werden ein
bisschen verändert in die Handlung eingeflochten. Das Schöne daran ist, dass mir einige Erlebnisse
dadurch wieder ganz nahekommen, die ich fast schon vergessen oder die sich gar nicht als so
bleibend eingeprägt hatten. Ich fühle mich leicht und wie von innen heraus gewärmt, als nach und
nach eine Erinnerung nach der anderen aufploppt – wie aufsteigende Kohlensäurebläschen in der
Limonade, die an der Oberfläche dann zerspringen.
     Ich bemerke in meinem Eifer gar nicht, wie die Zeit vergeht. Erst, als ich unter meinen Füßen die
vertrauten Geräusche des elektrischen Garagentors und unseres Autos wahrnehme, schaue ich auf
die Uhr. Gute drei Stunden habe ich jetzt nichts anderes getan als geschrieben. Das sollte für heute
auch reichen. Ich speichere alles ab und fahre das Laptop runter. Gleich darauf stürzen zwei Jungs
mit roten Wangen zur Wohnzimmertür herein. Sie albern miteinander herum und sind mit den
Köpfen wohl noch in der Boxhalle.
     „Dann punch ich dir voll eine auf die Zwölf!“, droht Jannik seinem großen Bruder im Spaß.
     Als Antwort dafür fängt er sich eine leichte Kopfnuss. Jetzt erst haben sie wieder ein Auge für
mich.
     „Hallo Mama“, kommt es zweistimmig und im Kanon.
     „Hallo, ihr zwei“, lache ich, „Wie war's?“
     „Anstrengend“, stöhnt Jannik.
     „Aber cool“, ergänzt Marcel.
     „Jep“, bestätigt Sami, der gerade ebenfalls zur Tür hereinkommt, „Ich denke, die beiden hatten
ihren Spaß.“
     „Absolut“, meint der eine, „Voll!“, der andere.
     Ich sehe schmunzelnd von einem zum anderen. Am liebsten würde ich meine Arme gaaanz weit
ausbreiten und sie alle gleichzeitig knuddeln und knutschen. Aber wieso kommt mir genau in
diesem Moment die Tatsache in den Sinn, dass schon morgen um diese Zeit einer der dreien nicht
mehr hier sein wird? Mein Schmunzeln gefriert mir im Gesicht, doch ich bemühe mich, mir nichts
anmerken zu lassen. Stattdessen frage ich, ob jemand nach dieser anstrengenden und coolen
Trainingsstunde Durst oder Hunger hat.
     „Schon okay, äiti“, entgegnet Marcel und zwinkert mir zu, „Wir wissen ja alle, wo was steht.“
     Damit geht er in die Küche rüber und holt Gläser aus dem Schrank. Zärtlich und mit klopfendem
Herzen sehe ich meinem Großen nach. Äiti. Ist das ein Zeichen, dass er das finnische Wort für
Mama benutzt?
     „Jannik ist echt ein kleines Überraschungspaket“, reißt mich Samis Stimme an meiner Seite aus
meinen Gedanken, „Da denkt man, der tut kaum was anderes außer rumsitzen und Computer
zocken, aber der Kurze ist richtig fit. Gute Beinarbeit und schnelle Reaktion.“
     In gespieltem Schrecken schaue ich zu ihm auf. „Du willst ihm jetzt aber nicht ausgerechnet
Boxen schmackhaft machen? Es reicht schon, wenn ich mir um dich Sorgen machen muss.“
     Fragend sieht mich Sami an.
     „Jedesmal, wenn du zum Boxen fährst, frage ich mich, ob ich dich noch erkennen werde, wenn
du wieder nach Hause kommst“, erkläre ich und versuche, es so ernst wie möglich klingen zu
lassen.
     „Da hätte ich um seine Trainingspartner mehr Angst“, platzt Marcel dazwischen und stellt
lachend die Gläser auf den Tisch. Jannik kommt passend dazu mit zwei frischen Flaschen Wasser
aus dem Keller.
     „Hihi, ja“, macht der Kurze, „Als Beruf Schlagzeuger und als Hobby Boxer.“
     „Da ist echt richtig 'Wumms' dahinter“, stimmt Marcel zu.
     Sami grinst verlegen. „Ihr seid vielleicht albern.“
     Liebevoll lasse ich meine Arme um Samis Taille gleiten, drücke mich ganz nah an ihn und
strecke mich, um ihm einen Kuss zu geben. „Und als Berufung Masseur“, lächle ich zu ihm auf.
     „Mama!“, lacht mein ältester Sohn, „Bitte, ich will keine Bilder im Kopf!“
     Ich muss ebenfalls lachen und boxe leicht gegen seinen Arm. „Hey, du Rotzlöffel. Was denkst du
denn? Ich meine das wirklich ganz normal.“
     „Okay“, gibt er sich geschlagen, „Und warum erfahre ich das jetzt erst? Vielleicht hätte er mir ja
in der Zeit hier so nach und nach meine Kopfschmerzen wegmassieren können.“
     „Was für Kopfschmerzen?“, frage ich sofort im besorgten Mama-Modus, „ Und warum erfahre
ich das jetzt erst?“
     „Ist schon fast normal für mich“, wehrt mein Großer schulterzuckend ab.
     Sami mischt sich ein und sieht ihn ernst an. „Das ist ganz und gar nicht normal, Marcel. In
deinem Alter kannte ich Kopfschmerzen noch gar nicht.“ Und augenzwinkernd fügt er hinzu
„Außer, wenn ich zu viel gesoffen hatte.“
     Ich knuffe ihn in die Seite. „Sami! Er ist gerade mal dreizehn!“
     Mein Mann und mein Sohn werfen sich einen komischen und vielsagenden Blick zu, den ich jetzt
lieber unkommentiert lasse. Ich will es gar nicht wissen. Stattdessen setzen wir uns nun an den
Tisch und überlegen uns, wie wir diesen letzten gemeinsamen Abend verbringen wollen.
Zwischendrin greift Sami das Thema Kopfschmerzen aber nochmal auf. Marcel erzählt, dass er die
schon länger hätte. Nicht dauernd, aber oft, und Schmerzmittel würden ihn nicht helfen, wenn er
denn mal eines einnähme.
     „Ist dir dabei auch übel oder bist du lichtempfindlich?“, bohrt Sami weiter.
     Als mein Sohn dies verneint, will Sami noch wissen, wo genau der Schmerz sitzt und wie er sich
äußert. Marcel versucht, es ihm so genau wie möglich zu schildern.
     „Das klingt nach einem Spannungskopfschmerz“, überlegt mein Mann, „Wenn du willst, taste ich
gerne mal deinen Nacken und deine Schultern nach Verhärtungen ab.“
     In ersten Moment scheint mein Sohn ein wenig zu zögern, ehe er dann meint „Das kannst du ja
mal machen.“
     Damit ist ein Punkt der Abendgestaltung schon geklärt. Während ich mit Jannik ein bisschen
Finnisch lerne und mit seiner Hilfe ein weiteres Mal die Zwillinge versorge, ziehen sich die beiden
Männer zurück. Marcel wollte das lieber ungestört mit Sami klären als hier vor unser aller Augen.
Heranwachsender Teenager eben. Aber ich bin mehr als froh darüber, dass Marcel mittlerweile
solches Vertrauen in Sami gefasst hat. Er hatte diese Sache zwischen seiner Mama und dem Finnen
ja anfangs eher kritisch betrachtet, was ja auch sein gutes Recht war und auch noch ist. Doch
irgendwie haben es die beiden geschafft, aufeinander zuzugehen und eine gute Basis zu finden.
     Nun haben wir sie schon über eine Stunde nicht mehr zu Gesicht bekommen, sondern nur hin und
wieder Schritte im Hausflur und auf der Treppe gehört. Aber seit einer ganzen Weile ist es ruhig.
     „Soll ich mal nach ihnen gucken?“, fragt mich Jannik, als die Wohnzimmertür aufgeht und beide
hereinkommen. Marcel kreist zufrieden lächelnd mit den Schultern.
     „Okay, Mama“, sagt er, „Du hattest recht.“
     Erwartungsvoll sehe ich die zwei an.
     „Wie ich vermutet hatte“, meint Sami, „Sein Nacken und die Schultern sind total verspannt. Das
kommt aber eher noch vom Rücken her. Der tut ihm nämlich auch öfter weh. Ich tippe mal auf das
lange und falsche Sitzen in der Schule. Marcel ist der Kindergröße eindeutig entwachsen. Die
sollten in der Schule echt mal auf entsprechende Bestuhlung achten. Für viele sind die einfach zu
klein. Kein Wunder, dass da Rückenprobleme auftauchen.“
     Er scheint sich wirklich darüber aufzuregen. Seine Stimme wird beim Reden immer ein bisschen
lauter und sein Blick ist ärgerlich.
     „Aber im Moment fühle ich mich wie auf Drogen“, grinst Marcel und lässt sich neben mich auf
das Sofa fallen.
     „Hey, woher weißt du, wie man sich da fühlt?“, frage ich und sehe ihn mit gespieltem Entsetzen
an. Ich bin mir zu tausend Prozent sicher, dass er damit noch nicht herumexperimentiert hat,
geschweige denn, es jemals tun würde.
     „Mein Kopf fühlt sich an wie ein Luftballon, der mit Helium gefüllt ist“, sagt er, „Ich muss
aufpassen, dass ich nicht abhebe. Sami kann echt gut massieren.“
     Dieser lacht nur. „Das ist ganz normal. Aber das lässt auch wieder nach. Ich hoffe aber, dass es
mit den Kopfschmerzen besser wird. Du solltest dir Massagen verordnen lassen und irgendwas für
den Rücken tun.“
     Ich kann kaum beschreiben, was dabei gerade in mir vorgeht. Ich bin gerührt, stolz und glücklich
zugleich. Schön, wie Sami sich Gedanken macht, um Marcel zu helfen, und wie Marcel dies auch
annimmt. Als ich im selben Moment aber noch ein wenig weiterdenke, bekomme ich einen bitteren
Beigeschmack. Ich suche nach behutsamen Worten, um auf dem dünnen Eis, auf das ich mich
begeben muss, nicht einzubrechen.
     „Ich nehme an, dass du mit deinem Papa schon darüber gesprochen hast?“, frage ich vorsichtig.
     „Ja“, antwortet mein Sohn, „Er hat gemeint, ich soll erstmal eine halbe Aspirin nehmen. Und
wegen den Rückenschmerzen hat er mich zum Doktor geschickt.“
     Ich ahne schon, was jetzt kommt. Der Hausarzt ist nicht nämlich nicht nur Allgemeinmediziner
und Facharzt für Innere Medizin, sondern auch für Naturheilkunde und Chiropraktiker.
     „Der hat gemeint, es wären Wachstumsbeschwerden und hat mich dann eingerenkt“, kommt es
auch prompt.
     „Waaas???“, braust Sami zu meiner linken auf und fährt aus dem Polster hoch, „Nicht dein Ernst,
oder?“
     „Doch, schon dreimal jetzt“, entgegnet Marcel.
     Kopfschüttelnd versuche ich, ruhig durchzuatmen. Sami hingegen ist von so einem Versuch weit
entfernt.
     „Der hat sie nicht alle“, schimpft er, „An einem 13jährigen im Wachstum herumreißen... Hat er
denn nicht mal vorher gecheckt, wie du gehst, stehst und sitzt? Oder deine Wirbelsäule abgetastet?“
     „Nö“, kommt es kleinlaut.
     „Aarrgh“, knurrt Sami weiter und fährt sich durch die Haare. Ich kann sehen, wie seine Kiefer
mahlen und die Zahnrädchen hinter seiner Stirn heißlaufen, aber er sagt erst einmal nichts weiter.
     „Lass das nicht mehr mit dir machen“, rät er Marcel nach einem Augenblick.
     „Du solltest nochmal mit Papa reden. Der muss einen Termin bei einem Orthopäden für dich
machen“, präzisiere ich, „Und das mit den Massagen und dem Sport müsst ihr auch in Angriff
nehmen.“
     Marcel seufzt. „Oh je...“
     „Was 'oh je'?“, hake ich nach, „Du wirst nicht drumrum kommen.“
     „Das meine ich auch nicht“, erwidert mein Sohn, „Aber wenn ich Papa sage, dass ihr mir das
geraten habt oder vielmehr Sami...“
     Ich weiß nicht, ob er überhaupt nach Worten sucht, um diesen Satz zu Ende zu bringen. Deshalb
übernehme ich das. „...dann soll er sein Telefon in die Hand nehmen und direkt mit mir reden, ehe
er dich zusammenfaltet! Dann falte ich nämlich!“
     Überrascht von meiner Kampflust schaut mich Marcel mit großen Augen an, dann breitet sich ein
Schmunzeln auf seinem Gesicht aus.
     „Alter?! Mama, was geht denn mit dir ab?“, fragt er.
     Jannik, der sich den Fernseher angemacht und unsere Unterhaltung mit einem Ohr mitgehört
hatte, hebt den Kopf. „Das ist die kalte Nordluft“, erklärt er seinem Bruder, „Mama mutiert zum
Wikinger. Dann ist sie immer mal auf Krawall gebürstet.“
     Lachend werfe ich ihm ein Kissen zu. „Pass bloß auf! Das willst du gar nicht erleben, wenn ich
wirklich mal auf Krawall gebürstet bin!“
     „Friede, um Himmels Willen“, lacht Sami und springt vom Sofa auf. Auf dem Weg in die Küche
fragt er „Pizza oder Chinese?“
     „Pizza!“, rufen meine Söhne einstimmig. Mir ist es egal, ich schließe mich der Mehrheit an. Also
bestellt Sami für jeden seine Lieblingspizza, die wir uns wenig später schmecken lassen. Danach
zaubert er noch einen Film aus der „Fast&Furious“-Reihe aus dem Hut oder eher auf den
Bildschirm und wir lümmeln uns dazu mit Chips, Erdnüssen, Gummibärchen, Schokolade, Cola
und Rotwein bewaffnet auf dem Sofa.
     Das Frühstück am nächsten Morgen findet in einer etwas seltsamen Stimmung statt. Wir lachen,
machen unsere Späße miteinander und genießen die Zeit. Trotzdem ist auch eine Traurigkeit zu
spüren, die wir aber alle so gut es geht zu ignorieren versuchen. Und leider gehen diese letzten
gemeinsamen Stunden viel zu schnell vorbei. Wir haben die Zwillinge gerade soweit fertig für ihr
Mittagsschläfchen, als Mirja und Nea rüberkommen. Ich hatte unsere beiden Nachbarinnen gebeten,
das Babyfon zu bewachen, solange wir Marcel zum Flughafen bringen und verabschieden. Diesmal
möchte Sami nämlich mitfahren. Das heißt, eigentlich möchte er wohl besser gesagt fahren, weil er
sich in meinem emotionalen Zustand Sorgen um meine Fahrtüchtigkeit macht. Ich wehre mich auch
gar nicht dagegen, sondern bin ihm im Stillen dankbar dafür. Er kennt mich einfach gut genug.
     Und außerdem, so habe ich den Eindruck, möchte auch er meinen Großen gar nicht gerne gehen
lassen, und den Abschied noch ein wenig hinauszögern. Die beiden haben sich auf eine ganz
unauffällige Weise angefreundet. Irgendwie. Ein schleichender Prozess von Höflichkeit und
Zurückhaltung bei den ersten Aufeinandertreffen bis hin zu dem lockeren, fröhlichen und
respektvollem Umgang heute.
     Während die beiden Marcels Gepäck in den Keller tragen und im Kofferraum des GLK
verstauen, erkläre ich Mirja und Nea, wo sie was finden.
     „Mach dich nicht so verrückt“, lächelt Mirja, „Ich bin doch nicht zu ersten Mal hier. Und es sind
ja auch nur zwei, höchstens drei Stunden.“
     Sie hat natürlich recht. Und in dieser Zeit werden die beiden Mumins wahrscheinlich sowieso
schlafen. Mirja war tatsächlich schon einige Male auf einen Kaffee hier, während die Zwillinge
versorgt werden mussten. Auch dabei ist sie mir dann schon zur Hand gegangen, wenn Sami mal
nicht zu Hause war, hat das Mischen der Flasche oder auch das Füttern des einen Kindes
übernommen, während ich mit dem anderen beschäftigt war. Und das Wechseln der Windeln würde
sie sicher auch noch hinbekommen, auch wenn Nea schon einige Jahre aus diesem Alter heraus ist.
Und diese ist ja immerhin auch zur Verstärkung dabei.
     „Verabschiedet euch in aller Ruhe“, sagt sie aufmunternd, „Trinkt noch einen Kaffee oder
irgendwas zusammen, ehe dein Junge zum Boarding muss.“
     „Er wird ja abgeholt“, entgegne ich, „Wir haben ja den Begleitservice für ihn gebucht.“
     „Das ist gut, dass es sowas gibt“, meint Nea, „Alleine würde ich auch nicht fliegen wollen.“
     Dann kommt Sami herein und sagt, dass es Zeit wird loszufahren. Ich ziehe meine Schuhe und
meine Jacke an und folge meinen drei Männern, die schon fix und fertig sind, zum Auto.
     Die etwa halbstündige Fahrt verläuft wechselnd. Entweder sind die beiden Jungs auf der
Rückbank dabei, sich gegenseitig aufzuziehen und zu lachen, oder sie sind stumm und schweigsam
wie Fische. Ich weiß auch nicht wirklich was ich sagen soll. Nur ab und an wende ich mich mit
kurzen Kommentaren oder Fragen nach hinten. Und auch Sami wirkt sehr ruhig und konzentriert
sich sehr auf den Verkehr. Freitagnachmittags ist schon einiges los auf den Stadtautobahnen von
Helsinki. Viele Berufspendler, die die Woche über hier wohnen, fahren aufs Land zu ihren Familien,
oder Familien fahren aus der Stadt noch einmal in ihre Mökkis, um dort das Wochenende zu
verbringen, ehe der Winter hereinbricht.
     Trotzdem erreichen wir zeitig den Flughafen und beherzigen Mirjas Rat, setzen uns zu Starbucks
und gönnen uns noch einen Kaffee oder Kakao mit Heidelbeer-Muffins oder Käsekuchen. Natürlich
kommt dabei das Gespräch auch auf die nächsten bevorstehenden Ferien.
     „Das ist schwierig“, seufzt Marcel, „Natürlich wäre es toll, mit euch Weihnachten zu feiern. Aber
genauso natürlich möchte ich auch gerne mit Papa, Oma und Opa und all den anderen feiern. Und
auch mit Opa Horst und Oma Inge, Natalie, Ronan und Quentin.“
     „Dann mach das doch“, sagt Sami, „Feiere erst Weihnachten in Deutschland und danach kommst
du her und feierst mit uns. Und wenn die Weihnachtsfeiertage dann halt schon rum sind, macht es
auch nichts. Wir verlegen sie einfach ein bisschen nach hinten.“
     „Bei all dem Schnee und dem Lichterzauber, der hier dann überall noch herrscht, fällt das gar
nicht auf, das Weihnachten eigentlich schon rum ist“, füge ich mit einem Lächeln hinzu und
erinnere mich an letztes Jahr, als ich mit Sami zuerst in Seinäjoki, dann im Mökki und zum Schluss
wieder zurück in Espoo war, wo man auch mitten im Januar noch denken konnte, dass jeden
Moment der Weihnachtsmann um die Ecke kommen könnte.
     „Juhuu!“, freut sich auch Jannik, „Zweimal Weihnachten feiern!“
     Dann wird er jedoch mit einem Schlag ernst und sieht mit gesenkten Lidern auf die Tischplatte.
„Mit Opa und Oma würde ich auch gerne wieder Weihnachten feiern...“
     Sofort spüre ich den Kloß in meinem Hals und atme tief durch. Das ist wohl doch nicht alles ganz
so einfach. Und manche Dinge sind tatsächlich noch komplizierter, als ich vor meinem Umzug
hierher gedacht hatte. Oder an die ich dabei gar nicht gedacht hatte...
     Es ist Sami, der diese Situation rettet. Unter dem Tisch spüre ich seine Hand auf meinem Bein,
warm und beruhigend.
     „Bis Weihnachten ist ja noch ein bisschen Zeit“, sagt er und bemüht sich, beiden Jungs gerecht zu
werden, „Also, zwar nicht mehr allzu viel, aber uns wird bis dahin schon was einfallen.“
     Und wie immer vertraue ich seinen Worten. Aber auch meine Söhne scheinen beruhigt.


     ~ Samis Sicht ~
     Langsam wird es Zeit. In einer guten Viertelstunde sind wir am Infostand mit der Flugbegleiterin
verabredet, die von da an ein Auge auf ihn haben wird. Meine harja bemüht sich um Haltung und
Fröhlichkeit, aber ich kenne sie besser. Als ich sie und die Jungs sanft aufrüttele, nehme ich ihre
Hand in meine und drücke sie leicht. Aber auch mir fällt es nicht leicht. Die letzten beiden Wochen
waren so harmonisch und das Zusammenleben fühlte sich so selbstverständlich an, dass wohl wir
alle uns irgendwie daran gewöhnt hatten.
     Der Abschied fällt dann auch entsprechend emotional aus. Lange umarmen sich Tanja und
Marcel, die Tränen fließen und das Versprechen auf ein baldiges Wiedersehen kommt nur erstickt
aus ihren Kehlen. Ich habe meinen Arm um Jannik gelegt und schiebe ihn leicht zu den beiden.
Dann lege ich meine Hände auf Tanjas und Marcels Schulter. Ich denke, sie haben sich jetzt genug
gequält. Und die Stewardess steht mit einem geduldigen Lächeln etwas abseits, aber langsam wird
sie unruhig.
     Ich drücke den Großen ein letztes Mal an mich und wünsche ihm einen guten Flug.
     „Bis Weihnachten“, verabschieden wir uns mit einem festen Händedruck.
     „Es war richtig schön bei euch“, fügt der Junge noch hinzu und sieht mich aufrichtig an. Er ist
fast so groß wie ich, fällt mir dabei auf.
     „Freut mich“, nicke ich.
     Dann müssen wir ihn endgültig gehen lassen. Wir bleiben aber noch stehen, bis die Maschine
abgehoben hat. Jannik und Tanja sind still, als wir zum Auto zurückgehen. Ich halte wieder ihre
Hand und sie hat ihren Arm um Janniks Schultern gelegt.
     Wieder zu Hause sitzen wir noch einen Moment mit Mirja und Nea zusammen. Die Ablenkung
dieses Gesprächs tut uns gut. Als dann auch die Zwillinge aufwachen und ihre Routine einfordern,
sind wir dann wieder mit beiden Beinen auf dem alltäglichen Boden angekommen. Und auch, wenn
wir jetzt beide wieder zur Verfügung stehen, lassen es sich unsere beiden Nachbarinnen nicht
nehmen, uns doch tatkräftig mit den Fläschchen und beim Füttern zu helfen. Dabei bieten sie sich
an, wieder jederzeit gerne als Babysitter einzuspringen, was wir ebenso gerne annehmen und
versprechen, uns zu melden. Aber auch ohne Aufpasserauftrag sind sie natürlich herzlich
willkommen, was besonders Nea erleichtert aufnimmt. Irgendwie fühlt sie sich immer noch
mitverantwortlich an diesem Foto-Fiasko mit ihrer deutschen Facebook-Bekanntschaft.
     Danach gehen die beiden nach Hause und wir ziehen Finja und Onni an, packen sie in den Wagen
und gehen eine Runde spazieren. Wie meistens zieht es uns zum Hafen hinunter. Nicht nur Tanja
und ich, auch Jannik liebt das Wasser, die Wellen und die Schiffe. Und natürlich auch die gute
Seeluft. Mit aufgefrischten und ausgelüfteten Gedanken schlendern wir gemächlich nach Hause.
     Am Abend skypen wir mit Marcel, der gut daheim angekommen ist. Aber er wirkt ein wenig
bedrückt.
     „Naja, so ganz wieder angekommen bin ich noch nicht“, meint er ausweichend, als seine Mama
ihn darauf anspricht.
     „Okay“, entgegnet sie zögernd, doch genauso wie sie spüre auch ich, dass das – wenn überhaupt
– nur die halbe Wahrheit ist. Ich kann mir aber denken, dass er – ebenfalls wenn überhaupt – eher
mit seiner Mutter alleine darüber sprechen möchte.
     „Oh, ich glaube, Onni macht Rabatz“, sage ich und stehe auf, „Ich sehe mal nach. Marcel, falls
ich nicht gleich zurückkomme, sag ich schonmal 'moi moi'.“
     „Moi moi“, lacht Marcel in die Kameralinse und hebt zum Gruß die Hand.
     Natürlich hat weder Onni noch Finja einen Laut von sich gegeben, was auch Tanja bemerkt hat.
Mit fragend gerunzelter Stirn sieht sie mich an, sagt aber nichts. Dennoch bleibe ich nicht in der
Nähe des Laptops, sondern setze mich rüber auf das Sofa und beschäftige mich mit meinen
Büchern. Ganz ausblenden kann ich das Gespräch zwischen den beiden aber doch nicht. Während
ich Marcels Stimme kaum verstehen kann, sind Tanjas Antworten aber gut zu hören.
     „Ach, Mensch.“ „Mach dir keinen Kopf deswegen.“ „Vielleicht immer nur hier und da mal eine
kleine Dosis pro Tag.“
     Jetzt runzle ich die Stirn und wüsste doch gerne, worum es geht. Ich werde mich wohl gedulden
müssen und meine harja später danach fragen. Als Tanja den Platz vor dem Bildschirm für Jannik
freimacht, damit auch er noch ein kurzes Gespräch mit seinem Bruder führen kann, kommt sie zu
mir. Ohne, dass ich auch nur ein Wort sage, lässt sie sich mit einem Seufzer an meine Seite fallen.
     „Sein Vater ist muffelig“, meint sie, „Marcel wollte ein bisschen zu erzählen anfangen, da hat er
wohl sofort abgeblockt und gesagt, dass ihn das nicht interessiert.“
     „Idiot“, sage ich kopfschüttelnd, „Es geht doch nicht um ihn und dich oder um dich und mich,
sondern um seinen Sohn! Um seine Eindrücke und Erlebnisse.“
     Ich bin wirklich ärgerlich darüber. Wie kann man nur so engstirnig und ignorant sein?
     „Tja...“, macht Tanja und lehnt ihren Kopf an meine Schulter.
     Ich klappe mein Buch zu und lege es bei Seite. Dann nehme ich meine harja in den Arm und
reibe meine Nase über ihre Haare. Ein bisschen Schweigen und Nähe hilft ihr gerade weiter als
irgendwelche Worte. Ich wüsste sowieso nicht, was ich sagen sollte. Ober ich müsste mich schon
sehr beherrschen, um nicht irgendwelche Kraftausdrücke zu gebrauchen. Tief atme ich ein. Hmmm,
es riecht nach roten Äpfeln. Immer wieder mal wechselt meine Frau ihr Shampoo. Meist stehen
zwei oder drei verschiedene in der Dusche herum. Während auf meiner Ablage des Duschregals nur
zwei Flaschen herumstehen, ist es auf ihrer richtig voll. Allerdings muss ich fairerweise sagen, dass
es auf der Ablage über dem Waschbecken umgekehrt ist.
     Was mache ich mir hier eigentlich für Gedanken? Still in mich hineinlachend, schnaube ich einen
Atemstoß in Tanjas Haar. Sie löst ihren Kopf von meiner Schulter und schaut fragend zu mir auf.
     „Alles klar?“
     Ich lächle sie an und lege meine Hand unter ihr Kinn. „Alles klar“, antworte ich, ehe ich ihr einen
liebevollen Kuss gebe.
     Auch den Rest des Abends und über das ganze Wochenende bekommt sie meine unauffällige
Aufmerksamkeit. Das heißt, ich bin einfach da, helfe ihr, wo ich kann, und verwöhne sie ein
bisschen mit kleinen Nettigkeiten wie ihr morgens einen Kaffee ans Bett zu bringen oder eine kleine
Fuß- oder Nackenmassage zwischendurch. Sie lässt es sich nicht anmerken, aber ich weiß, dass es
in ihr arbeitet. Zuerst einmal der Abschied von Marcel, nachdem er sich in den Ferien so toll in
unser Zusammenleben eingefügt hat, und dann auch noch der Ärger über ihren Exmann. Sie sorgt
sich um ihren Großen.
     Und dann steht auch direkt am Montagmorgen die Untersuchung der Zwillinge im Krankenhaus
an. Sicher, sie haben sich in unseren Augen prächtig entwickelt. Sie sind gewachsen und haben
stetig zugenommen, reagieren auf ihre Umwelt und haben einen ganz normalen Appetit sowie
Schlaf- und Wachrhythmus, soweit wir das beurteilen können. Aber Objektivität ist nunmal nicht
Elternsache. Und trotz allem guten Anscheins ist da immer noch ein Rest Ungewissheit.
     Am liebsten würde ich uns beiden am Sonntagabend das ganz große Verwöhnpaket verordnen.
Schwimmen im Pool, drei Saunagänge mit entsprechenden Ruhezeiten, einer ausgiebigen
Ganzkörpermassage, ein duftendes Schaumbad, etwas Feines zu Trinken und zu Essen und ein
krönender Abschluss im Bett... Aber über die Hälfte dieser Dinge sind für meine Liebste noch tabu.
     Und so kommt der Montag. Wir nehmen auch Jannik mit in die Klinik. Mirja hat zwar angeboten,
dass er gerne zu ihnen rüberkommen könnte, doch das wollte er nicht, weil er seinen
Finnischkenntnissen noch nicht traut. Dabei sind die gar nicht schlecht, wie ich ihm immer wieder
bestätige. Er hat eindeutig das Sprachtalent und -gefühl seiner Mutter geerbt.
     Also warten wir auf unsere behandelnde Ärztin. Eine Schwester hat uns bereits in ein gut
aufgewärmtes Untersuchungszimmer geführt, das mit freundlichen Farben und kindgerechten
Motiven gar nicht aussieht wie ein solches, und uns gebeten, Onni und Finja schonmal bis auf die
Windel auszuziehen. Jannik assistiert uns unaufgefordert dabei und legt die Kleidungsstücke seiner
Geschwister ordentlich auf zwei kleine Stapel, obenauf je eine frische Windel, die er aus unserer
Wickeltasche nimmt.
     Kurz darauf kommt auch schon die Ärztin, begrüßt uns freundlich und stellt uns Fragen über die
Ess- und Schlafgewohnheiten der Zwillinge, ihr Reaktionsvermögen, Größe und Gewicht – obwohl
sie dies gleich beides selbst noch überprüfen wird – und die Verdauung. All das, was wir als völlig
unauffällig beurteilen. Während wir reden, hört sie die Herzschläge ab, tastet über die Wirbelsäule
und die Gelenke, macht Reaktionstests und zieht das ganze Programm durch. Dabei wirkt sie sehr
zufrieden, was sie zwischendurch auch immer wieder bestätigt. Und von Mal zu Mal fallen Tanja
und mir ein paar mehr Steinchen vom Herzen. Es ist alles in Ordnung, unsere Mumins sind
kerngesund und entwickeln sich völlig normal.
     „Ich denke, bis sie laufen können, wird man kaum noch merken, dass sie acht Wochen zu früh
geboren wurden“, sagt die Ärztin zum Abschluss mit einem aufmunternden Lächeln,
„Allerspätestens jedoch bis zu ihrem zweiten Geburtstag.“
     Überglücklich mit diesem Ergebnis und mit ein paar medizinischen Anweisungen bezüglich der
Medikamente für Finja packen wir die beiden wieder in ihre warmen Anzüge und verlassen die
Klinik, natürlich nicht ohne den Termin für die nächste Nachsorge, die aber erst in einem Monat
sein wird.
     Erleichtert hängen wir schließlich noch einen kleinen Stadtbummel an diesen Termin an. Dafür
haben wir in weiser Voraussicht extra den Kinderwagen ins Auto gepackt, womit der Kofferraum
auch ziemlich ausgefüllt ist. Aber irgendwie werden wir schon noch alles unterbringen können. Die
Kinder brauchen neue Klamotten, die Zwillinge als auch Jannik. Der Winter steht unmittelbar
bevor, jeden Tag könnte der erste Schnee fallen, und warme Pullover und Jacken, Mützen und
Schals werden unentbehrlich. Auch Tanja bitte ich, sich eine neue Winterjacke zu kaufen. Zuerst
wehrt sie ab und meint, sie passe in ihre alte schon wieder rein. Dann aber kann ich sie dazu
überreden, einen schlichten, dunkelblauen Parka mit einem hellbraunen Fellrand an der Kapuze
wenigstens einmal anzuprobieren. Sie tut es widerwillig, weil sie ahnt, dass das rotweiße Wappen
auf dem oberen Ärmel an der Kasse ordentlich zu Buche schlagen wird, doch er steht ihr
ausgesprochen gut, was auch Jannik ihr bestätigt. Also fackele ich nicht lange und gehe bezahlen.
     Hier macht sich der Kinderwagen dann wiederum wirklich nützlich. Keiner muss Tüten tragen.
Und so schieben wir unser vollbeladenes Monstrum zurück zum Auto und machen uns auf den
Heimweg.
     Und als hätte ich es bestellt, fängt es auch tatsächlich zwei Tage später an zu schneien. Ungläubig
steht Jannik im Wintergarten und schaut hinaus.
     „Das ist Winter in Finnland“, sage ich, als ich zu ihm gehe. Eigentlich hatte ich es mir auf dem
Sofa bequem gemacht und ein wenig gelesen, aber dann hat mich der überraschte Ausruf des
Kurzen – was er ja eigentlich gar nicht mehr ist und trotzdem aber doch immer bleiben wird –
neugierig gemacht. Schnell hat der die Tür vom Wohnzimmer zum Wintergarten aufgeschoben und
sich mitten in den gläsernen Anbau gestellt, den Kopf in alle Richtungen gedreht und dabei einfach
nur noch gestaunt. Richtig dicke Flocken fallen über uns auf das Dach. Und auf dem Rasen bleiben
sie sogar gleich liegen.
     „Wenn es in Deutschland zum ersten Mal schneit, dann ist das meist nur so'n Fisselzeug, das
gleich wegschmilzt. Und wenn es ein bisschen mehr schneit, dann wird es Matsch“, erzählt er.
     „So ist das halt im Heimatland vom Weihnachtsmann“, entgegne ich mit einem Lächeln.
Natürlich weiß ich, dass er aus dem Alter raus ist, aber schön ist der Gedanke trotzdem. „Da braucht
es halt richtigen Schnee und nicht 'so'n Fisselzeug'“, übernehme ich seine Wortwahl.
     „Die armen Rentiere!“, versucht Jannik, mich zu veralbern, „Wie machen die das dann?“
     „Wenn es wirklich zu doll schneit am Weihnachtsabend, lässt der Weihnachtsmann sie natürlich
im warmen Stall“, spinne ich zurück und ernte einen entsetzten Blick. Dann werden seine Augen
groß und glänzig und seine Unterlippe beginnt zu zittern.
     „Aber... aber...“, stammelt er.
     Ich kann kaum ernst bleiben. Für einen noch nicht einmal Elfjährigen hat er ein unglaubliches
Talent für Ironie. Oder Schauspielerei. Er sollte unbedingt in die Schul-Theatergruppe eintreten.
     „Dann kommt der Weihnachtsmann mit seinem Pistenbully“, sage ich, „Der ist genauso schnell.
Der wird nämlich nicht mit Diesel betankt, sondern mit Raketentreibstoff.“
     Hinter uns höre ich Tanjas Lachen und drehe mich um. Kopfschüttelnd steht sie an den
Türrahmen gelehnt und grinst zu uns herüber.
     „Ihr seid der Knaller“, meint sie und kommt auf uns zu. Sie legt ihre Hand auf Janniks Schulter
und ihren Kopf gegen meine Schulter und schaut ebenfalls nach oben.
     „Da bekomme ich schon richtig Lust, die Weihnachtsdeko rauszuholen“, seufzt sie.
     „Weihnachtsdeko?“, wiederhole ich und kratze mich dabei am Kopf. So wirklich hatte ich damit
noch nie etwas am Hut. Das heißt, ich finde es schon schön, wenn überall Kerzen und Lichter
brennen und kleine Figürchen mich überall daran erinnern, dass das Fest nicht mehr weit ist. Aber
ich musste mich bisher noch nie selbst darum kümmern...
     „Ich fürchte, damit bin ich nicht so gut bestückt“, grüble ich und sehe sie an.
     In ihren Augen funkelt es verdächtig. Fest presst sie ihre Lippen aufeinander, um nicht
loszulachen, aber ihre Mundwinkel zucken.
     „Oh Mann!“, stöhne ich, als mir auffällt, was ich da gerade gesagt habe. Und was meine kleine
Raupe Nimmersatt da assoziiert. Schließlich müssen wir beide lachen.
     „Hallo? Hier ist ein Minderjähriger im Raum!“, wirft Jannik ein.
     „...der aber scheinbar alt genug ist, solche Zweideutigkeiten zu verstehen“, kontert Tanja.
     Meine Arme um die beiden gelegt, schiebe ich sie ins Wohnzimmer zurück und dann in Richtung
Küche. Zeit fürs Abendessen, um das wir uns zusammen kümmern, während unsere beiden Mumins
noch schlafen.
     In den nächsten Tagen scheint sich der Winter tatsächlich einrichten zu wollen. Es ist kalt und
ungemütlich und immer wieder schneit es über einen längeren Zeitraum hinweg. Unser Garten
gleich schon einem Winterwunderland, das sich aus dem beheizten Wintergarten heraus wunderbar
genießen lässt. Immer wieder drehen Jannik und ich regelmäßig unsere Bahnen im Pool, wenn das
bei mir auch etwas mit einem schlechten Gewissen einhergeht. Ich weiß, wie gerne meine harja
auch wieder ins Wasser möchte. Aber vielleicht kann sie das schon sehr bald. In gut einer Woche hat
sie ihren Nachsorgetermin bei Dr. Tarkkonen, der darüber entscheidet, was meine Liebste sich dann
schon zumuten darf und was nicht. Und ganz ehrlich gesagt, ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich
nicht vielleicht aufgeregter bin deshalb als sie. Ich meine, ich bin zwar schon einmal ein halbes Jahr
ohne Sex ausgekommen – okay, ohne Sex mit einer zweiten Person, aber das zählt nicht wirklich –
aber das war auch unter anderen Vorzeichen. Ich liebe und ich will meine Frau. Ich will sie spüren
und verwöhnen, ich will sie unter mir und auf mir. Ich will mit ihr schlafen und sie fi...
     Oh, Mann! Schluss damit!
     Ich werde wohl besser noch einen Augenblick im Pool bleiben. Ich drehe mich auf den Bauch,
verschränke meine Unterarme auf dem Beckenrand und stütze mein Kinn darauf ab. Sie sitzt mit
dem Laptop auf den Knien auf dem kleinen Sofa und scheint ganz vertieft in ihre Arbeit. Es brennt  
mir unter den Nägeln, zu wissen, was sie schreibt, aber ich habe mich noch nicht getraut, sie zu
fragen. Es ist ihr Ding. Auch – oder gerade – in einer guten Beziehung braucht jeder etwas für sich.
Ich habe mein Boxtraining und sie eben das Schreiben.
     ~~~  


     Über den Rand des aufgeklappten Monitors schaue ich zu Sami rüber. Er wirkt ganz in seine
Gedanken versunken, wie er da so am Beckenrand hängt und die Beine von sich streckt. Sein Kinn
ruht auf seinem Arm und in seinem Bart glitzern Wassertropfen. Die nassen Haare hat er sich nach
hinten gestreift, doch eine Strähne fällt ihm ins Gesicht. Fast reicht sie bis an seinen Mund. Sie ist
leicht gewellt und beinahe hellblond. Die grünen Augen sind irgendwohin gerichtet, nicht auf einen
bestimmten Ort, eher auf einen Zeitpunkt, über den er gerade nachdenkt. Vergangenheit? Zukunft?
     Das kann ich nicht deuten. Aber er sieht dabei unglaublich gut aus, mein karhu. Sehr sexy. Wie
gerne würde ich jetzt einfach zu ihm ins Wasser gleiten, in seine Arme, und mich an seine nasse,
breite Brust drücken.
     Bis gerade eben habe ich geschrieben. Das heißt, eigentlich schreibt sich meine Geschichte von
ganz alleine. Sie braucht dazu nur meine Finger, die sie mit konsequentem Geklacker sanft in die
Tastatur hämmert. Und das Ausbleiben eben dieses Geklackers reißt mich plötzlich aus meinen
Gedanken und macht mir bewusst, dass ich wohl gerade genauso versunken vor mich hingestarrt
haben muss wie mein wundervoller Ehemann.
     Mit einem versonnenen Lächeln im Gesicht fange ich wieder an zu schreiben. Und auch Sami
scheint mit einem Mal wieder im Hier und Jetzt zu sein. Ich höre das Wasser schwappen und als ich
aufsehe, steigt er über die Treppe aus dem Pool heraus.
     „Na, genug für heute?“, frage ich, während er nach einem Handtuch greift, um sich
abzutrocknen.
     „Ja, nicht, dass mir noch Schwimmhäute wachsen“, lächelt er zurück. Dann kommt er zu mir
herüber. Sein Anblick in der bayrisch animierten Badehose lässt mich eines Teils schmunzeln,
anderen Teils aber muss ich gestehen, dass er darin irgendwie scharf aussieht. Aber in welchen
Sachen tut er das eigentlich nicht? Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass die Badehose
nicht allzu viel von seinem scharfen Körper verbirgt.
     Oh, Gott, Tanja! Wäre ich ein Mann, würde ich Samenstau diagnostizieren. Was ist nur los? Ich
erinnere mich daran, dass ich, nachdem meine beiden Großen geboren waren, nicht einen Gedanken
an Zweisamkeit, geschweige denn Intimitäten gehabt hätte.
     Sami legt das Handtuch neben mich auf das Polster, setzt sich darauf und sieht mir einen
Augenblick lang schweigend zu. Beinahe kommt es mir so vor, als brenne er darauf zu wissen, was
ich denn schreibe. Aber er fragt nicht. Allerdings kann ich mich unter solch unmittelbarer
Beobachtung nicht auf mein Tun konzentrieren. Ich tippe noch auf Speichern, nehme daraufhin
meine Finger wieder von der Tastatur, sehe Sami an und schiebe ihm das Laptop auf die Beine.
Dann stehe ich auf und drücke meinem etwas verdutzt dreinschauenden Finnen einen Kuss auf die
Schläfe.
     „Ich hole mir was zu Trinken“, sage ich, „Möchtest du auch was?“
     „Was?“, fragt er wie aufgerüttelt, „Ach so, ja. Gerne.“
     Damit lasse ich ihn mit meiner Geschichte im Wintergarten zurück. Meine beiden Protagonisten,
Svenja und Tapio, unternehmen gerade einen Tagesausflug mit der Fähre nach Tallin. Tapio hatte
seine Angebetete spontan zu einem Kurzbesuch in seine Heimat eingeladen und nun möchte er ihr
natürlich auch etwas davon zeigen. Sie stehen gerade an Deck eines Schiffes der Tallink Silja und
lassen sich den Wind und den Geruch der Ostsee um die Nase wehen.
     Ich stehe derweil in der Küche und gieße mir ein Glas Wasser ein. Dabei schwelge ich in meinen
entsprechenden persönlichen Erinnerungen. Mein erstes Mal in Finnland und Samis tolle Ideen als
Reiseführer. Das tolle Fischessen am ersten Abend, den Ausflug nach Turku in das
Handwerksmuseum, mein erster Abend im Navy Jerry's. Und die schönen Momente in seiner
Wohnung, die leckeren Essen unter der Schlagzeuglampe, die ja jetzt in Janniks Zimmer hängt, die
heißen Spielchen in der kleinen Sauna und der Ausblick in den Sternenhimmel über seinem Bett.
Irgendwie werde ich all das in die Geschichte einbringen, zwar ebenso detail-, jedoch nur nicht
ganz so originalgetreu. Was letztendlich mit dieser Geschichte werden soll, weiß ich noch nicht. Ob
ich sie nur für die Schublade aufschreibe oder sie tatsächlich in irgendeiner Form publik mache.
     Ganz in meine Überlegungen verstrickt habe ich das Glas ausgetrunken. Ich fülle es mir noch
einmal auf und hole für Sami ein Bier aus dem Kühlschrank. Damit gehe ich dann wieder zurück in
den Wintergarten, wo Sami noch immer mit dem Laptop auf dem Schoß dasitzt, die Augen
konzentriert auf den Bildschirm geheftet, den linken Zeigefinger auf dem Touchpad. Ein
entspannter Ausdruck liegt auf seinem Gesicht. Es ist kein Lächeln, eher ein inneres Leuchten.
Auch er scheint gerade in seinen Erinnerungen zu wandeln, und es scheint ihm zu gefallen.
     Wortlos lächelnd setze ich mich wieder zu ihm und reiche ihm das Bier. Beinahe erschrickt er
darüber, so vertieft ist er wohl gewesen. Mit einem kurzen Seitenblick auf das Laptop stelle ich fest,
dass er ein großes Stück weit zurückgescrollt hat.
     „Das ist toll“, sagt er und greift nach der Flasche.
     Ich gehe mal davon aus, dass er damit nicht das Bier meint. „Findest du?“
     „Ja“, ist die kurze und aufrichtige Antwort, dann trinkt er einen Schluck. „Hm, Bier. Danke.
Genau das richtige Getränk jetzt.“
     Er lächelt, beugt sich zu mir rüber und gibt mir einen Kuss. Dann schiebt er mir das Laptop
wieder zu und meint noch einmal „Das ist wirklich sehr schön geschrieben. So... so plastisch. Ich
fühle mich direkt zurückversetzt.“ Jetzt grinst er. „Aber wie kommst du ausgerechnet auf Tapio
Juhani?“
     „Hat sich mir irgendwie so aufgedrängt“, schmunzle ich zurück.
     „Du hättest ihn ja auch Ilkka Aleksi nennen können“, schlägt mir Sami nicht ganz so
ernstgemeint vor.
     „Ilkka Aleksi...“, wiederhole ich und lasse mir den Klang der beiden Namen auf der Zunge
zergehen, „Das werde ich mir für meinen nächsten Roman merken.“
     Wir lachen herzlich darüber und damit ist meine Schreibzeit für heute endgültig beendet. Ich
fahre mein Arbeitsgerät herunter und stelle es auf den kleinen Couchtisch. An seine nackte Brust
gekuschelt schwelgen Sami und ich daraufhin noch eine Weile gemeinsam in unseren Erinnerungen.
Gegenseitig rufen wir uns die schönen Momente unserer gemeinsamen Vergangenheit wieder ins
Gedächtnis. Aber auch die weniger schönen. Missverständnisse und Streits, die unsere Beziehung
letztlich nur gestärkt und zu dem gemacht haben, was sie heute ist.
     Für ein letztes Mal an diesem Tag verlangen nun unsere Mumins nach ihren Flaschen. Also lösen
wir uns aus unserer zärtlich-vertrauten Stimmung und erledigen unsere Elternpflicht. Das läuft
inzwischen sehr routiniert und organisiert ab, aber deshalb nicht weniger liebevoll. Während wir die
beiden in unseren Armen halten und füttern, reden wir leise mit ihnen, oder besser gesagt auf sie
ein, streicheln mit den Fingern über ihre kleinen Hände und erfreuen uns einfach an ihrem süßen
Anblick. Ein bisschen scheinen sie sich schon verändert zu haben. Ihre Gesichtszüge wirken
irgendwie definierter. Finjas Näschen wirkt ein wenig zarter, schmaler und stupsiger als Onnis,
gleicht in der Form ein wenig mehr der Nase ihres Vaters. Dafür ist ihre Stirn runder und die
Wangen schmaler. Onni hingegen, den ich auf dem Arm habe und der gerade nach meinem von der
Flasche weggestreckten Finger greift, hat 1:1 Samis Hände, nur eben einige Nummern kleiner. Aber
die Länge der Finger, die flache, breite Daumenkuppe und auch die Form der Nägel sind
naturgetreu kopiert. Schon jetzt versuche ich mir vorzustellen, wie die beiden in fünf, zehn oder gar
zwanzig Jahren wohl aussehen werden.
     Wahrscheinlich liegt es am vorherigen Schwelgen in unserer gemeinsamen Geschichte, warum
mir ausgerechnet jetzt wieder der fürchterliche Streit einfällt, nachdem ich Sami von meiner
Schwangerschaft erzählt hatte. Ich hatte ihm damals angeboten, einen Vaterschaftstest zu machen,
sobald die Kinder geboren seien. Er hatte ihn abgelehnt. Ob ihm jedoch Zweifel geblieben waren,
weiß ich bis heute nicht. Ob er eventuell noch heute Zweifel haben sollte, weiß ich ebenso wenig.
Ich weiß nur, dass er die beiden abgöttisch liebt, dass er im Umgang mit ihnen – außer, dass es
Säuglinge mit entsprechenden Bedürfnissen sind – aber keinen Unterschied zu meinen beiden
Großen macht.
     Schnell versuche ich jedoch, diese Gedanken wieder bei Seite zu schieben. Das ist purer Unsinn,
schimpfe ich mich selbst im Stillen.
     Nach dem Füttern tauschen wir die Kinder. Sami übernimmt Onni, hält ihn an seine Schulter und
klopft ihm sanft auf den Rücken, bis die zu viel eingesaugte Luft hörbar entweicht, während ich
dasselbe bei Finja tue. Dann beschäftigen wir die beiden noch ein Weilchen, wiegen sie auf unseren
Beinen und in unseren Armen, reden und halten ihnen kleine Stofftiere hin, nach denen sie greifen
und die sie befühlen und drücken können. Dabei nutzt Onni auch gleich die Gelegenheit, uns einen
Grund für eine frische Windel zu geben. Finja bekommt natürlich auch eine, auch wenn sie uns
keine duftenden Argumente liefert. Als die beiden für die Nacht wieder in ihren Betten liegen,
schaue ich noch einmal kurz bei Jannik ins Zimmer. Er schläft schon tief und fest, und das, obwohl
Ferien sind. Er hatte sich nach dem Schwimmen und dem Abendessen in sein Zimmer
zurückgezogen, um ein bisschen am Computer zu spielen oder leise Gitarre zu üben.
Zwischendurch kam er dann schon im Schlafanzug runter, um uns eine gute Nacht zu wünschen.
     Leise schließe ich auch hier die Tür und gehe ins Schlafzimmer, wo sich Sami schon in die Decke
eingewühlt hat. Ich schlüpfe an seine Seite. Seine Augen sind geschlossen.
     „Schläfst du schon?“, frage ich vorsichtig.
     Er lächelt und öffnet die Augen. „Nein.“
     Dann legt er seinen Arm über meine Taille und zieht mich an sich. Gemütlich nestle ich mich an
seine Brust und hauche auch gleich einen zarten Kuss darauf.
     „Hmmm...“, schnurrt er zufrieden, dass es an meinen Lippen kitzelt.
     Ich lächle und fahre einfach fort in meinem Tun. Samis Finger spielen derweil in meinen Haaren,
während seine andere Hand meinen Arm auf- und abstreichelt, den ich quer über seinen Bauch
gelegt habe. Nächste Woche habe ich den Termin zur Nachuntersuchung bei meiner Frauenärztin.
Ich hoffe, dass das Ergebnis mehr als nur zufriedenstellend ausfällt und sie grünes Licht gibt. Ich
sehne mich nicht nur nach meinem Mann, sonder auch ganz lapidar nach einem heißen,
entspannenden Schaumbad, einer Sitzung in unserer Sauna oder ein paar Runden im Pool.
Eigentlich sehe ich schon jetzt alles recht optimistisch, denn dank Samis tatkräftiger Unterstützung
mit den Kindern und auch im Haushalt konnte ich mich wirklich gut schonen und die Wunde heilen
lassen.
     Durch den Austausch unserer kleinen Zärtlichkeiten werden wir träge und müde, wünschen uns
einfach nur noch liebevoll eine gute Nacht und kuscheln uns in Löffelchenstellung in die Decke.
Erst am frühen Morgen, als das Babyfon die ersten Laute von sich gibt, wache ich auf. Zuerst fällt
mein Blick routinemäßig und zufrieden auf den Wecker. Onni und Finja schlafen nachts schon so
gut wie durch. Ein klein wenig mehr als sechs Stunden, da kann ich wirklich nicht klagen. Auch
tagsüber hat sich ihr Rhythmus ein wenig verlängert, von vier auf etwa fünf Stunden. Beide
bekommen jetzt auch schon etwas mehr in ihr Fläschchen, und besonders Onni trinkt es auch recht
zügig und immer komplett aus. Finja hingegen braucht meist etwas länger und gelegentlich bleibt
auch noch ein kleiner Rest übrig, aber nicht so, dass wir uns darüber Sorgen machen müssten. Beide
sind schon gewachsen und haben auch ganz normgerecht an Gewicht zugelegt.
     Leise schleiche ich mich, nachdem ich den Empfänger ausgeschaltet und mir etwas übergezogen
habe, aus dem Zimmer, um nach den beiden zu sehen. Finja zuckt zusammen, als ich das Licht
anknipse, und streckt ihre Ärmchen in die Luft, so, als wüsste sie schon ganz genau, dass sie jetzt
gleich aus ihrem Bettchen genommen wird.
     „Guten Morgen, meine kleine Maus“, sage ich, pelle sie aus dem Schlafsack und hebe sie hoch,
„Da habt ihr beide schon wieder ausgeschlafen? Na komm, wir sehen mal nach deinem Bruder.“
     Mit ihr auf dem Arm drehe ich mich zu Onni um. Auch er ist schon wach, quengelt leise vor sich
hin und strampelt mit der noch verlangsamten Motorik eines Säuglings mit Armen und Beinen.
     „Hei, kleiner Drummer. Guten Morgen“, begrüße ich auch ihn, „Willst du etwa schon
ungemütlich werden?“
     Als er meine Stimme hört, hält er kurz inne, macht aber dann weiter. Ich lege sein Schwesterchen
neben ihn, solange ich auch ihn aus dem Schlafsack befreie. Dann nehme ich mit einem speziellen
Trick, den mir Sami gezeigt hat, beide Kinder wieder auf meine Arme und trage sie nach unten.
Gesichert mit einem Wall aus Kissen lege ich sie auf dem Sofa ab und gehe in die Küche, um die
beiden Flaschen fertig zu machen. Onnis Quengeln entwickelt sich langsam aber sicher zu einem
Motzen und steckt Finja damit an. Das sind dann die eher seltenen Momente, wo ich doch gerne
noch einen zweiten Flaschenwärmer hätte, aber da müssen wir eben durch. Kurz darauf kehre ich
mit dem Frühstück für die beiden hungrigen Mäulchen ins Wohnzimmer zurück und baue mich mit
Kissen und Kuscheldecken so ein, dass ich beide gleichzeitig füttern kann. Inzwischen haben Sami
und ich auch darin eine gewisse Übung. Meist übernehmen wir die Aufgabe ja gemeinsam, aber
morgens darf auch gerne mal einer ausschlafen. Dabei ist dann einfach eine ausgeklügelte
Vorbereitung unumgänglich, aber es ist durchaus machbar.
     Inzwischen haben wir auch in einer Ecke auf dem Boden eine dicke Krabbeldecke ausgebreitet,
auf der die beiden dann noch eine Weile liegen können, solange sie wach sind. Und nicht selten
liegt einer von uns anderen drei dabei, um die Kleinen zu beschäftigen und bei Laune zu halten.
     Und gerade, als ich sie dort hingelegt habe, kommt auch Sami nur mit T-Shirt und Boxer ins
Wohnzimmer geschlurft.
     „Guten Morgen“, brummt er und kratzt sich. Warum gibt es an einem Männerkörper eigentlich
immer nur zwei Stellen, die jucken? Eine davon scheint der Kopf zu sein, an der anderen hat Sami
gerade seine Finger.
     „Guten Morgen“, lächle ich und gehe auf ihn zu, „Kann ich dir vielleicht behilflich sein?“
     Schmunzelnd lege ich meine Hand auf seine und strecke mich an ihm empor, um einen Kuss auf
seine stoppelige Wange zu drücken.
     „Mit einem Kaffee ganz bestimmt“, meint er. Dann räuspert er sich und seine Stimme wird
langsam wacher und klarer. „Ich hab die beiden gar nicht gehört. Bist du klargekommen?“
     Ich löse mich von ihm und mache mich ein zweites Mal auf den Weg in die Küche, um meine
Lieben oder in diesem Fall meinen Liebsten mit dem Wichtigsten zu versorgen.
     „Natürlich“, sage ich dabei, „Das klappt schon.“
     Sami kommt mir hinterher und lehnt im Türrahmen, während ich an der Kaffeemaschine stehe
und warte, bis sie die beiden Tassen darunter gefüllt hat. Dann nehme ich sie weg, wende mich
meinem so verdammt sexy aussehenden Mann zu und reiche ihm eine davon.
     „Danke, du bist die Beste“, sagt er und schiebt den anderen Arm um meine Taille. Nachdem er
einen ersten, großen Schluck getrunken hat, beugt er sich über mich und küsst mich. Ich kann gar
nicht anders, als in seinem Bart zu kraulen, liebe einfach dieses zarte, kratzige Gefühl und die
Gänsehaut, die es mir immer wieder beschert.
     „Für dich immer, mein karhu“, säusele ich zurück. „Hast du Lust auf Frühstück? Es sind noch ein
paar pullat im Gefrierschrank. Die kann ich eben schnell aufbacken.“
     „Das klingt guuuut“, schnurrt mein Mann und meint, dass er währenddessen ebenso schnell unter
die Dusche springen würde. Aber nicht, ohne zuvor noch nach seinen Kindern zu sehen, die
friedlich auf ihrer Decke nebeneinander liegen und mit ihren Armen und Beinen rudern. Dabei
geben sie kleine, niedliche Laute von sich, die scheinbar nur sie verstehen können, denn es hat den
Anschein, als ob sie sich so unterhalten würden. Sami hockt neben der Decke, hält seine Hände
über die beiden, die sofort nach seinen Fingern greifen, und redet sanft mit.
     „Hei, ihr zwei kleinen Räuber“, sagt er, „Geht's euch gut, ja? Hat die Mama alles richtig
gemacht?“
     Kurz macht er eine Pause, als würde er auf eine Antwort warten. Dann lacht er leise auf und fährt
fort „Ganz sicher hat sie das. Sie kann das nämlich, weil sie die tollste Mama der Welt ist. Und der
Papa muss jetzt duschen, weil er nämlich der müffeligste Papa der Welt ist.“
     Damit richtet er sich auf und lässt die beiden sich weiter in ihrer Babysprache unterhalten.
     „Bis gleich, Schatz“, ruft er mir noch kurz in die Küche hinein, wo ich gerade die Brötchen auf
den Ofenrost lege, und geht dann wieder nach oben.
     Als er frisch geduscht, gut riechend und top gestylt mit Zöpfchen wieder runterkommt, ist auch
der Frühstücktisch fertig und einladend gedeckt. Ich habe sogar noch ein paar Eier gekocht und
etwas Wurst und Käse auf einem Teller hübsch angerichtet und mit Tomatenspalten und
Gurkenscheiben verziert. Selbst frischer Kaffee dampft schon wieder in den Tassen.
     Wir lassen es uns schmecken und haben dabei immer ein Auge hinüber auf die Krabbeldecke.
Mit der Zeit werden die Bewegungen der beiden langsamer und träger.
     „Vielleicht sollten wir erstmal eine Runde Windeln ausgeben, ehe sie uns da einschlafen“, meint
Sami, stupst mich an und zeigt mit dem Messer in Richtung Mumins. Ich folge seinem Blick und
muss ihm recht geben. Beide wehren sich zwar gegen ihre schwer gewordenen Lider, aber den
Kampf werden sie schnell verlieren. Also bringen wir sie nach oben, versorgen sie und legen sie in
ihre Bettchen, was Onni wohl nur noch so am Rande und Finja eher gar nicht mehr mitbekommt.
     Dafür hat aber Jannik ausgeschlafen. Gerade, als Sami die Tür zum Mumin-Zimmer hinter uns
schließt, kommt er aus seinem Zimmer heraus.
     „Guten Morgen“, sagt er dabei ganz automatisch leise.
     Ich muss schmunzeln und erwidere es in ganz normaler Lautstärke.
„Du brauchst nicht immer extra leise sein. Außerdem sind sie uns schon auf der Wickelkommode
eingeschlafen“, füge ich erklärend hinzu.
     Wieder unten, setzt sich auch Jannik zu uns an den Tisch und greift beherzt zu. Er liebt diese
kleinen, weichen Brötchen. Besonders, seit wir sie selbst backen. Vor einigen Wochen hat nämlich
der Bäcker, übrigens auch ein deutscher Einwanderer, ein paar Straßen weiter seinen Laden
geschlossen, weil er keinen Nachfolger gefunden hat. Mit weit über 60 wollte er nun aber endgültig
nicht mehr in aller Frühe in der Backstube stehen müssen und hat sich schweren Herzens zu diesem
Schritt durchgerungen. Und da diese Industrieware aus den Lebensmittelmärkten nicht wirklich
genießbar ist, backen wir nun immer mal wieder einen ganzen Schwung pullat und frieren sie ein.
     Zum Nachtisch gönnen wir uns dann noch einen Joghurt und räumen anschließend den Tisch ab.
Sami verabschiedet sich zum Boxen und nimmt Jannik gleich mit, als dieser fragt, ob er denn auch
irgendwann mal wieder boxen darf. Lächelnd sehe ich meinen beiden Bären hinterher, dem großen
und dem kleinen, als sie die Kellertreppe nach unten springen. Ich bin wirklich so unglaublich froh
und dankbar, dass alles so ist wie es ist. Dass meine Söhne sich mit Sami verstehen und umgekehrt,
dass es mit den Zwillingen so gut läuft und dass einfach alles passt.
     In dieser entspannten Stimmung räume ich zuerst noch ein wenig auf und kümmere mich um die
angefallene Wäsche, dann belohne ich mich mit einer weiteren kleinen Schreibsitzung. Inzwischen
ist meine Geschichte schon ordentlich gewachsen. Ich lese noch einmal über mein zuletzt
Geschriebenes, korrigiere kleine Tippfehler, stelle den einen oder anderen Satz noch einmal um
oder füge noch etwas ein. Bis wieder Leben ins Haus kommt, habe ich schon wieder ein paar Seiten
geschrieben.
     Jannik und Sami sind kaum richtig zur Tür herein, als auch das Babyfon anschlägt. Während ich
das Laptop ausschalte, schwirrt mein Sohn schon in die Küche und hantiert mit den Fläschchen, und
Sami begleitet mich nach einem kleinen Küsschen zur Begrüßung nach oben.
     „Da kommen wir ja wie auf Bestellung“, meint er lächelnd und streichelt über meinen Rücken
und meinen Po, als ich vor ihm die Treppe hinaufgehe.
     Lachend greife ich nach seiner Hand. „Ja, im Auf-Bestellung-kommen bist du unschlagbar“,
zwinkere ich ihm über meine Schulter hinweg zu.
     Jetzt muss auch Sami lachen. „Na, warte bloß ab! Deine Schonzeit ist bald vorbei.“
     Auf der obersten Stufe angekommen, bleibe ich stehen und drehe ich mich zu ihm um. Soviel
Zeit muss jetzt einfach sein, auch wenn Onni und Finja inzwischen auch ohne Babyfon deutlich zu
hören sind. Ich lege meine Arme um Samis Hals und küsse ihn. Eigentlich sollte nur ein lieb
gemeinter Schmatzer sein, doch als meine Lippen die seinen berühren und diese den Druck sanft
erwidern, wird eine kleine, zärtliche Spielerei daraus.
     „Ich kann's kaum erwarten“, schnurre ich in diesen Kuss hinein.
     „Hmhm...“, brummelt Sami aus den Tiefen seiner massigen Brust.
     Ich liebe dieses Geräusch. Und diese Brust. Aber jetzt muss ich mich erst mal wieder
zusammennehmen, denn da war ja was. Im Zimmer der Zwillinge hängt ein herber Geruch in der
Luft. Sami geht zu Onni, ich zu Finja. Wir nehmen die beiden aus ihren Bettchen heraus. Na toll, da
habe ich jetzt wohl das große Los gezogen.
     „Hihi“, grinst Sami frech zu mir herüber, dann wendet er sich an seinen Sohn, „Die Frauen mal
wieder... Komm, wir sind mal so nett und holen ihnen die Waschschüssel, bevor du deine Flasche
kriegst.“
     Onni hört sofort auf zu quengeln, als er die Stimme seines Vaters hört, und wendet ihm sein
Gesicht zu. Sami streichelt mit dem Finger über die kleine, rosige Wange. Ich habe unterdessen
Finja schon auf die Wickelkommode gelegt und öffne ihren Strampler. Immer noch mit Onni
redend, bringt Sami die Schüssel mit frischem Wasser und einen Waschhandschuh und stellt sie
neben die Kommode auf das kleine Regal. Dann legt er mir noch eine frische Windel dazu und
haucht mir noch ein Küsschen auf die Wange.
     „Wir Männer gehen dann schon mal einen trinken“, meint er schmunzelnd.
     „Macht das“, gebe ich amüsiert zurück und widme mich meiner Scheiß-Arbeit.
     Wenig später sitze auch ich, bewaffnet mit der Flasche, auf dem Sofa neben Sami und Onni.
Jannik hat sich ebenfalls zu uns gesellt und schaut uns zu.
     „Willst du auch mal?“, fragt ihn Sami, „Du bist inzwischen so ein prima Babybarkeeper, da
kannst du doch sicher auch füttern.“
     Abwehrend hebt Jannik die Hände. „Nee, lass mal“, lacht er, „Beim Flaschenmixen kann ich
nichts falsch machen, das ist ja alles schon vorbereitet. Aber das trau ich mich nicht. Ich hab ein
bisschen Angst, wenn sie sich verschlucken oder so.“
     Sami lächelt. „Okay“, akzeptiert er und versucht gar nicht erst, ihn zu überreden.
     Das ist eine weitere Eigenschaft, die ich an meinem Finnen so liebe. Er kann ein 'Nein'
annehmen, ohne ewig danach noch zu sticheln. Da gibt es jemanden in unserem engsten
Freundeskreis, der dies zum Beispiel nicht kann. Wieso ich gerade jetzt auf diesen Vergleich
komme, weiß ich allerdings selber nicht. Manchmal habe ich – oder hat man – halt einfach solch
unerklärbaren Gedankensprünge.
     Nach dem Füttern gehen wir rüber in den Wintergarten. Jannik nimmt die Krabbeldecke und
breitet sie dort neben dem Sofa auf dem Boden aus. Dann verschwindet er zurück ins Haus und
kommt kurz darauf in seiner Badehose und mit einem Handtuch wieder. Sami tut es ihm gleich.
Während die beiden sich im Pool austoben, mache ich es mir mit einem Übungsbuch und meinem
Handy samt Ohrhörern auf dem Sofa bequem und lerne ein bisschen Finnisch. Dabei habe ich
natürlich auf immer wieder ein Auge auf die Zwillinge, die sich ganz offensichtlich wohlfühlen.
     Ehe ich mich wieder in meine nächste Lektion vertiefe, lasse ich meinen Blick umherschweifen.
In den letzten Tagen hat es immer wieder mal geschneit. Das verleiht dem Wintergarten eine ganz
besondere Atmosphäre, die ich sehr liebe. Es ist warm und heimelig hier drin, der beleuchtete Pool
und die verschieden platzierten Lampen verbreiten ein angenehmes Licht und erleuchten den in eine
weiße Schneedecke gehüllten Garten. Mit einem kleinen, glücklichen Seufzer schaue ich in mein
Lehrbuch und höre mir die entsprechenden Passagen dazu an.