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GeschichteAllgemein / P16
18.12.2019
18.12.2019
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Dieses Projekt ist Beitrag zum Wettbewerb "Arenabegegnungen"

In dieser Runde konnte aus drei Aufgaben gewählt werden. Ich habe mich für die dritte Aufgabe entschieden:


Aufgabe 3:
Jahr: 60. Hungerspiele
Arena: Es gibt mehrere Arenen in einem Jahr, die zumindest am Anfang voneinander getrennt sind, aber regeltechnisch zu einem System zusammengeflochten werden. Eine von ihnen enthält ein Merkmal, das in Runde 1 oder 2 bereits als Aufgabe im Wettbewerb vorkam.
Tribute: Beide Tribute haben eine spezifische Gemeinsamkeit, die sie verbindet.
Beziehung: Seitenwechsel. Jemand verhasstes wird zu einem Freund oder ein Freund wird zu jemandem verhassten. Dieser Umschwung darf keine Enthüllung sein, sondern muss aktiv in der Geschichte geschehen.
Thema: In der Arena ist ein Kuss von Bedeutung. Es muss kein Mundkuss sein und wie er seinen Platz findet, bleibt euch überlassen.

Link: https://forum.fanfiktion.de/t/64706/5#jump6826251
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Ein weiterer Tag war vergangen.
Wieder war er niemandem begegnet.
Schnell schritt er in Richtung Füllhorn. Er wollte dort sein, noch ehe die Sonne ganz hinter den Silhouetten der Ruinen verschwunden war. Er hatte keine Lust, durch die Dunkelheit zu irren.

Generell hatte er keine Lust mehr auf diese Arena. Als er sich gemeldet hatte, hätte er nie erwartet, wie langweilig es in den Spielen doch sein konnte. Er hatte sich alle 59. vorherihen Hungerspiele angesehen und nie hatte es so eintönig gewirkt. Seitdem er es geschafft hatte, die restlichen Karrieros zu verlieren und diese abends nicht zum Füllhorn zurückgekehrt waren, war er keiner Menschenseele mehr begegnet.

Das war jetzt drei Tage her. Und seitdem ging ihm diese Arena gehörig auf die Nerven. Er ging jeden Tag auf die Jagd, doch er begegnete niemanden. Er hatte auch seit Tagen keinen Kanonenschuss mehr gehört. Wie konnte das sein? Was war los? Und musste es die Kapitoler nicht langweilen? Wieso trieben die Spielmacher die Tribute nicht zu ihm? Diese Arena musste doch absolut langweilig sein.

Ok, dass seine Arena eine Ruinenstadt war, war ziemlich cool und am Anfang hatte Aurum sich wirklich darüber gefreut. Er hatte allerdings erwartet, auf mehr Gegner zu treffen und nicht sein gesamtes Bündnis an einem Tag zu verlieren. Noch immer hatte er keine Ahnung, was mit ihnen passiert war. Wiedergefunden hatte er sie nicht. Was bei der Größe der Arena wirklich seltsam war. Ganz genau erinnerte er sich an den Tag. Er war nur mal kurz pinkeln gegangen und als er ihnen hatte folgen wollen, waren sie einfach spurlos verschwunden. Kein Zeichen mehr von ihnen.
Aurum hatte damit gerechnet, sie abends am Füllhorn wieder zu treffen, doch niemand war gekommen.

Seine Gedanken kehrten zurück in die Gegenwart, als er zwischen den zerstörten Gebäuden, die vor allem in Füllhornnähe nur noch aus niedrigen Mauern bestanden, sein Ziel erblicken konnte. Seine Schritte beschleunigten sich. Wenigstens gab es dort etwas zu Essen. Und zu Trinken. Trotzdem wäre er noch immer allein. So wie schon seit Tagen. Es war einfach schrecklich langweilig und einsam. Er hatte es noch nie gemocht, allein zu sein. Er traute sich kaum zu schlafen. Was wäre, wenn in der Nacht andere Tribute vorbeikämen und ihn umbrachten? Aber wirklich eine Wahl hatte er da auch nicht. Man musste schlafen. Und auch tagsüber quälte es ihn. Er hatte keine Person, mit der er seine Pläne besprechen konnte, niemanden, der ihm sagte, dass er etwas gut oder auch scheiße gemacht hatte.

Aurum trat zwischen den Gebäuden hervor und gelangte auf den Platz, in dessen Mitte sich das Füllhorn befand.

Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht, als er seine Heimat, seit etwa fünf Tagen, erblickte.

Das Füllhorn war ein Zeichen der Sicherheit und Geborgenheit geworden. Auch wenn Aurum das niemals zugeben würde. Er war ein Karriero. Karrieros brauchten so einen Schwachsinn nicht. Karrieros waren stark. Trotzdem fühlte es sich gut an jeden Abend hierher zurückzukommen.

Er beeilte sich, den Ort zu erreichen, hielt jedoch inne, als er ein Geräusch vernahm.

Sofort schrillten sämtliche Alarmglocken in seinem Kopf und instinktiv griff er seinen Speer fester. Mit wachen Augen scannte er seine Umgebung, ohne sich zu regen und wartete darauf, dass der Ursprung des Lautes sich zeigte.

Vielleicht eine Mutation? Ein Tribut? Eigentlich war es Aurum egal, solange es nur endlich irgendwas zu tun gäbe, was die ständige Langeweile vertreiben konnte.

Das Geräusch ertönte erneut. Es kam eindeutig vom Füllhorn.

Vorsichtig machte Aurum einen Schritt darauf zu und hob seine Waffe angriffsbereit.

Eine Gestalt trat hinter dem Füllhorn hervor. Sie hob die Hände nach oben, in einer davon befand sich ein Messer.

Es war eindeutig eine weibliche Person. Mehr konnte Aurum nicht erkennen, da sie gegen das Licht der untergehenden Sonne stand.

„Aurum?“, die Stimme klang fragend, während die Person ihre Hände wieder sinken ließ und einen Schritt auf ihn zumachte.

Diese Stimme. Er kannte sie. Das war Ruby! Seine Distriktparterin!

„Aurum!“, wiederholte sie, diesmal sicherer, Freude schwang in ihrer Stimme mit. Dann rannte sie auf ihn zu und zog ihn in eine stürmische Umarmung, welche er erwiderte. Dann schob er sie von sich, um sie zu betrachten.

Sie sah anders aus als noch im Kapitol. Ihr Haar war strähnig und kürzer, ihre helle Kleidung, die ganz anders aussah, als seine, war von getrocknetem Blut und Dreck übersäht und ihre Gesichtszüge wirkten anders. Er konnte es nicht genau beschreiben. Aber etwas war anders.

„Wo warst du?“, brachte Aurum dann hervor, sein Kopf suchte krampfhaft nach einer Erklärung, wo Ruby herkam. Sie war nie beim Karrierobündnis gewesen, obwohl sie im Kapitol gemeinsam trainiert hatten. Er hatte sie nicht mehr gesehen, seitdem das Hovercraft sie in die Arena geflogen hatte.

Wo war sie nur die ganze Zeit gewesen? War das eine Falle? Eigentlich vertraute er Ruby. Sie waren auf die gleiche Schule gegangen, er ein Jahr über ihr, und q war ein offenes Geheimnis, dass sie in ihn verliebt war. Sie würde ihn wohl kaum angreifen.

„In einer anderen Arena“, antwortete Ruby ihm, was Aurum das Gesicht verziehen ließ. Was bitte sollte das denn bedeuten?

„Willst du mich verarschen?“

Ruby schüttelte den Kopf.
„Warst du bis jetzt nur hier?“, fragte sie dann und klang überrascht.

„Nein, ich war schon  überall in dieser bescheuerten Arena!“, knurrte er und deutete mit dem Speer auf die Umgebung.

„Es gibt dieses Jahr mehrere Arenen“, erklärte Ruby dann, „mindestens zwei. Ist dir gar nicht aufgefallen, dass ihr am Anfang viel weniger Tribute am Füllhorn wart?“

Aurum schüttelte den Kopf.

„Nein. Da hatte ich damit zu tun, einen Speer im Füllhorn zu finden. Und wieso sollten wir weniger gewesen sein? Und warum sollte es zwei Arenen geben? Das ist Schwachsinn. Es gibt immer nur eine Arena. Warum sollte es anders sein? Das wäre doch langweilig!“

Aber Aurum hatte dennoch das Gefühl, dass Ruby rechthaben könnte. Die Arena hier war winzig. Und dass er seit Tagen auf keine anderen Tribute mehr getroffen war, sprach nicht gerade dagegen.

„Wie viele Tribute hast du denn hier schon gesehen?“, wollte Ruby dann auch schon wissen.

„Und wie sah deine Arena bitte aus?“, wollte Aurum genervt wissen.

„Mein Füllhorn war auf einer Insel. Ich war die einzige Karriera dort. Gestern habe ich einen anderen Tribut beobachtet, der durch eine Bergwand verschwunden ist, als ich ihn verfolgt habe. Als ich dort ankam, befand sich dort wo er verschwunden ist ein Rätsel in der Wand.“

Aurum verdrehte die Augen, als sie die Rätsel erwähnte. Von denen hatte er auch schon einige gesehen und einen weiten Bogen außen rum gemacht. Er hasste Denkaufgaben. Das hier war die Arena, da sollte man anderen Leuten den Kopf abhacken und nicht irgendwelche Rätsel lösen.

„Die Antwort auf das Rätsel war Blut. Also habe ich etwas an die Wand geschmiert und dann hat sich ein Durchgang geöffnet. Und dann war ich hier.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Also bringen einen diese Rätsel in die andere Arena?“

Aurum fand, dass das alles andere als glaubwürdig klang. Warum sollten die Spielmacher sich sowas ausdenken? Rätsel waren langweilig. Aber andererseits warum sollte Ruby sich das ausdenken?

Sie nickte.

„Klasse, dann sollten wir eins suchen, hier sind keine Tribute, ich bin seit Ewigkeiten niemandem mehr begegnet!“

„Aber der eine, der die Wand vor mir durchquert hat, sollte hier sein.“

„Dann suchen wir ihn!“, ich hatte keine Lust mehr tatenlos herumzusitzen.

Ruby schüttelte den Kopf.

„Warst du der einzige Karriero hier?“, fragte Ruby und betrachtete Aurum.

„Nein. Alle außer dir waren hier. Aber sie sind vor drei Tagen verschwunden. Dann bestimmt auch in eine andere Arena.“

Aurum verdrehte die Augen. Das klang doch alles bescheuert.

„Wir gehen den anderen Tribut morgen suchen“, erklärte Ruby dann, „du solltest erstmal schlafen, du siehst vollkommen übermüdet aus.“

Aurum verzog das Gesicht. Er hatte keine Lust, sich von ihr etwas sagen zu lassen. Andererseits hatte sie recht. Er war  müde.


Ein Schrei. Schmerzverzerrt und laut.

Aurum fuhr hoch.

Es wurde bereits hell. In der Ferne konnte er die ersten Sonnenstrahlen erkennen.

Ruby war nicht hier.

Erneut ein Schrei. Eindeutig weiblich.

Aurum griff nach seinem Speer und sprang auf.

Wo war Ruby? Hatte sie jemand angegriffen? Er musste ihr helfen! Er wollte nicht schon wieder allein sein!

Wieder dieser lange, schmerzverzerrte Schrei. Er klang kaum noch menschlich.

Aurum nahm die Beine in die Hand und rannte in die Richtung, aus er die Schreie kamen. Er sprang über die niedrigen Mauern, der zerfallenen Gebäude, die sich um das Füllhorn befanden und bremste abrupt ab, als er Ruby in der nächsten Ruine erkennen konnte.

Ihm den Rücken zugewandt, kniete sie auf dem Boden, unter ihr eine blutige Masse.

Aurum brauchte einige Sekunden, bis er das Bild vor sich  verstand.

Ruby hatte einen anderen Tribut mit ihren Beinen auf dem Boden fixiert. In ihrer Hand glitzerte das Messer, rot von dem Blut des Tributs. Auf dem Boden hatte sich bereits eine Lache gebildet.

Ruby holte aus und rammte das Messer in den Bauch des Tributen. Keine tödliche Wunde. Nur schmerzhaft.

Erneut war dieser schreckliche Schrei zu vernehmen.

Ruby zog das Messer wieder heraus. Stach erneut zu.

Aurum konnte eine Weile nur zusehen.

„Was tust du da?“, nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte Aurum es, die Bilder so weit zu verarbeiten, dass er sich zu einer Handlung zwingen konnte.

Ruby drehte sich um, Überraschung huschte über ihr Gesicht, welches gleich darauf von einem Lächeln abgelöst wurde. Kleine Blutstropfen zierten ihren gesamten Körper, auch ihr Gesicht, und ließen dieses Bild seltsam grotesk wirken.

„Sie wollte dich töten!“, erklärte sie und deutete mit ihrem Messer auf den Tribut unter sich. Er war kaum noch zu erkennen, alles war voller Blut.

„A… aber dann könntest du sie auch einfach töten?“, entgegnete Aurum, es klang mehr wie eine Frage. Er verstand nicht, was Ruby da tat. Wieso quälte sie dieses Mädchen? Sie waren in der Arena, um zu siegen. Um die letzten Überlebenden zu sein. Und nicht um Leute zu foltern… oder? Zumindest er war das. Er hatte es schon immer an den Spielen gehasst, wenn die Tribute den Tod unnötig lange herauszögerten. Das war nicht ehrenhaft. Das war widerlich und grausam.

„Aber sie muss lernen, dass niemand dir etwas antun darf. Wer es versucht, muss leiden“, ein wahnsinniges Funkeln war in ihren Augen zu erkennen, als sie sich wieder dem Tribut unter sich zuwandte und erneut mit ihrem Messer ausholte.

Erneut dieser Schrei. Er war nicht mehr so stark, wie noch zu Beginn, es schien ihr langsam an Kraft zu fehlen, doch noch immer lebte sie. Noch immer litt sie. Noch immer war sie fähig Schmerzen zu spüren.

Aurum schüttelte leicht den Kopf. Das konnte er ihr nicht länger antun. Sie war auch nur ein Tribut. Ein Mensch. Und sie hatte nichts getan. Sie wollte auch nur siegen. Dafür sollte sie nicht bestraft werden.

Während Ruby erneut ausholte, um ihr eine weitere, nicht tödliche aber schmerzhafte, Wunde zuzufügen, stieß Aurum seinen Speer in den Hals des Mädchens.

Ein Kanonenschuss erklang.

Ruby fuhr zu ihm herum, ihr Blick war wild und hatte noch immer dieses wahnsinnige Funkeln.

„Was soll das?“, fauchte sie.

„Ich töte Tribute. Ich foltere sie nicht“, antwortete Aurum knapp.

Ruby musterte ihn noch einen Moment wütend, dann plötzlich legte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht und sie erhob sich.

„Du hast recht“, sie legte einen Arm um Aurum, welcher diesem angewidert ausweichen wollte, doch zu langsam war, „sie hat genug gelitten. Außerdem war ich ja früh genug da, um dich zu beschützen. Sie konnte dir nichts tun.“

„Äh… ja?“, murmelte Aurum, nicht ganz sicher, was er von dem halten sollte, was er soeben gesehen hatte.

War es möglich, dass Ruby zu diesen Leuten gehörte, die daran Spaß fanden? Die darauf standen, anderen Leuten Leid zuzufügen?

„Wir sollten zurück zum Füllhorn gehen“, erklärte sie und zog Aurum, um den sie noch immer einen Arm gelegt hatte, hinter sich her.

Überwältigt von dem Anblick, der sich ihm vor kurzem geboten hatte, ließ er sich mitziehen. Seine Gedanken drehten sich um Ruby. Hatte er sich in ihr getäuscht? Wollte er mit so einer Person weiter in einem Team sein? Konnte er das? So wie sie redete, würde sie ihn nicht foltern und töten aber… wollte er mit so einer Person weiter durch die Arena laufen? Er hatte das Gefühl, er konnte die Schmerzensschreie des Mädchens noch immer hören. Sah die Reste ihres Körpers vor sich.

Langsam schüttelte er den Kopf. Als sie das Füllhorn erreichten ließ er sich zu Boden sinken. Sein Körper war an den Stellen, an welchen Ruby ihn berührt hatte, blutverschmiert.

Angewidert nahm er sich eine der Wasserflaschen und versuchte es abzuwaschen, während Ruby nicht einmal zu bemerken schien, dass ihr gesamter Körper voller Blut war. Dem Blut eines Menschen
.
Aurum schüttelte sich leicht. Es hatte ihm nichts ausgemacht, sie zu töten. Er hatte sie ja nicht einmal gekannt. Aber ihre schmerzverzerrten Schreie, ihr blutüberströmter Körper, das Gesicht, welches kaum noch als solches zu erkennen gewesen war.

Immer wieder wanderte sein Blick zu Ruby, die fröhlich wie eh und je wirkte.

Ob sie sowas schon öfter gemacht hatte? Hier in der Arena? Oder sogar schon zuhause? Er erinnerte sich daran, dass im letzten Jahr zwei Leute aus ihrer Schule verschwunden waren. Niemand hatte sie gefunden. Ob das Rubys Schuld war? Aurum wusste es nicht. Aber er war sich sicher, dass es so sein musste. Dieses Mädchen, mit dem er sich eine Woche lang eine Etage in der Trainingshalle geteilt hatte, mit der er im Training Witze gerissen hatte, war ein Monster. Ein Monster, das Menschen zum Spaß folterte. Und er saß hier. Gemeinsam mit ihr. Und wusste nicht, was er tun sollte.

Eine Mischung aus Wut und Angst stieg in ihm auf.

Wie lange wäre er wohl sicher vor ihr? Es hieß, sie wäre in ihn verliebt. Sie hatte vorhin gesagt, dass sie ihn hatte beschützen wollen. Stimmte das wirklich? Bisher war er sich sicher gewesen, wieso sollte auch irgendein Mädchen nicht auf ihn stehen? Aber jetzt… jetzt war er sich nicht mehr so sicher. Sollte er fliehen? Sollte er versuchen, sie umzubringen, wenn sie das nächste Mal schlief? Aber was, wenn sie wieder darauf bestehen würde, Wache zu halten? Er könnte ihr auch einfach seinen Speer in den Rücken jagen…

Aber dann wäre er noch immer hier. Und laut Ruby gab es mehrere Arenen. Verbunden über Rätsel. Er konnte keine Rätsel lösen. Ruby schon. Sollten sie die Arena wechseln? Vielleicht würde es dort mehr Tribute geben… und dann hätte er endlich eine Chance zu siegen.

„Wieso hast du eigentlich ein Messer?“

Im Training hatte Ruby stets mit Speeren gearbeitet. Aurum hatte sich deshalb am Füllhorn so stark auf diese Waffe konzentriert. Damit er sie vor ihr bekam. Ruby fuhr herum und sah Aurum an, ein Lächeln auf ihrem Gesicht.

„An dem Füllhorn, an dem ich war, gab es keine anderen Waffen. Nur Messer. Aber es ist sehr nett, dass du mir deinen Speer anbietest.“ Und mit diesen Worten griff sie nach der Waffe, die neben Aurum auf dem Boden lag.

„Hey!“, Aurum sprang auf, dann bemerkte er, dass er ihr ohne Waffe unterlegen war. Sein Blick wanderte durchs Füllhorn, doch dort gab es keine mehr. Es hatte für jeden Karriero beim Start der Hungerspiele genau eine Waffe gegeben.

„So kann ich dich noch besser beschützen“, erklärte Ruby und ihr Lächeln nahm etwas wahnsinniges an.

„Aber dann kann ich mich selbst nicht verteidigen!“

„Das brauchst du auch nicht, wenn ich da bin. Außerdem hast du gesagt, dass niemand in dieser Arena ist.“

Aurum konnte sie einen Moment lang nur anstarren. Dann zwang er sich zu einem Nicken.

„Wir sollten die Arena wechseln!“, sagte er dann und versuchte seine Stimme fest klingen zu lassen. Scheiße er musste irgendwie wieder an seine Waffe kommen. Und Ruby loswerden. Selbst wenn er danach wieder allein war. Das wäre besser als das hier.

„Wieso?“, Ruby wirkte verwirrt.

„Ich sitze schon seit dem Anfang der Spiele hier fest und du und dieses Mädchen waren die ersten Tribute, die ich seit Tagen hier gesehen habe. Ich will etwas anderes sehen. Andere Tribute. Ich will gewinnen“, das klang bescheuert von der Person ohne Waffe, aber ich musste sie irgendwie überzeugen.

Ruby nickte.

„Natürlich, dann müssen wir nur einen Übergang finden. Aber du wirst sowieso überleben, wenn ich dich beschütze.“

Das wagte Aurum zu bezweifeln.

„Ich weiß ein paar Stellen, an denen Übergänge sind.“

Sie befanden sich alle in der Mauer, die die äußere Begrenzung der Arena darstellte.

Aurum griff sich einen der Rucksäcke, die er sich, an dem Tag, als die restlichen Karrieros verschwunden waren, bereitgelegt hatte, falls er von hier fliehen müsste und hängte ihn sich über den Rücken. Dann ging er ohne ein weiteres Wort mit Ruby zu wechseln los.

Was sollte er nur mit Ruby machen? Er war unglaublich angewidert, wenn er sie nur ansah und er verspürte Angst. Dieses wahnsinnige Funkeln in ihren Augen… Allein der Gedanke daran ließ ihm einen kalten Schauer über den Rücken wandern. Und jetzt hatte sie seine Waffe. Er war ihr vollkommen ausgeliefert.

Er erreichte die Mauer, in deren Wand die Rätsel eingeritzt waren. Er ging noch ein Stück bis er eines erreichte. Daneben war eine Mulde, wie um etwas hineinzulegen.

„Ich geb es dir und trotzdem bleibt es hier bei mir“, las Aurum die Inschrift vor und fühlte sich mal wieder extrem dämlich, da er nicht die geringste Ahnung hatte, was das sein könnte.

„Die Hand“, wusste Ruby die Antwort sofort. Aurum schluckte. Dieses Mädchen schien auch noch deutlich schlauer zu sein, als er selbst. Und diese Aufgabe… würde sie ihm die Hand abhacken?

„Also wollen sie eine Hand von uns?“

Ruby nickte.

Aurum schüttelte den Kopf.

„Ich will meine Hand behalten.“

Das wäre ein großer Nachteil, seine Hand zu verlieren. Schmerz. Die Verletzung, die sich entzünden könnte. Mal ganz davon abgesehen, dass man diese Hand dann nicht mehr benutzen kann. Aber er wäre wohl abhängig von Rubys Urteil.

Diese nickte sofort.

„Ich kann meine Hand auch nicht opfern. Dann kann ich dich nicht mehr beschützen. Aber ich kann zu dem Mädchen von vorhin gehen, und uns ihre Hand holen.“

Allein bei dem Gedanken an das entstellte Mädchen zogen sich Aurums Eingeweide zusammen. Vermutlich würde sie jetzt auch schon gar nicht mehr dort liegen. Das Kapitol holte die toten Tribute ab.

Er schüttelte den Kopf.

„Das ist widerlich.“

Ruby sah ihn an, ihr Blick änderte sich.

„Dann willst du eine Hand spenden?“, es klang gefährlich.

Aurum schüttelte erneut den Kopf. „Ich meine nur… bestimmt liegt sie schon gar nicht mehr da…“

„Wenn sie noch am Leben wäre, hätte das Kapitol ihren Körper noch nicht abgeholt und wir könnten uns ganz leicht eine Hand von ihr holen“, erklärte Ruby, dann wurde ihr Blick wieder weich, „aber es ist schon in Ordnung. Nicht jeder verträgt so einen Anblick.“

Vorsichtig strich sie ihm mit ihren Fingern über die Wange. Aurum zuckte zurück. Was war mit ihr falsch? Er wollte nicht, dass sie ihn berührte. Es widerte ihn an. Mal abgesehen von dem getrockneten Blut, welches noch immer an ihren Händen klebte.

Aurum unterdrückte das Bedürfnis sich zu übergeben.

Rubys Blick nahm etwas verletztes an, als Aurum vor ihrer Hand zurückwich.

„Was ist los?“, fragte sie, es klang besorgt.

„Ich…“, hasse dich. Will dass du gehst. Finde dich widerlich. Will meine Waffe zurück. Will weg von dir.

So viele Möglichkeiten, den Satz zu beenden. Doch Rubys Blick und die leichte Änderung in der Art, wie sie ihr Messer und den Speer hielt, ließen den Einser innehalten. Es wäre alles andere als schlau, sie jetzt zu beleidigen. Bisher hatte sie ihm nichts getan. Wer wusste ob das auch so bleiben würde? Sie sagte zwar die ganze Zeit, dass sie ihn beschützen wollte...

„Ja?“, Ruby klang neugierig aber auch kalt.

„Ich…“, Aurum starrte sie noch immer an, ihr Blick, plötzlich erschien er ihm so wahnsinnig und durchgedreht. Er musste sie loswerden. So schnell wie möglich. Nicht nur um selbst zu überleben, sondern auch um all die anderen Tribute in dieser Arena vor ihr zu schützen. Und dann, dann hatte er eine Idee.

„Ich… ich liebe dich!“, Aurum schrie diesen Satz aus, ließ im gleichen Moment zog er Ruby in eine Umarmung, ignorierte all das Blut und wie sein Körper sich dagegen sträubte und presste seine Lippen auf ihre.

Es war ein widerliches Gefühl. Doch er schien Ruby überrumpelt zu haben. Völlig regungslos stand sie da, ehe sie sich ihm entgegendrückte, mit einer Sehnsucht, als würde sie bereits seit Jahren auf diesen Moment warten. Sie erwiderte den Kuss, der Speer fiel aus ihrer Hand zu Boden.

Aurum fühlte sich schlecht, dass es nicht ernst gemeint war, dass er es nur tat, um sie loszuwerden. Aber gleichzeitig war da auch die Abneigung in ihm, die Angst vor ihr und das Wissen um dieses wahnsinnige Funkeln in ihren Augen, die Schreie des Mädchens an diesem Morgen, das Blut, welches überall an Rubys Kleidung klebte.

Aurum ließ seine Hände über ihren Rücken nach unten fahren. Seine rechte Hand umschloss ihre Linke, ihre Finger krallten sich in seine Haut. Er ignorierte den Schmerz. Dachte an sein Ziel.

Seine linke Hand strich vorsichtig über ihre Finger, in denen sie noch immer das Messer hielt.

Sie intensivierte den Kuss, Aurum spielte mit.

Er hatte schon so viele Mädchen geküsst. In den komischsten Situationen. Aber noch nie hatte er sich dabei so vor sich selbst geekelt und falsch gefühlt, wie in diesem Moment.

Er ließ seine linke Hand weiter über ihre Finger streichen. Ganz sanft und vorsichtig.

Ruby öffnete ihre Hand.

Aurum nahm das Messer entgegen, ließ seine Hände langsam wieder nach oben wandern.

Es fühlte sich falsch an.

Sie hatte ihm vertraut. Hatte ihm das Messer gegeben. Küsste ihn mit so einer Leidenschaft.

Doch Aurum wusste, dass es das einzig Richtige war. Sie müsste sowieso sterben, wenn er siegen wollte. Außerdem war sie ein Monster. Noch vor wenigen Sekunden hatte sie ihn mit einem Blick angesehen, als würde sie ihm die Zunge rausschneiden, wenn er auch nur ein falsches Wort von sich gab. Hatte ihm seiner Waffe beraubt. Ein Mädchen gefoltert.

Seine rechte Hand legte sich in ihren Nacken, zog sie näher zu sich. Ruby gab sich dem Gefühl hin.
Seine Hand wanderte weiter nach oben, strich durch ihre Haare.

Sein linker Handrücken, in dem sich noch immer das Messer befand, strich nun über ihren Hals. Sie küsste ihn inniger. Nun wanderten auch ihre Hände an seinem Rücken nach oben.

Mit einer schnellen Bewegung drehte Aurum seine linke Hand und rammte ihre das Messer in den Nacken.

Sofort löste er sich von ihr und trat einige Schritte zurück. Er spürte die Galle in seiner Kehle aufsteigen.

Ruby entkam ein erstickter Laut, ein Husten, ihre Augen sahen ihn entsetzt, geschockt und gekränkt an.

Sie taumelte einen Schritt nach vorne, röchelte. Dann kippte sie um. Mit dem Gesicht nach unten landete sie im Dreck. Die Kanone ertönte. Und in dem Moment sank Aurum auf die Knie und konnte seinen Würgreiz nicht mehr länger unterdrücken.


Als er sich wieder einigermaßen gefangen hatte, erhob er sich.

Mittlerweile war die Sonne kurz vorm Untergehen. Und mit dem Ende dieses Tages wurde es für Aurum Zeit, auch dieses Kapitel zu beenden. Er wollte diese Arena nur noch verlassen. Er hatte ja fast schon Glück, dass er sie dieses Jahr anscheinend verlassen konnte, ohne ein Sieger zu sein.

Er starrte Rubys Leiche an, die noch nicht abgeholt worden war, da er sich in der Nähe befunden hatte. Noch immer steckte das Messer in ihrem Hals.

Mit einem Ruck zog Aurum es heraus.

Er musste raus aus dieser Arena.

Weg von all den Erinnerungen. Weg von Ruby. Weg von den animalischen Schreien und dem blutüberströmten Körper des Mädchens, Rubys wahnsinnigem Blick, ihr Körper, der von getrocknetem Blut bedeckt war und diesem letzten Kuss. Eine Sache die er wohl nie wieder würde vergessen können. Der Geschmack von Blut auf seiner Zunge.

Er brauchte eine Weile, bis er es geschafft hatte, Rubys Hand von ihrem Arm zu trennen und er musste sich zusammenreißen, um sich nicht direkt nochmal zu übergeben.

Als er es endlich geschafft hatte, die Hand abzutrennen, legte er sie in die kleine Öffnung.

Und als die Hymne, die das Ende des Tages verkündete erklang, öffnete sich ein Tor in der Wand, welches in die Dunkelheit zu führen schien.

Kurz bevor Aurum hindurchtrat, erinnerte er sich an den Speer, der neben Rubys Leiche auf dem Boden lag. So schnell er konnte hob er ihn auf und stürzte sich dann in den Durchgang.

Die nächste Arena konnte nur besser werden.
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