Hoffnungsschimmer im Advent

GeschichteAllgemein / P16 Slash
17.12.2019
14.01.2020
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Schweigend nahmen sie ihr Mahl wieder auf. Da Josi Hunger hatte, fiel ihm nicht auf, dass Luzi auf ihrem Teller nur herum stocherte. Er futterte drauf los. Das das ging so lange gut, bis Josi zu seiner Tasse griff und ihm das gar nicht weihnachtliche Aroma seines Lieblingstees in die Nase stieg.
„Du Luzi? Was wolltest du hiermit bezwecken?“ Josi wackelte mit der leeren Tasse vor ihrer Nase herum.
Luzi lachte nervös auf. „Gut Wetter machen, was sonst.“ Dann wurde sie ernster. „Nein wirklich, ich wollt echt mit dir reden.“
Sie legte abermals ihre Gabel nieder. „Es ist wegen Weihnachten und unserem WG-Heiligabend…“ Doch Josi unterbrach sie. „Ich weiß schon, Gregor hat mich angerufen. Er muss bei seinen Eltern Männchen machen, sonst wird sein Unterhalt fürs nächste Jahr gestrichen.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Auch wenn er’s anders formuliert hat. Aber darauf läuft es doch hinaus bei dem Hallodri. Macht doch nichts, dann machen wir zwei es uns hier gemütlich.“
Luzi lächelte schwach. Ja, das hatte sie heute Nachmittag auch erfahren. Kurz bevor ihr Freund vor der Tür gestanden hatte. „Josi… das ist es nicht. Mein Großer war bis eben hier. Er hat mich schon seit ein paar Tagen genervt von wegen was ich Weihnachten mache und ob ich wirklich hier in der WG hocken will.“
Nun legte auch Josi sein Besteck nieder und gab Luzi seine volle Aufmerksamkeit.
„Er hat mich sogar als Kundentermin in seinen Kalender geschrieben, so unbedingt wollte er mit mir persönlich reden.“ Verlegen griff sie nach ihrer Gabel und knibbelte an den Zinken herum. „Es sollte mein Weihnachtsgeschenk werden, aber da ich so gemauert hatte, hat er die Karten heute schon auf den Tisch gelegt…“
Josi beschlich eine Ahnung.
„Josi, er hat mir 'ne Reise auf die Malediven geschenkt, nur wir zwei. Weihnachten bis Silvester! Der verrückte Hund hat alles schon gebucht. Er wollte mich überraschen…“  Verzweifelt sah sie Josi an.
Josi schluckte. Das hieß dann wohl, dass er Weihnachten alleine war. Es wäre jetzt nicht zum ersten Mal, aber toll fand er die Aussicht nicht.
„Ich hab ihm gesagt, dass ich frühestens am 25. mit ihm fliegen kann. Weil wir haben es uns doch versprochen…“ Dass sie ihrem Freund die Bedingung gestellt hatte, dass sie nur mit käme, wenn Josi Weihnachten nicht alleine wäre, lag ihr auf der Zunge. Doch sie brachte es nicht über die Lippen. Sie wollte nicht, dass Josi sich noch mehr abgeschoben vorkam.
„Luzi, wo ist das Problem?“, unterbrach Josi sie. „Er liebt dich wirklich und ihr versucht doch schon ewig, zusammen mal in Urlaub zu fahren.“ Er gönnt ihr diese Reise, sie hatte wirklich ein Goldstück von Freund an Land gezogen.
„Josi, der Flieger geht schon am dreiundzwanzigsten. Da wo wir losziehen wollten, um ein Bäumchen zu finden.“ Jetzt war ihre Verzweiflung deutlich. „Ich kann das nicht. Ich kann dich nicht allein lassen, nicht so plötzlich, nicht an Heiligabend! Ich hab Fabian schon gesagt, dass er umbuchen muss. Auf den 25. oder so. Aber das geht nicht. Alles voll.“
Ein warmes Gefühl breitete sich in Josi aus. Luzi, sie war ihm eine wirklich sehr gute Freundin geworden. Sie wusste, dass er nach der Scheidung seiner Eltern immer zwischen beiden hin und her abgeschoben worden war und dass keiner ihn beim Weihnachtsfest hatte dabei haben wollen. Er kam damit klar, das fallengelassenen einzige Kind einer Scheidung zu sein. Doch Weihnachten weckte kaum positiver Erinnerungen oder Gefühle in ihm. Erst mit Luzi zusammen konnte er sagen, dass er schöne Erinnerungen an Weihnachten bekommen hatte. Und nun wollte sie nur wegen ihm ihren Traumurlaub mit Traumfreund sausen lassen! Das brachte Josi wiederum nicht übers Herz. Enttäuscht war er schon und die Aussicht auf ein weiteres deprimierend-einsames Weihnachtsfest war nicht erbaulich. Aber er würde seiner besten Freundin auch nicht im Weg stehen. Er würde sie ziehen lassen.
Ein bisschen zu Kreuze kriechen sollte aber sie noch. Und Josi ertappte sich bei dem Gedanken, anzubieten, die beiden zum Flughafen zu fahren und wieder abzuholen, wenn er dafür über die Zeit ihr Auto inklusive der ersten Tankfüllung haben könnte.
„Der Dreiundzwanzigste… soso.“ Josi griff nach seiner Tasse, die sich wundersamerweise wieder gefüllt hatte. Luzi! Verdammt, das Mädel kannte ihn echt gut. Immer wieder aufs Neue wurde er von dem leckeren Geschmack seines Lieblingstees ein bisschen milder gestimmt.
„Josi, bitte. Ein Ton von dir und ich bleibe. Scheiß auf die Malediven!“ Luzi suchte seinen Blick.
„Du willst mich Weihnachten also auch noch allein lassen?“ Einmal wollte Josi es ausgesprochen hören.
Gequält seufzte Luzi auf. „Nein! Nein, will ich nicht. Ich... ich weiß nicht, was ich will. Ich will meinen Großen aber auch nicht auflaufen lassen. Er hat sich Urlaub freigeboxt, er hat sich an meinen Traumurlaub erinnert, er…“ Sie knetete die Hände.
„Er hätte vorher mit dir reden können“, fiel Josi ihr ins Wort.
„Ja, das hätte er.“ Zerknirscht senkte Luzi den Kopf.
Josi reichte mit der Hand über den Tisch und hob mit sanften Finger ihr Kinn. „Luzi, schau mich an.“
Zögerlich schaute sie auf. „Josi?“
„Luzi...“ Leicht strich er über ihr Kinn. „Es ist okay.“
Kopfschüttelnd schüttelte sie Josis Finger ab. „Nein, ist es nicht.“ Dennoch wurde ihr Blick hoffnungsvoll.
„Ich sag nicht, dass ich mich übermäßig freue, Weihnachten mal wieder allein zu verbringen. Aber es ist okay. Ihr habt euch das verdient. Ich bin jetzt ja vorgewarnt und kann mir noch was ausdenken.“
Ein verlegenes kleines Lächeln huschte über Luzis Gesicht. „Hast jedenfalls sturmfreie Bude.“
„Hehe, was mach ich bloß? Das muss ich ausnutzen!“ Übertrieben theatralisch rieb Josi sich die Hände. Er musste schauspielern, schon alleine um sich selbst vorzumachen, dass er nicht gekränkt war.
„Oh mein Gott, was hast du vor?“ Luzi riss die Augen auf. „Tu nichts, was ich nicht auch tun würde!“
„Wer weiß, vielleicht hab ich wirklich einen Plan B?“ Josi gab sich uninteressiert und fokussierte seine Aufmerksamkeit auf seinen Teller. Die Lasagne war mittlerweile kalt. Nach dem ersten Bissen schob er sie unmotiviert über den Teller herum.
Auch Luzi begann weiter zu essen, nur um sogleich wieder innezuhalten. „Mikro?“
„Jo.“ Josi stand auf, nahm seinen und ihren Teller weg und ging zur Mikrowelle hinüber.
„Du sagst jetzt aber nicht, dass du sowieso überlegt hattest, was anderes zu Weihnachten zu machen, oder? Dann hätt ich Fabian völlig um sonst so auflaufen lassen.“ Luzi musste mit Josis Rücken sprechen, da Josi zusah, wie ihrer beiden Lasagnestücke auf seinem Teller in der Mikrowelle ihre Kreise drehten. So entging ihr, dass Josi die Zähen zusammenbiss und die Augen schloss. Autsch, das tat weh. Aber er hatte es ja selbst herausgefordert mit mit seiner Schauspielerei.

Synchron mit dem Pling der Mikrowelle schoss Josi ein Geistesblitz durchs Hirn. Richard! Der war Weihnachten garantiert auch alleine. Er könnte mit Richard zusammen das Bäumchen holen und sie könnten im Wohnzimmer sitzen und... Jetzt funkelten Josis Augen. Ja, er hatte einen Plan B. Und der gefiel ihm noch besser als Plan A.

„Josi? Muss ich Angst bekommen?“, fragte Luzi. Sein Stimmungswechsel musste auch von hinten zu erkennen gewesen sein.
Unkultiviert schubste Josi die Fetzen von Luzis Lasagne zurück auf ihren Teller. „Nö, nö, mir ist nur grad ein Gedanke gekommen. Das mit dem Sturmfrei klingt sogar echt gut! Ich könnte...“ Würde Richard sogar über Nacht bleiben? Und würden sie...? Oder vielleicht lieber nicht? „Luzi, kann sein, dass ich eventuell dein Bett brauch!“, stellte er fest.
„Eehhh.... okay?“ Luzi riss die Augen auf. „Jetzt krieg ich doch Angst!“, meinte sie zögerlich.
„Warum denn?“ Er schaufelte die letzten Bissen in sich rein. „Ich mach nichts, was du nicht auch tun würdest.“
Luzi verdrehte die Augen. „Du bist nicht Gregor, also wird’s schon nicht zu sehr ausarten. Aber keine Sauereien in meinem Zimmer und erst recht nicht in meinem Bett! Nachtasyl geb ich gerne, aber mehr nicht.“
„Na klar.“ Gesättigt und mit einem erwartungsvollen Kribbeln im Bauch lehnte Josi sich zurück.
„Du schaust zufrieden wie 'ne Katze, die 'ne Schale Sahne geschleckt hast. Komm, lass uns den Tee nehmen und ins Wohnzimmer wechseln. Und dann erzählst du mir, was dir eingefallen ist!“ Luzi erhob sich und belud den Geschirrspüler mit ihrem Geschirr.  „Ich dachte eigentlich, dass ich dir den Abend versaue. Aber so siehst du nicht aus und nun will ich wissen warum.“
Nein, neugierig war Luzi nie. Und direkt auch nicht. Josi erhob sich ebenfalls und griff ihre Tassen und die Kanne. Ja, mit Luzi reden hatte ihn schon immer auf die besten Gedanken gebracht. Das musste ausgenutzt werden!