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Is This Thing Cursed?

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
John Marston
17.12.2019
19.12.2019
4
9.817
6
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Dieses Kapitel
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19.12.2019 3.452
 
Im Hafen von Saint Denis schaukelten die riesigen Schiffe im Wasser. Geschäftig liefen die Matrosen herum, trugen Fässer und andere Ladungen.

Tabatha beobachtete dieses Treiben wie üblich äußerst fasziniert, obwohl ihre Gedanken meist ganz woanders waren. Seit ihrer Entführung vor Monaten und dem Wiederankommen in ihrem alten Leben hatte sich etwas verändert.
Ihre Gedanken schienen schlichtweg vergiftet - denn plötzlich, wo anfangs nur eine gewisse Abneigung bestand, war Verachtung daraus geworden.

Gerichtet gegen die reichen Menschen, die sich im Schein der Lügen unterhielten. Die einander anlächelten, um sich dann Messer in den Rücken zu stechen.

Gerichtet gegen ihren Vater, der sie verkauft hatte, an ein Monster…

...gerichtet gegen genau dieses Monster, welches just in diesem Moment ihre Hand losließ: “Tabatha, meine Liebe.” Er lächelte und sie erwiderte dies. “Ich weiß, Saint Denis ist nicht dein liebster Ort.” Oh, Saint Denis ist nicht das Problem, schrien ihre Gedanken zurück. Ihr Mund jedoch blieb stumm. “Aber es dauert auch nicht lange. Ich gehe dem Geschäft nach und du wartest einfach kurz hier. Das wirst du doch?”

Natürlich würde sie.
Tabatha rannte nicht davon, sie ertrug ihr Schicksal. Ihre Last. Mit all der Würde, die sie aufbringen konnte. “Natürlich werde ich warten.”

Er musterte sie noch einmal, suchte wohl irgendwas in ihrem Blick - es schien ihn fast zu enttäuschen, nichts Auffälliges zu entdecken, denn ihre Fassade war ziemlich gut geworden.

Sie hatte ihn durchschaut.
Wusste, dass er es liebte, wenn sie emotional wurde. Wenn sie es wegen ihm wurde. Wenn er diese Macht über sie hatte. Hass, Trauer, Verachtung - all dies erfüllte ihn, er war süchtig danach. Denn er wusste genauso gut wie sie, das er Liebe niemals in ihr finden würde.

Vermutlich wollte er das auch nie.

Irgendwas anderes kettete ihn an sie, genauso wie er sie an sich gekettet hatte.

Aber sie hatte noch nicht herausgefunden, was es war. Solange hatte sie aber immerhin gelernt, sich gut im Griff zu haben, ihre Emotionen zu steuern, für sich zu nutzen, um ihre ehelichen Pflichten so angenehm wie möglich zu machen.

Cleve entfernte sich Richtung Docks, anscheinend für zwielichtige Geschäfte, denn er hatte keine Aufpasser mitgenommen. Nur sie.
Ein mulmiges Gefühl, welches sich in ihrem Magen breit machte, versuchte sie vergeblich zu unterdrücken, indem sie erneut den Blick schweifen ließ.

In der Menge, die an ihr vorbeizog, erkannte sie jedoch plötzlich ein bekanntes Gesicht.
Er sah sie nicht. Sein Blick wirkte konzentriert, außerdem unterhielt er sich mit jemanden, der ihr ebenfalls ziemlich bekannt vorkam.

Eigentlich müsste wohl sowas wie Unwohlsein verspüren. Angst. Oder zumindest Abscheu.

Stattdessen starrte sie den Beiden nach und irgendwas in ihr zog sie mit. Ehe sie begreifen konnte, was sie da tat und sich selbst zur Besinnung rief - war sie bereits ebenfalls in der Menge und verfolgte die beiden Männer.

Ihr Herz klopfte schnell gegen ihre Brust.

Aber es war keine Angst.
Keine Panik.
Es war Aufregung.

Ein beflügendes Gefühl, etwas völlig Unüberlegtes zu tun. Irgendwie gefährlich. Vermutlich sehr dumm.

Erst, als sie ihnen bis zu einer Gasse gefolgt war und kurz davor stehen blieb und sich an die Wand lehnte, fing ihr Kopf wieder an zu arbeiten.

Scheiße!

Was hatte sie denn da geritten?!
War sie denn von allen guten Geistern verlassen?
Ihr Atem ging schnell und sie hatte das Gefühl gleich das Bewusstsein zu verlieren.

Sie war den Banditen soweit gefolgt, das sie den Hafen nicht mal mehr sehen konnte. Bestimmt hatte Cleve ihr Verschwinden bereits gemerkt… sie fasste sich an die Brust und atmete ein paar Mal tief durch, ihr Herz zu beruhigen, ihre Gedanken zu klären.

Okay, sie hatte zwei Optionen.
Die Klügere und die, die sie definitiv umsetzen sollte, war einfach wieder zurückzugehen, zu hoffen, das ihr Verschwinden unbemerkt geblieben war und alles wäre gut.

Aber die Zweitere war die, für die sie sich aus - was weiß der Teufel schon - für Gründen entschied, zu verharren… und dann die Gasse zu betreten.

Arthur Morgan.
John Marston.

Gesuchte Gesetzlose aus den Reihen der Van der Linde Gang. Sie wusste dies aus den Gesprächen mit den Sheriffs, die sie nach ihrer Entführung ausgiebig befragt hatten.


“Ihr Mann sagte, er hätte die Namen John und Arthur aufgeschnappt. Wohl zwei ihrer Entführer.” Die Gründe, für ihre persönliche Entführung hatte Cleve im Dunkeln gelassen, kein Wort über seine Intervention verloren… weswegen sie als Gefangene endete und nicht er. Und sie? Sie hatte natürlich geschwiegen.

Zwei Steckbriefe wurden ihr vorgelegt und sie erkannte die Beiden sofort. Aber nach einem flüchtigen Blick schüttelte sie nur den Kopf: “Das waren sie nicht.”, log sie dann leise.

“Misses Cornwall!” Der Sheriff ihr Gegenüber seufzte schwer und schaute sie dann streng an. Wie einen Schuldigen. “Diese beiden Verbrecher gehören einer der meistgesuchten Gangs an, die hier noch ihr Unwesen treiben. Sie aus dem Verkehr zu ziehen… hören Sie, sie werden in Blackwater gesucht. Hohe Summen Kopfgeld für jedes Mitglied. Tot oder Lebendig. Wir wollen das Gleiche. Sie würden uns hier wirklich helfen.”

Tabatha sah entschuldigend auf, nachdem sie sich die Steckbriefe noch einmal genauer angeschaut hatte. “Das waren sie nicht”, wiederholte sie dann. “Es tut mir Leid, das ich nicht weiter helfen kann.”

“Arthur Morgan, John Marston, Dutch Van der Linde…”, fuhr er fort, sich über den Bart streichend und anscheinend nicht ganz gewillt ihr zu glauben. “.. das sind böse Menschen. Wenn Sie ihnen was angetan haben oder Sie sich einfach nicht trauen. Ihr Mann hat uns von den Missbrauchsspuren erzählt. Sie haben Sie gefoltert… es ist okay, wenn sie Angst haben.”

Kurz zog Tabatha die Augenbrauen zusammen. Innerlich begann es zu toben, zu wüten, zu rebellieren.. aber äußerlich senkte sie nur erneut den Blick. “Es tut mir wirklich Leid, Sheriff. Aber das waren sie nicht. Ich würde meine Peiniger sofort erkennen.” Bei dem letzten Satz hatte sie erneut Augenkontakt aufgebaut. Fest. Entschlossen. Unerschüttert.

Gott möge ihr für die Lügen verzeihen…

Erneut seufzte ihr Gegenüber niedergeschlagen. “Wir könnten Sie auch hier suchen lassen, wissen Sie. Das Gebiet einengen. Ihre Entführung und Misshandlung wäre ein guter Grund. Damit ziehen wir die Schlinge zu. Also bitte, wir versprechen Ihnen jeden Schutz.”

Vor dem, der mich quält, können sie mich eh nicht schützen, dachte Tabatha, begrub den Gedanken anschließend tief in sich, überschrieb ihn mit ihrer kaputten Schallplatte und lächelte so aufrichtig, wie es ihr möglich war: “Ich danke Ihnen. Sheriff, aber… ich kann nur bezeugen, was ich sah. Und diese Männer habe ich noch nie in meinem Leben gesehen.”

Endlich flackerte etwas in seinem Blick auf, er begann ihr zu glauben. Sie merkte den Wandel seiner Einstellung förmlich. Der sanftere Ausdruck, die Ernüchterung: “Schade… aber danke für ihre Hilfe. Sie können bei meinem Kollegen ein Fahndungsbild erstellen lassen.”

“Das werde ich. Danke nochmal - für ihre großartige Arbeit.”

“Misses Cornwall.” Er hatte sich erhoben, half ihr aufzustehen und schaute ihr noch einmal tief in die Augen, ein letzter forschender Blick. “Wir müssen besser werden, um das, was Ihnen widerfahren ist zu verhindern.”

“Ich weiß, Sie tun alles Ihnen Mögliche.”



Auf der anderen Seite der Gasse war wieder eine Straße voller Menschen, durch die sich außerdem eine Kutsche versuchte vergeblich einen Weg zu bahnen.

Suchend schaute sie sich um, erkannte aber keinen ihrer ehemaligen Entführer wieder und seufzte fast enttäuscht.

Es war eine doofe Idee! Nein, eine geradezu völlig Verrückte!

Die Ernüchterung erschlug sie förmlich.

Was genau hatte sie hier eigentlich vor?
Sie wusste es nicht, wusste nur, das sie jetzt richtig in der Klemme steckte.

Gerade wollte sie sich abwenden, ihrem Schicksal irgendwie erhobenen Hauptes entgegen sehen, legte sich in Gedanken - Gott sei ihrer Seele gnädig - eine Ausrede zurecht, da erhaschte sie doch wieder einen Blick auf Arthur Morgan, der gerade für Aufsehen sorgte, in dem er den Kutscher einige ziemlich unhöfliche Dinge zurief.

“Es tut mir Leid, Sir. Ich hab Sie nicht gesehen!”, rief dieser schockiert zurück.
“Na ob die Sheriffs das auch so sehen?”, gab der angepisst zurück.

Fasziniert beobachtete Tabatha außerdem wie John, während Arthur mit dem Kutscher diskutierte, von hinten in die Kutsche kletterte und wenig später genauso schnell und unauffällig wieder hinaus sprang. Eine Geldkassette unter dem Arm ging er in der Masse unter, die von alldem erstaunlicherweise nichts mitbekommen hatte.

Saint Denis.

Die Menschen interessierten sich nur für sich. Oder für Aufruhr. Und Mr. Morgan lieferte eine ziemlich gute Show.

Letztendlich einigten sich die Beiden auf ein Entschädigungsgeld und Arthur kassierte auch noch ab, ehe er ebenfalls in der Menge untertauchte und der Kutscher, der sich den Schweiß von der Stirn wischte - anscheinend erleichtert es nicht mit den Sheriffs aufnehmen zu müssen - machte sich daran weiter seinen Weg fortzusetzen. Noch langsamer als vorher und unter den strafenden Blicken der Gaffer von dem Vorfall.

Wahnsinn, wie der Ausgeraubte von der Meute zum Bösen gemacht wurde.

Tabatha beobachtete gerne Leute. Sie waren alle furchtbar. Aber auch schrecklich spannend.

Nachdenklich blickte sie in die Richtung, in der die Outlaws mutmaßlich verschwunden waren und nahm dann die Verfolgung wieder auf.

Warum wusste der Teufel!

Vielleicht litt sie an diesem Syndrom, das man sich in seine Entführer verliebte? Oder sie suchte nur nach einem Grund, Cleve so wütend zu machen, das er ihrem Dasein einfach ein Ende bereitete.

Bis dass der Tod uns scheidet…

...sie wäre frei.

Was auch immer sie leitete, sie folgte weiterhin.

Zumindest solange, bis sie sie erneut aus den Augen verlor. Frustriert sah sie sich eine Weile auf der belebten Straße um, wählte waghalsig irgendeine Seitengasse und ließ sich dort an der Wand hinab sinken.

Auf dem Boden sitzend bließ sie frustriert die Luft heraus.

Irgendwo in der Nähe hörte sie ein Paar streiten, die hohe, hysterische Stimme der Dame malträtierte ihr Gehör und ihre Gedanken. Wie sollte sie so zu einer Lösung kommen? Sie hatte sich selbst voll vor die Wand gefahren aus schlichter Dummheit. Also stand sie auf um sich einen besseren Platz zu suchen, wurde jedoch aufgehalten: "Na hat dir die Show gefallen, Lady?"

Sie erstarrte in ihrer Bewegung und schaute zu ihrem ehemaligen Entführer. Arthur musterte sie nachdenklich, während John sich neben sie an die Wand lehnte, ihr den Fluchtweg von der einen Seite verbaute: "Sehnsucht?", fragte er dabei und betrachtete sie argwöhnisch.

Tabatha schwieg. Ihr Kopf war wie leer gefegt und ihr Herz pochte schmerzhaft heftig gegen ihre Brust.

"Du hast uns verfolgt.", fuhr Arthur also schlicht fort. "Warum?" Er schaute sich suchend um, anscheinend um sicherzugehen dass das alles keine Falle war. Natürlich mussten sie sowas denken. Alles andere wäre albern, nicht wahr?

"Ich weiß nicht…", flüsterte sie und es war ihr voller Ernst. Obwohl, eigentlich, irgendwo im Innern wusste sie, dass sie das Leben dieser Leute auf eine kranke Art beneidete. Sie ließen sich nicht benutzen, nicht einsperren - sie waren frei!

Etwas das sie niemals sein würde.

"Dein Mann wird dich sicher vermissen und wir wollen nicht noch mehr Ärger mit den Cornwalls. Also bitte." Arthur machte eine auffordernde Geste, das sie verschwinden sollte. Aber Tabatha rührte sich nicht.

"Deine Entführung hat uns erstaunlicherweise gar keinen eingebracht.", sprach John nun neben ihr. Sie schaute starr auf ihre Füße. "Hab ein paar Fahndungsbilder gesehen. Du hast uns doch nicht etwa gedeckt, Missy?" Das schien beide Gesetzlose zu amüsieren.

Die hysterische Dame im Streit schrie etwas Böses, woraufhin ein dumpfer Laut erklang. Und noch einer. Tabatha hörte sie anschließend weinen und fluchen.

"Ihr habt mir nichts getan.", äußerte sie sich schließlich. "Also habe ich die Wahrheit ausgesagt."

"Und hast dir irgendwelche Leute ausgedacht?"

Nein, nicht irgendwelche. Es waren Fahndungsbilder von Leichen. Menschen, die in der Klinik ihres Vaters trotz vergeblicher Mühen nicht durchkamen. Gott würde ihr verzeihen…

"Nein. Die Männer auf den Bildern sind tot."

"Gerissen.", kommentierte John, während Arthur fast anerkennend nickte: "Tja, dann danke dafür, Misses Cornwall. Dann haben Sie Glück im Unglück und wir erschießen sie nicht gleich jetzt und hier." Kurz schaute sie auf, um den Blick gleich wieder zu senken. "Sie sollten sich trotzdem nicht unnötig in Gefahr bringen. Und uns gleich mit hinab reißen. Bleiben Sie da, wo Sie hingehören! John bring sie zurück, wo sie herkommt. Nicht das ihr unterwegs was passiert."

"Klar Arthur." Er griff nach ihrem Arm und sie verließen die Gasse. "Was treibt das glückliche Paar in das Hafenviertel von Saint Denis?", fragte er dabei ironisch, sie weiterhin mit einer Spur von Misstrauen musternd.

Tabatha rang sich dazu durch, zu antworten. Ehrlich und ohne Umschweife: "Ich vermute er wollte mich verkaufen."

Abrupt blieb John stehen, schaute sie unheimlich dunkel an, aber sie hielt dem Blick trotz ihrer zunehmend weicheren Knie stand.

“Warum erzählen Sie mir das?”, fragte er dann kühl.  

“Keine Ahnung…” Ihr Herz pochte laut, ihr Blut rauschte, ihr Mund fühlte sich pappig an, aber sie wollte weiter reden. Er war der erste und einzige Mensch in ihrem Leben, der ihr jemals zugehört hatte - traurig nicht?

Diesmal wirkte er deutlich abweisender, aber sie redete trotzdem weiter - sie würde ihn hiernach vermutlich nie wieder sehen. Niemanden mehr… je wieder sehen.

“Er sagte, er habe eine Menge Geld durch mich verloren und er möchte es wieder haben. Dann ging er mit mir - völlig allein - in den Hafen…”

“Das beantwortet meine Frage nicht.” Seine Hand hatte sich schmerzhaft in ihren Oberarm gekrallt, jemand rempelte sie an, immerhin standen sie mitten auf dem Weg - aber keiner der Beiden nahm Notiz davon.

“Ich glaube, Sie hatten Recht.”, sprach irgendwas tief aus ihr heraus, legte die Wahrheit grausam klar ans Tageslicht. All ihre Einbläungsversuche, ihre Vertuschungen, ihre kaputte Schallplatte… lösten sich auf in einem Strudel aus Verzweiflung. Sie wankte an der Klippe des großen, schwarzen Lochs, das sie hinabreißen wollte, in die harte Realität. Nur seine Hand an ihrem Oberarm hielt sie noch…

Er seufzte auf, seine harten Gesichtszüge wurden etwas weicher. “Also willst du Robin Hood spielen?”, fragte er dann plötzlich, schelmisch grinsend.

Sie beide wussten, dass dies nicht so einfach war. Tabatha konnte nicht gehen, sie hatte ein Versprechen an Gott gegeben. Und John konnte nicht einfach irgendwelche Leute mitbringen, insbesondere solche wie sie.

Trotzdem lächelte sie vorsichtig zurück: “Zeigst du mir etwas Schönes, bevor du mich zurück bringst?”, fragte sie dann leise. Ehe er antworten konnte, hing sie noch hastig an: “Etwas Gesetzestreues bitte…”

Er lachte, dann ließ er ihren Oberarm los und nahm stattdessen ihre Hand: “Fein.”

Ihr Weg führte sie zu Johns Pferd und hinaus aus der viel zu vollen Stadt mit den tausend Seelen, die dort lebten, liebten, stritten, starben.

“Kriegst du keinen Ärger?”, fragte Tabatha vorsichtig nach, als sie sich schon recht weit entfernt hatten. “Ich will keine Probleme bereiten.”

“Also dafür ist es jetzt etwas zu spät, findest du nicht auch?”, erwiderte er, einen flüchtigen Blick über die Schulter werfend. “Aber nein, solange niemand hiervon weiß.”

“Gut… was machen wir?”, fragte sie als Nächstes.

“Tabatha, richtig? Erst redest du gar nicht und nun die ganze Zeit - warte einfach ab.” Eine Spur von Genervtheit war aus seiner Stimme zu vernehmen, doch es war okay. Sie schwieg ein Weilchen, hielt es aber nicht lange aus - Gott, was war denn nur los mit ihr? Sie war doch sonst nicht so!

“Es ist doch aber wirklich ganz nach Gesetz?”

John schnaubte lediglich entnervt aus, weswegen sie erneut versuchte, den Schwall aus Wörtern in ihren Inneren zu verschließen. Immerhin hielt es an, bis sie ankamen.

Es war ein Fluss, der sich hier entlang schlängelte, vor sich hin plätscherte. Die Sonne reflektierte sich in seiner Oberfläche.

Tabatha ließ sich vom Pferd helfen und schaute sich neugierig um, bis John ihr eine Angelrute hinhielt. Verwirrt zog sie die Augenbrauen zusammen: “Angeln?”
“Ist doch was Schönes, oder? Nun guck nicht wie Jack - das macht Spaß!” Er schien beinahe beleidigt aufgrund ihres doch recht verhaltenen Ausdrucks.

“Oh… wer ist Jack?”, fragte sie, während sie hastig die Rute annahm und dann begann nach einer kurzen Anleitung, in der er die Frage einfach überging, einen Köder daran zu fummeln. Das war gar nicht so einfach und irgendwie auch einfach widerlich. Aber sie machte gute Miene zum bösen Spiel (darin war sie schließlich besonders gut) und lächelte… wobei das Lächeln nicht mal gefälscht war.

Nicht einmal dachte sie an ihre Situation.
An Cleve.
An das, was sie nachher erwartete.

Ihr gefiel es hier.
Mit John.

“Er ist mein Sohn.”, ließ sich dieser plötzlich vernehmen und anhand seiner Stimme konnte man wohl erahnen, dass das Verhältnis nicht so perfekt war. Es klang merkwürdig distanziert. Aber da war noch etwas anderes: “Du hast einen Sohn? Was ist mit der Mutter?”

Sie klang ernsthaft interessiert.
Sie war es auch.
Es war ja nicht so, das sie ihren Gegenüber auf diese Art mögen würde… eine Weile starrte sie ihn an, merkte ein merkwürdiges Kribbeln in ihrem Bauch und schüttelte den Kopf.

Niemals.

Aber schön war es trotzdem hier.

“Sie ist tot.”, antwortete er schlicht und erhob sich. Ehe sie etwas erwidern konnte, so etwas wie Beileid bekunden, hatte sich John schon entfernt. Er warf am Fluss die Angel aus und starrte nachdenklich auf das Wasser, dabei strahlte er eine Zerrissenheit aus, als würde er im Kopf etwas existenziell wichtiges entscheiden müssen.

Tabatha folgte ihm, nachdem sie sich ihrer Schuhe (sie waren nicht für das Gelände geschaffen) entledigt hatte barfuß, überlegte kurz und machte es ihm nach. Es funktionierte soweit. Damit hatte sie nicht gerechnet und grinste siegessicher in sich hinein: “Das ist keine Kunst.”, wurde ihre innerliche Party über diesen erfolgreichen Wurf gebremst. Fast enttäuscht starrte sie ihn an, kam jedoch nicht dazu, etwas zu antworten, denn just in diesem Augenblick biss etwas an.

Und dieses Etwas hatte es wirklich in sich.

Es zog so plötzlich und so krass an der Schnur, das Tabatha den Halt verlor. Sie kippte vornüber und landete mit einem lauten Platsch im -zum Glück recht flachen- Flussbett.

Mühselig kämpfte sie sich hoch, griff nach der Rute, die sie gerade so noch erreichte und begann die Schnur, die sich hartnäckig wehrte einzuholen. Oh nein, das war ihr Sieg!

Erneut meinte es ihr Feind ziemlich ernst, denn er ruckte wieder- einmal hielt sie sich, beim zweiten Mal klatschte sie erneut hin - aber nur auf die Knie und umklammerte weiterhin fest die Rute.

Und dann - riss die Schnur. Empört und enttäuscht starrte sie die kaputte Angel an und hörte im nächsten Moment ein Lachen hinter sich.

Wenn das möglich war, rappelte sie sich hoch und wirbelte noch empörter herum. John lachte sich halb kaputt. “Was ist denn so lustig, John?!”, giftete sie im Eifer des Gefechts, die Augen zu schmalen Schlitzen vereengt.

Ihr Gegenüber konnte nicht antworten, seine Schadenfreude schien schier grenzenlos. Wütend stapfte sie aus dem Fluss und schenkte ihm einen Todesblick, bevor sie einfach weiterlief.

“Warte doch.”, hörte sie hinter sich, im nächsten Augenblick spürte sie seine Hand auf ihrer Schulter, was sie herumdrehen ließ. Wie ein begossener Pudel stand sie da. “Ich fand deinen Einsatz ganz erstaunlich…” Er unterdrückte mühsam ein Lachen.

“Ich hab nichts gefangen!”

Er holte von seinem Pferd eine Decke, vermutlich um sich zur Beherrschung zu rufen und sie nicht gleich wieder lauthals auszulachen und legte sie ihr um die Schultern. “Das nächste Mal.” Er schaute sie an, auf eine komische Art - in Tabatha zog sich alles zusammen. Aber nicht auf eine unangenehme Weise.

Ihr Kopf war leer.
Sie war im Hier und Jetzt.
Zum ersten Mal in ihrem Leben, dachte sie nicht nach und starrte nur den Mann vor ihr an, der im nächsten Moment die Decke fester hielt und sie damit zu sich heran zog, um dann seine Lippen auf ihre zu legen, ganz vorsichtig, als wäre er sich selbst noch nicht sicher.

Sie wollte überrascht zurück, doch die Decke hielt sie in ihrer Position. John löste sich von ihr, blieb ihr aber so nah, das sie weiterhin keinen klaren Gedanken fassen konnte.

Die Schlange.
Der Garten Eden.
Das war falsch. Das war Sünde.
Sie war verheiratet.
Cleve würde sie töten.

“Ich kann das nicht…”, hauchte sie.

“Komm mit mir.”, flüsterte John, legte seine Stirn an ihre.

“Nein, ich muss-” Er drückte erneut seine Lippen auf ihre, diesmal deutlich sicherer, ließ die Decke los, die achtlos zu Boden glitt und hielt mit seinen Händen ihr Gesicht. Ihr Widerstand brach vorerst mit diesem zweiten Angriff auf ihren Verstand, der ihren Kopf komplett lahm legte.

Für den Moment war sie frei.

Und sie erwiderte den Kuss, während alles in ihr begann zu glühen.



___

Danke für's Lesen ♡
Bewusst mit einem einigermaßen Happy End. Hatte erst was anderes vor, noch drei vier Absätze weitergeschrieben aber sie dann wieder gelöscht, denn Herr Gott es ist Weihnachten und ich dachte Bratty, lass die Soziopathen-Kirche mal im Dorf.
Also ja. Frohe Weihnachten euch lieben Lesern :*


Musik beim Schreiben:
Von "Gunship" das Album "Dark All Day" ♡
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