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Is This Thing Cursed?

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
John Marston
17.12.2019
19.12.2019
4
9.817
6
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17.12.2019 1.813
 
Eine ganze Weile ritten sie querfeldein durch Wälder, passierten einen Fluss und hier und da sogar einen Weg. Es war dunkel und Tabatha kannte sich hier eh nicht aus. Sie konzentrierte sich lieber darauf möglichst erfolgreich ihre Gefühle niederzukämpfen.

Er hatte sie ausgetauscht.
Für sein Leben!
Er hatte sie…

Der Gedanke riss ab. Sie biss sich auf die Unterlippe, so stark, dass es blutete.

Er war ein Gentleman.

Die Glut, die sich durch ihre Haut fraß.
Der Schmerz. Ihre Hand pochte.

Er war ein Gentleman.

Er hatte sie getauscht.
Wie ein verfluchtes Stück Fleisch!

Er war ein Gentleman!

Plötzlich wurden die Pferde langsamer. Der Mann, der hinter ihr saß, stieg ab - warf ihr einen mahnenden Blick zu und sie blieb sitzen. Sie hörte dumpf die Stimmen ihrer Entführer, der Mörder von Michael, dieser Gesetzlosen…
Aber ihr Hirn war zu aufgewühlt, um ihnen zuzuhören. Es herrschte einfach nur Chaos, ein stumpfer Schmerz, der pochend auf und ab ebbte.

Kurz schloss sie die Augen, sie sah Michael vor sich, in seinem Blut liegend, den Blick starr und leer an die Decke gerichtet.

Blitzartig öffnete sie sie und ihr Herz raste. Ihr schien erst jetzt bewusst zu werden in welch’ furchtbar gefährlicher Lage sie sich befand.
Da sie so folgsam gewesen war, hatten sie ihr die Handfesseln entfernt. Sie saß völlig frei auf einem Pferd… vorsichtig tasteten ihre Hände nach den Zügeln, ihr Blick klebte an den schemenhaften Räubern, die sich immer noch unterhielten. Sie schienen zu streiten… auf jeden Fall waren sie ziemlich abgelenkt.

Sie spürte das raue Leder der Zügel mit ihren Fingerkuppen, umfasste es…

Was wenn sie, sie einholten?

Sie würden deutlich härter vorgehen, würde sie fliehen wollen, oder? Dieser Kerle dort waren bereit zu töten… sie hatten es demonstriert.
Wenn sie nur weiterhin tat, was sie verlangten… so würde es vermutlich angenehmer werden, richtig. Aber was, wenn Cleve nicht bereit war zu zahlen? Wenn er sie tatsächlich einfach sich selbst überlassen würde…

Dies waren Gesetzlose!
Monster!
Sie würden sie…

Ihr Blick war auf ihre Hände gerichtet, die die Zügel so fest umklammert hielten, dass ihre Knöchel weiß hervor traten.

Plötzlich hörte sie direkt neben sich eine Stimme, die sie erschrocken aufschauen und auch loslassen ließ. “Missy?”

Es war der Mörder.
Sie erkannte ihn wieder, auch wenn er sein Tuch nun vom Gesicht entfernt hatte. Die etwas längeren schwarzen Haare, die dunklen Augen, die sie spöttisch musterten: “Deine Zeit zu türmen ist vorbei. Steig ab.”

Sie tat dies umständlich und ohne zu reden. Je weniger sie von sich gab, desto weniger würde sie falsch machen können, richtig?

Er nahm sein Halstuch ab und band es ihr um die Augen. Sie spürte einen Luftzug, aber sie zuckte nicht zurück. Denn nun war es in der Tat stockfinster um sie herum. Angestrengt lauschte sie, hörte nun jemand von den Anderen rufen:

“Bist du soweit?”

“Sie ist blind.”

“Dann los.”

Sie gab einen empörtes Jappsen von sich, als sie plötzlich hochgehoben und zurück aufs Pferd bugsiert wurde. Instinktiv klammerte sie sich an dem Nächstbesten fest, was sie zu fassen kriegte - es war die Mähne.
Hinter ihr stieg der Mörder auf: “Ganz ruhig. Dein geliebter Feigling wird dich im Handumdrehen zurück nach Hause holen.”, flüsterte er ihr ins Ohr.

“Du hast ihn ermordet…”, hauchte sie zurück. Denn in der Dunkelheit hinter dem Tuch, hatte sich ein Bild manifestiert, welches sie anstarrte. Michael. Es war so verdammt aufdringlich, das sie die Worte ihres derzeitigen Gesprächspartners zwar aufgenommen, aber nicht richtig verarbeitet hatte.

Der Mann hinter ihr schien trotzdem zu wissen, wen sie meinte: “Er hat angefangen. Das lasse ich als Notwehr gelten.”

Tabatha schwieg. Notwehr, sagte derjenige, der den verfluchten Zug überfallen hatte. Wahrscheinlich redete er sich so jedes Opfer seines Revolvers schön. Aber sie würde sich eher die Zunge abbeißen, als irgendwas zu sagen, was ihren Entführer verärgern könnte. Sie hatte eh schon viel zu viel gesagt.

“Du siehst das wohl anders, hm?”

Weiterhin übte sie sich im beharrlichen Stillsein. Letztendlich gab es der Mörder hinter ihr auch auf ein Gespräch zu führen - außerdem schienen sie da zu sein. Die Pferde verlangsamten sich zu einem gemächlichen Trab, ehe sie komplett anhielten. Sie hörte leises Stimmengewirr, es roch nach Wald und Nacht.

Sie spürte die Hände ihres Hintermanns an dem Tuch, ehe sich die Dunkelheit lichtete. Ein paar Mal musste sie gegen das plötzliche Licht- wenn auch nur wenig- anblinzeln, dann inspizierte sie beinahe neugierig die Umgebung. Damit hatte sie irgendwie nicht gerechnet.

Ein paar Zelte, ein Feuer etwas weiter weg. Einige Menschen, die sich hier und da bewegten. Sie war sich sicher mindestens eine Frau ausgemacht zu haben. Plötzlich wurde sie am Arm berührt, ehe der Mörder ihr vom Pferd half. Eigentlich streckte er ihr nur eine Hand hin, die sie annahm, aber der Schwung, mit dem sie vom Rücken rutschte, war etwas zu viel, weswegen sie voll in den Mann hinein stolperte. Der fing sich gerade noch rechtzeitig und grinste sie amüsiert an - unwillkürlich beschleunigte ihr Herz erneut… sie schob es auf die Angst, während sie unsicher lächelnd etwas Abstand zwischen sich brachte.

Für jegliche Kommentare blieb zum Glück keine Zeit.

“Zu Dutch. Sofort!", befahl der Anführer, der ganz offensichtlich den Zugraub geleitet hatte. Er war zu den Beiden getreten, griff nach Tabathas Arm und setzte sich in Bewegung, sie mitzerrend. Ihr Mitreiter folgte, genau wie die anderen Beiden, die mit beteiligt an dem Überfall waren.

In den recht düsteren Lichtverhältnissen erkannte Tabatha nicht viel. Einer von ihnen war schwarz, das fiel ihr sofort auf. Ihr Blick haftete anschließend eine Weile auf dem derzeitigen Boss,  der sie gnadenlos hinter sich herzog, sodass sie arge Probleme bekam Schritt zu halten. Er war ein großer Mann, kräftig und blond, soweit sie das urteilen konnte.

Sie sollte nur ein paar Augenblicke später den richtigen Chef der Bande kennen lernen.

Dutch Van der Linde.

Oh bei dem Namen zog sich etwas in ihr zusammen, nistete sich tief in ihrem Magen ein und verharrte dort, schwer und unangenehm wie ein Stein.

Ganz anders als aus den Erzählungen, die sie auf ihrer Hochzeit über diesen Mann aufgeschnappt hatte, wirkte er recht freundlich. Aber etwas stimmte nicht mit ihm. Irgendwas an ihm wirkte nicht richtig.

"Nun schauen Sie mich doch nicht an, als wäre ich ein hungriges Monster, Misses Cornwall. Ich bin ein Gentleman und gewähre Ihnen hier drei Tage in denen Sie die Seite der Freiheit kennenlernen dürfen."

Er lächelte weit, fast raubtierhaft. Tabatha merkte eine Gänsehaut ihre Arme hoch wandern und versuchte sich an einem Lächeln, scheiterte jedoch kläglich. "Sie zittert am ganzen Körper.", stellte das Ungeheuer fest. "John bring sie zu den Frauen."

Der Angesprochene nickte und fasste sie am Arm, schob sie vorwärts, weg von der Versammlung. "Oh und John!", rief Dutch noch, was diesen innehalten und zurückschauen ließ, Tabatha hingegen starrte stur auf ihre Füße… versuchte die hemmungslose Panik in ihrem Innern niederzukämpfen, die sie jedoch fest im Griff behielt. "Behalt sie im Auge."

Er antwortete wohl mit einer Geste, denn kurz darauf gingen sie weiter. "Ich werde nicht fortlaufen, Sir.", ließ sich leise ihre Stimme vernehmen. Das schien nicht nur sie zu überraschen, denn ihr Aufpasser blieb abrupt stehen und musterte sie misstrauisch.

"Wirklich nicht!", setzte sie hinterher, während sie verunsichert durch seinen intensiven Blick, ihre Füße wieder anfing sehr interessant zu finden.

"Hören Sie zu Lady.", antwortete ihr Gegenüber endlich. "Zum Einen können Sie sich das Sir sparen. Nennen Sie mich einfach John, ja? Und zweitens- Sie wollen gar nicht wissen, wie viele in Ihrer Lage diesen Satz oder Ähnliche von sich geben. Und raten Sie mal…"

"Sie hauen alle ab?", riet Tabatha, ihn vorsichtig ansehend, beinahe schuldbewusst. Obwohl sie natürlich wirklich nicht vor hatte abzuhauen.

"Exakt." Damit griff er erneut ihren Arm und zog sie mit sich. Sie beobachtete ihn von der Seite und erkannte eine recht auffällige Narbe auf seiner Wange. Die war da noch nicht lange, teils war es mehr Wunde als Narbe. Jedoch überwältigte ihre innere permanente Anspannung mit Leichtigkeit das Aufbegehren der Neugierde. Außerdem waren sie angekommen.

Eine ziemlich betrunkene Blondine wurde gerade von einer Brünetten zum Zelt bugsiert.
Sie brachen ihr Gespräch (welches um irgendeinen Sean ging, der wohl nicht ganz so treu war wie ursprünglich angenommen) jedoch abrupt ab, als sie John erblickten. Die Nüchterne von Beiden hob die Augenbrauen: "Was wird das Marston?!" Ihre Angefressenheit war unüberhörbar.

"Dutch sagte ihr kümmert euch." Er zuckte die Schultern, während er Tabatha in ihre Richtung schubste, was diese mit einem empörten Laut kommentierte und außerdem einem Straucheln. Sie wäre sehr wahrscheinlich hingefallen, wäre die Brünette nicht einen Schritt vorgetreten und hätte sie aufgefangen. Dabei sah sie recht grimmig mit diesem wirklich hübschen Puppengesicht zu John: "Mir hier mitten in der Nacht fremde Frauen anzuschleppen. Ich habe genug zu tun!"

Der hob abwehrend die Hände: "Wow, Mary. Dutch seine Anordnung. Hab ein bisschen Mitleid. Ihr Gatte hat sie gegen sein erbärmliches Leben getauscht."
Mary kannte wohl wenig Mitgefühl, denn sie schüttelte nur den Kopf und schob Tabatha vor sich her ins Zelt - über die Schulter rufend: "Mir egal, Marston! Das nächste Mal kannst du dich um deine angeschleppten Geiseln selber kümmern!"
Sein "Es war Arthurs Idee!" wurde ignoriert.

Stattdessen wandte sich Mary nun Tabatha zu, die sie misstrauisch beobachtete. Doch zu ihrer persönlichen Überraschung lächelte die sanft: "Hey meine Liebe." Sie streichelte ihr über den Kopf. "Alles wird gut." Unter Frauen zu sein, auch wenn diese zu ihren Entführern gehörten, ließ Tabatha etwas entspannen. "Ich kümmer mich die nächsten Tage um dich. Du zitterst ja furchtbar." Eine Weile verharrten sie schweigend. Tabatha schluckte mühsam den Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. Schließlich räusperte sich Mary: "Schon gut. Du musst nicht reden. Ich such dir erstmal was zum Schlafen. Bin gleich wieder da." Sie streichelte ihr noch einmal mit dem Handrücken über die Wange, ehe sie aufstand und von der Betrunkenen - die sich mittlerweile ohne sich umzuschauen auf eines der Schlaflager geschmissen hatte und leise schnarchte - die Flasche mit Alkohol stibitzte, die diese umklammert hielt wie ein Plüschtier, um sie Tabatha zu reichen: "Wenn du Karen fragst, das beste Mittel gegen Kummer jeglicher Art." Vorsichtig nahm diese sie an, leise ein "Danke", murmelnd. Ihre Stimme klang brüchig. Aber sie würde nicht weinen. Nein! Sie schluckte tapfer die Traurigkeit hinunter.

Mary ging um das besagte Schlafzeug zu holen und Tabatha starrte die Flasche mit dem goldfarbenen Inhalt eine Weile an, ehe sie sie an ihre Lippen setzte und einen Schluck nahm, der sie husten ließ.  

Und während sie dem Schnarchen von Karen lauschte und weiter an dem Whiskey nippte, merkte sie plötzlich doch, wie ihr die Tränen die Wangen hinab liefen.
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