Is This Thing Cursed?

GeschichteDrama, Romanze / P18
John Marston
17.12.2019
19.12.2019
4
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17.12.2019 2.222
 
Ruckelnd setzte sich der Zug in Bewegung, langsam und träge. Schnaufend nahm er die ersten Meter Fahrt auf, wurde immer schneller, ehe er seine Reisegeschwindigkeit erreichte.

Der Tag beugte sich langsam der Nacht, zeichnete die Welt in ein sanftes Orange. Idyllisch rauschte die Natur da draußen vorbei. Die junge Frau, die am Fenster saß, starrte hinaus, beobachtete die Landschaft. Sie hatte eine gekauerte Haltung, die Beine an den Oberkörper gezogen und die Arme darum gelegt. Ihr Blick verriet nicht viel von ihren Gedanken, die tobten wie ein verfluchter Sturm auf hoher See.

Es fühlte sich nicht richtig an.

Ihr Leben war perfekt. Viele Frauen würden davon träumen. Von dem Cornwall-Spross geheiratet zu werden um anschließend ein Leben in Luxus zu genießen. Was machten da schon die Eigenheiten, die dieser in der Hochzeitsnacht ans Tageslicht befördert hatte?

Sie schloss die Augen, die Bilder von brennenden Zigaretten auf ihrer weichen Haut, ein schmerzhaftes Ziehen, welches sich von ihren Knöcheln zu ihrem Kopf hochfraß.

“Liebling, setz sich vernünftig hin!”, erklang die Stimme ihres Peinigers, ihres Ehemanns. Es ließ sie aus ihrer Trance schnappen, den Blick langsam ihm zuwendend und in eine normale Sitzposition gleitend.

Er war ein Gentleman.
Er war ein Gentleman.
Er war ein Gentleman!

Wie ein Mantra setzte sich der Gedanke fest, spulte immer wieder herunter - eine kaputte Schallplatte, die immer wieder zurücksprang, während sich die Glut durch ihre Haut fraß. “Was denkst du?” Er griff nach ihrer Hand und sie lächelte.

“Nichts besonderes, Darling.”, entgegnete sie, während ihr Blick erneut aus dem Fenster wanderte - sie stellte sich vor, wie ihr Mann dort draußen lag, auf den Schienen, die Räder des Zuges ihn zerfetzten, das Blut in die Kieselsteine sickerte… “Ich möchte alles wissen. Auch die nicht besonderen Gedanken.” Er drückte ihre Hand einen Ticken zu fest. Ihre Augen blieben diesmal stur aus dem Fenster gerichtet, denn ihr Gedankengang schockierte sie zutiefst. Sie hatte Angst, er könne es ihr jetzt gerade ansehen. Ihre Abscheu.

Glück.
Sie hatte so ein Glück.
Ein Gentleman. Ein wahrer Gentleman!
Gott würde Erbarmen mit ihr haben, wenn sie brav ihre Pflichten als Ehefrau erfüllte.

"Wir sind nun aneinander gebunden. Bis dass der Tod uns scheidet…" Die Räder des Zuges rollten dahin, unermüdlich, rissen Cleve Cornwall auseinander. Zu ihrer Beunruhigung lächelte sie und schaute ihn nun doch wieder an. "...du gehörst mir. Und alles was darin vorgeht auch." Er tickte ihr an den Kopf und sie nickte ergeben. Es machte ihn schier wahnsinnig, das ihm eben genau das auf ewig vorenthalten bleiben würde. Die Einsicht beruhigte ihr aufgewühltes Inneres. Ließ es zu, dass sie ihre Fassade weiterhin aufrecht erhalten konnte.

"Ich bewunderte nur die Landschaft."

Die Aussage stellte Cleve nicht zufrieden. Sie sah es mit einer gewissen Genugtuung in seinen Augen, obwohl er weiterhin lächelte. Zu ihrer Erleichterung ließ er endlich ihre Hand los, die sich an der Stelle rot verfärbt hatte.

"Ich werde uns etwas zum Trinken holen, meine liebe Tabatha", sagte er dabei und erhob sich. Unwillkürlich stieß sie einen erleichterten Seufzer aus, als er sich entfernte, ehe sie sich erneut der mittlerweile von der Nacht eingenommen Landschaft draußen widmete, Schemen die vorbei huschten - bis der Zug plötzlich abrupt bremste.

Es quietschte. Ein Ruck ging durch den Waggon und die Fahrgäste schrien teils erschrocken auf. Verunsichert schauten sie sich an, leise begannen einige unruhig zu tuscheln, immer wieder den Gang entlang sehend oder aus dem Fenster - in der Hoffnung den Grund für den plötzlichen Stillstand herauszufinden.

Bisher ohne Erfolg.

Tabatha wurde plötzlich von ihrem persönlichen Bodyguard - eher Aufpasser - am Arm gefasst: "Kommen Sie mit, Misses Cornwall!", raunte er und sie leistete dem Befehl Folge.
Hastig zog er sie hinter sich her, sie strauchelte einige Male, fing sich aber immer wieder. Ein mulmiges Gefühl hatte sich ihrer bemächtigt.

Letztendlich waren sie am Ende im Gepäckwagen angekommen. "Was ist denn los, Michael?", wagte Tabatha schließlich zu fragen, während der Angesprochene seine Augen suchend über die Kisten schweifen ließ.

Doch sie sollte keine Antwort erhalten, denn im nächsten Moment schubste Michael sie recht ruppig hinter eine der Kisten. Sie jappste empört nach Luft, doch bevor sie sich aufrichten konnte, schoss jemand.

Und ein anderer erwiderte das Feuer. Starr vor Schreck und Angst blieb Tabatha am Boden, ihre Ohren rauschten, während ihr Herz beschleunigte, schnell und schmerzhaft klopfte es gegen ihre Brust.

Noch ein Schuss.
Sie wagte es hinter sich zu schauen und konnte so gerade noch einen Blick darauf erhaschen, wie die Kugel traf. Ihr Aufpasser sackte leblos in sich zusammen, prallte dumpf auf den Boden auf, während das Blut aus seinem Kopf sickerte und die leeren, niemals wieder etwas sehenden Augen, starr nach oben gerichtet waren.

Auch wenn sie dieses Bild nur kurz sah, dann flog ihre Aufmerksamkeit weiter, zu dem Revolver, der ihm aus den toten Fingern gerutscht war… so nah zu ihr, das sie ihn mit einem ausgestreckten Arm erreichen konnte.

Sie wusste, während sie dies wie mechanisch in die Tat umsetzte, das sie das Bild trotzdem nie mehr loswerden würde. Kurz schloss sie die Augen, sah es vor sich - es hatte sich tief in ihre Netzhäute gebrannt, in ihr Hirn.

Dann hörte sie Schritte, die näher kamen.

Ihr Kopf rauschte.
Ihr Herz schlug so schnell, es wollte bestimmt jederzeit aus ihrer Brust fliehen.

Ein tiefer Atemzug.

Die Schritte waren so nah, der Mörder von Michael musste sich in unmittelbarer Umgebung befinden. Er würde sie jeden Moment entdecken.

Blind vor Panik tat Tabatha etwas völlig Unüberlegtes. Anstatt weiter zusammengekauert hinter der Kiste zu verharren, fasste sie den Revolver fester und erhob sich schwungvoll, richtete den Lauf direkt auf den Banditen ihr Gegenüber - der im ersten Moment tatsächlich überrascht war.

Leider hielt das nicht lange an und Tabatha hatte ihren Plan nicht weiter durchdacht: “Stehen bleiben oder ich schieße!”, hörte sie sich sagen. Es klang fremd in ihren Ohren. Und Gott wusste, sie würde niemals abdrücken!

Der Mann schmunzelte - zumindest vermutete sie das, denn er trug ein Halstuch um Mund und Nase. Die dunklen Augen musterten sie abschätzig. Dann ging er wortlos weiter auf sie zu, nahm ihr den Revolver einfach aus der Hand und antwortete ihr: “Dafür muss man ihn erst entsichern. Etwa so.” Er machte es ihr vor und hielt ihn nun ihr an den Kopf, was ihr Herz förmlich zum Überschlag brachte.

Ihr Puls musste ungesunde Ausmaße angenommen haben.

Ihr Gegenüber nahm ihr die Waffe vom Kopf und warf sie weg: “Lady, entspannen Sie sich. Geben Sie mir einfach nur all das Wertvolle an Ihnen - und ich bin weg.”

In der Panik, die sie ergriffen hatte, dachte sie gar nicht daran empört über diese doch recht beleidigende Aussage zu sein. Stattdessen kam der Aufforderung ohne Weiteres nach. Sie entledigte sich ihres Schmucks- zuerst der Ehering mit einer faszinierenden Erleichterung, danach ihre Halskette und die Ohrringe.

“Das war alles.”, murmelte sie, den Kopf senkend.

“Danke für ihre Großzügigkeit.” Er deutete eine Verbeugung an, dann wandte er sich ab und verschwand aus dem Waggon. Tabatha, die allein zurückblieb, sackte auf die Knie.

Nicht eine Sekunde länger hätten ihre Beine sie getragen. Sie zitterte am ganzen Körper. Doch trotzdem musste sie weg hier… mühselig stemmte sie sich wieder hoch. Sie konnte nicht hier bleiben. Neben dem toten Michael. Außerdem war ihr schlecht.

Also schleppte sie sich so schnell es ihre Beine zuließen nach draußen und erbrach.



“Schau, wen wir hier haben!”

“Lassen Sie die Finger von mir oder Sie werden es bereuen!” Cleve sah den Banditen böse an, der ihn gerade vorwärts geschubst hatte, um ihn seiner Bande von unwürdigen Individuen vorzuführen.

Der Eine - anscheinend der, der das Sagen bei diesem Überfall hatte - hob entnervt eine Augenbraue: “Und wer ist der Herr?”

“Das ist Cleve Cornwall.”, erwiderte sein Kidnapper aufgebracht.
“Woher weißt du denn sowas?”, mischte sich ein Weiterer ein.
“Ich lese Zeitung!”
“Ach komm Bill, erzähl nicht so ein Mist.”
“Tu ich.”
“Veralber-”

“Klappe!” Der Anführer kam einen Schritt auf ihn zu, musterte ihn von oben bis unten. “Und was sollen wir mit ihm?”
“Wir bringen ihn zu Dutch. Mann, der Vater dieses Mannes-”
“-ich weiß!”
“Wir können bestimmt ein schönes Sümmchen für ihn kassieren.”

Kurz herrschte eine angespannte Stille.

“Und wie hast du dir das vorgestellt?”, entkam es ihm schließlich - Cleve taten diese armen Bauern leid, also beschloss er sich einzumischen: “Gentleman. Wie ich merke, wollt ihr Geld.”, sprach er das Offensichtliche an. Außerdem wollte er nicht auf die Fürsorge dieser Idioten angewiesen sein. Nein. Nicht er. “Ich hätte da einen Vorschlag, der euch deutlich mehr bringen wird, als mich mitzunehmen.”

“Der redet Bullshit!” Der Typ, der ihn vorhin schon als Cornwall identifiziert hatte, verschränkte die Arme vor der Brust. “Der hat Schiss.”

“Lass ihn reden.”, murrte der Anführer. Dabei zeigte er einem seiner Kollegen etwas mit der Hand, woraufhin dieser leise murrend verschwand. Vermutlich Wache stehen, falls die Sheriffs auftauchten. Das würden sie bestimmt demnächst. Er musste sie möglicherweise nur hinhalten. “Aber beeil dich besser, Bursche. Denn wenn der erste Gesetzeshüter hier ist, nehmen wir dich einfach so mit, als Lebensversicherung, hm?”

Gut, dann doch Plan B.

“Ich gebe euch meine Frau.”

Ein heiseres Lachen von einem der Männer: “Und was bringt uns das?”

“Mein Vater und ich, wir sind uns nicht immer eins. Außerdem ist er ein vielbeschäftigter Mann. Ich hingegen biete euch die doppelte Menge Geld für meine Frau… und das innerhalb von drei Tagen.”

“Und wenn die doppelte Menge 5000 Dollar wären?”, griente der Anführer, woraufhin die restlichen nur mehr zwei Anwesenden lachten.

“Einverstanden.”

“Nun muss die Glückliche nur auftauchen, ich glaube der will uns nur verarschen, Arthur. Lass uns verschwinden.”

“Warte noch John… das könnte interessant werden. Also, Mr. Cornwall. Zuerst einmal möchte ich diese Frau sehen. Und zweitens meine Bedingungen. Das Geld innerhalb von drei Tagen an die Poststelle in Valentine. Den Aufenthaltsort ihres Täubchen erfahren Sie dann.”

“Das klingt mir nicht sonderlich fair… Nachher verliere ich Geld und Frau.”

“Immerhin behalten Sie ihr Leben, Mr. Cornwall.”, antwortete Arthur schulterzuckend. “Natürlich nur, wenn es besagte Frau tatsächlich gibt, denn wenn nicht… sind Sie mir so auf den Sack gegangen und haben meine wertvolle Zeit gestohlen, das ich sie hier und jetzt einfach erschießen werde.” Um seine Worte zu unterstreichen spannte er den Hahn seines Revolvers und hielt ihm Cleve an den Kopf. "Also?'

“Sie hat weiße Haare. Sie muss euch im Zug aufgefallen sein.”, hauchte der Bedrohte hinaus. Nicht einer seiner besten Pläne seinen Augenstern an diese Barbaren auszuhändigen… aber er hatte keine Wahl. Er konnte keine Geisel sein. Nicht er. Niemals. Tabatha hingegen war doch wie geschaffen dafür. Sie war ein braves Mädchen. Drei Tage würde sie durchhalten.

Arthur warf sowohl Bill, als auch John einen fragenden Blick zu, den der Letztere nickend erwiderte: “So eine hab ich gesehen. Ich hol sie.” Und er verließ den Waggon.

Es dauerte auch wirklich nicht lange, da kam er mit Tabatha zurück, die den Kopf gesenkt hielt - ihre weißen Haare waren ihr ins Gesicht gefallen, weswegen man nicht mal erahnen konnte, was sie wohl gerade fühlte. Ihre Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden - obwohl sie brav mit ging.

“Tabatha, mein Engel.”

Langsam hob sie den Kopf, kurz meinte Cleve so etwas wie Ungläubigkeit in ihrem Blick zu sehen, doch schnell wandelte sich dies zu einem frostigen Lächeln: “Mein Darling? Ich verstehe nicht recht…”

“Es ist nur für drei Tage.”

Nun war es ganz klar zu erkennen. Das kurze Bröckeln ihrer tapferen Fassade - ein flüchtiger Einblick in ihr wahres Inneres, in die Tiefen von Tabathas Gefühlen. Was er sah erfreute ihn - er wollte es öfter sehen. Öfter fühlen. Sie!

Sie gehörte ihm.

Und jeder dieser Augenblicke war wunderschön.
Wenn ihr abfälliger Blick ihn traf, der Hass in ihren Augen loderte. Wie gestern Nacht… dieses wunderschöne schmerzverzerrte Gesicht. Die Verachtung. Der Wandel ihrer Gutgläubigkeit zu purem Unglauben.

Leider vergingen diese Momente viel zu schnell. Genau wie dieser, war er innerhalb eines Blinzeln verschwunden, als Arthur auflachte: “Nicht ganz, was du dir vorgestellt hast, was Lady?”

“Es ist in Ordnung.” Sie senkte erneut den Blick, verwehrte Cleve den Einblick in ihr Inneres. Es enttäuschte ihn zugegeben schon sehr, aber er wusste, er würde schon noch genug Zeit mit ihr haben… Selbstgefällig lächelnd wandte er sich an den Anführer dieser Gesetzlosen: “Wie versprochen.”

“Wir werden uns auch an unseren Teil der Abmachung halten… wenn Sie ihren erfüllen, Mr. Cornwall.”

Dann gab er seinen Kollegen ein Zeichen und sie verschwanden mit seiner Frau im Schlepptau, die ihn nicht mehr eines Blickes würdigte. Oh, es machte ihn rasend vor Begierde… er würde so gerne ihre Augen sehen. Ihren Hass. Er räusperte sich - jetzt war nicht die Zeit, später.

“Das werde ich. Und Mr. Arthur… ich mag es nicht, wenn mein Eigentum beschädigt wird.”

“Was auch immer”, erwiderte der, etwas irritiert, ehe er ebenfalls aus dem Waggon verschwand. Nur Cleve Cornwall blieb zurück, der zufrieden vor sich hin lächelte.

Wer hätte gedacht, dass so eine langweilige Zugfahrt doch noch so interessant werden würde.


___

Hallo.

Wer meine andere Story 'Agony & Irony' kennt dürfte einiges bekannt vorkommen. Ich hoffe, ich habe es aber auch für andere Leser logisch geschrieben.
Dies ist eine alternative Zeitlinie, in der Tabatha Cleve tatsächlich geheiratet hat.
Hatte irgendwie Bock auf Tabatha und wollte mich vom Weihnachtsstress ablenken:D,hatte einfach so angefangen und es ist dann doch recht viel geworden.

Dann will ich mal nicht weiter aufhalten. :)
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