Die ältere Schwester

GeschichteFamilie, Fantasy / P12
Mokuba Kaiba OC (Own Character) Seto Kaiba
17.12.2019
17.12.2019
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Hallo zusammen,
ich habe eine alte Fanfiktion von mir gefunden. Genauer gesagt DIE ERSTE Fanfiktion, die ich je schrieben habe, damals, mit 12. Das ist jetzt schon einige Jahre her und ich fand die Idee witzig, ein Remake zu machen.
Hier also das Remake der Geschichte. Im zweiten Kapitel könnt ihr dann das Original lesen, für den Vergleich.
Ein Wort zum Plot: Mein OC ist meine Erklärung von damals, wer das junge Mädchen ist, das sich in den weißen Drachen mit eiskalten Blick verwandelt, bevor es offiziell wurde. Ich hatte sie mit einem OC ersetzt, bevor die eigentliche Figur in der Serie auftauchte. Dementsprechend sind einige Fakten auch Canon-abweichend und insgesamt ist der Plot nicht ganz geschichtskonform, aber wie gesagt, ich war 12. Also seht es mir bitte nach ;)

************************************


Kaiba stand an Deck seines Luftschiffes und ließ den Tag Revue passieren. Viel war geschehen, das ihn mehr in Aufruhr gebracht hatte, als er zugegeben hätte. Es war nichts, worauf er einen Gedanken verschwenden sollte, er wusste das. Was Marik, Ishizu und Yugi sagten, war blanker Unsinn. Etwas, das sie ausgeheckt hatten, um ihn zu verunsichern und in den Duellen zu schwächen. Aber davon ließ er sich nicht kleinkriegen.
Die Wahrheit hatte sich so tief in ihn eingegraben, dass auch ihre Behauptungen nichts daran hatten rütteln können: Sein Bruder und er waren vom Präsidenten der Kaiba Corporation adoptiert worden, weil Seto ihn in einem Schachspiel besiegt hatte. Deshalb war er auch zu seinem Nachfolger ausgebildet worden. Und seinem Ehrgeiz und seiner Intelligenz allein war es zu verdanken, dass er nun den Sitz des Präsidenten eingenommen hatte und durch diese machtvolle Position seine Träume verwirklichen konnte.
Hochmütig reckte Kaiba das Kinn und atmete die kühle Nachtluft ein. Eine frische Brise wehte ihm um die Nase und machte seinen Kopf angenehm klar. Sie holte ihn so weit aus seinen eigenen Gedanken heraus, dass er die leise Melodie vernahm, die ihm entgegenwehte. Erst wollte er sie ignorieren, sie als unwichtig und belanglos abtun – sicher nur das Klingeln eines Handys seiner Sicherheitsleute – doch dann wurde sie lauter, eindringlicher und lockender.
Kaiba hob den Kopf und schaute über das Deck. Es dauerte nicht lange, bis er die Quelle der exotisch anmutenden Melodie gefunden hatte: Eine junge Frau stand in einiger Entfernung auf der Säule, die vor dem Duel Monster Feld stand, und spielte eine silberne Querflöte. Kaiba hob eine Augenbraue. Er fragte sich, ob sie das Feld angelassen hatten, doch die Frau hatte keine Ähnlichkeit mit irgendeinem der Duel Monsters und sie wirkte zu real, um digital zu sein.
Dennoch schien sie sich von ihrer Umgebung nicht im Mindesten stören zu lassen. Die Augen hatte sie geschlossen, während sie die Flöte an die Lippen gesetzt hatte. Ihr langes weißblondes Haar wehte im Fahrtwind des Luftschiffes, flatterte um sie herum und verlieh ihr etwas Ätherisches. Seto konnte nicht anders, als sie anzustarren. Ihr Erscheinen war bizarr. Wie war sie an den Sicherheitsleuten vorbeigekommen?
Er machte einen Schritt auf sie zu.
Die Musik verstummte abrupt.
Während die junge Frau die Flöte sinken ließ, öffnete sie die Augen und schaute zu ihm hinunter, gleichmütig und mit einem milde interessierten Blick, als würde sie ein mäßig spannendes Tier im Zoo betrachten. Dann setzte sie einen Fuß nach vorn. Und fiel.
Kaiba ertappte sich dabei, wie er nach vorn stürzen und sie auffangen wollte, aber er war zu erstarrt und während er mit weit aufgerissenen Augen zusah, sanken ihre Füße so langsam auf den Boden, als wäre sie geschwebt. Ihr langes ägyptisches Kleid bauschte sich auf. Sie glättete es lässig und trat auf ihn zu.
„Seto“, sagte sie mit weicher Stimme, „Es ist schön, dich wiederzusehen.“
Kaiba trat einen Schritt zurück und versteckte seine Überforderung hinter einer kühlen Maske. „Kennen wir uns?“, fragte er eisig.
Sie legte den Kopf ein wenig schief, als würde sie darüber noch nachdenken. Dann nickte sie. „Ich tue es. Du tust es nicht“, sagte sie schlicht.
Kaiba knirschte mit den Zähnen. Er schränkte die Arme vor der Brust. Die Antwort ließ nur einen Schluss zu. „Sie sind ein Stalker“, stellte er fest.
Doch offensichtlich lag er mit dieser Behauptung falsch, denn sie schüttelte mit einem amüsierten Lächeln den Kopf. „Ein Stalker?“, fragte sie und konnte das Lachen nicht aus ihrer Stimme halten.
Ihre Reaktion verunsicherte Kaiba nur noch mehr. Er machte sich schon bereit, in sein Walkie-Talkie zu bellen, dass die Wachleute zu ihm kommen sollen. „Ein Stalker“, beharrte er finster, „Und eine von Ishtars Anhängern, wie mir scheint.“ Kaiba ließ den Blick über das ägyptische Gewand wandern. Der Blick der jungen Frau folgte ihm, dann lachte sie erneut.
„Seto, ich bin deine Schwester“, sagte sie, als wäre das offensichtlich.
Kaiba trat einen weiteren Schritt von ihr fort und löste die Arme aus der verschränkten Haltung, um sein Walkie-Talkie zu greifen. „Ich habe keine Schwester“, sagte er verbissen.
„Oder vielmehr, ich war es“, setzte sie hinzu, „Vor fast fünftausend Jahren.“
Kaiba sog scharf die Luft ein. „Verschwinden Sie“, zischte er und griff das Walkie-Talkie fester, „Ich weiß nicht, wie Sie auf dieses Schiff gelangt sind, aber ich rate Ihnen, es auf dem gleichen Weg wieder zu verlassen.“
Seine Worte schienen nicht die erwünschte Wirkung zu erzielen. Die junge Frau schüttelte mit einem leidenden Seufzen den Kopf. „Du erinnerst dich nicht“, sagte sie bedauernd, „Nun, das war abzusehen. Es ist lange her.“
„Gehen Sie, oder ich muss Sie entfernen lassen“, presste Kaiba zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Du hast schon einmal gelebt, Seto“, insistierte die junge Frau, ohne auf seine Warnungen einzugehen, „Vor fünftausend Jahren, am Hof des Pharaos. Es ist wahr.“
„Und wenn schon?“, fauchte Kaiba, der es leid war, die Geschichte zu hören, von der die Ishtars und Yugi so überzeugt waren. „Selbst, wenn es stimmen würde, was spielt das für eine Rolle?“
„Du hast mich geopfert“, murmelte die junge Frau leise, „Für den weißen Drachen mit eiskalten Blick.“
Kaibas Herz setzte einen Moment aus. Er gab sich alle Mühe, sich all das nicht anmerken zu lassen. Wieso nur hatte er das Gefühl, dass diese Frau ihn besser kannte, als ihm lieb war? Natürlich waren Stalker gut über ihre Ziele informiert, aber das…. war nicht mehr nur stalken, die Frau war verrückt.
„Du weißt, dass es stimmt“, sagte sie sanft, „Deine Seele erinnert sich daran. Wenn du sie nur lässt.“
„Sie sind wahnsinnig“, flüsterte er, weil es einfacher war, das zu glauben als dem leichten Ziehen in seinem Inneren zu folgen, das ihn tiefer in sein Selbst führen wollte. Er sträubte sich gegen die Vorstellung, irgendetwas anderes zu sein als Seto Kaiba, der Inhaber der Kaiba Corporation.
„Nein“, hauchte sie. „Aber, um ehrlich zu sein, habe ich beinahe erwartet, dass du mir nicht glauben würdest.“ Sie zuckte traurig mit den Schultern. „Du lässt mir keine andere Wahl“, sagte sie.
Und bevor Seto fragen konnte, welche Wahl er ihr nicht ließ, war sie verschwunden. Vom einen Moment auf den anderen.
Seto blinzelte, schaute sich um und bemerkte verwirrt, dass er allein war. Seine Hand hielt noch immer krampfhaft das Walkie-Talkie umklammert. Sie war schweißnass. Er schob das Gerät wieder in seine Jackentasche, griff sich an die Stirn und rieb sich dann über die Augen. Es war ein langer Tag gewesen. Er musste sich überanstrengt haben. Sicher würde ein wenig Schlaf helfen.

*

Kaiba hatte sich damit abgefunden, dass es eine üble Halluzination gewesen sein musste. Er überzeugte sich selbst immer wieder in Gedanken davon, während er ins Innere des Luftschiffes ging und auf dem Weg zu seinem Schlafzimmer noch einmal an dem kleinen Büro hielt, in dem noch Licht brannte.
„Mokuba, Zeit fürs Bett“, sagte er, doch der Stuhl am Schreibtisch war leer.
Seto durchlief ein Schaudern wie bei einer dunklen Vorahnung. Seine Nackenhaare stellten sich auf, während er tiefer in den Raum hineintrat. Die kleine Lampe am Schreibtisch war noch angeschaltet und Papiere lagen auf der breiten Fläche unordentlich verteilt. Seto runzelte die Stirn. Es sah Mokuba nicht ähnlich, nicht hinter sich aufzuräumen. Er wusste, wie wichtig es Seto war, dass alles seine Ordnung hatte, und hielt sich für gewöhnlich daran.
Als sein Blick die Unterlagen streifte, die vom ägyptischen Götterdrachen des Rah handelten, blieben sie an dem obersten Blatt haften, das nicht so recht dazu passen wollte. Es war eine Karte von Ägypten, mit einem kleinen roten Kreuz nahe am Fluss Nil. Und daneben stand eine Notiz, die nicht Mokubas Handschrift trug, ihm aber das Blut in den Adern gefrieren ließ: ‚Wenn Sie ihn wiedersehen wollen, kommen Sie nach Ägypten.‘
Kaiba zögerte nicht. Er griff die Karte und stürmte hinaus, während er bereits seine Sicherheitskräfte zusammentrommelte.

*

Mokuba saß auf dem Dach des flachen Hauses und schaute hinauf zum großen weißen Vollmond.
„Das glaube ich nicht“, sagte er leise und schüttelte den Kopf, „Das würde Seto niemals tun.“
„Er hat es bereits getan“, antwortete jemand neben ihm schwermütig.
Mokuba wandte den Kopf herum. Er glaubte nicht, dass Seto so herzlos gewesen sein soll. „Aber das ist schon so lange her“, gab er zu bedenken, „Vielleicht verwechseln Sie ihn?“
Die junge Frau lachte leise. „Glaub mir“, sagte sie in einem schwesterlichen Ton, „Ich kannte Seto damals. Und der Seto jetzt ist genauso wie der von früher.“ Ihr Blick ging nun ebenfalls versonnen hinauf in den sternenklaren Himmel. „Ich hatte ihm nie zugetraut, dass er so etwas tun würde“, sagte sie leise, wie zu sich selbst. „Ich hatte gehofft, die Familie wäre ihm wichtig genug, damit…“ Ihr Stimme verlor sich. Sie seufzte, dann zuckte sie mit den Schultern. „Genau wie du jetzt, hatte auch ich damals an ihn geglaubt“, fuhr sie fort, „Es mag mein vergangenes Leben gewesen sein, aber ich fühle es, als sei es in diesem geschehen.“
„Und was hast du jetzt vor?“, fragte Mokuba. Anders als Seto hatte er keine Angst vor der Fremden. Obwohl sie ihn im Büro aufgesucht, bei der Hand gegriffen und mit sich genommen hatte. Sie waren in einem grellen Lichtblitz vom Schiff verschwunden und als Mokubas Augen nicht mehr vom weißen Licht geblendet gewesen waren, hatte er sich hier wiedergefunden, in einem ägyptischen Haus, von dem aus man den Nil sehen konnte.
„Ich warte“, sagte sie, „Das Luftschiff muss einige tausend Kilometer hinter sich bringen. Nicht jeder ist so schnell wie ich.“ Sie grinste Mokuba spitzbübisch an.
„Bist du eine Zauberin oder so etwas?“, fragte er neugierig.
Sie kicherte. „oder so etwas“, antwortete sie und legte die Spitze ihres Zeigefingers gegen ihre Lippen. „Mehr wird nicht verraten.“
Ihre Stimmung übertrug sich auf Mokuba. Er grinste ebenfalls. „In Ordnung“, sagte er.
Eine friedliche Stille kam zwischen sie und Mokuba schaute zu den Sternen zurück. Er seufzte, während er den Blick über die kleinen Punkte wandern ließ und dann den großen Mond betrachtete. Dann seufzte er erneut.
„Dir ist langweilig“, stellte seine Begleiterin fest.
Mokuba senkte schuldbewusst den Kopf. „Ein bisschen vielleicht“, sagte er mit einem entschuldigenden Lächeln. Er war es nicht gewohnt, ganz ohne Beschäftigung zu sein. Nicht einmal sein Duel Monsters Deck hatte er bei sich.
Die junge Frau nickte. Dann erhob sie sich. „Lass mich dir etwas zeigen“, sagte sie, während sie zu ihm hinunterschaute. Ihre Augen funkelten.
Mokuba schwieg betroffen. Sie hatte ihre Hände gehoben und er ahnte, dass jetzt der nächste Zauber kommen würde.
Die junge Frau, die seine Unsicherheit gespürt haben musste, lächelte breiter. „Keine Sorge, es wird dir gefallen“, sagte sie, „Ich rufe meine Brüder und Schwestern.“
Mokuba schluckte nervös. Er war sich nicht sicher, ob ihm das tatsächlich gefallen würde. Immerhin hatte sie auch Seto als ihren Bruder bezeichnet. Wenn gleich mehrere Fremde auf diesem Dach standen, wüsste er nicht, wie er sich verhalten sollte.
Sie musste ihm wohl angesehen haben, dass er sich vor dem ängstigte, was kommen sollte, denn besänftigend fuhr sie fort: „Sie werden dir nichts tun, solange du dich ruhig verhältst.“
Mokuba stellte fest, dass ihn das noch mehr verspannte. Er wollte sie gerade bitten, das, was auch immer sie vorhatte, vielleicht zu verschieben, da öffnete sie den Mund und ein Schrei entwich ihrer Kehle, der gänzlich unmenschlich klang. Er war hoch und schrill, aber nicht furchteinflößend, eher betörend. Ein hoher animalischer Ton, der etwas in Mokuba rief, etwas bekanntes. Er kam nicht darauf, was es war.
Der Schrei verformte sich zu einer Abfolge von hohen Tönen, die über die Weiten der ägyptischen Wüste hinwegwehten, als würde ein großer Vogel sie in die Nacht hineinsingen. Und irgendwann, nachdem Mokuba sich nach seinem Schrecken wieder gefasst hatte, bemerkte er, dass sich die Melodie wiederholte. Sie verwandelte sich in einen überirdischen Singsang, der ihm in die Ohren drang und sie zum Klingen brachte.
Und dann hörte er in der Ferne die gleiche Melodie zurückkommen, wie von einem Echo. Einem tieferen Echo, als wäre es bauchiger als der Absender, voluminöser, monströser.
Ihm blieb beinahe das Herz stehen und er schrak zurück, als er aus der Wüste etwas in den Nachthimmel aufsteigen sah, das mit den breiten Schwingen schlug und sich ihnen rasch näherte. Er erkannte die Form auch aus mehreren Kilometern Entfernung. Es bestand kein Zweifel. Er musste nicht erst sehen, wie die weiße Haut im Licht des Vollmondes aufblitzte. Oder beobachten, wie sich die Flügel falteten und wieder aufspannten, wie sie es nur bei einem einzigen Wesen taten.
Und während es sich näherte und die Luft erfüllt war von der nicht enden wollenden Melodie, konnte sich Mokuba nicht einmal darauf konzentrieren, dass hinter dem ersten Geschöpf ein zweites aufgetaucht war. Und dass sich dann ein drittes in den Himmel hob.
Als der erste Drachen vor ihnen in der Luft zum Stehen kam, mit den mächtigen Schwingen schlug, um sich auf gleicher Höhe mit dem Dach zu halten, und die junge Frau ihm die Schnauze streichelte, war sich Mokuba sicher, dass er träumte.
Und das, obwohl es sich so furchtbar real anfühlte. Der weiße Drachen mit eiskaltem Blick hing nur drei Meter von ihm entfernt in der Luft und sah noch glaubwürdiger aus als in allen visuellen Simulationen der Spielfelder seines Bruders. Die breiten Flügel wirbelten Sand auf und schleuderten ihn Mokuba in einem feinen Regen ins Gesicht und in die Kleidung. Er konnte sogar die Wärme fühlen, die von dem Drachen ausging.
Seine Begleiterin war verstummt. Sie hatte die Hand auf die Schnauze des Drachen gelegt und die Augen geschlossen. Er ließ ein kleines melodisches Brummen ertönen.
„Du kannst ihn berühren, wenn du möchtest“, sagte sie und es schien, als würde sie übersetzen.
Mokuba kam unbeholfen auf die Füße. Das war einfach unglaublich! Er nahm all seinen Mut zusammen, trat neben sie und streckte vorsichtig die Hand aus. Der Drachen sah ihm an. Als ihre Blicke sich begegneten, lief es Mokuba kalt den Nacken hinunter. Der Drachen hatte die gleichen Augen wie seine ‚Schwester‘. Das war unheimlich.

*

Setos Luftschiff war nicht auf schnelle Flüge ausgelegt. Er war auf den Hubschrauber ausgewichen. Damit konnte er schneller große Entfernungen hinter sich bringen. Es hatte ihn einige Stunden gekostet, aber als die Nacht beinahe vorüber war und er weit in der Ferne bereits die Morgenröte erkennen konnte, sah er endlich das ersehnte Land vor sich.
Ein eigenartiges Gefühl beschlich ihn und festigte sich, je näher sie kamen. Er ignorierte es.
„Dort unten“, wies er den Piloten an, weil er die Biegung im Nil erkannte, die genauso aussah, wie auf der Karte. Nicht weit von hier musste der Treffpunkt sein, an dem er Mokuba fand.
Der Pilot benötigte keine weitere Anweisungen, denn das, was ihrer beider Aufmerksamkeit unerbittlich auf sich zog, ließ sich nicht ignorieren: Drei große silbrigweiße Flecken, die verdächtig nach Drachen aussahen.
Seto presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Vermutlich hielt jemand ein Duel Monsters Duell mit seiner neuen Technik ab… und mit gefälschten Karten des Drachen mit eiskaltem Blick. Welche Antwort sollte er sonst auf das haben, was er sah? Er war der einzige, der diese Karten besaß. Die Drachen kamen nur, wenn ER sie rief.
Je näher sie kamen, desto schwerer wurde es für Seto, seine eigene Version der Wahrheit zu glauben. Der Pilot ging in den Sinkflug und nun, da Seto die Drachen aus der Nähe sah, aber kein Feld erkennen konnte, begann er, selbst an seiner Theorie zu zweifeln. Doch wenn das keine Hologramme waren, was waren sie dann? Sie konnten nicht echt sein. Drachen gab es nicht.
Er sprang aus dem Helikopter, kaum, dass dieser auf dem sandigen Boden aufgesetzt hatte, und wollte zu dem Haus stürmen, vor dem sich die Drachen versammelt hatten. Wenn sie dort waren, war sicher auch Mokuba in der Nähe. Er hatte es im Gefühl.
Aber Seto kam nicht weit. Kaum, dass sein Fuß den ägyptischen Boden berührt hatte, taumelte er und bemerkte es nicht einmal. Sein Geist wurde so brutal von Erinnerungen geflutet, die sein Bewusstsein ertränkten, dass er nicht fühlte, was um ihn herum geschah. Bilder von längst vergangenen Zeiten traten vor sein inneres Auge. Sie ließen ihn vergessen, wo er gerade war. Was er gerade tat. Er sah sich in ägyptischen Gewändern in einem Tempel, von dem er wusste, dass es sein eigener war. Er sah seine Schwester. Und den Opferring, den er gezogen hatte, mit heiliger Kreide, um dem Drachen aus den Schatten ein Geschenk zu machen.
Es war ein fairer Tausch gewesen: Das Leben seiner Schwester für die ewige Dienerschaft des Drachen mit eiskaltem Blick.
Ein Schrei ertönte, hoch und schrill und weiblich. Ein Schrei, der hart und schmerzerfüllt klang und sich in seine Ohren brannte, sodass er glaubte, nie wieder etwas anderes hören zu können.
Dann wurde es schwarz vor seinen Augen und als er zu sich kam, lag er auf sandigem Boden in dunkler Nacht und sein Pilot machte sich daran, ihm auf die Füße zu helfen.
„Sir, alles in Ordnung?“, fragte der Pilot, aber es klang wie von weit her.
Seto nickte abwesend. Sie hatte also Recht behalten.
Er biss sich auf die Unterlippe, die bereits nach Blut schmeckte. Er musste sie sich aufgeschlagen haben, als er gefallen war, oder sie war zwischen seine zusammengebissenen Zähne geraten.
Das, was er gesehen hatte, hatte ein Teil von ihm erahnt. Und doch wäre es ihm lieber gewesen, es wäre für immer aus seinen Erinnerungen verbannt gewesen.
Nun erinnerte er sich auch an ihren Namen. „Kohiro!“, rief er zu ihr hinauf und für einen kurzen Moment ignorierte er die Drachen. Er hatte sie auf dem Dach des Hauses erspäht und nun, da sie zu ihm herunterschaute, fühlte er Trauer und Mitgefühl. Es waren ungewohnte Empfindungen. Seto schob sie von sich.
Wie schon auf dem Luftschiff, trat die junge Frau nun einen Schritt nach vorn und schwebte langsam von der Kante des Daches, auf dem sie stand, zu Boden. „Du bist also gekommen“, sagte sie.
„Seto!“, ertönte Mokubas Stimme von weiter oben, bevor Seto fragen konnte. Er hob den Kopf und sah, dass der Junge auf einem Rücken einer der Drachen saß. Er schien sich fabelhaft zu amüsieren und ihm fehlte nichts.
Nun erst konnte sich Seto wieder auf die Drachen konzentrieren. „Sie … sie sind echt?“, krächzte er atemlos und es gelang ihm nicht, den Blick von ihnen zu reißen, nun, da er einmal hingesehen hatte.
Kohiro nickte schmunzelnd. „Sie sind es“, antwortete sie, „Herbeigerufen in diese Welt aus der Welt der Schatten, nachdem mein Opfer gebracht wurde. Sie gehorchen unserer Blutlinie.“
Seto schwieg. Ihre Worte hatten ihn betroffen gemacht. Schließlich hatte sie wohl Recht behalten: Sie WAR seine Schwester und er HATTE sie geopfert.
Er öffnete den Mund, um eine Entschuldigung für seine Tat hervorzubringen, aber er war Entschuldigungen nicht gewohnt und alles, was er jetzt sagen konnte, kam ihm platt und abgedroschen vor. Also beschied er sich mit einem schlichten: „Es ist schön, dich zu sehen.“
Kohiro nickte. In ihren Augen bildeten sich Tränen, die im Mondlicht glitzerten. „Du hast dich verändert“, stellte sie fest, „Du bist hierhergekommen, obwohl du es nicht wolltest.“
„Du hattest Mokuba entführt“, gab Seto zurück.
Kohiro lächelte. Sie schien kein schlechtes Gewissen darüber zu haben. „Früher war dir dein eigener Erfolg wichtiger als andere Menschen, auch Geschwister“, sagte sie langsam und fuhr versonnen fort: „Nun sehe ich, dass das nicht mehr der Fall ist. Du hast es gelernt, über die letzten Jahrtausende.“
Seto seufzte. Sein Kopf schwirrte noch immer von den Eindrücken, um die er nicht gebeten hatte. „Mag sein“, sagte er ausweichend und kühler als beabsichtigt. „Also, was erwartest du? Jetzt, da ich hier bin.“
Zu seiner Verwunderung lächelte Kohiro nur. „Nichts“, sagte sie schlicht.
Seto hob skeptisch die Augenbrauen. „Nichts?“
„Nein“, stimmte Kohiro zu, „Du hast mich erkannt. Du hast gezeigt, dass du zu Liebe fähig bist. Das ist alles, was ich wollte.“
Seto schwieg. Er war hierhergekommen, nur, damit sie sich zurückzog und ihn endlich in Ruhe ließ? Bedeutete das, er konnte Mokuba mitnehmen?
„Nun kann ich Frieden finden“, sagte sie, seltsam entrückt lächelnd, „Und die Drachen ebenfalls.“
Sie wandte sich herum, den Drachen zu. „Wir werden ein letztes Mal fliegen“, sagte sie, an niemanden bestimmten gerichtet. Dann warf sie Seto einen Blick über die Schulter zu. „Wirst du mitkommen?“
Seto antwortete nicht sofort. Seine Vernunft erklärte diese Frau noch immer für vollkommen wahnsinnig und gefährlich. Aber da war etwas Vertrautes in ihrer Art. In ihrem Wesen. Etwas, das Seto ein Gefühl von Geborgenheit gab, auch, wenn er es nicht zugeben wollte. Und Sehnsucht nach Freiheit. Er nickte. „Wohin werdet ihr fliegen?“, fragte er.
Kohiro lächelte. „Nach Hause.“
Und dann, wie um den Zauber zu brechen, kicherte sie. „Aber zuerst zurück zum Luftschiff. Ich lasse euch nicht allein hier.“
Seto nickte ernst. „Sehr großzügig“, sagte er.

*

Es war ein berauschendes Gefühl. Seto hatte noch nie auf dem Rücken eines seiner Lieblingsdrachen gesessen und nun mit ihm durch die Nacht zu fliegen, dem Sonnenaufgang entgegen, verlieh ihm so viele Endorphine, dass er grundlos lachte. Das Tier, auf dem er saß, war wunderschön. Seine silberweiße schuppige Haut glänzte orange und violett im Licht der aufgehenden Sonne, auf die sie zuflogen. Und immer, wenn es einen leisen Schrei ausstieß, als wollte es in Setos Lachen einfallen, fühlte Seto diese tiefe Verbundenheit, die ihn alle Sorgen vergessen ließ.
Neben ihm flogen die anderen beiden, jeder auf einem eigenen Drachen und hinter ihnen, in einiger Entfernung, folgte der Hubschrauber.
Die Sonne ging vor ihnen am Horizont auf und blendete sie, während sie ihre Strahlen über die Welt sandte. Und dort, in der Ferne, hing vor ihnen in der Luft Kaibas Luftschiff. Sie steuerten direkt darauf zu. Die Drachen gingen in einen Landeflug und nachdem sie sicher auf dem Deck gelandet waren und Mokuba und Seto von den glatten Rücken hinuntergerutscht waren, schlugen sie mit den Schwingen und erhoben sich wieder in die Lüfte.
Seto suchte nach Kohiro. Er fand sie auf der Säule stehend, wo er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Sie stieß einen hohen Ruf aus, der von den Drachen erwidert wurde und schenkte Seto dann ein Lächeln. „Ich habe mich gefreut, dich wiederzusehen, Bruder“, sagte sie. Mit einer leichten Verbeugung setzte sie hinzu: „Gehabt euch wohl!“
Dann sprang sie in die Luft und im nächsten Moment verschwand sie in einer Wolke aus Seifenblasen. Seto keuchte auf, als er sah, dass auch die Drachen sich in Seifenblasen aufgelöst hatten. Sie flogen umher, verloren sich im Wind und wurden fortgeweht.
Und Seto und Mokuba standen auf dem Deck, allein und müde, und versuchten zu verstehen, was in den letzten Stunden geschehen war. Seto holte tief Luft. Dann legte er seinem kleinen Bruder eine Hand auf die Schulter. „Komm, Mokuba“, sagte er, „Wir müssen Schlaf nachholen.“
Sein Bruder nickte, den Blick noch immer auf die Stelle gerichtet, an der Kohiro in Seifenblasen aufgegangen war. „Meinst du, sie war ein Geist?“, fragte er leise.
Seto schwieg. Er fand, bei all den unglaublichen Dingen, die sie erlebt hatten, Trost in der Hoffnung, so tun zu können, als sei nie etwas geschehen. Was auch immer das heute gewesen war, es überstieg sein Verständnis. „Ich weiß es nicht“, gab er zu, dann wandte er sich zum Gehen. „Komm schon“, sagte er und bemühte sich, seinen üblichen autoritären Ton wieder zu erlangen. „Zeit fürs Bett.“
Er hörte Mokuba hinter sich versonnen seufzen. Dann Fußgetrappel, als er rennend zu ihm aufholte. „Ich komme schon“, versicherte Mokuba.
Und Kaiba schmunzelte. Er war froh, dass sein Bruder wieder bei ihm war. Ab sofort würde er noch schärfer auf ihn aufpassen.


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Wer wissen möchte, wie ich darauf kam, diese Geschichte neu zu schreiben und was ich generell dazu zu sagen habe, kann mal auf meiner Website vorbeischauen: www.Jessica-Graves.com

Und noch ein paar Worte zu dieser Version der FF:
An der einen oder anderen Ecke hakt es noch, aber das liegt vornehmlich daran, dass ich diesen Oneshot mal eben innerhalb von wenigen Stunden aufs Papier gebracht habe – als kleine persönliche Speed Challenge – und dass die Grundlage, auf die dieser OS aufbaut, in seinem Plot nicht ganz konsistent ist. Zwar gelang es mir, einige Plotholes auszumerzen und andere Schlinger zu korrigieren, aber ganz zufrieden bin ich noch nicht. Aber ich habe nicht vor, tiefer in die Yugioh-Fanfiktion-Szene hinabzusteigen. Es war eher eine Fingerübung. Daher genügt es mir so und ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen ;)
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