Das Schlafproblem

OneshotHumor, Schmerz/Trost / P12
Emma Mama Isabella Norman Ray
16.12.2019
16.12.2019
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Es war ein früher Morgen, so wie üblich im Gracefield Haus. Um Punkt sechs Uhr morgens richteten sich die verschlafenen Kinderlein aus ihren Bettchen auf und begannen mit der üblichen Routine. Aufstehen, umziehen, Zähne putzen, Haare kämmen, Essen, Tests, Spielen, Schlafen.

Aber bevor es so weit kommt, spulen wir etwas zurück auf Anfang.

Aufstehen.

Also stand Emma auf - so wie sie es üblich tat. Alles gut, alles fein. Die anderen Kinder purzelten wie wild vor ihr herum, suchten ihre Klamotten zusammen und fragten Emma unbeholfen, ob sie ihnen ihre Schuhe zubinden könne. Das Mädchen lachte nur kopfschüttelnd und half den kleineren Kinder bei der schweren Tat.

Nachdem auch das Anziehen erledigt war, hüpfte Emma gut gelaunt ins Bad, schnappte sich ihre Zahnbürste und begann, sich ihre Zähne zu putzen. Dabei sprang Thoma sie von hinten an und versuchte verzweifelt, ihr die Zahnbürste zu klauen. Alles normal.

Was für ein aufgeweckter Bub, dachte Emma, während sie lachend versuchte, den Kleineren von ihren Schultern zu werfen.

„T-Thoma, lass das!“, rief Emma kichernd.

„Warum bist du immer vor allen anderen im Bad, ich fass es nicht!!“, rief Thoma keuchend zurück - Emma schaffte es endlich, ihn von ihren Schultern zu entfernen.

„Ich bin halt ein geborener Wecker!“, grinste Emma überlegen.

Thoma streckte ihr die Zunge heraus und rannte wieder zurück in die Schlafzimmer, weil der Schlingel sich doch tatsächlich noch nicht umgezogen hatte.

„Pffh“, machte Emma nur schmunzelnd.

Als dann auch das Zähne putzen erledigt war, begab sich Emma mit ihren restlichen Geschwistern zum Speisesaal. Dort kam ihr auch endlich Norman entgegen, der fröhlich mit den jüngeren ihrer Geschwister die Tische deckte.

„Guten Morgen, Emma“, sagte Norman und lächelte breit. Emma grinste zurück.

„Morgen, Norman!“, gab Emma gut gelaunt zurück, „Hast du gesehen, wie schön die Sonne heute scheint? Da können wir prima draußen zusammen spielen!“

„Ah...“, machte Norman verlegen, „Ich glaube, ich hab das noch nicht gemerkt. Die Sonne blendet mich immer so leicht, besonders, wenn ich gerade aufgestanden bin. Sie tut mir immer in den Augen weh“

„Du darfst ja auch nicht reinschauen“, sagte Emma tadelnd, „Aber nach draußen schauen, das darfst du!“

„Das meine ich doch, Emma“, antwortete Norman verlegen, „Das ist mir so früh am Morgen dann doch etwas zu anstrengend“

„Ha?!“, rief Emma verständnislos aus.

„Guten Morgen, meine liebreizenden Kinder“, begrüßte Mama nun ihre Kinder. Sie hatte gerade erst den Raum betreten, frisch umgezogen, mit einem lieblichen Lächeln auf dem Gesicht. Sofort versammelten sich eine Menge von Emma und Normans Geschwistern um sie herum und zupften aufgeregt an ihrem hübschen Kleid herum. Mama schmunzelte nur und begann, die Kinder zu zählen.

Emma strahlte.

„Weißt du, Norman? Wenn wir nachher mit den Tests fertig sind, frage ich Mama, ob sie mal wieder mit uns zusammen Fangen spielen will! Bei so einem tollen Wetter kann sie einfach nicht nein sagen!“

„Das ist eine großartige Idee, Emma!“, pflichtete ihr Norman bei, „Dann können wir sehen, ob sich etwas an unseren Fähigkeiten verbessert hat“

„Yup!“

„Na sowas“, hörten die beiden Mama sagen, „Sieht so aus, als würde noch Ray fehlen“

Emma wurde stutzig. Ray fehlte?

„Aber wo kann er denn sein?“, flüsterten ein paar Kinder verwirrt.

Mama wandte sich an Norman und Emma.

„Wärt ihr so lieb und würdet ihn schnell holen? Ich kümmere mich währenddessen um das Essen“, sagte Mama.

„Aber natürlich!“, antwortete Emma enthusiastisch, „Komm, Norman“

Emma nahm Normans Hand und zog ihn quer durch den Raum in den Flur. Das schien Norman ziemlich zu überfordern, denn dieser stolperte bloß unbeholfen hinter ihr her.

„W-Warte, Emma! Nicht so schnell!“

„Oh! Tut mir leid“

Emma ließ Normans Hand los. Dieser seufzte erleichtert.

„Und was nun?“, fragte Norman, „Wenn wir jeden Raum einzelnd absuchen, sind wir nicht rechtzeitig zum Essen zurück, wir könnten uns aufteilen, um schneller zu sein, aber wenn wir zusammen sind haben wir womöglich einen besseren Überblick auf-“

„Raaaaaaaay!“, rief Emma durch den Gang.

Norman hob eine Augenbraue.

„Oder so, nehme ich an“

Selbstverständlich blieb eine Antwort aus.

Emma öffnete die Tür von einen der Schlafzimmer, das, in welchem Ray üblicherweise schlief. Doch wie zu erwarten, befand sich dort kein mürrisch aussehender Junge mit einer Emo Frisur des Todes, wenn Emma mal so darüber nachdachte.

„Das ist ja komisch“, murmelte Emma, „Sein Bett sieht schon mal ziemlich gemacht aus“

Norman starrte besorgt auf das Bett.

„Emma, was ist, wenn er gar nicht im Bett war?“

„Huh, wie meinst du das?“, fragte Emma und blinzelte den Jungen neben ihr verwirrt an.

„Ich glaube, ...ich weiß wo Ray ist“, meinte Norman auf einmal und nickte.

.

„OhmeinGott Norman, du bist ein Genie“, sagte Emma, als beide die Bibliothek betraten. Dieser Teil des Gracefield Hauses war schon immer eines der meistbesuchten Orte von Ray. Fast keiner der Kinder las wirklich, dafür waren sie entweder zu jung, oder sie fanden es - gelinde gesagt - öde. Emma fand Bücher ganz in Ordnung, Norman las recht gerne, aber Ray...

Emma meinte, mal gehört zu haben, wie Mama gesagt hatte, dass Ray bereits fast jedes Buch aus der Bibliothek gelesen hatte.

Und eigentlich dachte sie sich nicht viel dabei, aber als ihr hunderte von Wälzern entgegenkamen, da wurde ihr ganz mulmig.

„Hier“, hörte Emma nun Norman sagen. Er war bereits weiter nach vorne gegangen und hatte sich umgesehen.

Das rothaarige Mädchen gesellte sich zu ihrem Bruder, nur um das zu entdecken, was sich vor ihnen befand.

Es war, um es kurz auszudrücken, Ray.

Aber er schlief. Tief und fest.

Um ihn herum lagen verstreut offene Bücher, ein paar hielt er sogar noch in den Händen. Sein Kopf war leicht gesenkt, die Haare fielen ihm dadurch etwas aus dem Gesicht und zeigten den beiden Geschwistern, dass seine Augenlider geschlossen waren.

„Uhh“, machte Emma, „Das sieht goldig a-“

„Shh!“, machte Norman zurück, „Wir sollten ihn nicht wecken“

„Aber er verpasst sonst das Essen“, sagte Emma.

„Ich weiß nicht, Emma-“

„Was weißt du nicht, Norman?“, ertönte Rays schwache Stimme vom Boden aus. Norman sprang fast einen Meter vor Schreck zurück.

„R-Ray!“, keuchte Norman und fasste sich an die Brust, „Du hast mich erschrocken!“

Emma lachte.

„Guten Morgen, Schlafmütze!“, rief sie weiter.

Ray hielt sich genervt seine Ohren zu.

„Ich bin keine Schlafmütze“, sagte er sachlich, „Wärst du an meiner Stelle, würdest du nie wieder schlafen, Emma“

„An deiner Stelle?“, fragte Emma verwirrt.

Ray pausierte kurz, als wäre er sich nicht sicher, was genau er antworten sollte. Oder als wäre er in Begriff, etwas zu sagen, was er nicht wollte.

„Ja“, meinte Ray nur. Vorsichtig erhob er sich und wischte sich den Staub vom Boden von seiner Hose.

„Geht es auch präziser?“, fragte Norman.

„Nicht wirklich“, wich Ray aus, „Wenn sie so viele Bücher wie ich lesen würde. Außerdem hasse ich aufstehen. Es erinnert mich daran, dass wieder ein Tag beginnt, an dem ich euch zwei Idioten ertragen muss“, er grinste.

Emma schmollte.

„Das sagst du doch nur so“

„Tu ich nicht“, antwortete Ray gelassen.

Norman hörte nicht mehr zu. Für ihn klang es, als würde Ray etwas verbergen und versuchen, dem jetzt auszuweichen. Aber das musste bestimmt einen Grund haben, also beließ er es dabei, um seinen Bruder nicht weiter zu bedrängen.

„Also, warum hast du immer noch geschlafen?“, fragte Emma neugierig.

Ray sah spöttisch zu Emma.

„Nicht jeder ist so ein Frühaufsteher wie du, Emma“, gab Ray nur trocken von sich.

Norman grinste.

Ray nun auch.

„HEY! Ich bin kein Frühaufsteher! Bloß gut gelaunt!“, sagte Emma.

„Emma“, Ray klang ernst, „Keiner ist gut gelaunt, wenn er aufsteht“

„Vielleicht in deinem Kopf!“, schnappte Emma und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wir sollten vielleicht langsam Essen gehen“, versuchte es Norman langsam.

Emma nickte aufgeregt.

„Jaja! Mama sucht uns bestimmt schon, weil wir hier so viel quasseln!!“

Rays Lächeln fiel schlagartig.

Sogar Emma schien diesmal davon getroffen zu sein.

„Dann los“, meinte der schwarzhaarige Junge nur und ging los.

Emma und Norman blieben etwas verdattert zurück.

.

Beim Essen war Ray still. Emma und Norman tauschten ein paar beunruhigte Blicke miteinander. Irgendetwas stimmte mit Ray heute nicht.

Norman hatte da schon eine Theorie. Irgendetwas hat Ray letzte Nacht beschäftigt, dann ist er in die Bibliothek. Dort hat er wohl bis in die frühen Morgenstunden durchgemacht, dann ist er eingeschlafen, vielleicht sogar erst kurz bevor Norman mit Emma eintraf. Und jetzt ist er so müde und erschöpft, dass er anfängt, Dinge auszuplappern, die er sonst für sich behält. Und wenn es nach Norman ging, dann kam es ihm so vor, dass Ray anscheinend ein Problem mit Mama hatte.

Nach dem Essen teilte er seine Gedanken Emma mit.

„Du hast Recht“, gab Emma zu, „Vielleicht haben sich beide gestritten und brauchen einen kleinen Schubser!“

„Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, er hat Mama schon seit ich denken kann immer ein wenig gemieden“, gab Norman zu.

Emma sah besorgt aus.

„Das ist wohl ein besonders schlimmer Streit gewesen“, flüsterte sie traurig, „Vielleicht können wir etwas daran ändern“

„Wenn wir sie dazu bringen, sich auszusprechen, sicher“, stimmte Norman zu.

Und dann setzte der Plan ein.

.

Nachdem die Tests beendet worden waren, durften die Kinder draußen spielen. Ray verzog sich direkt zu seinem heißgeliebten Baum. Und da ging es los.

„Mama!“, rief Emma und rannte zu der hübschen Dame im Kleid, „Kannst du mit uns Fangen spielen? Bittebittebittebitte?“

Mama sah schmunzelnd zu Emma hinunter.

„Aber natürlich. Heute ist ein schöner Tag, um selbst ein wenig aktiv zu werden. Also, soll ich dieses Mal wieder “Es” sein?“

„Ja!!“, riefen die meisten Kinder direkt.

„Halt!“, meinte Emma.

Mama sah verdutzt aus.

„Ich will, dass wir alle “Es” sind, außer du uuund Ray! Wir müssen euch finden aber ihr dürft euch nicht trennen! Ihr müsst zusammen versuchen, zwanzig Minuten vor uns versteckt zu bleiben“, stellte Emma klar.

Ihre Geschwister sahen sie mit großen Augen an.

Mama sah genauso verdutzt aus.

„Wieso gerade Ray?“, fragte sie verwirrt.

„Weil er auch zuletzt vor Ewigkeiten mit uns Fangen gespielt hat“, antwortete Emma.

Währenddessen nahm sich Norman Ray vor.

„Hey Ray“

„Hm?“, machte Ray nur.

„Ich wette, du und Mama könntet keine Minute zusammen gegen uns gewinnen, wenn wir fangen spielen würden“, summte Norman.

Ray verharrte in seiner Position. Er starrte wirr auf das Buch, welches er gerade las.

„Was wird das?“, fragte Ray langsam.

„Eine Wette“, meinte Norman.

„Eine Wette“, wiederholte Ray.

„Ja“, sagte Norman und lächelte.

Irgendetwas schien sich in Ray zu regen, denn er sah auf einmal gestresst aus, als würde die eine Hälfte eines Gehirns "Jawoll, die Wette nehme ich an!" schreien, während die andere Hälfte sowas wie "Nichts wie weg hier!" posaunte.

„Mir egal“, meinte Ray dann nur.

„Dann macht es dir sicher nichts aus“, sagte Norman.

.

„Ich kann das nicht glauben“, sagte Ray müde.

Er saß mit Isabella auf einem Baum, einen der höchsten hier in Gracefield. Die Blätter waren dicht, der Baum war abgelegen und deshalb war es ein ziemlich gutes Versteck. Aber Gracefield besaß auch talentierte Kinder in seiner Obhut, also war es ein schlechtes Versteck und Ray war sich sicher, dass er und Isabella gefunden werden würden.

„Was kannst du nicht glauben?“, fragte Isabella. Sie hatte interessiert ihr Gesicht zu ihm gewandt, während er darüber nachdachte, ob er sie womöglich vom Baum werfen könnte. Aber das wäre töricht gewesen.

„Dass ich mich auf diesen Mist eingelassen habe“, grummelte Ray.

„Du siehst müde aus“, sagte Isabella nur, „Hat das etwas damit zu tun, dass Conny bald adoptiert wird?“

Ray schnaubte nur.

„Manchmal wünschte ich, du wärst nicht meine Mutter“, sagte Ray.

Isabella hob verwundert eine Augenbraue.

„Nur manchmal wünschst du dir das?“, fragte sie nach.

Ray reagierte nicht.

Die Erwachsene legte ihren Kopf in den Nacken.

„Manchmal wünschte ich, du wärst ein Mädchen geworden. Dann hättest du wenigstens eine Wahl“, gab Isabella zurück.

„Es würde nicht viel ändern“

„Nein, würde es nicht“

.

Emma und Norman haben es nach achtzehn Minuten geschafft, Mama und Ray zu finden. Norman hatte die Vermutung, dass die beiden sich wenig Mühe gegeben hatten. Aber vielleicht konnten sie sich ja aussprechen in der Zwischenzeit.

„Und?“, hatte Emma gefragt, als Ray ihr später beim Abendbrot begegnet war, „Konntest du mit Mama reden?“

Ray erstarrte.

Norman betrachtete ihn besorgt.

Dann fing Ray an, eine Grimasse zu ziehen.

„Aber klar doch“, meinte er, „Jetzt ist alles wieder gut“

„Wirklich??“, Emma war begeistert.

„Ja. Wir hatten ein paar Meinungsverschiedenheiten. Aber dank euch ist jetzt alles wieder gut“, sagte Ray, „alles...ist gut...“

Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als würde Ray zu weinen beginnen. Emma dachte vor Freude - aber natürlich war es in Wirklichkeit nicht so.

„Danke, Leute. Für alles“, meinte Ray.

Emma und Norman lächelten nur.

Und waren noch verwirrter, als Ray am nächsten Tag schlafend unter einem Berg von Büchern in der Bibliothek lag.