AWARE - Mister Hayden²

GeschichteRomanze / P18
15.12.2019
14.03.2020
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Ich wage mich an den zweiten Teil und hoffe, euch auch hier weiter mitnehmen und unterhalten zu können! Es bleibt, wie ihr es gewohnt seid. Alles tanzt fleißig aus der Reihe und verarscht mich bei jedem Kapitel. Never change a running system. In diesem Sinne: Viel Spaß weiterhin mit Maddy, Alek, dem Tiger und irgendwie auch ein bisschen mit Nate und Vicky

Für die, die neu sind = Teil 1 https://www.fanfiktion.de/s/5bb084980006186923bb756d/1/AWARE-Mr-Hayden



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Madison Harper

Nachdem ich vor wenigen Monaten den Flieger bestiegen habe, weil Aleksander Hayden und Virginia Bennett mich als Unterstützung und ersten Schritt der Übernahme von Phoenix angefordert haben, hat sich beinahe jeder Tag darum gedreht, die Firma in Helena, meinen mittlerweile Exarbeitgeber, aufzukaufen.

Das neue Jahr ist gerade einmal eine Woche alt, und alles, was ich so lange herbeigefiebert und gleichzeitig verflucht habe, stellte sich gestern Abend als einzige Lüge heraus. Ich mag es normaler Weise, mir über etwas stundenlang den Kopf zu zerbrechen und zu hinterfragen, wie blind ich hatte sein können, doch diese Zeit lässt man mir nicht. Oder vielmehr: Ruth Hayden lässt sie mir nicht. Anstatt mit dem schönsten Mann der Welt in einem Hotelzimmer zu sitzen und ihn solange auszuquetschen, bis meine Neugierde befriedigt ist, muss ich die Tatsache erst einmal unzerkaut schlucken, umgeben von Fluggästen, die eilig an uns vorbei hetzen. ,,Hier.“ Ich reiche dem sonst so kontrollierten CEO von H.A.L.L. die Bordkarte und seine Tasche. Kontrolliert. Das ist vermutlich das erste Wort, das ich sagen würde, wenn mich jemand nach Aleksander Haydens Charakterzügen fragen würde. Dass Alek aber so viel mehr ist, was sich nur selten in Worte fassen lässt, wissen nicht Viele. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich so nervös wie jetzt jedem zeigt. Aber manchmal verliert auch der größte Kontrollfreak die Fassung. Vor allem, wenn es um seinen vierjährigen Sohn geht. Zwar kenne ich durch Ruth die Fakten, die uns in New York erwarten, richtig begreifen kann ich aber nicht, was zu Hause wirklich los ist. Ebenso wie Alek offensichtlich. Daher greife ich nach dem Revers seines Wintermantels und ziehe ihn soweit zu mir hinab, bis er nicht anders kann, als nur mich anzusehen. ,,Alles ist gut, Baby. Überzeug dich davon und ruf mich sofort an.“ Die grünen Augen des millionenschweren CEOs sehen gerade dermaßen hilflos auf mich hinab, dass ich mich nicht einmal ansatzweise darüber amüsieren kann. ,,Der nächste Flieger ist meiner. Nur zwei Stunden.“ Ich lasse meine Finger über seinen ungewollten Dreitagebart gleiten und strecke mich soweit zu ihm hoch, bis ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüren kann.

,,Letzter Aufruf für den Flug AA472 nach New York“, dröhnt die blecherne Frauenstimme durch die Flughafenhalle und fordert auch die letzten Gäste zum Check-In auf. Aus meinem geplanten Abschiedskuss wird ein flüchtiger, ehe ich ihm auch seine Laptoptasche reiche und mit einem Kopfnicken deute, dass er gehen soll.

Er holt tief Luft, sieht mich noch immer so an als könnte er nicht so recht begreifen, dass er jetzt diesen Blechvogel besteigen muss, obwohl Mister Lukas und ich hier stehen bleiben und ihn dabei beobachten. Ruths Anruf kam unvorbereitet, die Tatsache, dass ich es geschafft habe ihm den letzten Platz im Flieger zu organisieren überraschend. Er hatte noch nicht einmal Zeit gehabt aus seinem Dreiteiler herauszukommen, den er während des letzten Meetings getragen hat, bevor wir ihn ins Auto bugsiert und zum Flughafen geschliffen haben. Unter anderen Umständen würde mich vielleicht sogar erheitern, dass auch ein Aleksander Luca Hayden mal Hilfe braucht, weil er von etwas überfordert ist. Aber lustig sind die Umstände, unter denen er Helena verfrüht mitten in der Nacht verlässt, eben nicht. In keinster Weise.

,,Du kümmerst dich um den Rest?“, ertönt seine unwahrscheinlich markante, tiefe Stimme nach gefühlten Stunden des Schweigens.

,,Sieh zu, dass du in den Flieger kommst, Alek. Miss Harper und ich erledigen den Rest. Sobald Connor nicht länger offizieller Inhaber von Phoenix ist, werde ich nachkommen.“ Alek brummt auf diese Versicherung etwas Unbestimmtes, beugt sich nochmals zu mir hinab, um meinen flüchtigen Kuss zu erwidern, bevor er zum Check-In eilt und den Personalchef und mich hier zurücklässt.

Ich sehe ihm solange nach, bis er um die Ecke und damit aus meinem Sichtfeld für mindestens die nächsten zehn Stunden verschwindet. ,,Wann geht Ihr Flug genau, Miss Harper?“

Langsam wende ich mich von dem Punkt ab, an dem Aleksander vor wenigen Minuten noch gewesen ist und folge meinem neuen Personalchef zurück zum Parkplatz. ,,In drei Stunden. Check-In erledigt Virginia gerade, Koffer sind unordentlich aber vollständig gepackt.“

,,Müssen Sie ihn abgeben?“, fragt der Bärtige und sieht mit einem Schmunzeln auf mich hinab. Ich meine, der Mann ist verheiratet. Ihm ist mehr als bewusst, dass ich niemals mit Handgepäck zurück nach New York reisen würde. Schon gar nicht, nachdem ich beschlossen habe richtig umzusiedeln. ,,Alles klar“, fügt er nach einem vielsagenden Blick von mir hinzu und deutet mit einer ausladenden Geste zum Ausgang der überfüllten Flughafenhalle.

Dass er auf dem Weg plötzlich einen Haken schlägt und in die vollkommen falsche Richtung geht, verleitet mich dazu verdutzt stehen zu bleiben. ,,Mister L...“ Er legt sich den Zeigefinger auf die Lippen und deutet auffällig unauffällig auf einen Schalter der unzähligen Fluggesellschaften. Als ich dann auf seinen Lippen das nicht zu hörende Wort 'Westwood' zu lesen glaube, werfe ich einen Blick in die entsprechende Richtung. Unter all den vielen Fluggästen schafft auch dieser Mann es, auf seine eigene Art und Weise aus der Menge hervorzustechen. Er ist definitiv keine Konkurrenz für Aleksander, aber er hat irgendetwas an sich, das einen zwingt, ihn mehr als einmal anzusehen. Nicht mein Geschmack, dennoch beeindruckend. Ich hatte Westwood eigentlich irgendwie anders im Kopf. Kleiner, dicker, mit Glatze.

'Du klingst gerade wie Dad!'

Mag sein. Aber ich finde, dass das irgendwie besser gepasst und mir geholfen hätte, den Briten richtig scheiße zu finden. Andererseits... Wenn man sich Mia ansieht. Westwood-Gene sind nicht unbedingt die Schlechtesten. Da gibt es weitaus Schlimmeres. Dieser Westwood dort versucht scheinbar händeringend ein Ticket zu bekommen und versagt doch kläglich. Er will unbestreitbar nach New York, doch zu meinem und Aleksanders Glück habe ich die Letzten bekommen. Und auch bei mir ist fraglich, ob ich überhaupt mitfliege, oder auf den Nächsten warten muss.

Ich sehe zurück zu Lukas und er ist weg. Weg. Weg, weg! Der wird mich doch jetzt nicht hier stehengelassen haben! Eilig lasse ich Westwood am Schalter zurück, durchquere die Flughafenhalle, weiche den hektischen Reisegästen aus, bis ich am Ausgang ankomme und besagten, flüchtigen Personalchef neben der Tür wiederfinde. ,,Ich dachte, Sie lassen mich einfach hier stehen!“

,,Ich hätte gekonnt. Immerhin fliege ich heute nicht zurück, aber im Kofferraum befindet sich noch Ihre Kleidung, Miss Harper“, lässt er mich mit einem Augenzwinkern wissen und geht neben mir her. ,,Westwood wird irgendwie an ein Flugticket herankommen, versprechen Sie mir daher, im Wartebereich so viel Abstand wie möglich zu ihm zu halten. Ich gehe davon aus, dass er Sie erkennen würde.“

,,Warum sollte er?“, frage ich zweifelnd und lasse mir mein schweres Gepäck von ihm reichen, nachdem er es aus dem Kofferraum gehievt hat.

,,Weil Alek und Westwood schon seit Jahren keine Gelegenheit ungenutzt lassen, sich gegenseitig ein Bein zu stellen. Sie können sich sicher sein, dass Westwood die Privatsekretärin seines Feindbildes kennt.“

Darauf weiß ich nichts zu erwidern, weil es albern und trotzdem nachvollziehbar ist. Mit dem Betreten des Spielbretts, das sich H.A.L.L. nennt, habe ich unbewusst begonnen am Spiel teilzunehmen. Natürlich bin ich irgendwie, wenn auch nur unterschwellig, auf der Agenda des Briten gelandet. Und wenn auch nur, um Teile von Aleksanders Alltag im Auge zu behalten. Daher nicke ich lediglich und entferne mich langsam vom Wagen. Mister Lukas folgt mir dieses Mal nicht, sondern winkt nur noch unterschwellig, während sich die Schiebetüren des Flughafens erneut lautlos öffnen und mich wieder einmal in eine Zukunft in New York leiten, die mehr als nur ungewiss für mich ist.