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Nüsse aus der Erde

von smaili
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFreundschaft / P6 / Gen
15.12.2019
15.12.2019
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Rosetta hatte es eilig. Bald schon würde sie Winterruhe halten müssen. Aber Rosetta war nun mal schusselig und ihr fiel einfach nicht ein, wo sie während der warmen Jahreszeit ihre Vorräte für den Winter vergraben hatte.

Das kleine Eichhörnchen huschte über den hart gefrorenen Boden des nächtlichen Tiergartens. Eigentlich hatte Rosetta ein schönes Leben hier. Es gab viele Bäume zum Herumtollen und Verstecken und die warme Jahreszeit bot ein ausreichendes Angebot an Beeren, Nüssen und Insekten.
Aber im Winter war das anders. Im Winter war jeder Bissen schwer verdient. Fand sie dann mal einen erfrorenen Käfer, musste sie auch noch mit den dummen Spatzen darum streiten. Spatzen waren sowieso das Widerlichste, was es gab. Spatzen waren laut, frech, zänkisch und klauten einem das Essen weg. Sobald man ihnen eins auswischen wollte, flogen sie einfach fort. Spatzen waren doof.
Aber nun musste Rosetta ihre Nüsse finden. Wo waren die bloß? Bei welchem Gehege war sie denn jetzt? Im Winter sah alles anders aus und Rosetta war wirklich ein vergessliches junges Eichhörnchen.

Was war das denn? Da lag ein Ding, das roch wie eine Nuss, sah aber nicht so aus. Jedenfalls nicht wie die Nüsse, die Rosetta aus ihrem kurzen Leben kannte. Hm, hm, hm, Anschauen war ja wohl nicht gefährlich. Also hüpfte Rosetta zu dem bohnenähnlichen Ding und schnüffelte daran. Roch lecker. Ob man dieses seltsame Gebilde mal anfassen konnte? Doch als Rosetta ihre zierlichen Händchen danach ausstreckte, schoss eine graue Schlange wie aus dem Nichts hervor und saugte dieses Nuss-Ding einfach weg. Rosetta erschrak so sehr, dass sie rückwärts purzelte.
Nachdem sie sich wieder aufgerappelt hatte, erkannte sie, was die graue Schlange gewesen war: Die ‚Schlange‘ gehörte zu Rafael, dem Elefanten des Tiergartens und war nichts anderes als sein Rüssel.
„Wer oder was klaut hier meine Erdnüsse?“, brummte Rafael verärgert. Dabei schob er sich die Nuss mit dem Rüssel ins Maul und weg war sie.
„Was heißt hier klauen?“, schimpfte Rosetta.
Schließlich hatte sie Hunger und musste für den Winter genug Nahrung zu sich nehmen. Sie war doch klein und dünn und der blöde Rafael war groß und fett und hatte eine dicke Haut. Die eine Nuss brachte ihm sowieso nichts und Rosetta hätte sie vielleicht einigermaßen satt gemacht. Und überhaupt: Erdnüsse? Was war denn das für ein komischer Name? Wo jedes Kind doch wusste, dass Nüsse auf Bäumen und Sträuchern wachsen. Wie kommt denn jemand auf den Namen Erd-Nüsse?
„Ich bin Rosetta. Das Essen im Tiergarten ist ja wohl für alle da!“, fiepte das kleine Eichhörnchen wütend. Vor Rafael hatte sie keine Angst, auch wenn er groß und schwer war. Denn Rafael war eingesperrt. Hinter den schweren Eisenstäben bildete er keine Gefahr für Rosetta.
„Das sind aber meine Erdnüsse. Diese Nüsse sind nur für Rafael, dem Elefanten“, dröhnte er schwer.
Da entdeckte Rosetta hinter dem Gitter neben dem Elefanten einen ganzen Haufen dieser seltsamen Erdnüsse. Sie rochen köstlich. Rosetta lief das Wasser im Mund zusammen. Sie wollte welche haben. Leicht hätte sie zwischen den Eisenstäben hindurch schlüpfen können, aber dann wäre sie direkt bei Rafael gewesen und davor hatte sie dann doch zu viel Angst. Wer weiß, vielleicht hätte er sie mit seinen dicken Füßen zerquetscht.
Sie versuchte es mit einem Trick: „Pah, was sind denn dass für komische Nüsse? Erdnüsse? Nüsse wachsen auf Bäumen und Sträuchern, wieso heißen die überhaupt Erdnüsse. Zeig’ mir mal so ein Ding.“
Die Augen in Rafaels faltigem Gesicht blitzen leicht amüsiert: „Sag‘ mal. Wie alt bist du eigentlich?“
„Ich bin im Frühling geboren“, antwortete Rosetta stolz, „ich habe schon alle Jahreszeiten erlebt, deswegen weiß ich schon alles.“
„Ah ja“, brummte Rafael und schob sich diesmal eine ganze Ladung Erdnüsse mit seinem Rüssel in den Mund.
Rosetta fühlte, wie sich in ihrem kleinen Bauch ein Loch auftat, das größer zu sein schien als dieser Elefant. Rafael kaute schweigend vor sich hin. Dann nahm er eine Nuss in seinen Rüssel und reichte sie durch die Gitterstäbe an Rosetta. Rosetta war zunächst überrascht. Aber dann schnappte sie die angebotene Nahrung, drehte sie in ihren kleinen Händen, biss gierig hinein, knackte die Schale und verputzte den Inhalt: Zwei köstliche kleine Nüsse, so groß wie Erbsen, lecker, aber nicht sättigend.
Nachdem Rosetta mit der Nuss fertig war, schaute sie Rafael erwartungsvoll an. Rafael schaute ebenso erwartungsvoll zurück.
„Kann ich mehr haben?“, piepste Rosetta.
„Hm, hm, hm …“, Rafael wiegte seinen schweren Kopf hin und her. „Klein und vorlaut. Ich hätte zumindest ein ‚Danke‘ erwartet.“
„Na gut, danke.“ Rosetta fand immer noch, dass sie mehr Recht auf die Erdnüsse hatte, als dieser fette Elefant. „Kriege ich jetzt mehr?“
„Höflichkeit scheint ja nicht gerade deine Stärke zu sein“, brummte der alte Elefant.
„Blöder Dickkopf“, dachte Rosetta. „Ein, zwei, Nüsse, wird der ja wohl noch entbehren können.“
„Was kriege ich für meine Erdnüsse?“, fragte Rafael unvermittelt.
„Wie, was kriegst du dafür?“
„Na, das ist doch ganz einfach“, erklärte Rafael. „Du willst etwas von mir, dafür musst du mir etwas geben, was ich will.“
Oh Schreck, Rosetta hatte doch gar nichts, was sie hergeben konnte. Sie fand ja nicht einmal ihre eigenen vergrabenen Nüsse.
„Was willst du denn?“, fiepte sie vorsichtig.
„Was hast du, was ich nicht habe?“
Rosetta wusste nicht, ob Rafaels Frage wirklich an sie gerichtet war, oder ob er nur für sich überlegte. „Keine Ahnung“, antwortete sie trotzdem.
„Du bist frei “ seufzte Rafael, „ich nicht.“
Rosetta beäugte die schweren Eisenstäbe und die riesigen Schlösser, mit welchem das Gatter des Elefantenhauses verriegelt war.
„Er wird doch nicht von mir erwarten, dass ich ihn da raushole?“ Sie fühlte sich klein und schwach.
Wieder schien Rafael mehr mit sich selbst zu sprechen als mit Rosetta: „Eigentlich geht es mir gar nicht schlecht hier.“
Rosetta war erleichtert, anscheinend wollte er gar nicht raus.
„Ich habe genug zu essen und ein warmes Dach über dem Kopf im Elefantenhaus. Ich muss nicht draußen in der Kälte stehen.“ Wieder seufzte er: „Vor einiger Zeit ist meine Partnerin gestorben und ich bin schrecklich einsam. Ich habe niemanden, keine Familie. Ich sehne mich nach einer Familie. Als ich klein war, lebte ich in einer großen Familie, das war schön.“
Diesmal schaute der riesige Elefant das winzige Eichhörnchen direkt an: „Finde eine Familie für mich und ich gebe dir Nüsse.“
„Was?“, fragte Rosetta.
„Das heißt ‚Wie bitte?‘“, verbesserte Rafael.
„Äh, wie bitte?“ Rafaels Forderung verwirrte Rosetta zu sehr, als dass sie sich über seinen Höflichkeitsfimmel ärgern konnte.
„Ich erkläre es dir“, brummte Rafael geduldig. „Du bist frei. Du kannst hinlaufen, wohin du willst. Ich weiß, dass hier im Tiergarten viele Tiere leben …“
„Es gibt keine anderen Elefanten hier!“, unterbrach ihn Rosetta.
„Also“, fuhr Rafael fort, ohne auf Rosettas Bemerkung einzugehen, „du berichtest mir über das Leben der anderen Bewohner. Und dann kriegst du deine Nüsse. Vielleicht findet sich eine Gruppe, in die ich passe.“
„Äh, hä?“, war das Einzige, was Rosetta dazu einfiel.
„Ist das so schwer zu verstehen?“ Rafael verlagerte sein Körpergewicht von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links und so weiter. Rosetta deutete dies als ein Zeichen von Aufregung. „Berichte mir von ihnen, von ihren Familien, wie sie leben. Und ich suche mir dann eine aus.“
„Der spinnt doch“, dachte Rosetta bei sich. Ein alter Elefant, der spinnt. Das war das letzte, was Rosetta brauchen konnte. Aber was sie tatsächlich brauchte, war etwas zu essen. Die Erdnüsse waren einen Handel mit dem verrückten Dickhäuter schon wert. Aber Rosetta hatte keine Ahnung von den anderen Tieren im Zoo. Rosetta war ein junges Eichhörnchen, eine Einzelgängerin. Sie schielte auf den großen Haufen Erdnüsse. „Mich interessieren nur Tiere, die man Essen kann, wie Käfer und Raupen“, fiepte sie.
Rafael verzog angewidert das Gesicht.
„Und dann gibt es noch die anderen, mit denen ich um das Essen streiten muss“, plapperte sie. „Also die anderen Eichhörnchen. Aber meist gewinne ich, weil ich so schnell bin“, prahlte sie stolz. „Und dann sind da noch die blöden Spatzen, die blöden. Die schnappen einem das Essen weg und fort sind sie, ab in die Luft, laut sind sie auch noch. Ach ja, und dann gibt es noch die Tiere, vor denen man weglaufen muss, Raubvögel oder Katzen. Aber mit den anderen Tieren im Tiergarten habe ich nichts zu tun.“
„Das ist alles?“, beschwerte sich Rafael. „Das ist keine Nuss wert.“
„Was willst du denn?“ Rosetta schlug verärgert mit dem buschigen Schwanz auf dem Boden.
„Geh‘ raus und suche mir eine Familie!“, befahl Rafael. „Dann kriegst du deine Nüsse.“
„Du kommst hier sowieso nie raus“, entgegnete das Eichhörnchen.
„Das lass nur meine Sorge sein“, sprach der Elefant.
„Ich muss bald Winterruhe halten.“ Rosetta schielte auf die Erdnüsse neben Rafael.
„Dann beeil‘ dich.“
Rosetta war unschlüssig, was sie jetzt tun sollte. Doch schnell eine Nuss von dem großen Haufen stibitzen? Aber der mächtige Rafael stand direkt daneben und verrückt war er anscheinend auch noch. Wer weiß, was er Rosetta antun würde. Sollte sie einfach abhauen? Aber die Nüsse rochen so lecker.
„In Ordnung“, willigte sie ein.
„Gut.“ Rafael nickte zufrieden. „Dann gehe jetzt und suche mir eine Familie.“
Rosetta blickte Rafael noch einmal unsicher an. Dann huschte sie hinaus in die dunkle Winternacht.
„So ein Spinner“, dachte sie nur. „Wie soll ich denn für den eine Familie finden?“

Eigentlich wusste sie gar nicht, was sie tun sollte. Sie unternahm noch einige Versuche woanders etwas zu essen zu finden, aber Rafaels leckere Erdnüsse gingen ihr nicht aus dem Kopf.
Plötzlich rutschte Rosetta auf einem glatten Stein aus und sie purzelte in das Löwengehege.
Das Löwengehege ist ein Ort, den ein Eichhörnchen lieber meiden sollte. Rosetta erschrak auch ganz fürchterlich, als sie erkannte, wo sie war. Aber zum Glück schliefen die Löwen friedlich in ihrer Höhle und bemerkten das Eichhörnchen nicht. Rosetta war dem Leitlöwen direkt vor die Nase gefallen. Der Löwe lag ausgestreckt am Höhleneingang und schnarchte. Einige Meter entfernt schliefen die Weibchen und die Jungtiere. So schnell wie sie konnte machte Rosetta sich aus dem Staub. Ihr kleines Herz pochte.
Rosetta flitzte zum Elefantenhaus. Sie brauchte jetzt dringend eine Nuss.
„Und, hast du eine Familie gefunden?“, begrüßte Rafael sie erwartungsvoll.
„Idiot“, dachte Rosetta. Laut sagte sie aber: „Auf der Suche nach einer Familie für dich bin ich in das Löwengehege gefallen. Ich bin froh, dass ich da wieder heil rausgekommen bin. Aber ich brauche unbedingt eine Stärkung, bevor ich weitermachen kann.“
„Löwen?“, grunzte Rafael.
„Jawohl, Löwen“, äffte Rosetta ihn nach. „Ich habe mein Leben für dich riskiert. Dafür habe ich wohl eine Nuss verdient.“
Rafael erwiderte gar nichts. Er sagte weder ja noch nein, sondern stand einfach nur still da. Dann, ganz vorsichtig, streckte er seinen Rüssel in Richtung Rosetta aus. Fast zärtlich berührte er mit dem Rüssel das kleine Eichhörnchen und schnupperte. Genüsslich sog er die Luft ein, so als ob ein betörender Duft Rosetta umwehen würde. Rafael zog seinen Rüssel zurück und schloss die Augen. Dann verlagerte er sein Körpergewicht von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links und so weiter.
„Äh, hallo?“ Rosettas Magen knurrte. „Bist du noch wach?“
„Löwen“, seufzte Rafael. „In meiner Kindheit gab es viele Löwen.“ Noch immer hatte er die Augen geschlossen. „Ich erinnere mich nicht mehr genau an sie. Aber der Geruch ist mir sehr vertraut. Er erinnert mich an Familie.“
„Vergiss es!“, piepste Rosetta entsetzt. „Löwen sind niemals eine Familie für dich. Sie sind gefährlich, denn sie fressen alles, was ihnen über den Weg läuft. Bestimmt fressen sie auch Elefanten.“
„Kann sein.“ Der Elefant öffnete immer noch nicht die Augen.
„Löwen sind bestimmt nicht deine Familie, sie sind ganz anders als du.“
„Aber wir haben etwas gemeinsam“, brummte Rafael verträumt. Dann grunzte er, vielleicht ein Wort, das wie „Heimat“ klang, oder doch nur ein einfaches Grunzen war.
Und er verlagerte sein Körpergewicht von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links und so weiter.
„So, was jetzt?“, dachte Rosetta genervt.
Auf einmal packte Rafael einen Rüssel voller Nüsse und schob sie Rosetta zu. Rosetta sagte gar nichts, sondern stürzte sich gleich gierig auf das Essen. Nachdem sie alles verputzt hatte, brummte Rafael: „Das war gar nicht schlecht für den Anfang. Vielleicht findest du ja eine Familie, die noch geeigneter ist.“
„Verrückter, alter Elefant“, murmelte Rosetta. Dann verabschiedete sie sich mit einem Schwanzschnippen und hüpfte mit vollem Magen zurück zu ihrem Kogel.

In der Winterruhe schief Rosetta viel. Aber immer wieder musste sie raus aus ihrem gemütlichen Kogel, um Nahrung zu finden. Ihre Vorräte, die sie während der warmen Jahreszeit angelegt hatte, fand sie einfach nicht mehr.
Rosetta musste an Rafael und die leckeren Erdnüsse denken. Na ja, sie konnte sich ja mal umschauen. Vielleicht gab es doch irgendwelche Tiere, zu denen Rafael passte.
Am liebsten hielt Rosetta sich im Streichelzoo auf. Kinder fütterten gerne Eichhörnchen. Aber die Spatzen, wieder mal die Spatzen, waren oft schneller und drängelten sich vor. Im Streichelzoo war kein Tier, das Rafael irgendwie ähnelte. Also eilte Rosetta weiter zu den Kamelen. Keine Ähnlichkeit, vielleicht bis auf das komische Kauen, das irgendwie an Rafaels Mundbewegung erinnerte, aber sonst? Sie lief vorbei an den Eisbären, Pinguinen und dem Rest der Arktischen Welt. Die Greifvögel konnte sie nicht schnell genug hinter sich lassen. Schließlich endete ihr Erkundungsausflug bei den Wölfen. Sie war einfach zu erschöpft, um sich weiter umzuschauen. Mit gemischten Gefühlen besuchte sie in der folgenden Nacht den Elefanten.
„Und? Wen hast du kennen gelernt?“, fragte der Elefant erwartungsvoll.
„Ganz ehrlich“, gab Rosetta zu, nicht ohne einen sehnsüchtigen Blick auf den Berg frischer Erdnüsse in Rafaels Quartier zu werfen. „Ich haben keine Tiere gesehen, die zu dir passen.“
„Ah ja?“, kommentierte Rafael nur. „Ich höre.“
„Hm, nun ja. Zuerst war ich im Streichelzoo“, erzählte Rosetta. „Das gab es nur die üblichen Haustiere.“
„Elefanten werden auch als Haustiere gehalten“, unterbrach sie Rafael.
„Echt?“ Rosetta war überrascht.
„Ja.“ Rafael schloss die Augen und Rosetta befürchtete, er würde wieder anfangen, seinen massigen Körper hin- und herzuwiegen. Aber er schnaufte nur leise vor sich hin. „Unter Haustieren könnte ich leben“, sagte er schließlich.
„Also bestimmt nicht mit denen im Streichelzoo. Die haben überhaupt nichts mit dir gemeinsam“, protestierte Rosetta.
„Sie sind Haustiere. Elefanten können auch Haustiere sein.“ Rafael blieb bei seiner Meinung.
„Dieser Dickhäuter ist ein echter Dickkopf“, dachte Rosetta.
„Aber erzähl‘ weiter“, schnaubte Rafael freundschaftlich und schob Rosetta ein paar Erdnüsse hin.
Na, das Gespräch lief gar nicht so schlecht für Rosetta. Sie nahm die Nüsse entgegen und erzählte, während sie knabberte: „Dann war ich noch bei den Eisbären und Seeelefanten …“
„Seeelefanten?“ Rafael unterbrach sie wieder.
„Die heißen nur Seeelefanten. Die sehen ganz anders aus als du. Sie leben im und am Wasser, haben Flossen, keine Beine und zugegebenermaßen große Nasen. Aber die haben überhaupt nichts mit dir gemeinsam.“
„Immerhin sind sie auch Elefanten“, meinte Rafael.
„Na ja, dann war ich noch bei den Raubvögeln“, fuhr Rosetta unbeirrt fort.
„Hier gibt es Raubvögel? Hattest du keine Angst vor ihnen?“
„Doch schon“, fiepte Rosetta. „Aber sie sind in großen Käfigen eingesperrt, da können sie nicht raus.“
„Sie wollen sicher frei sein“, seufzte Rafael, „so wie ich.“
Oh, war dieser Elefant nervig.
„Bei den Wölfen bin ich dann umgekehrt“, erzählte Rosetta. „Also, leider habe ich heute keine Familie für dich gefunden.“
„Erzähl mir von den Wölfen“, bat Rafael.
„Wölfe sind bestimmt nichts für dich. Sie fressen andere Tiere und leben in Gruppen.“
„Als ich klein war, habe ich auch in einer Gruppe gelebt“, entgegnete Rafael. „Also habe ich etwas mit den Wölfen gemeinsam.“
Nervös klopfte Rosetta mit ihrem buschigen Schwanz auf den Boden.
„Weißt du“, zischte sie, „Alle Tiere haben irgendwie irgendetwas gemeinsam. Sie essen und sie schlafen und sie müssen trinken. Das heißt nicht, dass sie zusammenleben können.“
„Wer weiß“, brummte Rafael, schloss die Augen und schob einen Rüssel voller Erdnüsse zu Rosetta. Er verlagerte sein Körpergewicht von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links und so weiter.
„Vielleicht kannst du in deiner Fantasie mit allen Tieren gut auskommen, aber nicht im wirklichen Leben“, murmelte Rosetta. Sie hatte keine Ahnung, ob Rafael sie gehört hatte. Während sie so ihre Nüsse verzehrte, bemerkte er nur, mit immer noch geschossenen Augen: „Diese Nüsse kommen tatsächlich aus der Erde.“

In den folgenden Tagen besuchte Rosetta wenn sie wach war die verschiedenen Gehege des Tiergartens. Sie erstatte dann Rafael brav ihren Bericht. Als Gegenleistung bekam sie immer ausreichend Nüsse. Tatsächlich fand Rafael, dass er eigentlich zu jeder Tierart im Zoo passen würde: Giraffen aßen Blätter von den Bäumen wie er, ein Affenschwanz würde doch seinem Rüssel ähneln; Kängurus liebten ihre Kinder wie Elefanten und so weiter und so weiter. Rosetta erwiderte darauf jedes Mal. „In deiner Fantasie passt ihr vielleicht zusammen, aber nicht im wirklichen Leben.“
Rosetta konnte nicht erwarten, dass der Frühling anbrechen würde. Dann wäre sie endlich diese leidigen Erkundungstouren los und müsste nicht jedes Mal in das Elefantenhaus hoppeln, um an Futter zu gelangen.

Eines Tages, als das Eichhörnchen wieder mal mit dem Elefanten Erdnüsse knabberte, beschloss Rosetta, Rafael zu ärgern: „Schmetterlinge – vorhin bin ich am Schmetterlingshaus vorbeigekommen. Ich bin gespannt, was du als Elefant mit Schmetterlingen gemeinsam hast.“
„Schmetterlinge haben einen Rüssel, wie Elefanten“, antwortete Rafael prompt und kaute dabei langsam seine Erdnüsse.
Rosetta war sprachlos. Das war ja zum aus der Haut fahren. Sie betrachtete den mächtigen Rafael und stellte sich daneben einen winzigen Schmetterling vor. Plötzlich wurde vor ihrem geistigen Auge der bunte Schmetterling riesengroß, so groß wie Rafaels grauer Kopf. Oder wurde Rafaels Kopf kleiner? Wenn man die beiden so nebeneinander sah, Rafael mit seinen ausgebreiteten großen Ohren und der Schmetterling mit seinen ausgebreiteten Flügeln und beide Tiere mit einem Rüssel ... ja, dann, tatsächlich, sie sahen sich gar nicht so unähnlich, der Elefant und der Schmetterling. Rosetta schüttelte sich, der eingebildete Schmetterling verschwand. „Ich brauche dringend noch eine Nuss“, dachte sie nur.

Die Tage wurden wärmer. Rosettas Winterruhe war beendet uns nun fand sie auch wieder draußen in der Natur genug Nahrung. Trotzdem hüpfte sie noch ab und zu in das Elefantenhaus, die Erdnüsse waren einfach zu köstlich. Vielleicht hatte sie sich auch ein bisschen an Rafaels verrückte Ideen gewöhnt und irgendwie waren seine an den Haaren herbeigezogenen Gemeinsamkeiten mit anderen Tieren ganz unterhaltsam.
„Heute war ich bei den Delfinen.“ Rosetta kaute zufrieden auf ihrer Nuss. Der Frühlingsabend senkte sich über den Tiergarten.
„Delfine“, wiederholte Rafael mit lang gezogener Stimme. Irgendwoher schien er Delfine zu kennen, konnte sich aber nicht an sie erinnern.
Ha, Rosetta hatte wieder einmal Lust, Rafael zu ärgern. „Also, sie sind grau wie du.“
Rafael spitze die Ohren.
„Sie haben eine dicke Haut, wie du.“
Rafael hörte aufmerksam zu.
„Ihre Schnauze ist lang gezogen, fast so wie dein Rüssel.“
Rafael wurde ganz aufgeregt.
„Sie sind sehr gesellig und lieben es, mit anderen zu spielen.“
Rafael wurde sehr, sehr unruhig.
„Aber“, Rosetta beobachtete Rafaels zunehmende Unruhe, „sie leben unter Wasser, sie schwimmen wie die Fische“, fügte sie triumphierend hinzu.
„Wir Elefanten sind sehr gute Schwimmer“, erwiderte Rafael erregt. „Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind oft im Wasser gespielt habe und geschwommen bin.“
Diesmal verlagerte er sein Gewicht nicht von rechts nach links, sondern er presste seinen massigen Körper gegen die Eisenstäbe, die ihn gefangen hielten.
„Vergiss‘ es!“ Rosetta merkte, dass sie zu weit gegangen war. „Ihr passt nicht zusammen, Delfine und Elefanten!“, fiepte sie, so laut es ging.
„Es reicht mir, ich will hier raus!“, trompetete Rafael. „Du erzählst mir von all diesen wunderbaren Tieren. Ich will zu ihnen. Ich will sie auch sehen. Ich will bei ihnen leben.“ Und er versuchte mit seinem großen Körper das schwere Gitter zu sprengen.
Rosetta bekam es mit der Angst zu tun. So viel bedeuteten dem Elefanten andere Tiere? Er kannte sie ja gar nicht. Rosetta stellte sich vor, wie Rafael die Stäbe durchbrechen würde, zu der Delfinlagune rennen würde, ins Wasser springen und glücklich mit den Delfinen im Becken umherplanschen würde. Und auf einmal erschien ihr das gar nicht so falsch. Auf einmal verstand sie diesen riesigen Dickhäuter, der einfach nicht alleine sein wollte.
Sie hüpfte schnell hinauf zu dem Schloss, mit dem das Gatter verriegelt war. Mit ihren kleinen Händen versuchte sie die starken Bolzen zu lösen, die das Schloss zusammen hielten. Raffael stemmte sich weiter gegen die Eisenstäbe. Zusammen würden sie das schon hinkriegen. Sie arbeiteten und schwitzten und schnaubten beide.  Aber sie schafften es nicht. Rafael war wütend. Er trompetete, dann trampelte er frustriert in seinem Stall hin und her. Rosetta war zu erschöpft, um weiterzumachen. Das Schloss war fest verriegelt, sie konnten gar nichts tun. Geknickt zog Rafael sich zurück, in die hinterste Ecke seines Geheges. Er setzte sich auf seine Hinterbeine und war einfach nur sehr, sehr traurig. Rosetta atmete schwer. Ihr kleines Herz klopfte vor Anstrengung. Und es schmerzte. Rosettas kleines Herz schmerzte, weil dieser mächtige, kräftige Elefant einsam war. Niemals würde er sein Elefantenhaus verlassen können, um die Tiere, die Rosetta kennengelernt hatte, selber zu treffen. Niemals würde er die Wölfe, Seeelefanten, Schmetterlinge, Delfine und alle anderen fragen können, ob sie sich vorstellen könnten, mit ihm zusammen zu leben. Niemals.
Dann tat Rosetta etwas, was sie zuvor noch nie gewagt hatte. Sie hüpfte durch die Eisenstäbe hindurch auf Rafaels Seite. Sie setzte sich auf seinen Rüssel und schmiegte ihren weichen, buschigen Schwanz an die graue, mit Falten durchzogene Haut.
„Ich kann doch deine Familie sein“, flüsterte sie.
Rafael schaute sie resigniert an. Von oben blickte der hünenhafte Elefant auf das zierliche Eichhörnchen. „Du? Du bist ein Eichhörnchen. Du und ich, wir haben doch überhaupt nichts gemeinsam“, meinte er niedergeschlagen.
„Wir lieben beide Erdnüsse“, entgegnete sie.
„Das stimmt.“ Vielleicht lächelten seine Augen ein bisschen. „Wir beide lieben Erdnüsse.“

Rosetta hatte es immer eilig. Futter war nun nicht mehr der eigentliche Grund, warum sie das Elefantengehege aufsuchte. Im Sommer gab es im Tiergarten wirklich genug zu essen. Vielmehr freute sie sich auf Rafael und Rafael freute sich auf sie. Vom Zoo gab es immer neues zu berichten. Sie teilten dann seine Erdnüsse während Rosetta vom Tag erzählte und Rafael sein Körpergewicht von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links verlagerte und so weiter.
Heute war Rosetta spät dran. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie Rafael für mehrere Tage nicht besucht hatte. In der warmen Jahreszeit war einfach zu viel zu tun. Das Elefantengehege war leer. Vielleicht fand sie ja Rafael in einer Ecke im Elefantenstall? Fehlanzeige. Viele Erdnüsse lagen auf dem Boden zerstreut. Das Eichhörnchen suchte das gesamte Gelände ab, aber Rafael blieb verschwunden. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Da entdeckte sie eine Gruppe Spatzen, die sich um ein Stück Brot stritten.
Spatzen waren doof, das wusste jeder. Aber Rafael hatte Rosetta gezeigt, dass alle Tiere irgendwie etwas gemeinsam hatten. Hatte sie etwas mit den Spatzen gemeinsam? Na ja, sie stritten sich meist um dasselbe Essen, Eichhörnchen und Spatzen waren flink und klein. Rosetta riss sich zusammen. Vorsichtig hopste sie zu den Spatzen: „Sagt mal“, begann sie. Die Spatzen unterbrachen ihren Streit und schauten sie an. „Könntet ihr mir bitte sagen, wo der Elefant ist?“, fragte sie höflich. Die Spatzen erschienen etwas erstaunt darüber, dass ein Eichhörnchen sie ansprach. Aber dann antworteten sie: „Der Elefant ist weg.“ „Die Menschen haben ihn weggebracht.“
„Wieso weggebracht?“, fiepte Rosetta erschrocken.
Ein Spatz hielt den Kopf schief. Dann zwitscherte er schulmeisterlich, als ob Rosetta schwer von Begriff wäre: „Elefanten sind Herdentiere. Sie können nicht alleine sein. Deswegen haben die Menschen ihn in einen Zoo gebracht, wo andere Elefanten leben.“
„Ah ja“, antwortete Rosetta langsam. Die Spatzen hörten ihr „Danke für die Auskunft.“ gar nicht mehr, zu sehr waren sie mit dem Stück Brot beschäftigt.

Etwas unschlüssig lief Rosetta um das Elefantenhaus. Sie warf noch einen Blick auf Rafaels leere Gehege und dachte an ihr Gespräch mit den Spatzen. Dann wandte sie sich wieder dem Alltag eines Eichhörnchens zu.

ENDE
 
 
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