Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Erotik / Angelo

Angelo

von Maginisha
GeschichteSchmerz/Trost, Übernatürlich / P18 Slash
13.12.2019
14.02.2020
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Der Teil des Kellers, in dem die Maschine stand, war vom Rest der zugänglichen Räume mit allerhand Runen und Schutzsigillen abgeschirmt worden. Nur auserwählte Dämonen, deren Namen vom Meister persönlich in den Schutzwall geschrieben worden waren, hatten hier Zugang und Alejandro war bisher einer der wenigen gewesen, denen dieses Privileg gewährt worden war. Er hatte davon bisher eigentlich kaum Gebrauch gemacht, denn, wenn er ehrlich war, langweilte ihn dieser ganze wissenschaftliche Kram ziemlich. Er wusste, dass er hier unten das Licht der Welt erblickt hatte und dass er ab und an Sukkubi zur Essenzgewinnung hierher brachte. Bisher war ihm jedoch nie in den Sinn gekommen, weitere Fragen dazu zu stellen. Victor hingegen schien das Ganze nicht nur zu interessieren, sondern auch noch zu begreifen. Ein Umstand, der Alejandro mächtig gegen den Strich ging.
Mit gefurchten Brauen sah er zu, wie der Inkubus die letzte Schnalle festzog, die die heutige Kandidatin an Ort und Stelle fixierte. Als es daran ging, eine neue Sukkubus ranzuschaffen, hatte er gleich an sie denken müssen. Das Flittchen, das sich gerne mal in seinem Revier rumtrieb, ging ihm schon lange auf die Nerven, und er gönnte ihr die Abreibung, die sie jetzt bekommen würde, von ganzem Herzen. Denn natürlich war es ihm nicht gestattet, Hand an eine der teuren Sukkubi zu legen, die seinen Herrn und Meister mit den dringend benötigten Samen der Menschen versorgten. Das hieß jedoch nicht, dass er sie leiden konnte. Ebenso wenig wie den Inkubus, der sich jetzt mit einem gewinnenden Lächeln zu ihm herumdrehte.
„Fertig. Es ist wirklich ein erstaunliches Stück Handwerkskunst, findest du nicht?“
Alejandro besah sich die Konstruktion, in die der Sukkubus jetzt eingespannt war wie Vieh in einer Melkmaschine. Nur dass die Absaugvorrichtung in ihrem Mund steckte, was ziemlich effektiv verhinderte, dass sie kundtat, was sie von der ganzen Sache hielt. Ihr Wutgeschrei und die Flüche, mit denen sie ohne Zweifel um sich warf, drangen nur sehr gedämpft an dem schwarzen Schlauch mit dem silbernen Mundstück vorbei, das mit Bändern an ihrem Hinterkopf befestigt war. Um ihre restlichen Gliedmaßen waren Lederriemen gespannt, die sie festhielten und gleichzeitig verhinderten, dass sie ernsthaft verletzt wurde. Immerhin war es notwendig, dass der Sukkubus am Leben blieb. So viel hatte er zumindest schon verstanden.
„Ich denke, wir können jetzt mit der Entnahme beginnen. Möchtest du mir helfen?“
Victor sah ihn abwartend an. Alejandro verstand nicht, warum der Inkubus sich plötzlich so freundlich gab. Bisher hatte er immer so getan, als wäre Alejandro quasi Luft für ihn. Der Schönling führte garantiert irgendwas im Schilde.
„Was soll ich tun?“, fragte er trotzdem und trat an das Schaltpult, an dem verschiedene Knöpfe und Regler zu sehen waren. Auf einer Anzeigetafel wurden irgendwelche Werte der Sukkubus angezeigt und eine weitere zeigte den Füllstand der mit allerlei Zaubern versehenen Essenzphiole, die sich an der Wand in einer kleinen Nische befand. Sie stand auf Null.
„Weißt du, was hier passiert?“, fragte Victor und Alejandro hob warnend die Oberlippe.
„Natürlich“, knurrte er. „Hier wird die Sukkubus-Essenz gewonnen, die der Meister braucht, um den Willen der Engel zu brechen. Um sie … Lust empfinden zu lassen und sie so zu unterwerfen.“
„Das ist richtig“, erwiderte Victor mit einem Lächeln. „Aber weißt du, wie es genau funktioniert? Ich könnte mir vorstellen, dass das auch die gute Crystal interessiert. Immerhin ist sie hier die Hauptperson. Wenn ihr möchtet, erkläre ich es euch.“
Der Sukkubus war anscheinend anderer Meinung. Sie zappelte und schrie in ihrer Vorrichtung, aber sie konnte sich nicht befreien. Ihre gelben Augen durchbohrten den Inkubus mit einem wütenden Blick.
„Mhm, ebenso schön wie tödlich. Wenn man sie lassen würde.“ Ein strahlendes Lächeln blitzte in Alejandros Richtung. „Kennst du Kipling?“
„Nein, was soll das sein?“
Victor lachte auf. „Nicht was, sondern wer, mein ungebildeter Freund. Ein menschlicher Schriftsteller Er schrieb einmal ein Gedicht über die weibliche Natur. Eine Zeile daraus heißt 'for the female of the species is more deadly than the male'. Wusstest du, dass das auch auf Sukkubi und Inkkubi zutrifft? Im Grunde genommen unterscheiden wir uns sogar so sehr, dass man fast denken könnte, zwei verschiedene Gattungen vor sich zu haben. In etwa so wie bei der Korallenotter und der Königsnatter. Sie sehen fast gleich aus, jedoch überlebt man nur die Begegnung mit einer der beiden.“
Alejandro knurrte unwillig. „Warum erzählst du mir das?“
„Damit du etwas lernst. Denn weißt du, Sukkubi haben zwei sehr effektive Verteidigungsmechanismen, die mir als Inkubus leider völlig abgehen. Zum einen können sie ein Betäubungsmittel absondern, dass ihr Opfer willenlos macht, woraufhin sie es gefahrlos an einen sicheren Ort verschleppen können, um sich an ihm zu laben. Und zum zweiten können sie ihren Speichel mit einem sehr starken Aphrodisiakum anreichern. Das geschieht normalerweise nur, wenn der Sukkubus bedroht wird oder sehr hungrig ist. Gelangt das Mittel in den Körper ihres Opfers, kann es plötzlich an nichts anderes mehr denken, als zu kopulieren. Entweder entkommt der Sukkubus so oder sie verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen. Und weißt du, wie man die Bildung dieses Aphrodisiakums am effektivsten auslöst?“
„Nein“, antwortete Alejandro wahrheitsgemäß.
„Durch Schmerzen.“ Viktor lächelte immer noch, während er auf einen Knopf drückte. Über dem gefesselten Sukubus bewegten sich Dinge im Dunkel und kurz darauf kam eine Reihe von ziemlich unangenehm aussehenden Spitzen heruntergefahren. Sie hingen an dünnen Drähten, die irgendwo an der Decke verschwanden.
„Schmerz wird durch die Weiterleitung von Nervenimpulsen ausgelöst, die im Grunde genommen nichts weiter sind als winzige, elektrische Entladungen. Wenn man diese Entladungen verstärkt, erhält man automatisch …?“
Er sah Alejandro auffordernd an.
„Mehr Schmerzen?“, knurrte der unwillig.
„Exakt.“
Viktor schien begeistert von seiner Antwort. Er wandte sich wieder an Alejandro und griff plötzlich nach seiner Hand. Für einen Augenblick streichelte er sie sanft mit dem Daumen, bevor er Alejandros Finger auf einem Drehknopf platzierte. Dadurch kamen sie sich so nahe, dass er den Inkubus riechen konnte. Es war eine herbe, nicht unangenehme Duftnote, die seine Sinne kitzelte. Die braunen Augen seines Gegenübers fixierten ihn von oben herab.
„Wenn der Sukkubus weniger Schmerzen hat, hält sie länger durch, aber das Mittel muss erst noch aufbereitet und gereinigt werden. Ein langwieriger und schwieriger Prozess. Wenn sie mehr Schmerzen hat, ist es reiner und stärker, aber es besteht das Risiko, dass sie die Prozedur nicht überlebt. Ein Fehler, der jetzt leider schon ein paar Mal vorgekommen ist. Was denkst du also, welchen Weg wir wählen sollten?“
Alejandro sah von Viktors Gesicht zu dem Knopf unter seiner Hand. Die Finger des Inkubus lagen immer noch auf seinen.
„Na los, du darfst entscheiden?“, flüsterte es ganz nah an seinem Ohr.
Alejandro schluckte, bevor er anfing, den Regler langsam nach oben zu drehen. Er sah, wie sich die Nadeln in den Körper des Sukkubus senkten und im nächsten Augenblick begann sie zu schreien. Die Laute waren immer noch gedämpft und so schob er den Regler weiter und weiter, bis er schließlich kurz vor dem roten Bereich war. Der Körper in den Lederriemen zuckte unter den elektrischen Entladungen und die Augen der Sukkubus traten aus ihren Höhlen hervor.
„Mhm“, schnurrte Viktor an seinem Ohr. „Ich mag deine Denkweise.“
Langsam wandte Alejandro ihm den Kopf zu.
„Du bist zu nahe.“
Der Inkubus lächelte. „Stört es dich? Ich dachte, wir könnten uns ein wenig besser kennenlernen, jetzt, wo wir zusammenarbeiten sollen.“
„Was willst du von mir?“
Die Augen des Inkubus glühten auf. „Du weißt, wie Sukkubi sich ernähren, oder? Sie benutzen die Schöpfungsenergie, die dem menschlichen Samen innewohnt, um sich zu regenerieren. Nun, wir Inkubi machen das ebenso, nur ist es sehr viel aufwendiger, diese Energie von einer Frau zu bekommen. Eine reife Eizelle zu stehlen, ist um einiges schwieriger, da sie den Körper normalerweise nicht verlässt und auch nur zu bestimmten Zeiten des Zyklus zur Verfügung steht. Wir Inkubi haben da allerdings so unsere Möglichkeiten.“
Er lächelte immer noch, jetzt jedoch auf eine etwas verstörende Weise. Alejandro hatte plötzlich das Bild von winzigen Tentakeln vor Augen, deren Einsatz er sich lieber nicht so genau vorstellte.
„Tja, und weißt du“, fuhrt die Singsangstimme des Inkubus fort, „daher haben sich viele von uns inzwischen ebenfalls dem viel leichter zu beschaffenden, männlichen Samen zugewandt. Nicht wenige finden sogar Gefallen daran, einem Mann beizuliegen. Ich beispielsweise bin da nicht wählerisch.“
„Und was hat das jetzt mit mir zu tun?“ Alejandro war sich immer noch der unheimlichem Nähe des anderen Dämons bewusst. Er konnte dessen Wärme auf seiner Haut spüren, doch es war der falsche Körper, das falsche Gesicht. Instinktiv nahm er etwas Abstand.
„Nun“, säuselte Viktor über die Laute des Sukkubus hinweg. „Wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß, bist du, mein lieber Alejandro, zu einem ziemlich großen Teil menschlich. Anders als die anderen Cadejo, die trotz ihrer humanoiden Erscheinungsform immer noch recht stark dem dämonischen Einfluss unterliegen, bist du etwas ganz Besonderes. Das liegt daran, dass bei dir anderes Ausgangsmaterial verwendet wurde.“
Der Inkubus lächelte schon wieder. Eine wirklich nervige Angewohnheit.
„Ich selbst war es, der die Zelle von deiner Mutter besorgt hat. Sie war eine hübsche Frau, Alejandro. Ich habe es genossen, ihr Lust zu schenken, bevor ich sie bestahl.“
Ein Grollen wuchs in Alejandros Kehle. „Willst du damit sagen, du hättest meine Mutter gefickt?“
„Mhm, so kann man das natürlich auch ausdrücken.“
Im nächsten Moment befanden sich seine Hände ganz von selbst an Viktors Kehle. Er wusste selbst nicht, warum ihn das Ganze so aus der Fassung brachte. Er hatte sich noch nie über irgendwelche Eltern Gedanken gemacht. Für ihn war allein sein Meister von Belang. Aber allein die Art und Weise, in der der Inkubus davon sprach, brachte sein Blut zum Kochen.
„Nenn mir einen Grund, warum ich nicht zudrücken sollte?“, zischte er.
Viktors ruhige Fassade geriet kurz ins Wanken, bevor er sich wieder fing.
„Nun, zum einen, weil du dann sicherlich Ärger von unserem Herrn bekommen würdest. Inkubi sind selten und er wäre sicherlich nicht erfreut, wenn du mich töten würdest. Und zum zweiten ...“, Viktors Finger legten sich warm um seine Handgelenke und streichelten sacht über seine Pulsadern, „würde ich gern mit dir ausprobieren, wie weit deine Menschlichkeit geht. Sicher, der Herr füttert mich, aber es geht nichts über eine frische, warme Mahlzeit direkt von der Quelle. Was meinst du? Wollen wir ausprobieren, ob auch in dir göttliche Zeugungskraft steckt? Würdest du mich dich kosten lassen?“
Die verführerische Stimme des Inkubus verfehlte ihre Wirkung nicht. Sie wand sich ihren Weg direkt zwischen Alejandros Beine und sorgten dort für einen Anflug von Härte. Aber er wollte nicht. Nicht mit ihm. Langsam ließ er seine Hände sinken.
„Kein Interesse“, presste er hervor. Das Pulsieren in seinem Schritt ebbte nicht ab.
„Gefalle ich dir etwa nicht?“ Victor schien enttäuscht. „Wenn es nur das Äußere ist, kann ich da sicherlich Abhilfe schaffen. Denn es gibt etwas, dass wir Inkubi besser beherrschen als unsere weiblichen Gegenstücke. Immerhin sind wir auf die Zustimmung unserer … Partner angewiesen. Ein normaler Sukkubus beherrscht meist ein oder zwei menschliche Verkleidungen, mit denen sie die Männer täuscht. Wenige können mehr. Ein Inkubus hingegen kann mehrere Dutzend Erscheinungen annehmen. Ich kann jeder für dich sein. Sogar …“
Sein Körper begann sich zu verändern. Er wurde noch ein wenig größer, die Gestalt etwas schmaler. Die Gesichtszüge wurden feiner, schöner, engelsgleicher. Im nächsten Moment zierten spitze Eckzähne Victors Lächeln. Alejandro keuchte auf.
„Herr …“ flüsterte er und schluckte. Sein Meister lächelte ihn an.
„Ich sagte doch, ich kann jeder für dich sein.“
Das wunderschöne Gesicht lehnte sich zu ihm herab und warmer Atem streifte sein Ohr. „Und? Was sagst du? Soll ich mich dir hingeben? Möchtest du mich in Besitz nehmen? Möchtest du mich … ficken?“
Alejandro bekam kein Wort heraus. Er wusste, dass es nur der Inkubus war. Eine Illusion. Und trotzdem konnte er sich nicht gegen das Verlangen wehren, das wie ein pulsierender Quell in ihm aufstieg. Endlich, endlich würde er ihm nahe sein dürfen, ihn berühren, ihn … er durfte nicht darüber nachdenken.
„Geh weg“, murmelte er und es klang selbst in seinen Ohren nicht so, als würde er es meinen. Er spürte, wie ihm sein Körper den Dienst versagte. Seine Hände glitten haltlos über die Brust des Inkubus, krallten sich in den Stoff des feinen Anzugs. Er schloss die Augen, als könne er es so irgendwie aufhalten.
„Soll ich das wirklich?“, fragte Victor und kam noch ein Stück näher. „Ich könnte deine Träume wahrmachen.“

„Ich hoffe, ich störe nicht?“
Die Stimme, die gerade noch so nah an seinem Ohr gewesen war, kam plötzlich von irgendwo hinter ihm. Die Präsenz vor ihm war verschwunden und stattdessen kniete Victor mit gesenktem Kopf vor ihm auf dem Fußboden. Alejandro blinzelte und verstand nicht.
„Erkläre dich!“
Die Stimme war jetzt schärfer und kam immer noch aus der falschen Richtung. Plötzlich lief es ihm siedendheiß den Rücken hinunter. Sein Herr, sein richtiger Herr, stand hinter ihm. Eilig drehte er sich um. Da stand sein Meister und musterte ihn scharf. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck höchster Missbilligung.
„Ich kann das …“ begann Alejandro und wurde sogleich von Victor unterbrochen.
„Ich bitte um Vergebung, Herr, aber der Cadejo hat mich dazu gezwungen, mich in Euch zu verwandeln. Ich habe ihm gesagt, dass das nicht recht wäre, aber er wollte nicht auf mich hören.“
„Was?“ Alejandro fuhr zu dem Inkubus herum. „Pinche cabrón! Me engañaste!“
Er sah, wie Victor ihn heimlich angrinste. Mit weit aufgerissenen Augen wirbelte er wieder herum.
„Herr, bitte glaubt mir. Er lügt. Ich habe nichts gemacht!“
Sein Meister atmete tief durch.
„Und doch bist du derjenige, der mir hier seinen steifen Schwanz präsentiert wie ein Soldat das Gewehr. Bei ihm kann ich nichts dergleichen ausmachen. Wie erklärst du dir das?“
„Ich … er wollte mich verführen!“
Sein Herr ließ ein abfälliges Schnauben hören. „Ach und warum sollte er das tun? Du hast nicht die Macht, ihn zu füttern. Warum sollte er sich dir hingeben? Sicherlich nicht, weil du so besonders ansehnlich bist, oder?“
Alejandro öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber dann schloss er ihn wieder und senkte den Kopf. Er wusste, dass er auf verlorenem Posten stand.
Er hörte, wie sein Meister neben ihn trat. Instinktiv ließ er den Kopf noch ein wenig tiefer sinken. Eigentlich hätte er ebenfalls auf die Knie gehen müssen, aber er konnte sich nicht rühren. Er hörte seinen Meister leise seufzen.
„Wirklich, mein kleiner Cadejo, ich bin enttäuscht. Habe ich dir nicht alles gegeben? Habe dir meine wertvolle Zeit geschenkt, habe dich über deine Brüder erhoben und so dankst du es mir? Indem du mich benutzt? Dich hinter meinem Rücken über mich lustig machst? Ist das der Lohn für meine Zuneigung und Güte?“
„Nein, Herr“, wagte er zu antworten. „Ich … ich wollte nicht … Ich habe nur …“
„Herr, wenn Ihr erlaubt?“ Victors Stimme klang von irgendwo sehr weit her. „Ich glaube, dem Cadejo war nicht klar, was er da tat. Er bewundert Euch über alle Maßen, Herr, und möchte Euch nahe sein. Vielleicht ist sein Wunsch, Euer Bett zu teilen, nur einfach für einen Moment übermächtig geworden.“
Der Blick seines Meisters richtete sich wieder auf ihn. Er konnte es spüren wie einen Gluthauch, der über seine Haut strich.
„Ist das wahr?“
Was sollte er antworten? Es war eine Lüge, aber eine Lüge, die ihm vielleicht den Hals rettete. Also nickte er.
„Mhm, interessant.“
Für einige Augenblicke konnte Alejandro nichts hören, außer dem Wimmern der Sukkubus im Hintergrund. Er hatte sie schon fast vergessen. Vielleicht sollte er die Aufmerksamkeit seines Meisters auf sie richten. Auf die Aufgabe, die er gut erledigt hatte. Vielleicht …
„Ich glaube, das kann ich dir vergeben.“
Sein Kopf ruckte nach oben und er starrte seinen Meister unverhohlen an.
„Das würdet Ihr tun?“
Ein leichtes Lächeln erschien auf dem wunderschönen Gesicht.
„Natürlich. Trotzdem bleibt das Problem, dass du den Inkubus zu diesem Frevel angestiftet hast. Das kann ich nicht einfach so durchgehen lassen.“
Noch bevor Alejandro darauf antworten konnte, dass er jede Strafe mit Freuden annahm, hob sein Herr die Hand und hinderte ihn daran, auch nur einen Ton zu sagen.
„Damit du dich in Zukunft gut daran erinnerst, dass es mich nur einmal geben kann, werden wir ein kleines Spiel spielen. Was hältst du davon?“
Alejandro schlug die Augen nieder. „Was immer Ihr für angemessen haltet, Herr.“
„Gut, dann dreh dich um und warte, bis ich dir erlaube, uns wieder anzusehen. Wenn du es tust, wirst du herausfinden müssen, wer von uns dein wahrer Herr ist. Schaffst du das, wirst du eine Belohnung erhalten. Wenn du falsch rätst, werde ich dich bestrafen.“
„Aber Herr, wie …“
„Indem du deinen Kopf benutzt, mein kleiner Cadejo. Also los, denk nach. Zeig mir, dass in dir mehr steckt als ein schwächlicher, winselnder Köter.“

Alejandro hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Er atmete flach und sein Herz schlug ihmn bis zum Hals. Das hier war eine Chance. Seine Chance, sich seinem Herrn zu beweisen. Er hatte schon so oft versagt in den letzten Tagen, das das hier alles wieder gutmachen würde. Er wusste es einfach.
„Du darfst dich umdrehen.“
Langsam kam er der Aufforderung nach. Vor ihm stand sein Herr. Zweimal. Es war fast ein wenig unheimlich. Er sah von einem zum anderen, aber es war wirklich kein Unterschied erkennbar. Wie auch immer sein Herr es geschafft hatte, trug er jetzt die gleiche Kleidung wie der Inkubus. Somit waren die beiden daran nicht mehr zu unterscheiden. Vorsichtig näherte er sich und witterte ein wenig in ihre Richtung. Leider standen sie so nahe nebeneinander, dass sich ihre Aromen vermischten. Er war sich sicher, einen Unterschied erschnuppern zu können, aber dazu hätte er ungebührlich nahe kommen müssen. Das wagte er nicht. Es sei denn …
Alejandro grinste. Natürlich. Wenn er in seiner Dämonenform war, waren seine Sinne viel schärfer. Ohne um Erlaubnis zu bitten, verwandelte er sich. Seine Umgebung erhob sich über ihn, er wurde kleiner und kleiner, sein Rücken krümmte sich, die Beine wurden kürzer, das Gesicht länger und schließlich stand er als Hund vor seinem Herrn und dem Inkubus. Er hob die Nase und wusste sofort, welcher von beiden sein wahrer Meister war. Alejandro lief zu ihm und setzte sich vor ihn hin. Fast hätte er mit dem Schwanz gewedelt, aber er beherrschte sich im letzten Augenblick.
Sein Herr lächelte auf ihn herab.
„Das hast du gut gemacht, mein kleiner Cadejo. Dafür wirst du jetzt deine Belohnung erhalten. Ich werde dir einen deiner sehnlichsten Wünsche erfüllen. Möchtest du das?“
Alejandro unterdrückte den Impuls, zur Antwort zu bellen. Stattdessen machte er Anstalten, sich zurückzuverwandeln.
„Nein warte. Ich möchte, dass du in dieser Form bleibst.“
Alejandro gab ein fragendes Jaulen von sich. Hatte sein Herr nicht gerade versprochen … Seine Augen weiteten sich, als sich sein Meister von ihm abwendete und sich stattdessen an Victor wandte.
„Wenn du so freundlich wärst?“, sagte er zu dem Inkubus und dieser begann sich zu verändern. Er wurde kleiner, hagerer, seine Haut wurde wieder dunkler und dann … Alejandro kläffte empört. Der Inkubus sah aus wie er. Was hatte das zu bedeuten?
„Und jetzt möchte ich, dass du gut aufpasst“, ließ sein Meister sich vernehmen. Er trat zu dem jetzt sehr viel kleineren Inkubus, strich ihm mit der Hand durch das Haar und dann beugte er sich vor und küsste ihn. Er zog ihn in seine Arme, ließ seine Zunge zwischen die geöffneten Lippen gleiten und plünderte die fremde Mundhöhle auf eine Weise, die Alejandro heiße und kalte Schauer über den Rücken jagte. Er winselte leise.
Mit feuchten, leicht geröteten Lippen löste sein Meister sich wieder aus dem Kuss. Alejandro sah den Ausdruck auf seinem eigenen Gesicht und wusste, dass dies die höchste Erfüllung bedeutet haben musste. Eine Erfüllung, die nicht ihm zuteil geworden war. Sein Meister kniete sich zu ihm herab und flüsterte:
„Siehst du es jetzt? Du gehörst mir. Ich habe dich erschaffen und ich kann dich auch wieder vernichten. Sogar deine Träume halte ich in meiner Hand und ich allein entscheide, was damit passiert. Ich kann sie wahr werden lassen oder zerstören, ganz wie es mir beliebt. Ist dir das jetzt klar?“
Alejandro versuchte zu nicken. Er war wie betäubt.
Ein feines Lächeln umspielte die Lippen seines Herrn. Lippen, die eben noch auf seinem Mund gelegen hatten.
„Gut, dann hast du dein Geschenk erhalten. Eine wertvolle Lektion, die dich davor bewahren wird, noch einmal so einen schrecklichen Fehler zu begehen. Und jetzt lauf, mein kleiner Cadejo. Deine Aufgaben hier wird in Zukunft Victor übernehmen. So hast du mehr Zeit, um mir endlich den Engel zu bringen, den ich schon so lange begehre und den du immer noch nicht herbeigeschafft hast.“
Alejandro wirbelte herum und jagte zur Tür hinaus, als wären sämtliche Teufel des achten Höllenkreises hinter ihm her. Sein Herr hatte ihn geküsst. Zumindest beinahe. Er konnte sein Glück kaum fassen. Dafür musste er ihm unbedingt ein Geschenk bringen. Den Engel. Er musste ihn nur noch finden und dann würde sein Herr ihn dieses Mal vielleicht wirklich küssen. Seine echten Lippen, seinen echten Mund. Endlich.


Als der Cadejo verschwunden war, verwandelte Victor sich wieder zurück. Er verbeugte sich leicht vor seinem Herrn.
„Ich sagte Euch doch, dass er nur den richtigen Anreiz braucht. Er wird Euch nicht wieder enttäuschen.“
Ein versonnenes Lächeln antwortete ihm. „Mein lieber Victor, mir scheint, dass ich dich ein wenig unterschätzt habe. Man wird noch dich zum 'Herrn der Lügen' ernennen.“
„Ihr schmeichelt mir. Niemand kann es wagen, sich je mit Euch gleichzustellen.“
Sein Herr und Meister lachte auf. „Ich werde dich daran erinnern.“
Im Hintergrund hörte man den Sukkubus im Engelsbrecher schreien.





Gabriella starrte immer noch auf das Bett, als sich die Tür hinter ihr öffnete. Sie straffte sich und hoffte, dass man ihrem Gesicht nicht allzu viel von dem ansah, was ihr gerade durch den Kopf ging.
„Hey“, sagte sie und versuchte fröhlich zu klingen. „Was hab ich verpasst? Hat Marcus noch etwas erzählt?“
Sie hatte Michael mit etwas Mühe davon abhalten können, das Gespräch zwischen den beiden jungen Männern zu unterbrechen. Ihr war klar gewesen, dass die beiden die Zeit allein brauchten. Es hatte sie davon abgelenkt, was sie dann nur umso stärker angefallen hatte, nachdem sie allein in das Motelzimmer zurückgekehrt war. Als sie Michael jetzt mit Angelo hereinkommen sah, wusste sie plötzlich, dass sie wohl insgeheim gehofft hatte, dass ihr Mann ihr folgen würde. Dass er wissen würde, wie es in ihr aussah. Aber das war natürlich Unsinn. Wenn sie wollte, dass er wusste, was sie beschäftigte, musste sie ihm das sagen.
„Wir haben vielleicht eine Spur“, antwortete Michael auf ihre Frage. „Allerdings wird Marcus uns spätestens morgen Mittag melden. Wir sollten also packen.“
„Okay“, gab sie zurück und drehte sich wieder um, um das T-Shirt zusammenzulegen, in dem sie heute Nacht geschlafen hatte. Sie hörte, wie Michael im Badezimmer verschwand. Das bedeutete, dass sie und Angelo allein waren. Gabriella merkte, wie ihr Herz anfing, schneller zu schlagen.
„Gabriella?“ Angelos Stimme war leise, sanft. Wie fast immer. Warum hatte sie es nicht erkannt? Nichts geahnt? „Ist alles in Ordnung?“
Sie atmete bewusst aus und legte einen sorglosen Gesichtsausdruck auf. „Natürlich. Was soll sein?“
Erst, als er neben sie trat und den Arm nach ihr ausstreckte, drehte sie sich zu ihm herum. Seine blauen Augen sahen sie forschend an. Sie konnte sich nicht dagegen wehren, dass sie das Gefühl hatte, er würde ihre Seele ansehen.
Angelo schüttelte leicht den Kopf.
„Es ist nicht in Ordnung. Du hast etwas. Ich spüre es. Du bist … bedrückt.“
„Ich …“ Sie wusste nicht, wie sie es erklären sollte.
„Ist es wegen mir? Wegen dem, was ich bin?“
Gabriella fühlte sich unfähig, ihm zu antworten. Schließlich nickte sie langsam. Er sah sie nur an und wartete. Irgendwann öffnete sie den Mund und begann zu sprechen.
„Als ich ein Kind war, lebte ich noch mit meinen Eltern in Italien. Auch meine Großeltern lebten bei uns und meine Großmutter … sie war eine fromme Frau. Sie las mir oft aus der Bibel vor, ging mehrmals in der Woche zur Kirche. Ich weiß noch, wie sie mir zum sechsten Geburtstag ein Heiligenbildchen schenkte. Ich hätte enttäuscht sein können, aber sie war so überzeugt davon, dass mich dieser Heilige vor schlimmen Unheil bewahren würde, dass ich das Bild über mein Bett hängte und jeden Abend ansah, bevor ich einschlief. Auf dem Bild war … ein Engel zu sehen. Ein großer, beeindruckender Mann im weiten Gewand mit weißen Flügeln, die sich wie ein Schutzschild über die Menschen zu seinen Füßen ausbreiteten. Ich … ich habe dieses Bild immer als tröstlich empfunden.“
Sie brach ab und sah Angelo ein wenig hilflos an. Er legte den Kopf schief.
„Und jetzt bist du enttäuscht, weil ich nicht so bin?“
„Was? Nein!“ Sie lachte plötzlich, obwohl ihr nicht danach war. „Ich … es ist nur so seltsam, wenn ich mir vorstelle, dass du ein solches Wesen sein sollst und dass wir …“
Ihr Blick wanderte zum Bett. Sie atmete erneut tief durch. „Es fühlt sich ein wenig so an, als hätte ich in die Schale mit Weihwasser gespuckt oder wäre am Sonntag ohne Unterwäsche zur heiligen Messe gegangen.“
Als er nicht antwortete, drehte sie sich wieder zu ihm herum. Sein Blick war merklich tiefer gerutscht und als er bemerkte, dass sie ihn ansah, wurde er plötzlich rot.
„E-entschuldige. Das mit der Unterwäsche hat mich irgendwie abgelenkt.“
Sie musste erneut lachen, aber dieses Mal war ihr Lachen echt.
„Angelo!“, rief sie und versuchte, rechtschaffen empört zu klingen.
Er zog den Kopf zwischen die Schultern.
„Tut mir leid. Ich … ich weiß ja selbst nicht so ganz, was ich mit dieser Neuigkeit anfangen soll. Ich fühle mich nicht wie der Mann von deinem Bild.“
„Stimmt, dir fehlen definitiv die Flügel.“
Gabriella musterte ihn für einen Augenblick und sie musste zugeben, dass es ihr nicht schwerfiel, sie sich vorzustellen. Groß. Weiß. Beeindruckend. Wie es sich anfühlen würde, sich in seinen Armen geborgen zu fühlen.
„Tut mir leid“, sagte er noch einmal. „Das mit den Flügeln meine ich.“
Gabriella schmunzelte. „Ich glaube, die wären auch nicht besonders praktisch.“
„Vermutlich nicht.“ Er lachte leise. „Stell dir nur vor, ich würde versuchen, damit zu schlafen. Oder auch nur durch eine Tür zu gehen.“
„Schwimmen gehen.“
„Auto fahren.“
„Einen Aufzug benutzen.“
Angelo legte die Stirn in Falten. „Ob ich den dann noch bräuchte? Andererseits wären die Leute bestimmt nicht begeistert, wenn man immer durch das Fenster zu ihnen hineinstiege.“
„Eine Mitgliedschaft im Mile-High-Club wäre mit ziemlicher Sicherheit auch ausgeschlossen.“ Gabriella stutzte, als ihr bewusst wurde, was sie da gerade gesagt hatte. Flirtete sie etwa schon wieder mit ihm?
Angelo sah sie fragend an.
„Was ist der Mile-High-Club?“
„Ähm, das ist … nicht so wichtig. Es hat etwas mit Flugzeugen zu tun.“
Er runzelte die Stirn. „Vielleicht ist das der Grund, warum Engel heutzutage keine Flügel mehr haben. Weil ihr Menschen inzwischen viel schnellere Wege erfunden habt, um von einem Ort zum anderen zu kommen.“
Angelo unterbrach sich und sah sie an. „Es ist komisch, das zu sagen. Ihr Menschen. Als würde ich nicht dazu gehören. Dabei fühle ich mich nicht anders als vorher. Ich bin immer noch ich. Auch wenn ich nicht weiß, wer ich eigentlich wirklich bin.“
Gabriella hob die Hand und streichelte sanft über seine Wange. „Das macht nichts. Ich glaube, das wissen die wenigsten von uns.“
„Uns?“
Sie lächelte tapfer. „Ja, uns. Denn auch, wenn du ein Engel bist, gibt es doch immer noch ein uns, denke ich. Ich … würde mich auf jeden Fall freuen, wenn es so wäre.“
Er trat näher und zog sie in eine Umarmung
„Ich auch“, flüsterte er. „Ich …“
„Braucht ihr noch etwas von den Sachen im Badezimmer … oh.“
Michael war hereingekommen und strotzte nur so vor Tatendrang. Als er sie entdeckte, stutzte er kurz, bevor ein Lächeln über sein Gesicht glitt.
„Alles klar bei euch?“
„Ja“, antwortete Gabriella und wollte sich schon von Angelo losmachen, als er sie festhielt. Er sah ihr für einen Augenblick tief in die Augen, bevor er sich vorbeugte und einen Kuss auf ihren Lippen platzierte. Als er den Kuss wieder löste, wagte Gabriella zuerst nicht zu atmen. Dieser Kuss war … anders gewesen. Es lag ein Versprechen darin. Eine Aussage, die ihr Herz ein wenig stolpern ließ. Angelo sah sie noch für einen Augenblick an, bevor er sie freigab und sich wieder Michael zuwandte. Er schickte ihr noch einen kleinen Blick und ein Lächeln und sie konnte nicht anders, als es zu erwidern. Ein Engel, in der Tat. Ein zerzauster, wunderschöner, liebenswerter Engel, der ihre Hilfe brauchte bei was auch immer sein Auftrag war.
Gabriella atmete tief durch, um zurückzudrängen, was in ihr aufwallte. Es war notwendig, jetzt einen kühlen Kopf zu bewahren. Immerhin hatte Michael gesagt, dass dieser Marcus die Polizei verständigen würde und Gabriella hatte nicht vor, sich in einem schäbigen Motel verhaften zu lassen wie irgendeine Drogenschmugglerin oder was auch immer. Jetzt war Handeln angesagt.

„Also was wissen wir?“, fragte sie, als sie die beiden Männer zu einem Kriegsrat zusammengerufen hatte. Sie und Angelo saßen je auf einem der Betten, während Michael sich den altersschwachen Sessel herangezogen hatte. Das Möbelstück ächzte etwas unter seinem Gewicht.
„Angelo ist offenbar ein Engel“, sagte er und schickte ihm noch einen Blick, als wäre ihm auch gerade erst aufgefallen, wie verrückt das eigentlich war. „Und dieser Marcus ist … ebenfalls einer?“
Angelo verneinte. „Er ist ein Nephilim. Ein Halbengel. Seine Mutter war ein Mensch.“
„War?“, hakte Gabriella nach.
Angelo wirkte ein wenig beklommen. „Wenn ein Engel mit einer Sterblichen ein Kind zeugt, überlebt die Mutter in der Regel die Geburt nicht. Es ist unter anderem deswegen verboten.“
Gabriella brauchte einen Moment, um die Neuigkeit zu verdauen. Anscheinend gab es doch mehr Unterschiede, als ihr im ersten Moment klar gewesen waren. Was mochte noch alles in Angelo stecken? Wie groß waren seine Fähigkeiten? Was davon konnte ein Risiko für sie darstellen? Was ihnen helfen?
„Also leben Engel normalerweise im Zölibat?“, fragte sie, um ihre Gedanken zu überspielen.
Angelos Unbehagen schien größer zu werden und auch Michael sah plötzlich so aus, als wäre ihm erst jetzt wirklich bewusst geworden, dass sie möglicherweise eine unsichtbare Grenze überschritten hatten.
„Ich … ich weiß es nicht genau“, antwortete Angelo schließlich langsam. „Mein Wissen darüber, was es heißt, ein Engel zu sein, ist immer noch sehr lückenhaft. Ich konnte Marcus auch erst als das erkennen, was er war, als ich die Rüstung angelegt habe. Vorher war ich ebenso blind wie ihr.“
Da war es wieder, dieses unbehagliche ihr. Gabriella sah, dass es ihm wehtat, es auszusprechen. Sie schenkte Angelo ein aufmunterndes Lächeln..
Michael räusperte sich. „Und dieser Engel, also Marcus’ Vater, ist offenbar niemand anderes als der Kerl vom FBI, der hinter uns her ist. Ich verstehe nur noch nicht so ganz, warum sie ihn jagen.“
Gabriella überlegte. Nach dem, was ihr Angelo erzählt hatte, gab es für sie da nur eine mögliche Theorie.
„Ich denke, dass sie glauben, dass er ein gefallener Engel ist. Und nach allem, was er mir so erzählt hat, ist das nicht einmal unwahrscheinlich.“
Angelo und Michael sahen sie beide erstaunt an. Sie lachte.
„Ihr kennt die Geschichte doch, oder? Dass sich einst ein Teil der Engel gegen Gott aufgelehnt haben soll und daraufhin aus dem Himmel verbannt wurde. Ihr Anführer wird allgemein hin als der Teufel bezeichnet.“
Für einen Moment machte sich Schweigen breit.
„Soll das heißen, Angelo ist einer von den Bösen?“ Michael schüttelte entschieden den Kopf. „Das kann ich nicht glauben. Warum sollten dann die Dämonen hinter ihm her sein?“
Gabriella zuckte mit den Achseln. „Vielleicht wollen sie ihn auf ihre Seite ziehen.“
Angelo selbst war ein wenig blass geworden. Er starrte auf den schmutzigbraunen Teppichboden.
„Ich glaube das nicht“, widersprach Michael jetzt vehement. „Ich denke vielmehr, dass Angelo hierher geschickt wurde, um etwas in Ordnung zu bringen.“ Er blickte Gabriella ein wenig unsicher an. „Wir … wir haben vorhin über Jeff gesprochen.“

Gabriella musste bei der Nennung des Namens ein wenig schlucken. Als sie und Michael sich kennengelernt hatten, hatte er sich immer noch nicht vollkommen von den Folgen des schweren Unfalls erholt. Er musste Übungen zur Wiederherstellung der Beimuskulatur machen und nach ungefähr einem halben Jahr noch einmal operiert werden, um die Drähte und Schrauben zu entfernen, die sein zertrümmertes Bein in der Zeit stabilisiert hatten. Sie hatten darüber gesprochen, wie es dazu gekommen war und somit natürlich auch über Jeff. Michaels besten Freund, der ihn immer noch wie ein Schatten aus der Vergangenheit zu begleiten schien. Wegen dem er nachts aus Alpträumen aufgewacht war. Wieder und wieder und wieder.
Gabriella hatte gesehen, wie Michael litt, und sie hatte das getan, was ihr sinnvoll erschien. Sie hatte ihm geraten, Jeff zu vergessen. Hatte ihm gesagt, dass es nicht seine Schuld gewesen war. Hatte ihm sogar damit gedroht, ihn zu verlassen, wenn er das Kapitel nicht endlich abschloss. Manchmal hatte sie sich im Nachhinein gefragt, ob seine Eröffnung, dass er sich nach der körperlichen Nähe von Männern sehnte, etwas mit Jeff zu tun hatte. Ob er ihn auf diese Weise noch einmal zurückholen wollte. Sie hatte ihn nie danach gefragt. Vielleicht weil sie Angst vor der Antwort gehabt hatte. Weil sie gedacht hatte, das Thema endgültig ruhen zu lassen, statt es wieder hervorzuzerren und damit alles nur noch zu verschlimmern.
„Jeff?“, fragte sie und ihre Stimme klang überraschend fest. „Was hat er mit der ganzen Sache zu tun?“
Michael atmete tief durch.
„Ich habe mir überlegt ... dass er es vielleicht gewesen sein könnte, der Angelo zu uns geschickt hat.“
„Du meinst so etwas wie einen Geist?“ Gabriella wusste nicht, wie sie das finden sollte. Andererseits, wenn es Engel und Dämonen gab, warum dann nicht auch Geister? Es war jedoch Angelo, der Michael widersprach.
„Das glaube ich nicht“, sagte er leise. „Ich … ich weiß nicht genau, wie das dort oben alles so funktioniert, aber ich glaube nicht, dass …“
„Aber warum solltest du sonst ausgerechnet zu mir kommen?“ ereiferte sich Michael. „Du hast selbst gesagt, du hättest mich gesucht und dass du einen Auftrag hättest. Die Umstände von Jeffs Tod sind meines Erachtens viel zu verdächtig, um nichts damit zu tun zu haben. Außerdem ist da noch die Sache mit dem Engelsbrecher. Willst du mir sagen, dass das alles nur Zufall ist?“
Angelo schüttelte stumm den Kopf. Gabriella konnte ihm ansehen, dass er mit sich rang. Irgendetwas beschäftigte ihn. Als sie ihn danach fragte, senkte er den Blick.
„Ich … ich spüre, dass Michael diese Sache sehr wichtig ist. Es spricht einiges dafür, der Spur nachzugehen. Aber ich sehe auch, dass du dich nicht wohl damit fühlst. Außerdem würde es euch beide in Gefahr bringen, wenn wir wieder zurückfahren. Vielleicht, um nichts dort zu finden. Es wäre ein großes Risiko.“
„Und du? Was möchtest du tun?“
Angelo brauchte einen Augenblick, bevor er antwortete. Als er Gabriella ansah, lag Bedauern in seinem Blick.
„Ich würde es gerne versuchen. Es behagt mir nicht, dass es gefährlich für euch werden könnte, aber ich würde lieber auf etwas zulaufen als vor etwas weg.“
Gabriella musterte ihn. Er schlug die Augen nieder und sah sie von unten herauf an. Schickte ihr ein zaghaftes Lächeln, als wolle er sich dafür entschuldigen, dass er sie überstimmt hatte. Ein Lächeln, das sie um Nachsicht bat und um ihre Unterstützung im Kampf gegen was auch immer sich ihnen in den Weg stellen würde.
Sie sah zu Michael und auch dort lag eine stumme Bitte in seinem Blick. Er hatte Jeff damals ihr zuliebe aufgegeben. Aber vielleicht … vielleicht hatte sie sich getäuscht. Vielleicht musste dieser Geist aus der Vergangenheit nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeuten. Vielleicht wurde es Zeit, endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen.
„Also schön“, sagte sie schließlich und bemerkte dabei die Erleichterung, die auf den Gesichtern der beiden Männer erschien. „Fahren wir zurück nach Hause.“











Pimiento hat mal wieder für mich übersetzt. :)

Pinche cabrón! Me engañaste! - Verdammter Scheißkerl! Du hast mich reingelegt!
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