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Mittelerde Adventskalender 2019 – „Schatten über Forodwaith“

von Onny
GeschichteAbenteuer, Familie / P6
Samweis / Sam Gamdschie
13.12.2019
13.12.2019
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Die ist der 13. Beitrag für den Mittelerdeadventskalender 2019, organisiert von Pethryn.
Meine Inspiration war Bild 10.


Mittelerde Adventskalender 2019 – Schatten über Forodwaith


„Erzähl uns von den Olifanten!“
„Ich will von den Elben hören, Bitte Papa!“
„Nein, erzähl uns von deiner Reise!“
Samweis Gamdschie der Beherzte, Bezwinger von Riesenspinnen, Orks und anderen Übeln, Bürgermeister von Michelbinge, versuchte vergeblich, seine bettelnde Kinderschar dazu bewegen, schlafen zu gehen.
„Erzähl uns von der Königin, die so schön ist wie der Abendstern!“ bat Elanor, seine Älteste.
„Ich erzähle euch überhaupt nichts, bevor ihr nicht in euren Betten liegt“ sagte Sam streng und griff rasch nach dem kleinen Pip, der gerade erst das Krabbeln gelernt hatte und seitdem eine bedenkliche Faszination für das Kaminfeuer, nasse Schuhe oder die unwillige Katze, kurz alles Gefährliche oder Schmutzige, entwickelt hatte.
„Elanor, kümmere dich um Merry. Rose und Frodo, ihr seid alt genug, husch, husch!“ scheuchte er die Kinder in ihr Schlafzimmer. Und wirklich, als er wenig später mit dem quengelnden Pip auf dem Arm den Raum betrat, hatte sich die alle Kinder in ihre Nachthemden auf einem Bett unter einem bunten Quilt zusammengekuschelt. Vier rotbackige runde Gesichter unter zerzausten Locken schauten ihn erwartungsvoll an. Sam setzte sich auf einen Schemel ans Bett und begann, Pip sanft auf dem Schoss hin und her zuwiegen. Nachdenklich schaute er aus dem runden Fenster in das dichte Schneetreiben. Hoffentlich kam Rosie gut nach Hause.
„Na los, Papa!“ rief Rose. “Bittebittebitte die Geschichte von dem Drachen in der Zwergenhöhle!“
„Nein, gruselig!“ wandte Merry ein und warf seiner großen Schwester einen bösen Blick zu.
„Außerdem kennen wir die Geschichten alle schon.“ sagte Frodo mit der Weisheit seiner neun Jahre getragen. „Hast du keine neue? Immer bloß Drachen und doofe Olifanten, das ist doch langweilig.“
„So? Drachen und Olifanten sind also langweilig?“ fragte Sam und machte Anstalten, sich zu erheben. „Dann brauche ich euch sicher nicht mit der Geschichte vom Drachen und dem …. „, er überlegte einen Moment, „…  Schneeolifanten zu langweilen.“
Ein vielstimmiger Protest ertönte. „Papa, hierbleiben!“ schimpfte Rose und Merry umklammerte seine Hand energisch.
„Nun gut.“ gab er sich lächelnd geschlagen und setzte sich wieder. „Dann also die Schneeolifanten …“

***


Seid ganz leise. Hört ihr, wie der Schnee fällt? Nein? Dann müsst ihr besser horchen. Oben im Norden, weit hinter dem Auenland, sogar noch hinter dem Abendrotsee und den großen Bergen, liegt ein Land, ganz aus Eis und Schnee. So still ist es da, dass man jede Flocke fallen hört. Forodwaith hieß es in alten Tagen. Es war ein raues, kaltes, stilles Land, und doch von einer großen Schönheit. Menschen lebten dort in Häusern aus Schnee. Keiner weiß, woher sie kamen, denn sie lebten schon lange dort. Es heißt, auch heute leben noch einige von ihnen an der kalten Bucht von Forochel, die fast das ganze Jahr von Eis bedeckt ist und die kaum je ein Schiff angelaufen hat.
Doch unsere Geschichte spielt in den alten Tagen, als ein böser Zauberer in Angmar lebte. Er sandte schlimme Stürme in das Land, und fast nie mehr sah man den Schnee in der Sonne glitzern. Er wühlte das gefrorene Meer auf und ließ Lawinen von den Bergen kommen. So wollte er die Menschen ins Elend stürzen und ihre Herzen finster machen. Bei manchem gelang es ihm auch die Kälte des Landes in eine Kälte des Herzens zu verwandeln, doch nicht bei allen, denn die Menschen waren tapfer und mutig. Dann schickte er den Drachen. Die Hitze seines Feuers schmolz die stolzen Schneehäuser der Forodwaith zu Pfützen aus rußigem Wasser, und er verbrannte ihre Boote und stahl die besten Tiere aus ihren Herden.
In einem Dorf, in dem der Drache gewütet hatten, trafen sich die Menschen und beratschlagten, was sie nun tun sollten. „Der Zauberer hat gewonnen!“ sagte einer traurig.
„Der Zauber ist stark, wir sollten seine Freunde werden und zu ihm ziehen!“ sagte ein anderer.
„Halt!“ sagte da eine leise Stimme und ein Kind trat hervor. „Wir dürfen nicht aufgeben und tun, was der böse Zauberer will. Sicher kann uns jemand helfen!“
„Und wer soll uns helfen?“ höhnte der Mann, der zuerst gesprochen hatte. „Wir sind ganz allein, und wir sind verloren.“ Und alle Menschen schwiegen betrübt.
Nachts, heimlich, zog das Kind los. Es wusste nicht wohin, doch es wollte nicht zulassen, dass seine Familie unter den Schatten des Zauberers fiel. Es hüllte sich in seinen dicksten Pelz und trat in die kalte Nacht hinaus.
Am nächsten Morgen, als es schon lange gelaufen war, traf es einen weißen, kleinen Hasen.
„Lieber Hase, bitte hilf mir!“ sagte das Kind. „Ich suche jemand, der den grausamen Drachen vertreiben kann!“
„Liebes Kind“ erwiderte der Hase. „Gegen einen Drachen kann ich nichts tun, doch frage den weißen Fuchs, er ist groß und stark und lebt weiter nordwärts.“
Das Kind zog weiter in die Richtung, die der Hase ihm gewiesen hatte. Da traf es den Fuchs. Er reichte dem Kind nur bis an die Knie, doch er fletschte grimmig die Zähne.
„Grimmiger Fuchs, bitte hilf mir!“ sagte das Kind. „Ich suche jemand, der den grausamen Drachen vertreiben kann!“
Da ließ der Fuchs das Zähnefletschen sein und schaute das Kind nachdenklich an. Schließlich sagte er: „Mutiges Kind, helfen kann ich dir nicht, doch mein Vetter, der weiße Bär, ist das stärkste Tier, das ich kenne. Gehe nur weiter, und du wirst ihn finden.“
So zog das Kind immer weiter gen Norden, dorthin, wo der große weiße Bär lebte. Als der Bär das Kind sah, stellte er sich auf die Hinterbeine und war nun größer als der größte Mann im Dorf, und er brüllte fürchterlich. Doch das Kind blieb tapfer und rief: „Wilder Bär, bitte hilf mir! Ich suche jemand, der den grausamen Drachen vertreiben kann!“
Da stellte sich der Bär wieder auf alle Viere und sprach: „Dummes Kind, kein noch so mächtiger Bär kann einen Drachen besiegen. Geh nach Hause.“
Nun wusste das Kind nicht weiter, und weinend ging es fort. Weil es so kalt war, gefroren seine Tränen, ehe sie auf den Boden fielen und hinterließen eine glitzernde Spur im Schnee. Es war schon eine Weile gegangen, ohne zu wissen wohin, da hörte es hinter sich ein lautes Schnauben und Prusten. Als es sich umdrehte, sah es den wilden Bären auf sich zu rennen. Es erschreckte sich sehr, doch der Bär rief: „Warte Kind, ich weiß, wer dir helfen kann!“ Das Kind durfte auf seinen Rücken steigen und der Bär trug es noch weiter in den Norden, dorthin, wo die grünen Himmelslichter das Meer berühren und die Luft so kalt ist, als würde man Eis atmen.
Dort setzte der Bär das Kind ab und ließ es allein zurück. Verlassen blickte es sich um. Hier würde es bald erfrieren, und niemand würde sein Dorf dann mehr vor dem Drache beschützen. Trotzdem ging es immer weiter, kämpfte sich voran gegen den Eiswind und den stürmenden Schnee. Doch bald waren seine Kräfte erschöpft und es setzet sich in den Schnee nieder, und es dachte, es würde nie wieder aufstehen, so kalt war ihm.
Doch da sah es einen riesigen Schemen durch den heulenden Sturm. Groß wie ein Haus sah es den Umriss durch die wirbelnden Flocken hindurch. Und dann wurde es sanft hoch in die Luft gehoben und eine tiefe Stimme fragte: „Du suchst nach mir, mein Kind?“
Das Kind zitterte am ganzen Körper vor Schreck, doch dann dachte es an seine Familie und seine Freunde, und obwohl ihm so kalt war, wurde sein Herz wurde ganz warm und sein Mut kehrte zurück. „Kannst du mir helfen, den bösen Drachen zu besiegen?“
„Der Drache ist stärker als ich, doch das muss nichts heißen….“ erwiderte das Wesen. „Wenn du den ganzen weiten Weg gemacht hast, um meine Hilfe zu finde, werde ich sie dir gewähren. Mit List und Tapferkeit werden wir ihn besiegen.“

Die Menschen im Dorf packten ihre Habseligkeiten zusammen, um in das Land des Zauberers zu ziehen. Traurig beluden sie ihre Schlitten, als am Himmel der Drache erschien und auf dem Dorfplatz landete.
„Du hast gewonnen, nun lass uns schon in Frieden!“ rief jemand, doch der Drache lachte nur und sandte einen Feuerball in Richtung dessen, der gesprochen hatte, so dass sein Schlitten in Flammen aufging. Da verzweifelten die Menschen noch mehr, denn sie wussten nun, dass ihr Leben im Land des Zauberers schrecklich werden würde.
Da hüpfte ein kleiner Hase in das Dorf. Er zitterte am ganzen Leib, doch er rief: „Drache, der große Olifant fordert dich zum Kampfe heraus. Er sagt, du bist schmächtig und schwach und leicht zu besiegen.“
Der Drache brüllte wütend auf: „Wo ist dieser Olifant? Ich will ihn mit Feuer lehren, einen Drachen nicht zu verspotten! Doch erst will ich dich töten, der du es wagst, solche Worte auszusprechen!“ Das Häschen rannte aus dem Dorf, und der Drache erhob sich in die Luft. Doch schon bald verloren seine doch so scharfen Drachenaugen jede Spur des weißen Hasen im weißen Schnee. Da sah er einen Fuchs auf einer Schneewehe sitzen, der keine Anstalten machte, vor ihm zu fliehen, sondern sich gemütlich die Ohren mit den Pfoten putzte. „Heia, Schuppenechse mit Flügelchen! Der Olifant wartet schon auf dich!“ rief der Fuchs keck, bevor er fortsprang, dicht gefolgt von dem Drachen. Doch wieder verlor der Drache die Spur im Schnee, und in seinem Zorn bemerkte er nicht, dass er immer weiter nordwärts flog. Ein lautes Brüllen von einem Eisberg unter ihm ließ ihn in seinem Flug innehalten. „Du bist spät dran, kleines Vögelchen!“ rief ein weißer Bär. „Der Olifant wartet schon!“
Blind vor Wut wollte der Drache sich auf den Bären stürzen, doch der war schon unsichtbar im Schnee geworden. Der Drache wollte sich wieder in die Luft schwingen, doch seine Flügel waren eingefroren. So ging der Drache zu Fuß weiter, denn der gekränkte Stolz eines Drachens ist durch nichts zu besänftigen außer blutiger Rache. Es wurde dunkel, und zwischen den fernen funkelnden Sternen tanzten die grünen und blauen Lichter über den Himmel.
„Wo bist du, feiger Olifant?“ lacht der Drache in das leere, kalte Land.
Plötzlich begann das Eis zu dröhnen unter schweren Schritten. Eine riesige Gestalt trat dem Drachen gegenüber. Vier Beine so dick wie Bäume, riesige glänzende Stoßzähne, zotteliges langes Fell voller Eiszapfen und kluge Augen in einem Kopf mit kleinen Ohren und einem langen Rüssel: Ein Schneeolifant! Und auf dem Rücken des Olifanten, eingekuschelt in sein warmes Fell, saß das Kind und es rief: „Gib auf, Drache!“
Der Drache lachte nicht mehr und er sagte grimmig: „Nun wollen wir kämpfen.“ Vorsichtig hob der Olifant das Kind mit seinem Rüssel von seinem Rücken und setzte es sanft im Schnee ab.
Dann kämpften sie. Es war ein schrecklicher Kampf der beiden riesigen Wesen. Der Schnee und das Eis bebten, da ging es Klaue gegen Zahn. Das Kind kniff die Augen zu und hielt sich die Hände vor die Ohren. Ein Beben erschütterte es, und als es die Augen einen Schlitz öffnete, sah es erschrocken, dass der Olifant zu Boden gegangen war. Der Drache richtete sich auf und hob stolz den Kopf. Das Kind wusste, was jetzt kommen würde: Er würde sein schreckliches Feuer speien!
„Nein!“ rief es laut, doch es war zu spät. Schon züngelten die Flammen durch die Luft! Doch die Flammen froren ein, sobald sie das Maul des Drachen verließen. Da begriff der Drache, dass er sich zu weit nach Norden hatte locken lassen, und weder seine Flügel noch sein Flammen ihm hier helfen würden, und der Mut verließ ihn. Wütend kreischte er auf, als der Olifant sich aufrichtete und den Drachen mit seinen langen Stoßzähnen zwang, zurückzuweichen. Immer weiter trieb der Olifant den Drachen vor sich her, bis dorthin, wo das Eis endete und das Nordmeer begann. Der Drache bäumte sich noch einmal auf, doch es war zu spät und er stürzte die Kante hinab ins eisige Nass, und nie hat ihn jemand widergesehen.

Die Menschen im Dorf hatten verblüfft beobachtet, wie der Drache das Dorf verlassen hatte und warteten nun angespannt, was geschehen würde. Ein lautes Stampfen riss sie viele Stunden später aus ihren trüben Gedanken. „Der Drache kommt zurück!“ rief eine Frau entsetzt.
Doch dann kam der Olifant, und auf seinem Rücken saß das strahlende Kind.
„Ich habe den Drachen besiegt.“ sprach der Olifant. „Aber der Zauberer wird nicht lange nachdenken müssen, ehe ihm eine neue Missetat einfällt. Doch es gibt eine Möglichkeit, ihm zu widerstehen: Lasst keine Kälte in eure Herzen, lasst eure Seelen nicht vor Angst gefrieren. Seid mutig und tapfer wie dieses kleine Kind, und wenn ihr zusammenhaltet, könnt ihr dem Bösen widerstehen!“ So sprach der weise Schneeolifant, dann wand er sich ab und verschwand in der weißen Weite.
Das Kind aber lief freudestrahlend zu seiner Familie, und lachend und weinend zugleich lagen sie sich in den Armen. Später wurde das Kind zum Anführer seines Dorfes und noch viele Male trotzte es dem bösen Zauberer, und niemals ließ es sein Herz erfrieren.

***


Leise verließ das Sam mit dem schlafenden Pip auf dem Arm das Zimmer und schaffte ihn in seine Wiege. Er schürte das Feuer und setzte einen Kessel Tee auf. Draußen hatte sich das Wirbeln der Flocken zu einem Sturm gesteigert. Langsam begann er sich um Rosie zu sorgen. Ihr Weg war nicht weit, doch der Wind heulte fürchterlich.
Gerade als er nach seinen Stiefeln griff, öffnete sich die runde Tür, und Rosie stolperte mitsamt einer kalten Böe voller Schneeflocken herein. „Ich freue mich schon auf den Frühling“ schimpfte sie lachend, als sie sich sich aus ihrem verschneiten Mantel schälte und sich in warme Küche flüchtete. Sam stellte erleichtert seine Stiefel zurück und folgte ihr. Er reichte ihr einen Becher dampfenden Tee und meinte: „Sei bloß froh, dass du nicht in Forodwaith lebst.“
„Forodwaith? Hast du den Kindern wieder Geschichten erzählt?“
„Morgen müssen wir mit ihnen einen Schneeolifanten im Garten bauen, ich musste es versprechen.“
„Vielen Dank. Du weißt ja, wie ich dieses eklige, nasse, kalte Zeug liebe.“ beschwerte sich Rosie und schüttelte sich die letzten schmelzenden Flocken aus den Haaren. Lächelnd sah Sam ihr in die vergnügt funkelnden Augen. Und plötzlich wurde ihm klar, dass sein Herz immer warm sein würde, solange er hier war, zu Hause.
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