Funkenflug

GeschichteAbenteuer, Humor / P12
Oranger Ritter
13.12.2019
13.12.2019
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Pyro fragte sich warum er überhaupt zurückgekommen war. Er hatte die Nacht durchgemacht. Es war ein bisschen außer Kontrolle geraten. Vielleicht lohnte es nicht, das weiter auszuführen, es reichte wohl zu sagen, dass die heilige Birke, die neben der Kirche stand und die angeblich von St. Irgendwem gesegnet wurde, jetzt nur noch ein verkohlter Stumpen war. Es war ganz sicher nicht das erste mal, dass etwas bei ihm chaotisch verlief. Nicht seitdem er auf die Militärschule geschickt wurde und ganz sicher nicht vorher. Wieso also kam er doch zurück? War es die Strafe, die drohte? Wer zur Militärschule geschickt wurde, war eigentlich schon unten angekommen. Es war sozusagen die letzte Chance, die er bekam, um ein Leben zu führen, indem er der Gesellschaft zu etwas nütze war. Die letzte Chance. Wenn er auch die in den Wind schoss und von der Schule flog, würde die Reichsacht über ihm verhängt werden und er wäre damit nicht besser als ein dahergelaufener Bandit. Jeder würde ihn töten dürfen, ohne als Mörder zu gelten. Doch vielleicht waren es auch seine Kumpel, die er nicht so einfach verlieren wollte. Sicher, er war nicht gerade beliebt auf der Schule, aber ein paar Jungs kamen doch ganz gut mit ihm aus. Pyro gähnte. Wieder eine Nacht ohne Schlaf, aber gut, das könnte er auch im Unterricht nachholen. Er kletterte über die hohe Mauer der Schule. Es war gar nicht so schwer, denn am Rand stand ein schief gewachsener Baum, auf den er klettern konnte. Er balancierte einen Ast entlang, der über die Mauer reichte und ließ sich dann fallen. Ein alter Hut. Seelenruhig spazierte er um eine Seite der Schule und lief unglücklicherweise ausgerechnet Eberold von Lehnstein, dem Schuldirektor über den Weg, der kritisch den Hof observierte und nach Unruhestiftern Ausschau hielt. Unruhestiftern wie ihn.
„Pyro!“
„Guten Morgen, Herr Direktor. Schön, dass sie sich meinen Namen gemerkt haben. Ich fühle mich geehrt“, wagte Pyro zu witzeln und tat eine übertriebene Verbeugung.
„Wie könnte ich dich vergessen?“, sagte der hochgewachsene Mann vor ihm scharf und zupfte unruhig an seinem Ziegenbart. „Ich habe schon wieder Beschwerden über dich gehört. Ich bin es leid, mir immer deine Eskapaden anzuhören.“
„Dann hören sie doch einfach nicht hin“, sagte der zwanzig Jahre junge Mann frech.
„Jetzt pass mal auf du!“ sagte der Schuldirektor und bohrte seinen Zeigefinger in Pyros Brust. „Das hier ist deine letzte Chance. Wenn du das auch noch verbockst, geht dein Leben vollends den Bach runter. Hast du verstanden, Junge? Wie siehst du überhaupt aus? Wo hast du dich schon wieder rumgetrieben?“
Missbilligend musterte der ältere Mann ihn. Pyros vom waschen ausgegraute Klamotten waren voller Schlamm, Dreck und einer dunkelroten Flüssigkeit.“
„Hast du dich schon wieder geprügelt? Ist das getrocknetes Blut?“
„Machen Sie sich keine Sorgen, ist nicht meins.“
Der Schuldirektor schnaubte und sah ihn verächtlich an.
„Hältst du das hier alles für eine Art Witz? Ich dachte, es hätte was gebracht dich ein paar Stunden lang in Handschellen von der Decke hängen zu lassen, aber offenbar war das nicht die richtige Bestrafung für dich. Hast du denn gar nichts draus gelernt?“
„Ich weiß nicht mal mehr für was ich das eigentlich verdient hatte“, sagte Pyro, der angestrengt nachdachte.
Es war manchmal schwer für ihn all die Sachen, die er verbrochen hatte zu behalten und sich zu erinnern wovon die Lehrer wussten und ihn schon bestraft hatte und was noch völlig im Dunkeln lag.
„Der Schimmelpilz im Eintopf von Unteroffizier Hempelmann, er war zwei Wochen krank und konnte nicht unterrichten“, erinnerte ihn der Direktor mit einem Blick, der jeden anderen Schüler sofort dazu gebracht hätte zur Hölle zu rennen.
„Stimmt“, sagte Pyro und schlug sich an den Kopf, als es ihm wieder einfiel und sagte dann sarkastisch: „Aber das tut mir ja wirklich schrecklich Leid.“
Es gab eine regelrechte Fehde zwischen diesem Lehrer und ihm. Pyros Meinung war, dass er ihm ständig Streiche spielte, alle anderen würden sagen, er machte ihm das Leben zur Hölle, weswegen Unteroffizier Hempelmann alles daran setzte, sich immer wieder härtere, völlig neue Bestrafungsmethoden einfallen zu lassen, die in die Annalen der Schule eingehen sollten.
„Ich warne dich Freundchen! Treib es nicht zu weit! Wenn es nach mir ginge, würde ich dir die Zunge für deine Frechheit herausschneiden, leider ist es gegen die Schulordnung. Keine bleibenden Schäden an den Schülern, die später noch für den Kampf im Dienst des Königs gebraucht werden.“
Der Schuldirektor sah ihn lange an und sagte dann.
„Ich würde sagen acht Runden Brunnen für dich.“
Er rief die zwei Wachen, die jeden Delinquenten der Schule nur allzu gut kannten. Mit Pyro waren sie praktisch auf du und du. Es waren zwei stämmige, beinahe zwei Meter große Kerle mit Armen so dick, dass man vermuten könnte, ihr Körperbau wäre ursprünglich für den Vierfüßergang geplant gewesen. Es ging das Gerücht, dass sie selbst einmal auf dieser Schule waren, aber wegen besonders guter Disziplin nicht auf die Schlachtfelder geschickt wurden, sondern ihren Dienst hier verrichten durften.
„Hi Thomas, Hi Anton, wie geht’s?“ begrüßte Pyro sie wie alte Kumpel.
„Du schon wieder“, kam es genervt von Anton, der Pyros linken Arm in die Mangel nahm, woraufhin Thomas das gleiche mit seinem rechten machte.
So trugen sie ihn über den Hof zum Brunnen und steckten seine Hände in ein vorgefertigtes Geschirr und banden ihm ein schweres Gewicht an die Füße.
„Irgendwas neues?“ fragte Pyro, den das alles nicht im Mindesten beunruhigte.
„Nicht seitdem du gestern gefragt hast“, erklärte Anton. „Ehrlich gesagt hätte ich nichts dagegen einzuwenden, wenn wir uns nicht jeden Tag sehen würden.“
„So groß ist die Schule nun auch wieder nicht“, sagte Pyro achselzuckend.
„Ja, schon“, gab Anton zu. „Aber zumindest möchte ich dich nicht jeden Tag für irgendwelchen Bockmist bestrafen müssen, den du ausgefressen hast.“
„Irgendwie putzig wie du das sagst, fast als würdest du dir Sorgen um mich machen“, grinste Pyro.
„Na schön, du kennst das Spiel. Acht Runden hat der Meister gesagt. Na dann los.“
Anton nahm das Gewicht an Pyros Beinen hoch, Thomas hielt Pyro und auf drei ließen sie ihn in den Brunnen fallen.
„Eins, zwei, drei.“
Der junge Mann fiel die zwanzig Meter in den Brunnen, das Seil rollte schnell von einer Kordel ab und er wurde dann durch das Gewicht noch weitere drei Meter unter Wasser gezogen. Thomas drehte an einer Sanduhr, die auf etwa eine Minute eingestellt war.
„Also, was war das für ein Brief, den du gestern bekommen hast?“ wollte der schwarzhaarige Thomas wissen.
„Geht dich gar nichts an!“ zierte sich Anton mit einer Antwort vor seinem Kammeraden.
„Jetzt komm, spann mich doch nicht so auf die Folter“, sagte Thomas ungeduldig. „Du kriegst sonst nie Briefe und jetzt waren es gleich zwei innerhalb von einer Woche.“
Anton versuchte ihn zu ignorieren, sah zur Sanduhr, bei der die letzten Körnchen durchliefen und drehte an der Kurbel, so dass ein Stück Seil aufgerollt wurde. Durch den Schacht des Brunnens wurde das Geräusch wie Pyro tief Luft holte, deutlich verstärkt. Ohne einen Blick hinunter zu werfen, ließ Anton ihn einen Moment hängen, rief laut „EINS“ und ließ die Kurbel dann wieder los. Es gab ein lautes Platschen und der junge Mann war wieder unter Wasser.
„Du kannst mich doch nicht auf die Folter spannen! Jetzt sag schon. Sag. Sag! Sag!“, drängte Thomas seinen Freund.
„Das geht dich überhaupt nichts an“, wiederholte Anton starrköpfig.
Thomas sah enttäuscht aus. Dann zog er einen Flunsch und lehnte sich an das Gestell des Brunnens, das jetzt beunruhigend knarrte.
„Was könnte es sein?“
Jetzt war er dabei an der Kurbel zu drehen, damit der Kopf des Übeltäters die Wasseroberfläche durchbrach. Wieder konnten sie hören, wie er laut Luft holte.
„ZWEI“ rief Thomas hinunter und ließ die Kurbel los.
Wieder platschte es.
„Etwas, dass du mir nicht sagen willst… etwas, dass du für so wichtig hältst, dass du jeden Tag unruhig auf die Post wartest…“
„Hör auf dich in meine Angelegenheiten zu mischen“, fuhr Anton ihn an. „Das geht dich gar nichts an!“
„Wie? Das geht mich nichts an? Du bist mein bester Kumpel.“
„Das heißt nicht, dass ich kein Privatleben haben darf.“
„Was denn für ein Privatleben? Wir leben immer noch in dieser verdammten Militärschule, seitdem wir vor zwanzig Jahren hiergekommen sind“, sagte Thomas genervt und zeigte auf das große, langweilige, kastenförmige Gebäude aus altehrwürdigem Stein.
Anton sagte nichts, nur sein Keuchen war zu hören, als er an der Kurbel drehte, um den Unruhestifter die Möglichkeit zum Atmen zu geben.
„DREI“, rief er und ließ nach kurzer Zeit die Kurbel los.
„Komm schon Kumpel“, versuchte Thomas ihn zu überreden. „Wir haben doch nur uns.“
Antons Gesicht versteinerte. Thomas klappte die Kinnlade herunter.
„Warte … heißt das…? Heißt das…?“
Thomas Mimik zeigte zuerst Unglauben, dann Staunen und schließlich schalkhafte Freude.
„Ich glaubs nicht. Es ist das Mädchen aus den „Vier Hengsten“, oder? Mann, die war so scharf, dass ich dachte, du schneidest dir die Finger ab, als du mit ihr getanzt hast.“
„Jetzt hör schon auf“, versuchte Anton das Thema zu beenden.
„Aufhören? HA!“ lachte Thomas. „Du bist mir ja einer. Willst mir nichts davon sagen... Ich hab doch Recht, oder?“
Er musterte seinen Kumpel breit grinsend.
„Ich hab doch Recht, oder? Hab ich doch?“ nervte er weiter.
„Ja, ist ja gut. Es stimmt. Lucille ist ein wahrgewordener Traum. Ich wollte es nicht an die große Glocke hängen … für den Fall, dass … es nichts wird.“
„Ach das wird schon“, sagte Thomas lachend und knallte ihm kameradschaftlich seine große Pranke auf die Schulter.
„He“, sagte Anton und seine Stirn kräuselte sich. „Du bist doch mit raufholen dran, oder?“
Die beiden sahen sich mit einem mal erschrocken an, dann wirbelten sie zum Stundenglas herum. All der Sand war längst in die untere Hälfte gerieselt.
„Scheiße! Das waren bestimmt schon über drei Minuten. Scheiße, scheiße, SCHEISSE!“
Die beiden beeilten sich jetzt an der Kurbel zu drehen. Als Pyro schließlich die Wasseroberfläche durchbrach, schien sein Luftholen den ganzen Brunnen auszufüllen. Er hustete und spuckte und rang dann noch ein paar Mal angestrengt nach Atem.
„He … äh … alles in Ordnung mit dir Kleiner?“ fragte Thomas, der sich schuldig fühlte.
Pyro atmete noch einmal tief ein und sagte dann, fröhlich, als wenn er nicht gerade eine harte Bestrafung durchmachen musste: „Alles klar.“
„Ok“, sagte Thomas unsicher. „Lassen wir ihn erstmal richtig zu Atem kommen“, sagte er dann zu seinem Kollegen, der ihn finster anstarrte.
„Das ist alles deine Schuld. Du musst auf die Zeit achten, wenn du dran bist!“
„He, schon ok, du hast ja Recht. Es tut mir Leid“, kam es beschämt von Thomas.
„Was hätten wir denn dem Direktor sagen sollen, wenn er draufgegangen wäre?“
„Ähm… eine Sorge weniger?“ fragte Thomas und grinste gekünstelt.
Anton verdrehte die Augen und ließ die Kurbel los.
„VIER“, rief jetzt Thomas und Pyro sank erneut ins Wasser.
„Hör mal, der Junge macht so viel Ärger, ich könnt mir vorstellen, dass die Lehrer und der Direktor dem keine Träne nachweinen“, sagte Thomas zu Anton, der sich jetzt durchs braune Haar fuhr und den Kopf schüttelte.
„Findest du das richtig?“
„Es war ein Unfall“, sagte Thomas betreten.
Anton entschied, dass der kleine Rebell diesmal nicht so lange im Wasser bleiben sollte und holte ihn schon vor der Zeit heraus.
„FÜNF“ rief er hinunter, wartete etwa eine halbe Minute und ließ ihn dann wieder ins kalte Nass herab. „Vielleicht macht er andauernd Ärger, aber den Tod hat er, denke ich, nicht verdient.“
Thomas sah schuldig aus.
„Ja, du hast ja Recht.“
„Außerdem“, sagte Anton und grinste. „Stell dir doch mal vor wie ruhig es ohne ihn wäre. Ich muss sagen, mittlerweile weiß ich das Unterhaltungsprogramm echt zu schätzen.“
„Ja, oder?“ lachte Thomas. „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es vorher ohne ihn war. Kaum zu glauben, dass er jetzt schon fast drei Jahre hier ist.“
Er zog jetzt an der Kurbel und holte ihn ebenfalls vorzeitig herauf.
„SECHS.“
Er ließ ihn wieder fallen. Anton runzelte die Stirn.
„Weißt du, dafür, dass wir ihn das eine mal fast haben absaufen lassen, sollten wir diese ganze Strafe etwas verkürzen.“
Er kurbelte erneut. Holte Pyro herauf, rief laut „SIEBEN“, ließ etwas Leine, ohne die Kurbel ganz loszulassen, so dass der junge Mann nur kurz unter Wasser getaucht wurde und holte ihn dann wieder herauf und schrie: „ACHT! Das war’s, du hast es überstanden.“
Thomas und er kurbelten eifrig. Es war gar nicht so leicht die gut siebzig Kilo wieder heraufzuziehen. Pyro plus etwa fünf Kilo Gewicht.
„Geschafft“, sagte Thomas und zog den jungen Mann aus dem Brunnen. „Ich glaub kein anderer Schüler kennt den Brunnen so gut wie du.“
„Ja, ich denke fast du willst immerzu bestraft werden“, sagte Anton feixend.
„Ich spekuliere geradezu darauf. So muss ich mich gar nicht weiter ums Waschen kümmern. Das ist unglaublich praktisch, wisst ihr?“ witzelte Pyro und schüttelte sich die Nässe aus den Haaren.
„He, lass das, oder wir werfen dich gleich wieder rein!“, kam es von Anton, der abwehrend die Hände hob und ihm dann den Ballast von den Füßen nahm.
„So für heute wäre das erledigt.“
„Ja, gut“, sagte Pyro mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht.
Er wollte nicht sagen, dass es gut möglich wäre, dass sie sich in nicht allzu ferner Zukunft wiedersehen würden, falls die Lehrer eine seiner anderen Schandtaten aufdecken würden. Mittlerweile war auf dem Hof ordentlich betrieb. Viele Schüler, die meisten um die zwanzig Jahre alt, waren aus dem Gebäude auf den Hof gekommen und stellten sich in mehreren Reihen vor einem hageren, vielleicht fünfzig Jahre alten Mann auf. Es war Konrad Hempelmann.
„Alle Mann, Augen zu mir!“ brüllte er in militärischem Tonfall.
Die meisten Schüler spurten zackig und wandten ihren Blick zu ihm um. Pyro gesellte sich zur Meute und stand jetzt in tropfnassen Sachen neben William, einen hochgewachsenen, schlaksigen rothaarigem Kerl mit vielen Sommersprossen.
„Wie ihr sicher alle mitbekommen hat, erhielt Pyro gerade acht Runden Brunnen.“
Gemurmel setzte ein.
„Acht Runden wirklich?“, „Der Rekord war bei sechs“, „Ja, und das war auch Pyro“, „Krass, die meisten haben nach zwei Mal Brunnen genug und stellen nichts mehr an.“, „Ha! Ich weiß gar nicht mehr wie oft er schon im Brunnen war.“
Das letzte kam von Kron Pilgrim, Pyros bestem Freund, der von seinen Kumpeln meist einfach nur Kroppi genannt wurde. Die Miene von Herrn Hempelmann verfinsterte sich. Es war nicht seine Absicht gewesen, dass die Schüler beeindruckt von Pyros Renitenz sein sollten.
„Ihr solltet das als Warnung sehen. Wer nicht gehorcht, wird bestraft und wieder bestraft und wieder und wieder und wieder“ schnarrte der Lehrer und sah eindringlich zu Pyro hin, der so tat, als ginge ihn das alles gar nichts an und demonstrativ gähnte.
„Allerdings gibt es auch positives zu vermelden. Isegrim Schneider, vortreten!“ bellte der Lehrer.
Isegrim trat aus der Truppe.
„Melde mich wie befohlen, Herr Unteroffizier. Bitte um Erlaubnis vortreten zu dürfen“, befolgte der Rekrut peinlich genau das vorgeschriebene Prozedere und salutierte.
„Erlaubnis erteilt“, kam es huldvoll von Hempelmann.
Der Rekrut stellte sich neben ihm auf und harrte der Dinge, die da kamen.
„Isegrim Schneider hat sich durch besondere Verdienste um die Schule verdient gemacht. Er hatte den Auftrag die letzte Lebensmittellieferung zu eskortieren, da sie in letzter Zeit häufig von Räubern überfallen wurde. Durch seine vorbildliche Leistung kam die Lieferung pünktlich und unbeschadet hier bei uns an. Deswegen überreiche ich ihm diese Urkunde zu besonderen Verdiensten für die Schule.“
Der Unteroffizier holte ein Blatt gestärktes Pergament hervor und überreichte es dem Schüler feierlich, der es mit einem offiziellen Händedruck entgegennahm.
„Seine vorbildliche Haltung soll euch allen ein Beispiel sein. Versucht ihm nachzueifern und dann werdet ihr vielleicht auch eines Tages dieser Ehrung zuteil.“
Der Lehrer warf einen eindringlichen Blick in Pyros Richtung, der interessiert einige Spatzen auf dem Boden beobachtete, die sich um einen Wurm stritten.
„Wegtreten!“ befahl der Lehrer und Isegrim reihte sich wieder ein. „Gut, dann wenden wir uns der morgendlichen Leibesertüchtigung zu.“
Die sah so aus, dass sie alle eine Stunde lang immer an der Mauer des Schulgeländes entlanglaufen mussten. Anschließend stand der Schwertkampf auf dem Plan. Damit sich die Rekruten nicht verletzten waren die Übungswaffen nur aus Holz. Das reichte schon, um blaue Flecken und Blutergüsse zu verursachen. Wie üblich trainierten Kroppi und Pyro zusammen. Der Lehrer sah es nicht gern, wenn sie immer die gleichen Übungspartner hatten, aber die anderen Schüler machten einen großen Bogen darum, wenn es darum ging den Draufgänger der Schule als Trainingspartner zu wählen. Es war einfach so, dass Pyro viel zu sehr auf Krawall aus war und ohne Rücksicht auf die eigene körperliche Unversehrtheit drauf los drosch. Kroppi hatte gelernt damit umzugehen. Er kannte seinen Freund mittlerweile gut genug um seine Schläge vorauszusehen und sie zu blocken. Trotzdem handelte er sich noch den einen oder anderen schmerzhaften Schlag ein, was er dann aber seinerseits sofort ausnutzte, um Pyro ein paar saftige Hiebe mitzugeben. Endlich kam der Befehl des Lehrers aufzuhören. Sie sollten sich waschen und anschließend ins Klassenzimmer kommen. Es stand eine Matheprüfung an. Das war das meistgehasste Fach von Pyro. Unterricht wo er sich bewegen konnte war noch in Ordnung, doch so langweiliger Frontalunterricht konnte ihm gestohlen bleiben. Meist unterhielt er sich, in dem er etwas zeichnete. Über die Jahre war er darin recht gut geworden, doch bei einer Prüfung ging das schlecht. Deswegen war er dazu übergegangen die Prüfungen schnell abzuschließen, damit er sich dann seinen Zeichnungen widmen konnte. Doch in Mathe war er nicht gut. Er sah zur Schiefertafel vorne beim Lehrer, um zu sehen was die erste Aufgabe war.
„Christine mag Tiere. Sie hat zwei Hunde und eine Katze. Ihr Jagdhund Bello ist vier Jahre älter als der Mops Zenit und sechs Jahre jünger als ihre fünfzehnjährige Katze Morgana. Wie alt ist der Mops Zenit?“
Pyros Antwort: Zenit ist fünf Jahre alt.
Nächste Aufgabe: „Beim Metzger kostet ein Kilogramm Schinken acht Goldstücke. Herr Krause lässt sich zweihundertfünfzig Gramm und Frau Rieder hundert Gramm Schinken davon abschneiden. Wie viel Geld zahlt jeder Kunde?“
Pyro dachte gar nicht lange nach, sondern schrieb: zu viel! Sie sollten lieber zusammen in den Wald gehen und ein Wildschwein jagen. Das kommt günstiger und sie können sich gegenseitig unterstützen, dann haben sie für Wochen genug Fleisch, völlig kostenlos.
Erledigt. Nächste Aufgabe: „Ein Kutschfahrer legt in der Stunde durchschnittlich acht Kilometer zurück. Wie viele Stunden braucht er für eine achtundvierzig Kilometer lange Strecke?“
Pyro schrieb: Das ist unmöglich im vornherein zu sagen. Wer weiß wie oft der Typ eine Pinkelpause einlegen muss, oder die Pferde getränkt und gefüttert werden wollen. Und wer weiß vielleicht überfallen Räuber die Kutsche. Es steht nicht in der Aufgabe, ob es Wächter wie den Streber Isegrim Schneider auf der Kutsche zur Verteidigung gibt. Und vielleicht kommt ein Drache vorbei und schnappt einfach alles. Die Frage ist also nicht wann die Kutsche ankommt, sondern ob überhaupt. Wer genauere Angaben möchte, soll sich an einen Wahrsager wenden.
Nächste Aufgabe: „Drei Rekruten spielen Mau Mau. Mathias besitzt acht Karten mehr als Lars, der allerdings vier Karten weniger als Dominik hat. Wie viele Karten halten Mathias und Lars in der Hand, wenn Dominik dreißig Karten hat? Wie viele Karten haben die Rekruten insgesamt?“
Pyro schrieb: Da Rekruten arme Schweine sind ist die Aufgabenstellung fehlerhaft. Sie können wohl nur ein Skatdeck mit insgesamt zweiunddreißig Karten haben. Wenn Dominik schon dreißig hat, dann müssen Mathias und Lars nur jeweils eine Karte in der Hand haben, weil wenn einer von ihnen keine hätte, hätte der ja gewonnen.
Letzte Aufgabe: Ein Handwerker arbeitet täglich von fünf Uhr morgens bis sieben Uhr abends. Sonntags arbeitete er nicht. Wie lange arbeitet er täglich? Wie lange arbeitet er in der Woche? Wie lang hat er in der Woche frei?
Pyros Antwort: Er arbeitet zu lange und hat zu wenig Freizeit.
Damit legte er sein Antwortblatt beiseite und holte ein anderes hervor auf dem er malte wie der Lehrer von einem Zahlenmonster angefallen wurde. Es hatte acht Hälse, dreiundvierzig Augen an allen möglichen und unmöglichen Stellen, aber nur vier Nasen und sieben Ohren, noch dazu neun Beine und vier Schwänze aber keine Flügel und eine unübersehbare Anzahl von Stacheln. Als der Unteroffizier Hempelmann schließlich die Antworten einsammelte verzog er missbilligend den Mund, als er sah, dass Pyro malte, anstatt sich wirklich Mühe mit den Aufgaben gegeben zu haben, doch diesmal sagte er nichts. Immerhin musste der Schüler selbst mit seinen schlechten Noten zurechtkommen. Anschließend unterrichtete er seine Schäfchen in Geschichte. Es ging um die berühmte Schlacht am schwarzen See, der so hieß, weil er sich in der Nähe eines Torffeldes befand, welches das Wasser immer wieder verunreinigte. Die beiden Heere waren zahlenmäßig ausgeglichen, die Taktik aber sehr unterschiedlich. Während die eine Seite die Zangenmethode verwendete, wodurch sich die beiden Flanken aufteilten und die Gegnergruppe in die Mitte nahmen, verschanzten sich diese hinter ihren Schilden und gingen somit in eine defensive Formation, die nur hin und wieder kurzzeitig aufgebrochen wurde, um weitere Pfeile abzuschießen.
„Du schreibst ja schon wieder nicht mit“, rügte der Lehrer Pyro.
Vielleicht ärgerte er sich selber, dass er seinen Problemschüler nicht schon vorher zurechtgewiesen hatte, denn er sah besonders garstig aus.
„Wozu mitschreiben? Ich erstelle eine detaillierte Zeichnung von der Schlacht. Hier! Siehst du? Die Verteidiger in der Mitte und die anderen greifen von den Seiten an.“
Der Lehrer sah missbilligend auf das ihm hingestreckte Bild. Er musste zugeben, dass es gar nicht mal so schlecht aussah und damit ärgerte er sich umso mehr.
„Es war keine Rede von einer Zeichnung, also schnapp dir ein neues Blatt und schreib mit!“ fuhr ihn der Lehrer an.
Pyro zuckte mit den Schultern und nahm ein neues Blatt zur Hand. Das beruhigte den Lehrer vorerst, doch kaum guckte er weg, zeichnete Pyro einfach weiter.


Pyro beendete den Unterricht früher als seine Klassenkameraden, da er nicht mehr zum Religionsunterricht musste. Er ging in den Gemeinschaftsraum, wo schon einige jüngere Schüler waren, die zusammen Karten spielten. Pyro grinste. Es war ein Skatdeck mit zweiunddreißig Karten. Er sah ihnen zu und fragte nachdem die Runde beendet war, ob er mitspielen durfte.
„Klar“, kam es von Peter, ein kräftiger Kerl mit zartem Bartflaum am Kinn.
Pyro holte einen Stuhl heran und setzte sich dazu.
„Dich kenn ich gar nicht“, sagte er als er ein neues Gesicht in der Runde sah.
„Ich bin Claus“, stellte sich der Neue vor.
Er war noch bulliger als Peter und sah wirklich beeindruckend aus.
„Gerade erst heute angekommen. Hab gesehen wie du in den Brunne geschickt wurdest. Läuft das hier öfter so? Die anderen meinen eigentlich nicht.“
„Kommt drauf an was man macht. Wenn man so ein Langweiler ist wie deine neuen Kumpels hier, dann nicht“, kam es frech von Pyro.
„He“, sagte Peter gereizt. „Jetzt komm mal runter, nur weil wir nicht so eine Scheiße bauen wie du, heißt das nicht, dass wir nichts auf dem Kasten haben. Ich hatte vor drei Tagen ein Mädel am Start.“
Er grinste breit und teilte die Karten für eine neue Runde Mau aus.
„Oh … wow, darüber wird man wohl noch Jahrelang sprechen“, sagte Pyro sarkastisch, weil ihn das so gar nicht beeindruckte.
„Pff, was weißt du schon“, grummelte Peter leise.
„Hör mir bloß mit Frauengeschichten auf“, kam es von Claus. „Deswegen bin ich nämlich hier.“
„Ach? Was hast du gemacht?“ fragte jetzt der schlanke Jakob, der bisher noch gar nichts gesagt hatte.
Pyro warf eine schwarze Blatt acht, woraufhin Peter eine Blatt zehn warf, infolgedessen Claus eine Karo zehn legte.
„Ich war im Haus des Bürgermeisters als Knecht angestellt und naja … was soll ich sagen, seine Tochter ist einfach eine extrem heiße Schnalle. Blöderweise ist rausgekommen, dass wir uns miteinander vergnügt haben.“
Peter und Jakob stöhnten.
„Tja, dumm gelaufen“, sagte Jakob.
Sie waren wieder ein paar Runden rum und er legte jetzt einen schwarzen Blatt Ritter, woraufhin Pyro eine schwarze Blatt Prinzessin legte. Peter konnte nicht legen und musste deswegen ziehen. Pyro gewann die erste Runde. Jakob sammelte alle Karten ein, mischte und teilte dann neu aus.
„Was glaubt ihr wo kommen wir hin, wenn wir hier wieder weg können?“ fragte Claus und Beunruhigung schwang in seiner Stimme mit.
Peter holte tief Luft und fing an, indem er eine Karo Prinzessin legte.
„Also wenn du mich fragst solltest du für jeden Tag froh sein, denn du hier bist. Wenn wir nämlich abgeholt werden, dann geht es auf die Schlachtbank. Nach allem was ich gehört habe läuft der Krieg von König Castle gegen König Steffan echt mies.“
„Ja, hab ich auch gehört“, sagte der dürre Jörg und warf nach der Karo zehn und Claus eine Kreuz Zehn. „Die Grenze ist wohl kaum noch zu halten. Soll nur noch eine Frage der Zeit sein, bis das feindliche Herr in dieses Land einfällt.“
Pyro legte eine Kreuz sieben, so dass Peter zwei Karten ziehen musste.
„Ich will gar nicht dran denken, wenn sie uns holen kommen.“
Er schüttelte sich.
„Hier ist es zwar auch nicht das Gelbe vom Ei, aber wir haben ein Dach über dem Kopf, was zu fressen und müssen nicht um unser Leben fürchten.“
Pyro gewann auch die zweite Runde. Als er auch die dritte und vierte gewann, platzte Claus, der offenbar ein schlechter Verlierer war der Kragen. Er warf den Tisch, mit allen darauf befindlichen Karten zornig um und rief: „Du schummelst!“
„Gar nicht“, wehrte Pyro ab, aber Claus war offenbar ähnlich temperamentvoll wie er, denn er griff ihm an die Kehle und drückte zu.
Pyro verpasste ihm einen Schienbeintritt woraufhin sein neuer Gegner losließ.
„He, lasst doch den Scheiß!“ maulte Peter genervt.
„Ja, hört auf!“ sagte auch Jakob, aber die anderen Rekruten im Raum sahen gespannt dabei zu, wie sich Pyro und Claus wachsam und mit gehobenen Armen umkreisten.
„Ja, Kloppe!“, rief einer und „Los schlagt euch die Schädel ein!“ ein anderer.
Pyro fing mit einem Uppercut von unten an, den Claus so nicht hatte kommen sehen. Er taumelte, so dass Pyro weiter nachsetzen konnte und Claus weitere harte Schläge einstecken musste. Der Neuling durchbrach den Kombinationsangriff mit einem harten Tritt an Pyros Knie, so dass der einsackte. Das war die Chance über ihn herzufallen. Da Claus so viel stärker war als Pyro errang er die Oberhand und ließ mit jedem Schlag einen Sieg für Pyro unwahrscheinlicher aussehen. Pyro lag mittlerweile am Boden, denn er konnte die harten Schläge nicht aufhalten. Doch er hatte eine Idee. Als Claus sich zu ihm herunterbeugte, um ihm wieder eine zu verpassen, schlang er seine Arme um dessen Hals und trat ihm mehrmals kräftig in den Bauch. Er ließ los, als sein Gegner schmerzerfüllt grunzte und nach hinten stolperte. Pyro brachte sich in die Hocke, die Luft flirrte heiß um ihn. Es war eine magische Aura, die um ihn herum pulsierte. Er schnellte nach vor und verpasste seinem Mitschüler eine Feuerfaust genau gegen den Hals. Claus keuchte auf und brach dann zusammen.
„Klarer Sieg für Pyro“, rief Jakob. „So und nun machen wir, dass wir hier wegkommen. Das Spektakel hat bestimmt einen der Lehrer oder noch schlimmer, den Direktor auf den Plan gerufen. Hauen wir lieber ab!“
Die anderen nickten zustimmen und verdufteten. Claus ließen sie einfach liegen. Pyro blieb im Gemeinschaftsraum, er legte etwas Holz in den Kamin. Er konnte zwar nur kleine Flammen erzeugen, doch das reichte, damit das Holz anfing zu brennen und bald ein herrliches Feuerchen im Kamin prasselte. Es gab nicht viele Kamine in der Schule. Der hier war der einzige für die Schüler und wenn sie Holz wollten, mussten sie es selbst schlagen.
„Was war das denn?“ murmelte Claus und richtete sich stöhnend wieder auf.
„Meine berühmte Feuerfaust“, sagte Pyro grinsend.
„Feuerfaust?“ fragte Claus verwirrt.
„Sagen wir, ich habe ein magisches Talent.“
„Das hättest du mir aber auch vorher sagen können. Unfair.“
„Du bist viel größer und stärker als ich, das ist doch auch unfair.“
„Hmpf“, kam es von Claus zurück. „Und was war das für ein komischer Angriff, als du mir in den Bauch getreten hast?“
„Ach, den hab ich von der Katze auf unserem Hof gelernt. Katzen sind schon komisch. Eigentlich gefällt es ihnen gestreichelt zu werden, aber dann ohne Vorwarnung ändern sie manchmal ganz plötzlich ihre Meinung. Unsere hat dann ihre vorderkrallen um die Hand geschlungen und mit den Hinterbeinen zugetreten. Auf nackter Haut war das echt übel. Aber immerhin, ich hab mir den Angriff gemerkt.“
Claus sah Pyro skeptisch an.
„Du bist schon ein komischer Vogel.“
Pyro nahm das wohl als Kompliment, denn er grinste immer noch.
„Kein Stress wegen eben, ok? War ein guter Kampf, können wir von mir aus irgendwann mal wiederholen.“
Claus sah ihn ungläubig an.
„Ne, vergiss es. Ich kämpf nie wieder gegen dich. Das hat mir gereicht.“
Er massierte sich seinen schmerzenden Bauch und dann den Hals, an dem ein Stück seiner Haut verbrannt war und verließ ächzend und stöhnend den Gemeinschaftsraum. Pyro zuckte unbekümmert mit den Schultern und machte es sich vor dem Kamin gemütlich. Er zückte einen Stift und holte ein Blatt Papier hervor und malte ein Feuerpferd, das über eine Ebene galoppierte und dabei eine Spur aus Flammen hinter sich herzog. Die Hitze des Kamins wärmte ihn angenehm. Pyro mochte die Wärme und Feuer war ihm die liebste Wärmequelle. Die Feuermagie hatte er von seinem Vater geerbt. Der nutzte sein magisches Talent vornehmlich um seine Zigaretten anzuzünden und manchmal um Unkraut zu vernichten. Stolz konnte Pyro behaupten, dass er schon jetzt besser als sein Vater darin war, Feuer zu erzeugen. Seine bisher größte Flamme reichte fast zwei Meter weit. Bestimmt ließ sich das noch ausbauen. Doch viel Zeit zum Trainieren fand er nicht. Seine Mitschüler fanden es gar nicht gut, wenn er seine Feuerkräfte nutze und viele verpfiffen ihn bei den Lehrern, die es nicht schätzten, wenn er in der Schule mit Feuer spielte. Selbst draußen sahen sie es nicht gern. Pyro fragte sich warum. Er hatte mehrmals versucht damit zu argumentieren, dass diese Kräfte in einem Kampf sehr nützlich waren, aber sie wiesen wieder und wieder nur auf die Gefahren hin, die entstehen konnten, wenn ein Unruhestifter wie er mit solchen Kräften herumspielte.
„Da bist du ja“, begrüßte Pyro Kroppi, der gerade in den Gemeinschaftsraum kam. „He, was ziehst du denn für einen Flunsch?“
Sein Freund sah niedergeschlagen, aber auch wütend aus.
„Es ist so ungerecht. Du musst nicht beim Religionsunterricht teilnehmen.“
Pyro grinste.
„Soll ich dir mein Hemd mit der Aufschrift: „Gibt es ein Leben nach dem Tod? Reiz mich und du findest es heraus!“ leihen?“
„Nein, das kennt Bruder Gilbert doch schon von dir. Außerdem sollen wir ja was lernen. Trotzdem … unfair. Du machst dir einen Lenz und ich muss mir dieses Geseiere über irgendwelche Erbsünden anhören.“
„Ja, ich finds auch merkwürdig. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mich dauerhaft vom Haken lassen würde. Zuerst dachte ich, oh, toll, ich schwänz den Unterricht und das sogar auf Anweisung des Lehrers, aber dann wurde es ein Dauerzustand. Soll das wirklich eine Strafe sein? Mir kommt es wie eine Belohnung vor.“
„Ich denke, er will sich nur nicht mit dir herumschlagen müssen so wie Hempelmann es immer muss. Sieh es also eher als eine Belohnung für ihn selbst.“
Pyro zuckte mit den Schultern.
„Hm. Soll mir Recht sein. Also was ist jetzt los? Warum guckst du wie drei Tage Regenwetter?“
„Ich hatte einen heftigen Streit mit Gilbert. Er ist wirklich überzeugt von seinen Idealen, das muss ich ihm ja lassen, aber ich seh gar nicht ein, warum ich ihm deswegen alles blind glauben soll. Warum sollten alle in die Hölle kommen, die nicht nach den Regeln aus einem alten komischen Buch leben? Und warum überhaupt erst nach dem Tod? Ich meine … dann ist man doch Tod. Ist doch dann eh egal. Würmerfutter. So hab ich ihm das gesagt. Er nannte mich daraufhin einen Ketzer und fing wieder von den Seelen in uns allen an zu reden, die zum Himmel hinauffahren, oder in die Hölle kommen oder was weiß ich. Daraufhin sagte ich dann … dass es doch schnell mal passieren kann, dass man eine der zehn Gebote bricht. Stell dir mal vor, man würde sein Leben lang nach den zehn Geboten leben, aber dann kurz vor dem Tod, macht man einen Fehler und alles ist hin. Man kommt in die Hölle und ist verdammt. Alles für die Katz. Anstatt also wenigstens ein schönes Leben zu haben, hatte man ein langweiliges Kackleben und kam dann auch noch in die Hölle, anstatt ein aufregendes Leben voller Spaß zu haben und dann auch in die Hölle zu kommen. Verstehst du? Wo ist da der Sinn?“
„Was fragst du mich? Ich versteh die meiste Zeit sowieso nicht wovon er da faselt, wenn er zu irgendeinem Feiertag in der Messe mal wieder seine Reden schwingt. Mein Motto lautet: Freundschaft, Freiheit und Spaß. Da passt so ein altes verstaubtes Buch mit komischen Regeln nicht rein.“
Kroppi lachte.
„Wenn es nach ihm ginge, bist du sowieso das beste Beispiel für einen hundert Punkte Höllenkandidaten. Einmal meinte er, du hast deine Feuerkräfte, weil du ein geheimer Diener des Satans bist.“
Pyro lachte.
„Was soll an meinem Tun denn geheim sein?“
„Ach komm schon“, grinste Kroppi und gab seinem Freund einen Ellenbogenstoß. „Ich wette die Lehrer wissen nicht mal ein Fünftel von dem was du angestellt hast.“
„Keine Ahnung, ich zähl das nicht und ich bin sowieso zu faul zum Rechnen. Wenn ich muss, dann schätze ich und ich schätze, dass ich in den letzten vier Tagen mehr Streiche gespielt habe, als Gilbert in seinem ganzen Leben. Da fällt mir ein …“
Er dachte an die niedergebrannte Birke.
„War Bruder Gilbert heute schon zu Besuch beim Pastor im Dorf?“
Kroppi sah ihn stirnrunzelnd an.
„Nein … ich glaube nicht, jedenfalls hat er nichts dazu gesagt. Er geht glaube ich nur ein oder zwei Mal die Woche zu ihm.“
„Aha.“
Pyro nickte.
„Gut zu wissen.“
„Pyro?“
Kroppi grinste.
„Was ist los? Was hast du gemacht?“
„Nichts, nichts“, sagte Pyro und wedelte unbestimmt in der Luft herum, als wollte er eine Fliege verscheuchen. „Ich überlege nur, wie wir ihm seine Gemeinheiten dir gegenüber vom Unterricht heimzahlen können. Ich hab da auch schon einen Plan. Dafür brauchen wir eine Schüssel mit rotem Lehm und Holzkohle aus dem Ofen.“


Am nächsten Morgen fand Bruder Gilbert die kleine Kapelle, in der er seine Schüler unterrichtete und in der er nächtigte, äußerlich komplett verändert vor. Pyro und Kroppi hatten ihre künstlerische Ader in der Nacht voll ausgelebt und die Wände umgestaltet. Jetzt waren schwarze, bedrohliche Dämonen zu sehen, die dem Höllenfeuer entstiegen. Kroppi hatte das Feuer mit Lehm gemalt, während Pyro sehr stolz auf die mit Holzkohle gestalteten Dämonen war. Die großen bedrohlichen Hörner, die aggressiven leeren Augen, die kräftigen muskulösen Arme mit den scharfen Krallen an den Händen, es sah wirklich gut aus. Bruder Gilbert, der gerade aus der Tür kam, um die jetzt „Das Höllentor“ geschrieben stand, sah das aber offenbar anders. Er machte einen riesen Spektakel, dem die beiden Künstler von oben aus dem Schlafsaal zusahen. In ihrem Schlafsaal waren sechzig Jungen untergebracht und sie alle schauten jetzt neugierig hinaus zur Kapelle und lachten über diesen gelungenen Scherz. Pyro und Kroppi fühlten sich wie Helden, allerdings nicht für lange. Denn gleich nach dem Unterricht wurden sie im Keller von der Decke gehängt. Pyro verkehrt herum. Aus unerklärlichen Gründen erklärte Direktor von Lehnstein ihn für den Anstifter, weswegen er besonders hart bestraft werden müsste.
„Trotzdem war es das wert“, sagte Kroppi, der das Gefühl hatte, ihm würden langsam die Arme abfallen.
„Klar, allein schon wegen dem Spaß“, sagte Pyro und grinste zu ihm hoch. „Nur dumm gelaufen, dass du jetzt auch mit drin hängst. Ich frage mich wie er darauf kam, dass du den Lehm angebracht hast.“
„Ach, so schwer war das bestimmt nicht. Meine Klamotten stehen quasi vor Lehm.“
„Richtig“, sagte Pyro, weil es ihm wieder einfiel. „Nächstes Mal sollten wir uns im Fluss waschen.“
Kroppi lachte.
„Nächstes Mal? Du bist wirklich unglaublich.“
Anton und Thomas kamen sie zur Abendbrotzeit loseisen. Allerdings führten sie die beiden nicht in den Speisesaal, sondern nach draußen zur Kapelle, wo sich die beiden Jungen mit Wassereimer und Besen bewaffnen mussten und unter Aufsicht der beiden Wächter ihr Wandgekritzel abbürsten sollten. Sie brauchten bis nach Mitternacht, bevor sie endlich gehen durften.
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