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Eisnacht

von Emmice
Kurzbeschreibung
OneshotFreundschaft / P6 / Gen
Ginevra Molly "Ginny" Weasley Neville Longbottom
11.12.2019
11.12.2019
1
1.685
6
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Dieses Kapitel
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Ein Beitrag zum Projekt Adventskalender. Hinweis: Bitte betretet gefrorenes Gewässer nicht ohne offizielle Freigabe!

Türchen 10 [Aras i sidh] ~ Türchen 11 [Emmice] ~ Türchen 12 [Iltshy]

~*~

Ginny Weasley und Neville Longbottom

[HP Adventskalender]_Eisnacht_



Später wird sie als die geborene Rebellin bezeichnet werden. Ginny Weasley, Frau des Helden Harry Potter, Mitbegründerin der zweiten DA, Widerständlerin. In dem Moment, als sie beschließt die Schulregeln (Carrows´ Regeln!) zu brechen, ist sie nichts als eine Sechzehnjährige in einem Krieg, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt. Vielleicht will sie sich nicht verbiegen lassen.

Es ist einfach alles zu viel, als sie sich in dieser Nacht aus dem Raum der Wünsche verabschiedet, Neville an ihrer Seite, die Hände über das Gesicht reibend. Die Weihnachtsferien sind gerade vorbei, das Treffen der DA war dringend notwendig. Luna fehlt. Die Reaktionen der Mitglieder zu beobachten, während sie dieses Gerücht bestätigten, war schmerzhaft gewesen. Susans Gesicht an Hannahs Schulter versteckt, Seamus geballte Fäuste, der schnelle Blickwechsel zwischen Anthony, Michael und Terry, die Patil-Zwillinge und Lavender fest die Hände miteinander verschränkt – Ginny schluckt. Jetzt fühlt es sich an, als würde das doppelte Gewicht der Verantwortung auf ihren Schultern lasten. Ihn ihrem Kopf pocht es unangenehm.

Die Tür fällt hinter ihnen ins Schloss und verschmilzt mit der Wand. Der Flur vor ihnen ist weit und leer. Sie sucht Nevilles Blick und flüstert: »Ich muss hier raus.« Die unausgesprochene Frage Kommst du mit? schwingt zwischen ihnen.

Neville mustert Ginny einen Augenblick und sie ihn. Er sieht genau so müde aus, wie sie sich fühlt. Sie wünscht sich nur – ein bisschen frische Luft, nichts weiter. Auch wenn sie weiß, dass sie damit Kopf und Kragen riskieren wird. Die Carrows haben ihr schon Anfang Dezember verboten, das Schloss zu verlassen. Sie wird sich weder davon abhalten lassen, noch davon, dass es mitten in der Nacht ist. Es wurden in diesem Krieg schon zu viele Grenzen überschritten, als dass sie davor zurückschrecken würde. Die Frage ist nur, wie Neville dazu steht.

Als Neville schließlich nickt, fällt ihr ein Stein vom Herzen. Sie ist mutig genug, allein die Regeln zu brechen, aber in dieses Zeiten jemanden an seiner Seite zu wissen, der genauso denkt und sich gegen jegliche Schikane wehrt, ist so viel Wert. Schweigend setzen sie sich in Bewegung, Ohren gespitzt, Augen offen, flinke und doch fast lautlose Schritte. Diese Art der Fortbewegung ist ihnen mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. Eine Gewohnheit unter vielen, die der Krieg in ihnen hervorbringt.

Sie sprechen kein Wort miteinander auf dem Weg durch das Schloss. In dieser Nacht wirkt es beinahe verlassen. Keine Carrows, kein Snape, noch nicht einmal Mrs Norris ist unterwegs. Als sie schließlich gemeinsam durch das große Portal auf die Schlossgründe hinausschlüpfen, kommt es Ginny wie unglaubliches Glück vor, dass sie niemandem über den Weg gelaufen sind.

Eisige Luft schlägt ihr entgegen, als sie draußen stehen und auf das verschneite, winterliche Gelände hinabblicken. Ihr Atem bildet weiße Wölkchen in der Luft.

Der große See zieht ihren Blick auf sich. Eine Eisdecke spannt sich über die gesamte Fläche des Wassers. Ginny schluckt und denkt wieder an Luna - Letztes Jahr war sie mit ihr auf dem Eis gewesen. Es ist beinahe eine kleine Tradition, dass sie im Winter in Hogwarts Schlittschuh läuft. Niemals allein, immer jemand von ihren Freunden oder Geschwistern an ihrer Seite. Wahrscheinlich bietet diese Nacht die einzige Gelegenheit, die Tradition auch in diesem Jahr fortzuführen. Unter den Augen der Carrows wird sie es so schnell nicht wieder unbemerkt auf das Gelände schaffen.

Ihre Füße setzen sich in Bewegung, bevor sie es wirklich registrieren kann. Neville folgt ihr ohne Frage das weite Gelände hinab, ein wenig stolpernd und rutschend durch den Schnee.

Und dann sind sie bei dem gefrorenen See angekommen. Ginny nestelt ihren Zauberstab aus ihrer Manteltasche und zielt auf ihren linken Schuh. Sie will nur eine Runde über das glitzernde Eis laufen, sich in dieser verrückten Zeit  wieder wie sich selbst fühlen, weil sie etwas tut, was für sie ein Stück Normalität ist.
»Pagopedilo«, sagt sie und unter ihrem Schuh materialisiert sich eine Kufe. Dann richtet sie ihren Zauberstab auf ihren anderen Schuh und wiederholt den Zauberspruch, der ihr so vertraut über die Lippen kommt. Der erste Zauberspruch, den sie nicht von einem Lehrer gelernt hat, sondern von Percy.

Percy… Bevor sie weiter über ihren idiotischen Bruder nachdenken kann, schiebt sie alle Gedanken an ihn konsequent beiseite und richtet ihren Blick auf Neville, der seinen Schulmantel enger um seine Schultern geschlungen hat. Schuldbewusst fällt ihr auf, dass er im Gegensatz zu ihr nur einen dünnen Mantel trägt. In den Wintermonaten ist es in den Gängen der Schule so kalt, dass viele Schüler ihre Wintermäntel mitnehmen, um ihn in den Pausen oder auf dem Weg zu Großen Halle anziehen zu können. Auch sie hat ihren immer mit dabei.

»Willst du auch eine Runde laufen, oder bleibst du lieber am Rand?«, fragt sie ihn, während sie in ihren Taschen nach Handschuhen kramt, ihren Schal abnimmt und beides Neville reicht, damit sein Zähneklappern nicht bis in das Schloss hinaufschallt.

»I-ich schätze, ein bisschen Be-bewegung wäre ganz g-gut«, erwidert Neville ihr und nimmt dankbar ihren Schal und Handschuhe entgegen. Überrascht zieht Ginny ihre Augenbrauen nach oben, verkneift sich aber einen Kommentar über Nevilles Tollpatschigkeit.

»Soll ich?« Sie fuchtelt mit ihrem Zauberstab in Richtung seiner Schuhe und Neville nickt. Zweimal einen gemurmelten Zauberspruch später steht auch er wackelnd auf den Kufen.

Ginny macht einen Schritt auf das Eis, ihre Ohren gespitzt für jegliches Knacken. Sie fährt vorsichtig ein paar Meter, aber das Eis scheint tatsächlich fest zu sein. Sie gleitet an den Rand zurück, an dem immer noch unsicher Neville steht und reicht ihm eine stützende Hand, damit er zu ihr hinuntersteigen kann. Sie weiß, dass er weiß, wenn er stürzen würde, würde er sie beide umreißen, aber er kommt einigermaßen sicher auf dem Eis an, obwohl er leicht zittert. Mittlerweile ist sie sich nicht mal mehr sicher, ob vor Kälte oder weil ihm der Gedanken an Schlittschuh laufen unbehaglich ist. Sie fragt nicht, sondern zieht ihn vorsichtig weiter auf das Eis hinaus, seine Hand ihre umklammernd.

»Hätte nicht gedacht, dass ich mich einmal nachts ausgerechnet zum Schlittschuh laufen herausschleiche«, murmelt Neville kopfschüttelnd vor sich hin. Seine Schritte sind gar nicht so unsicher und bald lässt Ginny seine Hand los, um allein etwas schneller zu fahren.

Der Fahrtwind wirbelt ihre Haare durcheinander und sticht ihr im Gesicht, aber sie hat sich seit Bills Hochzeit im Juli nicht so frei gefühlt. Das Schloss ist ihr Gefängnis, doch hier draußen auf dem See ist die Welt scheinbar eine andere. Es ist ihr alles so vertraut, die Kufen unter ihren Schuhen, das Gleiten über das Eis, der See im Winter und das Wissen, dass dort immer jemand an ihrer Seite fährt, erst Percy, später Collin, dann Michael, im letzten Jahr Luna und heute Neville. Für diesen Augenblick fühlt sie sich fast sicher.

Ein ersticktes Lachen kämpft sich ihre Kehle hoch. Wie die Jahre vergangen sind... Wie die Welt immer besser aussieht, wenn sie vom Schnee bedeckt daliegt... Das sie fast alles um sich herum vergessen kann, dass Du-weißt-schon-wer an der Macht ist, dass ihre Familie nie in Sicherheit ist, dass sie nicht weiß, wo Harry, Ron und Hermine sind, dass Hogwarts nicht mehr ihr sicherer Hafen ist, sondern Tag um Tag neue Narben hinzukommen, nicht nur bei ihr, sondern auch bei Lavender, Padma und Hannah, Anthony, Ernie und Neville. Und so vielen anderen, von denen sie nichts weiß.

Sie öffnet ihre Augen, von denen sie nicht bemerkt hatte, sie geschlossen zu haben und starrt in den hellen Sternenhimmel, während sie sich mit dem letzten Schwung gleiten lässt. Sie kann das alles nicht vergessen, egal wie sehr sie sich die guten (besseren) Zeiten zurückwünscht. Egal wie sehr sie es wollte. Das heutige DA-Treffen, als diese Emotionen in  den Gesichtern ihrer Freunde zu lesen, war nur die Spitze auf dem Eisberg.

»Alles in Ordnung?«, unterbricht Nevilles leise Stimme ihre Gedanken und lässt sie tatsächlich kurz zusammenzucken, weil sie nicht gemerkt hat, dass sie in seiner Nähe stehen geblieben ist.

Ginnys Kehle schnürt sich unangenehm zusammen. Sie weiß nicht, ob sie auf diese Frage antworten kann. Es ist nichts in Ordnung und sie ist sich sicher, dass Neville das weiß, aber es auszusprechen... das kann sie nicht. Aber wahrscheinlich spricht ihr Schweigen und ihr Gesichtsausdruck eh schon für sich, da muss sie gar nicht antworten.

Seine Stimme ist leise, aber fest, als er wieder spricht. »Wir geben nicht auf, ja? Ja?«

Sie wendet sich ganz Neville zu und blickt ihn an. Sie ist sich sicher, dass er nicht aufgeben wird, egal was noch passieren wird. Und mit einem Mal fühlt sie sich wieder ein wenig leichter, zum ersten Mal, seit Luna ihnen allen vor ihren Augen entrissen wurde. Entschlossen schüttelt sie den Kopf. »Niemals«, antwortet sie mit fester Stimme. Neville klopft ihr auf die Schulter.

»Und jetzt lass uns bitte wieder aus der verdammten Kälte raus und zurück ins Schloss. Bevor uns die Carrows doch noch erwischen«, gibt er zu bedenken. Dieses Mal ist er derjenige, der ihre Hand nimmt und sie mit sich zieht und von seiner anfänglichen Unsicherheit auf dem Eis ist nichts mehr zu spüren. Ein Schmunzeln schleicht sich auf ihr Gesicht. Genauso, wie er selbstverständlich die Führung in der DA übernommen hat, ist er da für die, die sich für einen Moment nicht stark fühlen. Was für ein wahrer Gryffindor in diesem Jungen bloß steckt, wundert sie sich nicht zum ersten Mal in diesem Jahr und lässt sich bereitwillig von ihm an den Rand des Sees führen, sodass sie wieder auf das Land steigen können.

Ginny holt noch einmal ihren Zauberstab hervor und lässt mit einem Schlenker die Kufen unter ihren Schuhen wieder verschwinden. Genauso still wie sie gekommen sind, laufen sie nebeneinander das Gelände wieder hinauf zum Schloss und schlüpfen zum Portal hinein.

Diese Nacht hatten sie verdammtes Glück. Auf keinem der Gänge werden sie erwischt und so erreichen sie sicher ihre Schlafsäle. Als Ginny weit nach Mitternacht unter ihre Decke schlüpft, fühlt sie sich beinahe geborgen.

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