Last sunlight

von TheWInd
GeschichteDrama, Tragödie / P18 Slash
HIM
11.12.2019
11.12.2019
60
112.034
 
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11.12.2019 1.463
 
Helsinki, Finnland

Linde nippte sichtlich nachdenklich wie auch mit gerunzelter Stirn an seinem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee und starrte vor sich hin. Migé, Burton und Janne waren bei ihm, sie unterhielten sich nur gedämpft, dann verfielen auch sie wieder in Schweigen, bis Janne schließlich das ansprach, was ihnen allen auf der Seele lag.
Augenblicklich verfinsterte sich Lindes Gesichtsausdruck und er presste die Lippen zu einem dünnen, fast blutleeren Strich zusammen. Er hatte an Ville denken müssen, an seine grünen, tiefen Augen, seine sinnlichen Lippen und seine zärtlichen Berührungen. Vorbei. Er blinzelte und fand sich schlagartig in der grausamen, düsteren Realität wieder.
„… Er ist es doch selbst Schuld!“, wetterte Janne, der den Kopf schüttelte und dann die Arme vor der Brust verschränkte, „Er hat mir keine andere Wahl gelassen und er weiß es. Er wusste es die ganze Zeit über! Hätte er sich wenigstens ein einziges Mal bei mir gemeldet, hätte ich ja noch einiges drehen können, aber was macht dieser Kerl stattdessen? Er haut einfach ab nach Peru und lässt uns hier sitzen. So kenne ich Vil überhaupt nicht.“ Er klang noch immer deutlich niedergeschlagen, „Wir hatten Termine, wichtige Treffen mit den Sponsoren, dem Label und den Veranstaltern… er hat alles platzen lassen. Einfach so. Und das nur für seinen komischen Surf-Freund, den er einst verlassen hatte. Ich erinnere mich noch gut daran wie niedergeschlagen er damals war. Ich fasse es einfach immer noch nicht. Sind ihm die Sicherungen durchgebrannt? Er wusste was hier abgeht, verdammt er wusste es und es war ihm auch bewusst als er zum Flughafen gefahren ist. Er hat uns alle im Stich gelassen. Und nun sind mir die Hände gebunden. Und, “ fügte er nach einer kurzen Weile hinzu, in der er ernst in die schweigsame Runde geblickt hatte, „Ich sehe es nicht ein, dass wir für den ganzen Scheiß finanziell aufkommen. Er hat es verbockt, nun soll er auch dafür grade stehen. Das Geld dazu hat er. Jetzt schaut mich nicht so an als würde ich ihm das letzte Hemd ausziehen! Himmel Ville hat Geld. Und er ist…“
Linde schwieg noch immer. Er wusste ganz genau warum Ville derart überstürzt aus der Klinik wie auch aus Helsinki abgehauen war und auch, warum er sich bei keinem von ihnen gemeldet hatte. Er hatte Angst gehabt. Und das ganz besonders vor ihm, und das, wo sie doch einst ein Paar gewesen waren.
Migé räusperte sich hörbar. Er hatte einen noch dampfenden Tee vor sich stehen. Er trug ein graublaues, zerfleddertes T-Shirt und trotz des allmählich schlechter werdenden Wetters Shorts. Er war unrasiert und funkelte wild in die Runde.
„Ville ist gar nichts schuld! Und ich finde es auch jetzt nicht richtig, dass du ihm diesen Wisch da schickst, Janne. Er ist unser Fronter und…“
Janne sah wütend auf. „War er. Aber er hat sich an keine einzige Absprache gehalten und uns auf allen Kosten sitzen lassen! Hast du eine Ahnung davon, wie viel Zeit, Mühe und Geduld ich aufbringen musste, dazu noch etliche schlaflose Nächte, um wenigstens die Veranstalter davon abzuhalten uns zu verklagen? Wir sind im Arsch! Und das nur, weil Ville seinen Kopf durchsetzen musste und abgehauen ist. Er hätte weiter machen können. Mit uns. Mit der Therapie, einfach mit allem, aber er wollte es ja nicht.“
Migés Blick blieb unverändert. „Aber bei Ville kannst du es, ja? Du verklagst ihn! Einfach so!“ Er klang vorwurfsvoll und hatte die Augen wütend zusammen gekniffen. „Du und Mika, ihr habt ihn aus der Band geworfen, und das wo er noch in der Klinik lag und es ihm verdammt schlecht ging. Er hatte doch gar keine Chance! Und dann entscheidet ihr euch  ausgerechnet auch noch für Juska? Janne! Das war doch schon irrsinnig und verdammt noch mal unfair! Ich finde nicht, dass Vil etwaigere Versprechen gebrochen hat. Er kann tun und lassen was er will.“
Janne musterte ihn kühl. „Sicher kann er das. Aber nicht wenn davon auch unsere Zukunft wie auch unsere Existenz abhängt, mein Freund. Er hat uns verarscht. Er wollte diese Tour gar nicht, und das Album war ihm auch zuwider. Erinnert ihr euch noch? Er hat nichts auf die Reihe bekommen, und das obwohl er vorher noch groß rum getönt hatte wie großartig und doomig das neue Teil werden würde. Ich habe die Schnauze ehrlich gesagt voll von Ville, seinen ständigen Ausflüchen, Ausreden und seinen Entzügen und Klinikaufenthalten. Das war alles nicht nötig…“
„Nicht nötig?“, fragte Burton nun, der sich bisher zurück gehalten hatte. „Er hat noch immer starkes Untergewicht, Janne, er brauchte diese Therapie, sie hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet! Nicht zu vergessen, wie schwer seine Herzschwäche ist… wie kannst du das nur behaupten? Und du weißt auch, wie sehr ihn das alles kaputt gemacht hat! Er braucht wahrscheinlich auch jetzt noch ärztliche Hilfe… und das in einem Land, wo diese kaum möglich ist…“
Janne starrte an ihm vorbei.
„Und wenn schon. Er ist alt genug um zu wissen was er tut,“ sagte Janne kühl, „Fakt ist doch, dass wir nun auf den ganzen Schulden sitzen geblieben sind. Oder habt ihr das Geld um all die Forderungen zu begleichen? Ich jedenfalls nicht. Das Studio muss noch bezahlt werden, die ausgefallenen Gigs… einfach alles. Und Ville ist daran schuld. Hätte er nicht so rumgesponnen wären wir jetzt noch auf Tour. Ende der Diskussion!“ Er klang aufgebracht und hieb sogar mit der Faust auf den Tisch. „Denkt ihr nicht, dass ich alle Möglichkeiten durchgegangen bin? Ich habe versucht ihn anzurufen, aber Ville hielt es ja nicht für nötig mich zurück zu rufen. Nicht ein einziges mal. Er ist gegangen und nun soll er auch sehen, was er davon hat! Und Juska hat Talent. Mika ist überzeugt von ihm.“ Er wedelte mit der Hand in der Luft herum, „Und ich bin es auch. Und uns interessiert es nicht, was die beiden früher für Probleme miteinander hatten… sie müssen ja nicht miteinander arbeiten…“
„Ja ganz genau, weil ihr Ville rausgeschmissen habt!“, entfuhr es Migé wieder heftig, „So weit hätte es nie kommen dürfen! Denkst du nicht, dass ihn das noch kränker gemacht hat? Dass er sich Vorwürfe macht und sich schlecht fühlt? Die Band war sein Leben und…“
„Er hätte es ja besser machen können.“
„Nein das hätte er nie geschafft. Er ist krank, Janne. Und er braucht uns.“
„Oh ja wirklich? Warum ist er dann nicht hier geblieben, wo er behandelt werden könnte? Es ist ihm nicht wichtig, genauso wenig wie wir ihm wichtig sind, Migé. So einfach ist das. Er hat das alles hier zu verantworten. Nicht ich. Ich versuche uns bloß den Arsch zu retten, sodass wir weitermachen können.“
„Und Ville?“
Janne zuckte mit den Schultern. „Was soll mit ihm sein? Er ist mit seinem Surfer zusammen in Peru oder sonst wo, es interessiert mich nicht. Mir ist nur noch wichtig, dass wir unser Geld bekommen.“
Migé war aufgesprungen. „Wie kannst du nur so kalt sein?“
Janne musterte ihn kühl. „Das ist das Geschäft. Da kannst du nicht ständig auf irgendwen oder irgendwelche Schwächen Rücksicht nehmen. Das haben wir lange genug getan, glaub mir. Er weiß ganz gut was das hier alles bedeutet. Und ja ich werde ihm den Wisch wie du es nennst heute noch schicken.“
„Und wenn er darauf nicht reagiert?“
Jannes Augen wurden für einen kurzen Augenblick lang groß, dann rieb er sich über das rasierte Kinn. „Es wäre besser für ihn. Sonst werde ich ihn vor Gericht zerren, ganz gleich wo er sich auf der Welt auch verstecken mag. Ich lasse nicht zu, dass er mir mit seinen verdammten Launen alles zunichte macht und ich am Ende mit leeren Händen da stehen werde. Dafür habe auch ich viel zu lange und zu hart gearbeitet. Und ihr auch. Es ist unser gutes Recht.“
Migé musterte ihn finster, Linde war nun ebenfalls aufgestanden und lehnte im Flur an der Diele. Er war blass geworden, schwieg aber noch immer. Ville geisterte durch seine Gedanken, sodass er an nichts anderes mehr denken konnte. Er vermisste ihn, und er machte sich Sorgen um ihn, da er wusste in welch schlechtem Zustand sich der Fronter schon seit Monaten befand und er bezweifelte, dass es ihm jetzt besser gehen würde. Er litt sehr unter der ganzen Situation konnte sie aber im Augenblick einfach nicht ändern, da ihm der Mut fehlte. Und dafür schämte er sich. Aber hätte es wirklich etwas geändert, hätte er den anderen offenbart, was zwischen ihm und Ville in der letzten Nacht in der Klinik vorgefallen war?
Wohl kaum. Und somit nahmen die Dinge ihren Lauf.
Janne stürmte an ihnen vorbei.
Kurz bevor er die Wohnungstüre erreichte, drehte er sich jedoch noch einmal zu Linde und Migé um. „Morgen seid ihr im Proberaum, klar? Ich will sehen wie es mit Juska klappt.“ Damit knallte er die Tür hinter sich zu und verschwand.
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