Ein Leben für die Musik

GeschichteAllgemein / P6
10.12.2019
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Am vierten April 1996 um exakt 17 Uhr schrie ein Kind im Kreissaal der Uniklinik Kölns zum ersten mal. Manchen Menschen ist dieses Datum und diese Uhrzeit völlig aus dem Gedächtnis verblasst, aber den Eltern von David hat sich dieser Tag in die Erinnerung gebrannt. Der Tag der Geburt Ihres ersten Sohnes. Ein Donnerstag. Die Luft in dem Krankenhaus war getränkt mit Desinfektionsmitteln und dem Geruch nach Schweiß . Obwohl es nicht mehr Winter war, rieselte der Schnee aus dem Himmel und schmolz auf den Straßen und Wegen. Ursula und Thomas Bruck, die frisch gebackenen Eltern von David waren froh darüber einen gesunden und kräftigen Jungen in ihrer Familie begrüßen zu dürfen. Nach zwei weiteren Tagen im Krankenhaus durften sie nach Hause in ihre kleine Wohnung in Lindental fahren. Bevor sie losfuhren gab ihnen der Arzt ein Füllhorn an Hinweisen, was sie für Davids Gesundheit beachten sollten, Hautirritationen und andere ungewöhnliche Zeichen, wie sie David im Auto am sichersten transportieren sollten und welche Entwicklungsschritte sie in den nächsten Wochen bei David erwarten konnten. Die Infos waren nicht alle neu, gerade weil Ursula sich vor der Geburt viele der Ratgeber zu Gemüte geführt hat, die sich um das Thema drehten. Aber die Infos vom Arzt beruhigten die beiden, weil sie sichergehen konnten, dass sie auch alles richtig verstanden hatten und es noch einmal von einem erfahrenen Arzt persönlich mitgeteilt bekamen.
Im Auto stellte Thomas das Radio an und wechselte den Sender auf WDR 3, einem Sender der ein sehr schönes Klassikprogramm enthielt. Thomas Bruck war sehr darauf bedacht, dass David schon früh mit der Schönheit der Musik vertraut wurde. Nicht zuletzt, weil der Ratgeber für Eltern das geraten hatte, aber vor allen Dingen, weil auch er von seinen Eltern diese Leidenschaft zur Musik mit in die Wiege gelegt bekommen hatte. Thomas war Lehrer für Mathematik und Musik, ein Beruf, der ihm sehr viel spaß machte. Vor zwei Jahren beendete er sein Referendariat an der Ernst-Simons-Realschule und arbeitete danach als Lehrer an derselben Schule. Ursula war eher unmusikalisch und stand noch im Studium. Nebenbei jobbte sie im Café Krümel, einem kleinen Café in der Nähe der Universität. Sie wollte Steuerberaterin werden und pausierte die nächsten zwei Semester an der Universität um David im ersten Jahr voll und ganz zu begleiten. Dank des guten und festen Einkommens von Thomas konnten sie sich die Pause leisten. Der Westdeutsche Rundfunk spielte gerade einen der bekannten Bachchoräle. Der Sprecher sagte: „Es spielte das Bach Collegium Japan unter der Leitung von Masaaki Suzuki die erste Arie des Chorals „Nur jedem das Seine“ aus dem Bachwerke Verzeichnis 163“ Die Stimme war ruhig und gelassen, und spiegelte die Ruhe und Gelassenheit der Musik wieder. Danach liefen die Nachrichten. „Einen Tag nach dem Tod von US- -Handelsminister Brown und 32 weiteren Insassen des in Kroatien abgestürzten Flugzeuges suchen Experten nun nach der Unglücksursache…“ Thomas stellte das Radio wieder ab und sagte: „Überall nur Unglück. Wir haben unser größtes Glück auf dem Rücksitz und ich will nichts mehr über das Unglück von anderen hören.“ Sie fuhren schweigend weiter und freuten sich über eine neue aufregende Zeit in ihrem Leben.
Zuhause angekommen, begrüßte David ein großes Banner auf dem „Willkommen David“ stand. Die Großeltern von David haben es zeitlich nicht geschafft zu Ursula ins Krankenhaus zu fahren und warteten deshalb in der Wohnung. Nach einem freudigen Wiedersehen und einem herzlichen Willkommen für den neuen Erdenbürger zeigten sie David sein erstes Zimmer. Der Raum war vorher einmal das Büro von Thomas gewesen und wurde jetzt umfunktioniert. In dem kleinen Raum standen eine Wickelkommode, über welchem ein schönes Bild mit Schiffmotiv und eine Wärmelampe hingen, ein Gitterbett, ein kleines Schaukelgestell, in welches man das Maxi-Cosi einhängen konnte und an welchem ein schönes Mobile mit Sternen, Planeten und Monden befestigt war. Die Brucks waren sehr zufrieden mit dem Zimmer und legten den schlafenden David in das kleine Bett, welches neben einem zum Wickelspender umfunktionierten Kleiderschrank stand. Die Wohnung der Brucks war recht klein und Thomas war dazu verdammt, mit seinen Schulunterlagen die Hälfte des Esstisches zu belegen. Der Flur, welchen man beim betreten der Wohnung als erstes vorfand, führte in vier Zimmer: Das Bad, das Kinderzimmer, das Wohnzimmer und das Schlafzimmer. An das Wohnzimmer, den größten Raum der Wohnung schloss sich eine kleine Küche an. Im Wohnzimmer gab es einen kleinen Fernseher und eine prächtige Stereoanlage. Dort saßen die vier jetzt. Thomas, Ursula, Renate und  Ludwig. Renate und Ludwig waren Thomas Eltern und kamen aus einer kleinen Stadt bei Hamburg. Auch sie waren, wie ihr Sohn Lehrer, Renate war Grundschullehrerin und Ludwig war Direktor eines Gymnasiums. Ursulas Eltern waren schon beide gestorben. Ein Autounfall mit Todesfolge als Ursula 22 Jahre alt war, verursacht durch einen auf der LKW, der ihnen bei einem Stauende hinten auf das Auto fuhr. Die vier unterhielten sich noch lange bis in die Nacht bis sich Renate und Ludwig von ihnen verabschiedeten. Kurz nach dem Abschied fing David an zu schreien. Es würde für die beiden die erste von vielen Schlaflosen Nächten in dieser Wohnung sein.