Das, was bleibt

von ObTeRi
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P6
Kim Woojin
10.12.2019
19.01.2020
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10.12.2019 990
 
"Geh schlafen, Channie."

Seine Finger schwebten über der Tastatur. Es war nichts besonderes, sagte er sich selbst, redete er sich ein. STAY war immer besorgt um seine Schlafmenge gewesen, kein Wunder, wenn er um fast zwei Uhr morgens ein Vlive startete. Es gab vermutlich keinen einziges Mal, ohne dass er diese Art von Kommentaren las.

"Keine Sorge, es geht mir gut. Ich bin nicht müde."
Er lächelte in die Kamera und rückte seine Mütze zurecht.
Seine Lügen waren mittlerweile auch für ihn schon so alltäglich, dass er sie fast mit der Wahrheit vertauschte. Wann immer er die anderen Sieben anlog kam er damit durch, weil sie ihm wirklich glaubten. Oder vielleicht wollten sie ihm glauben.

Er schaltete zehn Minuten später seinen Computer aus. Das Licht am Bildschirm flackerte noch kurz, kämpfend, dann erstarb es leise.

Der Wecker, der auf seinem Tisch stand, zeigte ihm 2:17am an. Die Müdigkeit in seinen Knochen schlich sich auf seine Augenlider, presste sie nieder, doch mit einem schweren Seufzen wischte er sie sich vom Gesicht und wandte sich seinem Notizbuch zu, in dem er manchmal herumfliegende Wortfetzen, die sich möglicherweise zu Liedtexten aufmauern ließen, festhielt. Er hatte es lange nicht mehr benutzt.

Geh schlafen, Channie

Die letzte benutzte Seite war vollgekritzelt mit Bären, Essen, Gesichtern. In der Mitte stand dieser Satz. Woojin hatte ihn geschrieben, um selbst nicht einzuschlafen.

"Geh schlafen, Channie", murmelte Woojin. Er war selbst gerade erst aufgewacht und hatte gemerkt, dass die Person, mit der sein Zimmer teilte, nicht in seinem Bett lag.
"Ich muss noch arbeiten, Hyung. Ich geh später schlafen."
Woojin grummelte nur und schaute ihn streng an, doch das zeigte keinerlei Wirkung bei seinem Gesprächspartner, der Kopfhörer trug und vollkommen in seiner Arbeit vertieft war.
Kopfschüttelnd schob Woojin einen Stuhl von der Wand neben Bang Chan und ließ sich darauf nieder.
"Was soll das werden?", fragte Bang Chan skeptisch.
"Wenn du nicht schläfst, schlafe ich auch nicht."
Das beunruhigte den Anführer der Gruppe nun doch. Allerdings zeigte er das nicht, schließlich kannte er Woojin. Wenn dieser wüsste, dass seine Taktik aufging, würde er nur noch heftiger darauf beharren, dass Bang Chan endlich schlafen gehen sollte.
"Okay. Aber schlaf nicht auf dem Sessel ein", sagte er also und schmunzelte. Dann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

Woojin verhielt sich ruhig. Das war er eigentlich immer. Das hieß nicht, dass er still war, Bang Chan lernte den Unterschied zwischen den beiden Begriffen, als er den Älteren kennen lernte. Stille war, kein Geräusch von sich zu geben, während Ruhe Ausgeglichenheit bedeutete. Erholung. Ausruhen.

Während er mit seiner Arbeit beschäftigt war, schaute Woojin ihm zu und lächelte zufrieden. Als hätte er schon gewonnen. Bang Chan anderseits war sich sicher, dass Woojin bald einschlafen würde. Es grenzt ohnehin schon an ein Wunder, dass er überhaupt aufgewacht war, denn er war eigentlich ein ziemlich fester Schläfer.

Nach einer Weile warf er einen Blick auf den Älteren. Dieser hatte angefangen, in seinem Notizheft zu blättern. Es störte ihn nicht weiter, Woojin war ein Freund, Familie, vor ihm hatte er keine Geheimnisse. Wenn er seine Idee Ideenschnipsel lesen wollte, dann konnte er das ruhig tun.

Irgendwann fing Woojin an, darin herumzukritzeln. Es waren belanglose Gegenstände, die er abbildete, manchmal auch Worte, Sätze. Alles Gedanken, die ihm um drei Uhr morgens kamen, die er bis Ende des Tages vermutlich schon wieder vergessen hätte. Es lenkte Bang Chan irgendwie ab. Verärgert darüber, dass er gestört wurde, nahm er Woojin das Buch ab, der nur mit einem Schulterzucken reagierte und sich im Sessel zurück lehnte.

Bald wurde er dann doch müde, das sah Chan im Augenwinkel. Woojins Kopf sank manchmal für eine Sekunde auf seine Brust herab, woraufhin er sich wieder wach schüttelte. Dann sang er kurz leise irgendeine Melodie oder wippte mit dem Fuß, was er Chan sofort wieder unterbrach.

"Geh einfach wieder schlafen, Hyung", flehte Chan ihn letztlich an. Dieser ständige Halbschlaf, den er die letzte halbe Stunde beobachtet hatte, konnte einfach nicht gesund sein.
"Nicht, wenn du nicht auch schläfst", beharrte Woojin, obwohl es ihm offensichtlich schwer fiel, seine Augen offen zu halten. Trotzdem verpasste Chan den Ausdruck in seinen Augen nicht.
Es war ihm wirklich verdammt ernst.
Nach einigem hin und her in seinen Gedanken nahm er seufzend die Kopfhörer ab und ergab sich.
"In Ordnung. Lass uns schlafen."
Ein triumphierendes Lächeln bildete sich auf Woojins Lippen.


Bang Chan ließ das Notizbuch wieder sinken und wischte sich eine Träne, die ihm gegen seinen Willen ausgebrochen war, von der Wange. Er wurde schnell emotional, wenn er müde war, und leider war er eigentlich immer müde.

Von da an passierte es öfter, dass Woojin nachts Bang Chan beim Arbeiten besuchte und sich weigerte, zu gehen, bevor dieser schlief. Und jedes Mal trug sein Handeln Früchte: Chan gab nach und ging schlafen. Zwar gab er nie zu, dass es ihm gut tat, doch man sah es ihm an. Woojin berichtete keinem von seinem Erfolg, behandelte die Tatsache, dass Chans Schlaf sein Verdienst war, wie ein Geheimnis. Und auch Chan selbst gegenüber verhielt er sich wie immer.

Bang Chan ließ noch ein Mal seine Hand über sein Gesicht fahren und zog die Mütze ab. Er schaute zu dem Sessel, der nun nur noch an der Wand stand. Woojin saß nicht mehr in ihm, er saß nicht mehr dort, mit einem Lächeln im Gesicht, und strahlte diese Ruhe aus, von der es Chan so schwer gefallen war, sie zu finden.
Auch wenn Woojin nicht mehr hier war, um Bang Chan in sein Bett zu bewegen, hatte er ihm Ruhe geschenkt.

Er stand auf und bewegte sich zum Türrahmen.  Seine Hand lag schon auf dem Lichtschalter, als er noch einmal zurück blickte, so als würde er erwarten, dass ihm jemand mit warmen Gesichtsausdruck folgen würde, doch niemand kam, also drehte er sich um und löschte das Licht.
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