Der nächste Schritt

SongficFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Mama Isabella
09.12.2019
09.12.2019
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Hallo alle miteinander!
Ich konnte es einfach nicht bleiben lassen und musste diese Fanfiktion unbedingt aus meinem Kopf bekommen. Einmal The next right thing  beziehungsweise Der nächste Schritt  aus dem neuesten Eisköniginenfilm gehört und schon hatte ich die Idee für diese Songfic. Besonders gut oder lang ist sie nicht geworden, aber zumindest passt sie ein wenig zur Jahreszeit ^^
Für die Geschichte als solche habe ich die englischen Lyrics verwendet, weil ich die Wortwahl aussagekräftiger fand als die der deutschen Version. Prinzipiell sind aber beide Lieder sehr schön ;)
Wenn ihr Lust habt, hinterlasst mir doch ein kleines Review, und wenn nicht, wünsche ich euch dennoch viel Spaß mit meiner Fanfiktion!



~~~



I've seen dark before
But not like this
This is cold
This is empty
This is numb
The life I knew is over
The light's are out
Hello, darkness
I'm ready to succumb



Sie kannte die Dunkelheit. Ihr ganzes Leben lang war ihr die Dunkelheit gefolgt, gleich einem Schatten, den das Licht hinter ihr hervorrief. Unauffällig, leise, friedlich. So hatte sie diese Finsternis sie immer glauben lassen, wie sie als pechschwarze Ziffern in ihr Fleisch gezeichnet worden war; wie sie sie in einer trügerischen Lüge hatte aufwachsen lassen und jeden vergehenden Monat einen ihrer Brüder, eine ihrer Schwestern stahl, für immer. Die Dunkelheit, sie war ihr ständiger Begleiter gewesen, ohne dass sie sich dessen je wirklich bewusst gewesen war.

Dann hatte Isabella die Klippe herabgeblickt und verstanden, als es bereits viel zu spät war. Diese Dunkelheit, tiefer und schwärzer, als der Abgrund, in den sie hinabblickte, hatte bereits in sie hinabgeblickt und sie verschlungen. Doch diese Finsternis war nichts gegen die andere Dunkelheit.

Die Dunkelheit, die ihr Leslie genommen hatte.

Es war Winter, als sie die Mauer emporgekrochen war, Schnee und Eis und Stein knirschten unter ihren Stiefelsohlen, als sie einen Fuß vor den anderen setzte, Schritt für Schritt. Dann kam die Dunkelheit, und Isabella erstarrte. Es gab keinen Ausweg, keine Brücke, keine Hoffnung. Sie war gefangen, für immer. War es schon ihr ganzes Leben gewesen und würde es bis zu ihrem Tod auch bleiben. Der Abgrund, er breitete sich vor Isabella aus und packte sie endgültig, als ihre Mama sie zu sich winkte.

Kalt, betäubt und leer. So hätte sie empfinden können, als sie begriff, dass es keinen Hoffnungsschimmer für sie geben würde, dass ihr Leben weniger wert war als ihr Tod. Doch sie tat es nicht. Diese grausame, entsetzliche Wahrheit, sie hatte das Mädchen nicht zerstört. Leslies Tod hatte es. Sein Tod, die Strafe für ihre Hybris, Hoffnung zu suchen an einem hoffnungslosem Ort. Mama hatte Leslie adoptieren, ihn fortbringen, ihn töten lassen. Isabella war zurückgeblieben im Grace Field House, ohne ihren Leslie. Dann erst waren die Gefühle ihr abhanden gekommen. Kalt, betäubt und leer. Das war sie nun, nachdem ihr das Wichtigste genommen worden war.

Das Leben, das Leslie und ihren Geschwistern vorgegaukelt worden war, es war an ihr vorbeigezogen, hatte seine Farben, seine Wärme und sein Licht verloren. Und so blieb Isabella nichts mehr als die Dunkelheit, in der sie versank. Sie kämpfte nicht mehr dagegen an, zu sterben, von dem verschlungen zu werden, in dem auch alle anderen sich verlieren würden. Leslie war gestorben. Isabella würde es ebenfalls. Sie erwartete ihren Tod, ohne Bitternis und ohne Reue. Ihr Schmerz war zu groß, als dass sie noch ein anderes Gefühl hätte empfinden können. Denn obwohl ihr Herz immer weiter schlug, war ihr Leben längst schon ausgelöscht.

Genauso, wie auch Leslie ausgelöscht worden war.


I follow you around
I always have
But you've gone to a place I cannot find
This grief has a gravity
It pulls me down
But a tiny voice whispers in my mind
You are lost, hope is gone
But you must go on
And do the next right thing



Seit sie sich zurückerinnern konnte, waren sie immer beisammen gewesen. Der schmächtige, kränkliche, liebenswürdige Leslie, mit seinen vielen Sommersprossen auf den Wangen und der Mandoline, die er niemals aus der Hand zu legen pflegte. Isabella war sein exaktes Gegenstück gewesen. Kräftig und wild, ein Kind, das kaum stillsitzen konnte vor lauter Energie und Lebensfreude. Wie Tag und Nacht waren sie, doch nicht auf die gleiche Weise, wie alle anderen stets gedacht hatten. Leslie war ihre Sonne gewesen, ihre Hoffnung und ihr Licht, und Isabella der Mond, die Dunkelheit, war ihm gefolgt, immer.

Doch nun war ihr Licht erloschen, ausgelöscht an einem Ort, zu dem Isabella ihm nicht folgen konnte. Noch nicht. Sie würde Leslie nachziehen, eines Tages, so, wie der Mond der Sonne folgte, wenn ihr Kummer sie nicht vorher zu ihm brachte. Und dann, dann würde sie endlich wieder bei ihm sein.

Manchmal glaubte Isabella ihn bereits wieder hören zu können. Seine Stimme, ebenso hell und rein wie wenn er für sie allein gesungen hatte, strich über ihr Ohr. Oder war es doch nur die Hand ihrer Mama, die versuchte, sie aufzurichten, ihren Schmerz zu lindern? Isabella war es gleich. Diese Worte, sie klangen wie Leslies, und das allein genügte ihr, selbst wenn sie ihr nichts als Verzweiflung brachten. Er war verloren, genau wie sie. Alle Hoffnung war längst von ihr gewichen, hatte sie denn jemals wirklich existiert. Dennoch, trotz dieser Dunkelheit, die sie umfing und sich längst in ihr eingenistet hatte, sprach die Stimme nur eines.

Sieh nach vorn. Steh auf und geh den nächsten Schritt. Tu das Einzige, das du jetzt noch tun kannst.


Can there be a day beyond this night?
I don't know anymore what is true
I can't find my direction, I'm all alone
The only star that guided me was you
How to rise from the floor
When it's not you I'm rising for?
Just do the next right thing
Take a step, step again
It is all that I can to do
The next right thing



Aber… wie konnte sie nach vorne blicken und weitergehen, weiterleben, ohne Leslie? Wie konnte jemals ein neuer Tag für sie anbrechen, da ihre Sonne erloschen war? Isabella wusste es nicht zu sagen. Gar nichts wusste sie mehr, sie war nichts mehr. Wohin sie noch gehen konnte, jetzt, da sie doch ganz allein und ohne Hoffnung, ohne Licht und ohne Leslie war.
Wie sollte sie sich bloß aus ihrer Ohnmacht erheben, wenn es nichts und niemanden mehr gab, für den es sich überhaupt noch lohnte, gegen die Verzweiflung anzukämpfen?
Es war grausam und tat so weh. Die Stimmen, die Isabella heimsuchten, Leslies, Mamas, die ihrer toten Geschwister – sie alle befahlen ihr, das Einzige zu tun, was sie jetzt noch tun konnte. Sich aus ihrem Selbstmitleid aufzubäumen, der Dunkelheit zu entfliehen, allein. Ganz allein war sie, denn ihre Gefährten waren nicht mehr. Würden nie mehr sein. Nur Isabella war am Leben, noch, dazu fähig, zu handeln, zu kämpfen, den nächsten Schritt zu gehen. Wohin? Weshalb? Es war egal.
Nur dass sie es noch konnte, war von Bedeutung.


I won't look too far ahead
It's too much for me to take
But break it down to this next breath
This next step
This next choice is one that I can make



Und so, in all ihrer Dunkelheit und ihrem Schmerz, ballte Isabella die Hände zu Fäusten, als sie sich erhob, das Gesicht wutverzerrt und tränenüberströmt. Es war nicht viel. Doch es war der erste Schritt, das Richtige zu tun. Das Einzige, was sie jetzt noch tun konnte.

Weitere Schritte würden folgen. Erst langsam, taumelnd, dann bestimmter, obgleich sie nicht wusste, wohin sie gehen sollte. Sie wollte es nicht wissen. Sie konnte es noch nicht, nach allem, was geschehen war. Wichtig war nur, dass Isabella weiterzuleben gedachte. Ihr Leben war bislang die Entscheidung ihrer Feinde gewesen. Ab heute würde sie die Entscheidung darüber treffen, ganz allein.

Weil sie es konnte.

Und Leslie nicht.


So I'll walk through this night
Stumbling blindly toward the light
And do the next right thing
And with the dawn, what comes then?
When it's clear that everything will never be the same again
Then I'll make the choice
To hear that voice
And do the next right thing



So durchschritt Isabella die Dunkelheit, die ihr ständiger Begleiter gewesen war, stolperte dem Licht entgegen, das sich vor ihr auftat. Das Licht, das Leben. Es war nicht wie Leslies Licht, warm und hell und strahlend. Dumpf flackerten die Schatten, gleich der schwächelnden Flamme in Mamas Laterne, als sie Isabella mit sich nahm. Es war das gleiche Licht, das all ihre Brüder und Schwestern geleitet hatte, in ihren Weg in den Tod.

Das Licht, das Leslies ausgelöscht hatte.

Isabella aber würde leben. Ihre Entscheidung stand fest. Sie kleidete sich in die mitternachtsblaue Kleidung der Adoptierten, ließ ihr kaltes Licht und das Grace Field House hinter sich. Das war die richtige Entscheidung. Selbst wenn es sie nicht gewesen wäre, es war die einzige, die sie hatte treffen können. Das Leben oder der Tod, beides stand ihr zur Wahl.
Eine Wahl, die Leslie nie gehabt hatte.

Als die Sonne endgültig unterging und die Dämmerung hereinbrach, brachte Mama sie fort, in ihrer Hand das verglühende Licht ihrer Zukunft. Ihre Zukunft, die Isabellas Leben auf immer verändern würde. Nie mehr würde es so sein wie in der alten Zeit, als sie im Schatten der Bäume gesessen und Leslies Melodie gelauscht hatte. Das Glück, das sie einst empfunden hatte, konnte nie mehr zu ihr zurückkehren, war jetzt nur noch Erinnerung, nur Schmerz. Und das war gut so. Diese Frustration, die sie für Leslies Tod und für ihr eigenes Leben empfunden hatte, erinnerte sie daran, wie kostbar es war. Wie kostbar das Leben der Kinder seien würde, die sie aufziehen und lieben und in ihren Tod schicken musste.

Und wie wenig Leslies Leben es gewesen war.

Die dämonische Klaue der Großmutter, die ihr entgegengestreckt wurde, die säuselnden Stimmen, die ihr eine strahlende Zukunft versprachen – Isabella veräußerte sich allem, das sie würde leben lassen, selbst wenn es ein abscheuliches Leben war. Es war die richtige Entscheidung.

Das Einzige, was sie jetzt noch tun konnte.

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